lichen Beziehungen untereinander erstreben, sind fest davon überzeugt, daß die einzige sichere Garantie für einen dauerhaften Frieden in einer tatsächlichen Herabsetzung aller Arten von Rüstungen besteht. Da sie unerschütterlich bestrebt sind, ihre Bemühungen für die Durchführung einer allgemeinen Rüstungcherabsetzung auch in Zukunft fortzusetzen, hielten sie es, um einen neuen Beweis des so glücklich zwischen den beiden Ländern hergestellten gegenseitigen Vertrauens zu geben, für wünschenswert, Artikel 2 des Protokolls vom 17 Dezember 1929 durch folgende gegenseitige
Verpflichtung zu ergänzen: Keine der hohen vertragschließenden Parteien wird irgendein Kampfschiff, das zur Verstärkung ihrer Flotte auf dem Schwarzen Meer oder auf benachbarten Meeren bestimmt wäre, auf Stapel legen, noch ein derartiges Schiff bei fremden Werften in Auftrag geben, noch sonst irgendeine Maßnahme ergreifen, welche den gegenwärtigen Bestand ihrer Kriegsflotte auf den genannten Meeren verstärken würde, ohne die Gegenpartei sechs Monate vorher davon in Kenntnis zu setzen.
Kunst und Politik in Frankreich.
Das abgesagte Weingartnerkonzert.
Felix Weingartner an den französischen Ministerpräs denten.
Basel, 8. März. (CRB.) Felix Weingartner stellt der Baseler Presse einen Brief zur Bersügung, den er am 7.März an den französischen Ministerpräsidenten Laval gerichtet hat und in dem er zur Absage der von ihm zu dirigierenden PaSteloup-Kon- zerte Stellung nimmt. 3n diesem Schreiben heißt es u. a.; Ich habe das „Manifest der 93" im Jahre 1914 unterzeichnet, meine Unter- schrift aber im Jahre 1917, also noch während des Krieges, öffentlich zurückgezogen, als ich meine Llebcrzeugung mit dem Inhalte des Manifestes nicht mehr vereinen konnte. Das Ritterkreuz der Ehrenlegion habe ich nie zurückgesandt, sondern bewahre es noch heute. Aber auch, wenn diese letzte Anschuldigung wahr wäre, und wenn ich meine älnter- schrist nicht zurückgezogen hätte, wäre es ganz unangebracht, daß man heute, wo so viel von Bersöhnung und von Annäherung der Völker geschrieben und gesprochen wird, eine verjährte Verfehlung Des Weltkrieges herauszieht. Einen Künstler meines Ramcns aber, der für die französische Kunst stets eingetreten ist, in solcher Weise zu behandeln, wie es jetzt geschehen ist, kann nur mit einem Ausdruck beurteilt werden, den in diesem Briefe zu gebrauchen mich lediglich die Hochachtung abhält, die ich für Euer Exzellenz empfinde.
Oie „Affäre Oreysus".
Protest der pazifistifchen Frontkämpfer geffcn die Ab,etzrmft
Paris, 8. März. (CAD.) 3m Theater Arn- bigu, in dem jetzt an Stelle des vom Spielplan abgesehlen Stückes „Die Affäre Dreyfus" ein anderes Stück aufgeführt wird, erhob sich gestern nach Beginn des ersten Altes aus der Zuschauer nenge der Generalsekretär der Liga der pazifistischen ehemaligen Frontkämpfer und verlas — zugleich im Aamen der Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus — eine Erklärung, in der die Wiederaufnahme der Vorführungen des Stücks ..Die Affäre Dreyfus" verlangt wird. Die pazifisti- schen ehemaligen Frontkämpfer wollten den Frieden und die Aussöhnung der Völker und seien I nicht gewillt, sich die Diktatur einer chau - ' vinistischen Minderheit gefallen zu lassen, die aufs neue Haß und Argwohn verbreiten wolle. Sie wollten nicht zulassen, daß die Auffassung um sich greife, als wären die ehemaligen Frontkämpfer in Frankreich so töricht, sich gegen einen deutschen Kapellmeister oder gegen ein historisches Theater- stück aufzulehnen. Am die Wiederaufnahme der Vorführungen der „Affäre Dreyfus" zu erreichen. wolle der Verband der pazifistischen ehemaligen Frontkämpfer von heute ab die Vorführungen eines jeden anteren Stückes im Am- bigu-Theater solange verhindern, bis die „Affäre Dreyfus" wieder erscheine.
Oer Fn'ebensschluß mit Gandhi.
Oie Verständigung.
-Don unsere.1 ^-Korrespondenten.
London, März 1931.
Die Verständigung zwischen dem Führer ter indischen Rationalisten Gandhi und dem englischen Dizekönig in Indien, Lord Jrvin, ist zweifellos eine ter wichtigsten politischen Tatsachen in der Geschichte des englischen Weltreichs. Mag im einzelnen Gandhi sehr weit entgegen- aekommen sein, er hat doch das Prinzip, für das er focht, durchgesetzt, und er hat vor allem erreicht, daß er als offizieller Verhandlungspartner anerkannt wurde. Man muß doch bedenken, was es bedeutet, daß dieser Mann, der von den englischen Vationa» listen als ein ..halbnackter, aufrührerischer Fakir" bezeichnet wird, aus dem Gefängnis entlassen und von dem Repräsentanten des britischen Imperiums zu Friedensverhandlungen empfangen «tourte. Das eine allein bedeutet schon ein 3 u - geständnis an di e Inder, wie es _tior Avenigen Jahren noch niemand für möglich gehalten hätte.
r Aber England hat inzwischen erkannt, welche furchtbare Waffe der elastisch gestaltete passive
Widerstand in den Händen der Inter war. Der Boykott aller englischen Waren hat dem Handel furchtbare Wunden geschlagen, hat vor allem den englischen Staatsmännern gezeigt, daß sie jetzt auch in Indien an der kritischen Wende stehen. wo sie nur die Wahl haben, entweder dieses wichtigste Kronjuwel aus ihrem Imperium zu verlieren, oder sich in der Behandlung des indischen Volkes vollständig umzustelilen. Den Anfang dazu hat die „Konferenz am runden Tisch" gemacht, die in London tagte, die auch zu positiven Ergebnissen kam, die aber in ter Luft hingen, solange Gandhis Kongreßpartei nicht mitmachte. Es bleibt nun abzuwarten, ob Gandhis Einfluß stark genug ist, um über die Hitzköpfe in der eigenen Partei zu siegen und das Abkommen wirklich durchzusetzen. Gelingt ihm das, dann hat er zwar im Augenblick vielleicht eine Niederlage erlitten, auf weitere Sicht aber doch den Zweck seines Kampfes erreicht und den Grund st ein gelegt, auf dem das moderne Indien aufbauen kann.
And es war klug von den Engländern, daß sie diese letzte Chance benutzten, die im indischen Spiel noch für sie vorhanden war. Churchill, ter ewig unruhige Geist, nennt das Abkommen zwar Verrat, aber es ist doch immerhin bezeich
nend, daß der Vizekönig, der aus den konservativen Reihen hcrrorging, zu dem Vertrage rät, ten er selbst a^gc,ch offen hat, daß a..ch Baldwin und L.oyd Geor .e inneradj damit einverstanden sind: ein Beweis, mit welcher Slaats- kunst die englischen Führer die Probleme ihres Weltreichs zu behandeln wissen. Sie haben ein- m a l den großen Fehler gemacht, als sie mit den Tereiniglen S.aaten den Kampf durchsechten wollten und infolgedessen ihre Kolonien verloren. Sie Halen aber daraus gelernt und seither immer rechtzeitig einzulenken verstanden: es gelang ihnen, aus den Buren wenige Jahre nach dem Kriege die stärkste Stühe Südafrikas zu machen, sie haben die irische Wunde auszuheilen verstanden. Sie sind in Aegypten und in Me sopotamien so weit entgegengekommen, daß sie auch hier auf dem besten Wege sind, aus ten Eingeborenen Freunde zu machen, während sie sich gleichzeitig im Sudan eine neue machtvolle Stellung schaffen, die nicht nur unerhörte Entwicklungsmöglichleiten in sich birgt, sondern gleichzeitig auch — für alle Fälle! — die Hand an Die Gurgel Aegyptens legt.
Run wollen sie in Indien den gleichen Weg gehen. Jahrhunderte hindurch haben sie ihre Herrschaft gehalten, indem sie die einzelnen Religionen und Rassen gegeneinander ausspielten, sie haben es aber trotzdem nicht verhindern können, daß gerade in der jungen Generation so etwas wie ein indisches Rationalbewußtsein emporwuchs, das trotz al'e; Gegensätze im Innern den gemeinsamen Feind in England sah, und wenn jetzt nicht neue schwere Fehler gemacht werden, dann scheint es in der Tat, daß England auch hier den kritischen Punkt überwunden und die Kette gefunden hat, mit der Indien aus seinen eigenen Interessen heraus dauernd an das Weltreich gebunden bleibt.
Rationalist scher Widerstand. Weitere Konferenzen. — Freilassung der politischen (befangenen.
London, 7. März. (TA.) Die extremen nationalistischen Organisationen in Bombay haben einen Feldzug gegen das Jrwin-- Gandhi-Abkommen eröffnet, das sie als eine Kapitulation bezeichnen.
„Daily Expreß" rechnet damit, daß in nicht allzuferner Zeit zunächst eine englisch-indi- sche Konferenz in Indien abgehalten wird, wahrscheinlich in Karachi. Hieran soll sich gegen Ende des Jahres eine dritte englisch-indische Konferenz in London anschließen, an der auch Gandhi teilnehmen würde. Das Kabinett hat erwogen, den Lordgroßkanzler Lord S a n k e h als Führer der britischen Abordnung nach Indien zu senden. doch ist eine Entscheidung noch nicht gefallen.
Gandhi wies in einer öffentlichen Rete daraus hin, daß seine Vereinbarungen mit dem Vize- könig noch der Billigung durch den Rationalistischen Kongreß in Karachi bedürfen. Falls es sich erweisen sollte, daß die Vereinbarungen mit dem Vizekönig dem Lande als nicht annehmbar erscheinen, so könnte das Exekutivkomitee des Rationalistischen Kongreffes ein Mißtrauensvotum in Vorschlag bringen. Denen, die sich diesem Mißtrauensvotum anschließen, würde es dann überlassen bleiben müssen, die Fortführ un^ ter Arbeit des Rationalistischen Kongresses auf die eigenen Schultern zu nehmen.
Die erste Gruppe politischer Gefangener, die sich keiner Gewalttat schuldig gemacht haben,. und gemäß dem Ablo nmen zwischen Gandhi und dem Vizekönig auf freien Fuß gesetzt werden sollen, hat heute früh das Gefängnis Verovada verlassen. Es handelt sich um 65 Frauen. Sofort nach ihrer Freilassung blieben sie zwei Minuten lang vor dem Gefängnis schweigend stehen, um dadurch Gandhi zu ehren. Sie entrollten dann die Fahne des Allindischen Kongresses und entfernten sich in zwei von ter Polizei zur Verfügung gestellten Lastwagen.
Llebersül ung im Luristenberuf
Wie uns vo n Vorstand ter hessischen Anwaltskammer mitgeteilt wird, wächst in bedrohlichstem Ausmaß ständig die Zahl der deutschen Rechtsanwälte. Von 12344 im Jahre 1915 (im alten Reichsgebiet) ist die Gesamtzahl auf 17184 am 1. Januar 1931 (im kleinere.,, neuen (Reichsgebiet» gestiegen. Sie hat sich im Jahre 1927 um 2,9, im Jahre 1928 um 3,3, im Jahre 1929 um 3,5 und im Jahre 1930 um 4,7 Prozent vermehrt. Die Linie der prozentualen Zunahme ist danach in dauerndem Steigen begriffen. Ein Absinken ist um so weniger zu erwarten, al- im Jahre 1930 die Zahl ter an den deutschen Ani- versitäten eingeschriebenen Studierenden ter Rechts- und Staatswissenschaft über 22 000, die Zahl ter an ten preußischen Aniverfitäten Studierenden (ohne die Reichsausländer) Über 13 000 beträgt und die Zahl ter CRefetentere in Preußen von 6642 am 1. August 1929 auf 7005 am 1. Januar 1930 und 8047 am 1. Dezember 1930 gestiegen ist. Der BedarfderJustizverwal- tun gen so.nie ter übrigen Verwüstungen tes Reiches und ter Länder ist nur ein verhältnismäßig g e r i n g e r. Die Wirtschaftist in'olge ihres Rieterganges nicht in ter 2aje, ten Anwärtern geeignete Deschäfti'U gsmöglichfL^en zu bieten. Die Anwaltschaft b ltet da)er naturgemäß das Sammelbecken für die in gewaltiger Menge Heranrückenten Anwärter. Im gegenwärtigen Zeitpunkt befindet sie selbst sich besonders auch infolge ter ihr durch die neuere Gesetzgebung auferlegten Lasten und die durch sie herteige- führte Einschränkung ihres Arbeitsgebietes in einem krisenhaften Zustand. Zudem ist sie schon jetzt überfüllt. Erhebliche Teile ter deutschen Anwaltschaft stehen vor derProle.arifferung. Rach dem Bericht tes Arbeitsamtes ter Deutschen Rechtsanwaltschaft für das Jahr 1930 standen 638 Stel^nge'uchen nur 247 neue ©tel- lenangeL ote gegen' b r. Im Jahre 1928 wurden 247, im _aj.e 1929 220, im Jahre 1930 nur noch 167 Stellen durch das Arbeitsamt vermittelt, — ein Beweis dafür, wie sehr die Arbeitsmöglichkeiten sich verringert haben. Im Frühling 1930 hat d e Abgeordnetenverfammlung des Deutschen Anwaltvereins die Einführung des nume- rus clausus und der Wartezeit der Anwärter gefordert. Im Januar 1931 hat die Vereinigung deutscher Anwaltslammervorstänte sich diesem Verlangen angeschloffen. Die Anwaltskammer hält es für ihre Pflicht, erneut auf die Gefahren hinzuweisen, de ter Rechtspflege und ter Rechtsanwaltschaft durch den Zudrang zum juristischen Studium drohen.
Aus aller Well.
Zusammenstoß zweier Donaudampfer bei Belgrad.
In der Nacht zum Samstag stießen unterhalb der neuen Donaubrücke in Belgrad zwei Passagierdampfer zusammen, die den regelmäßigen Dienst zwischen Belgrad und Pancevo versehen. Der Zusammenstoß erfolgte während eines heftigen O st st u r m e s, der von starkem Schneetreiben begleitet war. Der Dampfer „Franchet d'Esperay" wurde von dem Dampfer „Zagreb" gerammt. Der erstere erhielt an der linken Schiffsseite ein großes Leck. Durch das klaffende Leck stürzten die Wassermassen in die Passagierräume zweiter Klasse. Unter den Reisenden entstand eine ungeheure Panik und alles stürzte zu den Ausgängen. Erst als ein Notausgang geöffnet wurde, gelang es, den größten Teil der Fahrgäste zu retten, die bereits mit den Füßen im Wasser standen. Die „Franchet d'Esperay" nahm hierauf Kurs auf das Ufer und erreichte es knapp, bevor der Maschinenraum vom Wasser überflutet war. Die „Zagreb", die dem Dampfer gefolgt war, schlug eine Notbrücke, doch versagte in diesem Augenblick das Licht, so daß wieder ein ungeheures Gedränge um die Notbrücke entstand. Dabei stürzten mehrere Personen ins Wasser. Wenige Minuten nach Heber- nähme der letzten Fahrgäste sank die „Franchet d'Esperay" und ragt nunmehr mit dem Schornstein
Hermann Kesser: „Rotation".
Uraufführung
im Frankfurter Schaufprelhaus.
Der Münchener Hermann Kesser, heute bijährig, der Kleist, Büchner und Nietzsche als seine geistigen Ahnen und Erzieher bezeichnet, hat ein Zeitstück geschrieben, das die Szene samt Parkett, Rängen und Logen zum Tribunal macht, das Publikum gewissermaßen mitspielen läßt und einbezieht ins Personal, in seine Situation und seine Diskussionen um brennendste Fragen der Gegenwart.
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Ein Schauspiel in zwei großen Szenengruppen, die teils geschickt, teils ganz naiv gemacht sind, aber von unbestreitbarer Wirkung: der Zuschauer spurt: Aktualität, Tendenz, Programm, eigene Sache (wenigstens zum Teil). Arbeitslosigkeit heißt das Generalthema: Weltwirtschaftskrise: die noch immer nicht gelöste soziale Frage.
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Erster Teil: sehr effektvolle Reportage. Szenen wie aus der Zeitung geschnitten; Leitartikel, Wirtschaftsteil, Nachrichtenmaterial in lebenden Bildern. Scharf kontrastiert, beinahe schwarzweiß. Hie Aufsichtsrat — hie Arbeitslose. Alles im nüchternen Geschäftsstil und Alltagston anno 1930; und alles ein bißchen mit erhobenem Zeigefinger: seht her — so wiros gemacht! Blick auf die ewig rotierende Bilderbühne unserer Zeit ... Blick „hinter die Kulissen": Politik, Börsenschiebung, Pressemanöoer, Skandal, Weibergeschichten. Sehr grob, febr unbehauen, aber sehr wirksam. Die „Handlung wäre aus einer einzigen Nummer einer beliebigen Tageszeitung bequem zusammenzustellen und aufzumon- tieren.
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Erst die zweite Szenenreihe stößt aus der Reportage zur Dramatik vor; aus der Fülle der zeitgenössischen Figuren hebt sich, scharf profiliert, eine Gestalt: der anständige Mensch, der den „Betrieb" durchschaut. Gewissenskonflikt des Idealisten. Tragödie eines Chefredakteurs. Er erkennt die bisherige „Richtung" als falsch, schwenkt ab, zur Gegenpartei. Vom Kapital zum Arbeiter. Aber die Macht des Geldes ist stärker. Man kann nicht einfach „um- fatteln". Letzter Ausweg: Selbstmord. Das große Rad rollt weiter: Rotation, Rotation! Die soziale Frage ist noch immer nicht gelöst.
Klare Tendenz: gegen das Kapital; gegen das herrschende System. Teils sehr effektvoll, teils un- zulänglich bis zur Groteske. Das Hinterhaus- und StraßenmiUeu gelang viel besser ... als die Kulisse. Die Industrie- und Börsenleute, Ne modernen Jour
nalisten: das ist alles ein bißchen sehr primitiv angedeutet, — wie sich der Laie den „Betrieb" vorstellt. Die rauhe Wirklichkeit ist doch in vielem anders.
Schopenhauer hat gesagt: „Jedes Problem durchläuft drei Stufen; in der ersten erscheint es lächerlich, in der zweiten wird es bekämpft, und in der dritten gilt es als selbstverständlich." Kessers Schauspiel ist der (zweifellos ehrlichen Willens unternommene) Versuch, den Hebergang von der zweiten zur dritten Stufe in einem zeitgeschichtlichen Bildausschnitt sinnfällig darzustellen. —
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Die Aufführung im Frankfurter Schauspielhaus — Regie: Fritz Peter Buch — war vor allem in der technischen Bewältigung ter komplizierten Bilderfolge eine brillante Leistung. Drehbühne mit Photomontage und Musik. Die Szene war gewissermaßen unmittelbar ans Publikum herangerückt, der Vorgang von stellenweise spontaner Wirkung.
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Auch die Besetzung erschien fast ausnahmslos mit sicherem Gefühl abgestuft und gegeneinander kontrastiert. Im Mittelpunkt: Robert Taube, der den Chefredakteur Kellermann mit leidenschaftlichem Temperament und warmem, menschlichen Gefühl gestaltete.
Daneben, aus dem Riesenaufgebot: Gerhard Ritter, ein Vollblutschauspieler (früher Volksbühne Berlin), Impekoven, Engels, Derhoe- oen, Koninfki, Rewalt; von den Damen: Ellen D a u b, nicht ganz einheitlich im Gesamteindruck.
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Das Publikum ging bis zuletzt lebhaft mit. Hauptdarsteller, Dichter und Spielleiter mußten immer wieder an die Rampe. hth.
Hochschulnackrichien.
Professor Dr. Kurt Latte in Basel hat einen Ruf aus den Lehrstuhl der klassischen Philologie an der Unioerfität Göttingen als Nachfolger von Professor E. Fraenkel erhalten. — Der Lehrstuhl der Geologie an der Berliner Unioerfität (an Stelle von Professor Pompecki) ist dem Ordinarius Dr. Hans Stille in Göttingen angeboten worden. Privatdozent Dr. jur. Arnold Kotigen in Jena hat einen Ruf auf den Lehrstuhl für öffentliches Recht an der Universität Greifs ° w a l d als Nachfolger von Professor E. Neuwiem erhalten.
Zur Wiederbesetzung des durch den Weggang von Professor R. Holtzmann an der Universität Halle erledigten Lehrstuhls für mittlere und neuere Geschichte ist ein Ruf an den Privatdozenten Dr. Waith. Holtzmann an der Universität Berlin ergangen.
Zwischen Winter und Frühling.
Von Frank Thieß.
Ich gehe durch ten Berliner Tiergarten, die Sonne scheint, die Wege sind feucht, und es gründt ein wenig. Ich gehe so, bleibe mal stehen, gehe wieder, was sehe ich?
Ich sehe ein Kind, groß wie ein Pilz, das bückt sich, wie sich Kinder bücken, es seht sich nämlich in Kniebeuge auf sein winziges Hinterteil, lind was tut es? Richts für Ammen und erfahrene Mütter, vielmehr „tut“ es etwas, das keine Tat, sondern eine wunderliche Gebärde ist, es pflückt eine Blume.
Ich bücke mich jetzt auch, um zu sehen, was das für eine Blume ist, die da im Berliner Tiergarten an einem so sonnigen Rachwintertage unweit des Rosengartens wächst, und bemerke eine Blüte von so geheimnisvoller Kleinheit, daß ich wußte, hier hat ter liebe Gott höchst persönlich eingegriffen. Diese Aentimetergrofje Sternblume gehört nicht nach Berlin, sondern sie ist auf gegangen, damit das kleine Kind seinen Frühling erleben sollte, lange bevor ihn die Erwachsenen erleben, die ihn überhaupt erst merken, wenn er im lokalen Teil ihrer Zeitung angezeigt und auf herkömmliche Weise besungen wird.
Fort mit den Erwachsenen! Rings um den Tiergarten grunzen ihre Automobile. In ter Mitte aber steht die kleinste Blume ter Welt, ein Kind von 14 Monaten sieht sie und nimmt mit eigenen zarten Händchen diesen lautlosen und vollkommenen Gruß tes Himmels entgegen.
Ein Kind spricht mit tem lieben Gott. Was kann man tun, als so still wie möglich weitergehen?
Ein andermal begegnet mir dieses am Ufer tes Reuen Sees: Die hängenden Weiten knospen und berühren mit ihren Spitzen das lackalänzente Wasser wie eine langfingrige Frauenhand mit unmerklicher Zärtlichkeit ten Arm eines Mannes. Ich vergleiche das so, weil ichs neulich sah. Im Speisesaa-l eines großen Hotels, wo zwei an einem Tische saßen, und mit gemessener Haltung sich unterhielten. Es war gang hell und viele Lichter und Spiegel und Kellner, und weil es so hell war, faßen sie steif und lächelnd sich zugewandt und sprachen. Sie aber war eine sehr schöne Frau, oh, ich habe sie immer verstohlen angeblickt, denn ihre Augen waren mit wunderbarem Licht auf den Mann gerichtet. Und plötzlich hob sie die Hand und berührte sein Gelenk. Er erstarrte gleichsam in Glut und bewegte sich nicht, aber in ihr Gesicht trat auf etwa zwei Sekunden ein Zug von herrlicher itnS voffkom-
nxmer Verlorenheit. Dann zog sie die Hand zurück, und sie sprachen weiter.
Was schweife ich ab? Wie war es mit den Weitenspitzen und dem Wasser? So war es: sie berührten sich und wußten, daß sie einmal ineinander eintauchen würden, wenn die Weidenblätter erst erwacht sein werten aus ihren pelzigen Knospen. Und sie würden ineinandereintauchen und sich ineinanter verlieren und versinken, und ein Wind würde kommen und die Weite beugen, und dann ist der Frühling da.
e
Da sind Enten auf dem schimmernden glatten Wasser, drei. Ich betrachte sie: zwei Erpel und eine kleine Entin.
Die Ente glänzt in ter Sonne wie geputzt, die Erpel aber treiben allerhand eitlen Unfug, flattern auf, schnattern, schlagen mit ten Flügeln und wünschen Sympathie zu finden.
Am Ufer steht ein junger Mensch, ein Schüler wahrscheinlich, Sekundaner sagen wir mal. Gr trägt eine bunte Mühe und zeigt mit tem Arm, ter die Mappe trägt, auf die Enten. Er zeigt sie einem Mädchen, das dafür Jntereffe hat.
„Paß einmal auf, was die Enten tun.“
Was tun die Enten? Sie sind sich klar darüber, daß ihr undeutliches zu Dritt eine saubere Entscheidung erheische. Sie sind entschlossen, diese Entscheidung herbeizuführen, und darum schwimmt das Entenmädchen zunächst einmal davon. Der Erpel hinterher. Gut. Plötzlich dreht sie sich und schnattert einen scharf an. Wieso? schnattert er zurück. Ich Haffe dich, schnattert sie, fährt ihm obendrein noch ins Gefieder, wendet sich, fliegt auf und geht unweit mit eleganter Kurve aufs Wasser nieder. Der andere Erpel lacht, flattert hinterher, bleibt neben 'ihr, putzt sich, und tut breit im Gefühl tes erwählten Liebhabers. So gleiten sie langsam dahin. Da taucht ter Verlassene mit tem Kopf in ten See, schwimmt unter Wasser und taucht jäh mit trotzigem Schnarr ton zwischen beiden empor. Ja, nicht genug damit, stürzt er sich auch noch auf ten Glücklichen, beschimpft ihn und verseht ihm eins und beweist sich voller Energie und Planmäßigkeit. Rachtem ihm dies gelungen, erhebt er seine Flügel und fliegt davon. Die Ente aber? Diese Ente. Sie dreht sich zum Gepiekten, schnarrt: Idiot! älnd fliegt dem anderen nach. Bald ist sie neben ihm, schräg gehen sie und fern von unserem Ufer auf das glitzernde Wasser nieder.
ünb ter Verlassene, ehemals Glückliche? Was tut er?
„Was tut jetzt ter?“ fragt das junge Mädchen ihren Freund.
„Was geht da« unÄ an“, lacht ter zurück urtb nimmt fröhlich ihren Arm...


