gliedern bildet dle oberste Instanz: darin gibt eS noch einen engeren KreiS und verschiedene Departements („Kommissariate" heißt es bei den Russen): das Komitee bestimmt, wie die Regierung gebildet, die Ministerien beseht werden sollen.
Sunyatsen war Kantonese, also ganz aus dem Lüden Chinas. Seine Ausbildung war amerikanisch: während der Iahre vor oer Revolution lebte er in Japan. Seine Schriften sind der Kanon der Partei, vor allem ein dickes Buch über die „Drei Prinzipien", das nach dem Urteil Sachkundiger eine konfuse, sehr oberflächlich zusammengelesene Enzyklopädie von Politik, Geschichte, Erdkunde, Volkswirtschaft und dergleichen enthalten soll — „von einer stupiden Langweiligkeit!". Ueberhaupt war er ein ziemlich platter Geist, nur groß in populärer Beredsamkeit und vor allem in zündenden Schlagworten. Da es (wie auch heute noch) völlig an Persönlichkeiten fehlte, die die ungeheure Schwere der Aufgabe begriffen, China zu modernisieren, so kam er mit seiner dogma.isch-rhetorischen Obcrflächlich.eit leicht an die Spitze der revolutionären Bewegung und lernte von dem Russen Borodin, wie man einen Partciapparat nach bolschewistischem Muster ausbaut und handhabt. Borodin wurde nachher entfernt, weil er zu rasch und zu gründlich aus der Kuomintang eine Moskauer Filiale machen wollte, aber die Grundlagen der Organisation stammen von ihm.
„Bcvsitzender der Rationalregierung" und Oberkommandierender ist Tschiankaischek, wie es heißt, ursprünglich ein Schanghaier Baumwoll- Händler. aber unzweifelhaft ein militärisches Talent. Er ist absoluter Machthaber in Zentralchina, ohne ihn würde die Kuomintang sich kaum halten können und wahrscheinlich offen in die vier oder fünf Richtungen auseinanderfallen, die sich unter dec Decke schon jetzt be ämpsen. Tie Partcidogma- tikcr lieben ihn nicht. AIS Haupt der Partei flilt Huhanmin, bisher Chef des Reichsamts ür Gesetzgebung und Hort der orthodoxen Parteigruppe. Er ist ein Scheuklappen tragender Fanatiker: Tschiangkaischek hat ihn vor kurzem ab- gefetzt und. wie es heiht, in milde Haft genommen.
Die eigentliche Grundlage von Tschianglaischeks Macht ist gar nicht modern, sondern ganz alt
chinesisch, famMenpolitischer Ratur. Gr stützt sich auf die Sung-Familie. Der alte Lung war ein sehr reicher Bankier mit Geschäften in Schanghai und Kanton, ein bedeutender Mann mit einer bedeutenden Frau und drei bedeutenden Töchtern: eine von ihnen ist die Witwe Eunyatsens, eine die Frau Tschiangkaischek-: ein Bruder ist Finanzminister. Die alte Frau Lung ist erst vor kurzem gestorben: sie soll die eigentliche Herrin deS „Reiches der Familie Lung" iLung-Chia-Tien-Hsia) gewesen sein, wie die Rankingregierung mitunter spöttisch genannt wird. Durch die großen weiten Berbindungen der Lung- Familie wird Ranking finanziert, seit Tschiangkaischek an der Spitze ist. Icht hat die Gruppe schon soviel Geld hergegeben, daß sie ziemlich aus Gedeih und Verderb mit Rankings und Tschiang- kaischeks Position verbunden ist.
Der radikale linke Flügel der Kuomintang hat seine Basis in Kanton. Die Kantonesen haben sich von Ranking getrennt und eine eigene „Zentralregierung" eingerichtet. Eunyatsens Witwe und fein Sohn Eunfo, bisher Eisenbahnminister in Ranking, kürzlich zu Kanton übergegangen, führen die radikale Opposition gegen die Ran- kinger Diktatur. Im Augenblick scheint es, als ob unter dem Druck des Konflikts mit Iapan eine Einigung zwischen Ranking und Kanton zustandekommen will. In Kanton fitzt auch der einzige Kopf von wirklicher Bedeutung, den die Kuomintang zur Zeit hat. Wangtschingwei, mit dem Anspruch. Eunyatsens geistiger Erbe zu sein. Alles was zu Kanton hin tendiert, hat einen starken sozialistischen Einschlag.
Vor einigen Iahren. 1927 28, waren auch die nordchinesischen Provinzen bereit, mitzuarbeiten, aber sie dachten nicht daran, sich als „erobertes Gebiet" behandeln und von Ranking „aussaugen" zu lassen. Auch der von Tschiangkaischek betriebenen Zentralisierung widerstrebt man im Ror- den. Formell wird Ranking in den Rordgebieten noch als „Zentralregierung" anerkannt: moralisch hat die Kuomintang dort gar keinen Boden mehr, und auf die bisherige Art wird sie ihn auch nicht wieder gewinnen. Es ist überhaupt nicht gesagt, daß sie schon die Macht ist, die China regenerieren wird.
Oer Wahlkampf.
Deutsche Staatspartei.
Im Saale des Caf6 Leib trat gestern abend die Deutsche Staatspartei in Gießen mit ihrer ersten öffentlichen Wählerversammlung in den Wahlkampf ein.
Als erster Redner sprach der Landtagsabg. Dannenberg (Berlin). Er betonte einleitend, daß der Hauptgrund unserer vielfachen Schwierigkeiten der verlorene Krieg und der wirtschaftliche Rachkrieg seien. Sodann wies er auf die Krisenerscheinungen in der Weltwirtschaft hin, erörterte kurz die Zollpolitik und sprach sich für eine Schutzzollpolitik bis zu einer gewissen Grenze aus, die aber nicht dahin führen dürfe, das Reich für die Dauer vom Auslande abzuschliehen, weil dadurch eine dauernde Verteuerung der Waren eintrete. Er verteidigte weiter die bisherige Politik der Verständigung mit dem Auslande und betonte, daß die Staatspartei auf ihre Mitwirkung an dieser Politik stolz sei. Einen neuen Krieg lehnte er auf das bestimmteste ab. Sodann forderte der Redner eine Verständigung zwischen dem Mittelstand und der Beamtenschaft, die au- sammengchörten. Rach einer Polemik gegen die RSDAP. betonte er, daß auch die jetzigen Regierungen im Reiche und in Preußen größte Sparsamkeit für notwendig hielten. Er forderte eine Revision der Fürstenabfindung mit dem Ziele, die Ersparnisse daraus zur Versorgung der Arbeitslosen zu verwenden, weiter verlangte er
durchgreifende Reform der Agrarpolitik, da nicht dauernd mit der Osthilfe gearbeitet werden könne, er forderte ferner die Beseitigung der Hauszinssteuer, deren Mittel für Hausreparaturen und Umbauten Verwendung finden müßten, in Verbindung mit der Aufhebung dieser Steuer sei aber auch eine zwanzigprozentige Mietpreissenkung vorzunehmen. Zum Schlüsse forderte er zur Schaffung einer staatsparteilichen Front bei den hessischen Wahlen auf.
Frau Grein (Offenbach) als zweite Rednerin wandte sich besonders an die Frauen. Sie warnte vor einer weiteren Zerklüftung unseres Volkes. Ferner bedauerte sie die Spaltung der Demokraten in Hessen, für sie sie persönliche Interessen und Verstimmungen des Abg. Reiber als Ursache nannte. Sie forderte jum Schluß die Schaffung des Einheitsstaates, für den Hessen reif sei, da nur auf diesem Wege gespart werden könne.
Reichstagsabg. Prof. Dr. H e u fj beschäftigte sich mir den wichtigsten Fragen der Reichspolitik. Die Ausschaltung des Parlaments bezeichnete er als praktische und psychologische Verschlechterung der Lage der Regierung, da hierdurch wertvolle und zur Mitarbeit bereite Kräfte von der Ministerialbureaukratie beiseite geschoben würden. Hinsichtlich der Rotverordnungen bemerkte er, daß es Aufgabe des Parlaments sei, im Haushaltsausschuh des Reichstages einen Teil dieser Verordnungen auf dem Wege der
Wsnn Menschen auseinandeegehn
Vornan von J.Schneider-Foerstl.
llrheberrechtsschutz Verlag O. Mel st er. Werdau.
32 Fortsetzung Nachdruck verboten.
Szengeryi kniete am Boden und schob seinen Arm unter den Rücken des jungen Mannes. „Heute nachmittag sind wir in der Adventbai, morgen in Göteborg! Haben Eie mich gehört, Ealderon? In Göteborg!" Ezengeryis Atem keuchte. „Calderon!"
Der srostdurchschüttelte Körper hob sich und fiel feiger zurück.
Von draußen (am helles Geschrei und daS Surren von Propellern. Der Forscher hörte seinen QI amen rufen. Er hob den Irländer aus dem Lchlassack und trug ihn zum Flugzeug.
Was an Decken und Mänteln zu haben war, wurde zu einem Bett für ihn gerichtet. Szengeryi hielt die starren Hände zwischen den seinen. Der Doktor flößte ihm Sekt ein, während der Pilot sich zur Abfahrt bereit machte.
Eine Viertelstunde später schwebte der Riesen- vogel über der 'Welt von Eis und Schnee. Ab und zu sah Dr. Böhle pach dem jungen Mann zurück, dessen abgemagertes Gesicht in leichenvaster Blässe an Ezengeryis Schulter ruhte. Man würde von Glück sagen können, wenn er wenigstens die Adventbai noch lebend erreichte.
Qlbcr es gelang.
Der Iubel. der sich Dahn brach, als Szengeryi mit seinen Begleitern aus dem Doppeldecker stieg, verstummte zu lautlosem Schweigen, als man die Last gewahrte, die er auf den Armen nach dem Hotel trug.
Für einen Moment Wissen sich Calderons Augen in unverständlichem Schauen auf. In die Kissen gebettet, verfiel er aber in einen derart tiefen Lchlaf. daß es ratsam erschien, diesen Dorläufig nicht mit Gewalt zu unterbrechen. Was getan werden konnte, geschah Szengeryi nahm sich nicht einmal Zeit, einen Dissen zu essen. Rur zwei Gläser heißen Punsch stürzte er hinunter und ging dann wieder zu Calderons Qktt.
Man legte dem Forscher einen Stapel Zeitungen aus den Tisch, ebenso die Briefschaften, die der Dampfer inzwischen für ihn gebracht hatte. Trotz der brennenden Qtcugier auf das. was lich in iS'r Zwischenzeit in aller Welt ereignet hatte, brachte eS Szengeryi nicht fertig, sich wach zu halten.
Er fiel tn einen Stuhl und ließ den Kops nach vorne und beide Arme zur Seite herab'allen. So schlief er stundenlang, bis ein anhaltender Husten ihn weckte.
Calderon war erwacht und suchte sich in feiner Umgebung zurecht. Szengeryi neigte sich bereits über ihn. „Run haben wir aber gut geruht, lieber Freund."
Ein schwaches Ricken.
„Dr. Bohle wird jetzt kommen und Sie untersuchen, Mister Calderon."
Ein erschrockenes Wehren der müden Augen. „Es ist nicht nötig."
Szengeryi strich ihm das Haar zurück. „Seien Eie schon folgsam. Oder wollen Sie mir die Gewissensqual aufladen, etwas für Ihre Gesundheit versäumt zu haben?"
®in Klopfen an der Türe lieh sie beide dorthin sehen. Dr. Bohles lachendes Gesicht kam zum Vorschein. „Wir haben alle geschlafen wie die Murmeltiere. Roch nicht einmal ausgekleidet, lieber Calderon? Sie haben aber auch gut geruht, daß ich gar nicht den Mut hatte, Sie aufzurüttcln. Dafür werde ich Eie jetzt ganz gründlich untersuchen. Szengeryi, du wirst so lieb sein und mir assistieren."
Calderons Gesicht stand schweihüberronnen. „Quälen Sie mich nicht, verehrter Doktor! Ich bleibe Ihnen unter den Händen, wenn Eie mich jetzt auskleiden wollen. Ich will nichts als schlafen."
DaS Gesicht glitt in hilfloser Schwäche zur Seite. Szengeryi legte es behutsam in die Mitte der Kissen. Dr. Bohle hob die Achseln. „Schlas ist eigentlich das Beste für ihn. Ich werde hier bleiben, damit ich ihn überwachen kann." Als er sah. wie Calderons Qlrme sich bemühten, die Decke etwa- mehr über die Brust heraufzuziehen, schob er sie ihm sorgfältig hoch.
Als Calderons Lider herabfielen, setzten sich die beiden Männer ihm gegenüber. Das große Fenster lieh den Blick nach der Ducht frei, auf der ein Dampfer verankert lag. Das Gesvräch der beiden Männer wurde im Flüsterton geführt. Dann verstummte es. Sie vertieften sich nun in die Zeitungen, die Szengeryi auf den Sims gelegt hatte.
Plötzlich fuhr Dr. Dohle auf seinem Sitz herum. „Hast du das schon gelesen, Qöela?" Er hielt ihm ein Blatt vor die Augen. „Das ist ja glattweg unmöglich."
Szengeryi griff darnach und lieh die Augen gleichgültig darüber schweifen.
„Sensation?
AuS Reuyork kommt die Rachricht dah der Geiger Guido Horvath, dessen Tod seinerzeit aus Sorrent gemeldet wurde und infolge feiner Tragik die Teilnahme der ganzen Welt hervorries. unter anderem Ramen Konzerte in Amerika gibt Es ist noch nicht gelungen. den Künstler zu interviewen."
Szengeryi- Gesicht war starr. Seine Augen starrten auf die Zeilen, die plötzlich zu tanzen begannen.
normalen Gesetzgebung fi revidieren. Er warnte sodann, die Rationalsozialisten mit in die Regierung hineinzunehmen, die Etaatspartei wende sich dagegen aus Sorge um da- deutsche Schicksal nach außen und nach innen. Weiter legte er die staatsparteilichc Einstellung zum Poungrlan dar, den die Etaatspartei nur als eine Etappe auf dem Wege zur Qöefreiung unseres Vaterlandes ansehe: er wies ferner darauf hin, dah durch die Auswirkungen des Voungplans der ganze Produktionsapparat der ganzen Welt zerstört werde. Er warnte vor allzu schnellem Optimismus hinsichtlich der jetzigen Verhandlungen mit Frankreich, forderte rasche Wiederherstellung des allgemeinen Vertrauens als wirksamste Voraussetzung für die Ucbertoinbung der WirrschaftS- schwierigkeiten und nahm in diesem Zusammenhänge entschieden Stellung gegen jede Inflationsabsicht. Zum Schlüsse trat er für die lieber- brückung der innervolitischen Gegensätze ein, wobei er die Radikalisierung weiter Kreise der 3u- gend bedauerte und verurteilte, und forderte zur Sammlung aller Kräfte auf dem Boden der Demokratie auf.
3m Anschluß an die mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Reden sand eine kurze Aussprache statt.
Christlich-sozialer Dolksdienst.
Der Christlich-soziale DolkSdienst hielt gestern abend in der Turnhalle eine Wahlversammlung ab. Reichstagsabg. Simpfendö- f e r, der erste Vorsitzende des Christlich-sozialen Volksdienstes, betonte, drei Fragen seien es. die uns beschäftigen mühten: »Stehen wir vor dem Bürgerkrieg?" .Wie werden wir der Wirtschaftskrise Herr", .Wie wird das Reparationsproblem zu lösen sein?" Die innenpolitische Lage sei so orientiert, dah die Menge unseres Volkes dem Radikalismus zuneige. Das bedeute schwere Gefahr, die durch die Bildung von Wehrorganisationen gesteigert sei. Die Vorbedingungen für einen Bürgerkrieg seien dadurch geschaffen, dem Kommunismus sei das Einfallstor geöffnet. Die Folge wäre das Chaos. Das müsse vermieden werden, wenn Deutschland nicht wieder in die Lage kommen wolle, wie nach dem Dreißigjährigen Kriege. Aus diesem Grunde gelte es, die Stabilität der Regierung aufreebtguer ballen, die Sozialdemokratie in der Qkranttoortung zu belassen, die Währung zu halten. In diesem Zusammenhang erörterte der Redner die Forderungen des Volksdienstes. Dessen Bemühungen zielten darauf hin, den Bürgerkrieg zu vermeiden Der 'DolkSdienst lasse es sich außerdem angelegen sein, evangelische Belange zu wahrem Ski der Beantwortung der zweiten Frage handle es sich in der Hauptsache um die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft gegenüber dem Auslande. Die Konkurrenzfähigkeit sei nur durch Senkung der Selbstkosten herbeizuführen. Senkung der Zinssätze, Anpassung der Tarife an die Verhältnisse, Eindämmung der Produktion, Qklebung des Absatzmarktes seien weitere Voraussetzungen für die Gesundung der deutschen Wirtschaft. Ferner gelte es, die Rentabilität der Landwirtschaft wiederherzustellen und eine tatkräftige, verständnisvolle Siedlungspolitik zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und zur Besiedelung der unbewirtschafteten Gebiete in Ostpreußen einzuleiten. Die Beantwortung der dritten Frage, Lösung des Reparationsproblems, bewege alle Deutschen in einheitlichem Geiste. Deutschland habe ein moralisches Recht auf Revision der Friedensverträge, denn die Schuld Deutschlands am Kriege sei längst widerlegt. Für die Revision des Voungplanes habe sich der Dolksdienst seit seinem Eintritt in den Reichstag eingesetzt. Die Christlich-Sozialen hätten Brüning toleriert, nicht weil er katholisch sei, sondern weil er ein deutscher Reichskanzler sei, der auf vielen Gebieten manchen Erfolg für sich verbuchen konnte. Oluch in der Revision des VoungplaneS habe er manchen Schritt vorwärts getan. Zum Schluß seiner Aus
führungen ging der Redner noch auf die jüngst« Entwicklung der ReparationSangelcgcnheit ein. Rach der heutigen Sachlage gebe es für Deutschland keine andere Möglichkeit. als die innenpolitische Front zu schließen, einen Waffenstill- ftand der Parteien herbeizuführen und endlich in gemeinsamer Arbeit am Aufbau unsere- Vaterlandes mitzuwirken.
Rachdem der Redner noch einige Fragen eines Diskussionsredners beantwortet und dessen Ausführungen zum Teil widerlegt hatte, fand die Versammlung ihr Ende.
Oberbeffen.
(Z H ((e n b o r f a. b. Lda., 6. Noo. Der NikeIsmar k t am Mittwoch hat seine Anziehungskraft erneut bewiesen. Schon in den frühen Morgenstunden begann der Zuzug aus der weiteren und näheren Umgebung Allendorss. und bis gegen 11 Uhr steigerte sich der Verkehr noch erheblich. Aus dem Biehmarkt waren 200 Schweine und eine Partie Schafe aufgetrieben. Die Preise für Schweine stellten sich bei 5 bis 6 Wochen alten Ferkeln auf 6—8 Mark. bz. 7 bi- 8 Wochen alten Tieren auf 10—12 Mark, bei älteren aus 12—13 Mark und bei Läuferschweinen auf 22 bi- 24 Mark je Stück. Der Handel ging schleppend, es verblieb Ueberstand. Schase wurden kaum verkauft. Aus dem Krämermarkt war das Geschäft trotz der großen Zahl der Verkaufsstände zufriedenstellend - Am vor gen Sonntagabend wurde in der Kirche durch die Ortsgruppe des Evangelischen Bundes ein Familienabend veranstaltet. Zu Beginn trugen die Kinder der ersten Schulklasse einen Gesangschor vor. Sodann begrüßte der Vorsitzende der Ortsgruppe, Dr. med. Kun; — nach einigen einleitenden Worten des Ortsgeiftlichen Pfarrer Andres — die Teilnehmer. Schulkinder trugen abwechselnd mit Gesängen der Erwachsenen Lieder, Gedichte und Sprüche von Luther vor. Im Mittelpunkt der 23er- anstaltung stand ein Vortrag des Generalsekretär» des Evangelischen Bundes, Dr. Brauns, über das Thema: .Luthers Erbe". Das Schlußwon sprach der Ortsgeistliche Pfarrer Andres. Die Tellersammlung war für den Evangelischen Bund bestimmt.
Langd. 4. DIoo. Am vorigen Sonntag fand hier durch den Superintendenten Oberkirchenrat D. Wagner (Gießen) eine ordentliche 5M r • chenoilitatiov statt. Der Spezialvikar Pfarrer Bock (Hungen) hielt den Festgottesdienst. Oberkirchenrat D. Wagner überbrachte die Grüße der Evangelischen Landeskirche und würdigte In feinen weiteren Ausführungen Dr. Martin Luthers Leben und Werk. Im Anschluß daran erfolgte die Prüfung der Konfirmanden und der Schulkinder. Nach dem Gottesdienst gab Oberkirchenrat D. Wagner in Anwesenheit des Kirchenoorstandes und der Gemeindevertretung seiner Freude über das rege Interesse der Gemeinde am kirchlichen Leben Ausdruck. An eine Besetzung der hiesigen Pfarrstelle kann« die Kirchenbehörde leider noch nicht denken.
> Langd, 6. Noo. Der Landwirt und weithin bekannte ehemalige Iagdpächter Emil Fritz feierte heute in voller körperlicher und geistiger Frische seinen 8 6. Geburtstag.
Mrcid Friedberg.
+ Klrch-GönS, 5. Rov. Unter starker Anteilnahme unserer Einwohnerschaft und zahlreicher auswärtiger Gäste wurde am vorigen Sonntag das Ehrenmal für unsere Gefallenen feierlich geweiht. Der OrtSvorftand, die OrtSvereine und die Schulllasfen begaben sich in geschlossenem Zuge nach dem Denkmal-Platz, dem Schulhof, wo sich eine große Menschenmenge bereit- eingefunden hatte. Rach feierlicher Musik des Posaunenchors übrrgabReg erungsb u- rat Braun vom Hochbauamt in Friedberg, der den Entwurf des Denkmal- angefertigt hatte, mit Worten des Dankes an alle Mithelfer und mit der Bitte an die Gemeinde um treuen Schuh dieses Dankeszeichen in die Obhut deS Bürgermei-
„Es ist unmöglich!"
„Das sage ich auch", stimmte Döhle zu. „Eine Aehnlichkeit. Ich finde es unverantwortlich."
Er hielt erschrocken inne, denn zwei Blutstropfen rannen von Szengeryis Lippen nach der weihen Hemdbrust und sickerten dort ein.
„Bela, du wirst dich doch nicht mit dem Gedanken tragen, dah —■“
Die Hand des Forscher- ruhte schwer auf den Knien. „Wenn Horvath lebt, dann lebt auch — meine Frau."
Riemand sah nach dem Belt hin, in dessen weihen Kissen sich ein dunkler Kopf hob und nach dem Fenster wandte, um dann reglo- zu verharren.
„Mein Lieber, ich bitte dich, das sind ja Hirngespinste", mahnte der Doktor. „Einmal ist es noch gar nicht erwiesen, dah es wirllich Horvath ist, der da in Amerika geigt und wenn auch — dann weißt du noch immer die Gründe nicht, die ihn bewogen haben, für tot gelten zu wollen."
„Ich weiß sie." Szengeryi- Stimme schnitt wie eine Säge in die Stille.
Der Doktor wagte noch eine Frage: „Glaubst du, daß sie — deine Frau — bei ihm ist?"
Ein Käfer surrte gegen das große Fenster und übertönte das Stöhnen, das aus Szengeryi- Mund kam. „Ich bin an ihrem Tode lebendigen Leibes gestorben, bin nichts mehr cllS ein lebender Leichnam. Aber wenn ich die Gewißheit hätte, das sie bei ihm ist — daS —" Er vermochte nicht weiter zu reden.
Die Hände des Doktor- legten sich auf seinen Arm. „Eine Frau, die zu so etwas fähig ist — Szengeryi, versuche doch ruhig zu denken! — ein solches Weib ist doch keine Minute d:S Kummer- wert."
„Riemand weih, wie sehr ich sie geliebt habe."
„Und sie hat dir- so vergolten.'" suhr der Doktor auf. Dann wurde seine Stimme mit einem Male ganz ruhig. „Es ist müßig, darüber zu reden, Bela. Möglicherweise schmähen wir eine Tote. Die Zeitungen berichten nichts davon, dah Horvath in Begleitung einer Frau reift"
„Er wird sie irgendwo verborgen halten."
..Bela, du sollst dich nicht in solchen Gedanken verlieren. Warum sollte sie feine Frau geworden sein?"
„Sie haben so gut zusammen gepaßt", kam es stoßweise. „Er ist wie ein junger Gott gegen da-, was ich vorstelle. Ich war zu alt für sie. Madagaskar 6# mich au-gesogen und sie hat e- mir nicht verzeihen tonnen, dah ich sie nach so kurzer Ehe allein zurückließ "
„Warum bist du nicht bei ihr geblieben. Bela?"
Ein Stöhnen? „Götti Der Antrag war so ehrenvoll und ich wollte berühmt werden — bc- rühmt um ihretwillen, well ich mir dachte, da
müsse sie dann noch fefter an mich ketten. Dur deshMo."
„Eine Frage noch, Bela: „WaS wäre dir erwünschter, sie auf dem Grund de- Meere- zu wissen — oder in Horvaths Armen?"
Ein qualverzerrles Gesicht sah ihm in (eichen- haster Blässe entgegen.
Dr. Böhle bereute: „Szengeryi! SS war taktlos von mir. Verzeihe! Sie ist ja tot.“
Der Forscher atmete auf und strich sich da- ergraute Haar an den Schläfen zurück. „Da- ist nur noch mein einzige- Hoffen, da» ich trage — sie möchte tot fein. Ich will die Stelle segnen, darunter ihr Leib ruht, denn dann ist sie mein, mein bis zur letzten Minute de- Leben-. Wenn ich sie in Horvath- Armen sände, wäre sie ml« verloren."
Der Arzt vermochte seine Erregung nicht mehr zu verbergen. Unter einem Vorwand verlieh ec das Zimmer. Er hegte keinen Zweisel, dah Szengeryis Frau lebte und bei Horvath wellte. Arme« Dela? Es blieb ihm nicht- erspart im Leben.
Der Forscher sah mit glanzleeren Augen nach dem Bett, in dem sich Calderon ausgerichtet hatte. „Unser laute- Gespräch hat Sie um Ihren wohlverdienten Schlaf gebracht", sagte er abbittend. „Verzeihen Sie diese Rücksichtslosigkeit. Ich habe eine Rotiz gelesen, die mich au- aller Fassung riß."
Der mattverfchleierte Blick de- jungen Manne- richtete sich teilnehmend auf ihn. „Ihre Frau ist nicht bei Horvath. Dr. Szengeryi — gewiß nicht."
«Sie haben alle- gehört?"
„Ollle-."
„Kennen Sie Guido Horvath?"
„I."
„3a T* Szengeryi- Mund zitterte. „Sie haben ihn irgendwo getroffen?"
„3a! 3hre Frau war nicht bei ihm."
Szengeryi mußte Atem holen. „Sie wird ihn drüben erwartet haben."
„Olein! Sie ist tot. gestorben aus Sehnsucht um den Mann, dem Ihre Liebe nicht- und sein Ruhm alle- galt."
„Calderon!' Szengervl fühlte seine Füße schwach werden, glitt auf den Bettrand nieder und deckte die Hände über die Augen. „Sprechen Sie weiter". bat er tonlos
„Horvath bat fei "en Ramen mit einem anderen vertauscht, well er da- Leid de- Freunde- nlcht mit ansehen wollte und konnte. Da- ist die Wahrheit.“
„Allo tot.“ Calderon hörte da- Ausatmen, da- diese Worte begleitete. Run hatte Dela Szengeryi sein reines, heilige- Erinnern an die Frau seiner Liebe wieder. Er neigte sich über den jungen Mann und strich ihm da- etwas wirre Haar zurück. „3ch danke Ihnen. Calderon."
(MS


