Nervosität in Krankreich.
Paris fürchtet England als Schiedsrichter.
Paris, 7. April. (LA.) Sn der Pariser Öffentlichkeit macht sich eine starke Erregung bemerkbar, wobei sich das Mißtrauen und die An- Zufriedenheit sowohl gegen Italien, wie gegen England richten. Man wirft der englischen Öffentlichkeit ziemlich unverblümt vor, daß sic bei ihrer Vermittlung zwischen Frankreich und Stalien in der Frage des Flottenabkommens rein egoistische Ziele verfolgt und Frankreichs Interessen schlecht gewahrt habe. Das Flottenabkommen sei heute wieder in Frage gestellt und man stehe womöglich d o r einer erneuten Erschütterung der französisch - i t a l i e n i s ch e n B e z i e h u n g e n. England Hobe augenscheinlich die Absicht, seine Vormachtstellung im Mittelmeer zu erneuern und neige jetzt dazu, auch in der Frage der deutsch-österreichischen Zollunion eine für Frankreich höchst! unerwünschte Vcr- mitller- bzw. Schiedsrichterrolle zu übernehmen. Die französische Außenpolitik habe nicht das geringste Interesse daran, sich durch England in irgendwelche Verhandlungen mit Deutschland verstricken zu lassen, da cs dann leicht in eine isolierte Lage geraten könnte. In Genf sei die Dcrhandlungsplattform breiter, um so mehr, weil man sich dort auf Polen und die Kleine Entente stützen könne.
„Peuple" befürchtet, daß eine Besprechung zwischen England und Deutschland allein die Lage nur noch mehr verwirren könnte, wendet sich aber gegen jene französischen Blätter, die von vornherein eine Idee deshalb als frankreichfeindlich bekämpfen, weil sie nicht auf Frankreichs Initiative zurückgehe. — ..Ere Nouvelle" hofft, daß England sich nicht dazu hergeben werde, die deutsch-österreichische Angelegenheit in Chcquers zu begraben. — „Avenir" lehnt eine Vermittlerrolle Hendersons ab. Ein Vermittler müsse unparteiisch sein. Henderson sei das weder in der Flottenfrage noch in dem französisch- deutsch-österreichischen Konflikt. In der Flottenfrage fei er Partei, und was die deutsch-österreichische Union anbclangt, so ziele die englische Doktrin auf Beseitigung der Zollschranken in Europa ab. Wenn Briand versuche, die europäische Union zu gründen, stelle er sich über rein nationale Interessen. Aber Henderson lasse nicht von seinen eigenen gut englischen Plänen. — „L'Oeuvre" ruft aus: Briand wird von Henderson an die Wand gedrückt. — „Echo de Paris" schreibt: Ob die Begegnung von Cheqiiers zu zweien oder zu vieren stattfindet, Hendersons Einladung sei auf jeden Fall absurd.
Oie Präsidentenwahlen in Frankreich.
Paris, 8. April. (WTB. Funkspruch.) „Echo de Paris" will von V r i a n d dic Erklärung erhalten haben, daß er nicht kandidieren werde. Von den Kandidaten sitzen in erster Reihe die Senatoren Lebrun, Berard und der Scizatspräsidcnt Paul Doumcr. Poincare werde in erster Linie die Kandidatur von Lebrun unterstützen: jedoch, wenn Senator Berard sich als aussichtsreicherer Kandidat Herausstellen sollte, diesem seine Stimme geben.
Zahlreiche Rußlanddeuifche nach Nordrußland und Sibirien verbannt.
K o wn o, 7. April. (511.) Der langjährige Vorsitzende des Leningrader deutschen Dildungsvcr- eins, Dr. Schiele, der im August des vorigen Jahres zusammen mit etwa 40 Mitgliedern der Leningrader deutschen Kirchengemeinden verhaftet worden war, ist jetzt auf zehnSahre -in die Verbannung geschickt worden. Schiele und die anderen Rußlanddeutschen waren beschuldigt worden, mit ihren Freunden in „ Deutschland in Beziehungen gestanden und d e u t° * sche Zeitungen bezogen zu haben. Ferner sollen sie es abgelehnt haben, sich in kommunistischem Sinne auf kulturellem Gebiete betätigt zu haben. Schiele und die anderen Verhafteten wurden acht Monate in den Gefängnissen der OGPA. in Leningrad gehalten, ohne daß ihre Sache zur Verhandlung kam. Sie werden zum Teil auf die berüchtigten Solowets- koi-Inseln im Weißen Meer, zum Teil in das Rarhm-Gebiet in Rordsibirien verschickt.
DeuLschland fordert erneut Offenlegung des Mstungsstandes.
Eine deutsche Note an den Völkerbund.
Genf, 7. April. (TU.) Reichsaußenminisler Dr. Lurkins hat in einer Role an den Generalsekretär des Völkerbundes beantragt, auf der 2Hai- lagung des Völkerbundsrates von neuem die Frage -der uneingeschränkten Veröffentlichung des heutige'» R ü ft u n g s ft a n d e s der einzelnen Länder zur Vorbereitung der kommenden Abrüstungskonferenz zur Verhandlung zu stellen. 3n der deutschen Rote wird darauf hingewiesen, daß die Abrüstungskonferenz sich ein einwandfreies Bild derjenigen Faktoren machen müsse, die zur Fortsetzung der Materialien und für die Behandlung der Frage einer Herabsetzung und der Beschränkung der Rüstungen unbedingt notwendig seien. Die deutsche Regierung sei der Ansicht, daß dieses Ziel nur zu erreichen sei, wenn alle Regierungen auf Grund gleicher Tabellen die genauen Angaben über ihre R ü st u n g e n veröffentlichten. Rur Tabellen, die nach gleichen Grundsätzen aufgestellt seien, würden es der Abrüstungskonferenz ermöglichen, den Rüstungsstand der verschiedenen Länder zu vergleichen. 3n der deutschen Rote wird sodann die Aufmerksamkeit des Völkerbundsrates auf die Tatsache gelenkt, daß bereits 1923 ein Ausschuß des Völkerbundes eingehende Tabellen ausgearbeilek
habe, also zu einer Zeit, als Deutschland npch nicht Mitglied des Völkerbundes war.
*
Der Antrag der deutschen Regierung erscheint insbesondere im Hinblick auf das Scheitern aller Versuche, den Völkerbund zu einer Offenlegung des^Rüstungsstandcs der einzelnen Länder zu veranlassen, um so notwendiger, als der vom Abrüstungsausschuß ausgearbeitete Abkommensentwurf insbesondere keinerlei Angaben über den Unterschied der heutigen Rüstungen zwischen den besiegten Mächten auf der einen Seite und den Sieger st aatcn auf der anderen Seite enthält, und sorgfältig jede Möglichkeit einer Angabe der Rüstungen der alliierten Mächte unterdrückt. Cs darf angenommen werden, daß auf Grund des neuen deutschen Antrages auf der Maitagung des Völkerbundsrates eine grundsätzliche Aussprache über diese für den Verlauf der Abrüstungskonferenz entscheidende Frage stattfindcn wird. Vor einiger Zeit hat übrigens die englische Regierung ihrerseits beantragt, die Veröffentlichung des Rüstungsstandes solle auf Grund des vom Abrüstungsausschuß ausgearbeiteten Entwurfes erfolgen. Die englische Regierung verfolgt hiermit offenbar die Absicht, auf diesem indirekten Wege eine Anerkennung des von Deutschland bisher aufs schärfste a b - gelehnten Abkommensentwurfes als Grundlage der kommenden Abrüstungsverhandlungen zu erreichen.
Die Auseinandersetzung in der ASDAp.
Goebbels und Hitler sprechen in München.
München, 8. April. (TU.) In einer überfüllten Kundgebung der Rationalsozialisten im Zirkus Krone sprach Reichstagsabgeordneter Dr. Goebbels über die Vorgänge in Berlin, wobei er versicherte, daß der „Meutererklüngcl um Stemres" nicht die Berliner Partei sei. Stcnnes und sein Anhang würden bald wieder in die Anonymität ihres zwergenhaften politischen Daseins zurückzusinkcn, an ihnen marschiere die nationalsozialistische Bewegung vorbei. Adolf Hitler erklärte, daß man die nationalsozialistische Bewegung auch durch rigorose Verordnungen nicht in ihrer Entwicklung hemmen werde. Es dränge in Deutschland alles zur Entscheidung. Es könne nicht mehr lange so weiter gehen. „Wir dürfen die Rerven nicht verlieren, die Gegner wollen uns reizen, daß wir Unbesonnenheiten begehen. Man hofft, uns zu Ungesetzlichkeiten zu verführen, wir aber zeigen, daß unsere Gesetzlichkeit die schärfste Waffe ist, mit der wir kämpfen. In Handgreifweite vor dem Sieg dürfen wir uns keine Unüberlegtheiten zuschulden kommen lassen." In diesem Zusammenhang verurteilte Hitler aufs schärfste die Steimcs- Aktion, die er als bereits überwunden bezeichnete. Die Partei wgrde aus der nunmehr eingeleiteten Säuberungsaktion g e st ä r k t 5er» Vorgehen. Die Vertraucnskundgebungen, die täglich aus allen Gauen des Reichs einlaufen, hätten ihm bewiesen, daß die deutsche Treue doch kein leerer Wahn sei.
Räuimngsklage gegen Stennes.
Nm die Wohnung in der Matthäikirchstraße
Berlin, 7.2lpril. (ERB.) In dem. Streit zwischen Stennes, Dr. Goebbels und Hitler ist ein Verfahren anhängig gemacht worden, in dem es sich darum handelt, Hauptmann a. D. Stcnnes aus der von ihm okkupierten Wohnung in der Matthäikirch- straße wieder zu entfernen. Die Räumungsklage gegen Stennes ist heute früh von dem Desiher des Hauses Matthäikirchstraße 16
beim Amtsgericht Berlin-Mitte eingereicht worden. Die Klage gründet sich auf arglistige Täuschung. Die in der zweiten und dritten Etage des Hauses liegenden Räume sind von der Großdeutschen Handelsgesellschaft gemietet worden. Es war ausdrücklich betont worden, daß es sich um einen Bureaubetrieb handele, durch besten Abwickelung die übrigen Mieter des Hauses nicht gestört werden sollten. Run ist ober an Stelle der Handelsgesellschaft Stennes mit seiner Gefolgschaft eingezogen, wodurch die Ruhe des Hauses in schwerster Weise gefährdet worden ist. In einzelnen Zimmern ist ein kasernenmäßiger Betrieb eingerichtet, Feldbetten aufgestellt usw. Cs kommt hinzu, daß das Haus in der geschützten Bannmeile liegt Die G rohdeutsche Handelsgesellschaft beliefert die Rationalsozialisten mit Uniformen. Hauptmann Stcnnes hat sie ausdrücklich gebeten, die Acht-Zimmerwohnung für die Partei zu mieten. In der Rocht hat er dann plötzlich die Wohnung durch einen Sturmtrupp besetzen lassen.
Verhinderte Pfändung.
Der (Gerichtsvollzieher in der Matthäikirchstraße
Berlin, 7. April. (TU.) Auf Grund einer einstweiligen Verfügung, die Dr. Goeb- bels erwirkt hatte, erschien am Spätnachmittag des Dienstag ein Gerichtsvollzieher bei Stennes in der Matthäikirchstraße, um dort das aus der Hedemannstraße mitgenommene Mobiliar zu pfänden. Da der Gerichtsvollzieher Widerstand fürchtete, hatte er eine Hundertschaft Schutzpolizisten mitgebracht. Zum Abtransport der Möbel waren außerdem 40 Dienstmänner und zwei Lastautos er* schienen. Stennes rief sofort seinen Rechtsberater, Rechtsanwalt Becker, herbei, der den Gerichtsvollzieher darauf hinwies, daß in der einstweiligen Verfügung R e ch t s f e h l e r enthalten seien. Der Gerichtsvollzieher stellte daraufhin die Zwangsvollstreckung einstweilen ein und zog unverrichteter Dinge wieder ab. Während dieser Vorgänge hatte sich in der Matthäikirchstraße eine große Menschen- menge angesammelt, die von der Polizei in die Seitenstraße abgedrängt wurde.
Oer preußische Hofnarr.
Zu 3- P- von Gundlings 200. Todestage. Don Hans Heßler.
Jin Berliner Hohenzvllernmuscum zeigt ein zeitgenössisches Oelbilb das Tabakskollegium Friedrich Wilhelms 1.: ein kahler, rechtwinkliger -Raum, in dem die einfache Tafel mit den rauchenden Teilnehmern steht, an einer Stirnseite, t>em Beschauer halb zugekehrt, der König, neben ihm der damals etwa vierzehnjährige Kronprinz, der spätere Friedrich der Große: er raucht $cr primitive Maler hat ihn lächerlich klein neben allen Männern gemalt: am Tisch' enbe einer der Spaßmacher mit einem zahmen Hasen neben sich, der mit gespitzten Löffeln die Corona überblickt. Hier haben wir uns auch wohl den Platz zu denken, den Jakob Paul Freiherr von Gundling einnahm, dem Titel nach Hof- rat, königlicher Zeitungsreferent und Geschichtsschreiber in Wahrheit der Rarr des Tabaks» kollegiums, ein dickwanstiger Mensch mit einem wemgedunsenen Gesicht und einer dicken Rase, eine Gestalt, deren Aeußeres allen Hohn der Tafelrunde herausforderte.
Daß es dazu kam, daß der Pastorensohn aus Hersbruck bei Nürnberg diese klägliche Rolle spielen mußte, daß der Rame Gundling als der eines preußischen Hofnarren weiterlebt, lag an keinem anderen als an ihm selbst. Er ließ sich diese Rolle bezahlen und durch Titel und sonstige Zuwendungen vergüten und, in diesem Bewußtsein
^uflicher Rarr zu sein, muhte bald jedes Gefühl für Menschenwürde und Erniedrigung ersticken. Auf der anderen Seite befand sich der König mit seinen Soldaten: er war dabei, die Grund- agen für Preußens künftige Größe zu legen, er schuf ein Heer, schränkte die Ausgaben ein und konnte seinem Sohn einen gefüllten Staatsschatz hinterlassen; er war derb und zäh, sparsam und ausdauernd, ihm galt nur die Leistung, das Wirk- lche und Reale: was Geist, Kunst und Wissen- lchaft hieß erschien diesem König bei seinem Aul- bauwerk als überflüssiger Luxus. Hier fand das -Labalskollegium nun einen Gegner, der eigent» lich nichts war, der dieser soldatischen Welt nichts bedeuten konnte, der nichts als einige Bücher ge- leqtct hatte nut einem solchen konnte man um
springen, besonders da sich Gundling diese Späße und Tollheiten gefallen und bezahlen ließ, da er gerne trank und mit Leidenschaft betrunken war. Auch er machte freilich einige rebellische Versuche, zu entrinnen: 1717 entfloh er zu seinem Bruder, einem Halleschen Professor, wurde aber zurückgeholt, und der König drohte ihm an, er werde ihn nach soldatischer Weise als Deserteur behandeln lassen. Da wurde Gundling still uizd stumm, aber ein Zuschuß von jährlichen tausend Talern brachte alles wieder ins Gleichgewicht. Eine andere Gundlingrevolte: der Spaßmacher Fahmann trug das auf königlichen Befehl verfaßte Spottgedicht „Der gelehrige Rarr" vor — Gundling warf ihm eine der Pfannen mit glühenden Kohlen ins Gesicht, die auf dem Tisch zum Anstecken der Pscisen bereitstanden; es bekam ihm schlecht, er wurde furchtbar verprügelt und formte sich wochenlang nicht von seinem Lager rühren.
Dort unten also, neben dem zahmen Hasen mit den gespitzter; Löffeln, mag man sich Gundling denken — oder ein anderes Bild. Er steht in einer Zicgenhaarperücke hinter einem Katheder, angetan mit einem toten Staatskleid, dem Affen und Esel aufgemalt sind, er trägt rote Strümpfe und einen Hut mit Straußenfedern, eine Tracht, die den gelehrten Bombast der Zeit verspottete. Er lieft als königlicher Zeitungsrefercnt die neuesten Zeitungen vor, deren Artikel er witzig ju kommentieren hat, darunter auch solche gegen sich selbst, der König hatte sie den Zeitungen aufzwingen lassen. Er tat das alles, denn er wurde dafür bezahlt, er wurde 1724 zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften ernannt, die Leibniz gegründet hatte — der königliche Hohn gegen die nutzlose „Federfuchserei" seiner Zeit konnte kaum weiter getrieben werden. Wenn im Sommer der Hof in Königswusterhausen oder in Potsdam das Tabakskollegium abhielt, fand Gundling nächtlicherweise oft sein Schlafzimmer zugemauert, so daß er die Rächt im Freien verbringen muhte, oder man legte ihm junge Bären inö Bett, aus deren Umklammerungen er sich nicht ofmc Gesundheitsschädigungcn entwinden konnte. Die Zeit war nicht wehleidig, denn sie kannte! weder Rousseau noch Werther, und besonders am Hof schmachtete man nicht, man fragte ulchts nach Gefühlen und verwundeter Würde und die schwächlichen Revolten Gundlings konn
ten nur komisch wirken, weil keine Persönlichkeit hinter ihnen stand, sondern ein käuflicher Rarr. Auch waren Revolten nicht gerne gesehen, und selbst dann, wenn es sich um die eigene Familie handelte, griff der König bis zum letzten durch; man kennt das Drama, bas mit der Flucht des Kronprinzen beginnt und mit der Erschießung Kattes endet. Dieser Gundling vollends wurde immer verächtlicher ein Rarr. Auch sein Ende war eine Farce. Als er am 11. April 1731 in Potsdam starb, wurde er in einem Weinfaß begraben, weil er den Wein zu sehr geliebt hatte. And der Spaßmacher Fahmann hielt ihm die Grabrede. Gundling war ein Rarr gewesen, einer der letzten und keiner von denen, der seine Stellung am Throne nützlich ausgefüllt hatte, sondern ein Trinker, eine überzeugungslose und passive Gestalt, deren Würdelofigkeit aufreizend und herausfordernd wirkte.
Zeitschriften.
— Gerade wenn man Ehe und Familie vor bolschewistischer Zersetzung bewahren will, wird man gut tun, das Eheproblem einmal ganz nüchtern unter dem Gesichtswinkel der sozialen und wirtschaftlichen Amschichtungen des industriellen Zeitalters zu betrachten, wie das Hermann Wagner im Aprilheft der „Zeitwende" (Verlag C.H. Deck, München) tut. Wie sollen sich die inneren Werte des Familienlebens entfalten, wenn z. B. unter dem Druck der Arbeitsverhältnisse von 1000 Arbeiterfamilien des Berliner Ostens nur noch zwei Familien gemeinsame Mahlzeiten ein« nehmen können? Ein um so bedeutsameres Zeichen für den gesunden Sinn unseres Volkes ist cs, daß, wie Wagner an Aeuherungen gerade aus sozialistischen Kreisen nachweist, die Familie trotz dieser wirtschaftlichen Erschütterungen ihrer Grundlagen noch immer tief im Volk verwurzelt ist. — Ein straffes, markantes Miniaturbild von Calvin, dem großen Genfer Reformator, gibt Peter Barth. Es ist eine Darstellung seines geistigen Gesichts, eingegeben von der Erkenntnis, daß der Protestantismus seine Gegenwartsaufgabe nicht „ohne aufmerksamste Vertiefung in das Zeugnis der führenden Reformatoren" erfüllen kann. — Hermann Frankfurth beendet sein umfassendes, menschlich tiefes Charakterbild von Friedrich von Dodclschwingh, dem großen Vorkämpfer eben-
Giennes klagt gegen
-ie Hitlergrnppe.
Berlin, 7. April. (TA.) Die steAvertretende 7. Zivilkammer beim Landgericht I, unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Dr. Heinemann, hat am Dienstag einer von Stcnnes gegen Hitler, den Chefredakteur vom „Völkischen Beobachter", Alfred Rosenberg, Dr. Goebbels und dem Chefredakteur des „Angriff", Dr. Lippert beantragten einstweiligen Verfügung auf Hinterlassung der Behauptung. Stennes sei ein Polizeispitzel, statt- gegeben. Das Gericht hat den Antragsgegnern bei Wiederholung dieser Behauptung Haftstrafen bis zu sechs Wochen und Geldstrafen bis zu unbegrenzter Höhe angedroht. Stennes hatte bekanntlich die Erhebung der Privatbeleidi- gungsklagc gegen Dr. Goebbels an gekündigt. Da Goebbels aber durch die Immunität geschützt ist, hat Rechtsanwalt Kurt Decker, der die Vertretung Stennes übernommen hat, es für richtiger befunden, die Privatbcleidi- gungsklagen bereits am Dienstag gegen Hit - le r und D r. 'Lippert zu erheben. Diese Klagen werden vor dem Einzelrichter beim Amtsgericht Berlin Mitte verhandelt werden, da die Beleidigungen in Berlin verbreitet worden sind. In dem Verfahren handelt es sich um einen am Samstag im „Angriff" erschienenen Artikel, in dem gegen Stennes der Vorwurf erhoben wird, dem Polizeipräs'ideuten verraten zu haben, daß ein Polizeiwacht- meister der RSDAP. angehört und aus Mitteln der SA.-Hilfe Darlehen erhalten habe.
Preußen und die Notverordnung.
Severing antwortet dem Deutschnationalen von Winterfeldt.
Berlin, 7. April. (CNB.) Der Vorsitzende der deutschnationalen Landtagsfraktion im Preußischen Landtag, Abgeordneter von Winterfeldt, hatte, einen offenen Brief an den preußischen Innenminister S e v e r i n g gerichtet, in dem er den Minister über das Zustandekommen der Notverordnung befragte. Severing hat dem Abgeordneten v. Winterfeldt mit einem Schreiben geantwortet, in welchem es u. a. heißt:
Es ist wohl-richtig, daß ich an dem Zustandekommen der Rotverordnung beteiligt gewesen bin, wenn Sie meine Vorstellungen bei den zuständigen Stellen des Reiches und Preußens um Erlaß gesetzlicher Be st imm ungen gegen die Verrohung der politischen Kampf formen als eine Beteiligung ansehen wollen. Auf ihre endgültige Formulierung und Paraficrung habe ich jedoch keinen, Einfluß nehmen können. Cs ist Ihnen, Herr Kollege, genau so wie mir bekannt, daß die Vollmacht des Artikels 48 der Reichsverfassung nicht dem Rcichsrat, auch nicht der Reichsregierung, sondern dem Reichspräsidenten erteilt worden ist. Das entbindet den Reichskanzler zwar nicht von der politischen Verantwortung, die er dem Reichstag gegenüber trägt, läßt aber keinen Raum für Verhandlungen mit den Länderregierungen über Einzelheiten der allein vom Reichspräsidenten zu bestimmenden Maßnahmeir. Es überrascht mich, daß gerade S i e in diesem Falle d i e Rechte der Länder besonders gewahrt toiffeir wollen, da von Ihren politischen Freunden bei anderen Gelegenheiten recht oft und nachdrücklich eine Vermehrung der Rechte des Reichspräsidenten gefordert worden ist. .
Im übrigen begrüße ich Ihre Erklärung, daß auch Sie die Notwendigkeit eines Schutzes des Lebens der Bürger gegen ein politisches Rowdytum nicht verkennen. Es kommt bei diesem Schutze aber nicht so sehr darauf an, erst im letzten Augenblick den Rowdys die Mordwaffe aus der Hand zu schlagen, als vielmehr der Verwilderung entgegenzu treten, die zur Mordtat anreizt und den Mord verherrlicht. Ein Staat, der dieser Vergiftung des öffentlichen Lebens nicht entgegentritt, gewährt feinen Bürgern nicht nur keinen Schutz, sondern nimmt sich ihn auch. Von einer Gefährdung der Vereins- und Versammlungsfreiheit, der Freiheit in Wort und Schrift, die auch die Freiheit anderer anerkennt und achtet, soll in Preußen nicht die Rede sein.
gelischcr Liebestätigkeit. — Das Heft enthält auch den wuchtigen Schluß der spannenden Erzählung „Das andere Gesicht", in der Heinrich Grimm in Anlehnung an eine tatsächliche Begebenheit vom unheimlich-rätselhaftenDoppelleben cinesPricsters berichtet.
— Jeder, der ein neues Eigenheim oder eine Miet- oder Kleinwohnung einrichtcn will, findet in dem neuen Heft der Monatsschrift „Das s ch ö n e H e i m" mit vielen guten Dildeim belegte Hinweise und sachkundige Anregungen. Reue Siedlungswohnungen, die wir darin sehen, sind durchwegs in der Ausstattung einfach, aber zweckmäßig ausgcstattet. Von besonderem Interesse ist die gute Raumeinteilung der Küche. Die Schönheit und Wirkung guter Beleuchtung hängt von richtig gewählten Beleuchtungskörpern ab, doch hat auch die Wirtschaftlichkeit bei der Beleuchtung mehr wie früher ein ernstes Wort mit- zurcden. Diese Probleme finden an Hand guter Abbildungen eine eingehende Erörterung.. Reue Wohnungsbauten, Möbel und Räume, ein Blumenfenster, wie es sich jeder Blumenliebhaber wünschen wird, werden im weiteren Inhalt des Heftes in Bildern und ausführlicher Beschreibung vorgeführt. (Verlag F. Druckmann, München.)
Hochschulnachrichien.
Professor Dr. Alfred S e i f f e r t in Berlin hat den Ruf auf den Lehrstuhl für Ohren-, Nasen- unb Halskrankheiten an der Universität Kiel als Nachfolger von Professor A. Zimmermann angenommen und wird bereits zu Beginn des kommenden Sommersemesters sein neues Lehramt antreten.
Der Privatdozent an der Universität Berlin Dr. Franz Beckmann ist zum ordentlichen Professor der klassischen Philologie an der Universität fünfter als Nachfolger von Geheimrat E. L. Sonnenburg ernannt worden.
Ernannt wurden: Professor Lic. Dr. Hans Leube in Leipzig zum ordentlichen Honorarprofessor der Kirchengeschichte in der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Breslau als Nachfolger von Professor Kohlmeyer; der Privatdozent D. Ernst Wolf in Rostock zum ordentlichen Professor der Kirchengeschichte in der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Bonn als Nachfolger von Professor Peterson.


