Ausgabe 
8.12.1931
 
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Nr. 28? Zweiter Matt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

Dienstag, 8. Dezember fyZf

Baumwollkaiastrophe in Aegypten.

Don unserem E. (Z.-Berichterstatter.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

Luxor (Oberägypten). Ende November 1931.

Die Baumwolle wurde schon im alten Aegypten gepflanzt und geschätzt. Im Laufe der Zeiten geriet diese Kultur dann gänzlich in Vergessenheit, bis sie vor etwas mehr als hundert Jahren wieder in Aegypten eingeführt und allmählich zum w i^h - tigften Faktor der ägyptischen Volks­wirtschaft wurde. So bedeutend waren ihre Er­träge bis vor kurzem, daß man alle übrigen Boden­produkte ihretwegen vernachlässigte und Obst. Wei­zen, Reis und allerhano andere zum Lebensunter­halt und zur Wirtschaft nötigen Dinge aus fremden Ländern einführte. Zur Zeit steht Aegypten, gleich den übrigen Staaten mit großem Baumwollbau, unter dem Druck einer schweren Krise, die hier ans Herz der Volkswirtschaft greift und allen Bemühungen, ihrer Herr zu werden, spottet. Unter ihr leidet der reiche Großgrundbesitzer wie der ihm Frondienste leistende Fellache, der Expor­teur, der für die Unterbringung seiner sonst so ge­suchten Ware keinen Absatz findet, kurzum, der ganze Handel und die ganze Wohlfahrt des Volkes. Die ägyptische Ware wurde eben überall, auch in Ländern mit eigenem starken Baumwollbau, wegen ihrer überragenden Qualität, die sich in der Halt­barkeit und dem Glanz des Fadens zeigt, gern ge­kauft und hoch bewertet.

Drei Viertel des ägyptischen anbaufähigen Bo­dens wurde daher der Baumwollkultur gewidmet. Die jährlichen Einnahmen, die den größten Teil der gesamten Volkseinnahmen bildeten, betrugen durch­schnittlich etwa 55 000 bis 60 000 ägyptische Pfund. Noch im Jahre 1927, einem allerdings äußerst gün- ftigen Jahr, sind nicht weniger als 993 000 Ballen Baumwolle exportiert worden, deren Preis pro Kantor (1 K. = 66 Pfund) vorübergehend sich sogar bis auf 20 bis 30 Dollar hob. Aber schon im folgen­den Jahre gingen Preis und Nachfrage dauernd zurück. Im Jahre 1929 stockte der Export fast gänz­lich, die Krise setzte ein, und gegenwärtig wird die Baumwolle sogar nur mit bis 4 Dollar pro Kantor gehandelt. Bei den großen Kosten, die die Bestellung des Bodens, besonders das Pflücken der reifen Frucht fordern, erzielt der arme Bauer nicht allein keinen Gewinn, sondern er schließt noch dazu mit einem Defizit ob. Wie teuer ihm diese Kultur zu stehen kommt, ersieht man daraus, daß die Er­giebigkeit der Ernte von der sorgfältigen Pflücke abhängt, die viermal Holm für Halm mühsam und handlich ousgeübt werden muß. Im verflossenen Sommer kam es daher verschiedentlich vor, daß die nicht bezahlten Pflücker den Abtransport der Baum­wolle gewaltsam verhinderten. Sie setzten sich auf die an den Stapelplätzen angehäuften Säcke und gaben sie nicht frei, bis ihnen der schuldige Lohn ausgezahlt wurde. Ohne Vorschuß kann der kleine Mann deshalb an *)ie kommende Bepflanzung seines Feldes nicht denken. Die Zinsen zu zahlen ist er aber ebenso wenig imstande. Er ist daher genötigt, seinen Besitz für geringen Preis zu verkaufen, wenn ihm nicht bald eine durchgreifende Hilfe zu­teil wird.

Wie es zu dieser katastrophalen Lage kam? Es erging der ägyptischen Baumwolle eben nicht besser als der Baumwolle anderer Länder, äleber- all wurde zu viel Baumwolle gebaut, wodurch das Mißverhältnis zwischen Produktion und Konsum nicht ausbleiben konnte. 3m be­sonderen Falle kam jedoch noch hinzu, daß die

ägyptische Baumwolle durch den hohen Zoll, den ihr Amerika zum Schuh des eigenen Produktes auferlegte, fast gänzlich vom ameri­kanischen Markt verdrängt wurde, was auch ganz der Absicht entsprach, obwohl die ägyp­tische Baumwolle von anerkannt vorzüglicher Qualität ist. dank der Haltbarkeit ihres Fadens weit geringere Kosten bei der Verarbeitung er­fordert und sich außerordentlich gut zur Mi­schung mit geringeren Qualitäten eignet. Bisher wurde sie dieser wertvollen Eigenschaften wegen besonders von Amerika ungern vermißt.

Dem Beispiel Amerikas folgten bald China. Japanund Indien. Die Ausfuhr ägyptischer Baumwolle nach Vorderindien betrug in guten Zeiten durchschnittlich gegen 800 000 Kantar. Man kann sich daher die Bestürzung der ägyptischen Regierung vorstellen angesichts der Maßnahmen dieser Staaten. Dazu kam. daß England durch die schlechte Lage seiner Baumwollindustrie bis zum Zusammenbruch des englischen Pfundes die Bestellung in Aegypten aufs äußerste beschränkte. Letzten Endes trug die Bevorzugung der K u n st s e i d e vor der Baumwolle nicht wenig zur Verschärfung der Krise bei. Denn wer legt heutzutage noch viel Gewicht darauf, seine Truhen mit baumwollenen Wäschestücken und haltbaren Makkostrümpfen zu füllen, wenn ihm Frau Mode ihre gleißnerischen, farbenprächtigen und duftigen Erzeugnisse aus Kunstseide danebenhält! Da wuß­ten die alten Aegypter ihre baumwollenen Ge­webe doch besser zu schätzen. Hätte ein Pharao sonst den Küraß, den er als Ehrengeschenk nach Sparta sandte, mit Baumwolle und Gold über­ziehen lassen, wie Herodot der Rachwelt erzählt?

Begreiflicherweise ist die Regierung ge­genüber der Gefahr, die der Wirtschaft und der Bevölkerung droht, nicht müßig geblieben. Schon vor zwei Zähren schritt sie zur ersten Hilfs­aktion. Zn der Hoffnung, die Preise halten und den Markt beleben zu können, kaufte sie im Zn- nern des Landes einen großen Stock Baumwolle, den sie in Alerandrien deponierte und nach und nach zu verkaufen gedachte. Die weiteren Ankäufe wurden von ihr mit 75 Prozent des Preises be- liehen. Zm September d. Z. gründete sie ein besonderes Kreditinstitut, das dem Bauer zu langfristigen, aber kleinen Zinsen die Mittel vorschießt, deren er zur nächsten Bestellung seiner Felder dringend bedarf. Die schon enteig­neten» Ländereien beabsichtigt die Regierung selbst zu übernehmen, um dem arbeitslos gewordenen Fellachen wieder eine neue Betätigungsmöglich­keit zu geben. Durch ein Dekret aber wurde be- schlofsen, daß ab 1932 nur einViertel des anbaufähigen Bodens mit Baum­wolle bepflanzt, der überwiegende Teil aber anderen Zerealien eingeräumt werde, die jetzt noch aus fremden Ländern zu hohem Zoll eingeführt werden müssen.

Die erste Intervention der Regierung war e i n Schlag ins Wasser. Die Preise zogen nur vorübergehend an, vergrößerten aber die Hn» sicherheit der Märkte und führten zu schweren Verlusten der Znteressenten. Rach deren An­sicht wäre es für alle Teile besser gewesen, die Regierung hätte den Märkten ihre freie Be­wegung gelassen. Das Parlament wird vielleicht auch gar nicht das Gesetz der Anbaubeschränkung billigen. Hier ist eben das Eingreifen der Re­gierung in derartige Angelegenheiten nicht be­liebt. Es besteht außerdem die Ueberzeugung, daß jede gesetzliche Einmischung überflüssig sei, weil bei der Fortdauer niedriger Preise sich die Beschränkung der Baumwollkultur auto­matisch ergeben wird. Das ist schon ersichtlich.

ALBERT H. RAUSCH

Unterwegs

VI. Phantastische Nacht

Südeuropa. Vor einigen Jahren. Ich hatte mir Dorgenommen, in das Bergnest hinaufzureisen, das wir Gamma nennen wollen. Da ich von weither kam, tonnte ich am Abend keine Verbindung mehr haben und mußte in der kleinen Hafenstadt Phitris übernachten. Ich hatte mich erkundigt, ob dies mög­lich sei und van einem Mönch die Auskunft erhalten, es gäbe in Phitris einen ordentlichen Gasthof. Ich kam an einem heißen Maiabend, gegen halb neun Uhr' an. Mit einem unmöglichen, schmutzigen, aus abgerackerten Wagen zusammengesetzten Zug. Ein alter Mann fragte nach meinem Gepäck. Er sah verwahrlost aus und hatte einen unangenehmen Blick. Als er merkte, daß ich mich in der Sprache seines Landes geläufig ausdrückte, wurde seine Hal­tung verbindlicher. In welches Hotel ich gehen solle, fragte ich. Schon standen Kutscher um mich, wilde, dreckige Kerle, die vorsintflutliche Kaleschen fuhren. Grand-Hotel, schrie einer, oben in der Stadt. Das Erste. Excelsior, rief ein anderer, auch oben. Noch besser. Der Gepäckträger schwieg. Ich lachte. Ich wußte daß es weder ein Grand-Hotel noch ein Excelsior gab. Ich lachte die Burschen auch aus, als sie mir einen Preis machten.

2)uru) zehn geteilt, rief ich. Und dann noch wegen Gaunerei zuerst zur Polizei!

Sie grinsten.

Schert euch zum Teufel! Ich lasse mich nicht von euch fahren.

Der Träger nahm die beiden Koffer.

Also ins HotelZur Eisenbahn"?

Jawohl. Zu Fuß. In drei Minuten ...

Die Kutscher fuhren ms nach. Wir kamen vor einem finsteren Gebäude an. Lichtloser, überwölbter Treppenaufgang. Geruch wie aus nie gelüfteten Kellern.

Ist dies das Hotel?

Im ersten Stock, sagte der Träger.

Wir gingen weiter. Zweite, von einer Oelfunzel erleuchtete Treppe. Oben eine Tür mit zerbrochener Milchglasscheibe. Dahinter ein Steinflur, völlig dunkel Der Träger schrie einen Namen, den ich nicht verstand. Eine Tür ging und schlug zuruck. Schritte schlappten herbei. Ich zündete ein Wachs­streichholz an, um zu sehen. Ein Kellner stand vor mir in einem Frack, der vor Schmutz starrte. Kragen und Krawatte fehlten. Kein Wort wurde gesprochen. Der Kellner stieß eine gerade vor uns liegende Tur auf. Die Helle der Bahnhofslampen flutete plötzlich über uns und durch das offene Fenster des Zimmers, in dem ich schlafen sollte. Es ging auf das Meer, dessen heftiges Rauschen zu hören war. In dem Raum war nichts außer einem Stuhl, einem eisernen

Waschgestell und zwei Feldbetten, deren eines über­zogen, das andere unüberzogen war. Ein zerbroche­ner Nachttopf stand in einer Ecke.

Hier bleibe ich nicht, sagte ich. Haben Sie keine andren Zimmer?

Das beste im Haus, sagte der Träger. Nehmen Sie es rasch, Herr. Wenn der letzte Zug von Kastris ankommt, wird es sosort vermietet.

Nein. Das Zimmer ist ja nicht einmal oer- schließl^lr.

Niemand schließt hier die Zimmer ab. Wir sind ehrliche Leute, sagte der Kellner.

Ich bleibe hier nicht. Tragen Sie mein Gepäck zum Bahnhof zurück. Ich werde die Nacht am Meer mit den Fischern verbringen.

Als wir eben wieder im Korridor ankamen, öffnete sich die Tür des benachbarten Zimmers. Ich iah viele Kerzen brennen, ein Duft orientalischer Par­füme umschlug mich, vermischt mit dem Geruch starker Zigaretten und ein Mann von etwa fünf­unddreißig Jahren stand auf der Schwelle.

Was gibt es hier?

Kellner und Träger duckten sich. Ich starrte Den Fremden an. Ein Herr, ohne jeden Zweifel. Irgend­ein Großer der Provinz: schön, sehr groß, kohl­schwarz, gebieterisch. Ein Blick aus seinen harten Augen auf den Träger und schon waren meine Koffer in den lichtflimmernden Raum geschoben Ein anderer Blick auf den Kellner und schon schlich dieser davon ... Ich entlohnte den Träger, der mich entgeistert ansah, und folgte der Einladung des Fremden, einzutreten.

Verzeihen Sie meine Intervention. Ich bin der Fürst Tasmcmis Mir gehört der meiste Grundbesitz dieses Landes und der größte Teil der Hafenfischerei. Auch die beiden Fabriken, deren Lichter Sie dort neben dem Bahnhof sehen. Sie können in dieser Spelunke nicht wohnen. Ich sehe, wen ich vor mir habe. Deshalb erlaube ich mir. Sie einzuladen, auf dem Diwan dieses Zimmers zu schlafen. Dort sind Sie sicher. Es darf Sie nur nicht stören, daß mein Diener auf der Matratze vor meinem Schlafzimmer liegen wird ... m c ,

Ich nannte meinen Namen, meinen Beruf, be­dankte mich und fragte schließlich:

Ja wo bin ich denn eigentlich hier hingeraten?

Sie sind im HotelZur Eisenbahn". Das ist schon richtig. Der Besitzer ist augenblicklich im Ge­fängnis. Er hat sich etwas zu sehr mit einer Weizen- labung im Güterschuppen beschäftigt ... Der alte Kellner vertritt ihn. Er ist kein Gauner. Aber er kuppelt. In den hinteren Zimmern soll allerhand vorgehen. Geschäftsreisende wissen das besser als ich. Ich muß hier wohnen. Mein Haus ist beim letzten Erdbeben zerstört worden, das neue noch nicht fertig. Wenn Sie wiederkommen, werden Sie mir dort die Freude machen ... Hier über uns, im zweiten Stock­werk, ist eine Entbindungsanstalt. Wundern Sie sich nicht, wenn Sie plötzlich Geschrei und Gewimmer hören oder Rennen auf den Treppen. Es gibt keine Wasserleitung. Das Wasser wird in großen Zubern an der Hofpumpe geholt. Ich will Sie noch auf eins aufmerksam machen: das WC. ist in der Kammer

3m Zahre 1927/28 ergab die Ernte beispielsweise etwa 8,5 Millionen Kantor, die pro Kantor bis zu 30 Dollar einbrachte. Schon im 3ahre 1930 wurden nur 7,8 Millionen Kantor zu Preisen von 10 bis 12 Dollar verzeichnet. Die gegen­wärtige Ernte beträgt aber nur 6,5 Millionen Kantar. Zu welchem Preise diese Ernte schließ­lich losgeschlagen werden wird, ist noch gar nicht festzustellen, wahrscheinlich weit unter dem vor­jährigen.

Allerdings hat sich die Lage inzwischen etwas gebessert. Einmal ist Lancashire durch die Entwertung des englischen Geldes wieder in Erscheinung getreten, dann hat Rußland be­trächtliche Ankäufe gemacht, die die stark be­lasteten Regierungsbestände in erfreulicher Weise entlasteten. Allem Anschein nach sind auch noch Verhandlungen mit anderen Staaten im Gange. Dabei ist zu bemerken, daß sich der ägyptische Export von jetzt ab andere Absatzgebiete wie bis­her suchen muß, denn verschiedene Länder, die ehedem nicht unbeträchtliche Abnehmer der ägyp- ttschen Baumwolle waren, haben bei sich selbst oder in ihren Kolonien mit eigener Daumwoll- kultur begonnen.

Für die Aegypter ist jetzt in erster Linie zu erwägen, auf welche Weise man den frei» gewordenen Boden am besten ausnuht, denn mit oder ohne gesetzliche Einmischung sind die meisten Großgrundbesitzer fest entschlossen, ihre Ländereien in anderer Weise zu bebauen. Reis, Weizen, Mais, Hülsenfrüchte und Obst aller Sorten stehen voraussichtlich an erster Stelle. 3 ute, in größerem Maßstab gepflanzt, soll für Säcke und Taue, die bisher im 3mport eine große Rolle spielten, verwandt werden, und die Rizinuspflanze zur Ge­winnung von Oelen. Von dem Gebrauch fertiger medizinischer Präparate will man sich losmachen, indem die Pharmazeuten angewiesen werden, die nötigen Medikamente nach ärztlichen Verschrei­bungen hauptsächlich aus bodenständigen Stoffen zu bereiten.

Rach Ansicht einiger Personen wäre es am besten, die Baumwolle ganz aus dem Export zu ziehen, um dieses kostbare Produkt nach jeder Möglichkeit im Lande auszunuhen. Zur Wieder­belebung der Ausfuhr wird daher vorgeschlagen, einheimische, ebenfalls wertvolle Produkte zu heben. Es handelt sich dabei besonders um die sehr gute Wolle, die bei ungenügender Ver­arbeitung aber so grobfadig ist, daß sie fast nur für die Teppichweberei verwendet wird, und um die Verbesserung des Gemüsebaues. Zur Modernisierung der Wollspinnerei und Färbung wird ein deutscher Expert in Aussicht genommen.

Der Sinn dieser Maßnahmen ist natürlich, den Ausfall am Gewinn aus dem Export des Roh­produktes durch Aufnahme der Verarbeitung des Rohproduktes im eigenen Lande nach Möglichkeit wettzumachen. Wieweit Aegypten dazu in der Lage sein wird, die hochmodernen 3ndustrien der bisherigen Abnehmer seiner Rohbaumwolle zu verdrängen, bleibt natürlich abzuwarten. Denn zur Schaffung einer eigenen 3ndustrie gehört nicht nur sehr viel Geld, sondern vor allem auch die Möglichkeit, solche Fertigprodukte dann auch abzusetzen.

Zum Schluß bleibt nur die Frage übrig, welche politischen Einwirkungen die große Daumwollkrise aus Aegypten hat. Merkwürdiger­weise hat die Wirtfchaftsnot das innerpolitische Leben gar nicht in Verwirrung gebracht, obwohl dies nach den voraufgegangenen unruhigen Zäh­ren wohl zu erwarten gewesen wäre. Die Obbo-

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Nach Abschluß der Round-Table-Konferenz in Lon­don, die die politischen Schwierigkeiten Indiens nicht zu lösen vermocht hat, ist Gandhi noch seiner Hei­mat zurückgereist. Nur das Friedensbäumchen, das er vor seiner Abreise pflanzte, soll ein Zeichen sein, daß der Führer der indischen Freiheitsbewegung die Hoffnung auf eine gütliche Einigung mit England nicht aufgibt.

fition hat nicht einmal den Versuch gemacht, sie zum Mittel einer Agitation gegen die Regierung zu gebrauchen. Zu jeder Propaganda braucht man Geld, und gerade das fehlt überall. An der Stelle aller politischen Diskussionen steht jetzt die Baum­wollkrise und ihre Bekämpfung, llebrigens leidet der arme Fellache unter der gegenwärtigen Schwierigkeit tatsächlich weniger als man glaubt. Das verdankt er der Sonne Oberägyptens und der Bedürfnislosigkeit seinerRasse, die es ihm ermöglicht, notfalls mit einem Piaster, also etwa 20 Pfennigen, seinen täglichen Lebens­unterhalt zu bestreiten.

Taten für Dienstag 8. Dezember.

Sonnenaufgang 8.16 Uhr, Sonnenuntergang 16.16 Uhr. Mondaufgang 7.39 Uhr, Monduntergang 14.50 Uhr.

1815: der Maler Adolf von Menzel in Breslau geboren; 1832: der norwegische Dichter Björnstjerne Björnson in Kwikne geboren.

Laten für Mittwoch, 9. Dezember

Sonnenaufgang 8.18 Uhr, Sonnenuntergang 16.16 Uhr. Mondaufgang 7.30 Uhr, Monduntergang 15.31 Uhr.

1608: der englische Dichter John Milton in Lon­don geboren; 1641: Anthonius van Dyck in Lon­don gestorben; 1717: der Altertumsforscher Joh. Winckelmann in Stendal geboren.

des Zimmermädchens, einer alten Levantinerin. SiE brauchen sich daran nicht zu stören. Sie schläft hinter einem Vorhang und ist halb taub. Sie müssen acht- geben, daß Sie nicht in den Hof hinuntersallen ... durch die Oeffnung, meine ich. Zum Nachspülen haben Sie einen Schöpfer. Das Wasser ist in dem großen Holzfaß links von der Tür. Ich bade im Meer, wenn ich das Bedürfnis fühM, mich zu waschen. Ich empfehle Ihnen, es ebenso zu halten .. Haben Sie übrigens schon gegessen? Nein? Dann erlauben Sie mir. Sie einzuladen, mit mir im Restaurant des Hotels zu speisen. Man ißt dort gut, sehr gut, sofern man mit mir ißt. Ah, ich bin glücklich. Sie als Gast zu haben. Sie sind Dichter. Sie sind Künstler. Ich liebe die Kunst. Sehn Sie sich um: die Bilder, die seidnen Decken, dort das Klavier, dort das Grammophon, dort die Bücher. Dor allem Mär­chenbücher. Sagen aus dem Mittelalter. Kreuzritter­geschichten. Meine Vorfahren waren begeisterte Kreuzfahrer ... Sehn Sie die krummen Säbel dort? Eroberte Beute! Echt, echt! Kostbar! Dort die Scha­tulle: aus Jaffa! 1219! Ah, wir werden eine tolle Nacht machen! Sie werden mir von Berlin erzählen! Das Sodom unserer Zeit, hat ein französischer Jour­nalist einmal geschrieben! Gut so, gut so! Der Mensch muß solche Höllen haben! Paris ist schlapp! Schlapp! Gepfeffert muß das Leben sein! Gepfeffert, nicht gezuckert ... Wir wollen das Essen bestellen ...

Er klatschte in die Hände. Ein Hüne kam aus dem Schlafzimmer, eine Junge von etwa 18 Jahren mit Riesenhänden und gewaltigen Schultern. Er hörte offnen Maules den Auftrag an, der ihm gegeben wurde und stürzte davon.

Der und ich, sagte der Fürst, hauen das ganze Nest zusammen, wenn es fein muß. Seit sechs Jahren geht der Bursche Tag und Nacht nicht von mir.

Die Tür wurde leise geöffnet, und der schmale Kopf eines jungen Abbes erschien.

Nur herein! rief Tasmanis. Herein, habe ich gesagt ... mein Sekretär, stellte er vor, diesseits und jenseits. Willst du mit mir speisen? Oder hast du schon mit dem andern Otterngezücht gefressen?

Der Dunkelgekleidete stieß einen Schrei aus wie ein Frauenzimmer und verschwand.

Verrücktes Huhn, rief Tasmanis. Es ist ihm wichtiger, die große Neuigkeit Ihres Besuches bei mir dem Konvikt zu klatschen, als mit uns zusam­men zu sein. Das größte Tratfchweib des Ortes aber hell was hell heißt! Ein verdammt gerissener Hund. Und hochmusikalisch. Er singt Sopran. Ja­wohl. Sie werden später eine Rossini-Arie hören.

Sagen Sie, Fürst Tasmanis, wo bin ich denn eigentlich?

Bei mir! Aber das heißt natürlich, so wie ich nun einmal bin, ein wenig in einer Operette ... Sagen Sie: haben Sie Lust, eine tolle Nacht zu machen? Ich habe verdammte Lust. Ich führe Ihnen ein Theater vor, an das Sie Ihr Leben lang denken werden. Ich laste Schiffer kommen, die uns ihre Volkslieder fingen werden: Lieder, so alt wie die Menschheit. Ich lasse zwei Reiterinnen aus dem Zirkus kommen, der eben gerade hier gastiert. Ich

lasse zwei ... zwei ... Schriftgelehrte kommen, mit denen Sie über den Nonnos diskutieren können Sie sehn, ich bin ein gebildeter Mann ich lasse ... ach, ich lasse alles kommen, was Sie wollen! Und wenn sich die Entbindungsklinik über uns beschwert, bann lasse ich hinaufsogen, ich übernehme die Paten­schaft für das nächste Kleine ... Ah ... ich will ein­mal leben heute Nacht ... Es muß ein Schlag ge­macht werden ... Wein werden wir saufen Wein, der uns die Knie lähmt und die Herzen verdoppelt .. Kaffee werden Sie bekommen: es gibt einen Men­schen auf der Welt der Kaffee machen kann: und der bin ich! Lukkum und Nougat lasse ich Ihnen auf­tragen, daß Ihnen die Zunge wässert ... Wehe, wenn Sie ein Spielverderber sind! Dann lasse ich Sie in das Loch sperren, in dem Sie übernachten sollten ... Entschuldigen Sie: ich berausche mid)_an der Vorstellung dieser orgiastischen Nacht! Schn Sie: so ausgehungert bin ich armer Busineßmann am Tor des Orients ... O Schwindel! Schwindel! Was ist der ganze Fürst Tasmanis, wenn morgen Amerika die Welt mit Thunfisch, Iran, Olivenöl und kali­fornischem Obst versorgt und uns in unsrem Zeug verrecken läßt.

Als ich auswachte, stand die Sonne hoch am Himmel. Das Zimmer war tief verdunkelt. Es war glühend heiß. Der Diener des Fürsten schlief auf der Matte vor der Tür. Esel schrien von der Straße herauf. Lastwagen donnerten gegen den Bahnhof ... Die alte Levantinerin steckte ihren Kopf durch die Tür und grinste. Als ich sie anrief, stieß_ sie einen Schrei aus und rannte davon. Durch den Schrei war der Bursche wach geworden. Er schreckte aus, schnellte in die Hohe und kam zu mir. Ob es npr gut gehe? Ausgezeichnet, aber mein Zug nach Gamma sei fort Gleichgültig, meinte er. Der Fürst Tasmanis werde mich im Auto hinauffahren. Er fei schon nach der Garage unterwegs. Was ich in dem Drecknest wolle? Es sei doch hier unten viel schöner. Nächste Nacht solle weiter gefeiert werden. Aber ohne mich, meinte ich. Warum? Weil ich Weiterreisen müsse. Müsse? Ja, natürlich müsse! Der Junge wollte sich halbtot­lachen. Der Fürst Tasmanis werde mich aber nicht fortlassen. Das werde sich noch finden.

Ich trank den Kaffee, den der Hüne während der Unterhaltung gemacht hatte. Er war vorzüglich. Und ich einen Sandwich, der von der Nacht noch übrig geblieben war. Dann erst fing ich an, mich zu ent­sinnen. Ja wo war ich denn eigentlich? Und alles dieses war doch schon einmal gewesen ... Ganz deutlich spürte ich es ... Körperhaft greifbar stand es vor mir ... Dieses Zimmer nein, dieses orien­talische Zelt dieser Tumult diese Parfüme diese dicke, gesättigte, erdrückende Luft diese un­wahrscheinlichste aller Nächte dieses Erwachen dieser Riesenkerl mit seinen Henkershänden da vor mir

Schon verflog die Vorstellung, die sich eben hatte ganz verschärfen wollen ... Das Tor schlug zu, dicht an der Grenze.

Wir wollen baden gehen, sagte ich zu dem Jungen. Führen Sie mich an den Strand hinunter.