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Nr. 261 Zweiter Blatt
Wirtschastsmoral.
Vach der Favag und Rordwolle haben wir nun den Fall Schultheih-Pahenhofer-Ostwerke oder, genauer gesagt, den Fall Kahenellenbogen. Es ist selbstverständlich, daß auch dieser Skandal wieder verallgemeinert wird, dah aus ihm wieder die Hetze gegen die Privatwirtschaft und das Unternehmertum aufgefrischt wird, dah auch er wieder als anschaulicher Beleg für den moralischen Zusammenbruch des Kapitalismus und das Versagen der Wirtschaftsführung verbucht wird. Die Mißwirtschaft eines öffentlichen Instituts wie der Landesbank der Rheinprovinz, die in diesen Tagen durch die Erörterungen im Landtag, durch die Unterdrückung einer längst gebotenen Aufklärung akut wurde, ist natürlich durch die Affäre Katzenellenbogen in der öffentlichen Meinung völlig in den Hintergrund gedrängt worden. Es wird heute dem Publizisten und Kritiker, der auf dem Boden der Privatwirtschaft steht, nicht gerade leicht gemacht, sich öffentlich für sie einzusetzen, wenn immer wieder solche groben Versager und Verfehlungen aufplahen und die Front des Antikapitalismus in der Ration na- turnolwendig stärken. Gegen den Eindruck und die Atmosphäre, die solche Vorfälle schaffen, kommen vor allem in einer reizbaren und gefühlsstarken Zeit wie der heutigen die Einwände der Vernunft, das Mittel des nüchternen Urteils schwer an.
Dabei werden vielfach dem gesunden und echten Unternehmertum Skandale angekreidet, mit denen sein Typ nicht das gering st e zu tun hat. Es wird an der Zeit, auch in der Oeffentlichkeit scharf zwischen dem wirklichen Unternehmer und dem Spekulanten, der seine Transaktionen baut, seine Dörsenmanöver intrigiert und mit Aktienpaketen würfelt, zu unterscheiden. Gerade die Boulevardpresse, die in solchen Fällen wie Schultheiß über die Wirtschaftsführer herfällt und sie mit dem Typ Kahenellenbogen in einen Topf wirft, überbietet sich sonst darin, den Spekulanten und Börsianer als repräsentativen Unternehmer aufzumachen und ihm den Mantel des „Wirtschaftsführers" umzuhängen. Mit dem wirklichen deutschen Unternehmer, wie er besonders auch in der Provinz wirkt, der produktiv arbeitet, der mit seinem Betrieb verwachsen ist, dessen Charakter und Leistung in einer gesunden Mischung von Konservativismus und Fortschrittlichkeit wurzeln, kann diese Presse auch nichts anfangen. Es ist auch absurd, einen Typ wie Katzenellenbogen, der über seine Frau Tilla Durieux das Bol- schewikcntheater Piscators finanziert hat, etwa als repräsentativ für den deutschen Unternehmer zu nehmen. Es gibt in einer gewissen Schicht von meist weltstädtischen Industriellen, die der Börse näher stehen als der eroverbundenen Industrie, dem auf den Traditionen der Solidität au gebauten Bankwesen und dem alteingesessenen Handel, mehr als einen Salonbolschewistcn, sür den die Wirtschaft nur ein Schlachtfeld der Macht, des Gewinnes und des Erfolges, aber keine auch ethisch verpflichtende Aufgabe und Verantwortung ist.
Wenn hier eine deutliche Kluft verläuft, so muß man doch sagen, daß der gesunde Unternehmerdurchschnitt so gut wie nichts tut, um diese Kluft öffentlich zu betonen und von den Zerrbildern des Unternehmertums abzurücken. Hier fehlt es vielfach an dem Mut, sich zu seinem Stand öffentlich zu bekennen und einen Trennungsstrich zu ziehen und einem Schelm auch einen Schelm zu nennen.
Erleben wir eine Zerrüttung der Wirtschaftsmoral? Auf Cinzelgebieten der Wirtschaft oder, noch genauer, bei einigen Unternehmern zweifellos. Und dieser Riedergang der Wirtschaftsmoral ist bedenklicher für das Geschick der Privat-
Kleine Geschichten.
Von Bruno Manuel.
Herr Neumann kam in eine Gegend, die man dunkel nennt. In dieser Gegend ging es eigenartig zu. Man konnte Waren unter Preis kaufen, Waren, mit denen es eine Bewandtnis hat. Herr Neumann blieb an der Ecke stehen und erwartete ein vorteilhaftes Angebot.
Da trat ein Herr aus dem Hausflur hervor mit einem verkniffenen Gesicht. Er machte das, was man keinen guten Eindruck nennt. Dieser Herr wies auf ein Fahrrad hin, von dem er Umstände halber lassen mußte. „Herr Nachbar", redete er Herrn Neumann an „hätten Sie vielleicht Verwendung dafür? Ganz billig. Ein Gelegenheitskauf."
Nun muß betont werden, daß Herr Neumann seit langem das Bedürfnis hatte, ein Fahrrad zu besitzen. Er musterte es mit Blicken, die einem Fachmann Ehre machten. Und fragte, was es koste. „Zehn Mark, weil Sie es sind Herr Nachbar."
Darüber wunderte sich Herr Neumann sehr. Er sah auf den ersten Blick, daß dieses Rad unter Brüdern seine fünfzig Mark wert war. Und indem er das Pedal betrachtete, meinte er: „Das wäre ja nicht viel. Hauptsache, es hat damit nicht irgendwelche Bewandtnis. Ich mochte nämlich keine Scherereien haben."
„Ausgeschlossen, Herr Nachbar. Vollkommen aus- geschlossen. Sie werden höchstens eine Freude haben. Wenn Sie sich gleich draufsetzen und in dieser Richtung fahren, kann Jynen überhaupt nichts passieren." Bei diesen Worten deutete der Mann auf eine Straße, in der es noch erheblich dunkler war.
„3a", sagte Herr Neumann, „brauchen könnte ich es schon." Und zog einen Zehnmarkschein aus der Tasche. Dann schwang r sich auf den Sattel und fragte, um nicht fehlzugchen. „Also erst hier entlang, meinen Sie. Und nachher, wie?"
„Nachher ist es ganz egal."
Herr Neumann entschwand in der empfohlenen Richtung. Doch nur zehn Häuser weit. Dann bediente er vehement den Rücktritt, und zwar mit Recht. Denn hier wurde er von einem Herrn, den er gar nicht kannte, übertrieben unfreundlich zum Absteigen genötigt. Derr Herr unterstand sich, zu behaupten, das Rad gehöre ihm. „Mir ist es gestohlen worden. Und wenn Sie daran zweifeln, will ich es 3hnen beweisen." Hier tauchte zu allem Ueberfluß noch eine Erscheinung aus dem Dunkel. Sie machte sich erbötig, hinsichtlich des rechtmäßigen Besitzers jeden erforderlichen Eid zu leisten, was Herrn Neumann nicht gelegen war.
Er ging, allmählich einiges ahnend, zehn Häuser zurück. Hier traf er viele Menschen. Aber nicht den richtigen. Der holte sich, falls es Herr Neumann ganz
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
wirtschaft als eine Wirtschaftskrise, als eine Arbeitslosigkeit, als ein gelegentlicher Rückgang der sozialen Produktivität des Kapitalismus. Wenn man den Begriff Wirtschaftsführer aufrecht erhalten will, muß man sich darüber klar sein, daß in einer elementaren Krise der Ration auch hier für die Massen der Sah gilt: Auf den Führer schauen! Entscheidend ist für das Weiterbestehen der Privatwirtschaft nicht so sehr, o6_ sie in Krisen hineingerät, sondern wie ihre Führer sich in ihr verhalten, wie die Unternehmer menschlich die Krise bestehen. Auch hier kommt es in erster Linie auf den Charakter an. Ein Unternehmertypus, der nur im Wirtschaftlichen wurzelt, der nicht tieferen und festeren Stand in der nationalen Gemeinschaft hat, der nicht seine ausgeprägte Sittlichkeit und Bindung hat, wird hier versagen, wird kein Beispiel geben können, wird die Front des Antikapitalismus stärken.
Es fehlt heute vielfach an zwei Dingen. Einmal an der Brutalität und Härte, mit der ein Versagen der Wirtschaftsführung geahndet wird. Zum andern kann man oft eine Flucht aus der Verantwortung feststellen. Zum echten Kapitalismus, zur echten Privatwirtschaft gehört das Risiko und nicht nur öie Ch a nc e. Zur Tatsächlichkeit ihres Systems gehört auch die Härte der Riederlage, die Ausschaltung des Versagers. Beides ist heute über Gebühr gemildert, gewissermaßen abwattiert. Der einfache Mann aus dem Volke stellt fest, daß er bei dem geringsten Fehltritt seine Existenz und fein Gesicht verliert, während ein grobes Vergehen in der Wirtschaftsführung, eine fahrlässige Vergeudung anvertrauten Kapitals nur nach den Formalien des Straf- und Handelsgesetzbuches geahndet wird. Damit wird ein ge
sundes Volksempfinden ebensowenig fertig, wie eine anständige und männliche Auffassung des Lebens.
Dann besteht teilweise kein richtiges Verhältnis mehr zwischen dem Verdienst der führenden Menschen und dem Betriebsschicksal. Es ist ein Miß- Verhältnis und wider Ratur und Leben, wenn leitende Direktoren langfristige Verträge und hohe Gehälter haben, die von dem Rieder- gang des Betriebes unabhängig sind. Wir glauben, daß hier ein wunder Punkt unserer Wirtschastsentwicklung liegt, der revidiert werden mutz. Wir haben wahrlich nichts gegen hohe Einkommen, wir sind nicht für eine Gleichmacherei und eine Kleinbürgerlichkeit auf diesem Gebiet, aber zu hohen Einkommen in der Wirtschaft mutz auch das Risiko gehören, und zwar ein klar herausgearbeitetes Risiko, muh eine enge Bindung an Schicksal und Erfolg des Unternehmens gehören. Wenn es dem Betrieb schlecht geht, mutz es auch den verantwortlichen Leitern schlechter gehen, wenn es ihm besser geht, mögen auch sie es besser haben. Wenn das nicht auf breiter Front selbstverständliche Rorm wird, erhält das System der Privatwirtschaft allerdings einen gefährlichen Knacks Dann wird der gesunde und kritische Mensch es stets als ungehörig, wenn nicht gar als unsittlich empfinden, datz es in einer tief aufwühlenden Wirtschasts- und Volkskrise eine Front der Wirtschaft gibt, in der täglich gelitten, gedarbt und gestorben wird und eine Etappe der Wirtschaft, deren Positionen unberührt von dem Lebenskampf der Front sind. Die Führer, die leitenden und verantwortlichen Köpfe der Wirtschaft darf man nicht in den Etappenstellungen, sondern nurin der Front finden.
Ein Deutscher ohne Deutschland.
Molos $riet>ricHifl<Roman. - Oer Prophet der nationalen Wirtschaft. Oie Tragödie eines zu früh Gekommenen.
„Don einem Geben wird hier erzählt, das uns alle angeht. Von einer Jugend, die nicht gut* geheitzen werden konnte, aus der sich aber Gröhes erhob. Wie aus der Stille und Enge sich ein Mensch zu Weiten entwickelte, wie ein kleiner Weitzgerberlehrling zum Schlüsse seines Lebens in Kontinenten zu denken vermochte — aber es sind ihm nur wenige darinnen nachgefolgt — davon wird hier berichtet." — So beginnt der eben erschienene Roman Walter von Molos, „Ein Deutscher ohne Deutschland" (Verlag Paul Zsolnay in Wien — 348), der das Leben und Werk Friedrich Lists darstellt, der auch heute noch für die meisten nicht mehr als ein Rame bedeuten dürfte, obwohl er es war, der die großen Gedanken hatte, von denen die Gegenwart noch heute zehrt: Industrie, Kohle, Zölle, Eisenbahnen: obwohl er der erste Deutsche war, der in Kontinenten denken konnte, der das neue Wirtschaftsethos in das stagnierende neunzehnte Jahrhundert trug.
Ein Ausspruch dieses großen Bahnbrechers lautet, dah ein unwiderstehlicher Trieb des Herzens ihn hinreihe, den Bedrängten beizustehen — und die Bedrängten, denen es damals zu helfen galt, waren die Deutschen. List begann damit, deutsch zu denken — nicht württembergisch, sächsisch, thüringisch — aber dah er sich als Deutscher, nicht als Angehöriger eines Kleinstaates fühlte, wurde sein Verhängnis: dah er sich keiner Partei, sondern seinem Vaterlande schlechthin verschrieb, war sein Schicksal in einer Zeit, die für diesen Gedanken noch nicht reif war: und als er es wagte, in Kontinenten zu denken, war sein Untergang unvermeidlich — auch die Gegenwart hat es noch
immer nicht gelernt. Darum ist dieser Roman — obwohl er ein Leben schildert, das sich vor einem Jahrhundert zu entfalten begann — ein Vuch aus dieser Zeit, eine Warnung und ein Ruf in diese Tage hinein. Darüber: die Tragödie des Propheten, des fanatischen Schauers in eine Zu- fünft, dessen Visionen von den Zeitgenossen verlacht werden: Der Einzelfall Friedrich Lists erweitert sich zur Tragödie des einsamen Genies.
Das Leben Friedrich Lists ist nicht eigentlich ein Rohstoff für einen Roman, denn in ihm wiederholt sich alles bis zur Eintönigkeit: immer wieder das gleiche Aufbegehren gegen Beschränktheit und Bürokratismus, immer wieder die bitteren Erfahrungen eines, der einmal auf dem Hohen- asperg „gesessen" hat — die trübe Monotonie im Dasein des Vorbestraften —, immer wieder das Anrennen gegen Eigennutz, gegen die Meiter- nichsche Diplomatie, gegen Krämersinn und Parteidünkel: die Ideen Lists verwirklichen sich ganz langsam. Der Zollverein, den List seit je gefordert hatte, wird Anfang 1834 Wirklichkeit, und die Zeitgenossen haben das Gefühl, dah Gröhes erreicht fei; die ersten Eisenbahnen werden gebaut, immer wird List um die Früchte seiner Gedanken betrogen, niemals wird sein Rame genannt, immer wird er verdrängt: das gäbe immer die gleichen ermüdenden Auftritte, hätte Molo nicht für dieses Buch eine eigene Form gesunden.
Ein Roman der Dialoge, der Debatten, Reden, Polemiker, Auseinandersetzungen; der Gedanke, zahllos abgewandelt, immer neu beleuchtet, gegen immer neue Gegner behauptet, steht im Vordergründe. Das Historische, das jeweilige Milieu
genau wissen will, auf Umwegen das Rad zurück, um es von neuem zu verkaufen.
Diese Art des Gelderwerbs ernährte ihn seit langem.
*
Ein in Oesterreich tätiger Berliner Ingenieur, wieder einmal in Berlin, blieb auf der Leipziger Straße stehen. Vor einem Schirmgeschäft und dachte:
„Trudchen soll nicht glauben, daß ich sie vergessen habe."
Trudchen — die in Wien verbliebene Braut.
Er ging in den Laden und erfand für schweres Geld einen fulminanten Damenschirm.
Vor Passau, wo der eine Bruderstaat an den andern stoßt, kam die anmutige Frage:
„Entschuldigen, harn S' etwas zu verzollen?"
Der Berliner, gewillt, Trudchens Schirm zu unterschlagen, sagte schlicht:
„Nicht, das ich wüßte."
Aber Zollbeamte haben die Ungehörigkeit, Reisenden kein Sterbenswort zu glauben. Und in einem Anfall von schwerem Mißtrauen ward der Berliner revidiert.
Aufs heftigste überrascht, entdeckte der Zöllner Trudchens Regenschirm.
„Wos is jetzt dos — bittscheen?"
Der Berliner legte gigantische Verlogenheit an den Tag, indem er den Gegenstand in persönlichem Gebrauch zu haben behauptete. Was der Beamte unmög» lich glauben wollte.
,^Oerzähln S' mir kane G'schichten!" versetzte er kopfschüttelnd und begehrte kategorisch: a) eine Zollgebühr, b) eine Zollhinterziehungsgebühr. Summa fummarum sechzig Schilling. Oder widrigenfalls Trudchens Regenschirm.
Der Berliner, einmütig empört über diese Zumutung, rief:
„Erlauben Sie mal! Ich lasse mir den Schirm weder nehmen, noch zahle ich auch nur einen Pfennig. Und wenn ich wer weiß wohin gehen müßte. Wäre ja noch schöner!"
Da musterte der Beamte noch einmal den femininen Paraplui, dann den Berliner. Und verzichtete geringschätzig:
„Alsdann, gehn S' Ham. Da seins S' hall a Gigerl."
Erinnerungen an Leberecht Hühnchen.
Am 7. Rovember, dem 25. Todestage Hein- r i ch Seidels wird man sich gern Öß3 Dichters erinnern, dem es gelungen ist, in seinem Leberecht Hühnchen das Sinnbild einer Weltanschauung zu schaffen, in der die goldene Stimmung bescheidener Zufriedenheit und stillen Glückes unvergänglich verkörpert ist; eine Jubiläumsausgabe dieses seines Hauptwerkes wird die unendliche Reihe der früheren fortsehen und
dem liebenswürdigen Dichter auch in unserer Zeit noch neue Freunde gewinnen. Seidel hat in feiner reizvollen Selbstbiographie „Von Perlin nach Berlin" selbst erzählt, daß der Virtuose der Genügsamkeit, der in seiner Erzählung die Hauptperson ist, tatsächlich gelebt hat. Das Urbild dieser prächtigen Gestalt war sein Freund und Verbindungsbruder in der Zeit, in der er auf dem Polytechnikum zu Hannover studierte, ein Küstersohn aus Mecklenburg, Karl Hohn. „Karl Hohn ist das Urbild zu meinem Leberecht Hühnchen", schreibt Seidel, „und wir haben uns in Hannover einmal fast genau so wie es in der kleinen Erzählung geschildert wird, für 30 Pfennige einen fidelen Abend gemacht. Er hatte sich in Lüneburg, wo er vorher das Gymnasium besuchte, aufs äußerste durchgeschlagen, ohne jemals den guten Mut zu verlieren. Auch hier in Hannover war sein Wechsel sehr gering. Aber immer ging etwas wie Sonnenschein von ihm aus, und er wußte allem eine heitere Seite abzugewinnen. Er beschäftigte sich damals in seinen Mußestunden mit der Erfindung von allerlei Menschen für besondere Zwecke, die er sorgfältig aufzeichnete. Ich erinnere mich noch an den „Kampfmenschen" und an den „Reisemenschen", die beide mit einer Unzahl zweckmäßiger Erfindungen ausgestattet waren. Der Freund wurde später Oberingenieur in einer holländischen Maschinenfabrik, aber obwohl er in der praktischen Welt durchaus seinen Mann stand, bewies er noch in der Geburtstagsepistel, die er zu Seidels 60. Geburtstag schrieb, daß er ganz der Alte geblieben war. „Siehst Du, weil Du nun doch Geburtstag hast", schrieb er dem Dichter, „will ich mir heute auch eine besondere Güte antun. Da gehe ich zu dem Laden der Witwe R., die das schöne Räucherzeug hat, stell mich vor die Auslage, such mir den dicksten Spickaal aus, und den verschlinge ich mit den Blicken, ilnö dann stelle ich mir vor, was die R. für Augen machen wird, wenn sie ihren schönen Spickaal auf einmal alle werden sieht!"
Aber wenn Heinrich Seidel auch solche „Urbilder" hatte, das Wesentlichste gab er feiner Gestalt doch selbst. In allen seinen Werken spricht seine hingebende Freude am Kleinsten, an jedem winzigen Geschöpf, in dem sich die Wunder des Alls widerspiegeln. „Ich habe von jeher einen ausgesprochenen Sinn für das Dürftige gehabt", so bekennt er einmal, „und vermag mich wohl zu erfreuen an dem schimmernden Spiele der Wolken, dem eintönigen rötlichen Heidemeer, dem Summen der Dienen, dem Flatterspiele der kleinen blauen Schmetterlinge, dem melancholischen Lullen der Heidelerchen und dem einsamen Schrei eines Dogels aus fernem Moorgrund." Und nicht nur in der freien Ratur,
Samstag, 7. November (931
tritt dagegen zurück, ohne zu fehlen; es wird mit einigen scharfen Strichen als Kulisse und Prospekt gezeichnet: die engbürgerliche Heimat, die unberührte Landschaft Amerikas, die leichte Luft des galanten Paris, die Mastenwälder und Fabriken um London, und dennoch schwingt die Atmosphäre mannigfach durch das Buch, oct graue Rebel übep der Themse, die lichten Farben um Rotre-Dame. Dor diesen Hintergründen entwickelt sich Friedrich List, klein, wohlbeleibt, schnaufend und schwitzend — kein genialisches Bild —. wie er vorstößt, wie er durch Europa reist, mit Generalen und Ministern verhandelt, besessen, von dem unwiderstehlichen Trieb seines Herzens bezwungen, dem bedrängten Deutschland beizustehen.
Ein historischer Roman, bei dem das Historische und Milieuhafte beinahe zur Bedeutungslosigkeit versinkt, um dem Gedanklichen zu weichen, das durch die mehr als fünfhundert Seiten dieses Buches spannend und hinreißend vorwärts treibt. Ein historischer Roman, und doch wieder nicht; die Verhandlungen, die List gegen Klüngel und Grenzen führen mußte, die Versammlungen, die Kommissionsberatungen und Sitzungen, sie wirken, als hätten sie heute stattgefunden, denn sind auch die Zollgrenzen und die Kleinstaaterei r efeitigt, so sind dafür andere Gruppen und Grüppchen entstanden, zwischen denen die Auseinandersetzung mit den gleichen Worten weitergeht, und es ist nicht unwesentlich, daß der Roman vom gesprochenen Wort, dem Dialog, vom ersten bis zum letzten so stark beherrscht wird, denn die Worte sind die formgewvrdenen Gedanken und Visionen Lists, die er gegen seine Zeit durchsetzen wollte, und so mündet das Buch wieder in diese Gegenwart ein und stößt über sie hinaus, als die Tragödie der weltbewegenden Idee, die für ein Geschlecht zu groß ist.
Kuomintang!
politische Eindrücke von einer Weltreise. Von Dr. Paul Rohrbach.
Banking, Oktober 1931.
Ich muh mich zuerst von einem seltsamen und disharmonischen Eindruck sammeln, den ich heut gehabt habe — einem Eindruck, von dem viele sagen werden, er symbolisiere einfach das neue China. So summarisch möchte ich das nicht tun, aber ich verstehe es, wenn andere so weit gehen. Ich war nämlich draußen beim eben fertig gewordenen Mausoleum Sunyatsens, nahe beim alten Mingkaisergrab. Es ist eine stilistisch, architektonisch und monumental gleich verunglückte Anlage: ein endloser Vorplatz, eine gewaltige Treppenflucht und auf der obersten Terrasse eine Art Tempel, der erst in dreifacher Größe dem unverhältnismähigen Unterbau entsprechen würde. Die Treppen sind ohne Verständnis für ihre Verwendung als eindrucksvolles Architekturglied angelegt, und das Ganze ist eine so verzweifelte Bastardierung von Stilen, dah mir zur Kennzeichnung nichts Treffenderes einfällt, als ein Wort meines alten Freundes Richter Rippert in Cincinnati: Eiscreme und Sauerkraut!
Aber lassen wir Sunyatsens Mausoleum, und wenden wir uns seiner lebendigen Hinterlassenschaft zu: der K u o m i n t a n g p a r t e i, von der China jetzt regiert wird. China? höre ich den Kundigen mich unterbrechen. Ich weih, „China" bedeutet in diesem Fall nur öie Jangtseregion von Schanghai bis Hankau und einiges Unbestimmte (nach feiner Richtung sehr weit!) darüber hinaus, aber nehmen wir einmal den Teil, dafür, der nach der Kuomintang-Idee ja das Ganze werden soll! Die Kuomintang ist die chinesische Volkspartei — Volk als nationale, patriotische Einheit gedacht — und schon, dah sie die einzige überhaupt zugelafsene „Partei" in China ist, erinnert an Moskau. Auch die Organisation tut es. Ein „Komitee" von 32 Mit
sondern auch in dem Berliner Häusermeer konnte er seine Idyllen entdecken. „Ich ging kürzlich bei Regen durch die Potsdamer Strahe", schrieb er in einem Briefe, „auf der Treppe eines Kellereingangs sah ein Schuster-Ehepaar, noch junge Leute mit ziemlich gewöhnlichen Gesichtern. Sie_ hatten zwei Blumentöpfe mit dürftigen Pflänzchen in den Regen gestellt und sahen nun mit wohlwollenden Blicken zu, wie sich diese kümmerlichen Gewächse erquickten. Ich glaube, wenn der große Realist von heutzutage dort vorbei gekommen wäre, er hätte nichts Hübsches dort gesehen. Er hätte die dumpfe Kellerluft gerochen, welche dort hervorkam, er hätte den breiten, pechbeschmutzten Schusterdaumen gesehen und die im Grunde gemeinen Züge dieser Leute. Der kleine Strahl von Himmelslicht, der sie in diesem Augenblick verklärte, wäre ihm wohl entgangen. Und wenn sich ein blühender Rosenbusch über eine Pfütze neigt, so sieht er nur den Schlamm und das schmutzige Wasser, und es entgeht ihm, dah auch die Pfütze den schönen Strauch mit allen seinen Rosen widerzuspiegeln vermag." Seidel ist dabei durchaus kein weltfremder Phantast gewesen, sondern er hat als Ingenieur Bedeutendes geleistet, er war einer der Miterbauer des Anhalter Bahnhofs, in Berlin, und wenn er in späteren Jahren an diesem Bahnhof vorüberging, wies er wohl auf die mächtige Ueberdachung hin und sagte schmunzelnd: „Jedenfalls bin ich nicht wegen verfehlten Berufes unter die Schriftsteller gegangen.“ Was er von seinem Martin Wedeking in der Idylle „Die goldene Zeit" sagt, gilt auch von ihm selbst: „Er war Oberingenieur in einer der großen Maschinenfabriken vor dem Oranienburger Tor; dort war er kurz, scharf und klar in allen feinen Aeuherungen, sein Denken war mathematisch und einzig auf sein Fach gerichtet... Wenn er aber zu Hause faß in feiner behaglichen kleinen Wohnung, da war jene Welt mit ihrem heftigen Betriebe, schnurrenden Riemenscheiben, klappernden Rädern und schütternden Dampfhämmern gänzlich versunken, und Martin Wedeking war ein friedlicher Träumer, der Blumen zog, seltene einheimische Singvögel fütterte, Amei- feen beobachtete und sich mit Werken der Dichtkunst beschäftigte."
Hochschulnachrichten.
Amtlich wird die Berufung des ordentlichen Pro» fessors Dr. Friedrich ch o f f m a n n von der Universität M ü n ft e r in gleicher Eigenschaft an die Universität Greifswald bestätigt. Professor choff» mann übernimmt als Nachfolger von W. Biermann den Greifswalder Lehrstuhl der wirtschaftlicher; Staatswiffenfchasten.


