eigentliche Bewährungsprobe stehtbevvr. Die Maßnahmen werden sicher unpopulär sein, aber wenn das Bolt die st a r k e Hand in der Führung spürt, wenn es sieht, daß diese Maßnahmen gleichzeitig auch der Defreiung vvn den außenpolitischen Fesseln dienen, dann toirb es in seinen verständigen Teilen aus eigener Lieberzeugung auch den Führern Raum geben.
Eine Hitlerrede zur Landiags- waht in Oldenburg.
Eutin, 7. Mai. (TU.) Aus Anlaß der bevorstehenden Landtagswahl in Oldenburg hielt die NSDAP, eine Kundgebung ab, auf der Adolf Hitler u. a. ausführte, Deutschland könne nicht gerettet werden, wenn alle nur ihr persönliches Leid sähen. Es sei völlige Idiotie, wenn der Bauer, der Arbeiter, der Handwerker oder der Beamte glaube, s i ch von dem G e sa m t s chi ck s a l ausschließen zu können, indem er nur seine Berufsinteressen im Auge habe. Es sei leicht, in einer Versammlung von Berufsständen das zu reden, was die Leute gern hören wollten. Wenn sich aber eine Bewegung erhebe, die alle Berufsschichten umfasse, dann höre die innere Unwahrhaftigkeit dieser Art politischer Propaganda auf. Hitler beschäftigte sich dann mit der Raumnot des deutschen Volkes und sagte weiter, heute gäbe es Menschen, die triumphierten, daß Rußland seinen Fünfjahresplan ausbaue, die aber vergäßen, daß sie auf dem Stempelamt die Quittung dafür erhielten. Wenn die Gegner eine Synthese zwischen Nationalismus und Sozialismus und eine Gemeinschaft zwischen Bürger und Arbeiter verneinten, dann sei die Zukunft des deutschen Volkes Wahnsinn.
Danzig vor demMkerbundsral. Der Bericht Gravinas. — Eine Aussprache soll verhindert werden.
Genf. 7. Mai. (TU.) Der große Bericht, den der Danziger Völkerbundskommissar GrafGra- v i n a dem Generalsekretär über die Beziehungen zwischen Danzig und Polen übersandt hat, ist nunmehr amtlich auf die Tagesordnung der Mai-Tagung des Völkerbunds« rates gesetzt worden. Der Bericht soll erst kurz vor dem Beginn der Ratsverhandlungen den Regierungen übermittelt werden. Lieber die Behandlung des Berichtes im Völkerbundsrat haben eingehende Verhandlungen zwischen dem Generalsekretär und dem Grafen Granina stattgefunden, der während der Ratstagung in Genf anwesend sein wird.
Lieber den Inhalt dieses Berichtes wird bekannt, daß der Danziger Völkerbundskommissar darin in allen Einzelheiten die Vorgänge behandelt, die zum Rücktritt des polnischen Kommissars Straßburger geführt haben sowie eingehend auf die gespannten Beziehungen zwischen Danzig und Polen zu sprechen kommt. Dem Bericht sind zahlreiche Anlagen beigefügt, die verschiedene polizeiliche Llntersuchun- gen der Danziger Behörden über die Tätigkeit der polnischen Vertreter in Danzig wiedergeben. Der Bericht soll, wie verlautet, für Polen belastendes Material enthalten. Wie verlautet, sind verschiedene Polen unmittelbar berührende Stellen abgeändert und Anlagen fortgelassen worden. Der Bericht soll in dieser Fassung nunmehr den Regierungen vorgelegt werden.
Henderson soll als Berichterstatter für die Danziger Fragen die Absicht haben, in direkten Verhandlungen mit den Vertretern Danzigs und Polens eine Einigung über eine - Entschließung herbeizuführen, die sodann vom * Dölkerbundsrat ohne Aussprache angenom- men werden soll. Offenbar wird hierbei die Absicht verfolgt, eine grundsätzliche politische Aussprache über die Danziger Fragen vor dem Rat zu verhindere Es erscheint jedoch fraglich, ob diese Methode den deutschen Interessen entspricht. Es dürfte vielmehr durchaus zweckmäßig sein, daß die bisher von Polen eingeschlagene Haltung gegenüber Danzig vor dem VölkerbundS- rat in aller Breite aufgerollt wird.
Gespannte Lage in Spanisch-Marokko.
Tanger, 6. Mai. (WTB. Reuter.) In der Stadt T e t u a n waren heute allenthalben Infanterie-
Der Kampf um Max Reger.
3u seinem 15. Todestage
Von Dr. Anneliese Landau.
Es scheint ein sonderbarer Gedanke, daß schon 15 Jahre seit jener Mainacht verstrichen sein sollen, in der Max Reger im Hotel Hentschel in Leipzig über einer Zeitung für immer eingeschlafen ist. Es war damals so etwas Unvorstellbares daß dieser scheinbar allen Strapazen gewachsene Körper plötzlich, mit 43 Jahren, dem Leben aufsagte. Freilich, der letzte Schlaganfall während der Berliner Konzertreise 1913 hatte seiner bis dahin pausenlosen, über jede menschliche Kraft gehenden „Schufterei" — wie er immer selbst gern sagte — schon eine Grenze gesetzt; er mutzte ja damals die Leitüng der Meininger Hofkapelle aufgeben und die übergroße Anzahl seiner Konzertreisen einschränken, die er neben den Unterrichtsstunden, neben der reichen produktiven Tätigkeit seit Wiesbaden jeden Winter systematisch unternommen hatte, erst — um selbst feine Werke öffentlich bekanntzumachen, später — um seine Frau, Elsa von Bagenski, und seine beiden Adoptivtöchter für immer pekuniär sicherzustellen. (Diese Frau hat einmal, als Max Reger infolge geistiger Ueberanftrengung gegen schlaflose Nächte kämpfte, an Frida Quast-Hodapp in „einer dummen Stimmung" geschrieben: „Ich bin meiner Mission, Max' Leben, dieses kostbare Gut, hegen zu müssen, genau bewußt. Ich weiß, fein Wohl und Wehe wird mir angerechnet, ich habe Gott Rechnung über ihn abzulegen.")
Diese Konzertreisen Regers als Pianist und als Dirigent haben es fertig gebracht, daß in dem relativ kurzen Zeitraum von zwölf Jahren eine Hörerschaft die anfangs nur ablehnend der schwer faßbaren Regerschen Musik gegenüberstand, dann bei mehrtägigen Regerfcsten vor ausverkauften Häusern wieder umkehren mußte. Denn der Musikhörer der Jahrhundertwende, der an das farbenreiche Orchester eines Richard Strauß gewähnt war, muhte erst langsam für die kontrapunktische Orgelkunst eines Reger gewonnen werden. (Der unermüdliche Wegbereiter für Regers Orgelwerke war Regers Altersgenosse Karl Straube, noch lange bevor er Thomaskantor wurde.) Die Zeit um Richard Strauß liebte Pro- grammusik, das Lied, dis Over — und Reger schrieb
und Kavalleriepatrouillen zu sehen, und doch herrschte völlige Ruhe. Die strategischen Punkte der Stadt sind militärisch besetzt, und auch auf den Hauptplätzen sind Geschütze aufgefahren, deren Mündungen auf das Eingeborenenviertel gerietet sind. Der Großwesir empfing heute eine neue
Abordnung von Mauren, die die gleichen Arbeitslöhne verlangten, wie sie den spanischen Arbeitern gewährt werden. Abends waren Gerüchte über eine Meuterei in der f panX f cf) e n Fremdenlegion in Souk el Arba bei Che- chawen in Umlauf.
Gegen die Sleuerechöhungen in Hessen.
Scharfe Angriffe gegen Kirnberger im Landtag. - Oer Zinanzminister verteidigt die Besteuerung des Hausbesihes.
Siedlungswesen.
D a r m ft a b t, 7. Mai. (WHP.) In der Einzelaussprache über den Finanzetat spricht Abg. Weck- l e r (Z.) der Regierung für die Förderung der Ansiedlung hessischer Bauern in Mecklenburg seinen Dank aus und wünscht weitgehende Verbilligung der Baukosten für Neusiedler.
Abg. Lang (Z.) verweist auf Ausführungen des Präsidenten der Preußenkaffe, daß in der Ostsiedlung bisher lediglich Badenser und Hessen neben den Zin- sen auch die Amortisation herausgewirtschaftet hätten.
Bad-Nauheim.
Abg. Schäfer (K.) bezeichnet, wie alljährlich, Bad-Nauheim als ein Luxusbad für Kapitalisten. Sowjetrußland habe sämtliche Bäder der Arbeiterschaft geöffnet.
Abg. Hainstadt (Z.) begrüßt die Einrichtung des Ker khoff-Instituts. In der Hauptsaison solle der Kurhaussaal in erster Linie dem Bade- betrieb vorbehalten bleiben. Der Charakter Nauheims als Heilbad dürfe nicht abgeändert werden.
Abg. R e ch t h i e n (Soz.) stellt fest, daß die Kur- oerroeltung Bad-Nauheim den geringer Besoldeten Preisermäßigungen bis zu 50 v.H. gewähre. Im vorigen Jahre hätten nur 39 v. H. der Kurgäste volle Taxen bezahlt. Hoffentlich gelinge es bald, in Bad-Nauheim auf dem Johannisberg ein großes Hotel zu errichten.
Abg. Werner (Natsoz.) fordert steuerliche ,®e- rücksichtigung des auf Saisonbetrieb angewiesenen G e w e r b e s in Bad-Nauheim. Wieviel habe Hessen jetzt für die Inneneinrichtung des Kerckhosfinstituts noch ausgegeben? Die Tarife in Bad Salzhausen bedürften einer Ermäßigung.
Abg. Lang (Zentr.) begrüßt die v e r b i I (i g t e n Mittel st andskuren in Salzhausen, die auch in Nauheim eingeführt werden sollten.
Finanz nki nist er Kirnberger erklärt, Hessen habe sich seinerzeit, um das Kerckhoffinstitut zu bekommen, verpflichtet, für das Institut Heizungs- und Beleuchtungskraft zu stellen. Das falle finanziell kaum ins Gewicht, da Nauheim diese Kraft selbst produziere. Staatliche Einrichtungen in Bad-Nauheim würden für keinerlei politische Zwecke zur Verfügung gestellt.
Abg. Dr. Keller (DDP.) glaubt, daß die Regierung bezüglich des Bades auf dem richtigen Wege fei. Um Aufregungen der Kurgäste zu vermeiden, solle die Polizei bei allen politischen Versammlungen und Kundgebungen auf einen ruhigen Verlauf sehen.
Lebhafte Steuerdebatte.
Es folgen die Steuerkapitel und die aus den Parteien gestellten Abänderungsanträge.
Abg. Dr. R i e p o t h (D. Vp.) erklärt, die Volkspartei habe aus grundsätzlichen Erwägungen die Führung übernommen im Kampfe gegen die Steuererhöhung, da durch sie die ganze Wirtschaftsordnung ausgehöhlt werde. Eine jährliche Belastung des Hausbesihes um mehr als 3 Prozent und des Gewerbekapitals lum 6 Prozent führe notwendig zur Enteignung. Wenn die Staatspartei jetzt versuche, die Verantwortung für die Steuer erhö- lhungen abzuschieben, so werde ihr das nid|t gelingen. Mit dem Erlaß des Finanzministers an die Finanzämter sei nichts getan. Entweder müsse man zugeben, daß die Vvlkspartei im Herbst mit ihren Warnungen Recht hatte und zurück- gehen, oder aber der Erlaß sei eine verzuckerte Pille. Die Sondergebäudesteuer und die Grundsteuer haben zu katastrophalen Wirkungen geführt. Wir haben unzählige Fälle feststellen müsien, daß die Abgaben jetzt höher sind als der Mieteingang. Wir haben seit Jahren gefordert, nicht Steuererhöhungen, sondern Steuerermäßigungen vorzunehmen. Aber man hat
weitere Millionen bewilligt, ohne daß uns das Finanzministerium sagte, die Gelder seien nicht vorhanden. Darum beantragen wir, daß keine Vermögensausgaben mehr beschlvs- s e n werden hülfen, wenn das Geld nicht mindestens langfristig beschafft werden kann. Die Groh- mannssucht der Koalition zeigt sich auch bei der Schaffung der zahlreichen politischen Stellen und dem Ankauf von Wald- und Weinberggelände. Wir beantragen: „Die Sondergebäudesteuer nach § 13a wird nicht erhoben und die Grundsteuer wird auf 24 (jetzt 36) Pf. ermäßigt".
Zinarizmimster Kirnberger
wendet sich in scharfen Worten gegen die im Lande betriebene maßlose Agitation, an der sich unverständlicherweise auch Industrie und Gewerbe beteiligten. Im Ministerium hätten zahlreiche private Hausbesitzer zugegeben, daß sie durch die Steuererhöhung und die gleil^eitige Steuersenkung eine Lastenverminderung feststellen müßten. Der hessische Hausbesih ist mit staatlichen und kommunalen Steuern nicht höher belastet, als der -Hausbesih in anderen Ländern. Die außerordentlich hohe Belastung des Hausbesihes beruht darauf, daß den Ländern jum Ausgleich ihrer Voranschläge auf Grund rerchsgesehlicher Bestimmungen nur die Realsteuern zur Verfügung ständen. Wenn in Ha/usbesiherkreisen eine gerechte Verteilung der Lasten auf alle Schultern verlangt wird, so vermisse er einen Vorschlag, wie das ermöglicht werden solle, solange die Erhebung von Zuschlägen zur Einkommen st euer durch Reichsgeseh verboten ist. Der Minister erinnert daran, daß in Hessen in den letzten Jahren die Gebäudesondersteuer mehrfach durch Gesetz und Derwaltungsmaßnahmen erheblich gemildert wurde, so daß — einschließlich der kommunalen Sondersteuer — eine Entlastung der Steuerzahler um mindestens 6 Millionen Mark eingetreten sei. Die int Herbst beschlossene Erhöhung reiche bei weitem nicht an die eingetretene Entlastung heran. Die Erhöhung beschränke sich auf die Häuser, die eine Friedensmiete von mehr als 5 v. H. brächten. Das entspreche einer alten Forderung der Hausbesitzer selbst, daß nicht der Steuerwert, sondern die Miete der Besteuerung zugrunde zu legen sei. Häuser mit einer besonders hohen Rente sollten hiernach auch höher besteuert werden als Häuser mit Rormalrente. Von dieser Steuer werden 10 v. H. aller Hausbesitzer betroffen. Die Regierung habe Vorschriften erlassen, besonders hart betroffene Hausbesitzer von dieser Erhöhung ganz oder teilweise.zu befreien. Im Falle der Existenz- gefährdung soll der Betrag der Steuererhöhung unerhoben bleiben; -Reparaturhypotheken und übergroße Reparaturkosten sollen berücksichtigt werden. In manchen Bezirken sei die Veranlagung schon soweit fortgeschritten gewesen, daß diese Vorschriften vor Ausgabe der Steuerzettel noch nicht beachtet werden konnten; in diesen Fällen soll dies nachträglich geschehen. Er sei gerne bereit, ein etwaiges Mehraufkommen an Sondersteuer über den Etatsansatz hinaus im folgenden Rechnungsjahr zur Senkun g dieser Steuer zu verwenden. Die stärkere Heranziehung der hochverzinslichen Häuser allein ermögliche es, gegenüber den anderen Hausbesitzern, die im Verhältnis zum Mieteingang seither schon außerordentlich belastet waren, die Rachsicht zu üben, welche die gegenwärtige Wirtschaftslage erfordere.
Kritik der Parteien.
Präsident Delp teilt mit, daß die beiden volksparteilichen Anträge auf Steuerherabsetzung parlamentarisch nicht erledigt werden könnten, da sie
Kammermusik! Quartette in einem künstlich übereinandergeschichteten polyphonen Satz, der aus der Schule Bachs und Brahms' zu einer neuen Gesetzlichkeit des strengen Satzes herausgewachsen war. Das Lied Regers, das Lula Myß-Gmeiner immer wieder auf ihre Konzertprogramme setzte, fand in seiner konstruktivistischen Art keine Beziehung zum Publikum, bis auf eines feiner allerletzten, bis auf „Maria sitzt im Rosenhag", dem einzigen, in dem es Reger gelungen ist, einfach und volkstümlich, wirklich liedhaft zu fingen. Und gegenüber der Oper erkannte Reger selbst seine Grenzen. Er schickt Otto Losch einen Operntext zurück, da „ich zur Oper und zum Musikdrama absolut keine Begabung habe, ich habe mit dem Theater absolut keine Fühlung, und nur der soll fürs Theater, und nur der darf fürs Theater komponieren, der sozusagen von Jugend auf mit dem Scheinleben des Theaters vertraut ist, also Sinn und Verständnis als selbst Schaffender für Bühnenwirkung besitzt! Und diese so unerläßliche Eigenschaft geht mir vollständig ab!"
Und weil sich für diese spröde Musik Regers, die absolut keine Konzessionen an das große Publikum machte, keine Verleger finden wollten, mußte Reger mit seinen Freunden selbst um das öffentliche Bekanntwerden seiner Werke im Konzertsaal sorgen. (Es darf nie vergessen werden, daß Augener in London 1892 als Erster das Risiko übernahm Reger- sche Werke zu drucken; 20 Jahre später rissen die deutschen Verleger sich um dieses Recht!) Es waren nicht die schlechtesten Künstler die sich für den jungen Reger einsetzten: Hugo Riemann, Arthur Niki sch, Felix Mottl Fritz Busch, Hermann Abendroth — sie lassen sich nicht alle nennen —, Flesch, Marteau , Edgar W o 11 g a n d t und Wendling waren Regers Geiger, Frau Q ua sich o d a p p interpretierte seine Klavierkonzerte, und neben den Ausübenden suchten Adolf Wach und Reinhold A n s ch ü tz in Leipzig Reger Geltung zu verschaffen, aber es gelang ihnen gerade in Leipzig schlecht. Noch am 17. Februar 1909, zu einer Zeit, in der Reger im In- und Ausland schon ein bekannter und gefeierter Name war, dokumentierte Leipzig öffentlich seinen passiven Widerstand gegen die Musik seines Universitätsmusikdirektors mit folgendem Ergebnis des Billetoerkaufs für einen Reger- abend im Gewandhaus: Vorverkauf 45 Mark, — Abendkasse 4 Mark, zusammen 49 Mark — Defizit 251 Mark. .
Fünfzehn Jahre liegt heute Regers Kampf um seine Anerkennung zurück. Und wäre dieser Kampf mit den Namen der heute noch Schaffenden und konzertierenden Künstler nicht so eng verknüpft und darum uns noch immer so merkwürdig gegenwarts- nab dann müßte uns mit einem Blick auf unsere heutige Musikpflege dieser Kampf um Reger schon historisch erscheinen. Denn die heutige Generation wendet sich ja ebenso bewußt wie Reger der Kammer- musik zu; der heutige Komponist fordert wie Reger vom Hörer ein bewußtes Mitarbeiten und kämpft wie Reger gegen jedes passive Hören. Wir führen Bachs „Kunst der Fuge", das Strengste des strengen Satzes, wieder auf, ja, wir geben sogar Heinrich- Schütz-Feste, und, geschult an Bach und Schütz, scheint uns Reger nicht mehr abseitig, nicht mehr rückschrittlich; wir kämpsen nicht mehr um Reger, sondern seine Kunst scheint uns notwendiger Wegbereiter für heutige Musik gewesen zu sein.
Anekdote aus Florenz.
Von Max Krell.
Alle Rechte im Rowohlt-Verlag. Berlin W 50.
An einem Abend, kurz vor sieben Llhr, in Florenz, verließen zwei distinguiert gekleidete junge Männer die Pasticceria von Doneh uyd Ripoti in der Via Tornabuoni. Sie waren erregt und beglückt von ihrer unerwarteten Begegnung, der ohnehin ein gutes Jahr Derschollenfein und Reise vorangegangen war. Der Eonte B. segelte noch ganz im Fluß einer reizenden Geschichte; Eesare prüfte den Himmel, der dunkel umzogen war; er hatte es eilig. Der andere lüftete leicht den Hut. „Ich erwarte dich also um neun Llhr in La Pietra, mein Lieber."
Cesare nickte. „Liebrigens", noch einmal drehte er sich auf dem Absatz um, „ich reifte heute früh auf Angelinas Depesche hin wie ich ging unc* stand aus Mailand herüber; die Sache eilte ja, und nun fällt mir ein, daß ich sozusagen nackt herumlaufe."
„Ich bitte dich, mein Junge. Selbstverständlich findest du bei mir, was du nur brauchst."
Sie winkten noch mit den Handschuhen. Llnd als sie, in entgegengesetzter Richtung, auseinandergingen, pfiffen sie wie im Einklang ihrer Kna- benjcchre» jeder jur jich den neuesten Refrain.
Einnahmeausfälle zur Folge hätten, ohns daß Deckungsoorschläge vorliegen.
Abg. Dr. N i e p o t h (DVP.) weist demgegenüber nach, daß die Anträge zulässig sein müßten, da sie als Eventualanträge zu bereits zugelassenen weiter^ gehenden Anträgen des Landbundes gestellt feien.
Abg. Dr. Werner (NS.) erklärt, die Steuer« erhöhungen des hessischen Finanzministers seien Henkersdienste im Zeichen des Poungplans und der Notverordnung.
Abg. Dr. N i e p o t h erklärt, das Wichtigste an der Rede des Finanzministers sei das Eingeständnis, daß Fehler gemacht wurden und daß man sich an den Aufgaben übernommen habe.
Abg. W e ck 1 e r (Zentr.) verteidigt die Maßnah. men des Finanzministers, die durch die höhere Ge- walt der Gesamtentwicklung zwangsläufig.eintreten mußten. Das Zentrum glaubt, mit dem Etatsausgleich auch der Wirtschaft einen Dienst getan zu haben.
Wegen der endgültigen Stillegung der W ö l - fersheimerWerke erhebt der Abg. Dr. Wer. ner (Natsoz.) heftige Angriffe gegen die Regierung. Die Entwicklung der Werke habe alle früheren Darlegungen der Regierung als falsch erwiesen, und das Land Hessen verzeichne jetzt einen Millionen- v e r I u ft. Gegen die Versuche der Pleag. sich auch die Werke in Oberhessen einzuoerleiben, müsse mit allen Mitteln Front gemacht werden.
Nach weiterer Debatte werden auch die übrigen Kapitel des gesamten Finanzetats erledigt. — Freitag: Beratung des Justizetats.
Aus öfter Wett.
Schwere Linwetterschäden in Süddeutschland.
Infolge der in den letzten 24 Stunden übev der ganzen oberrheinischen Tiefebene niedergegangenen Wolkenbrüche besteht in allen Teilen Badens Hochwassergefahr. Lleberall ist es zu Lleberschwemmungen gekommen. Besonders stark sind die Verheerungen in Da den- Baden, wo die Oos über die Llfer getreten ist und weite Gebiete überschwemmt hat. Im Stadtteil Baden-West steht das Wasser einen halben Meter hoch. Auch die bei Karlsruhe in den Rhein mündende Alb ist über die Llfer getreten. Die Straße Karlsruhe—Herrenalb ist an verschiedenen Stellen überflutet. Die Alb talk'ahn mußte ihren Betrieb ein stellen, da die Schienen unterspült sind. In Ettlingen wurde der Hochwasser stand von 1919 überschritten. Durch einen Erdrutsch wurde auf der Pforzheimer Straße ein Lastauto um gewor- fen. An verschiedenen Stellen sind die Bahndämme unterspült worden. Der Verkehr auf der Strecke Karlsruhe—Stuttgart—München ist unterbrochen. Die Fernschnellzüge müssen um- geleitet werden.
Auch aus Württemberg wird Hochwasser gemeldet, so aus Zell bei Eßlingen, wo die Staats- straße streckenweise durch den Neckar unter Wasser gesetzt ist und Ortsteile überschwemmt wurden. Auch die Fils führt Hochwasser. Die Schwäbischen Textilwerke und andere an der Fils liegende Betriebe in Ebersbach mußten schließen, ebenso mußte der Schulunterricht abgebrochen werden. Aus Kirchheim unterm Teck wird berichtet, daß die Lauter große Verheerungen angerichtet hat. Groß- und Kleinvieh konnte vielfach nicht mehr gerettet werden. In Untertürkheim ist beim Treibholzfischen ein 30jähriger Mann vor den Augen seiner Frau ertrunken. In Feuerbach fiel ein 16 Jahre alter Jüngling ebenfalls beim Holzfischen ins Wasser, wurde von einem Strudel erfaßt und ertrank.
Das Geständnis des Mörders Reins.
Der in Genua verhaftete Ernst Reins ist in Gegenwart eines Vertreters des deutschen General- konsulates einem Verhör unterzogen worden und hat nach längerem Leugnen ein Geständnis abgelegt. Die Auslieferung wird sofort in die Wege geleitet. Reins gibt zu, den Mord sorgfältig vorbereitet und zu diesem Zweck am 29. April das Zimmer bei der Frau Möbius gemietet zu haben. Arn 1. Mai habe er den Geldbriefträger in das Zimmer gelockt und ihn von hinten angefallen. Es habe sich ein harter Kampf entspannen, bis Reins den Briefträger durch einen Schlag mit dem Bleirohr niederstreckte. Der Mörder bestreitet entschieden, daß seine S ch w e st e r n,etwas von der Tat gewußt hätten. Er will jeder von ihnen 400 Mark von dem geraubten Gelde geschenkt haben. Eine Durchsuchung des
Hier nun geschah, was an sich natürlich, harmlos und keinesfals ein Katastrophenmoment war, indessen dem Mailänder Kopf und Kragen kosten sollte. Ein Weib, zerschlissen und alt, tauchte aus dem Steingewirr der Straße auf, Pie gerade asphaltiert wurde, und hob, mit Zxtr urewrgen, Geste der Rot, ihm die Hand gegen den Arm. Das fahle Licht aus einem Teppichgeschäft verzerrte ihr Bild noch. Zur gleichen Sekunde fuhr mit wilden Böen der Regen eines späten Gewitters in die Straße. .
Zwei sehr natürliche Regungen kreuzten sich m Cesare: er wollte sowohl geben, als sich schützen. Die Linke griff nach dem Hut, der schon aufklappte und davon wollte; und deshalb auch ging Cesare geduckt zehn, zwölf Schritte weiter, während die freie Hand nach Münzen in der Tasche grub. Er fischte eine halbe Lira heraus... die Badegeschichte aus Cattolica war übrigens wirklich nett, dachte er... und legte das Geldstück auf die ausgestreckte Hand.
Aber diese Hand war schlank, war weiß und nicht vom Bitten zersaltet; sie spitzte nur eben unter einem seidenen Schirm hervor, ob Wohl dev Regen wieder aufgehört hätte. Die junge Con- teffina Arlini war recht verblüfft, auf ihrem weißen Handschuh plötzlich die halbe Lira als himmlischen Riederschlag zu finden. Zuerst sprang ein Lachen aus ihrem Mund. Aber Ermete Tasca an ihrer Seite, der so wenig wie sie begriff, waÄ dieses seltsame Douceur sollte, sah nichts als eine unerhörte Frechheit darin. Er schnellte gegen Cesare vor und versetzte ihm zwei scharfe, kurze Schläge ins Gesicht.
Sie standen jedoch schon wieder voneinander getrennt, als der Karabiner« von Santa Trinita heranlief. Die Contessina zitterte wie ein Fohlen, das nach dem ersten Ritt besänftigt werden muß. Als Cesare erklären wollte, stampfte sie auf.
Die Sache hätte in Heiterkeit und Händeschütteln begraben werden können, wenn Tasca Humor besessen hätte oder zwanzig Jahre älter gewesen wäre. So aber reizte ihn die Romantik verstaubter Begriffe zu einer Ritterübung im Gehölz von Cascinen. Deshalb steht feit dem Morgen des 28. September im italienischen Adelskalender hinter Cesares Ramen das Kreuz: Gestorben. Sozusagen an einer Regenböe, die in die Via Dor- nabuoni blies.


