Nr. 185 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefjen)
Zreitag, 7. August (951
OerLanus-Kopf des Kreml.
Rußland und die deutsche Diftschaftslnsis.
Don unserem dl.-Berichterstatter.
(Lochdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Moskau, August 1931.
Die Verschärfung der weltpolitischen Lage, die durch die Wirtschaftskrise und den deutschen Are- ditzujammenbruch entstanden ist, hat in der Räte- union ihre eigenen Auswirkungen gezeitigt. Doch nie hat daS offizielle Dlatt, die 3 f to e ft i j a, im Zeitraum von drei Wochen eine solche Fülle von Leitartikeln einem einzigen Thema - dazu einem außenpolitischen! — gewidmet. 3n einer Zeit, in der die entscheidende Erntekampagne im Dange ist, in der daS Schicksal der Finanzen deS Staates von Erfolg oder Mißerfolg der neuen Anleihe entschieden werden soll und allerwärtS die Auseinandersetzungen über die in der ßtalin- rede angekündigten Parieirichtlinien andauern, Will dies für die Sowjetpolitik sehr viel besagen.
SS unterliegt keinem Zweifel: die dürch die deutschen Ereignisse hervorgerusene Weltkrise hat auch die Sowjetpolitik in Ausruhr gebracht. Der Hing, mit dem sich die Sowjets gegen die .kapttalistische Umwelt" abgeschlossen pa- ben,'toirb immer lästiger Denn die andere Seite davon ist Isolierung, Deiseitestehen. Man ist Zeuge der Auseinandersetzung der führenden Weltmächte über alle die politische Degenwart berührenden Fragen — und steht draußen. Man sieht im Kreml zwar deutlich die Grenzen der eigenen Möglichkeiten, man erkennt vor allem daS Mißverhältnis zwischen Können und Wollen. aber man fürchtet eine nochmalige „lebte Einigung" der kapitalistischen Staaten und glaubt an die Gefahr, Objekt dieser Einigung zu sein. — Dabei bietet die krisenhafte Zuspitzung der europäischen Verhältnisse allerdings den Komintern so manche Hoffnung, daß nunmehr ihr Weizen mächtig in die Lehren schießen werde, — aber auch die- braucht vor allem einen gesunden Mutterstaat. Daß Rußland aber heute ohne ausländische Kredite schlechterdings nicht mehr lebensfähig ist, ist schon zu einer Din- senweiSheit geworden. Daher die Unruhe und die Unsicherheit, mit der die Entwicklung verfolgt wird. Und daS Destreben, sich aktiv in den Gang der Ereignisse einzuschalten.
AlS die Danatbank ihre Schalter schloß und die Entwicklung in Berlin sich überstürzte, veröffentlichte der bekannte, letzthin erst wieder von Stalin in Gnaden aufgenommene Karl Radek einen Aufsatz in der Iswestija, in dem er sich die größte Mühe gab. haarklein zu beweisen, warum und wieso Amerika und England nie und nimmer den Verzicht auf die von Frankreich gestellten exorbitanten politischen Forderungen verlangen würden. Radek argumentiert, daß innerhalb dieses Mächtedreiecks jeder Partner auf die beiden anderen eifersüchtig fei, aber jeder fich auch den anderen warm zu halten trachte, um ihn gegen den dritten zu verwenden. Somit habe Deutschland in der Tat keinerlei Aussichten, mit den Angelsachsen etwas gegen Frankreich auSzurichten: eS sei als besiegtes Volk isoliert und der einzige Verbündete sei und bleibe die Sowjetunion. Die politischen Bedingungen Frankreichs an Deutschland nannte die Iswestija ein verzehnfachtes Versailles und schriebe „Wenn England und Amerika mit diesen Bedingungen einverstanden sein sollten, so würde dem deutschen Volk damit eine
Kriegserklärung überreicht werden.- Wenige Tage später geißelte daS Blatt die Heuchelei der Verhandlungspartner. von denen jeder nur darauf bedacht fei, Deutschland seine eigenen, für ihn vorteilhaften, für die beiden anderen unvor- teilhasten Bedingungen aufzuzwingen, und einen Tag darauf gab eS folgende Formulierung für die Lage: .Die ganze kapitalistifche Welt denke nicht etwa daran, Deutschland auszukurieren, sondern einzig daran, wie sie sich selbst aus deutsche Rechnung gesund machen tonnte.“ Wie man in Moskau generell über die f»genannten RettungSpläne für Deutschland denkt, wird am besten in einer Karikatur dargestellt, die die Iswestija am 25.3uli brachte. Briand, Laval, Macdonal, Stimson und Brüning stehen vor einer Musterkollektion von Fanginstrumenten, wie Handlchcllcn. Schlingen, Käfigen, Ketten usw., um aus dieser Sammlung den r i ch t i ge n ,P lan" ausfindig zu machen.
Daß man sich aber hüten sollte, die LiebeSbe- xeugungen der Sowjets allzu wörtlich zu nehmen, das haben die Räte selbst ziemlich eindeutig unterstrichen. Hieß es auf der einen Seite, jetzt gehe eS für Deutschland ums Ganze, jetzt sei die Gelegenheit da, die Fesseln abzustreifen (d. h durch Errichtung der proletarischen Diktatur, durch ein Sowjetdeutfchland). so ließ man auf der anderen Seite durch nichts erkennen, daß die Politik gegenüber dem .bourgeoisen" Deutschland sich um ein Iota geändert hätte. Als nämlich die russische Handelsvertretung in Berlin durch die Verordnung der Regierung Brüning über den Verkehr mit Devisen in ihrer Bewegungsfreiheit etwas eingeschränkt wurde, soll sie geharnischte Vorstellungen in der Wilhelmstrahe erhoben haben, und gar die Aussichten einer Krediteinschränkung haben die hiesige Presse in Helle Wut gebracht. Man konnte eS wieder hören in diesen Tagen, daß Moskau „nur Geschäfte auf Gegenseitigkeit und unter voller Garantie der Handlungsfreiheit für seine Vertretungen" mache, daß „es aber auch noch andere Gelegenheiten habe, seine Bestellungen unterzubringen" usw.
Und diese Drohungen wurden noch um einige Grad gesteigert, als in Moskau ein Berliner Bericht der Wiener Freien Presse bekannt wurde, demzufolge die Amerikaner angeblich in Berlin darauf hingewiefen hätten, daß eine Kreditgewährung „natürlich auch eine gewisse Modifizierung der deutschen Ostpolitik' zur Folge haben mühte. „Man wird diesen amerikanischen Hinweis in Berlin gewiß auch verstehen können", so soll der Wiener Korrespondent gefolgert haben, und diese Schlußfolgerung veranlaßt die Iswestua zu einem ganzen Leitartikel, in dem fchwerste Geschütze gegen Deutschland aufgefahren, es aber auch geradezu beschworen wird, im eigensten Interesse nur ja keine Westorientierung vorzunehmen
So bleibt die offizielle Moskauer Deutschlandpolitik auch weiter mißtrauisch und undurchsichtig. Sie schwimmt im Fahrwasser der unzulänglichen ..besten Freundschaft", wie Moskau sie versteht, d. h. pendelt zwischen Dro- Hungen, Liebesbezeugungen und Beschwörungen hin und her Wobei man es geflissentlich vermeidet. über eine andere Entwicklung zu sprechen, die zwar mit der augenblicklichen deutschen Krise
Rcitermanooer an der Oder: Pferde und Mannschaften werden mit Schlauchbooten über den Fluh gesetzt.
Ein Maschinengewehr wird in Stellung gebracht.
und der Verschärfung der weltpolitischen Lag« nicht in ursächlichem Zusammenhang steht, auf die Gefamtsituation aber stärksten- zurückwirken kann. Die scharfe Verurteilung der französischen Kreditpolitik gegenüber Deutschland hindert nämlich Moskau nicht im geringsten, ein Spiel — vorsichtig ausgedrückt — mindestens zu dulden, das um Frankreich-Polen-Ruhland im Gange ist Der ehemalige französische Botschafter in Moskau, Herbette, hat lange Zeit fieberhaft versucht, als Gegenspieler des verstorbenen Drvckdorsf-Rantzau aufzutreten. Bei Tschitscherin, den bekanntlich sreundschaftliche Bande mit dem deutschen Grasen verbanden.
hatte er keinen Srsolg, obwohl er sich zeitweise so exponierte, daß er sich in der Sowjetöffentlichkeit außerordentlich radikal gab. Run haben aber sowohl das russische Kreditbedürfnis wie allem Anschein nach politische Interessen der Pariser Regierung die Grundlage für russisch-französische Verhandlungen abgegeben und man weiß, daß die Pariser Besprechungen zunächst zu einer gegenseitigen Aufhebung der Handelsbeschränkungen geführt haben. Will man Gerüchten, die übrigens keineswegs abwegia erscheinen, Glauben schenken, wird dieser vorläufige ..Akkord" nur der Anfang einer offenbar auf französische Initiative eingeleiteten
DaS bißchen Erde.
Vornan von Richard Skowronnel.
Copyright by I. Engelhorns Nachf., Stuttgart.
(Nachdruck verboten.)
I.
Der alte Lentz und Miken Dannappel. die Köchin, die schon den Eltern des Grasen Malte in Treue gedient hatten, standen auf der Freitreppe des Vellahner Schlosses und erwarteten die Heimkehr ihres jungen Herrn. Zwei lange Jahre hatte er sich da unten in Asrika umber- getrieben. und die beiden alten Leutchen waren oft in banger Sorge gewesen, ob er aus all den Fährnissen mit wilden Völkerschaften und reihenden Tieren heil zurückkommen würde. Der älteste Sohn deS Schloßgärtners Parbs nämlich, der als Steward aus einem Woermanndampfer gefahren war und in allen afrikanischen Fragen wohl alS Sachverständiger gelten durfte, erzählte die gruseligsten Geschichten. Da holten sich die Löwen fast allnächtlich ihren Reger aus dem Karawanenlager. wie hier die Füchse einen feisten Gockel aus dem Hühnerstall. und wenn auch der alte Lenh den Gärtnerssohn einen lügenhaften Auf- fchneider nannte, Miken Dannappel schüttelte dazu nur mißbilligend und sorgenvoll den weißhaarigen Kopf. Löwen gab es in Afrika, das wußte sie noch von der Schule her. und wie leicht konnte so ein unvernünftiges Vieh fich in stichdunkler Rächt vergreifen? ffimen mecklenburgischen Edelmann jum Fraß fortschleppen statt eines heidnischen RegerS. an dem schließlich nicht allzuviel gelegen War... Sie schlief erst wieder ruhig, als eine Dcpefchc dem Verwalter gemeldet hatte, der junge Herr wäre wohlbehalten in Europa gelandet. in einer italienischen Stadt, deren "21 amen fie sich nicht zu merken vermochte und in der er sich nach dem Rate des Arztes einige Wochen aufhalten sollte, um nicht gar zu unvermittelt aus dem heißen Klima Afrikas in den kühlen mecklenburgischen Frühling zu kommen. Je mehr aber diese Wochen sich ihrem Ende näherten, desto beklommener wurde es ihr um das alte Harz In dem stillen Winkel, in dem das Geben sonst so ruhig seinen Dang ging, hatte sich vieles geändert, und gar manches war geschehen in ben zwei Jahren, was dem jungen Grafen Malte die Heimat wohl ebenso verleiden mochte wie damals, als er zum ersten Male in die Fremde -og Damals hatte er fortgehen müssen nicht ohne eigene Schuld, heute aber zog sich über Wm ein Schicksal zusammen, für das er nichts tonnte und das er Wehrlos erwarten muhte. Güter Haß hatte es ihm gewoben und eine Feindschaft, die in längst vergangene Jahre zurückreichte. ..
..Wat hei woll bar tau loggen ward?" sagte Miken und hob die glanzlosen Augen von dem
ewigen Strickzeug zwischen den zitterigen Händen. Der alte Lentz aber seufzte bekümmert auf. Seine Gedanken gingen tagaus, tagein ja auch nur um biefe einzige Frage ...
..Che. wat ward hei woll dartau feggen?“ Und ingrimmig fügte er hinzu: „Ah pfui Deuwel ward hei Jeggen, und das is mich ja ’ne schöne Ueberraschung! Was soll denn aus mir werben. Wenn das Kleine, was in Hohenrömnitz erwartet wird, sich nun als einen männlichen Knaben ergibt? Und hatte bet griese Esel es überhaupt nötig, sich auf seine alten Tage noch ’ne junge Frau zu nehmen?"
„Um Gottes willen. Lenh" — Miken legte erschrocken die Hand auf die Brust —, „in so einer respektlosen Art und Weise sprechen Sie von Seiner Exzellenz, dem Herrn Erblandmarschall?"
Der Alte entschuldigte sich ein wenig jefuiterisch.
„Ich hab' natürlich nur gemeint, so würd' vielleicht unser Graf Malte sich über feinen Herrn Onkel ausdrücken, wenn man ihm nämlich die unangenehme Reuigkeit mitt eilt. Ich aber möchte mit aller schuldigen Subordinatschon befürworten, daß er sich von Rechts wegen so ausdrücken dürft ! All die Jahre ist er zu dem Hohenrömnitzer Majorat der nächste Erbe gewesen und hat sich sozusagen auf diesen Beruf eingerichtet Soll er vielleicht mit eins umfaiteln und Geld verdienen lernen, bloß weil in Hohen- römniy der Storch unterwegens is? Und das Reine Bündel fängt an zu quäken, du Großer, steh mal auf. jetzt seh' i ch mich auf deinen Platz?"
Miken spie rasch bintereinanber dreimal aus.
„Möchten Eie's vielleicht noch beschreien. Sie alter Dröhnbartel. Eie? Mich heben sowieso schon die Aengste. aber ich tröst' mich, unser himmlischer Vater wird das Unrecht nich zulassen in seiner Gnade."
..Fräulein Dannappel". sagte der alte Lenh gekränkt. „deswegen is man noch fein Dröhnbartel nich. wenn man von Was spricht und man zersorgt sich Tag und Rächt darüber- Und neben dem lieben Gott regiert leider auch der Deuwel die Menschheit. namentlich. Was die weibliche Hälfte angehen tut. Lichts als Hinterlistigkeiten haben biefe Rackers im Kopf, und wie sie die Männer am besten Wvhl betrügen können! Davon wär noch manches zu sagen, aber ich nehm' Rücksicht, daß Eie doch noch immer eine ledige Frauensperson sind, und verkneif' mich das also."
„Das möchf ich mich auch ausgebeten haben", erwiderte Miken. und in ihr verschrumpeltes Altweibergefichtlein. kaum Wie zwei Fäuste so groß, trat eine flüchtige Röte. „Die Moden Wollen wir doch nich anfangen. Herr Lenh, daß Sie in Beifein von 'nem unschuldigen Mädchen über unpassende Sachen sprechen!" Eie rückte energisch die weißgestärkte Haube zurecht und klapperte in emsigem Stricken mit den stählernen Radeln. Rach einer kurzen Weile aber hob sie Wieder den Kopf und fuhr mit der Zungenspitze neugierig über die schmalen Lippen.
„Oder haben Sie vielleicht von dem Kammerdiener Paalzow aus Hohenrömnih Was Reues gehört über die junge Gräfin? Sie brauchen sich ja nich auf einer ordinären Art und Weise aus- zudrücken, sondern können mich das auf einer mehr verblümten Manier mitteilen. Ich werd' 6ie schon verstehen.“
Lenh zuckte mit den Achseln.
„An Ihrem Verständnis. Fräulein Dannappel, zWeifel' ich nich, Sie sind ja kein Kind mehr, sondern mit Gottes Hilfe mehr als siebzig Jahre auf der Welt. Aber den Krifchan Paalzow hab' ich leit drei Wochen nicht gesehen, und Was er mir damals erzählt hat. wissen Eie ja. Ein richtiger Herr Geheimer Medizinalrat ist bestellt für den Tag. aus Berlin, weil die hiesigen Doktoren dem Herrn Erblandmarschall nich klug genug sind."
„Ra ja“, sagte Miken, „auf die Unkosten kömmt es ja wohl nich an. wenn es sich um einer so wichtigen Sache handelt. Aber kleine Kinder find anfällig, auch wenn ein Herr Geheimer Medizinalrat neben ihnen steht, aus Berlin. Wieviel kleine Kinder hab' ich nich schon sterben gesehen! An Masern oder Keuchhusten, an Bräune oder Zahnkrämpfen..
..Oder Scharlach", fügte Lenh mit einem fast freu bi gen Rachdruck hinzu. „Dem Schlachter Röper in Woltzahn sind vergangenes Jahr drei Kinder an Scharlach gestorben, in einer Woche. Aber ich will natürlich nich gesagt haben, daß ich dem Kleinen, was sie drüben in Hohenrömnih erwarten, so Was anWünschen täte. Wenn s ein Mädchen gibt, kann es meinetwegen hundert Jahre alt werden!"
..Von me netwegen erst recht", erwiderte Miken, „denn ein Mädchen kann unterem Herrn Grafen ja wohl nich das Majorat nehmen. Und überhaupt. wenn man !o was spricht, muß man sich nich gleich was Böses 'bei denken ... es is vielmehr so im allgemeinen. Wenn es einen Jungen gibt, w.rd der liebe Gott schon wissen, Wie er alles am besten lenkt ..
„Che", sagte Lenh, „das w rb er Wohl wissen in feinem unerforschtichen Ratschluß ..."
Danach schwiegen die beiben Altchen, standen fröstelnd in der Abendkühle und hingen ihren langsamen Gedanken nach, die unabläHig um die einzige Sorge kreisten. Um die Sorge, ob dem einen, den fie betreut hatten vom ersten Tag. der Urnen teuer war, als stammte er aus ihrem eigenen Fleisch und Blut, an seinen Rechten fein Abtrag geschehe. Und halb unbewußt ballte sich in ihnen ein kalter Haß gegen den andern, der noch nicht geboren War, dessen erster Atemzug aber alles einstürzen lieh, was sie an Hoffnungen und Wünschen für den Rest ihrer Tage aufgebaut hatten ...
Am andern Ende der Dammallee, die von der Schloßinsel zum festen Lande führte, ließ sich das Rollen von Wagenrädern vernehmen.
„Ieht kömmt er". Jagte Miken mit einem tiefen Atemzug, und Lentz wiederholte: «Che, jetzt kömmt
er!" Zwei Augenpaare blickten angestrengt in den dichten Abendnebel hinaus, brr in breiten Schwaben vom See her über die noch kahlen Erlen der Dammallee gezogen kam. und zwei treue Herren begannen in freudiger Erregung rascher zu schlagen. Auf diesen Augenblick hatten sie zwei lange Jahre gewartet ...
Das Rollen des Wagens kam näher, schon konnte man das Schnauben der vier Rappen vernehmen. die der alte Leibkutscher Fuhbel noch Wie ein 3üngling vom Sattel aus fuhr. Mit einem kurzen Bogen lenkte er um den Vorgarten in die schmale Auffahrtrampe, und auf einen leisen Zungenschnalzer standen die Gäule mit einem einzigen Ruck, so daß der WagenJchlag genau vor der Mitte der Freitteppe hielt. Aus dem leichten Gefährt schwang sich ein hoch gewachsener junger Mann und nahm die drei Treppenstufen mit einem einzigen Satz. Miken griff mit zitternder Hand nach seiner Rechten, um fie an die Lippen zu ziehen, er aber umfaßte das aite Weiblein und schwenkte es in überströmender Wiedersehensfreude hoch in die Luft.
„Re. Jungfer Miken, daS Wollen zwei LiebeS- leutchen wie wir doch nicht einführen", rief er übermütig und küßte fie mitten auf den Mund.
-Ach Gott nein. Herr Graf, nich so stürmisch", kreischte sie beglückt und verlegen zugleich, der alte Lentz aber stand dabei, fuhr sich mit dem Handrücken verstohlen über die Augen.
-3ch freu' mich doch bannig, daß der Herr Graf wieder zu Haufe find. Und daß der Herr Graf wieder ganz gesund sind. Wie früher, eh' daß Sie nach Afrika gingen!“
„3a gottlob, Alter, wieder ganz gesund", sagte Malte mit einem Aufatmen. „Da draußen fällt vieles von einem ab, was man hier als große Wichtigkeit ansieht!" Er schüttelte dem Getreuen die Hand und sah ihm fest in die Augen. Beide Wußten sie, Wie es gemeint war, denn der alte Weißbart hatte ja vor -Wei Jahren die verhängnisvolle Liebesgeschichte mitgemacht vom vergnügJamen Anfang bis -um traurigen Ende. Hatte schon rrü&et immer die heimiick^n Brief- Iain getragen nach Alten-Krakow und zurück, und Wer Weiß, Was damals geschehen wäre, Wenn er nicht in jener mondhellen Mainacht Plötzlich dagestanden hätte unter den drei Lichen auf dem Krakower Galgenberg? ... Wie aus dem Boden gewachsen stand er mit einem Male da. denn er hatte sich ohne Zaudern aufgemacht, als er im Schreibzimmer des Grasen Malte den versiegelten Brief gesehen hatte mit der Aus- Jchr ft: -Morgen früh Seiner Exzellenz dem Herrn Erblandmarschall Grafen Römnitz auf Hohenrömnch durch reitenden Boden zu bestellen.“ Hatte einen Gaul auS dem Stalle geritten und das Tier halb zuschanden gejagt, bis er mit feinen scharfen Augen erkennen konnte, daß bie beiden auf der Bergkuppe noch aufrecht standen.
(Fortsetzung folgt)


