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politischen Aktion sein. Sie für die Wilhelmstraße von besonderem Interesse sein wird. Hinüber und herüber werden schon seit langem Fäden gesponnen und erinnert man sich der sensa­tionell 'freundschaftlichen Begrüßung zwischen Driand und Litwinow bei der letzten Genfer Tagung, so wird es klar, daß man auch in Moskau bestrebt ist, Frankreich ein freund­liches Gesicht zu zeigen. Es wird offen von dem bevorstehenden Abschluß eines politi­schen Nichtangriffspaktes gesprochen, und man wird bei uns Wohl wenig erstaunt sein, wenn man hört, daß natürlich auch Polen von dieser neuesten Freundschaft profitieren soll. Da­zu ist aber noch zu sagen, daß der polnische Ge­sandte Patek vor zwei Wochen in besonderer Mission in Warschau weilte, worauf der Ton der polnischen Presse gegen Moskau sich von einem Tag zum anderen radikal änderte. Unö

in den nächsten Tagen erhält Moskau den Be­such des ehemaligen polnischen Finanzministers Matuschewski, wie es heißt, eines besonderen Bertrauensmannes Pilsudskis. Das sind Tat­sachen, die zunächst auf eine Aenderung der französisch-polnischen Politik ge­genüber Moskau schließen lassen. Es ist nicht un­bekannt, daß Polen eine Stabilisierung seiner Grenzverhältnisse im Osten anstrebt, um die Hände nach dem Westen sreizubekommen: es ist weiterhin von einem französischen Kredit an Moskau die Rede (der bekanntlich noch stets po­litischer Ratur gewesen ist) und die Prawda hat neulich fast allzu unmißverständlich aus­gerufen:Frankreich ist die größte Ka- pitalmacht der Welt wir müssen Verständigung mit Frankreich su­chen!"

Belgiens Angriffsrüstung.

Von G. Arendonck, Brüssel.

DaS belgische Rüstungsshstem, für das die Kammer nunmehr 175 bis 210 Millionen als erste Jahressumme bewilligen soll, richtet sich nur gegen Deutschland. In ihm offenbart sich mehr als die sogenannte Furcht vor dem entwaffneten Deutschland der Druck Frank­reichs, dem sich Belgien in Versailles ver­schrieben hat, gegen das es seine Grenzen in­folge des Bündnisses völlig ungeschützt läßt und das unter Umständen eben doch einen An­griffskrieg gegen Deutschland unternehmen will.

Besonders lehrreich ist ein Vergleich der Ziffern, die sich Belgiens Rüstung heute leistet, mit denen der Vorkriegszeit:

Stehendes Heer Reserven

1914 27 000 170 000

Heute 66 800 350 000

Nach der neuen Vor­

lage (1932) 71 322 600 000

Noch mehr fällt die Vermehrung der Ma­schinengewehre und Geschütze auf:

Maschinengewehre Kanonen leichte schwere leichte schwere 1914 300 200 30

Nach der neuen Dor-

läge 2900 1200 588 271

Und gar die modernsten Waffen, Flugzeuge und Tanks! 1914 hatte Belgien vier Flugzeuge: sie sind auf 234 angewachsen, zu denen noch 400 DeservefluW«uge kommen, und die Tanks, die es 1914 ja noch nicht gab, auf fünfzig.

Die ganze Rüstung geschieht nach franzö­sischem Vorbild, und es wird niemanden, der die Geistesbeschaffenheit der tonangebenden Kveise kennt, in Erstaunen setzen, wenn in Bel­gien eines Tages nach diesem Muster auch diedisponibilite eingeführt ist, das heißt das Recht der militärischen Behörden, ohne Parla- mentsbekchluß drei Jahrgänge einzuberufen.

Die Phantasien über Deutschlands Angriffs­lust, mit denen man diese Rüstungen begründet, gipfeln darin, daß Deutschland den nächsten Krieg mit einem Durchbruch durch Holland beginnen werde. sinter diesem Vorwand (und vielleicht auch weil man Holland gegenüber kein ganz reines Gewissen hat), befestigt man auch gegen diesen Nachbarn die Grenze, und zwar von Ebei^Emael bis Maasehck mit der Front nach Osten und von Maaseyck bis Turnhout mit dem Gesicht nach Norden. Sorgfältige Befestigungs­anlagen sind ferner Antwerpen zugedacht, an das man das System des sogenanntenReduit national" anstchlieht, eine Zuflucht für die Armee im Falle von Niederlage unb Rückzug und einen Sammelraum zu neuer Offensive.

-DieserReduit national" umfaßt das Waas- land und andere Teile von Ostvlaanderen. sowie ifcn größten Teil von Westvlaanderen, wobei die

Leie bis Gent und von da ab die Schelde eine natürliche Sicherung bieten. Weite 11 e ber­sch w em m u n g s z o n e n sind hier vorgesehen (wie übrigens auch zwischen Antwerpen und der Ostgrenze).

Diese Heberschwemmungen treffen nur flä­misches, kein wallonisches Gebiet. Auch der Sam­melraum umfaßt ausschließlich flämisches Land und würde über eine Million Flamen mit allen Lasten, Mühs'alen und Entbehrungen des Krieges Heimsuchen. Und das alles um Frankreichs, des alten Feindes willen!

Der Plan diesesReduit national", die be­sondere Heimsuchung eines dichtbevölkerten flä­mischen Landesteiles, kommt also noch zu den übrigen Zumutungen, die in steigendem Maße die Flamen gegen das französisch-belgische Bünd­nis und die damit verbundenen Rüstungen auf­bringen: Sie sollen sich nicht nur, ihrem Volks- bewußtsein und ihrer Heberlieferung entgegen, zutn Kanonenfutter für Frankreich hergeben und ihr nicht allzu glänzendes Dasein mit schweren Abgaben besteuern lassen, sie sollen auch einen großen Teil ihres Grundes und Bodens einer Verwüstung darbieten, die ihn auf zwanzig Iahre, vielleicht noch länger, ertragsunfähig macht.

Die unausbleibliche Folge ist, daß der Un­wille. gegen diese belgischen Pläne innerhalb des flämischen Volkes noch immer breitere Schichten ergreift und zu immer heftigeren Aeuherungen drängt. Vanderveldes Schwenkung, vom llnterzeichner des französisch-belgischen Bünd­nisses zu seinem Gegner, war ein unverkenn­bares Symptom der allgemeinen Stimmung vor mehreren Monaten: sie ist heute um viele Grade hitziger und gefährlicher. Wird angesichts dieser zunehmenden Gärung das Kabinett R e n k i n , diesMinisterium der Angst vor den Wahlen", wirklich den Mut haben, die Militärvorlagen noch aufrechtzuerhalten? Wird der König, der mit den Seinen seit den spanischen Ereignissen recht nervös geworden ist, aus seiner Zurück­haltung heraustreten?

Es ist kaum mehr als ein Iahr her, seit­dem der mutige flämische Gehorsamsverweigerer Joris de Leeuw den Anstoß gab. daß die belgische Armee in flämische und französische Ausbildungseinheiten geteilt werden mutzte. Und schon scheint ein neuer Joris de ßeeuto sich zu melden. Lode van Dyck, gleichfalls ein Vvlksjonge" aus Antwerpen, hat seinen Ge­stellungsbefehl mit dem lakonischen Brief beant- wovlet, daß er dem Befehl nicht Folge leisten werde,weiil in dem königlichen Versprechen nach dem Weltkrieg (Gleichheit des Rechts für Wal­lonen und Flamen) das offizielle Bekenntnis liegt, daß es diese Gleichheit nicht gab, und weil dies Versprechen bis heute nicht erfüllt wurde".

Weiter sagt man:Im August viel Wind auS Nord, Unbeständigkeit fliegt fort."Nordwind und August will san (sagen), daß gut Wetter noch hält an." DagegenStellen sich im Anfang Gewitter ein, wird's am Ende noch so sein" oder nasser August macht teure Kost" undje dicker der Regen im August, je dünner der Most".

Dem Augustwetter wird vorhersagende Bedeu­tung bei gelegt in den Wetterregeln:Wittert es viel im August, einen nassen Winter du erwarten mutzt" undist's in der ersten Augustwoche heiß, bleibt der Winter lange weiß". Aus dem häufigen Auftreten der weißen Haufenwolken will man auf die Masse der Schneewolken im kommenden Win­ter schließen. Auch an die große Reihe der Fest- und Feiertage im August knüpfen sich viele Wet­terregeln.Am Petri-Kettenfeier", sagt man, muß man die Sense wetzen". Vom 4. August wird gesagt:Hitze an Dominikus, ein langer Winter kommen muß." Zum 5. August rechnet man mit gutem Wetter:Oswalditag mutz trocken sein, sonst wird sehr teuer Korn und Wein."

Oberheffen.

Schwerer Derkehrsunfall.

-f- G r ü n berg, 6. Aug. Am Donnerstagnach­mittag ereignete sich an der Alsfelder Straße bei der Holzschneiderei Haas ein schwerer Mo­torrad uns all. Ein Radfahrer von Mücke, hinter dem ein Motorradfahrer herkam, wollte einem von Grünberg kommenden Kraftwagen aus- weichen. Die drei Fahrzeuge trafen etwa gleich­zeitig zusammen. Anscheinend konnte das Auto wegen eines an der rechten Straßenseite liegenden dicken Baumastes nicht genügend rechts fahren, denn die beiden entgegenkommenden Fahr-

Die Deutsche Veamten-Kmnkenversichewng.

Am Ende des 25. Geschäftsjahres.

Von der Gewerkschaft Hessischer Gemeindebe­amten, Ortsgruppe Gießen, wird uns der Bericht über das 25jährige Bestehen der Deutschen Be- amten-Krankenversicherung übermittelt, dem wir u. a. folgendes entnehmen:

Eine Beamten-Selbsthilfeeinrichtung, die ohne fremde Hilfe, auf gemeinnütziger Grundlage auf- gebaut, trotz aller Kriegs- und Jnflationsstürme auf ein 25jähriges Bestehen zurückblicken kann und dabei finanziell vollständig gesund geblieben ist, verdient allgemeine Beachtung. Die Deutsche Deamten-Krankenversicherung (nachfolgend kurz Debeka genannt), vormals Krankenkasse für die Gemeindebeamten und -Angestellten des Deut­schen Reiches ist im Iahre 1905 als Dersiche- rungsverein auf Gegenseitigkeit von der rheini­schen Gemeindebeamtenschaft gegründet worden und hat sich zu einem der größten Krankenver- sicherungsunternehmen in zähem Ringen zu dem stattlichen

Versichertenbeskande von rund 300000 Personen emporgearbeitet.

Der Geschäftsbericht für 1 930 gibt an, daß sich bereits 27 kleinere Krankenkassen mit der Debeka vereinigt haben: im letzten Jahre waren es die Krankenzuschuß lasse des Reichsbundes der höheren Beamten, die Oberbeamtenkrankenkasse Osnabrück und die Krankenkasse der Beamten und Angestellten der Stadt Remscheid. Richt weniger als 50 Deaintenverbände empfehlen die Debeka und haben Dergünsttgungsverträge mit ihr abge­schlossen. 570 öffentliche Körperschaften, darunter auch die badische Regierung, haben einen Teil der Beiträge für ihre Beamten übernommen, um so die Fürsorge für ihre Beamten in Krankheits­fällen indirekt der Debeka zu überlassen. Das hierdurch bekundete Vertrauen der vielen Behör­den zu dieser Deamteneinrichtung hat auch eine gewisse Bürgschaft dadurch erhalten, daß in allen Organen der Debeka die Vertreter des Deutschen

Städtetages, des Reichsstädtebundes, des Deut­schen Landgemeindetages, des Deutschen Land- kreistoges, der Provinzialverwaltungen und schließlich auch der badischen Regierung ihre Stimmen in die Waagschale werfen können.

Interessant sind einige Zahlen über die Lei­stungen. Im Jahre 1930 wurden rund 12,6 Millionen Mark, seit 1924 rund 65 Millionen Mark Kassenleistungen gezahlt, die in dem ge­sundheitlich schlechten Jahre 1929 sogar 87 v.H. der Deitragseinnahmen ausmachten, im Jahre 1930 dann aber wieder auf 79 v. H. gefallen sind.

Das finanzielle Fundament der Debeka äußert sich in einem

vermögen von rund 3 Millionen Mark, das zu einem erheblichen Teil in Kommunal- Anleihen und Darlehen angelegt ist. An Grund­vermögen ist ein ansehnliches, solid gebautes Ver­waltungsgebäude zu verzeichnen. Die Zahl der beschäftigten Angestellten einschließlich der 34 Verwaltungsstellen im Reich betrüg tj>31

Der neuzeitlichen Bewegung auf denk' Gebiet der Krankenversicherung ist die Debeka gefolgt durch Einführung einer Beitragsrückge­währ mit fünfjährigem Auszahlungsmodus. Hierdurch erfolgt eine gewisse Neuschätzung des Risikos in fünfjährigen Abständen. 1930 ist erst­malig ein Betrag von 400 000 Mk. für diesen Zweck zurückgestellt worden. Was solch großen, über das ganze Reich ausgebreiteten beruflichen Krankenversicherungen gegenüber den kleineren, meist örtlich begrenzten Einrichtungen den Vorzug gibt, ist der große Risiken- ausgleich, der eine weit größere Stetigkeit und damit Unabhängigkeit von eng be­grenzten Gefahrengebieten verbürgt. Selbst grö­ßere Epidemien usw. in mehreren Gebieten tonnen leichter überwunden werden. Die Entwicklung der Debeka in den 25 Jahren ihres Bestehens faim als sehr günstig bezeichnet werden."

Was wird Herr de Broquevilles Nachfolger, der Antwerpener Großreeder Dens , als Kriegs­minister darauf antworten? Denn eigentlich ist der Brief ja nicht an seine, sondern an des KönigsAdresse gerichtet, desVeolbelover", der fein Versprechen nicht hielt. Wird auch das Ka­binett Renkin, diese, von einem in der Politik ergrauten Minister geleitete Regierung, sich der Einsicht^ verschließen, daß alle Rüstungen trotz ausgeklügelter Parlamentsmehrheiten nichts hel­fen. wenn das Volk, dem man sie vor allem ausevlegt, sie nicht mehr tragen will?

Oer August im DolkSmund.

Mit sonnigem Lachen ist der Juli vorüberge­gangen. um dem August, dem Erntemonat, Platz zu machen. Bei den alten Römern hieß er ur­sprünglich Sextilius, der Sechste, erhielt aber zu Ehren von Aktavianus-Augustus, der in ihm sein Konsulat angetreten hatte, dessen Titel. Unter Karl dem Großen legte man ihm den Namen Aranmanoth, Erntemonat, bei, während er jetzt in Niedersachsen noch den Namen Aust, in Süd­tirol erster Aux, der zeitigende, der reifende Monat trägt. In Feld und Wald, in Park und Garten atmet die Natur den satten Odem der Ernte, der Reife. Sonnenglut der Hundstage und leichte Böen lassen die Luft über dem Erd­boden erzittern wie den Dunst vor einem Back­ofen. Das ist das Wetter nach dem Wunsch des Landmannes, von dem der alte Volksspruch sagt: Was der August nicht kocht, läßt der September ungebraten." Mit schönen Wetterregeln sind nach uralten Wetterregeln verbunden Tau und Nord­wind.2au ist im August so not, wie des Men­schen täglich Brot" oderWenns im August viel tauen tut, dann bleibet auch das Wetter gut.

Russischer Besuch bei Kant.

Unbekannte Aufzeichnungen Karamsins.

Miigeteilt von Dr. Erich Ienifch.

Als der berühmte russische Historiker Nikolai Michailvwitsch Karamsin (17661826), der Verfasser der zwölfbändigen großenGeschichte des Russischen Reiches", in den Jahren 1789 bis 1791 eine Reise durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich unternahm, weilte er auch in Kö­nigsberg, wo er Immanuel Kant auf suchte. In seinenBriefen eines reisenden Russen", die 1799 deutsch in Leipzig erschienen und die eine un­terhaltende und kulturgeschichtlich sehr interessante Schilderung seines Aufenthaltes im Auslande enthalten, gibt Karamsin eine eingehende Schil­derung dieses merkwürdigen Besuches, die jedoch in den Kantbiographien bisher nicht berücksichtigt worden ist.

Karamsin hatte keine Empfehlung an den Phi­losophen. AberKühnheit gewinnt Städte und mir öffnete sie die Türe des Philosophen". Das Haus, das Kant bewohnt, nennt Karamsinklein und unansehnlich", überhaupt sei alles bei ihm alltäglich, ausgenommen seine Metaphysik. Drei Stunden brachte Karamsin bei Kant zu. Ein klei­ner, hagerer Greis von außerordentlicher Zart­heit und Weiße empfing ihn. Als Karamsin sich als russischer Edelmann vorgestellt hat, der reist, um berühmte Gelehrte kennenzulernen, wird er sofort zum Sitzen genötigt.Meine Schriften kön­nen nicht jedermann gefallen", sagt Kant.Nur wenige lieben die tiefen metaphysischen Unter­suchungen, mit welchen ich mich beschäftigt habe." Zunächst berührt das Gespräch verschiedene Ge­genstände. Don Reisen, von China, von der Ent­deckung neuer Länder wird gesprochen, und Ka­ramsin ist erstaunt von den geographischen und historischen Kenntnissen Kants, die allein genü­ge^das ganze Magazin eines menschlichen Ge­dächtnisses zu füllen und die bei ihm doch nur Nebensache sind."

Dann bringt Karamsin das Gespräch auf die moralische Natur des Menschen und notiert sich folgende Aeuherungen KantS:Unsere Destim- MUNI ist Tätigkeit. Der Mensch ist niemals ganz zufrieden mit dem, was er besitzt, und strebt immer nach etwas anderem. Der Tod trifft uns noch auf dem Wege nach dem Ziel unserer Wün- fcfce. , Man gebe dem Menschen alles, wonach er sich sehnt, und in demselben Augenblick, da er es erlangt, wird er empfinden, daß dieses Alles nicht alles sei. Da wir nun hier kein Ziel und Ende unseres Strebens sehen, so nehmen wir eine Zukunft an, wo sich der Knoten lösen muß:

und dieser Gedanke ist dem Menschen um so an­genehmer, je weniger Verhältnis hienieden zwi­schen Freude und Schmerz, zwischen Genüssen und Entbehrungen stattfindet. Ich für meine Person erheitere mich damit, daß ich schon über sechzig alt bin, und daß das Ende meines Lebens nicht mehr fern ist, wo ich in ein besseres zu kommen hoffe. Wenn ich mich jetzt an die Freuden er­innere, die ich während meines Lebens genossen habe, so empfind' ich kein Vergnügen: denk ich aber an die Gelegenheiten, wo ich nach dem Mo- ralgefetj- handelte, das in mein Herz geschrieben ist. so fühl ich die reinste Freude. Ich nenne es das Moralgeseh, andere das Gewissen, die Emp­findung von Recht und Unrecht man nenne es, wie man will, aber e s i st. Ich habe gelogen, kein Mensch weiß es, und ich schäme mich doch. Freilich ist die Wahrscheinlichkeit des künfttgen Lebens noch immer keine Gewißheit, aber wenn man alles zusammen nimmt, so gebietet die Ver­nunft, daran zu glauben. Was würde auch aus uns werden, wenn wir es sozusagen mit den Augen sähen? Würden wir dann nicht vielleicht durch den Reiz desselben von dem rechten Ge­brauche des Gegenwärtigen abgezogen werden? Reden wir aber von Bestimmung, von einem zu­künftigen Leben, so sehen wir dadurch schon das Dasein eines ewigen und schöpferischen Verstan­des voraus, der alles zu irgendetwas, und zwar zu etwas Gutem schuf. Was? Wie? Hier muß auch der erste Weife feine Unwissenheit be­kennen. Die Vernunft löscht hier ihre Fackel aus und wir bleiben im Dunkeln. Nur die Einbil­dungskraft kann in diesem Dunkel herumirren und Phantome schaffen."

Das Gespräch wandte sich Lavater zu, mit dem Kant korrespondiert hatte.Lavater", sagte er, ist sehr liebenswürdig, in Rücksicht seines guten Herzens: aber seine außerordentlich lebhafte Ein­bildungskraft macht, daß er sich durch Phantome blenden läßt, an Magnetismus und dergleichen

Karamsin erwähnt noch, daß Kant schnell, leise und unverständlich spricht. Er mußtealle seine Gehörnerven anstrengen", um zu verstehen, was er sagte. Zum Schluß des Gespräches schrieb Kant seinem Besucher die Titel zweier seiner Schriften auf, die dieser noch nicht gelesen hatte: Krittk der praktischen Vernunft" undMeta­physik der Sitten."

Dieses Zettelchen werde ich verwahren wie ein heiliges Andenken", versichert Karamsin. Endlich trägt Kant noch seinen Namen in das Taschen­buch des Reifenden ein und wünscht ihm,daß sich einmal alle seine Zweifel lösen mögen". Dar­auf scheiden die beiden.

Wer hat in diesen Zeiten noch Geld?

Wie sich das alles ändert! Auch vor den Millio­nären bleiben die schlechten Zeiten nicht stehen, und ihre Namen wechseln mit einigen Ausnahmen ständig. Im Jahre 1914. als man die Millionäre in Deutschland noch nach dem Wehrbeitrage be- rochnete. gab es bei uns 15 547 Menschen, die wehr als eine Million Mark ihr eigen nannten. Heute sind es nur noch 2335.

2lls reichster Mann in Deutschland gilt zur Zeit Frttz Thyssen mit ungefähr 950 Millionen, während Wilhelm II. immer noch mit 350 Mil- lionen an zweiter Stelle steht. Auf 250 Millionen werden die Herren Krupp von Bohlen und Hal­bach, Otto Wolf f und der F ü r st z u Fürsten- b e r g geschäht, während die Familie S t i n n e s immer noch über rund 100 Millionen verfügen dürfte. In Frankreich gelten als die drei reichsten Leute der Parfümfabrikant Coty, der Baron Rothschild und der eingebürgerte in­dische Fürst Aga K h a n mit je 300 Millionen Mk. oder 1,8 Milliarden Frank. Die Zahl der Millio­näre in E n g l a n d ist in den letzten Jahren eben­falls recht stark gesunken. Im Jahre 1924 waren es noch 597, heute kaum 460, wobei allerdings zu bedenken ist, daß es sich bei dieser kleinen Zahl um Pfund Millionäre handelt, und ein Pfund sind 20 Mark! Der reichste Mann des Jnselreiches ist immer noch der HerzogvonWestminster, dem drei Viertel des Grund und Bodens von Lon­don gehören und der auf 900 Millionen Mark ge­schäht wird, während Sir Basil Z a h a r o f f, ein aus der Türkei eingewanderter und geadelter Fi­nanzier, sowie Daronett L. Rothschild mit je 500 Millionen Mark an zweiter Stelleliegen. Ter englische König ist wohlhabend, jedoch nicht reich er dürfte höchstens 20 Millionen Mark besitzen. Dagegen hat der Exkönig Alfons von Spanien 180 Millionen nach England gerettet.

3n 11 n g a r n dürfte Prinz Paul Esterhazy mit seinen 250 Millionen Mark an erster Stelle stehen: in Polen Graf Alfred P o t o ck i, der 80 Millionen Mark sein eigen nennt. Ein unge­heures Vermögen gehört auch dem Besitzer vieler Erzgruben in Bolivien. Don S. P a t i n o, der 400 Millionen Mark schwer sein soll. Doch was ist das alles gegen USA.? Dort rechnet man nur nach Dollar, und ein Dollar sind 4,20 Mark.'Im Jahre 1926 gab es bereits 11000 Dollarmillio- näre; aber heute sind es trotz der verschiedenen schwarzen Tage an der Börse und dem großen Bankkrach des Jahres 1929, bereits mehr als 30 000 geworden! Von ihnen haben 511 ein Ein­kommen von mehr als einer Million Dollar im

Jahre, und darunter befinden sich wiederum 29 ledige und 35 verheiratete oder verwitwete Frauen. Als reichste Frau galt lange Zeit die so­eben verstorbene letzte der drei Schwestern Wen­del, die 800 Millionen Mark besaß: aber seit ihrem Tode ist eine andere Frau an diese Stelle gerückt, nämlich eine Engländerin namens Miß Hovard D l i g h, die durch Erbschaften 1,6 Mil­liarden Mark erhielt und jetzt in den Vereinigten Staaten lebt. Sie dürfte die erste Frau der Welt sein, die über mehr als eine Milliarde Mark ver­fügte! Als sehr reich gelten auch Lady Vule mit 640 Millionen Mark, Lady Houston mit 420 Millionen Mark und Lady Granard mit 390 Millionen Mark.

Der reichste Millionär Amerikas ist ohne Frage immer noch Henry Ford, dessen Vermögen auf fünf Milliarden Mark geschäht wird. Er hat so­wohl Carnegie mit einer Milliarde, als auch J^ D. Rocke feiler mit 2,3 Milliarden über­flügelt; aber es darf nicht vergessen werden, daß letzterer das meiste Geld von allen Menschen je­mals besessen hat, denn er stiftete innerhalb dec letzten 50 Jahre nicht weniger als drei Milliarden Dollar für wohltätige Zwecke! Der bekannte Ban­kier Pierpont Morgan ist gut für 500 Millio­nen Mark, ebenso S. D. Johl, der Diamanten­könig: doch werden beide übertroffen durch den Aluminiumindustriellen Andre Mellon mit 900 und durch Eduard H a r k n e ß mit 800 Millionen. Der Eisenbahnkönig Payne W h i t h n e y soll 450 Millionen besitzen, Vincent Astor, F. W. Van - derbilt, I. K. Sinclair und C. F. Do- Henny je 350 Millionen. Der Stahlkontrolleur M. Schwab und Ebert H. Garry werden auf je 200 Millionen geschäht, also ebenso hoch wie Mister Mellon, der als Vertreter Amerikas auf den Konferenzen von Paris und London eine große Rolle spielte.

Natürlich gibt es auch im fernen Often viel Geld. So sollen zum B. die japanischen Jndustrie- familien Mitsui, Jwasaki und Sumitomo jeweils 800 Millionen Mark besitzen. Und wer ist nun der allerreichste Millionär oder Millardär von allen? Nach einer amerikanischen Schätzung soll es augen­blicklich der Nizarn von Heiderabad sein, bei bem eine amerikanische Kommission allein für zwei Milliarden Mark Goldbarren und für eine Milliarde sonstige flüssige Werte feststellte: doch sollen seine Juwelen noch einmal so viel Wert haben. Auch eine ganze Reihe anderer indischer Fürsten sollen mehr als eine Milliarde Mark be­sitzen: doch sind dort nur Schätzungen möglich. Von diesen Vermögen macht man sich erst einen rich­tigen Begriff, wenn man sich überlegt, daß ein einziger Mensch in der Lage wäre, ganz Deutsch­land zu finanzieren! Man sieht also, es ist noch viel Geld da, nur nicht immer an der richtigen Stelle.