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politischen Partei gleichgeachtet wer-- ben, deren Mitglieberzahl bei den Wahlen ohne weiteres in Erscheinung tritt, und bei der unter­stellt werden kann, daß die Mitglieder einen einheitlich gerichteten politischen Willen haben. Aach seiner eigenen Satzung sei derStahlhelm" ein Bund, der alle Frontsoldaten ohne RÜck - sicht auf Stand. Partei und Bildung umfassen will. Es könne daher keineswegs ohne weiteres der Schluß gezogen werden, daß etwa alle Mitglieder des Stahlhelms hinter einem Volksbegehren auf Auflösung des Landtags stehen würden.

Tas Schreiben des Ministers schließt: Aus diesen Erwägungen kann ich die nach § 2 Absatz 2 des Gesetzes vom 8. Januar 1926 vorgeschriebene Glaubhaftmachung bisher nicht alserfolgt ansehen. Gemäß $5 der Landesabstimmungsord­nung vom 23. Oanuar 1926 sehe ist hiernach zur Beibringung einer weiteren und ausreichenden Glaubhaftmachung eine Fristvvnzwei Mo­naten mit der in der Landesabstimmungsord­nung vorgeschr.ebenen Androhung, daß nach deren erfolglosen Ablauf die Ablehnung des An­trages erfolgen wird. Falls der Stahlhelm nicht in der Lage ist, eine den gesetzlichen Vorschriften entsprechende Glaubhaftmachung für den Antrag seines Vorstandes beizubringen, muß es ihm überlassen bleiben, einen neuen, von 20 000 Stimmberechtigten unterschriebenen Antrag in der in der Landesabstimmimgsordinlng vorge­sehenen Form vvrzulegen.

Oie Antwort des Stahlhelms.

Bereits Vorsorge getroffen, da mit Einwänden gerechnet wurde.

Berlin, 8.Febr. (TU.) Das Bundesamt des Stahlhelms teilt mit:

Das Volksbegehren marschiert! Die recht wort­reiche Erklärung des Herrn Severing, weshalb er auch heute noch nicht glauben möchte, daß hundert­tausend stimmberechtigte Stahlhelmer das Volks­begehren auf Landtagsauflösung unterstützen, kann rasch erledigt werden. Der Stahlhelm hat entsprechend der bisherigen Amtsführung der SPD. in Preußen natürlich von vornherein damit gerech­net, daß die derzeitige Regierung in Preußen aller demokratischen Auffassung zum Trohe den Volks­willen durchaus mißachtet. Das ist nunmehr erneut bewiesen. Wir danken Herrn Severing für diese von ihm offenbar nicht bedachte erste Unterstützung unserer Propaganda im Volke. Die Abhilfe ist ein- sach. Der Stahlhelm hat bereits bei Anmeldung des Volksbegehrens befohlen, daß in den beiden Landesverbänden Berlin und Bran­denburg, wo nur 20000 Unterschrif- t e n gesammelt werden, die auch einer un­gläubigen Regierung gegenüber gesetzmäßig in jedem Falle genügen. Die .dafür nach Vorschrift gedruckten Listen werden vom heutigen Sonntag ab bereits bei den Ortsgruppen aus- gefüllt. Nicht erst in zwei Monaten, sondern in wenigen Tagen wird auch dieser formelle Vorwand des Herrn Severing hinfällig sein. Eine Ver­zögerung im Arbeitsplan entsteht dadurch nicht, weil mit der Absicht des Ministers Severing zur Verschleppuno des Volkswillens nach seinen eigenen vorherigen Ankündigungen bereits gerechnet war. Die Front, die dem Willen des Preußenvolkes verfassungsmäßig Geltung schaffen wird, wächst von Tag zu Tag. Der Widerstand des Herrn Severino kann sie nur verstärken. Im Guten oder Bösen? der Landtag ist aufzulösen! Front Heil!

Die Deutsche Bolkspartei unterstützt das Volksbegehren.

Berlin, 7. Febr. (BDZ.) Der Pressedienst der D V P. teilt mit: Der Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten, hat dem Parteiführer der DvP., tztbg. D i n g e l d e y, offiziell von der Einbringung des Volksbegehrens zur Auflösung des Preußischen Landtags Mitteilung gemacht. Abg. Dingeldey hat darauf geantwortet, daß die DVP. dos Volks­begehren unter st ühen werde.

HTagimKammerspiet-Zyklus

Vortrag von Dr. Ernst Leopold Stahl.

Ter Goebhebund hatte in Gemeinschaft mit der Theaterleitung am Sonntagvormittag Mitglieder »und Gäste au einem Vortrag in das Stadt­theater eingeladen. Der Münchner Theaterwissen- fchaftler Dr. E. L. S t a h 1 sprach über die deut­sche Szenenkunst von denMeiningern bis Piscator. Der Redner beschränkte sich in seinen Ausführungen lediglich auf die Be­trachtung des szenischen Aufbaues und auf dessen Entwicklung während der letzten 50 Jahre. Eine große Anzahl von Bildern unterstützte den Vor­trag. Der Vortragende erinnerte zunächst an*das englische Theater vor 50 Jahren, das dem Publi­kum, dem Theaterbesucher in der detailliertesten Aussührrmg der Szene und der Ausstattung zu­gleich in bewußter Absicht Wissen vermittelte, und stellte dem die Art des Wiener Burgtheaters gegenüber, das seinerzeit unter Heinrich Laube mne Glanzzeit erlebte, während der ober der Szene keine Bedeutung beigemessen war, sondern vielmehr der Schauspieler als Persönlichkeit im Mitteldunkt stand und alles beherrschte. Eine Wandlung in der damals als vorbildlich auch in Deutschland geltenden Aera des Wiener Durg- theaters habe, so führte der Redner aus, die Bühne des Herzogs Georg II. von Meiningen ge­bracht, der ein naturalistisches Theater schuf, zugleich aber die historische Treue zur Forderung erhob und dadurch richtunggebend wurde. Zugleich sei in dieser Form des Theaters die Machtvoll­kommenheit des Schauspielers, des Stars ge­brochen und seine Kraft einem Ensemble unter­geordnet worden. Im Sinne des Hoftheaters zu Meimngen habe man dann an fast allen deut­schen Bühnen reformiert. Die Bewegung habe jedoch auch Gegner gefunden und aus dieser Gegnerschaft heraus sei die Shakespearebühne zu München geschaffen worden, die die Gegenständ­lichkeit der naturalistischen Meininger Bühne in eine vereinfachte und mehr symbolische Form überführte. Max Reinhardt, der in der Zeit von 1905 bis 1914 in seiner Eigenschaft als Direktor des Deutschen Theaters wirkte, Hobe die Art der Shakespearebühne fortgesetzt und weiter ver­fochten Er sei es auch gewesen, der zur Be­arbeitung der Szene die darstellenden Künstler in erhöhtem Matze in den Dienst des Theaters stellte und dadurch das künstlerische Riveau der szenischen Gestaltung hob. In seinen weiteren

Der Reichskanzler spricht vor den westfälischen Handwerkern.

M ü n st e r, 8. Febr. (WTB.) Auf einer in An­wesenheit des Reichskanzlers, mehrerer Minister und zahlreicher Vertreter der Reichs-, Staats- und Kommunalbehörden abgehaltenen Kundgebung des westfälisch-lippifchen H a n d w e r k e r b u n d e s , zu der sich etwa 8000 Handwerker eingefunden hatten, sprach der preußi­sche Finanzminister Dr. Höpker-Aschoff. Er erklärte, nur durch strengste Sparmaß­nahmen könne man trotz wachsender Last der Wohlfahrtspflege einen ungefähren Ausgleich der Etats in Reich, Ländern und Gemeinden herbeiführen, der kommen müsse, wenn die Wirt­schaft intakt bleiben solle. Die Lage sei nirgends hoffnungslos. Ein starkes Verantwortungsbewußt- fein aller Körperschaften und eine starke Füh­rung seien die Voraussetzung für einen Wieder­aufstieg.

Staatsminister a. D. von Raumer wies dar­auf hin, daß es in den großen Kulturstaaten der Welk mehr als 20 Millionen Arbeits­lose gebe. Die Arbeitslosigkeit sei das Hauptpro­blem Deutschlands, und darum müsse unsere Han­delspolitik auf Erhaltung der ausländi­schen Märkte dringen. Hier sei die Grenze gezogen für Möglichkeiten, die Zollwünsche der Landwirtschaft zu berücksichtigen. Die Hauptursache der deutschen Krise sei die Zerstörung der Rentabilität, und die Arbeitslosigkeit könne nicht eher behoben werden, als unsere Wirtschast wieder rentabel sei. In den letzten zehn Jahren seien in Deutschland Gesetzgebung, Verwaltung und öffentliche Hand zu sehr gegen das Unter­nehmertum eingenommen gewesen: das müsse anders werden, da alle Reserven durch diese falsche Politik, die Verdienst und Sparen un­möglich gemocht hätten, aufgebraucht seien. Nur der Glaube an erttagreiche Arbeit könne den Weg aus der Verzweiflung zu neuen Höhen bereiten.

Das Mitglied des Reichstages Feuer bäum (Dortmund) kritisierte die Preisabbau­aktion, die von der Reichsregierung wohl gut gemeint sei, in ihrer Durchführung jedoch gerade die s ch w ä ch st e n Schultern des gewerblichen Mittelstarrdes treffe. Das Handwerk fordere die Abkehr vom Staatssozialismus und wieder Raum für freie Wirtschaft.

Reichskanzler Dr. Brüning, von rauschendem Beifall begrüßt, dankte für den freundlichen Empfang. Manche Kreise im Volke seien der Lieberzeugung, daß das, was die Reichs­regierung bislang getan und was sie als nächste Maßnahmen angedeutet habe, nicht das­jenige Tempo aufweise, was der Größe der augenblicklichen Rot entspreche. Die Kritik sei berochtigt. Aber die Fehler der letzten zwölf Jahre liehen sich nicht an einem Tage aus der Welt schaffen, und die Maßnahmen müßten getroffen werden zu einer Zeit, wo sie am härtesten drücktsn. Aber gerade die größte Rot peitsche am stärksten an, um außergewöhnliche Reformen durchzuführen und die höchste Rot zwinge auch, den Höch st en Glauben« an die eigene Kraft aufzu­bringen.Glauben Sie nicht", so sagte der Reichs- kanzlar,daß die Regierung auch nur im ge­ringsten in der Lage ist, das deutsche Volk in dem Sturz den Berg hinunter aufzuhalten allein durch gesetzgeberische Maßnahmen. Das einzige, was das deutsche Volk in dieser ver­zweifelten Stunde retten kann, ist der Glaube an sich selbst und an seine Kraft. Dieser fängt an in dem Augenblick, in dem das Volk Vertrauen zu seiner Regierung hat. Die frühere schöne Zeit der Resolutionen ist vor­über.

Wenn ter Reichstag den Landwirtschastsetat und die Osthilfe erledigt habe, habe er genug getan, und es wäre wünschenswert, wenn er nach dieser Arbeit eine größere Pause mache, aber freiwillig. Die Regierung könne dann an die schwierige Frage der Reform einzelner Teile der Sozialversicherung und Wvhnungswirtschaft Herangehen und diese Gesetze später dem Reichstage unterbreiten.

Ich wünsche, so schloß der Kanzler, daß Sie alle die Freiheit in Ehren halten, daß Sie die Ver­antwortung schaffen, auf der sich die Freiheit im Innern und nach außen aufbauen kann, daß Sie Ordnung schaffen für jeden Aufstieg. Einigkeit in der Verantwortung zwischen Volk und Regierung. Ablehnung jedes sinnlosen Radikalismus, dann ist die Grundlage gelegt, auf der wir weiterbauen: können. Die Ausführungen des Kanzlers wur­den mit stürmischem Beifall ausgenommen.

Einigung über die Osthilfe.

Berlin, 9. Febr. (ERB.) Wie wir erfahren, ist es nunmehr gelungen, eine Einigung in der Osthilfe - Frage herbeizusühren. Das Ostkom- missariat ist sowohl mit Preußen als auch mit der Industrie einig geworden. Die Füh­rung bei der LImschuldung wird bei der Dank für Jndustrieobligationen liegen. Außerdem werden die Rentenbank-Kreditanstalt und die Preußcnckasse eingeschaltet, irnd zwar entsprechend der Höhe der Aufbringung, die sich bei der Bank für Industrie-Obligationen auf 500 Millionen, bei der Rentenbank auf 50 und bei der Preußen- lasse auf 25 Millionen beläuft. Auch in der Frage, ob Arbeitsgemeinschaften von etwa zehn bis fünfzehn Gütern oder Haftungsverbände geschaffen werden sollen, die große Bezirke umfassen und bei der Umschuldung für die zweiten Hypotheken dem entsprechen wür­den, was die Genera llandschast für die erste Hypothek bedeutet, ist eine Einigung herbei­geführt worden. Man hat ein Kompromiß ge­funden, das die Vorzüge beider Lösungen in sich vereinigt und gewisserTnaßen Wirtschafts- Verbände von mittlerer Größe schafft. Damit sind auch die Standpunkte von Industrie und Landwirtschaft ausgeglichen.

Am heutigen Montag werden die Formulierun­gen für diese Einigung in einer Art Redakti-ons- sihung festgelegt. Am Dienstag und Mittwoch soll in Chefbesprechungen der beteiligten Ressorts der Gesetzentwurf ferttagestellt werden, so daß sich dann am Donnerstag das Kabinett mit ihm

Ausführungen ging der Redner noch kurz auf die expressionistische Bühnengestaltung ein und zeigte Arbeiten der Russen, die es dabei zu einiger Reife gebracht haben. Schließlich be­schäftigte sich der Redner noch mit der Szenen­führung Piscators, der als Radikalist gänzlich neue Wege geht. Der Vortragende nahm zu der Person Piscators kritisch Stellung, betonte, daß Piscator als schöpferische Kraft und als Künst­ler nicht übersehen werden könne, der von ihm gepflegten Form des politischen Theaters müsse man aber ablehnend gegenüberstehen, denn es sei nicht in Verbindung mit dem wahren Wesen des Theaters zu bringen, in geistiger Einseitig­keit an das Publikum heranzutreten: das Partei­theater, das sich aus dem politischen Theater entwickeln werde, sei eine Llnnwglichkeit. Zum Schluß seiner Ausführungen bezeichnete der Red­ner das heutige Theater als das Feld des großen Schauspielers, woraus sich im Hinblick auf die geschichtliche Entwicklung ergibt, daß das Theater einem ständigen Wechsel unterworfen ist, der von den Forderungen der Stunde diktiert wird. Der Vortrag, der vom Redner selbst ledig­lich als ein Spaziergang durch die Geschichte der szenischen Gestaltung des Theaters bezeichnet wurde, und diese Lime auch einhielt, fand leb­haften Beifall.

Goll man, oder nicht?

Von (Siegfried von Vegesack

Ich meine nicht heiraten, rauchen oder trinken. Ich meine Staub wischen: soll man Staub wischen, oder nicht?

Jeden Tag wird in jedem Haushalt mindestens eine Stunde Staub gewischt, ©taub gesaugt, Staub gekehrt, Staub abgeklopst, eine Arbeits­kraft und Energie verschwendet, die, produktiv angewandt, wahrscheinlich unser wirtschaftliches Elend beheben, jedenfalls unser Leben wesentlich angenehmer und geräuschloser gestalten würde.

Mein alter Onkel Oscha pflegte zu sagen Wozu Staub wischen? Wo er liegt, da liegt er!" Er meinte ganz richtig: durch das Wischen würde der Staub nur aufgewirbelt, nicht aber beseitigt. Als Kind seiner Zeit glaubte er noch an den Staub. Die Lehre vom Staub beherrschte damals noch alle Köpfe. In den Schulen wurde sie ein­getrichtert, in den Kirchen gepredigt. Staub war das, was der Mensch einmal werden würde. Lind da der Mensch viel zu sehr von seiner Be­

befassen Eann. In unterrichteten Kreisen rechnet man nun damit, daß es gelingt, das Osthilfe- Gesetz bisEndeder Woche zu erledigen, damit es dann sofort auf den parlamentarischen Weg gebracht wird. Angesichts der großen Schwierigkeiten, die gerade dieses Problem in den letzten Tagen und Wochen gemacht hat, sieht man in der Lösung einen Erfolg des Kabinetts und namentlich des Reichsministers Treviranus.

Tittoni f.

Der Liquidator des Dreibunds.

Rom, 7. Febr. Der frühere italienische Mi­nister des Auswärttgen, Senator Tomasso T i t- toni. ist heute im Alter von 82 Jahren an den Folgen einer Grippe g e sto r den.

Tomasso Tittvni, der am 16. Rovember 1855 in Rom geboren wurde, hat nach einer erfolg­reichen parlamentarischen Laufbahn als Außenminister verschiedener Kabinette in den für das Schicksal des Dreibundes entscheideirden Jahren 1903 bis 1 9 09 mit kurzer Llnter- brechung die intemattonale Politik Italiens ge­leitet. Er war einer der ausgesprochen enten» tistischen Staatsmänner Italiens. Sein Amts­antritt in dem neugebildeten Kabinett Giolitti im Rovember 1903 erfolgte wenige Wochen, nachdem das italienische Königspaar in Paris einen offiziellen Besuch abgestattet hatte und neue Gerüchte über eine Lockerung des Dreibundes entstanden waren. Tittoni nahm wiederholt Gelegenheit, sein Festhalten an den

beutung eingenommen war, um anzunehmen, daß er sich in Richts auflösen könnte, klammerte er sich mit Scheu, ja, mit heimlicher Ehrfurcht an das magische Wort Staub.

Der Staub hat also seine metaphysischen, reli­giösen Hintergründe. Daneben symbolische Be­deutung: manschüttelt den Staub von den Füßen. Llebrigens: haben Sie jemals einen Menschen gesehen, der den Staub von den Füßen schüttelt"? Oder haben Sie ihn selbst geschüttelt? Wie tut man das? Schlenkert man verächtlich mit dem Fuß in der Luft, oder stampft man ver­bissen auf einer Stelle, bis der Staub herunter­fallt? Eine recht aussichtslose Sache. Und genau so aussichtslos, so sinn- unö zwecklos ist der ganze, durch Generationen fortgesetzte Kultus, der mit dem Staub getrieben wird.

Früher wurde dieser Kultus wenigstens ge- räuschtss, mit einer gewissen sakralen Andacht verrichtet. Es gab kunstvoll gehäkelte Staub- läppchen, malerische Staubwedel, mit denen man feierlich, wie segnend, alle Dinge berührte. Da der Glaub als letztes äieberbleibsel des Menschen verehrt wurde, lag in dieser lautlosen, allmorgend­lichen Handlung etwas vom Toten- und Ahnen» kultus unserer Vorfahren. Ich kannte ein Stuben­mädchen. das mit verglasten Augen, völlig geistes­abwesend, stundenlang Staub wischte. Als ich es einmal genauer beobachtete, entdeckte ich, daß es die Gegenstände überhaupt nicht berührte, son­dern mit der andächtig gehobenen Hand nur geheimnisvolle Zeichen in der Luft beschrieb. Seitdem wurde mir die metaphysische Bedeutung des Staubes und des Staubwischens klar.

Die heutige Zeit hat für Metaphysik und Ahnenkultus äußerst wenig übrig. Dafür hat sie den Reinlichkeits- oder Hygiene-Fimmel. Staub ist für uns nicht mehr letzte, kaum sichtbare Sub­stanz des menschlichen Dasein, sondern Rähr- boden für Bakterien, Bazillen und Mikroben. Staub muß entfernt werden, und zwar auf eine möglichst radikale, geräuschvolle Art. weil nur ohrenbetäubender Lärm die Gewähr dafür bietet, daß überhaupt etwas geschieht. So entstand der Staubsauger, dieses dröhnende, alles verschlin­gende Ungeheuer, das allen Staubläppchen und Staubwedeln ein jähes Ende bereitete.

Ich weiß: die Hausfrauen und Hausmädchen sind von diesem Ungetüm begeistert. Erstens kann man alles viel schneller und gründlicher er­ledigen, zweitens ist der schnurrend Staubsauger lustiger, großartiger, als der stille, bescheidene Staublappen. Man braucht nur den Stöpsel in

Verträgen mit Deutschland und Oesterreich ge betonen. Auch rückte er gleich zu Beginn seiner Tätigkeit von den irvedcntistischen Bestrebungen ab, die sich gegen österreichische Gebiete richteten. Aber die Algeciraskonferenz betätigte den nach dem Besuch des französischen Präsi­denten Loubet in Rom im Jahve 1904 aufS neue entstandenen Eindruck, daß die italienische Politik unter Leitung Tittonis immer mehr ins Fahrwasser Frankreichs und Englands geriet. Der Gegensatz zu Oesterreich verschärfte sich durch die bos­nische Annektionskrise, in der Tittvni den von Oesterveich und Deutschland abgelebten Vorschlag einer europäischen Konferenz unter­stützte. Sein Werk ist die bald darauf erfolgte Begegnung von Racconigi (1909), die die italienisch-russische Jnteressen- solidarität unterstrich.

Im Jahre 1910 ging Tittoni als Botschafter nach Paris, wo er bis zum Jahre 1916, also bis nach dem Eintritt Italiens in den Krieg, blieb. Im Juni 1919 wurde er im Kabinett Nitti wiederum Außenminister und wirkte als solcher maßgebend an der Ausarbeitung der Verträge von St. Germain, Trianon und Neuilly mit. In den Jahren 1920 bis 1922 führte er regelmäßig d i c italienischen Delegationen beim Völ­kerbund. Später wurde er zum Pp-»siden - t c n des Senats gewählt. Dieses Amt bekleidete er auch nach dem Sieg des Faschismus bis zum Jahre 1929. Er war danach der erste Präsident der von Mussolini gegründeten Accademia d'Jta- l i a. In der Nuova Antologia und anderen führen­den Zeitschriften hat er in zahlreichen Aufsätzen zur Kriegsschuldfrage Stellung genommen, nachdem er selbst schon lange zu einet nur noch historischen Persönlichkeit geworden war.

Aus aller Welt.

Temperaturrückgang in Südwestdeutsckstand.

Das außerordentlich starke Absinken der Tem>- peraturen in den letzten Tagen hat eine erheb­liche Verschärfung der Kälte in Süd­westdeutschland mit sich gebracht. Montag früh wurden in Freiburg und ilmgegenb bis zu 17 Grad gemessen. In freien Lagen des Oberrheintales erreichte das Thermometer 20 Froftgrade. In mittleren Gebirgslagen wurden stellenweise Temperaturen über 20 Grad Kälte gemessen. Dagegen macht sich auf dem Feldberg Temperaturumschlag be­merkbar. Auch in Württemberg dürfte der Mon­tag der kälteste des bisherigen Winters gewesen sein. So meldet der Flugplatz Böblingen bev Stuttgart eine Morgentemperatur von 19 Grad Kälte. Aehnliche Temperaturen wurden von verschiedenen anderen Orten ge­meldet.

Tragischer Tod eines Volksschülers.

In Offenburg (Baden) fuhr der 9 Jahre alte Volksschüler Fridolin Hug, Sohn des Loko­motivführers Hug, beim Rodeln in Oberhar­mersbach auf den letzten Personenwagen des Zuges der Nebenbahn BiberachOberharmersbach auf, wurde zurückgeworfen und brach das Genick. Er war sofort tot. Den Zug, der dem Knaben zum Verhängnis wurde, führte fein eigener Vater.

Schwerer Raubüberfall im Nachtschnellzog.

Im Rachtschnellzug Köln Brüssel wurde am Sonntcrgmvrgen ein schwerer Raubüberfall verübt. Der holländische Spediteur R o h m a n befand sich allein in einem Abteil zweiter Klasse des Zuges, der gegen ein Hfyr den Kölner Haupt­bahnhof in Richtung Belgien verläßt. Gr hatte sich nie der gelegt und war bald fest ein- geschlafen. Hinter Lüttich bemerkte er, wie, sich ein -Unbekannter an seiner Jackentasche zu sch affe n machte. Er versuchte sich r Wehr zu sehen, wurde aber von dem Stäube >. mit einem scharfen Gegenstand besinnungslos ge­schlagen. Eine Dame im Rachbavabteil zog kurz entschlossen die R o t b re m s e, und der Zug kam zum Stehen. Die Bahnbeamten fanden sofort den Lieberfallenen, der schwer zugerichtet in einer Blu tlache lag. Im selben Augenblick sahen die Beamten einen Mann aus dem Wasch­raum herausstürzen und aus dem Zug sprin-

den Kontakt zu stecken, die schmale Metallschnauze spazieren zu führen, und der Staub macht sich ganz von selbst aus dem Staube.

So wurde aus der kultischen Handlung ein maschineller Betrieb. Aber der Glaube an den Staub, an die Rotwendigkeit seiner Beseitigung ist geblieben.

Lind trotzdem: ich kann und darf meine welt- umstürzende Entdeckung nicht verheimlichen. Auf Grund wochcnlanger. genauester Untersuchungen erkläre ich hiermit feierlich: es gibt keinen Staub! Staub ist ein Aberglaube, eine seit ©enerationen übernommene Wahnvorstellung, eine fixe Idee, die nur in unseren Köpfen, nicht aber in der Wirklichkeit existiert. Staublappen, Staubwedel uni) Staubsauger kämpfen gegen ein Phantom, und grade deshalb ist ihr Kampf so hoffnungslos, weil Phantome nicht auszurotten sind.

Wie alle großen Entdeckungen beruht auch meine auf einer Verb küssend einfachen Beobach­tung. Seit Wochen wohne ich allein in unserem alten Turm. Mittags kommt die gute Hirt­reiterin, eine Frau aus dem Dorf, und kocht mir das Essen. Alles übrige, Heizen usw. erledige ich selbst. Als meine Frau mit den Kindern, die in die Schule müssen, zur Stadt fuhr, fragte sie mich besorgt:

Lind wer wird den Staub wischen?" Riemand", erklärte ich kaltblütig.

Meine Frau nahm von mir Abschied, als wollte ich zu einem tollen Transozeanflug starten.

Uni) nun warte ich Tag für Tag auf den Staub. Aber er kommt nicht. Er ist einfach nicht da. Ich suche ihn. kann ihn aber nirgends entdecken. Ich fahre mit dem Finger über die polierte Schreibtischplatte. nichts. Ich starre ange­strengt auf die Glasscheibe eines Bildes, nichts. Lleberall, wo sonst jeden Morgen die (Staub- läppchen emsig hin und her tupften und zu meiner Verzweiflung alle Dinge durcheinander brachten, oder wo der Staubsauger sein geräuschvolles Un­wesen trieb, laute ich gespannt, mit wachsender Neugier auf jenes? rätselhafte Ding, das doch jetzt m Erscheinung treten müßte. Aber auch unter

Lupe ist auch nicht ein Staubkörnchen fest- zustellen! Beim Ofen setzt sich ein wenig Asche ab. Das ist alles. Aber Asche ist nicht Staub.

Wenn es nun aber keinen Staub gibt,- was werden wir dann nach dem Tode? Meine Entdeckung rührt an ernste, metaphysische Pro- b.eme. Jedenfalls wird sie viel ©taub auf* wirbeln. Wenn man dieses Bild überhaupt noch anwenden darf.

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