Wessen Kind bin ich?
Roman von Fr. Lehne.
(Urheberschutz durch E QMermaim, Rornanzentral« Stuttgart.)
22. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Um Himmels willen, Mama, Ebba ist nicht wieder zurück nach Reinshagen gefahren!"
„Da siehst du das leichtsinnige Blut, da- in deiner so lebhaft verteidigten Freundin steckt! Wer weih, was sie vorhat — oder —“ ein Ge- danke stieg in ihr auf — „oder Hanno — sollte cs dennoch —“
Schmerzlich sah Inga die Mutter an — „was bist du für eine schlechte Menschenkennerin, Mama! Dos denkst du, daS — ? Rein, ich weih es besser! Ebba hat sich geschämt, nach den paar Tagen schon wieder heimzukommen! Mein Gott, wenn sie sich nun ein Leid angetan hat? Lies doch die Karte vom Pfarrer Lenz: wie ahnungslos er schreibt —r
Inga lief in gröhter Aufregung zu ihrem Vater, der betroffen von ihrer Mitteilung war. „Was, die Ebba gar nicht noch Hause gefahren?" Er los die Karte, die ihm seine Frau gab. halblaut und hastig:
„Liebe kleine Schwester!
Lebst Du eigentlich noch? Gefällt cs Dir bei Deinen gütigen Freunden so gut. dah Du nicht einmal Zeit zu einem kurzen Schreiben gefunden hast? Mutter ängstigt sich sehr: sie meint, Du seiest wieder krank! Wir haben nur die kurze Mitteilung Deiner glücklichen Ankunft in Dresden bekommen, dann nichts mehr! 'Täglich erwartet Mutter den Briefträger mit Ungeduld. Bitte, nimm Dir die Zeit zu einem ausführlichen Schreiben und teile gleichzeitig mit. wann Du zurückzukommen gedenkst! Weihnachten steht vor der Tür und es gibt allerlei vorzubereitcn —“
Erschreckt sahen sich die drei an.
„Das ist allerdings sehr merkwürdig!" sagte der Graf, „wo- soll man da denken! Du hast doch Ebba selbst zur Bahn gebracht, Inga —"
und in den richtigen Zug gesetzt, Papa!"
„Und dennoch ist sie nicht zu Hause angekommen?"
„Papa, sie muh unterwegs ausgestiegen sein, ich fürchte, sie hat sich in ihrer Berzweiflung etwas angetan!"
Ob Inga die Bestätigung ihrer Befürchtung auf dem ernsten Gesicht des Vaters las? Sie verlor ihre Selbstbeherrschung, was äuherst selten geschah, und weinte laut — „Ebba, liebe Ebba —!" und ganz im Hintergrund ihrer Gedanken — „Christel, was würde er sagen, dah man die zärtlich geliebte Schwester so schlecht gehütet?"
„Allerdings eine sehr fatale Geschichte!"
Die klare, kühle Stimme der Mutter tat Inga förmlich weh.
„Was tut man? Ob man Hanno telephoniert?" „Rein, Mama, es hat gar keinen Zweck! Unbedingt müssen wir Ebba sofort nachforschen! Jede Stunde ist kostbar! Und Lehrer Lenz' müssen es doch erfahren, dah Ebba längst nicht mehr bei uns ist —!" Sie überlegte — „am besten ist es, ich fahre gleich morgen nach Reinshagen! Sogen kann man dos befser als schreiben — wie will man es der Frau Lenz beibringen? Sie wird auher fich fein!"
„Ich bin einverstanden mit dem. was Inga sogt!" bemerkte der Graf, „aber nicht, dah sie die Sache in die Hand nimmt, sondern meine Pflicht ist es! Morgen m aller Frühe werde ich mit Inga nach Reinshagen fahren. Man wird Ebba auch finden: denn ein Mensch kann doch nicht so leicht verlorengehen!" Der Gras war tiefernst: ihm ging Ebbas Verschwinden sehr nahe.
Er hatte Ebba nicht verdammt, wenngleich er es tadelte, dah sie Hanno in ihrer Unerfahrenheit so leichtgläubig Vertrauen geschenkt! Begreiflich war es. dah der Sohn sich in das bildschöne Mädchen verliebt hatte - nicht für umsonst war er ein junger, heißblütiger Mann' Aber nicht zu entschuldigen war es. dah er mit Ebba eine Liebelei angefangen, war die Liebelei auch noch fo harmlos gewesen! Dah ernstere Beziehungen zwischen Hanno und Ebba sich ange- knüpst hatten, zog er gar nicht in den Bereich seiner Erwägungen — denn wenn Hanno auch un- bedenklich und rasch zugreifend war — ehrlos war er nicht! Ebba, als Freundin der Schwester, muhte ihm heilig sein.
Mit dem heftigen Vorgehen seiner Frau gegen Ebba war er gar nicht einverstanden gewesen. Sie muhte den anonymen Brief, der ihr ein paar Tage nach Ebbos Ankunft ins Hous geflogen kam, einfach ignorieren: Ebba gegenüber! Dafür ober mit dem Sohne sprechen und ihn um Erklärung bitten.
Statt dessen stellte sie die ahnungslose Ebbo entrüstet zur Rede, ohne weiteres dem Inhalt des Schmähbriefes Glauben schenkend, dem wie vom Donner gerührten Mädchen kein Wort der Verteidigung und der Erklärung gönnend und ihr deutlich zu verstehen gebend, dah für die Geliebte des Sohnes fein Platz mehr in ihrem Hause sei!
Sollte das ein unschuldiges Mädchen nicht zu einem verzweifelten Schritt treiben können?
In ihrer ersten Entrüstung hatte sie gehandelt — ohne abzuwarten, bis er nach Hause kam, und seinen Rat zu hören — und nun war dos Unheil da!
Seine Pflicht war es nun, gutzumachen, was er überhaupt gutmachen konnte.
Dem Grafen war in seinem Leben kaum Je etwas so schwer geworden wie diese Fahrt nach Reinshagen. Er wustte doch, wie abgöttisch die Lehrersleute ihre Ebba liebten! Wie würden sie feine Mitteilung aufnehrnen?
Wer weih, wo das verschüchterte, gedcmütigte Mädchen sich versteckt hielt. Denn was Inga befürchtete, war doch wohl ausgeschlossen! Unbedingt hätte man davon längst etwas erfahren!
Ihm ging die Angelegenheit sehr nahe. Er hatte die blonde, schöne Ebba lieb wie eine Tochter. Und die Lehrersleute schätzte er sehr — man war im gleichen Dorfe zusammen jung gewesen und hatte gegenseitig an Freude und Leid in der Familie tcilgenommen. war sich stets in gegenseitiger Achtung begegnet!
Was würde dos nun für ein trauriges Weihnachtsfest werden?
14.
.Kommt Vater noch nicht?"
Hanno Reinshagen war wirklich ungeduldig und unruhig wie noch nie in seinem Lebern
Immerfort lief er an das Fenster des großen Wohnzimmers, von dem aus er die ganze Landstraße bis zum Dorf hin übersehen konnte.
Die Ebbo, das dumme Mädel!
Sie hatte ihnen ollen etwas Schönes eingebrockt durch ihr kopfloses Davonlaufen.
Wenn er den anonymen Briefschreiber hätte fassen können! Eine kalte Wut ergriff ihn — aber: man hatte ja keine direkte Unwahrheiten geschrieben: anhaben vom Gericht aus konnte man der Person schwerlich etwas!
Ein Glück noch, daß der alte Herr einigermaßen vernünftig gewesen und ihn nicht mit unangebrachten Vorwürfen gequält — daß er als Mann zum Mann gesprochen und begriffen, daß man einen schölten Mädchenmund nicht gern ungeküht ließ!
Ehrenwort — es war sonst nichts weiter vor- gckommen! Aber gerade die Ebba hätte es nicht sein dürfen! Gewiß, darin hatte der alte Herr im Grunde recht! Doch was konnte er dafür, daß er das Mädel so rasend gern hatte? Und jetzt mehr denn je, da er sich in Angst und Sorge um sie verzehrte.
Er fuhr sich durch fein dichtes, blondes Haar. Ein schönes Gerede würde entstehen — die Ebba seinetwegen ins Wasser gegangen! Alles mögliche hörte er die Leute tuscheln, das mögliche und mehr noch dos unmögliche —
Aber wo steckte das Mädel? In jetziger Zeit konnte man doch nicht so spurlos verschwinden — so von heute auf morgen nicht mehr da fein, als hätte einen der Erdboden verfchluckt! Sie würde schon heimfinden — heimfinden müssen, wenn ihr bißchen Geld aufgebraucht war — damit versuchte er sich in seinem praktischen Sinn zu trösten!
Und dann die May, die Mamsell Aug»iste! Ditz brachte ihn rwch um mit ihrem Gejammer und Geunke — da habe man gedacht. Fräulein Ebba sei mit Komtesse Inga luftig und guter Dinge in Dresden, und dabei fei daS alles gar nicht an dem gewesen — Zigeuner hätten sie vielleicht verschleppt —.
Endlich sah Hanno den Vater mit Inga kommen: zwei kleinen, schwarzen Figürchen gleich waren sie auf der blendenden Schneedecke ausgetaucht. W»e langsam sie doch gingen! Sie kamen näher, wurden größer und traten dann mit sehr ernsten, bekümmerten Gesichtem ins Haus.
.Man hat keine Rachrichten von Ebba —?N fragte Hanno
Ein Kopfschütteln war die Antwort. Still, mit einem tiefen Seufzer, fetzte sich Inga nieder: ihr liebliches Gesicht trug einen an ihr ungewohnten traurigen Ausdruck.
Man war zuerst im Pfarrhause gewesen, hotte mit dem jungen Pfarrer alles besprochen und den schwer feine Fassung behauptenden Mann gebeten, feinen Eltern Ebbas Verschwinden schonend beizubringen.
Mit ihm war man dann in- Lehrerhaus gegangen. Diese Stunde dort würde dem Grasen und Ingo niemals aus dem Gedächtnis kommen! Was man da an seelischer Erschütterung erlebt — die namenlose Verzweiflung der ganz gebrochenen Frau Lenz! Die Stimme bebte dem Grafen, und Inga schluchzte laut auf.
Hanno schlug bei diesem Bericht des Vaters die Augen nieder — er konnte doch wirklich nichts dafür! Trotzig sagte er: .ich kann es auch nicht ändern. Vater! Und ich leide sehr: denn ich habe Ebba sehr lieb wie lieb eigentlich, weiß ich erst seit heute! Und wäre nicht das dunkle Geheimnis ihrer Herkunft ob mit oder ohne Einwilligung von euch hätte ich sie zu meiner Frau gemacht! Sv aber weiß ich, was ich unserem Damen schuldig bin
.Das hättest du vorher bedenken muffen, mein Sohn, und durftest der Heinen Ebba ihren Hcr- zenssrieden nicht rauben! Sv fällt der größte Teil der Schuld auf uns!"
Hanno machte eine ungeduldige Gebärde — „bitte, keine Vorwürfe. Vater! Dor allem muffen wir jetzt daran denken, Ebba zu finden! Ich meine, einem geschickten Detektiv müsse es gelingen'"
Inga weinte leise vor sich hin. Diese erste große seelische Erschütterung, die über ihr so sorglos und sonnig verlaufenes Leben gekommen, hatte fie ganz auseinandergebracht und immer tauchte das ernste, traurige Gesicht Christels vor ihr auf, wie er sich so tapfer beherrschte mit Rücksicht auf den Vater, wie er jeden Vorwurf, der doch fo nahegelegen, unterließ!
In gedrückter Stimmung verlief der Rest des Tages.
(Fortsetzung folgt.)
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