Nr. 151 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhefsen)Montag, 8. Juni 1951
Randnoten.
3n den letzten fünfzig Jahren hat in Deutschland eine Binnenwanderung stattgefunden, deren Umfang man sich nur dadurch klar machen kann, daß man die Statistik der Großstädte heranzieht. Die I n d u st r i a l i s i e - r u n g Deutschlands brachte es mit sich, daß aus den ländlichen Bezirken eine ganz gewaltige Abwanderung einsehte, die auf der anderen Seite ein geradezu gigantisches Anwachsen der deutschen Großstädte verursach te. Die Bcrdienstmöglichkeiten in der Industrie wirkten dabei in der Vorkriegszeit vor allem als Propagandamittel und dazu kam noch, daß die städtische Beweglichkeit, die Variabilität der Lebenshaltung so verlockend wurden, daß d i e Landbevölkerung nicht mehr zu hal- t e n war.
Diele Millionen Menschen sind vom Lande in die Großstädte, in die Fabriken abgewandert. Aach einer kurz vor dem Kriege vorgenommenen Schätzung kamen auf je zehn erwerbstätige Personen in den deutschen Großstädten drei Ortsgeborene und sieben Zugewanderte. Bor 1871 lagen die Verhältnisse in Deutschland dagegen vollkommen anders. Die deutsche Bevölkerung nahm in den vorwiegend agrarischen Bezirken von 1860 bis 1871 um fast 91 Prozent zu, während die Zunahme in West- und Süddeutschland außerordentlich stark zurückblieb und im Höchstfälle nur 23 Prozent erreichte. Dieser Unterschied entsprach der Unterschiedlichkeit im Geburtenüberschuß auf dem flachen Lande und in den Städten. Don 1871 trat sodann eine radikale Aenderung ein. Dis zum Jahre 1900 betrug die Zunahme der Bevölkerung in Ostelbien nur noch 26 Prozent, während sie im industriellen Westen und Süden 79 Prozent erreichte. Trotzdem blieb der Geburtenüberschuß in agrarischen Landschasten immer noch größer als in den industriellen Gebieten, wo sich immer stärker das Ein- bis Zweikindersystem durchsetzte. Der Geburtenüberschuß des Landes konnte jedoch in den Dörfern keine Arbeit finden, während die Städte Arbeit zu vergeben hatten. Und so trat die Abwanderung ein. 3m Jahre 1816 waren von der preußischen Bevölkerung 78 Prozent landwirtschaftlich tätig. Diese Summe ist dann außerordentlich schnell zurückgegangen, und erreichte bereits im Jahre 1895 den Stand von 35 Prozent. 3m 3ahre 1800 lebten in Europa erst 1,7 Prozent der gesamten Bevölkerung in Städten über 100 000 Einwohnern. 1895 waren es schon 10 Prozent und im Jahre 1907 stieg die Zahl bereits auf 13 Prozent, die jetzt selbstverständlich bei weitem überholt ist und die 20 Prozent überschritten hat.
Diese Binnenwanderung ist natürlich noch lange nicht abgeschlossen, wenn auch das heutige Sied- lungswcrk immer mehr darauf hinausgeht, hier ein Bollwerk zu schaffen und auf der anderen Seite die Ansiedlung eines seßhaften, bodenständigen Bauerntums anzubahnen. Man sieht also, daß es sich hierbei um eminent bedeutsame bevölkerungspolitische Probleme handelt. Die Stabilisierung in der Bevölkerungspolitik ist erste Sorge der Staatsverwaltung. Die Binnenwanderung muß überwunden werden, wenn sich die innerwirtschaftlichen Derhältnisse bessern sollen. Die Bodenreform hat nach dieser Dichtung hin wertvolle Pionierarbeit geleistet. Aber wir sind immer noch im Anfang der Lösung dieser Aufgaben. 3n den nächsten Jahren müssen deshalb alle Anstrengungen gemacht werden, um eine endgültige Bereinigung dieser Existenzfrage Deutschlands herbeizusiihren.
Der polnische Hafen Gdingen, der Danzig eine so unerbittliche und auf die Dauer tödlich wirkende Konkurrenz bereitet, wird von Jahr zu Jahr leistungsfähiger. Er könnte schon jetzt Höchstleistungen aufweisen, wenn der Zubringerverkehr bereits durchorganisiert wäre. Aber daran hat es bislang gehapert und deswegen ist die pol- Nische Regierung wild darauf gewesen, endlich die schon seit langem projektierte und zum Teil be-
Gießener Etadttheater.
Gastspiel des Kleinen Theaters, Berlin: „Liebe — unmodern" von Wilhelm Stert.
3m Film hicß eine ähnliche Geschichte, wie man sich erinnert, „Die Privatsekretärin". Der Publikumserfolg beruht in beiden Fällen merkwürdigerweise auf einer Absage an die — angebliche, aber keinesfalls bewiesene — Sachlichkeit unserer Zeit. (Der Titel ist einfach eine 3ronie; die Quintessenz lautet: Liebe veraltet nie; Sachlichkeit war ein Bluff oder eine Modeerscheinung; Liebe ist jederzeit aktuell.)
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Der Erfolg beruht zweitens, hier wie beim Film, auf der Unwahrscheinlichkeit der Vorgänge; das heißt: auf der Unwahrscheinlichkeit, die doch eines Morgens, Mittags oder Abends einmal möglich werden könnte.
Es föimte doch mal Vorkommen, daß der Generaldirektor seine Privatsekretärin heiratet. Hach ja. Märchen im zwanzigsten 3ahrhundert.Wunschtraum anno 1931. (Aach den letzten Verlautbarungen in der Presse hat man allerdings den Eindruck, als ob die Generaldirektoren der großen Werke zur Zeit etliche andere Wünsche zu erfüllen hatten.)
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Aa, man muß nicht gleich zu viel verlangen. Schließlich ist das ja hier auch bloß ein Spiel. 3n drei Akten. Spielerei auf dem Theater. Amüsement für zwei unbeschwerte Stunden. Sehr geschickt und sauber zurechtgemacht. Mit einer schwebenden Spannung bis in den dritten Akt hinein, bis knapp vor den letzten Vorhangfall. Mit einer dem Alltag abgelauschten Konversation und viel wohltuender 3ronie. Ziemlich anzüglich und stellenweise von beachtlicher Offenheit, ober im Grunde nicht halb so frivol, wie es erst den Anschein hat.
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Camill liebt die Privatsekretärin Thea. Thea liebt leider ihren Generaldirektor (namensFrank); der merkt das nicht und zieht es vor, vier Wochen mit einer Freundin eine Frühlingsreise zu machen. 3edes 3ahr eine andere. Die Partnerin wird mit sachlicher Zeitungsanzeige ermittelt. Die Aeise kostet eine Kleinigkeit. Aber: wir habens ja.
gonnene Kohle nb ahn von Oberschlesien n a ch Gdingen auszubauen. Weil das aus eigenen Kräften nicht möglich ist — der Versuch wurde unternommen, mußte aber angesichts der mißlichen Finanzlage des Landes scheitern —-hat die Regierung in Warschau den guten Freund Frankreich zur Hilfe herbeigerufen. Es fehlt das Verbindungsstück Sdunfkawola—Hohensalza van 150 Kilometer Länge sowie eine Zweiglinie nach Ezenstochau mit 50 Kilometer Gleis. Die Mittel dazu wird nun eine französische Bank in Gemeinschaft mit der grüßten französischen Waffenschmiede von Schneider-Creuzot durch eine Anleihe aufbringen. Aber dies Geschäft ist wahrhaftig nicht um der schönen Augen der Polen willen von Frankreich übernommen; die französischen Geldgeber lassen sich die Sache recht gut bezahlen. Auf 45 Jahre erhalten sie die fertige Bahn aus- geliefert und dürfen Tariffreiheit ousüben, Polen muß dazu einen sehr anständigen Mindestgewinn garantieren. Es läßt sich schon heute sagen, daß das polnische Volk schwer zuzahlen wird, denn mit dieser Gdingen-Bahn ist das so eine besondere Sache.
Polen betreibt seit 3ahr und Tag ein Koh - lenhumping, das nicht nur die deutschen Kohlenexporteure, sondern auch die englischen zu spüren bekamen. Den skandinavischen Markt haben die Polen durch eine an Wahnsinn grenzende Unterbietung der Preise zu einem guten Teil bereits geräubert. Damit die Sache fortan noch gesteigert werden könne, muß nun die Kohlenbahn betriebsfähig werden, in drei 3ahren kann die Dumpingbahn fertig sein. Aber da sind nun die Franzosen fortan im Geschäft und wollen Höchst
tarife erheben, wie sie auch großzügig den Polen die Pflicht überlassen, aus deren Kosten die Strecke und das auf ihr rollende Material instandzuhal- ten, zu ergänzen und zu erneuern. Auch in der Tarifsrage zeigen sich die Herren in Warschau generös; Kohle aus Ost-Oberschlesien muß zwar zu einer ungewöhnlich niedrigen Frachtrate befördert werden, aber die Differenz zwischen dem Satz des Ausnahme- und des Höchsttariss zahlt Polen eben an die Franzosen. Derartige Cisenbahngeschäfte hat früher in der ganzen Welt nur bvr „tränte Mann", das Osmanische Aeich, gemacht; jetzt traut sich Polen die gleiche Verlustquelle zu. Schön, das wäre seine Sache!
Was uns in Deutschland neben mancher anderen Frage interessiert, ist die Tatsache des Kohlen dumpings. Aach dem Waffenstillstand haben die Polen behauptet, ihr neuer Staat wäre nicht lebensfähig, wenn er nicht die oberschlesische Kohle hätte, und den damals noch Alliierten kam diese Lesart gut zu passen. Polen bekam mit einem unehrlich begründeten Schiedsspruch des Aales ein großes Stück Oberschlesien. Aber die Kohle verwendet es nicht für sich, für seine Existenz, sondern treibt damit ein Dumping, wie es in der Geschichte ohne Vorgang ist. Daß wir Deutschen seine Wirkungen zu spüren bekommen, ist uns nichts Ungewohntes; aber England müßte doch gelegentlich einmal darüber nachdenken, welche Vorteile es von seinem damaligen Eintreteü für „polnische Belange" hat....
Die Arbeitslosenhilfe.
Das dritte Gutachten der Brauns-Kommission.
Berlin, 6. 3uni. (CAD.) Das dritte Teil- gutachten der B r a u n s - K o rn rn i s s i o n wird heute der Oeffentlichkeit übergeben. Angesichts der finanziellen Bedrängnis derA r beits- losenhilfe mußte die Kommission ihr Hauptaugenmerk auf schnell wirkende Abhilfe- mahnahmen richten. Die Kommission empfiehlt,
an der versicherungsmäßigen Ausgestaltung der Arbeitslosenhilfe unbedingt feftzuhallen.
Aus dem Wesen der Versicherung ergaben sich innerhalb der Kommission grundsätzliche Bedenken gegen die Bedürftigkeitsprüfung, so auch das einer großen verwaltungsmähigen Erschwerung.
3n den letzten Monaten ist viel über die Frage der Zweiteilung oder Dreiteilung der Arbeitslosenhilfe gestritten worden. Fast alle Vorschläge stimmen darin überein, daß sie eine Verschmelzung von Krisenfürsorge und gemeindlicher Fürsorge für Wohlfahrtserwerbslose zu einer Reichsarbeitslosenfürsorge an- ftreben.
Die Kommission ist aber der Ueberjeugung, daß der Krisenfürsorge in ihrer elastischen Mittelstellung zwischen Versicherung und gemeindlicher Fürsorge eine große Bedeutung zukommt. Es ist freilich festzustellen, daß die Krisenfürsorge der Arbeitslosennot nicht so folgen könne, wie es ihrem Zweck entspricht. Gemeinden und Gemeindeverbände sind in vielen Fällen über ihre finanzielle Kraft hinaus in Anspruch genommen worden, ein Zu st and, der dringend der Abhilfe bedarf. Diese Abhilfe in einem© ystemwechsel zu suchen, hat die Mehrheit der Kommission wenigstens zur Zeit nicht empfehlen können, dagegen befürwortet sie die
Anpassung der krifenfürsorge an die gesteigerte Notlage.
Allerdings waren zwei Mitglieder der Kommission mit dieser Auffassung nicht einverstanden.
An den Voraussetzungen für den Unter st ühungsanspruch hat die Kommission wenig Aendemngen vorgeschlagen. 3nsbesondere gilt dies für die Anwartschaft, da sonst bei den verringerten Deschäftigungsmöglichkeiten Personengruppen von der Unterstützung ausgeschlossen toürben, denen sie aus sozialpolittschen Erwägun
gen zukommt. An dem bisherigen Begriff der Arbeitsfähigkeit hält die Kommission fest.
Dagegen hat die Kommission erhebliche Aenderungen der gesetzlichen Vorschriften über die Wartezeiten vorgeschlagen. Die regelmäßigen Wartezeiten sollen erhöht werden:
1. Bei Arbeitslosen ohne zuschlagsberechtigte Angehörige von 14 auf 21 Tage.
2. Bei Arbeitslosen mit einem bis drei zuschlagsberechtigten Angehörigen von 7 auf 14 Tage.
3. Bei Arbeitslosen mit 4 oder mehr zuschlagsberechtigten Angehörigen aber nur von 3 auf 7 Tage.
Die Kommission verkennt nicht, daß bei gesenkten Löhnen und wiederholter Arbeitslosigkeit eine Verlängerung der Wartezeit vielfach hart ist und Hilfsbedürftigkeit auslöst. Sie mußte diesen Weg aber gehen, weil angesichts der Aotwendig- keit. Einsparungen zu erzielen, sonst eine stärkere Senkung der Unterstühungsleistungen hätte vor- geschlagen werden müssen, die schwerer zu tragen sind als eine längere Wartezeit.
Die Kommission Ist der Auffassung, daß als Nolmaßnahme auch eine zeitweilige Senkung der Unterstühungssähe in Betracht gezogen werden müsse. Sie hält diesen Weg nur dann für gangbar, wenn mindestens gleichzeitig auch auf der Seite der Einnahmen der Versicherung dieser Notlage und den großen Opfern der Arbeitslosen Rechnung getragen wird.
Denn die beträchtlichen Summen, welche zur Sanierung der Arbeitslosenhilfe erforderlich sind, können unmöglich allein an der Unterstützung der Arbeitslosen eingespart werden. Die Kommission hält es deshalb für erforderlich, daß zu den den Arbeitslosen zugemutelen Opfern auch Opfer des Teiles der Bevölkerung treten müssen, die sich noch in günstigeren wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen befinden. Die Kommission schlägt ferner vor, zu erwägen, ob der Reichsanstalt für den Ausgleich von Einnahmen und Ausgaben in der Arbeitslosenversicherung eine gewisse Autonomie eingeräumt werden soll.
Camill, dem Thea ihre hoffnungslose Liebe gestanden hat, bringt mit bewundernswerter Selbst- entäußerung Frank dazu, sich für Thea zu interessieren. Der tut es prompt und engagiert, was Camill allerdings nicht beabsichtigte, Thea für die nächste Reise. Und Thea, was Camill vollends den Rest gibt, sagt, ohne mit der Wimper zu zucken, zu. Für vier Wochen. Scheck über 10 000 Mark. So ist, wieder mal, das Leben. (Ohne .Rotverordnung.)
Die Reise nach dem sonnigen Süden geht aber anders aus, als Frank und auch Camill sich das gedacht haben. Der Wunschtraum findet zwar spät, aber immerhin Erfüllung. Thea schlägt Frank mit seinen eigenen Waffen: mit seiner angeblichen Sachlichkeit, feinem Zynismus, seiner materialistischen Weltbetrachtung. Sie lockt, allmählich, einen ganz unmodernen „Eifersüchtling" und schließlich einen richtigen Liebhaber aus ü>m heraus. Und Camill. der gute, kommt noch gerade recht, ihnen seinen Segen zu geben. —
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Die drei Berliner vom Kleinen Theater spielen das ganz famos. Herr K l u b e r t a n z hat die Sache inszeniert. Mit Witz und Laune und einem blendend klappenden Dialog, daß die Leute aus der Spannung, aus dem Lachen und aus der Märchenstimmung gar nicht herauskommen.
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Grete Reinwald, auf der Bühne viel netter als im Film, ist, wie Renate Müller in der „Privatsekretärin", die arme Kirchenmaus, die fouragiert alles auf eine Karte seht und trotz allerlei Hemmungen und Kunstfehlem am Ende doch den Haupttreffer gewinnt; sie spielt das mit Charme, mit Ruhe, Ratürlichkeit und den feineren Uebergängen, die die Rolle verlangt. Eine aparte Leistung.
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Will Ä auf mann gibt den etwas jugendlichen Generaldirektor mit soviel gesundem Humor und soviel drolligen und gutsitzenden Reben- bemertungen, daß er fast ebenso sympathisch wirkt wie der menschlich angenehmere, etwas stiefmütterlich behandelte Freund Camill, der von Heinz Klubertanz sehr liebenswürdig und geschmackvoll gegeben wurde.
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Das gutbesuchte Haus dankte mit herzlichem Beifall für zwei angeregte Stunden. hth.
Nocturne.
Don Hermann Hesse.
Die Kerze ist verlöscht. Das Klavier ist verstummt. Durch die dunkle Stille treibt der süße Duft der Teerose, die im Gürtel der Klavierspielerin hängt. Die Rose ist überreif und beginnt schon zu zerfallen, abgewehte blaffe Blätter liegen wie matte, helle Flecken am Boden.
Und Sttlle ... Von der Wand her faust plötzlich ein summender Saitenton ... eine Saite meiner Geige hat nachgelassen... Und wieder Stille.
„Soll ich noch?" — „3a, ja, bitte 1“
„Die Rvcturne Es-Sur?“ — „O ja!"
Chopins Es-Dur-Roc turne beginnt. Das Zimmer verwandelt sich. Die Wände entfernen sich nach allen Seiten, die Fenster wölben hohe Bogen, und die hohen, runden Bogen sind mit Daumwipfeln und Mondschein gefüllt Die Wipfel neigen sich alle gegen mich her und jeder fragt: „Kennst du mich noch?" Und das Mondlicht fragt: „Weißt du noch?"
Meine Hand fährt über die Stirne hin. Aber das ist nicht meine Stirne mehr, die harte, faltige, mit den starken Brauen. Das ist eine feine, glatte Kinderftirn mit darüber gekämmten seidigen Kinderhaaren. und meine Hand ist eine kleine, glatte Kinderhand, und draußen rauschen die Bäume im Garten meines Vaters.
3n dieser Halle habe ich hundertmal gesessen, diese hohen Dergfenster und diese hellen hohen Wände kennen mich wohl. Und aufhorchend erlausche ich leise Klaviermusik, Musik aus fernen 3ahren her, das ist meine Mutter, die in ihrem hohen, duftenden Zimmer spielt. Ich höre zu und nicke und habe fein Verlangen, zu ihr hinüber» zugehen, sie wird bald ungerufen kommen und mich zu Bette bringen. Doch scheint mir die Musik an diesem Abend besonders schön und traurig zu fein. Run verklingt sie fast ganz, sie wird zaghaft, leise, und immer trauriger. Und jetzt ist sie zu Ende — oder nein, sie beginnt schon wieder verändert, aber nicht weniger traurig. Mir schmerzt der Kopf, ich schließe die Augen. Diese Musik! Ich öffne die Augen wieder. Mondlicht, Park, Saal und Kinderzeit sind nicht mehr da.
Wir sind in einem Hellen, schmucken Saal, eine Dame am Flügel und ich mit meiner hellbraunen Geige. Wir spielen. Wir spielen rasch im eiligsten
Den Ausschluß der Saisonarbeiter aus bet Arbeitslosenversicherung konnte die Kommission nicht befürworten.
Sie glaubt aber, dem überaus hohen Risiko der berufsüblichen Arbeitslosigkeit durch toigenbe Vorschläge Rechnung tragen zu müssen:
1. Für Arbeitnehmer mit berufsüblicher Arbeitslosigkeit ist die Anwartschastszeit von 26 auf 30 Wochen zu verlängern.
2. Die Höchstbezugsdauer der Arbeitslosenunterstützung ist für Arbeitnehmer mit berufsüblicher Arbeitslosigkeit von 26 auf 20 Wochen herabzusetzen.
3. Die Unterstützungssätze für Arbeitnehmer mit berufsüblicher Arbeitslosigkeit sind auf die Sätze der Krisenunterstützung herabzusetzen.
Ferner schlägt die Kommission vor, die H a u s - gewerbetreibenden und He im arbeitet grundsätzlich aus der Versicherung her- auszunehmen, jedoch den Derwaltungsrat der Deichsanstalt zu ermächtigen, unter gewissen Voraussetzungen einzelne Kategorien in die Versicherung einzubeziehen. Die Fragen, ob an der geltenden unteren Altersgrenze etwas zu ändern ist, und ob eine obere Altersgrenze eingeführt werden soll, hat die Kommission verneint.
Einen besonderen Abschnitt widmet das Gutachten der Krisenfürsorge. 3m Hinblick auf die Verordnung vom 11. Oktober 1930, die die Sähe der Krifenfürsorge bereits beträchtlich gesenkt hat, spricht sich die Kommission
nicht für eine weitere Senkung bet Leistungen in ber krifenfürsorge
aus, es fei denn, daß es sich eine solche automatisch aus einer Senkung der Unterstützungshöhe in der Arbeitslosenversicherung ergeben sollte. Die nach der Verordnung bestehende Möglichkeit zur Prüfung ber individuellen Bedürftigkeit will die Kommission schärfer als bisher ausgenuht wissen. Hinsichtlich der Kosten der Krisenfürsorge schlägt die Kommission, um den Gemeinden zu helfen, vor, daß das Reich auf den Gemeindeanteil in der Krifenfürsorge verzichtet. Eine Beteiligung der Länder an dem Aufwand der Krifenfürsorge dagegen kann die Kommission nicht empfehlen.
Aus ber Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 8. 3uni 1931.
Eßt Seefische auch im Sommer!
Die Zeit ist gekommen, in der die meisten unserer Seefische, nachdem sie in den Wintermonaten gelaicht haben, wieder in dem Ernährungszustand sich befinden, in dem ihr Genuß den Menschen am zuträglichsten ist. Gerade diejenigen, die sich bisher nicht an die regelmäßige Aufnahme von Seefischen gewöhnen konnten oder wollten, sollten jetzt die Gelegenheit wahrnehmen, um ohne sonderliche Belastung ihres Geldbeutels, neben sonstiger Kost, die ihnen einstweilen noch angenehmer erscheint, wie der Engländer einmal täglich ein Fischgericht zu sich zu nehmen.
Sehr bald werden sie merken, daß dieser regelmäßige Fifchgenuß auf den gesamten Organismus wohltuend wirkt. Die im Sommer leicht eintretende Schlaffheit und Müdigkeit, insbesondere die schon nach mäßiger körperlicher Anspannung vielfach bemerkbare Arbeitsunlust wird behoben, und zwar um so sicherer, je mehr man dazu übergeht, das Fischgericht allmählich in den Mittelpunkt der Hauptmahlzeit zu stellen. Die Erklärung ist einfach: Der Seefisch belastet nicht den Magen, sondern mutet ihm nur leichte Arbeit zu; die Verdauung vollzieht sich wesentlich bequemer, als wenn schwere Nahrungsmittel verarbeitet werden sollen. Dabei enthält das Seefischfleisch reichlich Nährstoffe und kräftigt vermöge des hohen Eiweihaehalles, der gerade den billigen Seefischen, wie Kabeljau, Seelachs, Lengfisch u. a.,- innewohnt, den Körper in ungewöhnlichem Maße, ohne ihn mit Stoffen zu belasten, die an sich wertlos, sogar eher den Keim zu Stosfwechsel- krankheiten legen, und ohne an die einzelnen Organe hohe Anforderungen zu stellen. Das Seefischfleisch
Takt, und spielen eine fiebernde Tanzmelvdie. Das Gesicht der schönen Dame ist vom Spielen schwach gerötet, ihr Mund steht ein wenig geöffnet, in ihren blonden Haaren schimmert das Kerzenlicht. Und ihre feinen, langen Hände greifen leicht und rasch. 3ch muß sie küssen, sobald das Spiel zu Ende ist.
Das Spiel ist zu Ende. Die schlanken Frauenhände liegen lässig in den meinen, und ich küsse sie langsam, erst die linke und dann die rechte, die zarten Gelenke, und die dünnen, biegsamen Finger. Darüber lächelt stolz und ruhig die Dame, zieht beide Hände langsam zurück und beginnt wieder zu spielen. Sie spielt brillant, kühl, etwas verächtlich und stolz. 3ch bücke mich zu ihr nieder, bis mein Haar ihr duftendes Haar berührt. 3ch sehe meine Werbung gegen ihre Kühle. 3hr kühler Blick fragt sonderbar herauf. Ich flüstere lange. Sie schüttelt leicht den Kopf.
„Sag' ja!" rufe ich. Sie schüttelt den Kopf. „Du lügst! Sag' ja!" Sie schüttelt den Kopf.
Ich gehe fort und gehe lange — mir scheint, durch lauter dunklen Wald, und weih nicht, warum es mir so sonderbar weh tut, in den Augen, in der Kehle, in der Stirn — und gehe immerzu, bis ich todmüde bin und rasten muß. Durch alle Wälder der Welt geht meine müde Reise, durch alles Dunkel der Welt, d^rch alles Weh der Welt. Dis ich todmüde bin.
Indem ich raste und nicht weiß, wo ich bin, ertönt Musik. Ein fabelhafter Laut auf dem Klavier, wunderlich verschlungen, leise, scheu, fieberisch, von wunderbar zarten und gelenken Fingern meisterhaft gespielt. Ich schlage meine Augen auf. müde Augen. Das Zimmer ist dunkel, keine Halle, kein Saal, keine Kindheit, feine Jugend. Gegenwart umgibt mich. Ein starker Teerosenduft ist in der Luft. Der letzte tiefe Ton der Rocturne zerrinnt. Die Dame steht auf.
„Run?" fragt sie. — „Danke, danke!"
Ich strecke ihr die Hand entgegen. Sie macht die Rose von ihrem Gürtel los, öffnet die Tür und geht, und gibt mir im Weggehen die blaffe Rose in die Hand. Dann schlägt die Tür inß Schloß, ein Zugwind schleicht durchs dunkle Zimmer.
Ich halte einen nackten Rvsenstengel rn der Hand. Der ganze Doden ist mit Rosenblättern bedeckt. Sie duften stark und schimmern matt und blaß im Dunkeln.


