Nr. 281 Erstes Blati
181. Jahrgang
Dienstag, 8. Dezember 1951
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Die Illustrierte Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.
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General-Anzeiger für Oberhessen
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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyriot^ für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen.
DerVemiende Sonderausschuß der W. in Mel zvsammengelrelen
Mitgliedern
Rach langen Verhandlungen der Italiener Beneduce zum Vorsitzenden gewählt.
auch der Holländer Colijn.
Basel. 7. De;. (2DIB.) Der Beratende Sonderausschuß, dessen Einberufung die deutsche Regierung am 19. November beantragt hat. ist heute am Sih d e r B I Z.» die nach ihrer Satzung den Ausschuß gemäß dem deutschen Antrag cinberusen Hot, zusammengetreten. Die für 10.30 Uhr angesehte Eröffnungssitzung konnte zu- nächst noch nicht beginnen, da bis dahin in den privaten Besprechungen der Delegierten eine Einigung überdieFragedesBorslhes noch nicht erreicht war. Die Lösung dieser Frage scheint große Schwierigkeiten verursacht zu haben. Der Ausschuß hat dann schließlich in seiner Eröffnungssihpng, die mit fast zweistündiger Verspätung begann, das italienische Mitglied des Ausschusses Prof. Veneducc zum Vorsitzenden gewählt. Die verlautet, hat der amerikanische Vertreter Stewart eine Wahl zum Präsidenten des Ausschusses abgelehnt. Dc: Ausschuß Hal sodann die im Poungplan vorgesehene Zusatz- wahl weiterer vier Mitglieder des Ausschusses vorgenommen. Außer den bereits genannten sieben Mitgliedern gehören dem Ausschuß fehl noch folgende Persönlichkeiten an: B i n s ch e d- ler (Schweiz), Lolijn (Holland), Rydbeck (Schweden), Djurltsch (Südflawien). Der Ausschuß Hal sich im übrigen noch mit technischen und Verwaltungssragen beschäftigt. Line neue Sitzung ist nicht angeseht worden, weil erst die Ankunft der vier zusätzlichen Mitglieder abge- wartel werden soll. Diese Herren werden vermutlich am Dienstag in Basel eintreffen. Rydbeck hält sich zur Zeit in Berlin auf, Djurltsch in Paris. Lolljn, der ehemalige holländische Ralspräsident, der durch sein freimütiges Auftreten auf verschiedenen Wirtschaftskonferenzen des Völkerbundes bekannt geworden ist, weilt bereits in Basel.
Der Ausschuß hat die Aufgabe, wie es im Poung- plan heißt, „die Lage unter allen Gesichtspunkten zu untersuchen", d. h„ wie das deutsche Memorandum unwidersprochen betont hak, „das Problem in s e i n e r G e s a m t h e i l und unter Berücksichtigung aller Faktoren zu untersuchen". Der Ausschuß soll sich aber nicht auf Untersuchungen über die Zahlungsfähigkeit Deutschlands beschränken, sondern gemäß seinem im Reuen Plan umschriebenen Mandat „den Regierungen und dec Bank für Internationalen Zahlungsausgleich zur Erwägung unterbreiten, welche Maßnahmen nach feiner Ansicht hinsichtlich der Anwendung des Planes ergriffen werden sollten".
Der Ausschuß wird aus Grund seiner Verhandlungen einen Bericht ausarbeiten, der den zuständigen Regierungen als Grundlage für ihre Entscheidungen zugestellt werden wird. Die politischen Entscheidungen sind einer R e - gierungs.konferenz vorbehalten, die nach Abschluß der Beratungen des Sonderausschusses staitsinden soll, lieber die voraussichtliche Dauer der Beratungen des Ausschusses kann vorläufig noch nichts gesagt werden. Die Meinungen hierüber gehen auseinander. Ob sie noch vor Weihnachten abgeschlossen werden, ist nicht zu sagen.
Die Ernennung Prof. Alberto Beneduce zum Präsidenten des Sonderausschusses bei der B3Z. wird allgemein mit Befriedigung ausgenommen. Ganz besonders wird sie auch von der deutschen Abordnung begrüßt, da Beneduce, der dem verwallungsrat der BIZ. angehört, und auch an den Verhandlungen des Diggin-Ausschusfes leilnahm, mit allen Fragen durchaus vertraut ist. Präsident Veneduce nahm bereits an den Verhandlungen in Baden-Baden über die Gründung der BIZ. teil und hat sich von jeher als ein loyaler Verhandlungspartner erwiesen.
Pariser Begleitmusik.
Frankreich fühlt sich in Basel isoliert.
Paris, 7. Dez. (SH.) Die Pariser Presse beginnt bereits, die Gegensätze zu unterstreichen, die in Basel zwischen der französisch-belgischen Auffassung einerseits und dem deutsch-angelsächsischen Standpunkt andererseits zutagetreten müßten. Die Kommentare der Presse beweisen jedoch durchweg Blindheit gegenüber wirtschaftlichen Tatsachen zugunsten eines halsstarrigen juristischen Standpunktes. Der „Int ran - s i g e a n t" hebt die Schwierigkeiten hervor, die angeblich in der Frage der Zuständigkeit des Baseler Ausschusses liegen sollen. Damit schließt sich das Blatt der Auffassung der französischen Rechten an, die die langwierigen deutschfranzösischen Vorverhandlungen über den Wortlaut des deutschen Einberufungsantrages einfach nicht zur Kenntnis nimmt und so tut, als ob die Frage des Borgehens in Basel noch gar nicht geregelt sei. — Der „Temp s" wendet sich scharf gegen das angebliche „Manöver", den kurzfristigen Krediten gegenüber den Tributen den Borrang einräumen zu wollen. Eine derartige
Taktik würde nichts anderes bedeuten, als daß denjenigen Ländern, die ein Anrecht auf die „W i e d e r g u t m a ch u n g" der durch den Krieg erlittenen Schäden hätten, die Folgen der deutschen Verschwendung und des deutschen Bankerottes aufgebürdet würden. Deutschland habe sich absichtlich in diese Lage versetzt (!), um sich seinen Verpflichtungen zu entziehen. — Die „Libert e" erklärt,
daß der französische Vertreter R i st sich in Basel einer „ungeheueren Koalition" ge- g'e nübersehe, wobei Frankreich sich in der Aufrechterhaltung der Tribute scheinbar nur noch auf Belgien verlassen könne. Die Deutschen strebten die völlige Beseitigung des Poungplanes an und wollten den DIZ.-Ausschuh dazu bringen, sich in diesem Sinne zu äußern.
Frankreich beharrt auf einer nur provisorischen Lösung. Einstweilige Maßnahmen für Behebung vorübergehender Schwierigkeiten. Prüfung der deutschen Zahlungsfähigkeit erst auf einer späteren Konferenz.
Eine Mitteilung der französischen Regierung.
Paris, 8. Dez. (Havas. Funkspruch.) Zur Eröffnung der Arbeiten des Beratenden Sonderausschusses in Basel hat die französische Regierung den beteiligten Regierungen ihre Ansicht über die Reparationsfrage mitgeteilt. Sie ist der Auffassung, daß irgendeine Aenderung der im Boungplan fest- gelegtenGrundsähenurunter gleichzeitiger Herabsetzung der zwischen den Regierungen bestehenden Schulden möglich ist, von der Deutschland Ruhen haben würde. Frankreich nimmt die deutsche Forderung an, die Lage im Reiche im Rahmen des Poungplanes zu untersuchen, da, nachdem Deutschland im Haag den Bedingungen des Boungplans zugestimmt hat, seine Forderung auf Einberufung des Ausschusses den ordnungsmäßigen Schritt eines Schuldners darstelle, der seine Verpflichtungen zu erfüllen wünscht. Da die Weltkrise die deutsche Zahlungsunfähigkeit zum Teil erklärlich erscheinen läßt, erkennt Frankreich die Rotwendigkeit an, dem Reiche zu Hilfe zu kommen und wird dem Inhalt des kürzlich in Washington veröffentlichten Kommuniques entsprechen. Hinsichtlich der Arbeiten des Baseler Ausschusses hat sich Frankreich seine Handlungsfrei
heit bewahrt, da ihm der Text der deutschen Forderung nicht zu endgültiger Einwilligung unterbreitet worden ist. Es besteht die Rotwendigkeit, das gegenwärtige Moratorium im Zeichen der Zugeständnisse an die deutsche Lage zu verlängern; Frankreich besteht jedoch auf der Aufrechterhaltung der Reparationszahlungen, da kein Beweis dafür gegeben Jt, daß Le. t ch and ständig in einem Krisenzustand bleiben wird. In Hinsicht darauf, daß die Finanzschwierigkeiten des Reiches nicht geeignet sind, um eine endgültige Prüfung vorzunehmen, kann sich die gegenwärtige Unter* suchung nur mit einer vorübergehenden Lage beschäftigen und durch nur einstweilige Maßnahmen Abhilfe schaffen. Erst in einer späteren internationalen Konferenz wird man dann die Zahlungsfähigkeit zu prüfen hoben. Die französische Regierung lehnt es ab, die Priorität der kurzfristigen Schulden anzuerkennen, bemerkt aber, daß die Frage in Wirklichkeit überhaupt nicht zur Debatte steht, denn die Reparationen und Privatschulden sind nur Elemente des Fundomentalproblems der Zahlungsfähigkeit und der Achtung vor den Verbindlichkeiten. Schließlich betont die französische Regierung die Rotwendigkeit, daß der Beratende Sonderausschuß in die Untersuchung der in das Ausland geflüchteten deutschen Kapitalien eintritt.
Wer sind die Sachverständigen?
Gewähr für eine unabhängige Prüfung der Lage.
Basel, 7. Dez. (ERB.) Der Beratende Sonderausschuß, der heute zum ersten Male seit der Einführung des Reuen Planes in Funktion getreten ist, seht sich aus Persönlichkeiten zusammen, die nicht als Vertreter ihrer Regierungen, sondern entsprechend den im Voung- plan festgesetzten Verfahren benannt und gewählt worden sind. Ihrem Mandat entsprechend haben diese Persönlichkeiten, die wegen ihrer besonderen Sachkenntnis ausgewählt worden sind, die Lage Deutschlands in voller Unabhängigkeit von wirtschaftlichen Gesichtspunkten aus zu prüfen. Unter den Teilnehmern dieses Ausschusses befinden sich Persönlichkeiten, die über die Grenzen ihres Landes hinaus den Ruf großer Sachkenntnis genießen. Verschiedene unter ihnen haben an den Verhandlungen in Verfolg der Londoner Konferenz eingesetzten Baseler Sachverständigen-Aus- schusses, der die Kreditlage Deutschlands zu prüfen hatte, teilgenommen. Dieser Ausschuß, der sogenannte W ig g i n - A u s s ch u ß, der im August tagte, ist schon damals zu Schlußfolgerungen gekommen, die keinen Zweifel darüber lassen, daß nach Ansicht dieser Experten die Untersuchung der Zahlungsfähigkeit Deutschlands unter allen Gesichtspunkten keinen weiteren Aufschub mehr duldet.
Berichterstatter des Baseler Sachverständigenausschusses war der Engländer L a y t o n, der auch öem Beratenden Sonderausschuß angehört. Layton hat inzwischen in Genf an den Wirtschafts- und Finanzarbeiten des europäischen Studienkomitees teilgenommen und bei dieser Gelegenheit erneut bewiesen, daß er den unheilvollen Einfluß des Faktors Reparationen auf dem Gebiete der internationalen Wirtschafts- Verflechtung richtig einzuschähen versteht. Ein anderer Vertreter Englands, ©alter, hat in den Verhandlungen des Europa-Ausschusses diese Funktionsstörungen der Weltwirtschaft durch die Reparationen ebenfalls verurteilt. In diesem Zusammenhang darf auch daran erinnert werden, daß die verschiedenen Wirtschaftsorgane des Völkerbundes in letzter Zeit wiederholt betont haben, daß eine neue Regelung dieser Frage nicht mehr länger aufgeschoben werden darf.
Ebenso wie Lahton hat auch der heute zum Vorsitzenden gewählte italienische Vertreter Bene- d u c e dem Wiggin-Ausschuh angehört. Von Beneduce wird gesagt, daß er Mussolinis persönlicher Vertrauensmann in Dank- und Wirtschaftsfragen sei. Der
belgische Delegierte F r a n c q u i, der gleichfalls dem Wiggin-Ausjchuy an'ehörte, ist b kannt durch sein Projekt einer internationalen Industrie- und Handelsbank, das er seinerzeit in Genf vertreten hat, das aber hauptsächlich wegen französischer Widerstände bisher nicht realisiert werden konnte. Der französische Vertreter Professor R i st hat an den Verhandlungen des Wiggin-Ausschusses nicht teilgenom- men. Rist ist verschiedentlich von der Finanz- und Wirtschaftsorganisation des Völkerbundes als Experte herangezogen worden und hat u. a. seinerzeit an dem ersten Sanierungsplan für Oesterreich mit- gewirkt. Rohara, das japanische Mitglied des Ausschusses, und der amerikanische Vertreter Stewart haben an den Arbeiten des Wiggin- Ausschusses nicht teilgenommen. Der deutsche Vertreter Dr. Melchior hat Deutschland bekanntlich wiederholt auf internationalen Konferenzen und zuletzt auch im Wiggin-Ausschuß vertreten.
Von den vier Mitgliedern, die der Ausschuß heute hinzugewählt hat und die in der gleichen Eigenschaft mit denselben Rechten und Pflichten wie die übrigen Mitglieder an den Beratungen teilnehmen, ist der holländische Staatsmann E o - l i j n in den letzten Jahren sehr bekannt geworden durch seine Tätigkeit als Vorsitzender der verschiedenen Konferenzen des Völkerbundes, die sich mit der Frage eines Zollwaffenstillstandes beschäftigten. Eolijn hat wiederholt in sehr scharfer Rede als Vorsitzender dieser Konferenzen die protektionistische Einstellung, die sich schon seit längerer Zeit bemerkbar machte, gegeißelt und auch in anderen Fragen freimütig den W i - d e r s i n n der jetzigen internationalen Handels- und Wirtschaftsbeziehungen dargelegt. — Bin- schcdler ist Vizepräsident des Verwaltungsrates des Schweizer Bankvereins und hat dem Wiggin-Ausschuß angehört. Der Schwede R y d - b e cl ist Generaldirektor bei Kreuzer. Das südslawische Mitglied des Ausschusses, Djuritsch, gehörte bis vor kurzem als Finanzminister der Belgrader Regierung an.
ScrZungdeutsche Orden im Arbeitsdienst.
In dem Bericht des Präsidenten der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung sind die Meldungen über die Wohlfahrtserwerbslosen der Stadt nicht enthalten. Wie uns von der Bruderschaft Gießen des Iungdeutschen Ordens mitaeteilt wird, sind von dieser 30 freiwillige Arbeitsdienstgruppen eingesetzt worden, neuerdings auch im „Uchter Moor" (Hannover) eine Arbeitsgruppe von 100 Arbeitsfreiwilligen.
Zusammentritt des Hessischen Landtags.
Schwierigreiten der Regierungsbildung.
Von unserem (I-Äorrespondenten.
Darmstadt, 8. Dezember.
Heute, drei Wochen nach der Wahl, tritt der Hessische Landtag zu seiner ersten konstituierenden Sitzung zusammen. Mit Spannung sieht man allenthalben diesem Ereignis entgegen. Die Wahlen haben das bekannte Ergebnis gebracht. Die Weimarer Koalition, die seit Februar 1919 in unbeschränkter Herrschaft regierte, ist aufgeflogen. Die Ratio- nalsozialisten haben es fertig gebracht, in etwa 14 Monaten ihre Stimmenzahl gegenüber den Rcichstagswohlen 1930 mehr als zu verdoppeln, und 27 Mandate von 70, das sind über 37 Prozent der Stimmberechtigten, auf sich zu vereinigen. Dio marxistischen Parteien machten in der Volkskammer 1919 46 Prozent aus, im Landtag 1927 noch 41,2 Prozent, im jetzigen Landtag nur noch 38 Prozent. Auch das Z e n t r u m ist, obwohl es seine Stimmen absolut vermehren konnte, prozentual in seiner Einflußsphäre zurückgegangen. 1919 bekannten sich 17,6 Prozent, 1927 17,7 Prozent, 1931 14,3 Prozent der Stimmberechtigten zum Zentrum. Hieraus erklärt sich auch die auf den ersten Blick merkwürdige Tatsache, daß das Zentrum trotz erhöhter Stimmenzahl drei Mandate bei dieser Landtagswahl verloren hat und nur noch mit zehn Abgeordneten im Hessischen Landtag vertreten ist. Die Sozialdemokraten hoben auch in rein industriellen Bezirken schwere Verluste erlitten. Sie sanken von 24 auf 15 Mandate. Die Auswertung des Wahlergebnisses steht stark unter dem Signum der Reichspolitik. Es können sich Dinge anbahnen, die auch für die zukünftige politische Gestaltung im Reich und in Preußen richtungsweisend sein können.
In feiner ersten Sitzung beschäftigt sich das Parlament mit seinen eigenen, internen Angelegenheiten, die Wahl des Landtagsprä- s i d e n t e n, der Feststellung der Geschäftsordnung und den Kommissionswahlen. Eine Vorbesprechung über die Tagesordnungspunkte und über die Landtagspräsidentenwahlen innerhalb der Fraktion findet am Dienstagvormittag vor 2anb* tagsbeginn statt. Schon bei der Wahl des Landtagspräsidenten können sich unübersehbare Schwierigkeiten ergeben, wenn versucht toürte, Don dem bisherigen Brauch, der stärksten Fraktion den Präsidenten zuzuerkennen, abzugehen. Wie man aber aus parlamentarischen Kreisen hört, sollen die Landtagspräsidentenwahlen ziemlich glatt verlaufen. Danach würden die Rationalsozialisten den Landtagspräsidenten stellen. Es wird hierfür als Kandidat der Abgeordnete Professor Werner, Butzbach, genannt, der als einziger seiner Fraktion schon im seitherigen Landtag vertreten war und über eine ausgedehnte jahrzehntelange parlamentarische Praxis verfügt, da er früher den Deutschnationalen angehörte. Die Wahl eines Rationalsozialisten als Landtagsprä- sident seht aber voraus, daß auch sie sich für eine Verteilung der beiden Stellvertreter nach der Fraktionsstärke einsetzen werden. Es würde dann erster Vizepräsident ein Sozialdemokrat (man nennt hierfür den seitherigen Landtagspräsidenten Delp) und zweiter Vizepräsident ein Zentrumsmann.
Viel schwieriger als die Landtagspräsidentenwahlen ist die Bildung einer neuen Regierung, die einer zweiten Landtagssitzung voraussichtlich schon am Mittwoch Vorbehalten ist. Der Landtag hat dann zunächst den Staatspräsidenten, der zugleich Ministerpräsident ist, zu wählen, dieser hat die beiden Mitglieder zu ernennen und die neue Regierung dem Landtag vorzustellen. Die große Frage ist nun, ob sich, wie das bisher immer der Fall war, vor der Wahl des Staatspräsidenten die Mehrheitsgruppen zusammenfinden und eine Liebereinkunft über die Besetzung der einzelnen Ministerien erzielt werden wird. Es wäre dabei theoretisch denkbar, daß die K o m - m uni st en die seitherige Regierung von Zentrum und Sozialdemokratie tolerieren, von der sie dann unter allen Umständen mehr zu erwarten haben, als von einer solchen mit den Rationalsozialisten. Lind die Sozialdemokratie würde sich diese Möglichkeit um deswillen nicht entgehen lassen, weil sie dann Aussicht hat, ihre heute schwache Position gegenüber der KPD. zu verbessern. Aber einer» seUs haben die Kommunisten allen sozialdemokratischen Anbiederungsversuchen gegenüber d i c Mite Schulter gezeigt und auf der anderen Seite kann es das Zentrum seinen Wählern und Anhängern gegenüber nicht verantworten, in eine auch nur irgendwie geartete Abhängigkeit gegenüber einer Gruppe zu geraten, die die Gottlosigkeit und den Kampf gegen die Kirchen auf ihre Fahne geschrieben hat.
Diese rein theoretische Regierungsmöglichkeit scheidet also praktisch aus, es bleibt also nur die Verständigung zwischen Rationalso- zialistenund Zentrum. Darüber wird zur Zeit am meisten diskutiert. Dis jetzt steht die Situation so, daß von beiden Seiten erklärt wird, daß bis zurStundekeinerlei Despre- chungen offizieller Art vor sich gegangen


