gedanke das Vertrauen vernichtet habe. Die Reichsregierung und die österreichische Regierung, die geglaubt hätten, die Macht und das Ansehen Frankreichs durch ihr plötzliches Vorgehen zu verringern, seien heute gezwungen, sich wieder Frankreich zuzuwenden, da von hier allein Hilfe kommen könne.
„Rur Frankreich weigert sich." Amerikanische Zahlungen aus dem Frei- gabegesetz werden verhindert.
Washington, 3. Sept. (WTB.) Der amerikanische Botschafter in Paris, G d g e, hatte in den letzten Tagen mehrfach Unterredungen mit dem französischen Finanzminister F l a n d i n und dem Ministerpräsidenten Laval, in denen nach Pariser Dlättermeldungen das Schulden- und Reparationsproblem erneut zur Debatte gestanden haben soll. Run erklärt aber der Llnterstaatssekre- tär Castle, daß Botschafter Gdge angewiesen worden sei, der französischen Regierung dringlich nahezulegen, die Zahlungen des amerikanischen Schatzamtes an deutsche Reedereien nicht weiter aufzuhalten. Deutschland schulde nach dem Schuldenabkommen mit Amerika jährlich etwa 9 Millionen Dollar für Bezahlung privater amerikanischer Ansprüche gegen die Reichsregierung aus dem Weltkriege. Andererseits schulde Amerika deutschen Privatleuten als zweite Rate der im F r e i g ab e g e s e h von 1 9 28 für die Beschlagnahme deutscher Schiffe, Patente und der Funkstation Sahville zugebilligten Entschädigung etwa 18 Millionen Dollar. Diese Summe dürfe das Schatzamt aber nach dem Freigabegesetz nur zahlen, wenn die Reichsregierung obige private Ansprüche befriedige. Run habe sich die Reichsregierung im Jahre 1930 im Haag verpflichtet, im Falle eines Moratoriums an keine Gläubigerregierung zu zahlen. Amerika betrachte obige 9 Millionen Dollar nicht als Verpflichtung zwischen zwei Regierungen, sondern als Zahlung Deutschlands an private Amerikaner und habe daher alle Zeichner des Haager Abkommens um ihre Zustimmung ersucht. Alle hätten bereitwilligst sofort zugestimmt, nur Frankreich weigere sich, und, wie Edae berichte, scheine es an dieser Weigerung festhalten zu wollen. Amerika bedauere diese Verzögerung, da man wisse, dah gewisse deutsche Anspruchsberechtigte in großen finanziellen Schwierigkeiten feien, und sei an sich bereit, diese 18 Millionen Dollar morgen zu zahlen, falls obige legale Schwierigkeit beseitigt werden kann. Man müsse nunmehr versuchen, einen anderen Ausweg zu finden.
Staatssekretär Castle dementierte, daß Botschafter E d g e mit dem französischen Ministerpräsidenten Reparationsfragen, insbesondere die Frage einer Verlängerung des Hoover-Jahres, besprochen habe. Schritte dieser Art würden zwar von gewissen Bankkreisen und anderen Stellen gefordert, die Regierung beabsichtige aber nicht, in den nächsten Monaten derartige Verhandlungen zu führen.
Rußland und Paneuropa.
Litwinow fordert den wirtschaftlichen Nichtangriffspakt.
Sn der Rachmittagssitzung des SuropaauS- schusses regte zunächst der türkische Außenminister Tewfik Ruschdi Bei an, den Bericht des Koordinationskomitees sämtlichen Regierungen zur Vorlage an die Parlamente zu übermitteln. — Der englische Delegierte Lord Cecil erblickte in den Mitteilungen des deutschen und des öster- . reichischen Vertreters über die Zollunion einen 1 Beweis einer wirklichen Tat zur Befriedung - Europas und sprach den beiden Regierungen feinen herzlichsten Dank und Glückwunsch aus. -«• Der russische Volkskommissar Litwinow brachte die Beschwerden seines Landes gegenüber der offiziellen Paneuropapolitik vor. Die Agrarkonferenzen beä letzten Jahres hätten unter Ausschluß Rußlands stattgefunden und seien durch
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Die Ratsversammlung während der Eröffnungssitzung. Vorn links: B e n e s ch (Tschechoslowakei), dann beginnend mit dem Dritten von links: Dr. Curtius (Deutschland), Gr an di (Italien), Massigli (Frankreich), der Ratsöorsitzende L e r r o u x (Spanien), der Generalsekretär des Völkerbundes Sir Eric Drummond, Lord Cecil (England), ganz rechts: Z a l e s k i (Polen).
eine ausgesprochene Sowjet-Feindschaft gekennzeichnet gewesen. Die Sowjetunion protestiere gegen ein System, das innerhalb Europas eine Staatengruppe auf Kosten einer anderen unter der Flagge der europäischen Solidarität benachteilige. Das Zustandekommen eines wirtschaftlichen Richtangriffspaktes sei von Bedeutung zur Schaffung einer Atmosphäre der Ruhe und des Vertrauens auf einen dauernden Frieden. Ein solches Vertrauen bestehe gegenwärtig noch nicht.
F l a n d i n betonte die Einwände gegen den Plan eines wirtschaftlichen Nichtangriffspaktes. Er versicherte im übrigen Litwinow, daß die Furcht eines Komplotts der europäischen Staaten gegen die Sowjetunion unbegründet sei. Litwinow erwiderte, daß Rußland gegen solche Abmachungen wie z. B. sie Deutschland in seinen Verträgen mit Ungarn und Rumänien getroffen habe, nichts einzuwenden habe. Wenn aber Präferenzverträge mit einer Gruppe von Staaten abgeschlossen würden, und ein einziger Staat ausgeschlossen bleibe, so sei das eine Diskrimi- nation, die unzulässig sei.
Der Europa-Ausschuß nahm darauf den Bericht des Koordinationskomitees über die Maßnahmen auf wirtfchafts- und finanzpolitisä)em Gebiet an. Es wurde ein Redaktionskomitee eingesetzt, das die Aufgabe hat, einen Bericht für die Völkerbundsoersammlung auszuarbeiten.
Generalstreik in Barcelona.
Schwere GefängnisrevoUe.
Barcelona, 3.Sept. (WTB.) In Barcelona brach heute morgen der Generalstreik aus. 300 000 Arbeiter traten in den Streik. Sie fordern den sofortigen Rücktritt des Gouverneurs. Die Verkehrsmittel und der Betrieb in den Gas- und Elektrizitätswerken ruhen. Die Läden sind geschlossen. Bei Zusammenstößen zwischen Streikenden und der Polizei wurde ein Demonstrant getötet, mehrere Demonstranten wurden verletzt. Die Gewerkschaftsführer, die verhaftet worden sind, traten in den Hungerstreik. Der Zivilgouverneur hat sich in das Gefängnis begeben, um mit den Verhafteten Fühlung zu nehmen. Diese Gelegenheit haben die Häftlinge, die alle mit Waffen versehen waren, benutzt, um sich auf die Ge
fängniswärter zu werfen und die Zellentüren der Mitgefangenen zu öffnen. Sie haben auf diese Weise etwa 200 Zellentüren ausgehoben, sie auf einer Gefängnisgalerie aufgeschichtet und in B r a n d gesteckt. Eine Kompanie Infanterie wurde herbeigerufen, die das Feuer auf die Gefangenen eröffnete. Den vereinten Kräften von Militär und Feuerwehr ist es schließlich gelungen, den Brand zu löschen, der auf das ganze Gefängnisgebäude über- zugreifen drohte. Während dieser Zeit haben mehrere Schwadronen Kavallerie das ganze Gefängnis umzingelt, um das Entkommen der Gefangenen zu verhindern. Von der kommunistischen Gewerkschaft wurde darauf als Protest gegen diese Zwischenfälle der Generalstreik proklamiert.
Ernste Lage in Chile.
Die Marine meutert —Bolschewistische Einflüsse.
N euy o r k, 3. Sept. (TU.) Die Lage In Chile gestaltet fick von Stunde zu Stunde ernster. Es wird erwartet, daß der Belagerungszustand über das ganze Land verhängt wird. Der stellvertretende Präsident Manuel Trucco sowie die gesamte Regierung haben ihren Rücktritt erklärt. Die Matrosen sind nunmehr zu offener Meuterei übergegangen. Sie befinden sich im Besitz des größten Teils der Flotte, insbesondere auch des größten südamerikanischen Schlachtschiffes „Almirante Latorre". Die Meuterer sind anscheinend von bolschewistischen Ideen beeinflußt. Ihre Forderungen lauten auf Beibehaltung der alten Löhnung, Bestrafung des früheren Präsidenten Ibanez sowie seiner Freunde, Sondersteuern für die wohlhabenden Bürger und Aufteilung der großen Landgüter. Die ßuftftreitträfte der Armee halten anscheinend noch zur Regierung. Da d i e A r b e i - ter sich mit den Forderungen der Matrosen einverstanden erklärt haben, erwartet man die Ausrufung des Generalstreiks. Es erscheint fraglich, ob die Regierung den offenen Kampf aufnehmen kann, da die Marine weitaus stärker ist und eine Blockade über alle Häfen durchsetzen kann. Als die meuternden Kriegsschiffe die Marinestation Talcahuano verließen, befahl der Kommandeur der Küftenbatterien, die Schiffe zu b e • schießen; die Artilleristen weigerten sich jedoch, dem Befehl nachzukommen. Inzwischen ver. suchten kommunistische Agitatoren, die Lage nach
Möglichkeit auszunutzen und die Bevölkerung zum Sturze der Regierung sowie zur Beschlaanahme der Geschäfte und Ländereien aufzuwiegeln. Als Gegenmaßnahme gab die Regierung die baldige Inangrift- nähme öffentlicher Arbeiten zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit bekannt; ferner sollen die Gehälter der Beamten und Staatsangestellten sowie der Sold der Angehörigen der Armee und der Flotte nicht ver- rlngert werden.
Nach einer in Paris aus Santiago de Chile eingelaufenen Meldung hat ein Admiral, der mit der Beilegung des Aufttandes betraut worden war, f i ch mit d e n Aufständischen auf eine Farrn e l geeinigt. Die Regierung berate darüber. Man könne das Ende der Aufstandsbewegung voraussehen.
Oer Deutsche Beamtenbund zur Lage.
Berlin, 3. Sept. lCNB.) Der Geschäftsführende Vorstand des Deutschen Beamtenbundes nahm einstimmig eine Entschließung an, die u. a. besagt: „Der Beamtenschaft sind schwerste Belastun- gen auferlegt worden, deren in Aussicht gestellte Mil- derung immer noch auf sich warten läßt. Statt zu mildern, hat man weitere Maßnahmen^mngunsten der Beamten getroffen und in Aussicht genommen. Einige Länder haben bereits über die Reichsregelung hinausgehende Kürzungen vorgenommen. Die Vor- enthaltung der Alterszulagen bedeutet einen Einbruch in das Besoldungssystem, die Beseitigung eines im Gesetz ausdrücklich feftgelegten Rechtsanspruches, eine ganz unterschiedlich wirkende wirtschaftliche Benach- teiligung. Außerdem muß festgestellt werden, daß diese Maßnahmen, wenn nicht die bisher gültigen und anerkannten Rechtsauffassungen rücksichtslos bet- feite geschoben werden, nicht durch Notverordnung erlassen werden können. Der Deutsche Beamtenbuno verurteilt die bureaukratische und fiskalische Art vermeintlicher Sparmaßnahmen. Die Beamten verlangen, daß weitere wirtschaftliche und rechtliche Schädigungen unterbleiben."
Die Deutsche Giaatspartei.
Berlin, 3. Sept. (VDZ.) Die Reichstagsfraktion der Deutschen Staatspartei trat unter Vorsitz des Abg. Weber zusammen. Rach einer Besprechung der politischen Lage herrschte in der Fraktion Llebereinstimmung darüber, daß die dringendsten Aufgaben der Gegenwart die Vorbeugung gegen das weitere Anwachsender Arbeitslosigkeit und die Klärung der Behandlung unserer A u s - landschulden sind. Die staatsparteiliche Fraktionsgemeinschaft hält es für erforderlich, daß in einer Zeit, in der von dem Volk so große Opfer gefordert werden, das Volk die Beruhigung erhält, daß die Opfer auf Grund eine- festen, zielsicheren und zukunftweisenden Programms gefordert werden. 3n diesem Programm der Reichsregierung muh auch die Reform der Hauszins steuer und die Forderung der Siedlung auf dem Lande tote in der Stadt enthalten sein. Die Fraktion ersuchte ihren Vorsitzenden, sich unverzüglich mit dem Reichskanzler zwecks einer Aussprache in Verbindung zu sehen.
Ein Einmann-Ministenum in Braunschweig.
Verfassungsreform durch Notverordnung.
Braunschweig, 8. Sept. (WTD.) Auf Grund der Verordnung des Reichspräsidenten zur Sicherung der Haushalte der Länder und Gemeinden erläßt die braunschweigische Regierung eine Verordnung über die Führung der Geschäfte des Staatsministeriums durch einen Minister. Es ist widerruflich ein M i n i st e r b e i r a t zu bestellen, der im Falle von Abwesenheit oder Krankheit usw. des Ministers die Geschäfte vertretungsweise führt. Der Rationalsozialist Rust, der als Rachfolger für den zurückgetretenen nationalsozialistischen Minister Dr. Frantzen in die Regierung eintreten sollte, wird im braunschweigischen Land-
Gandhis erster Aufenthalt in London.
Mit achtzehn Jahren — als Student.
Wenn sich G a n d h i jetzt mit einfachstem Gepäck in der geringsten Kabine eines Frachtdampfers nach London begibt, wird er sich einer früheren Lieberfahrt nach England erinnern müssen, die ihm die erste nachdrückliche und lehrreiche Begegnung mit Europa vermitteln sollte, denn eben in diesen Septembertagen des Jahres 1877 bestieg der damals 18jährige Student der Rechte den Dampfer, damals wie heute in Bombay.
Man kann sich als Europäer kaum eine Vorstellung machen, in welcher kastenhasten und religiösen Zurückgezogenheit der junge Gandhi bis dahin ausgewachsen war; seine Familie sah diesen englischen Studienaufenthalt etwa wie eine Fahrt in die ewige Verdammnis an, sie widersprach allem Herkommen und allem Gesetz. Ein Oheim, der Familienälteste, warnt, will aber dieser Absicht doch nicht gerade im Wege stehen; die Mutter hat ?ehört, die jungen Leute g ngen in England mora- isch zu Grunde, sie würden dort Fleisch essen und könnten nicht ohne geistige Getränke leben. „Wie kann ich dir", meint sie, „vertrauen, in einem Lande, das so weit weg ist?" Gandhi erzählt von diesen Gewissensskrupeln und Beratungen sehr ausführlich in seiner Selbstbiographie „M e i n Lebe n“, die vor einiger Zeit im Leipziger Insel- Verlag erschienen ist. Er selbst ist in allen Dingen, die sich auf Europa beziehen, ahnungslos und weltfremd wie ein großes Kind von 18 Jahren, ein Freund muh ihm europäische Kleidung besorgen und ihn für London ausstatten. Mit dieser Kleidung begann dann auch die Groteske; Gandhi hatte es sich ausgedacht, dah ihm sein Weiher Flanellanzug bei der Landung in Southampton „besser zu Gesicht stehen werde", muhte aber zu seiner Beschämung entdecken, dah er Ende September der einzige Mensch in Weiher Kleidung war. Das drückte ihn nieder, er war verzweifelt. Gleich nach der Ankunft besucht ihn ein Bekannter aus Indien; Gandhi nimmt dessen Zylinderhut, um au fühlen, wie glatt er sei, streicht mit der Hano darüber, aber in der verkehrten Richtung, so dah der Hut ganz rauh wird: „das war meine erste Lektion in europäischer Sittenlehre."
Richt die letzte. Seltsam, der Mann, der später der Führer der indischen Rationalbewegung werden sollte, wird bei seiner Ankunft in London <bon allem Europäischen so gefangen genommen, daß er nur ein Ideal kennt: ein echter englischer 4
Gentleman zu werden. Roch merkwürdiger, dah er meint, dieses Ziel durch Aufgabe alles Heimatlichen und Persönlichen, durch Rachahmung von Aeußerlichkeiten erreichen au können. Es geht ihm jetzt vor allem wieder um Die Kleidung. Die aus Bombay mitgebrachten Anzüge genügen nicht mehr „sie schienen mir nicht gut genug für die englische Gesellschaft" — er läßt sich neue anfertigen, er ersteht einen Zylinderhut für 19 Schillinge, einen Abendanzug für zehn Pfund, er erlernt die mühsame Kunst, sich einen Schlips zu binden, denn feste Schlipse seien nicht korrekt, er veranlaßt seinen Bruder, ihm eine goldene Doppeluhrkette zu senden, und bemüht sich täglich, vor einem großen Spiegel um eine regelrechte europäische Haartracht. Lind damit nicht genug, der Gentleman ist noch nicht vollständig. Er nimmt ilnterridjt im Französischen, im Tanzen, Geigenspiel und in korrekter englischer Aussprache, die ihm durch „Bells Redekunst" aufgehen soll — der junge Inder hat seine Heimat vergessen, Europa hat ihn bis zur Selbstvergessenheit berückt und bezaubert.
„Aber über Bells Lehrbuch", erzählt er, „hörte ich plötzlich in meinem Ohr die Alarmglocke läuten und erwachte. Schließlich, sagte ich mir, will ich ja nicht mein ganzes Leben in England verbringen. Wozu also englische Redekunst erlernen? Lind wie sollen ein paar Tanzstunden einen Gentleman aus mir machen? Ich war Student und zum Studieren war ich hier. Wenn meinem Charakter nach ein Gentleman aus mir wurde, um so besser. Wenn nicht, so mußte ich diesen Ehrgeiz eben fahren lassen." Diese Vernarrtheit in europäisches Wesen hatte immerhin ein Vierteljahr gedauert, die Kleidernarrheit sollte noch Jahre lang anhalten.
Rach dieser Schule, die aber doch wohl durchgemacht werden muhte, findet sich Gandhi wieder zurück, und er beginnt wieder die Lebensform, die für ihn bezeichnend ist, eine sparsame, haushälterische und überaus nüchterne Art, sich seine Tage einzurichten und einzuteilen, er bereitet sich seine Mahlzeiten selbst und legt, um das Fahrgeld zu sparen, die langen Wege der großen Stadt zu Fuß zurück: „diese Gewohnheit bewahrte mich während meines ganzen Aufenthaltes in England vor Krankheit und erhielt mich körperlich gut bei Kräften." Dieser äußeren Limkehr entspricht eine innere. Gandhi lernt durch Freunde die Glaubensbücher der Inder kennen und durch „einen guten Christen aus Manchester" wird ihm die Bibel empfohlen, die ihm ein neues entscheidendes Erlebnis vermittelt.
Das Alte Testament zwar hat auf ihn die Wirkung eines Schlafmittels, aber das Reue Testament ergreift ihn lebhaft, „besonders die Berg
predigt, die mir unmittelbar zu Herzen ging. Ich verglich sie mit der Gita. Die Stelle: „Ich sage euch aber, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Liebel, sondern so dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar. Lind so jemand mit dir rechten will und deinen Rock nehmen, dem laß' auch den Mantel", entzückte mich über die Maßen und gemahnte mich an Shamal Bhatts „Für einen Napf Wasser gib ein reichlich Mahl." Mein jugendlicher Sinn bemühte sich, die Lehren der Gita, der Leuchte Asiens und der Bergpredigt miteinander zu vereinen. Der Gedanke der Entsagung als der höchsten Form der Religion war so recht nach meinem Herzen." Hiernach will er auch das Leben anderer Religionslehrer kennenlernen und liest in Carlyles „Helden und Heldenverehrung" das Kapitel „Der Held als Prophet" und erkennt darin „die Größe und Tapferkeit und hohe Lebensweise des Propheten des Islam".
Der dreijährige Aufenthalt in London endet damit, dah Gandhi seine juristischen Prüfungen besteht und in seine Heimat zurückkehrt, um dort Rechtsanwalt zu werden: nach einigen Irrungen und Wirrungen wieder ein treuer Sohn seines Volkes, zu dessen Führer er sich bald berufen sehen sollte.
Durst auf Whisky.
Zfon Walter Anatole persich.
(Rachdruck verboten.)
Donnernd brauste der Railway-Expreh in die Halle — ein scharfer, kurzer Ruck — er stand. Türen wurden aufgerissen, Reisende stiegen aus, einzelne reckten sich nur in der unmittelbaren Rähe der Abteiltüren die steifgesessenen Glieder.
Ein Heer von Verkäufern raste die Wagenreihe entlang: „Zeitungen, Reiselektüre, Magazin! Schokolade. Pralinen!" „Heiße Würstchen!" Lieber alle hinweg aber gellte der Ruf: „Erfrischungen, Getränke, Kaffee, Tee, Soda!" Das war Sammys Stimme, eine Stimme, sage ich euch, die beim Jüngsten Gericht die Posaunen in Grund und Boden geschrien hätte! Alle seine Kollegen beneideten ihn um dieses wunderbare Organ. Aber noch mehr beneidete man den Burschen um sein vieles Geld. Der Bengel verstand sein Geschäft, wirklich! Wie ein Wilder brüllte er seine Erfrischungen aus, verkaufte jedesmal einen Haufen und besonders viel Tee! Lind was hatte er denn gerade Besonderes? Aber er verstand sich auf den Kram, hol's der Teufel! Hatte denn das Land die Teewut?
Mochten die anderen grübeln — Sammy hatte keine Zeit. Busineß, Busineß, Geschäft, Geschäft!, war sein Wahlspruch. Wagen auf, Wagen ab — hier eine Flasche Tee, da zwei oder drei, alle Hände voll zu tun. Mochte ein Reisender noch so teilnahmslos am Fenster hocken, Sammy kriegte ihn an!
„Versuchen Sie auch mal unseren tadellosen Tee, Mister, in Reiseflasche, undurchsichtig, neues Patent!" Dabei zwinkerten seine Augen so eigentümlich, man wußte nicht recht: litt der Junge an einem Augenübel oder wollte er etwas damit bezwecken? Wurde aufmerksam: dahinter steckte etwas! „Was kostet der Tee?"
„Ol. Mister, in Reiseflasche, besonderes Patent — eine Kleinigkeit — zwei Dollar!" Wieder dieses verteufelte Augenzwinkern. „Das ist teuer!“ „Ja, Mister, aber das Patent, das Patent! So erfrischend wie — Whisky!" Wie Whisky?! So also lief der Hase! Man verstand. „Hier zwei Dollar!"
„Hier der Tee — und Mister, machen Sie unS beide nicht unglücklich: erst hinter der Station anbrechen!"
„Schon gut! Warte, gib mir noch eine FlascheI*
Dann sauste Sammy weiter, schrie, zwinkerte mit den Augen, verkaufte ununterbrochen und hatte wieder ein Dutzend Flaschen zu wenig ...
Ein Pfiff, ein Keuchen der Maschine — stampfend setzte sich der Zug in Bewegung; kaum aus der Halle, durchschnitt er das Land mit teuflischer Geschwindigkeit.
Gleich darauf sammelten sich immer mehr Menschen vor einem gewissen kleinen, einsamen Ort, vor jenem Ort nämlich, der in Amerika neuerdings, ganz entgegen seiner Bezeichnung, die Bar ersetzt. Alle warteten mit dem Zeichen höchster Lingeduld auf dem verärgerten Gesicht. Fast erzürnte man sich um die Reihenfolge. Aber gerade in dem Moment, wo der Streit auszubrechen drohte, wurde die Tür aufgerissen. Wutschnaubend stürmte ein Reisender heraus und brüllte: „Dieser Hundesohn, der verfluchte." Die Menschenmenge schien ihn jedoch milder zu stimmen, er grinste über das ganze faltige Gesicht: „Wollen Sie alle hier Tee saufen?"
Keiner wagte eine Antwort zu geben. Vielleicht war der Wütende ein Kommissar und würde sie festnehmen? „Dann sauft nur im Abteil! Cs l st Tee! Der Teufel hole den Burschen! Zwinkert mit den Augen, verkauft seinen patentierten Tee mit zwei Dollar! Jeder vernünftige Mensch denkt: endlich Whisky, endlich! Lind dabei ist es Tee, ganz gemeines, bitteres Zeug! Der Teufel hole den Burschen!"


