Wenn Menschen auseinandergehn
Vornan von 3. Schaeider-Aoerstl.
Vrheberrechtsschutz Verlag O. Meister, Werdau.
30. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
ÄlS dieser ein paar Trostworte gesagt und gute Ratschlage gegeben hatte, riegelte Calderon die Türe hinter sich ab und fiel über das Bett. Ganz gleich, wenn man morgen früh statt eines Mannes ein totes Weib finden würde. Es war alle- aus! Alles I
Aber Calderon starb nicht. Am andern Tag sah ihm -war ein gelbgrüneS Gesicht aus dem Spiegel entgegen, und er muhte sich wie ein Vichtbrüchiger vom Bett nach dem Waschtisch und von dort nach dem Kleiderschranke schleppen, aber der Mut zum Leben war wieder da, sogar ein ganz, ganz klein wenig Appetit und ein Durst nach frischer Luft und klarem Wasser.
Er fand sogar ein schüchternes Lächeln, als er an den Flieger Tordy dachte. Schulter an Schulter halten sie einander gestreift. Der Pilot hatte ihm keinen Blick geschenkt. Der Friseurkünstler von London-City hatte also sein Bestes getan. „Richt einmal die eigene Mutter wird Sie erkennen", hatte er wiederholt versichert.
Der kleine Spihbart, den er nun trug, war täuschend echt. Selbst Dr. Ley würde nichts daran au tadeln finden. Wenn Onkel Calderon ihn so sehen könnte!
Als er die Treppe zum Promenadendeck hinaufschritt, prallte er mit einem Herrn zusammen, bei dessen Anblick Calderon einen Schwindel- ansall bekam, so dah der Fremde ihm rasch feinen Arm als Stühe leihen muhte.
„Diese schreckliche Krankheit", tröstete eine Stimme, die Professor Török gehörte. „Gehen Sie an Deck, junger Mann, frische Luft ist das beste dafür."
Seite an Seite ging er mit ihm die Stufen hinaus. Calderon muhte sie Schritt für Schritt nehmen. Seine Lungen lobten wie die eines Schwindsüchtigen.
Török war ganz Teilnahme. Er deckte ihn fürsorglich mit feinem eignen Plaid zu, als sich der Kranke erschöpft in einen Stuhl fallen lieh. Man kam ins Gespräch und stellte sich gegenseitig vor. Der junge Calderon berichtete, dah er nach Göteborg fahre, um dort mit dem Forscher Bela Szengeryi zusammenzutreffen, da er sich dessen Expedition anschliehen wolle.
„Das trifft sich gut“, freute sich Török. Szengeryi ist mein Schwiegersohn. Ich werde Sie ihm gleich persönlich überbringen.“
Die halbe Rächt lag Calderon schlaflos und wälzte sich von einer Seite nach der anderen. In der Kabine nebenan wohnte fein Tater. Er strich mit fachten Händen die Wand herab, hinter der jener schlief. Wie grau er geworden war! Und wie still! Das Leid, das er erfahren hatte, sprach aus den Augen und schwang im Tonfall seiner Stimme mit.
Die Rordsee spie giftgrünen Schaum gegen den Dampfer, dah die Wogen klatschend gegen die Blanken fuhren und über Deck rollten. Die Maschinen im Kesselraum liehen ein drmpfes Summen hören.
Bon nebenan kam ein Stöhnen.
Calderon richtete sich in den Kissen auf und lauschte. Es blieb alles ruhig. Rur die Turbinen stampften und die Wasserberge schlugen über das Schiff. Es rollte und gluckste, als bringe das gefahrbringende Element durch alle Ritzen und Fugen.
Run wieder ein Stöhnen. Der Vater war krank! Sehr krank vielleicht!
Calderon fuhr in fein seidenes Pyjama, knüpfte hastenden Fingers die Verschnürung über der Brust und lief in Pantoffeln auf den schmalen Korridor, in dem matt verhangene Lichter brannten.
Er klopfte und lauschte und als kein« Antwort kam, trat er ohne weiteres über die Schwelle der unverriegelten Tür.
Professor Török sah an dem kleinen Schreibtisch und hatte Briefschaften vor sich ausgebreitet. Er warf einen erstaunten Blick nach dem Eindringling, dann schob er die Papiere zur Seite und ging ihm einige Schritte entgegen. „Womit kann ich Ihnen dienen, Mister Calderon?“
„Ich habe Sie stöhnen gehört und dachte. Sie brauchen Hilfe." Das abbittende Lächeln, das dabei im Gesichte des jungen Mannes stand, gewann ihm Töröks Sympathie.
„Cs ist lieb von Ihnen, Mister Calderon. dah Sie sich deswegen herüber bemühten. Bitte!" Er zeigte nach dem kleinen Sofa und lieh sich wieder in feinen Echreibtifchstuhl nieder. „In der Tat — ich habe gestöhnt. Ich konnte nicht wissen, dah ich Sie dadurch aus Ihrer Ruhe stören würde."
„Sie haben mich nicht gestört. Es hat mich nur geängstigt."
„Das tut mir leid.“
„Ich möchte Ihnen so gerne helfen, wenn es ginge.“ Es war so knabenhaft schüchtern gesprochen. dah Töröks noch übriggcblicbene Reserve verschwand.
„Ich leide nicht körperlich, Mister Calderon. Rur meine Seele ist krank. Ich sagte Ihnen bereits heute morgen, dah ich auf dem Wege nach Göteborg bin, um dort meinen Schwiegersohn zu treffen, dem mein einziges Kind Frau gewesen ist. Gewesen ist, lieber Calderon. Denn meine Tochter fand den Tod in den Fluten des Meeres. Sie ist freiwillig gegangen.“
„Freiwillig", zitterte die junge Stimme nach.
Erst nach einer langen Weile sprach Török weiter: „Eie hat sich von ihm vernachlässigt geglaubt. Zu wenig geliebt! Sie war erst zwanzig Jahre. Cs läht sich nichts mehr daran ändern. Aber mein Schwiegersohn ist darüber zerbrochen. Ich habe das Gefühl, dah ich ihn jetzt in Göteborg das letztemal sehe" werde. Darum bin ich von London, wo ich Vorträge gehalten habe, auf das Schiff gegangen, um noch einmal mit ihm zusammen zu sein."
Ein unbeherrschtes Aufschluchzen vom Diwan her lieh Török erschrocken innehalten. „Ich konnte nicht wissen, dah meine Mitteilung Sie so schwer erschüttern würde. Mister Calderon. Die Seekrankheit schwächt di« Rerven ungemein und macht sie über Gebühr erregt. Sie werden das noch lange verspüren. Vergessen Sie, was ich Ihnen sagte. Jedenfalls bitte ich Sie, mit meinem Schwiegersohn nicht darüber zu reden."
Calderon schüttelte den Kopf, fuhr sich, ohne die Drille abzunehmen, mit dem Taschentuch
über die Augen, stammelte ein „Gute Rächt!" und drückte dann die Kabinentüre geräuschlos hinter sich ins Schloh.
Török hörte ein leises Weinen durch die Wand herüber. Am nächsten Morgen fand er den jungen Irländer auf Deck, wie er nach einem dunklen Punkt starrte, der sich am Horizont abhob.
Man näherte sich der Küste.
Göteborg lag in praller, gleihender Epät- nachmittagssonne. Hunderte von Felsen lagerten vor der fjoröartigen Mündung der Götalf und hielten die donnernden Brandungswogen aus, die der Rordost ununterbrochen heranpeitschte.
Eine halbe Stunde noch, dann landete der Dampfer in dem großen Hafen mit feinen Docks. Werften Speichern und ungezählten Lager- schuppen.
Calderon, der bis zu diesem Zeitpunkt Töröks Gesellschaft auffallend gesucht hatte, war nun bestrebt, sich von ihm loszumachen. Aber wo und wie er auch unterzutauchen suchte, immer wieder wußte ihn der Professor aufzufinden.
„Ich möchte nicht gerne bei der Begrüßung mit Ihrem Schwiegersöhne stören", sagte der junge Mann bescheiden und war in der nächsten Minute tatsächlich in dem Gewühl der Passagiere verschwunden. Diesmal suchte Török vergeblich. Er fand es taktvoll von dem jungen Irländer. Am Abend würde man sich dann schon treffen.
Von dem Menschenwall gedeckt, der sich bis dicht an die Steinguadem der Mole drängte, spähte Calderon, der als einer der ersten da- Schiff verlassen halte, nach Török aus. Der Professor stand noch an Deck und überflog suchend die Gesichter der Wartenden. Dann ein Rame, der Calderon zusammenschrecken ließ.
„Bela!"
„Vater!"
Dicht hinter ihm hatte es eine Stimme gerufen. Und nun drängte sich ein schlanker, dunkelgekleideter Herr mit abgenommenem Hut durch die Menschenmassen. An beiden Schläfen leuchtete ein Streifen stark ergrauten Haares.
„Das ist er ja gar nicht. Das ist ein anderer! Muh ein anderer sein!" — Calderon biß die Zähne in das Taschentuch und schluckte in Verzweiflung Heber die Schuller einer Dame hinweg sah er, wie Török Szengeryi in die Arme schloß und er hörte was dieser sprach:
„Ich mußte dich sehen, mein Junge! Mein Telegramm hast du doch erhallen?"
„Ja, vor etwa einer halben Stunde. Ich bin aber trotzdem noch zurecht gekommen, wie du siehst. Ich danke dir, daß du die Mühe nicht gescheut hast. Wir sind alle vollzählig bis auf einen jungen Irländer "
Blitzschnell duckte sich Calderon hinter dem massigen Rücken eines Mannes, denn Török hielt mit suchenden Augen nach ihm Umschau.
„Er ist mit an Bord gewesen. Ein gewisser Mister Calderon, nicht wahr?"
„Ja. Es ist mir angenehm, dah er so pünktlich ist. Ich hätte nicht auf ihn warten können. Die Abreise ist unwiderruflich für übermorgen festgesetzt."
Dem Kraftwagen, der Török und Szengeryi zum Hotel trug, folgte ein zweiter. Der Boy rih hastig die Schläge der beiden Wagen auf. Cal
deron wartete etwa- mit dem Aussteigen und trat dann nach d:n beiden Herren durch den Windfänger. Er atmete auf, als er diese eben in den Lift steigen sah.
Rach Erledigung der Formalitäten mit dem Portier stieg er langsam di« Trepp« mit dem schweren Plükchläufer hinauf. Roch eine Stunde, dann war die Frist zu Ende. Dann---
Ein Gewirr von Stimmen surrte ihm entgegen, al- er gegen* acht Uhr abends in den groben Epeisesaal trat. An der mächtig langen Tafel sah eine Reihe Menschen, die mit einem wahren Heihhunger Lachs und Renntierschinken aßen, Hummermayonnaise. Krebse und Eier verzehrten. Sardellen und Sardinen. Wurst, Schinken, Butter. Käse, als wäre eine jahrelange Hungersnot im Lande gewesen und heute der erste Tag. an dem es sich wieder falt werden lieh. Dazwischen wurde SchnapS getrunken. Aguavit, Genever, Äom. Kümmel, schwedischer Punsch, feltener «in Kaffee oder Mineralwasser.
Calderon wartete geduldig, bis sich ein Platz für ihn fand. 8r fühlte eine Hand auf seiner Schuller und wandte das Gesicht.
Török stand mit einem Lächeln hinter ihm. „Haben Sie meinen Schwiegersohn schon gesprochen? Rein? Roch feine Gelegenheit gehabt? — Kommen Sie! Wir sitzen an der Ecke dort. Ich habe ihm schon von Ihnen erzählt."
Das Licht im Epeisesaal war diskret gedämpft. Trotzdem erschien e- Calderon, als schössen Bündel tausendkerziger Brände über ihn hin. die jede Muskel seines Gesichtes ,ede Partie seines Körper- erbarmungslos freigaben und ihm die Maske vom Antlitz rissen, dah er hilflos, wie in Racktheit vor Szengeryi stand.
Aber alle Furcht war unbegründet. Der Forscher sah an einem der kleinen, runden Tische, ein halb geleerte- GlaS CiSwasser vor sich.
AlS Török mit dem jungen Manne auf ihn zutrat, unterbrach er da- Gespräch, daS er mit zwei anderen, bei ihm sitzenden Herren geführt hatte. Rach Töröks Vorstellung reichte er mit einem prüfenden Blick die Hand über den Tisch, fühlte, toi« die Richard Calderon- leise zitterte und hielt sie für einen Moment fest.
„Ich hoffe, daß toir unS gut verstehen werden, Mister Calderon. Wie geht eS meinem Freund« Tordy? Hat er noch sehr unter den Folgen de- SturzeS zu leibenT*
Der junge Mann verharrt« für eine Weile vollkommen lautlos. ..Bela", wollte er sagen, „Dela!" Er verspürt? einen Krampf in der Herzgrube und «in Drücken und Würgen in der Kehle. Dunkle Flammen Blutes standen ihm im Gesicht und blaßten dann langsam ab. „Tordy geht es ziemlich gut."
Run die ersten Worte gefallen waren, hatte er da- Schlimmste hinter sich. Szengeryi trug keinen Gedanken, dah jemand anderes unter der Maske Richard Calderon- neben ihm sah. Vr bestellte Whisky, um sich etwas zu betäuben. und nahm an der Unterhaltung teil. Alle-, was Szengeryi seinerzeit über seine Forschungsreise gesprochen hatte, stand wieder im Gedächtnis auf. Eo waren weder Calderon- Fragen, noch die Antworten, di« er geben muhte, irgendwie ungeschickt.
(Fortsetzung folgt.)
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