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Der Mann der das Lachen verlernt Hal.

Vornan von Gert Nothberg

Copyright by Marrin Feuchtwanger, Halle (Saale)

23 Fortfetzung Nachdruck verboten

2lm Nachmittag kamen dann die Koffer.

Bloh der Butler war da", berichtete er.Der wollte erst Schwierigkeiten machen, aber Ihre Zellen genügten dann, ihn anderen Sinnes wer­den zu lassen. Er sagte nur noch, er mühte un­bedingt die Adresse der Miß wissen, da der junge Herr sie von ihm verlangen würde. Da hab' ich eine falsche Adresse angegeben, und er hat mir dann höchst eigenhändig die Koffer mit zum Wagen getragen."

Annemarie lächelte und strich ihm über den Kopf.

Kleiner Bruder, wie schön das ist, dah Sie das für mich erledigen konnten!"

In den nächsten Tagen studierten sie eifrig die Zeitungen. Aber es fand sich leider nichts Passendes. Da aber der Aufenthalt in Mrs. Doyles Boardingshaus in der Lat billig war, so langte zunächst sogar noch Annemaries Geld, um die Kosten zu bestreiten. Aber sic wurde doch unruhig, als sich immer noch nichts fand. Einmal stand eine Annonce in der Zeitung, die passend war. Aber die Dame, bei der sie sich vorstellte, musterte sie sehr ungeniert durch das Lorgnon und sprach dann kalt:

Dedaurc, Sie sind mir zu schön. Der Frieden meines Hauses ist mir doch lieber, obwohl Sie mir sehr gefallen. Aber ich fürchte, dah mein Mann denselben Geschmack haben könnte wie ich."

Annemarie war sehr niedergeschlagen, als sie von dem vergeblichen Wege zurückkam. Sie hatte so fest gehofft, diese Stelle zu erhalten, da sie allen Anforderungen dieser Stellung entsprach.

Mutlos saß sie dann in Mrs. Doyles Stübchen. Ganz verzagt berichtete sie der Frau und dem kleinen Fitzmaurice, weshalb die Dame verzichtet hatte, sie zu engagieren.

Das ist sehr gut", sagte Mrs. Dohle erbost, die alte Wachtel war also bloh eifersüchtig. Aa, sie mag ja auch einen schönen Galan zum Manne haben. Schön sind Sic ja, kleines Mädel, sehr schön, und ich kann mir schon jetzt ganz gut vor­stellen, daß Ihre Schönheit Ihnen allerlei zu schaffen machen wird."

Ja, was soll dann auS mir werden? Wenn ich doch nur wieder nach Oesterreich zurück könnte!"

Mit gefalteten Händen saß das Mädchen da. Draußen rief der neue Mieter ungeduldig nach Mrs. Dohle.

älngehalten erhob die sich und meinte:

Der fliegt wieder. Der scheint zu denken, für seine paar Cent werde ich noch rennen, wenn er schreit."

Man hörte sie dann draußen sehr energisch reden mit dem Mister, der allem Anschein nach klein beigab.

Der kleine Ire hustete, suchte es aber immer ängstlich zu verbergen.

Groß und ängstlich ruhten des Mädchens Augen auf ihm.

Tommy, Sie sind viel kränker, als Sie ein- gestehcn wollen", sagte sie dann.

Er lächelte.

Nicht mehr wie früher. Ich fühle mich im Gegenteil in letzter Zeit sehr wohl."

Aber Sie müßten in Luft und Sonne, Tomnrh."

Wird alles noch, wenn Sie einen Dollarkönig bei raten werden", scherzte er; aber ihm klopfte das Herz dabei.

Ich? Aber Tommy, was für Pläne! DaS wird nie, nie geschehen." Lind sie dachte an den reichen, jungen Erben im Hause Behrends, wie der seinen Reichtum hatte ausnühen wollen.

In den Augen Tommys aber leuchtete es glück­lich auf, doch er sagte nichts.

Durch Annemaries Hirn blitzte ein Gedanke. Ganz deutlich sah sie in diesem Augenblick eine hohe, dunkle Gestalt, hörte sie die tiefe, befehls­gewohnte Stimme, die sie nicht wieder lvslieh.

Kent hatte der andere ihn genannt. Ob der kleine Ire den Namen kannte?

Aus ihren Gedanken heraus fragte sie:

..Wer ist Kent?"

Der Junge sah sie forschend an, sagte dann aber sofort:

Char.es Kent ist der Eisenbahnkönig."

Ich danke Ihnen, Tommy", sagte das Mäd­chen leise, und durch ihr Inneres klang es:

Charles Kent, der Eiscnbahnkönig! Ja, der Titel paßt zu ihm wie zu keinem Menschen sonst. Charles Kent!"

In den nächsten Tagen war cs naß und kalt draußen. Tom:ny Fitzmaurice besuchte einen Freund, der das Bein gebrochen hatte. Er kam von diesem Besuch recht matt und blaß nach Hause und ftagte über heftige Schmerzen im Rücken.

Geht der dumme Junge bei dem Wetter fort! Ich möcht' ihm noch was hinter die Ohren geben", sagte Mrs. Doyle ärgerlich und besorgt und kochte Tee mit Zitrone. Als sie aus seinem Käm­merchen zurückkam, sagte sie:

Ich habe es mir doch gleich gedacht. Er hat jetzt hohes Fieber. Run muffen wir den Arzt holen."

Annemarie ging ohne jedes Wort zu dem Kranken, setzte sich ans Bett, nahm seine heißen Hände in die ihren.

Aus dem blaffen Gesicht glühten ihr seine Augen entgegen.

In der kleinen Tasche sind noch Dollar. Mit mir wird's wohl bald aus sein. Nehmen Sie die Dollar, Annemarie, ich brauche sie nicht mehr."

Wir werden den Arzt holen."

Der kann mir nicht helfen. Ich weiß, wie es um mich steht."

Warum gingen Sie hinaus bei diesem Wetter, Tommy?"

Ihre weiche Stimme Hang ganz dumpf.

Sollte sie den kleinen Freund verlieren, der immer so hilfsbereit gewesen war?

Sie beugte sich ganz nahe zu ihm.

Tommy, ich will zu Mister Kent gehen. Er wird mir eine gut bezahlte Stellung geben; bann kommen sie in ein sonniges Klima und werden wieder gesund."

Nein, ich werde nicht gesund. Bei uns daheim sind sie alle an dieser Krankheit zugrunde ge­gangen. Llnd sofern sie noch lebten, als ich fort­ging, da waren sie mit diesem Fluch längst schon behaftet. Kent? Annemarie, sparen Sie sich diesen Weg. Charles Kent ist der größte Frauenhasser, den cs gibt. Der beschäftigt keine Ladys völlig ausgeschlossen!"

Eine Hoffnung brach in dem Mädchen zusam­men eine Hoffnung, die sich in Gedanken an den hohen, stolzen Mann gebildet hatte. Schwei­gend 7aß sie da. Blieb bei dem armen Jungen, als er sich im heftigsten Fieber auf feinem Lager wälzte, machte ihm Umschläge, zog ihm das Bett zurecht, streichelte die heißen, unruhigen Hände, wischte die Blutstropfen von dem rö­chelnden Munde.

Lungenentzündung! Hoffnungslos! Der Kör­per ist nicht mehr widerstandsfähig genug. Es geht zu Ende", sagte Mister Miller, der Arzt.

Am dritten Tage starb Tommy.

Lind die alte Mrs. Doyle und Annemarie waren die einzigen, die mit ihm zu Grabe gingen.

Annemarie blieb noch bei der freundlichen Frau; aber sie lief den ganzen Tag umher, eine Stellung zu finden.

Eines Tages kam ihr ein Gedanke.

Tommys bessere Schiffsjungenkleidung befand sich noch im Spind. Er hatte sie fast nie ge­tragen, wie er ihr einmal erzählt hatte. Wenn sie nun plötzlich ein Schiffsjunge wurde? Wenn sie auf diese Weise versuchte, wieder in die Heimat zu kommen? In die geliebte Heimat?

Der Gedanke wuchs, nahm Formen an, wurde Wirtlichkeit. Die blonden Locken wurden ganz kurz geschnitten; trotzdem legten sie sich noch schmeichelnd um den schmalen Kopf. Die Schiffs­jungentracht machte aus Annemarie von Wends- brück ein schlankes Bürschchen, das nun täglich

im Hasen herumstand und die Offiziere der Schiffe ansprach, ob man ihn nicht gebrauchen könnte.

Lind Annemarie muhte das spöttisch-mitleidige Lächeln mehr als einmal auf den wetterharten, geiraunten Gesichtern sehen. Dann ein Achsel­zucken, dem regelmäßig die Worte zu folgen pflegten:

Biel zu schwach! Wir stellen nur kräftige Schiffsjungen ein. Dir würden die Kerle bald die Knochen brechen, wenn sie dich arbeiten sehen möchten."

Einer gab ihr einmal eine englische Pfund- note.

Siehst aus, als kämst du vom Maskenball und seiest ein Mädel", sagte er dabei und lachte herzlich und arglos.

Lind er wußte nicht, wie er mit diesem La­chen die letzte Hofftrung des Mädchens zer­brach.

Müde und hungrig schlich Annemarie dann wieder in ihr Stübchen zurück, und Mrs. Doyle zwang ihr dann einen Teller Suppe förmlich auf.

Verhungern ist keine schöne Sache, glauben Sie mir. Nächste Woche besuche ich meine alte Freundin, die ist Köchin bei Fould. Dort wird sich etwas für Sie finden. Ein Schaf bin ich, daß ich nicht längst an die Sache gedacht habe. Nun toeinen Sie nur nicht gleich wieder. Es wird schon noch alles gut Werdern"

Trotz dieser Hoffnung ging Annemarie immer wieder zum Hafen. Es zwang sie förmlich hin, als müsse nur von dort ihr Glück kommen.

Lind einmal blieb sie bis in die Nacht hinein. Wieder schlich verdächtiges Gesindel an ihr vor­über, aber sie selbst ließ man in Ruhe, well sie eben jetzt ein kleiner, schmächtiger Schiffsjunge war. Nur zeitweilig erhielt sie einmal einen derben Puff. Dann sagte wohl eine rohe Stimme:

Aus dem Wege, du!"

Aber weiter tat man ihr nichts.

An dem Tage war es bereits gegen Mitter­nacht. Annemarie saß auf einem der großen Fässer und hatte den Kopf an die armstarke, eiserne Kette gelegt. Unverwandt sah sie auf den eleganten Luxusriesen hinüber, von dem Musik herüberllang. Dort wurde irgendein Fest gefeiert, und einige der Neuyorker Millionär« mochten an Bord sein.

Annemarie beachtete es nicht, dah sie fror, dah ein feiner Regen einsetzte, der aber so scharf war, daß er in die Haut schnitt. Hnenttoegt sah das Mädchen hinüber. Wenn es doch einen einzigen Menschen an Bord dieses Schiffes ge­ben würde, der mitleidig genug war, ihr ein ganz kleines Winkelchen auf dem Riesen ein­zuräumen, damit sie wieder in die Heimat konnte.

Irgendwo heulte es unheimlich. War es in den Lüften?

(Fortsetzung folgt.)

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