Ausgabe 
8.12.1931
 
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WeffenKildbinich?

Vornan von Ar. Lehne.

(Urheberschutz durch 6. CM ermann 'Romanymtrale Stuttgart.)

23. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Am nächsten Aachmittag gedachte der Trat mit Inga wieder abzureisen; in wenigen Tagen wollte Hanno nachkommen, um die Feiertage bei bcn Eltern verleben. Am liebsten wäre er in Aeinshagcn geblieben! Der Gedanke an Ebba, sein geliebtes Mädel, verlieh ihn nicht wie war sie ihm doch ans Herz gewachsen! Allerlei kühne Plane stiegen in ihm auf. Wurde sie ge­funden, wollte er jedes Bedenken und Ueberlegcn schwinden lassen fein muhte sie werden, seine liebe kleine Frau, sic. die ihm so viel Angst und Sorge eingejagt! Und fest wollte er sie halten, damit sie nicht wieder an Fortlaufen denken konnte! Für sein leidenschaftliches Temperament war dieses tatenlose Warten unerträglich!

Am anderen Vormittag lieh sich der junge Pfarrer beim Grasen melden, der ihm sofort an- faf), dah ihn etwas Besonderes aufs Schloß ge­führt. und dieses Besondere konnte nur mit Ebba zusammen hängen!

Hatte er Hachricht? Und was für welche? War Ebba gesunden ? Und wie?

(Bbba hat geschrieben!" sagte Ehristian Lenz schnell, da er die Erwartung auf dem Gesicht deS anderen sah _

.Ebba hat geschrieben? Don wo? Wo ist sie -?"

3d» weih es nicht! Doch wollen der Herr Graf EbbaS Brief selbst lesen! Vorhin bekam ich ihn. Vachdem die Eltern ihn gelesen, habe ich mich beeilt, den Brief hierherzubringen!"

Mit vor Aufregung bebenden Händen entfaltete der Graf das ziemlich umfangreiche Schreiben, dessen Briefumschlag eine italienische Marke mit dem PoststempelMilano" trug. Er lad:

Mein lieber Bruder!

Bis 18. Dezember hattet Ihr mir Urlaub für Dresden gegeben; diese Zeit ist nun beinahe ver­strichen, und ich mühte eigentlich an das Wieder­kommen denken, wenn ich noch dort wäre! Ich bin aber nur vier Tage bei Inga gewesen! Da Ihr dies aber nicht wissen durstet, habe ich vorläufig nicht geschrieben, wohl wissend, wie ich Euch durch mein unartiges Schweigen kränkte!

Aber wenn Ihr wüßtet! Christel, ich kann vorläufig nicht wieder zu Euch zurückkehren! Wenn Du diese Zeilen in Händen hältst, bin ich wahr­scheinlich schon nicht mehr in Deutschland! Ich weiß, daß ich Euch großen Schmerz zufüge doch ich kann nicht anders! Als eine Verfemte, Verachtete kann ich nicht bei Euch leben!

Sv höre?

Frau Gräfin Remshagen hatte oier Tage nach meiner Ankunft in Dresden einen anonymen Brief ganz ähnlichen Inhalts wie Du bekommen!

Frau Gräfin machte mir die bittersten und un­gerechtesten Vorwürfe, ohne meine Verteidigung hören zu wollen. Sie war der Ansicht, ich sei die Geliebte ihres Sohnes, und für solche Person lei kein Platz in ihrem Hause!

Ich war der Verzweiflung nahe und fo grenzen­los traurig darüber, daß Frau Gräfin, die bisher die mütterliche Liebe und Güte selbst gewesen, mich auf einen anonymen Brief hin ohne weiteres verdammte!

Obwohl sie mich von meinem ersten Lebens­jahre an kennt, traute sie mir dennoch zu. daß ich vergessen hätte, was ich Euch, ihr und mir selbst schuldig bin!

Das hat etwas in mir getötet beim wenn Menschen, die einen kennen, so denken, was kann man da erst von Fremden erwarten?

Inga aber hat treu zu mir gehalten! Hie werde ich das vergessen!

WaS hättet Ihr nun gesagt, wenn ich so schnell wieder zurückgekommen wäre? Und das Gerede und Getuschle im Dors? Ich hätte daS nicht ertragen können!

Die Eltern hätten mir ja keine Vorwürfe ge­macht aber jeden Tag hätte ich sehen müssen, wie sie leiden und sich in Gram verzehren. Und ich trage die Schuld daran ich, das i'sindel- kind, dem sie so viel Liebe entgegengebracht haben!

Sorge braucht Ihr um mich nicht zu haben; ich bin gut aufgehoben. Gott hat mir eine Dame in den Weg geführt, bei der ich jetzt Gesell­schafterin bin. Sie ist sehr lieb und gütig gegen mich, und diesen Brief hier habt Ihr ihr zu verdanken - sie drängte, daß ich jetzt schrieb! Verzeiht mir. daß ich heute noch nicht weiter darüber spreche. Diesen Brief habe ich zuerst an Dich gerichtet, damit Du, der feine Menschen­kenner. der mich gewiß in meinen innersten Be­weggründen versteht, mein Handeln den Eltern erklärst. Ich weiß wohl, dah ich Euch jetzt schwer­sten Kummer zufüge durch mein ich weiß eS selbst kaum zu verzeihendes Vorgehen dennoch kann ich nicht anders!

Der Fluch, daß ich ein Findelkind bin, bei der Geburt schon von den Eltem verleugnet, lastet auf mir und macht mich ruhelos!

Vielleicht bin ich doch ein Kind fahrender Leute? Ihr bekommt von mir alle vier Wochen ein Lebenszeichen, und ich werde Euch in meinem nächsten Schreiben eine Adresse angeben, an die ich einen Brief von Euch erbitte! Ich muh doch wissen, wie es Euch geht!

Um das eine bitte ich Euch: forscht mir nicht nach! Denn solltet Ihr mich finden, hättet Ihr mich in dem Augenblick wieder verloren.

Laßt ein Jahr oder zwei verstreichen bann kehre ich zu Such zurück! Aber erst muß ich ganz iur Auhe gekommen fein! Und muh auch meine Liebe zu Hanno von Remshagen endgültig über­wunden haben! Ich hatte ihn so lieb, und darum hatte ich nicht bedacht, daß er einem Findelkinde seinen alten, stolzen Aamen nicht geben darf? Ich zürne ihm nicht! Aber web hat es getan, daß ich eS einen Augenblick habe fühlen muffen! Das war vielleicht das Härtestek

Meine Gedanken sind immer bei Euch! Im Geiste steht mein liebes Schulhaus vor mir! Wenn Mütterchen zu unglücklich ist, sage ihr, hätte ich mit Eurer Einwilligung eine Stellung angenom­men. könnte ich doch auch nicht zu Hause fein! Und daß ich einmal fort bin, ist nur förderlich für mich!

Ich danke Euch allen nochmals für Sure Liebe, deren das arme Findelkind sich nie unwert gezeigt hat und zeigen wird!

Wüßte ich nur. wessen Kind ich bin!

Gar oft hat mich dieS in den letzten Wochen wieder gequält, daß ich den Verstand darüber hätte verlieren können!

Hicht Undankbarkeit gegen die lieben Eltern ist dies Verlangen nein! Von denen, die mir das Geben gegeben haben, mag ich weiter nichts wissen als: wer und was sie sind, und seien sie noch so niedrigen Standes! Dann konnte ich wenigstens sagen, das und das sind meine Eltern, und ich komme mir nicht so verachtet vor!

Meine ganze Liebe gehört ja Euch!

Hun behüt Euch Gott, Ihr Lieben!

Hochmals verzeiht mir, doch ich kann nicht anders! Da ist etwas in mir, waS mächtiger ist und dem ich gehorchen muß!

Gesundheitlich geht es mir gut, und auch sonst! Viel Liebes für Euch und tausend Grüße!

Eure Euch stets dankbare und Euch liebende Ebba."

Schweigend reichte Graf Reinshagen dem jun­gen Geistlichen den Brief zurück, aus dem er die ganze innere Zerrissenheit und verzweifelte Stim­mung des unglücklichen Mädchens ersehen.

Ich muß Wohl Ebbas Wunsch berücksichtigen, nicht nach ihr zu forschen, damit sie uns nicht ganz verlorengeht, obwohl meine Mutter be­greiflicherweise durchaus wissen möchte, wo Ebba ist -

Der Graf nickte.

Vorläufig nichts unternehmen, erst die nächsten Briefe abwarten! Vielleicht ist sie in der anderen Umgebung zu ihrer Huhe gekommen! Ich be­dauere unendlich, dah durch uns die Gräfin bat es nicht so gemeint; in erster Erregung wer­den Dinge gesprochen, die nachher doch bereut werden

Ditte, Herr Graf, darüber wollen wir gar nicht mehr sprechen! Die Hauptsache ist. dah wir jetzt etwas von Ebba wissen. Mag sie sich draußen in der Fremde innerlich zurechtfinden l" sagte

Christel, und bann bat er, dah Komtesse 3ngj auch von EbbaS Brief erfahre.

Per Graf lieh feine Tochter rufen. Pie frische Hötc auf ihren Wangen vertiefte sich, als sie den jungen Geistlichen begrüßte.

Nachricht von Ebba? 'ottlob!

Sie las den Brief, den sie Christel mit einem tiefen, erleichterten Aufatmen zurückgab

.Mein Gott, die Ebba! Wie sie sich das Leben schwermacht! Sie weih doch, wie lieb wir alle ftc haben! - Jetzt werde ich Sie zu Ihrer Frau Mutter begleiten. Herr Pfarrer, um mit ihr Ebbas Brief durchzusprechen! Du erlaubst es doch. Papa?" wandte sie sich an ihren Vater, der gern seine Zustimmung gab.

Mit Absicht wollte sich Inga an Christels Seite vor den Leuten zeigen, damit sie sahen, daß die alte, frühere Harmonie noch bestand.

Scharf und frisch wehte ihnen die Winterluft entgegen.

Um eine gewisse Unfreiheit, die zwischen ihnen lag. nicht spürbar werden zu lassen, plauderte Inga von der Kinderzeit, wie man zu dreien er. Ebba, sie - - so froh gespieltund nun muh Ebba uns das antun!** schloh sie in leiser Klage.

.Ebba ist ein so feinfühliger, überempfindlicher Mensch ich kenne mein Hchwesterlein ja so genau! In ihrem Innern ist eine wunde Stelle, die sich nie geschlossen und deshalb auch nicht die leiseste Berührung verträgt und qwar seit jenem Tage, als ihr auf dem Schulhofe eine Mit­schülerin in so roher Weise das Geheimnis ihrer Geburt offenbarte wie ein Druck hat eS seit­dem auf ihr gelegen! Vielleicht wird sie in der Fremde dies endlich einmal überwinden! Ich bin ja davon überzeugt, daß sie in Deutschland ist und dah dieser Bries von einem Bekannten ihrer Herrin in Mailand aufgegeben wurde! Sie will eben nicht gefunden werden und so schwer es mir auch wird. ich werde sie nicht suchen! Und ich bin Komtesse sehr dankbar, dah KomteNe sich so teilnehmend zeigen!"

Inga blieb stehen, so dah et daS gleiche hm mußte, und sah ihn groß an.

Ist eS nicht unsere Pflicht? Glauben Sie nur, es war Papa sehr unangenehm, dah Mama so

so rasch gewesen! Hätte sie nichts gesagt, wäre Ebba nicht davongelaufen! WaS ich an ihr ver­loren, das wissen Sic. eine liebe Schwester! Ihr habe ich es zu verdanken, daß meine Kinderzeit so wunderschön war! Sonst wäre ich immer ganz allein gewesen der Bruder so viel älter keine Schwester, feine Spielgefährtin"

Langsam gingen beide wieder weiter.

Auch meine Kindheit war so wunderschön! Ein Paradies, unvergeßlich für mich bi« in mein spätes Alter - sagte Christel; seine Stimme war ein wenig unsicher.

(Fortsetzung folgt)

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