aut den Kopf, bevor er den Wassermarsch von 2 oder 3 Weilen zur Radiostation macht. Diese ist das einzige DerK i n dungsm i t tel, das noch funktioniert. Jeder geschäftliche Besuch, jeder Gang in den Klub, -um Essen wird im Boot gemacht. Der Bootsmann ist im Augenblick der tatsächliche Gouverneur von Hankau. Alles, was irgend schwimmen will, ist seinen Preis wert. Won sieht einfache Chinesen auf leeren Fässern durch die Stadt schwimmen, aber die meisten von ihnen müssen durch das von gelbem Schlamm ganz dick erscheinende Wasser waten.
Dennoch: der chinesische Wanderhändler läßt sich auch durch diese Umstände nicht irre machen. Wenn er sich keinen Sampan verschaffen kann, so besorgt er sich eine Handvoll Holz oder eine emaillierte Wanne, legt seine Ware hinein. Zigaretten. Lebensmittel und tausend aridere Kleinigkeiten, und bis zu den Ohren im Wasser stößt er dos kleine Fahrzeug vor sich her und ruft seinen Kram aus. Jeder Chinese mit ein paar Stücken Holz und einer Handvoll Rägeln ist zum Bootsbauer geworden, und die Erzeugnisse dieser Baukunst set^n wunderlich genug aus. Manche haben Holzflöße gebaut und darauf Petroleumkannen zum Verkauf verstaut.
Cs ist noch nicht abzusehen, wie lange daß Leben unter diesen Schwierigkeiten dauern wird, und wie lange Zeit noch vergehen wird, bis daSWasser wenigstens bis zur Höhe der Rickscha-Achfen gefallen sein wird. so daß man wieder halbwegs wird arbeiten können. Auch wenn die Flut einmal vorüber ist, wird es große Berkehrsschwierig- keiten geben, denn es gibt kaum ein einziges Automobil in Hankau, das nicht tief im Wasser steht. In den Garagen sieht nur das Oberteil der Verdecke aus dem Wasser hervor. Sin Doot mit einem Außenbordmotor wäre jetzt in Hankau Goldwert. Es existierte bloß ein einziges dieser Art. Das machte eine Fahrt, stieß an einen Telegraphen- pfähl, und seitdem ist eS außer Gefecht gesetzt. Gäbe es noch andere, es würde Mord und Totschlag darum geben, weil die Straßen voll mit Sampans, Dschunken und allem möglichen schwimmenden Kram sind, dazu mit Menschen, die durchs Wasser waten. Kurz und bündig: das Leben ist auf den Maßstab „zwei Meilen in der Stunde" reduziert.
Ginge cs nur um die drei Städte Hankau, Han- jang und Wutschang, die Dreistadt am Vangtse, so könnte man sich für die Zukunft damit begnügen, daß der Schaden, wenn er auch sehr groß ist, sich wieder ausglcichen lassen wird. Es geht aber leider um viel mehr. Es geht um eine überschwemmte Fläche, die so groß ist. daß 30 Millionen Menschen o u f ihr leben, und wie viele von diesen umgekommen sind, das weiß kein Mensch. Fort und fort brechen die durchweichten und unterwühlten Dämme, und dos Wasser ergießt sich über neue Landstrecken. Cs steht mehr als 50 Fuß (16 Meter) über seinem mittleren Stand, und man kann voraussehen, daß der Riesensee um und unterhalb Hankau, auch wenn der Zufluß jetzt bald aufhört, doch e r st bis zum Spätherb st abgelaufen sein wird. Dor dem Rovember, rechnen sachverständige Leute, wird es der Devölkerung nicht möglich sein, die Arbeit wieder aufzunehmen, und dann wird sich an Stelle der früheren Dörfer und Felder eine unabsehbare graue Schlamm- wüste ausbreiten, in der nicht allein alle Saaten, den Reis eingeschlossen, sondern auch alle Bäume und alle Gärten abgestorben sein werden. Es handelt sich nicht nur darum, die Geflüchteten zu ernähren, von denen noch viele Tausende auf den Kronen der weichenden Dämme und auf den einzelnen, jetzt als Inseln aus der Flut hervorragenden Kuppen wie Schafe zusammengedrängt sitzen und warten, ob ein Schiff sie aufnimmt und ihnen Drot bringt, sondern es wird sich noch darum handeln, 30 Millionen bis zur nächsten Ernte, also bis tief in das kommende Jahr hinein, zu ernähren. In dieser furchtbaren Wasserwüste fühlt man sich jetzt erinnert
Wenn Menschen auseLnan-eegehn
Vornan von J. Schneider-Foerstl.
Urheberrechtsschutz Verlag O. Mei st er, Werdau.
6. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Sie ließ seinen Arm nicht los. „Guido, wenn du jetzt zu ihm gehst, gibt es ein LInglück."
„Rein! - Ich werde ihm nur noch einmal sogen, daß unsere Liebe unüberwindlich ist."
Er stemmte beide Fäuste gegen das Kinn. „Es war ja Wahnsinn, was ich tat, als ich dich bestimmte, mit mir vor den Altar zu treten. Aber dafür will ich jetzt auch jede Strafe tragen, die er mir auferlegt. Jede Demütigung will ich auf mich nehmen, wenn er dich mir gibt, damit ich dich offen und vor aller Welt, nicht nur im Geheimen, meine Frau nennen kann."
Seine Worte rissen alle Türen ihres Herzens auf. „Meine Schuld ist so groß wie die deine, Guido. — Ich hätte das „Ja" vor dem Geistlichen nicht sprechen dürfen, ohne meines Vater- Einwilligung. — Mein Unglück wird so groß sein, wie meine Liebe. Und diese ist über alle Maßen." Mit gefalteten Händen stand sie vor ihm. Ueber daS jäh aufgeschossene Rot der Wangen rieselte Träne um Träne.
Cr nestelte mit erregten Fingern an seinen Hemdknövfcn. „Wenn er ja sagt, kommst du sofort mit mir!"
„Geh jetzt", bat sie. „Ich kann die Angst nicht länger mehr ertragen. Wenn er nein sagt, überlebe ich cs nicht."
Er hob ihre Hand an die Lippen und küßte sie. Dann sah sie ihn hinter den Däumen verschwinden.
Vollkommen erschöpft von Furcht und Verzweiflung lehnte sie sich gegen einen der Stämme und starrte nach dem matten Licht, das aus der Wohnstube der Tanja kam. Ihre Hände falteten sich zum Gebet für den Mann, dessen Schatten sich eben an den geschlossenen Vorhängen obzeichnete. Inbrünstig hoben sie sich zum Himmel und flehten um Erbarmen und Vergeben zugleich. Sie wußte, daß sie bereuen sollte, und konnte es nicht, würde es nie können bis zur letzten Stunde ihres Lebens.
Jeder Begriff von Zeit ging ihr verloren. Als eine Hand sich auf ihre Schulter legte, schrak sie zusammen.
„Raja!"
Der Ton, in dem das Wort gesprochen war, sagte ihr alles. Kraftlos hing ihr Äörfce? gegen die Rinde des Baumes.
Horvaths Stimme zitterte in die Stille. „Ich stand vor ihm wie ein Bettler, habe mich ge-
an die Phantasiebilder von der Sintflut, wo mit dem Steigen des Wassers die Menschen in immer größerer Verzweiflung sich auf die letzte Bodenerhebung, den letzten Berg zu retten suchen. China ist das Land der großen Katastrophen, und man hat mit einer furchtbaren aber unbestreitbaren Wahrheit gesagt, feine Devölkerungs- zunahme, die sonst ins Grenzenlose gehen würde, reguliere sich durch Hungersnöte, Mißwachs und Heberschwemmungcn. Ein Unheil von diesem Umfang ist aber seit Menschengedenken und soweit die historischen Berichte zurückgreifen, noch nicht über das Land hercingebrochen. Es wird großer
und vereinter Anstrengungen der ganzen Kulturwelt bedürfen, um die Schrecken einer Hungersnot von unvorstellbaren Dimensionen aus dem Vangtsebecken zu bannen.
Die chinesische Regierung verhandelt mit Amerika über die Lieferung sehr großer Weizenvorräte auf einen dreijährigen Kredit zu niedrigem Preis und niedrigem Zinsfuß. Amerika, dos im Getreideüberflutz erstickt, Hot es am ersten in der Hand, hier zu helfen, .und seine Hilfe wird eine neue Klammer zur Festigung seines Ansehens und seines Einflusses in China sein.
Geschichten aus aller Welt.
Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.
Enricos zweifacher Erjenbahnuniall.
(g) Rom.
Enrico heißt der biedere Römer Bürger, der binnen acht Tagen zwei sogenannte Eisenbahnunfälle erlebte. Den ersten bei einer Zugentgleisung in der Rähe der Hauptstadt, den zweiten jedoch im Gerichtsloal. woselbst cr vorn Rechtsbeistand der Cisenbahngesellschaft wenn auch nicht überfahren, so doch ausnehmend schlau überrumpelt wurde. Enrico erlitt bei der Entgleisung geringfügige Verletzungen und wollte es nicht unversucht lassen, hieraus ein Kapital zu schlagen. Er strengte einen Prozeß gegen die Bahn an und forderte einen unverschämt hohen Schadenersatz mit der Begründung, die Läh- <nung des Armes mache ihn dauernd arbeitsunfähig. Er war in entsprechender Aufmachung vor dem Kadi erschienen, mit dicken Armbinden und so. Und behauptete, den Arm nicht mehr richtig heben zu können. „Zeigen Sie uns doch bitte", forderte der Syndikus den Kranken auf. „wie hoch Sie Ihren kranken Arm noch heben können!" Enrico strengte sich riesig an und hob die Hand im Schweiße seines Angesichtes ein klein wenig höher. „Höher geht es nicht mehr", stöhnte er und schien am Ende seiner Kräfte zu sein. — „So. so", brummte der Anwalt, „ging es denn vor dem Unfall besser?" — „Dos will ich meinen", empörte sich Signor Enrico, „schauen Sie her!" Sprachs und hob den gelähmten Arm mit einer breit ausholenden Geste über den Kopf. Es dauerte eine Weile, bis er kapierte, warum die Anwesenden in ein homerisches Gelächter ausbrachen und warum er mit seinen Schadenersatzansprüchen abgewiesen wurde ...
Der Taubenkrieg von Floren,;.
(g) Florenz.
Die schönste Kirche von Florenz, der Santa Moria del Fiore-Dom, hat einen annähernd hundert Meter hohen freistehenden Glockenturm, der seit Menschen^ gedenken auch als „laubenrefibenA" bekannt ist. Die Florentiner waren bislang recyt stolz auf die lieblichen kleinen Vögel und behaupteten, sie seien bedeutend besser erzogen als die vom Markusplatz in Venedig. Nun vertrat aber der löbliche Magistrat der ehemaligen Hauptstadt von Etrurien den Standpunkt, die Tauben wären „immerhin" nicht sauber genug und verschandelten, wenngleich ungewollt, die wertvollen Kunstschötze. In diesem Sinne faßte die Stadtverordnetenversammlung den Entschluß, die Tauben auszurotten. Eines denkwürdigen Morgens wurde im Palazzo Vecchio die Taubenjagdkompanie zusammengestellt: sie bestand aus Polizisten, Arbeitern mit Vogelfutter und Netzen, sowie aus Feuerwehrmännern. Die Polizeibeamten sorgten für freie Bahn, die Feuerwehrmänner für die Absperrung des Jagdgebietes und die Arbeiter bestreuten den Platz mit Vogelfutter, um die auf diese Weise herbeigelockten zahmen Tauben sodann einzufangen. Das ganze Schauspiel wurde gegen Morgengrauen in Szene gesetzt, um ja kein öfsentliches Aufsehen zu erregen. Man vergaß dabei bloß der Eigenschaft der Tauben Rechnung zu tragen, daß sie Lang
demütigt und demütigen lassen bis zur Grenze des Möglichen. Cr fand kein Ja — nur ein Rein hat er mir zur Antwort gegeben."
In ihr schwieg alles. Sie brachte keinen Ton aus der Kehle. In ihrem Kopf war eine Leere ohnegleichen. Und doch schien etwas das Gewölbe der Stirne sprengen zu wollen.
Guidos Schultern und Arme hingen schlaff. Er sah nach dem Grase, das sich dürftig und regennaß zu seinen Füßen schmiegte. Raja suchte vergebens ihren schlanken Leib zur vollen Größe aufzurichten. „Verlaß mich nicht, Guido!"
„Rein, mein Liebes! Du bist meine Frau, aber kein weiteres Recht mehr an dich darf ich mir anmaßen."
Als er nach ihren Händen griff, überließ sie ihm beide willenlos. Er begann sie zu liebkosen und zog sie dann an die Lippen. Schritte von der Treppe her ließen sie auseinandcrfahren.
„Raja, sag mir, daß du mich nicht verachtest", bat er flüsternd.
Sie weinte verhalten auf. „Ich kann dich nur lieben! Du weißt es ja." Ein Schimmer von Zärtlichkeit brach auS ihren Augen.
Das Mädchen fühlte noch die Glut seiner Küsse auf den Lippen, als er längst gegangen war. Ihr Blick suchte zu den Sternen empor, die nun vereinzelt zwischen dem Gewölk leuchteten. Aufs neue schrie ihr Herz zu Gott um-Verzeihung und Barmherzigkeit.
Lautlosen Fußes schritt sie eine Viertelstunde später inS Haus und ließ den Riegel vor die Türe springen.
Als sie in das geräumige Zimmer zu ebener Erde trat, erhob sich von einer Dank am Ofen ein Mann in den fünfziger Jahren und schraubte die Lampe, die über dem mächtigen Eichentisch hing, etwas höher. Mit einem mitleidigen Dlick umfaßte er die Gestalt der Tochter. „Komm zu mir, mein Kind!"
Gr sah, wie der schlanke Körper wankte und ging ihr ein paar Schritte entgegen. „Du bist krank", sagte er mitleidsvoll.
Sie verneinte und hob die Hände zu ihm auf. „Laß mich seine Frau werden, Vater!"
Sein Arm verhinderte noch rechtzeitig, daß sie vor ihm in die Knie glitt. Er führte sie nach der Dank, die sich um den riesigen Kachelofen zog, drückte sie darauf nieder und setzte sich an ihre Seite. Eine Weile blieb es ganj still im Raume, bis die Stimme Gunnar Bosanyis in das Schweigen klang:
„Raja, ich habe nein gesagt und werde es immer und immer wieder sagen, nicht aus Eigensinn und Verbissenheit, nicht, um dir die Jugend zu verderben. Aber es liegt zu viel zwischen dir und dem anderen. Zu viel! Ich wollte dir ersparen, alles zu wissen Aber du zwingst mich dazu. Denn du alles gehört hast, wirst du selbst dein Herz von ihm wenden!"
schläfer sind. Das .Henkerfrühstück" konnte sie auch nicht vorzeitig vom Ofen, bzw. vom Glockenturm locken: sie waren wohlgenährt und ließen sich reichlich Zeit. Erst gegen neun Uhr meldeten sich die ersten Tiere und diese kleine Verspätung sollte ver- bängnisooll werden. Nicht etwa für die Tauben, sondern für die wackeren Jäger. Zu dieser Zeit setzte nämlich das alltägliche Straßenleben ein; die Florentiner merkten natürlich, um was es ging und erhoben Einspruch. Als dieser nichts half, taten die Kinder ihr übriges und führten Jndianertänze rund um den Platz auf, die vorbildlich geeignet waren, die zu fangenden Tauben zu verscheuchen. Ihren Höhepunkt erreichte die Straßenkomödie in dem Augenblick, als ein eleganter Herr namens der Ge- samtbeoölkerung Protest einlegte: Signor Giuste, der Vorsitzende des örtlichen Tierschutzvereins. Gastone Giuste ging gleich aufs Ganze und erklärte dem ver- dutzten Expeditionsleiter, man werde die Tauben- jäger polizeilich abführen lassen. Nun muß man wissen, daß Mussolini persönnlich der oberste Schirm- Herr der italienischen Tierschutzbewegung ist, der erst kürzlich die Beschützer der Tiere empfing und sie zu ihrer segensreichen Arbeit beglückwünschte. Da blieb den Taubenjägern weiter nichts übrig, als den Podesta (Bürgermeister) um weitere Befehle zu bitten. In Anbetracht der „revolutionären" Stirn- mung auf dem Fiore-Platz ordnete der Stadtvater sofortigen Rückzug der Stoßtruppen an. Somit waren die Täubchen zunächst gerettet. In der Folge zeigte Herr Giuste den Magistrat in aller Form an; erstens wegen Außerachtlassung der gesetzlichen Schonzeit und zweitens überhaupt. Daraufhin haben sich die Zuständigen mehr als salomonisch geeinigt: „Da die Entfernung der Tauben notwendig sei, beauftragt der Podesta im Einvernehmen mit dem Tierschutzverein den — Tierschutzverein, dies bei größtmöglicher Schonung der Tiere durchzuführen." Man kann gespannt sein, welchen Ausweg jetzt Giuste finden wird, sich als schonender Taubentöter so zu behaupten, daß die Tierchen friedlich entfernt werden, ohne daß ihnen ein Haar gekrümmt werde.
ZigLUner-Trick.
(v) Budape st.
Wie der „Magyarsag" berichtet, blieb vor kurzem ein fahrplanmäßiger Schnellzug, nachdem die Lokomotive minutenlang Pfeifsignale gegeben hatte, wenige hundert Meter hinter der Station Marosvasarhely, auf freier Strecke plötzlich stehen. Die Passagiere, die den Zug verließen, um die Ursache dieses plötzlichen Anhaltens zu erfahren, sahen dicht vor der Lokomotive einen Zigeuner mit fünf splitternackten Kindern quer über den Schienen liegen. Der Zigeuner gestand, daß er die Absicht gehabt habe, sich mit seinen fünf Spröhlingcn überfahren zu lassen, da die Zeiten einfach unerträglich geworden seien und er weder durch Musizieren noch durch Kesselflicken auch nur einen Heller für den Lebensunterhalt seiner vielköpfigen Familie mehr verdienen könne. Seine zu Herzen gehende Darstellung erregte das Mitgefühl der Zuginsassen, sie sammelten für ihn, überreichten ihm eine ansehnliche Summe, und nun erst,' nach über einer
„Rie, Vater!" stieß sie tonlos hervor.
„Du kannst ja entscheiden. Aber gib mir nicht die Schuld, wenn etwas in dir zertrümmert wird, was du bisher heilig gehalten hast. Mache mich nicht verantwortlich, wenn du kein Lachen mehr findest, und zieh mich nicht zur Rechenschaft, weil ich bis jetzt geschwiegen habe — aus reiner Darm- fjenigfeit."
„Vater!"
Die braungebrannten, von schwerer Arbeit rissigen Hände Bosanyis umspannten die der Tochter und preßten sie schweigend. Dann dehnte sich seine Brust unter dem weihen Hemd, das in schneeiger Reinheit gefaltet lag. „Guido Horvaths Mutter war einmal — meine Braut."
Raja bewegte kein Glied.
Bosanhi hielt noch immer ihre Hände fest umklammert.
„Meine Eltern hatten die Tanja hier seit mehr als zweihundert Jahren im Besitz. Ich war von drei Brüdern der jüngste. Mit meinem zwangig- sten Jahre bezog ich die Hochschule in Budapest. Studieren war von jeher meine Freude gewesen. Dort lernte ich ein Mädchen kennen Andrea Tury. Ich liebte sie mit aller Leidenschaft und fand Erwiderung. Ein halbes Jahr spater verlobten wir uns — das war im März. Den Sommer verbrachte sie bei meinen Eltern.
Sobald ich mein Examen gemacht hatte, wollten wir heiraten. Guido Horvaths Vater war mein intimster Freund. Er wuchs mit mir in der S eppe auf und sollte die Tanja erben, die jetzt feiner Großmutter gehört. Wir waren unzertrennlich.
Von dem Tage ab, an dem ich meine Braut hierher brachte, datiert mein Unglück. Ich habe gar nichts bemerkt, hegte keinerlei Argwohn, dachte nur, cs wäre eine Mädchenlaune, daß sie mit einem Male so ernst und still und wohl auch ein bißchen kühler gegen mich wurde
Als sie nach sechs Wochen zurückfuhr, bat ich Horvath, sic nach Budapest zu begleiten, da ich selbst verhindert toar,- es zu tun So weit ging mein Vertrauen in seine Freundschaft.
Einen Monat später kam ich selber nach. Mein erster Gang zu ihr. Zu meinem Schrecken sah ich. daß sie sich furchtbar verändert hatte. Bleich und eingefallen, von einer unerklärlichen Scheu gegen mich erfüllt, reichte sie mir die Hand. Als ich sie in die Arme schloß, zitterte sie wie ein Verbrecher.
Ich fragte, ich bat, ich drohte, aber ohne Erfolg. Bis sie dann eines Tages die furchtbare Qual nicht mehr ertragen konnte.
Auf den Knien kam sie zu mir gekrochen und gestand, daß sie Horvath zu eigen sei, seit den Tagen, die sie bei mir in der Steppe verbracht hatte. In Budapest hatten sie sich trauen lassem
Ich weiß nicht mehr, wie alles gewesen und wie alles gekommen ist. Infolge des rasenden Schmerzes und des tobenden ZomeS, der mich
Viertelstunde Aufenthalt, konnte der Schnellzug wieder abfahrcn. In den nächsten drei Tagen wurden sieben Schnellzüge auf diese Weise von dem armen Zigeuner und seinen Kindern auf- gehalten. Auch der achte Schnellzug hielt prompt an, — statt der mitleidigen Passagiere aber entfliegen ihm die Gendarmen und entführten den phantasievollen Sohn bet Steppe und feine Nachkömmlinge dorthin, wo sie sich vorläufig keine Sorgen mehr um ihr tägliches Brot zu machen brauchen, da sie es vom Staate geliefert bekommen.
Ter angcklagte „Nautilus-Lotse.
(g) Stockholm
Der Verband der Küstenlotfen in Tromsö hat ein Difziplinarverfahren gegen fein Mitglied, den Lotsen Breivold, eingeleitet. Breivold ist jener Lotse, der das Rordpol-U-Boot des amerikanischen Kapitäns Wilkins, den ..Rautilus", in den skandinavischen Küstengewässern geführt hat. Die Anklage seiner Kollegen wirst chm ^Übertretung der Derbandsstatuten vor. die eine gewisse Mindestzeit Arbeitsruhe vorschreiben. Breivold hat diese Mindestzeit gehörig unterboten. Er hat, wie er selbst bei seiner Rückkehr nach Tromsö einem Interviewer erklärt hat, während des Vierundzwanzigstunden- tages auf dem „Rautilus" höchstens sechs Stunden Ruhe gehabt, während die Statuten fast das Doppelte vor'chreiben. Gleichzeitig mit dieser Anklage wird eine entsprechende, gegen den Kommandanten Danenhovcr des „Rautilus" vor dem Seemannsgericht erhoben. Allerdings scheinen sich die Tromsöer Lotsen mit dieser Anklage ein wenig in die Resseln gesetzt zu haben, denn die Oeffentlichkeit ist empört über dieses Vorgehen, baß sic, wohl nicht ganz zu Unrecht, ein „häßliches Manöver des Brotneids" nennt
Oberheffen.
Bezirkssparkaffe Schotten.
■ Schotten, 6. OH. Die hiesige Bezirks- sparkasse hielt ihre diesjährige D e r t r c - terversammlung im Rathaus zu Schotten ab. Der Direktor der Kasse, Bürgermeister Menget, begrüßte die zahlreich erschienenen Vertreter der Gemeinden, insbesondere den Vertreter der Aufsichtsbehörde, Kreisdirekior Dr. I a n n , und Iustizrat Dr. Reh (Darmstadt), den Vorsitzenden des Hessischen Sparkassenverbandes, sowie Oberamtsrichter Klose, den Vorsitzenden des Aufsichtsrates.
Die Rechnung des abgelaufenen Geschäftsjahres 1930 wurde genehmigt, ebenso die Aufwcrtungs- rcchnungen der Jahre 1927 bis 1930. Bürgermeister Menge! erstattete alsdann einen genauen Geschäftsbericht über das vergangene Jahr. Die Kasse hat sich günstig fortentwickelt. Die Gesamteinlagen sind auf rund 1 463 000 Mk. gestiegen, die Bilanzsumme der Kasse hat sich erhöht, desgleichen die Zahl der Sparer. Für wohltätige Zwecke sind über 1400 Mark verausgabt, 1000 Mark wurden dem Krankenhaus Schotten zugewiesen. Der Reingewinn aus l£30 mit rund 5350 Mar! wurde der Rücklage zugeschlagen, die damit eine Höhe von 70 000 Mark erreicht. In den Schulsparkassen wurden etwa 27 COO Mark gesammelt, in den Heimsparbüchsen etwa 6000 Mark. 40 Prozent der Einlagen der Kasse sind in Hypotheken angelegt. 16 Prozent in Kaufschillingen, 7 Prozent in Bürgschaften, 2,5' Prozent in Wechseln, 19 Prozent im Kommunalkredit, 25 Prozent verteilen sich auf den Kontokorrentverkehr. Insbesondere verbreitete sich der Direktor eingehend über die allgemeinen geldwirtschaftlichen Verhältnisse im vergangenen Jahre und besonders in den letzten Monaten, über die Dankkrise und unsere Währung. Der Glaube und das Vertrauen in die Beständigkeit unserer Währung muß erhalten bleiben, die Reichsmark i st und bleibt auf alle Fälle fest und
erfüllte, fehlt mir jedes klare Erinnern. Ich entsinne mich nur noch, daß ich sie demütigte, wie noch niemals ein Mann eine Frau gebemütigt hat. Heber ihren Körper hinweg schritt ich zur Tür, um Horvath zur Rechenschaft zu ziehen. Das Hnglücf wolltte, daß er in diesem Augenblick das Zimmer betrat.
ES kam, wie es kommen muhte. Eine Minute später war er tot. Ich hatte meinen Revolver gezogen und als er ihn mir aus der Hand zu winden versuchte, löste sich plötzlich ein Schuß. Die Kugel traf ihn mitten ins Herz. Keine Reue hätte ihn mehr dem Leben zurückgeben können."
Das Mädchen warf sich mit einem Aufschrei an die Brust des Vaters. „Du bist fein Mörder geworden!"
„Ja! Die Gerichte haben auf Fahrlässigkeit erkannt. Wie es gekommen wäre, wenn er mir die Waffe nicht zu entwinden versucht hätte, weiß ich nicht."
„Sein Mörder!" Raja glitt kraftlos gegen die Kacheln des OfenS.
Cs blieb totenstill in dem großen Raum. Die Lampe flackerte müde auf. Rajas dunlleS Haupt lag schwer in den Racken zurückgebogen.
Gunnar Bosanyi streichelte die kalten Finger des Mädchens, die reglos gegen die Bank gedrückt waren.
„Ich bin noch nicht zu Ende, Kind! Fünf Monate später kam sein Sohn zur Welt: Guido Horvath. Ich bereute nicht, ihm den Vater genommen zu haben, konnte nicht bereuen. Aber mein Gewissen gebot mir. dem Mädchen, da- ich so über alles geliebt hatte, meine Hilfe anzubieten. Sie wurde abgelehnt.
Sechs Wochen später ließ mich Andrea Tury rufen. Sie lag im Sterben und wollte mein Verzeihen mit in die Ewigkeit hinübernehmen.
Und ich vergab! Habe alles vergessen, was sie mir angetan, habe sie wieder in den Armen gehalten wie einst. Ich fand die Koseworte, mit denen ich sie früher überschüttet hatte. Wir sprachen von nichts als unserer Liebe und wie wir unsere Zukunft gestalten wollten.
Sie lächelte immerfort und schmiegte sich an mich Als sie ganz stille wurde, rief ich ihren Ramcn. Es kam keine Antwort mehr.
Sie war tot!
„Vater!" Raja kniete am Boden und barg ihr Gesicht gegen btc Brust des Vaters, der reglos in die matte Helle der Lampe starrte.
„Geh jetzt zu Bett!" mahnte cr gütig. „Ich hätte so gerne von all dem geschwiegen. Aber es mußte fein. Jetzt wirst du begreifen, daß ich nie, nie meist Kind dem Sohn des anderen, der mir die Braut stahl, zum Weibe gebe. Cher bricht der Himmel über der Steppe zusammen, als daß ich meine Hände zum Segen für diesen Bund hebe."
(Fortsetzung folgt.)


