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Montag, y. November

Nr. 262 Zweites Blatt

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Oer Wahlkampf in Gießen.

Hugenberg spricht in der Volkshalle.

Redner seine oft von starkem Beifall unterbrochene und am Schlüsse mit lang anhaltendem, lebhaftem Beifall aufgenommene Rede.

In einer öffentlichen Wählerversammlung, die von der Deutschnationalen Bolkspar- t e i am Samstagabend in der Bolkshalle zu Gie­ßen veranstaltet wurde, sprach vor etwa 4500 Be­suchern der Führer der Deutschnationalen Volks­partei.

Geheimrat Or. Hilgenberg, M.d.R.

Der Parteiführer, bei seinem Erscheinen in der Halle und am 'Rednerpult mit lebhaftem Beifall und zu Beginn der Versammlung von dem Lei­ter, Rektor Kling, mit einem Treuegelöbnis be­grüßte, wandte sich zu Beginn seiner Rede gegen die Ausführungen des Reichskanzlers Brüning vor dem Reichsparteiausschuh des -Zentrums. Herr Brüning, sagte er u. a., hat in seiner Rede nicht den Weg gezeigt, den man seit Mo­naten von dem leitenden Staatsmann erwartet, den Weg zur Behebung der täglich gesteigerten Rot, der immer mehr um sich greifenden Leichen­

starre der Wirtschaft.

Es fördert auch nicht das Vertrauen, wenn wichtige politische Reden in zwei Fassungen ausgegeben werden. Wenn ein Reichskanzler sich in parteipolitischen An­griffen gegen eine ihm unbequeme Partei ergeht, so muh nicht nur verlangt werden, daß er zu sei­nen Worten steht, sondern es muß mit aller Deut­lichkeit gefordert werden, daß er seine Angriffe nicht in Form dunkler Andeutungen führt.

chugenberg übte dann an dem Reichsernäh- rungsininister schiele und an dessen Agrarpolitik, ferner an der Osthilfe unter der Leitung des frühe­ren Ostkommissars und jetzigen Reichsverkehrsmini­sters Treviranus, sowie an dem jetzigen Leiter der Osthilfe Schlange- Schöningen Kritik, wobei er gleichzeitig die von ihm alspolitisches Beloh« nungssystem bezeichnete Personalpolitik der Reichs- regierung, ja den ganzen Kurs überhaupt ablehnte, indem er in bezug auf das jetzige System sein Wort von der Harzburger Tagung wiederholte:Es ist eine neue Welt im Aufstieg, wir wollen euch nicht mehr!"

Sodann wies er auf ein Brieftelegramm hin, das er an den Landesverband Hessen-Darmstadt seiner Partei gesandt hat und in dem er u. a. sagt: Hessen gehörte bisher zu den zahlenmäßig schwäch­sten Gebieten der Partei. Die bevorstehenden hessi­schen Landtagswahlen müssen zu einem Sprung nach vorwärts führen. Wieder einmal kann hier das herrschende, alles verderbende System ge­brochen werden: die gemeinsame Herrschaft von Zentrum und Sozialdemokratie. Seit Jahren hat das unschlüssige Hin- und Herschwanken der sog. Mittelgruppen dies System praktisch'gestützt. Darum hilft dem vielgeschröpften und vielgeplagten Wähler nur ein klarer und entschiedener Rechtskurs, wie ihn die DRVP. vertritt. Sie ist heute die Partei, die den Kurs der Zukunft am klarsten und geschlos­sensten steuert. Niemand in Deutschland übertrifft uns Deutschnationale im Ernste und in der Leiden­schaft des nationalen Willens und in der klaren Erkenntnis des vor uns liegenden schweren natio­nalen Weges. Aber es übertrifft uns auch niemand in der Erkenntnis, daß die sozialistisch-marxistische und damit materialistische Erkrankung der deutschen Gehirne der Hauptgrund des tiefen Falles Deutsch­lands zwischen 1914 und 1931 ist. Da man hier- gegen sonst nichts mehr zu sagen weiß, sucht man uns elende Lügen anzuhängen, wieJnflations- absichten" undsozialreaktionäre Gesinnung'. Unjer soziales Programm haben wir stets als einen Kern­punkt unseres politischen Rüstzeuges betrachtet. Aber wennsozialistisch" etwas anderes als der für uns selbstverständliche Begriffsozial" bedeuten soll, so sind wir keineswegs und durchaus nicht sozia­listisch.

Iür den Rationalismus und gegen den War- xismus in beidem find wir für Deutschland dasselbe, wie für England die konservative

Partei.

Sorgen Sie beim hessischen Wahlkampfe dafür, daß wir dort diejenige Hausmacht erobern die es un­möglich macht, an unserem Willen zur schöpferischen Gestaltung einer besseren Zukunft voruberzugehen

Weiter erklärte der Redner dann u. a.: Wahrend des letzten Jahres haben wir gezeigt, daß wir eine neue junge Partei sind, die mit den bürger­lichen Schwächen der Jahre 1924 bis 1928 nicht das mindeste zu tun hat. Wenn unser Kleid das einfache Alltagskleid ist, wenn wir unsere Arbeit m Schlicht­heit, Einfachheit und Prunklosigkeit tun, wenn wir in diesem Sinne die Puritaner der nationalen Be­wegung, oder die Grauröcke des politischen Feld­krieges sind, so sehen wir und mit uns ein stei­nender Teil des deutschen Volkes das in diesen trüben ernsten Zeiten nicht als Mangel, sondern als Vorzug an. Wenn daraus jemand folgern wollte, unser nationaler Wille, unsere Kraft und Begeisterungsfähigkeit stände hinter der irgend eines anderen zurück, so mußten wir uns das ernstlich verbitten. Weiter habe ich betont, daß wir nicht Sozialisten, aber wedersozial­reaktionär" ein besonders beliebtes Schimpfwort noch Jnflationisten find. Offenbar furchten tue regierenden Parteien fich vor derInflation , zu der ihr sozialistisches Schwergewicht sie hinzieht Vor­beugend suchen sie nach einem Sundenbock und küren dazu ausgesucht den politischen Gegner, der seit vielen Monaten z. B. in meiner Januar rede im Sportpalast, bald darauf im Reichstag auf die Unterlassungssünden er Regierung und der Reichs- bank auf dem Gebiete der Währungsfragen hinge- wiesen hat. Ich will es klipp und klar sagen:

unfer einer von uns beeinflußten Reichsregie­rung gibt es keine neue Inflation und keinen neuen vertust der Sparkasseneinlagen.

Es gibt nur eins, wofür gelebt zu.haben ein gutes Gewissen hinterläßt das V o l k. Das Volk aber ist im Grunde der Arbeiter ieder Art. Ihn nicht lieben, heißt sein Volk nicht heben. Ihm nicht dienen, heißt seinem Volke nicht dienen. Darum ist es wahr, eine Politik gegen das wirkliche Interesse der Arbeiterschaft treiben, heißt eine Kette von Verbrechen begehen. Aber bedeutet das etwa, daß man eine marxistische, eine sozialistische, eine gewerkschaftliche Politik be­treiben müßte? Heißt das etwa, daß eine anti- marxistische, eine antisozialistische, eine antigewerk­

schaftliche Politiksozialreaktionär" sei? Niemand hat dem deutschen Arbeiter mehr geschadet, als der M a r x i s m u s, als der Sozialismus, als die Sorte von Gewerkschaften und Gewerkschaftsführern, die sich in Deutschland unter dem Einfluß des Marxis­mus und im Widerspiel zu einer gleichfalls immer mehr marxistisch verseuchten Arbeiterschaft entwickelt hat.

Richt gegen die Gewerkschaftsform als solche richtet sich die Kritik,

aber reaktionärer und greisenhafter als die heutigen deutschen Gewerkschaftsbonzen ist sicherlich niemand. Daß Deutschland nicht mit den heutigen Gewerk­schaften, sondern nur gegen sie zu retten ist, hat die Reichstagsabstimmung vom 16. Oktober gezeigt, bei der die nationale Opposition einem geschlossenen Ringe von Gewerkschastsparteien gegenüberstand, zu denen sich seltsamer Weise die angeblichen Jnter- essenvertreter des Mittelstandes, die Wirtschaftspar­teiler schlugen. Wenn ich das hier ausspreche, so weiß ich genau, daß dies Wort meiner Partei nicht eine einzige Arbeiterstimme kostet. Es ist die Auf­fassung von Millionen deutscher Arbeiter. Weitere Millionen würden sich laut dazu bekennen, wenn sie nicht einstweilen durch materiellen oder seelischen Zwang daran verhindert würden.

Zum Schlüsse richtete der Redner noch besonders an die Jugend die Aufforderung, ihre Begeiste­rung und ihren Willen zu nationaler Neugestal­tung in Deutschland dem Werke der nationalen Opposition zu widmen, damit der nationale Wille durch stoßen könne. Mit den Worten: Laßt uns alle fest zusammenstehen, dann wird un­ser Deutschland wieder aufwärtssteigen!" schloß der

LandtagSabgeordneter Steuer-Kassel

als zweiter Redner des Abends unterstrich die von dem Parteiführer vertretenen Gedanken noch in gut einstündiger Rede, wobei er an Hand der politischen Ereignisse des letzten 3a rzehnts scharfe Kritik an dem vom Zentrum und von der Sozial­demokratie vertretenen Kurs übte. Er zog nicht nur gegen die Sozialdemokratie, sondern auch gegen das Zentrum einen scharfen und klaren Trennungsstrich, wobei er u. a. unter starker Zustimmung der Versammlung und auch unter dem Beifall des Parteiführers Hugenberg betonte, erst wenn das Zentrum ausgeschaltet sei, könne von einer Heberwindung des jetzigen Sy­stems gesprochen werden, und die Frage sei doch sehr akut, ob das deutsche Volk das Zentrum in den nächsten zehn Jahren überhaupt brauche. Die Kritik des Redners galt nicht nur der Reichs­regierung und den beiden vorgenannten Parteien, sondern auch den Parteien der Mitte, wobei er den Christlich-sozialen Volksdienst alsevange­lische Fremdenlegion des Zentrums" bezeichnete, während er von der Deutschen Volkspartei, der Fraktion der Wirtschaftspartei (eine solche Partei gebe es ja nicht mehr) und der Land­volkpartei alsSammeldepot der politisch Un­schlüssigen" sprach. Er forderte zum Schlüsse auf, den Kampf unter Hugenbergs Parole für die Wicdererringung der Freiheit nach außen durch die Erkämpfung der Freiheit im Innern zu füh­ren. (Stürmischer Veifall.)

Mit dem gemeinsamen Gesang des ersten und des neugeschaffenen vierten Verses des Deutsch­landliedes fand die Kundgebung ihren Abschluß.

Frauenversammlung der OVP.

Gestern nachmittag versammelte die Deutsche Volkspartei im Rahmen ihrer Frauenorts­gruppe Mitglieder und Gäste zu einer Versammlung im Hotel Hindenburg.

Frau Oberstudiendirektorm Or. Matz, M. d. X

sprach über das Thema:Wohin gehen wir?" Die Rednerin erklärte, der Wahltag in Hessen bringe eine Entscheidung, die besonders auch die Frauen angehe, denn der Zukunftsweg des deutschen Volkes hänge maßgeblich mit von der Frau ab. Die Frau sei berufen, im politischen Leben mitzuwirken und müsse sich der Verantwortung bewußt sein. Zu be­dauern sei, daß die Nationalsozialistische Partei die Mitarbeit der Frau ablehne. Die Arbeit der Frau gelte nicht allein charitativer Betätigung, sie müsse sich darüber hinaus für das Volksganze einsetzen. Hierauf besprach die Rednerin die deutsche außen­politische Lage. Stresemanns Politik trage erst jetzt ihre Früchte, man habe im Ausland heute mehr Verständnis für die deutsche Lage. Die National­sozialisten seien heute auch so weit, zuzugeben, daß eine Verständigung mit Frankreich notwendig sei. Ministerbesuche allein seien allerdings nicht geeignet, Deutschlands Lage zu bessern. Zwischen Deutschland und Italien stehe z. B. noch Südtirol, Englands neue Regierung bedeute für Deutschland keinen Vor­teil, von Amerika sei nach der Aussprache mit Laval nichts zu hoffen. Deutschland sei auf Selbsthilfe an­gewiesen. Zur Wirtschaftspolitik bemerkte die Red­nerin, die DVP. wirke stets darauf hin, die deutsche Wirtschaft organisch wieder aufzubauen. Man lehne marxistische Experimente ab, sei gegen eine über­steigerte und für die Wirtschaft untragbare Sozial­versicherung und wende sich gegen die unerträgliche Ausnützung der Erwerbslosenfürsorge. Man erstrebe eine Herabsetzung der Hauszinssteuer und verlange, daß die aus der Hauszinssteuer aufkommenden Mittel dem freien Gewerbe zugute kommen sollten. Vor allem trete die Deutsche Volkspartei für eine Senkung der öffentlichen Ausgaben ein. Leider habe die Sozialdemokratie in Hessen auch recht üppig ge­wirtschaftet. Die politische Linie der Deutschen Volks­partei gehe auf die Bildung einer nationalen Kon­zentrationsregierung hinaus, die von Hitler bis un­ter Umständen zu den Demokraten reichen könne. Es gelte, eine Front gegen die bolschewistische Flut aufzurichten. Die Kommunisten seien eifrig an der Vorarbeit für einen gewaltsamen Umsturz. Dor

allem gelte der Kampf auch dem Kulturbvlschewis- mus. Weiter müsse sich die evangelische und die katholische Kirche zu einem Kampf gegen die Gott- losenpropaganda einigen, die die Grundpfeiler christ­licher Gesinnung zu erschüttern drohe. Auch die Deutsche Volkspartei sehe es, wie bisher, als ihre Aufgabe an, diesen Kamps mit allen Mitteln zu unterstützen. Die Deutsche Volkspartei setze sich wei­ter für die kulturellen Belange unseres Volkes ein, für die Aufrechterhaltung der ethischen Grundsätze der Ehe und der Sittlichkeit. Gerade auf diesen Ge­bieten trage die Frau besondere Verantwortung, und'für sie bedeute das Wahlrecht um so mehr Wahlpflicht.. (Starker Beifall.)

LandLagsabgeordneie $rL Birnbaum

ging in ihren Ausführungen besonders auf die hes­sischen Verhältnisse ein. Die Volkspartei in Hessen fei konsequent stets in Opposition gegen die Regie­rung gewesen, der Kampf gelte dem sozialistischen System. Die bevorstehende Wahl sei von entschei­dender Bedeutung. Die aktuellste Frage für Hessen sei in Verbindung mit der Landtagswahl die der Regierungsbildung. Die Bildung von Links- ober Rechtsblocks werde in Anbetracht der unbestimmten Haltung des Zentrums kaum möglich sein. Die Deutsche Volkspartei sei auch stets gegen die Finan.z- politik der Regierung gewesen, die Fraktion sei aber im Landtag stets niedergestimmt worden. Nicht zu­letzt sei an den Verhältnissen die überspannte So­zialpolitik schuld, die den Staat immer aufs neue ungeheuer belaste. In kulturpolitischer Hinsicht habe die DVP. stets ihre Stimme in die Waagschale ge­worfen, denn nicht nur die wirtschaftliche Erneue­rung halte ein Volk aufrecht, die sittliche (Erneue­rung sei nicht weniger wesentlich. Die DVP. habe stets scharfe Kritik am Landestheater geübt, das seine Kulturmission nicht immer erfüllt habe. Die DVP. habe auch gegen die Verlegung des Pädago­gischen Instituts nach Mainz gestimmt, weil sie eine indirekte Gefahr für die Simultanschule darstelle. Nicht Staatsverdrossenheit dürfe Platz greifen, auch wenn die politischen Verhältnisse noch so unerfreu­lich seien. Wer sich vom Staate löse, helfe ihm das Grab schaufeln. Deshalb müsse jedermann an die Wahlurne gehen, nicht zuliebe einer Partei, sondern zuliebe seinem Vaterland und seiner Heimat. (Leb­hafter Beifall.)

An die Vorträge schloß sich eine kurze Aussprache an.

Kundgebung der SPD.

Am Samstagabend hielt die Sozialdemo­kratische Partei in der Turnhalle am Os- waldsgarten eine Wähleroersammlung ab. Als erster Redner sprach

Staatspräsident Or. Adelung.

Er erklärte u. a., den hessischen Landtagswahlen komme diesmal höhere Bedeutung zu, als früher. Die Entscheidung sei grundsätzlicher A r t Man sehe in ganz Deutschland diesen Wahlen mit besonderer Aufmerksamkeit entgegen. Für Hes­sen sei in erster Linie bedeutsam, daß ein Parlament gewählt werde, das Arbeit leiste, die in die Zukunft weise. Es gelte wahre Demokratie zu pflegen, jeder­manns staatsbürgerliche Freiheit, die religiöse Frei­heit und auch der Frau die Freiheit zu sichern, die ihr eingeräumt sei. Bei mancher Partei habe das Wort Freiheit leider mehr die Bedeutung eines Schlagwortes. So wolle z. B. der Nationalsozialis­mus die staatsbürgerliche Freiheit nicht, sondern er wolle an Stelle der Demokratie die Diktatur setzen. Diktatur bedeute aber Einzelherrschast, die freie Mei­nungsäußerung werde dadurch ausgeschlossen. Auch die radikale Linke wolle die Diktatur. Das Beispiel Rußland beweise, daß dort die Freiheit ein verloren­gegangener Begriff sei. Für die Diktatur stelle, im Falle sie Wirklichkeit werde, das Parlament nur noch eine Sprechbühne dar, der positive Bedeutung nicht beizumessen sei.

Der Redner polemisierte sodann gegen die Deutsche Volkspartei, die beanstande, daß nur Leute in Amt und Würden kämen, die demokratisch gesinnt seien. Demgegenüber erklärte der Redner, daß heute viel zu wenig wahre Republikaner in leitenden Posi­tionen seien. Man spreche auch viel von nationaler

Gesinnung. Man habe aber vergessen, daß während der Besetzung eines großen Teiles Hessens die So­zialdemokratie und die Gewerkschaften es gewesen seien, die die zur Absplitterung neigenden Volksteile zum nationalen Zusammenhalt aufgefordert hätten. Die Sozialdemokratie habe seinerzeit national ge­handelt aus dem Bewußtsein volksmäßiger Gebun­denheit heraus.

Die Sozialdemokratie habe stets auch eine Reichs­reform angestrebt. Aber so lange die Grenzen be­stünden, müsse eben die derzeitige Regierung Ord­nung halten. Man habe auch Notverordnungen her­ausgeben müssen, sei aber bemüht gewesen, soziale Härten zu vermeiden. Man wolle verwaltungstech­nische Vereinfachung durchführen, man müsse sich aber darüber klar sein, daß viele Schwierigkeiten gegenüberständen. Nach einer Verteidigung der Ge­hälter der oberen Beamten erklärte der Redner u. a. weiter, Hessen (ei bisher stolz darauf gewesen, daß der Aufwand für Schulen den größten Posten im Etat darstelle, leider wäre es aber nicht möglich ge­wesen, an diesem Posten Kürzungen zu vermeiden. Man sei sich darüber klar, daß der Ausstieg unseres Volkes nur durch die Bildung möglich sei, hoffe aber, daß der Zustand der finanziellen Depression vorübergehend sei und bald wieder durch die frühere Form abgelöst werde.

3n feinen weiteren Ausführungen befaßte sich der Redner mit dem Rationalsozialismus. Man könne sich, so betonte er u. a., bei der Betrachtung des nationalsozialistischen Regierungsprogrammes des Gedankens nicht erwehren, daß die Pro­gramme mancher inzwischen verschwundener Par­teien fortschrittlicher gewesen seien, als das der Rationalfozialisten. Der Hessischen Regierung

werde von dieser Seite der Borwurf gemacht, daß zu viele Parteibuchbeamte im Amt seien. Er, der Staatspräsident, sei nicht dieser Meinung. Die Rationalsozialisten, die so sehr gegen die Partei­buchbeamten wetterten, hätten bisher, soweit sie es bewerkstelligen konnten, nur ihre Parteigänger in Aemter gebracht. Auf den Gebieten des Kul­tur- und des Finanzwesens sei von den Rational­sozialisten bestimmt keine Besserung zu erwarten. In dieser Hinsicht bedeute der Rationalsozialis­mus für das Land eine schwere Gefahr, umso­mehr, als ihm keine geschlossene Front gegenüber­stehe, sondern das Bürgertum und zum Teil auch die Linke in Splitter zerfallen sei. Es gelte, bei der Wahl die Idee des Sozialismus und der Demokratie zum Siege zu führen, wenn die nächste Zeit tatsächlich die Freiheit bringen solle. (Leb­hafter Beifall.)

Reichstagsabgeordneter Solimann erklärte u. a.: Dem Marxismus werde die Schuld an den heutigen Verhältnissen beigemessen. Man vergesse dabei aber, daß die Sozialdemokratie im Weltkriege die Partei gewesen sei, welche die mei­sten Mitglieder verloren habe. Der Marxismus habe die Inflation vorausgesehen, er habe sie aber nicht aufhalten können. Das kapitalistische System habe auf der ganzen Linie versagt. Eng­land werde nicht marxistisch regiert und habe auch Millionen Arbeitslose, Amerika desgleichen. Es fehle der Welt die gemeinschaftliche Wirtschafts­organisation. Deshalb gelte der Kampf dem Ka­pitalismus, eine Aenderung des bestehenden Zu­standes müsse herbeigeführt werden. Wenn heute eine nationale Regierung ans Ruder käme, so sei sie auch gezwungen, die bisherige Außen­politik fortzuführen. Die Wahlen in Hessen seien für die Reichspolitik, ja für die europäische Poli­tik von großer Bedeutung. Für Hessen und für die Sozialdemokratie gebe es keine andere Auf­gabe, als das nationalsozialistische Experiment zu verhindern. Die Sozialdemokratie sei um keinen Preis gewillt, ihre Errungenschaften aufzugeben. Für Hessen sei es erste Aufgabe, jetzt Dämme aufzurichten, an denen die Aut der RSDAP. gebrochen werde. Faschismus, Bolschewismus und soziale Demokratie kämpften heute den Kampf der Entscheidung. Die soziale Demokratie wolle die Reuordnung der Welt, für sie einzustehen, sei die große Aufgabe der nächsten Zukunft. Die So­zialdemokratie bekämpfe den Faschismus, wie auch den Bolschewismus. Die soziale Demokratie sei ihr Ziel. (Lebhafter Beifall.)

Kundgebung

der Radikaldemokraien.

Die R a d i k a l d e m o k r a t i s ch e Partei ver­anstaltete gestern abend im Cafe Leib eine öffent­liche Wählerversammlung. Als erster Redner sprach Herr Neumann- Berlin, der unter Hinweis auf die große Arbeitslosigkeit erklärte, auch in wirt­schaftlicher Hinsicht seien wir falsch regiert worden. Er forderte entschiedenen Kampf gegen das Kartell» und Trustkapital, ebenso gegen den Nationalsozialis- mus, der sich mit dem Großkapital verbunden habe. Weiter sprach er sich gegen Hochschutzzölle aus, die dem Bauer nicht helfen könnten, ebenso lehnte er alle Subventionen an die Industrie, die Großland­wirtschaft, Banken usw. ab. Zum Schluß forderte er entschiedenes (Eintreten für die Republik.

Landtagsabg. Keiber-Darmstadt stellte zunächst die Forderung nach einer Reichs­reform auf, bei der allerdings Rücksicht zu nehmen sei auf kulturelle und landsmannschaftliche Zusam­menhänge. Der Anschluß Hessens an Preußen sei kein Fortschritt auf dem Gebiete der Reichsreform. Die Notverordnungspolitik billige seine Partei nicht, ab'r eine Notverordnung zur Förderung der Neichs- reform fei zu begrüßen. Zunächst müsse Preußen in das Reich eingegliedert, dann müßten die Wider­stände in München und Stuttgart beseitigt werden. In bezug auf Hessen erklärte der Redner u. a., die Notverordnungen wären zweckmäßiger durch den Landtag erledigt worden, er forderte Ersparnisse an den hohen Gehältern und hohen Pensionen, Herab­setzung der Abfindung des früheren Großherzogs durch Vertragsrevision, lehnte alle Abstriche an den sachlichen Erfordernissen der Schulen ab, sprach sich für Maßnahmen zur Vereinfachung der Verwal­tung aus und machte schließlich der hessischen Justiz den Vorwurf, daß eine Vertrauenskrise gegen sie bestehe, da in Hessen der linksstehende Republikaner in politischen Strafangelegenheiten vor dem hessischen Strafrichter sein Recht nicht finde. Er erklärte, die hessische politische Justiz sei ein Skandal. Der Hes­sische Richterverein habe gegen ihn (Redner) vor­gehen wollen, es bis jetzt aber noch nicht getan, er warte jetzt, was vom Hessischen Nichterverein ge­schehe. Zum Schluß sprach er sich entschieden gegen jede Diktatur und für eine starke radikaldemokratische Front aus.

Herr S t ü n d t - Nürnberg polemisierte vor allem gegen die Staatspartei, die Deutsche Volkspartei und die Nationalsozialisten. (Er hob hervor, die Radikaldemokratische Partei sei entschieden pazifi­stisch eingestellt, sprach sich für Planwirtschaft und Siedlung aus, lehnte die Schutzzollpolitik ab und for­derte eine neue radikal demokratische und soziale Republik, Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Aus Anfrage erklärte er noch, daß Mitglieder der Radikaldemokratischen Partei in der Deutschen Frie- densgesellschaft mit tätig seien, die Partei als solche aber nicht dazu gehöre.

Als letzte Rednerin sprach noch Frl. Dr. Meyer - Nürnberg kurz in der gleichen Einstellung wie die Vorredner, wobei sie sich besonders an die Frauen wandte. Eine Aussprache wurde von der Versamm­lung nicht beliebt.

Daten für Montag, 9. November

1799: Rap ole on Bonaparte stürzt das Direk­torium und wird Erster Konsul. 1918: Aus­rufung der Republik in Deutschland. Abdan­kung Kaiser Wilhelm II. und fein Ucbertritt über die holländische Grenze.

Daten für Dienstag, 10 November.

1483: Martin Luther in Eisleben geboren. 1759: Friedrich von Schiller in Marbach geboren. 1810: Reichsgerichtspräsident Eduard von Sim- son geboren.