Ausgabe 
4.6.1931
 
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Rückzahlungen 39 483 Mark, so daß ein Mehr an Einlagen in Höhe von 32 797 Mark erscheint. Der Einlagebestand beträgt 221 663 Mark. Der Zinssatz wurde um 1 Prozent ermäßigt auf 7 Prozent und dementsprechend für Darlehen von 10 auf 9 Prozent. 2m abgelaufenen Ge­schäftsjahr wurden Darlehen in Höhe von 50 bis 8000 Mark vergeben. Der Reingewinn beträgt 3135 Mark: davon wird eine Dividende von 9 Prozent für Geschäftsguthaben vergütet, ein Anwesenheitsgeld von 3 Mark bezahlt, 500 Mark der Detriebsrücklage zugeführt und der Rest für gute Zwecke und dem Reservefonds über­wiesen. Die Zahl der Mitglieder belief sich am 31. Dezember 1930 auf 99. Der Verband der hessi­schen landwirtschaftlichen Genossenschaften hat die gesetzliche Revision vorgenommen und der Ge­schäftsführung Anerkennung gezol.lt. Die Grenze für die Annahme von Spareinlagen beträgt 300 000 Mark, die für Entleihungen an einzelne Personen wurde auf 8000 Mark festgesetzt. Der Bericht über die Tätigkeit des Aufsichtsrats wurde durch Herrn G e i f k o w s k i erstattet. Da­nach darf das abgelaufene Geschäftsjahr trotz der schlechten wirtschaftlichen Lage als befrie­digend bezeichnet werden.

Kreis Lauterbach.

Schlitz, 2. Juni. (WSN.) Der weit über die Grenzen seiner Heimat bekannte Männergesang­vereinHarmonisches Kränzchen", Mit­glied des Hessischen und des Deutschen Sängerbun­des, feiert in den Tagen vom 11. bis 13. Juli sein 7 5. Jubiläum. Am 12. Juli findet ein Wertungs­singen statt, zu dem auch Vereine, die nicht dem Deutschen Sängerbund angehören, zugelassen sind. Nachmittags ist ein großer Festzug mit Festwagen und Trachtengruppen, abends Burgbeleuchtung vor­gesehen.

Preußen.

Kreis Wetzlar.

(t) Krofdorf, 2. Juni. Der Jmkerverein von Gießen und Umgegend hat auf einer großen Waldwiese in derBäuerstadt", in der Nähe des Forsthauses Waldhaus, eine Begattunas- siation für Bienenköniginnen errichtet. Die Anlage ön dieser abgelegenen Stelle soll ein­wandfreie Leistungszucht bezwecken. Nachdem der Gemeinderat die Einführung der Sier ft euer abgelehnt hat, ist nun auf dem Verwaltungs­wege die Erhebung dieser Abgabe vom 1. Juni an verfugt worden. In der nächsten Gemeinderats­sitzung steht noch einmal die Einführung der Bürger st euer zur Beratung.

> Wißmar, 1. Juni. Später als sonst wurde in diesem Jahre der Haushaltsplan von der Gemeindevertretung mit einigen kleinen Abänderungen nach dem Vorschlag des Gemeinde­vorstehers gegen zwei Stimmen angenommen. Die Mittel für die öffentliche Fürsorge wurden von 3000 auf 5000 Mark erhöht. Der gesamte Haushaltsplan weist in Einnahme und Ausgabe 149 200 Mark (gegenüber 163 000 Mark im Vorjahre) auf. An Ge­meindeumlagen sollen erhoben werden 300 v. H. der staatlichen Grundoermögenssteuer (im Vorjahre 400 v. H.) und 400 o. H. der Gewerbeertragssteuer sowie der Gewerbekapitalsteuer. Zum Ausgleich wurde die Erhebung der Bürger - und der Bier st euer beschlossen.

3 Kinzenbach, 3. Juni. Die hiesige G e - meindevertretung hat in ihrer jüngsten Sitzung über den Haushaltsplan für 1931 beraten und ihn in Einnahme und Ausgabe auf 54 500 Mark festgesetzt. An Gemeindeumlagen kommen zur Er- bebung 350 v. H. der Grundvermögenssteuer sowohl des bebauten als auch des landwirtschaftlich genutzten Grundbesitzes, 500 o. H. der Gewerbesteuer von Er­trag, 1000 v. H. der Gewerbelohnsummensteuer und l außerdem die Bürgersteuer mit dem einfachen Satz.

Vrandungdeslebens

Vornan von Käte Lindner.

(Copyright 1931 by Verlag Alfred Bechthold in Braunschweig.)

3. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Gedämpft klangen die Geigen hinter der großen Pcvlmengruppe im Teeraum des Savoyhotels. Eine iÄustre Gesellschaft hatte sich um diese Zeit in Gardone zusammengefunden, internationales Gepräge zeigte das auf- und abflutende Leben draußen am Quai, hier wie überall an den großen Kurplätzen hatte die Rachkriegszeit wieder Menschen aller Rationen zusammengeführt.

Lady Dalymore neigte sich soeben lächelnd zu Frau Listow hinüber, an deren Tisch sie Platz genommen hatte.

Sie sehen angegriffen aus, gnädige Frau, haben Sie die Reiseanstrengungen noch immer nicht überwunden? Freilich, der Luftwechsel macht manchen Leuten recht zu schaffen. Ich gehöre zu den Glücklichen, die sich überall und schnell zu akklimatisieren vermögen. Aber Ihr Aus­sehen ...

«Ich leide schon seit Tagen an heftigen Kopf­schmerzen", sagte Renate Lisrow mit einem schwa­chen Versuch, verbindlich zu lächeln,eigentlich wäre die Dunkelheit meines Zimmers jedem Ver­such, sich Abwechslung zu schaffen, vorzuziehen, aber seit gestern habe ich nun schon droben auf dem Divan gelegen, und es ist nicht besser ge­worden. Das ist langweilig, und nun will ich es hier versuchen, ob es nicht besser wird. Frei­lich ..."

Oh, es ist sehr bedauerlich", sagte Lady Dalh- more und zuckte bedauernd die Schultern,man weiß da wirklich nicht, was man Ihnen raten soll. Diese Musik ist so diskret und wird Ihnen nicht Wehetun, freilich später die Tanzmusik ... dann können wir ja einen anderen Raum auf­suchen."

Die kleinen Tische waren inzwischen fast alle besetzt worden. Interessiert musterte die Englän­derin die neuangekommenen Gäste des Hotels. Da deutete sie ein wenig mit der goldenen Lor­gnette nach einer Säule neben dem Eingang hin­über, und ihr etwas blasiertes Gesicht nahm einen interessierten Ausdruck an.

Schauen Sie, dort, gnädige Frau ... eine interessante Erscheinung in der Menge der ge­wohnten, alltäglichen Gesichter. Ein neuer Gast, ich sah ihn noch nicht bei Tisch. Jedenfalls weder ein Landsmann von Ihnen, noch von mir. Aber sehr interessant."

Renate drehte den schmerzenden Kopf nach der bezeichneten Richtung hinüber. Da stand an die Säule gelehnt, mit untergeschlagenen Armen ein Herr im eleganten Gesellschaftsanzug und schaute I mit finsteren, schwermütigen Augen auf die Menge, die den Raum füllte.

3 Dutenhofen, 1. Juni. Die Gemeinde­vertretung hat in ihrer jüngsten Sitzung über den Haushaltsplan f ü r 1931 beraten. Der Plan sieht in Einnahme und Ausgabe 156 950 Mark vor. An Gemeindeumlagen sollen zur Erhebung kommen: 410 v. H. Grundvermögenssteuer des be­bauten 350 v. H. des unbebauten (landwirtschaftlich genutzten) Grundbesitzes, 410 v. H. der Gewerbesteuer, dazu die bereits eingeführte Bürgersteuer.

O Dornholzhausen, 3. Juni. Beim Holzhacken hieb sich der Landwirt Heinrich Bach II. von hier den Daumen der [inten Hand fast vollständig ab. Rachdem Dr. med. Watz (Hörnsheim) dem Verletzten die erste Hilfe geleistet hatte, mußte der Verunglückte in die Chirurgische ilniversitätsklinik zu Gießen überführt werden.

Fußball-Meisterschaftsen-spiel in Köln.

Es steht nun endgültig fest, daß das 23. Schluß­spiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft im Köl­ner Stadion am 14.Juni ausgetragen wird. Der Vorverkauf der Eintrittskarten wird schon in den nächsten Tagen eröffnet, und in Berlin bemüht man sich um das Zustandekommen eines Sonder­zuges. Während München 1 860 zum erstenmal in das Finale gekommen ist, bestreitet Hertha BSC. zum sechstenmal hintereinander den Ent­scheidungskampf.

Zugendspiele des VfB.

VfV. 1. Jugend VfB. Aßlar 1. Jugend 3:3.

Kreis Biedenkopf.

(D Bischoffen, 3. Juni. Am Sonntagnach­mittag fand hier auf dem Schulhofe das diesjährige Heidenmisfionsfest statt, das von den Be­wohnern des Ortes und der umliegenden Dörfer sehr gut besucht war. Als Redner waren gewonnen: Mis­sionar Lind (Sumatra) und Pfr. Ackermann. Vorträge des Posaunenchors Crumbach und des hie­sigen Gemischten Chors trugen wesentlich zur Ver­schönerung der Feier bei.

Taten für Donnerstag, 4. Juni.

1745: Sieg Friedrichs des Großen bei Hohenfried­berg: 1841: der Rechtslehrer Karl Binding in Frank­furt a. M. geboren; 1875: der Dichter Eduard Mörike in Stuttgart gestorben.

in großer Form. Die körperlich stark überlegenen Gäste konnten sich gegen die kleinen aber flinken Platzbesitzer nicht durchsetzen und mußten sich vier weitere schöne Tore gefallen lassen. Die zweite Mannschaft hatte die gleiche des Fußballsportoereins 1926 Steinbach zu einem Freundschaftsspiel ver­pflichtet. Das Spiel war von Anfang bis zum Schlußpfiff sehr flott. Steinberg gewann 4:1.

Die erste Schülermannschaft von Wieseck trug ebenfalls gegen die gleiche Watzenborn-Steinbergs ihr Rückspiel aus. Hier waren die Einheimischen etwas überlegen und hätten den Sieg verdient. Das Treffen endete 0:0.

Erfolgreicher Gießener Rennfahrer.

Einen schönen Erfolg erzielte der Rennfahrer Heinrich Preist (Germania, Gießen) am Sonntag bei dem in Frankfurt a. M. zum Austrag gekom­menen 170-Kilometer-Rennen der Klaffe C. Unter den 65 gestarteten Fahrern kam er mit einer Spitzen­gruppe von fünf Mann dem Ziel entgegen und wurde hier im Endspurt knapp auf den 5. Platz verwiesen. Nur etwa 10 Meter trennten ihn von dem glücklichen Sieger. Der erfolgreiche Gießener ließ eine beträcht­liche Zahl der bekanntesten Fahrer hinter sich.

Vor spannenden Großkämpfen auf dem Mrburgring.

Zu dem am 7. Juni vom Allgemeinen Deutschen Automobil-Club veranstalteten Eifelrennen auf der Südschleife des Nürburgringes hat der deutsche Mei- fterfafjrer Rudolf Caracciola seine Nennung ab. gegeben. Die Teilnahme dieses großen Mercedes- fahrers^ dessen Langstreckensieg in Italien noch in aller Munde ist, gibt dem Eifelrennen eine über­ragende Bedeutung, zumal sich in Gemeinschaft mit dem jungen ' Mercedesfahrer Brauchschitsch (Berchtesgaden) und dem Nürnberger Otto Span- d e l eine Mercedesmannfchaft zufämmengefunden hat, die in bester Form gegen das ^n ^letzter Zeit sieggewohnte Bugattiteam, von Morgen, Durggaller und Prinz zu Leiningen, antreten wird.

Die Sportleitung hat eine Verringerung der Run­denzahl beschlossen, so daß auf der 7,8 Kilometer langen Südschleife sowohl im Rennen der Kraft­räder, das vormittags 10 Uhr beginnt, und im Ren­nen der Wagen, die nachmittags 2 Uhr auf die Strecke geschickt werden, nunmehr 40 Runden zu fahren sind, was einer Strecke von rund 312 Kilo-, meter entspricht.

Reue Sportstätten in Gießen.

Beide Jugendmannschaften lieferten sich auf dem Waldsportplatz einen fairen Kampf. VfB. Gießen war technisch und die Gäste körperlich überlegen. Bei leichter Ueberlegenhcit Gießens vermochten diese drei Tore vorzulegen, die Aßlar im Verlaufe des Spiels unter Einsatz aller Energie aufholte.

vfv. 2. Jugend Dutenhofen 1. Jugend 3:0.

Auch die 2. Jugend kam am vergangenen Sonn­tag zum Erfolg, indem sie die spielstarken Gastgeber 3:0 schlagen konnten. Die 1. Schülermannschaft traf in Steinbach auf die dortigen Schüler. Gießen ge­wann sicher mit 3:0. Die Steinbacher Schüler spiel­ten sehr eifrig.

Turnverein 4883 Lollar.

1900 Gießen II Lollar I 2:10 (2:3).

Am Sonntag schlug die 1. Mannschaft Lollars die Ligareserve der Spvg. 1900 auf eigenem Platze mit 10:2 Toren. In der ersten Halbzeit sah man gleich­mäßig verteiltes Spiel. Nach Wiederanstoß hatte Lollar jederzeit das Spiel in der Hand und schnürte den Gegner vollständig ein. Sieben Tore waren die Ausbeute, und 1900 konnte kaum noch gefährlich werden.

Die 2. Elf Lollars siegte gegen die 3. Mannschaft der 1900er nach gleichwertigem Spiel mit 3:2 Treffern.

$.(£.Teutonia" W.-Steinberg.

Watzenborn-Steinberg I Laubach (Liga) 8:2 (4:2).

Am vergangenen Sonntag weilte die Ligamann- schaft des FC. Teutonia Laubach zu einem fälligen Rückspiel in Watzenborn-Steinberg und mußte sich den technisch besseren und schnelleren Platzbesitzern 8:2 beugen. Bereits nach 30 Minuten lagen die Platzbesitzer mit 4:0 in Führung. Ein Stellungs­fehler und ein Elfmeter brachten Laubach zwei bil­lige Erfolge. Die zweite Halbzeit sah man Steinberg

Das schwimmende Haus der akademischen Ruderer.

Die Landesuniversität Gießen vielmehr deren Institut für Leibesübungen war die. einzige deutsche Universität, die bisher für ihre Ruderer keine Heimstätte hatte. Dem Mangel wurde nun­mehr abgeholsen. Dr. Möckelmann, der Leiter des Instituts für Leibesübungen hat es vermocht, manchen widerständen zum Trotz, eine Stätte zu schaffen, die auch den Gießenern Akademikern gestattet, im Rahmen der Universität den Ruder­sport zu betreiben. Dabei ist festzuhalten, daß es die Rudergruppe der Universität nicht als ihre Aufgabe betrachtet, sich an Rennen zu beteiligen, oder die Mannschaften zu einem scharfen Renn­training zu verpflichten, sondern vielmehr die Stu­denten mit dem Rudersport vertraut zu machen, sie auszubilden, schließlich die Freude am Rudersport wecken zu helfen, damit die Studenten später ein­mal an ihrem ständigen Wohnsitz als Mitglieder der dortigen Rudervereine ihr Wirken, ihre Kraft und ihr Können in den Dienst des Rudersports zu stellen vermögen.

Die Beteiligung am Rudertraining, wie es im Rahmen des Instituts für Leibesübung gepflegt werden soll, wird sehr stark sein. Jedenfalls haben sich schon über 40 Studenten und eine große An­zahl Studentirmen hierzu gemeldet. Die Sport­studenten haben das Rudern in den Lehrplan auf­genommen.

Die Voraussetzung für den Rudersport an der Universität war aber die Schaffung eines geeigneten Bootshauses, das nun in der vergange­nen Woche in Gießen eingetroffen ist. Das Boots­haus wurde von der Universität Frankfurt über­nommen, am Freitag aufgebaut und oberhalb des Wehres, dem Klubhaus der Gießener Ruder­

gesellschaft gegenüber, verankert. Das Bootshaus ruht auf drei großen, sehr tragfähigen eisernen Schwimmern. Es bietet die Möglichkeit, drei Achter, zwei oder drei Vierer und einige Zweier unterzubringen. Einige Auskleideräume, ein be­sonders eingerichteter kleiner Raum für die Auf­bewahrung der Riemen sind ebenfalls vorhanden. Ein völlig ausreichender Landungssteg, der mit dem Bootshaus direkt verbunden ist, läßt den An- und Abtransport der Boote sehr leicht ermög­lichen. Das Bootshaus, das von der Lahnbrücke aus sichtbar ist, und sich sehr gut in das Lcrnd- schaftsbild des Flusses einfügt, soll demnächst neu gestrichen werden und wird dann einen um so freundlicheren Eindruck machen, als das bisher der Fall ist.

Für den Ruderbetrieb, der schon in den näch­sten Tagen ausgenommen werden soll, stehen ins­gesamt vier Boote (zwei Schulvierer und zwei Schulzweier) zur Verfügung, die demnächst hier eintreffen werden. Der Rudersportbetr':eb auf der Lahn wird dadurch eine weitere Steigerung er­fahren .

Segelflieger üben ....

Sie Gießener Iungsegelfliegergruppe hat in Verbindung mit der Akademischen Flieger­gruppe in der letzten Zeit eine rege Tätigkeit ent­faltet. Oftmals fanden sich die Segelflieger zu gemeinsamen Tlebungsflügen auf dem hiesigen Flugplatz ein. Durch den Startapparat, den man konstruiert hat, ist es den Iungfliegern möglich, auch in ebenem Gelände und bei Windstille zu fliegen und außerdem im Laufe eines Rachmittags sehr viele Starts zu unternehmen, ohne daß eine große Hilfsmannschaft zur Stelle zu sein braucht. Am vergangenen Samstag weilten die Iungflieger

Er war sehr groß, jedenfalls eine auffallende Erscheinung, wie die Lady sofort herausgefun- den hatte. In einem bleichen, scharf geschnittenen Gesicht standen die Augen wie brennende Fackeln, beherrschten es ganz und gaben ihm das Ge­präge von Schwermut und Weltfremdheit. Dolles, dunkles Haar umrahmte das bleiche Gesicht mit dem ausdrucksvollen Mund, um den jetzt, wo er sich unbeobachtet glaubte, ein Zug von Schmerz und Müdigkeit lag.

Jetzt trat der Hoteldirektor auf ihn zu und sprach mit ihm. Es geschah nicht in der Manier, wie es sonst der Direktor tat, vornehmen Gästen gegenüber. Der Angeredete nahm eine respektvolle Haltung an und verneigte sich, als der Direktor ihn mit einem Kopfnicken stehen ließ. Sofort ließ die Engländerin die Lorgnette sinken und neigte sich mit einem Ton leisen Bedauerns zu Renate hinüber.

Wie schade ... ich witterte schon irgend eine exotische oder asiatische Berühmtheit, einen Maha­radscha oder großen Künstler, einen Fürsten in dem dort drüben ... statt dessen scheint es irgend ein Angestellter des Hotels zu fein." Sofort zeigte Lady Dalhmores Gesicht wieder Blasiert­heit und Gleichgültigkeit. Ein Angestellter des Hauses oder sonst wer ... wie man sich doch irren konnte.

Aber da hörte sie am Rebentisch zwei junge Mädchen flüstern und zu ihrem Rachbar sagen:

Da drüben ... der an der Säule ist der neue Eintänzer. Heute erst angekommen von Paris, wo er engagiert gewesen ist. Ein Russe ist's, Gott, wie interessant er aussieht! Schädel daß er nicht zur Gesellschaft gehört, meinst du nicht auch, Madelaine?"

Schade ..." dachte auch die Engländerin. Sie liebte es, interessante Bekanntschaften, auf Reisen zu machen und ihren Freundinnen daheim damit aufzuwarten. Und sie flüsterte zu Renate hinüber:Eine neue Attraktion des Savoyhotels, als Russe tanzt er gewiß exzellent, und bei dieser Erscheinung ..."

Sie winkte dem Pagen und bestellte eine Er­frischung.Wie heißt der neue Eintänzer, der da drüben steht?"

Der Bedienstete konnte ihr keine Auskunft geben. Aber er flog davon, sie sofort beim Por­tier einzuholen. Atemlos kam er zurück und legte einen Zettel neben ihre Teetasse.

Kyrill Petrowitsch, Moskau, letzter Aufent­halt in Paris, Hotel Esplanade las sie.Ich hätte wetten mögen, daß er wenigstens von Adel sei", sagte sie zu Renate,aber es ist nicht der Fall." Merkliche Enttäuschung schwang in ihrer Stimme. /

Renate reichte ihr lächelnd den Zettel zurück. Wie schade, daß er Ihr Interesse für ihn so stark enttäuscht, Milady", sagte sie mit leisem Sarkasmus,aber wäre nicht auch anzunehmen, daß ein Mensch, wenn ungute Lebensumstände ihn dazu zwingen, seinen Ramen ändern könnte? Auch dies wäre doch anzunehmen."

Sie haben recht, Gnädigste." Die Engländerin nahm eifrig diese Möglichkeit auf, und ihr In­teresse erwachte wieder.

Aber der, dem es galt, hatte jetzt gemerkt, daß er beobachtet wurde und entfernte sich soeben von seinem Platz. Finsterer sah er aus als vor­her, und ein verächtlicher Zug lag um seinen Mund. Als hätte er die Gedanken lesen können, die über ihn hier im Umlauf waren.

Der Page trat jetzt auf ihn zu und beorderte ihn zum Hoteldirektor, wo er seine Instruktionen entgegennahm und einen Vertrag unterschrieb.

In einer halben Stunde beginnt der Tanz, Signore. Sie haben also Ihre Instruktionen, die älteren Semester nicht vernachlässigen, wie ich Ihnen schon sagte, wir haben eben gerade jetzt eine ganze Anzahl sehr tanzlustiger Damen als Dauergäste. Die besten Empfehlungen von Paris gingen Ihnen voraus, Signore. Also auf Wieder­sehen."

Petrowitsch verneigte sich; der Direktor ließ ihn stehen, eilte einer anderen seiner vielen Ver­pflichtungen nach, die er zu erfüllen hatte.

Als Petrowitsch die Halle durchschritt, die um diese Zeit nur mit einzelnen Gästen besetzt war, sprang plötzlich ein Herr wie elektrisiert aus dem tiefen Sessel auf, in dem er sich vergraben hatte und starrte der hohen Gestalt entgegen, die, den Kopf tief geneigt und niemanden beachtend, an ihm vorüber gehen wollte. Der kleine, behende Herr tat ein paar lange Schritte auf Petrowitsch zu und streckte ihm beide Hände entgegen.

Weich' eine Tleberraschung! Sie hier, Graf Alexander Semjo ..."

Aber noch ehe er den Ramen vollständig aus­sprechen konnte, hatte ihm der andere mit allen Zeichen des Erschreckens die Hand auf den Mund gelegt. Scheu sah er sich nach allen Seiten um, ob nicht andere Anwesende in der Halle den Aus­ruf des Fremden gehört haben könnten. Aber es schien nicht so, und er zog den, der ihn an­gerufen hatte, am Arm mit sich fort nach einem stillen Winkel, an einen entfernten Tisch, der unter einer mächtigen Palmengruppe stand.

Erst jetzt griff er aufatmend nach der Hand des Freundes und schüttelte sie wie in einer großen Freude.

Es gibt noch glückliche Zufälle im Leben, Marquis Sövigne. man soll nie ganz am Leben verzweifeln ... Ein glücklicher Zufall fürwahr, da Sie mir die alten, freundschaftlichen Gefühle bewahrt zu haben scheinen. Kommen Sie, sehen Sie sich, noch habe ich eine Viertelstunde Zeit, und wir wollen alte Erinnerungen auffrischen an eine glückliche Vergangenheit, deren Gedanken wie ein goldener Stern meine Rächte erfüllt. Kommen Sie."

Er drückte den Franzosen in einen Sessel und rückte den seinen ganz nahe an seine Seite. Niemand darf uns hören, Marquis, und vor allen Dingen muh ich Sie ersuchen, hier im Hause größtes Stillschweigen über meine Person zu

bewahren. Am besten wäre es wohl, wir kennen uns im Beisein anderer Gäste nicht."

Ich verstehe nicht, Graf Semjonow, erklären Sie mir ...

Da neigte der andere das schwermütige Ge­sicht tief auf feine Hände und flüsterte heiser:

Graf Alexander Kyrill Semjonow ist tot Gestorben mit unserem großen, herrlichen Zaren­reich, verweht sein Rame wie sein Besitz, ent­eignet, gebrandmarkt, alles Rechts beraubt ... Der da an Ihrer Seite sitzt, Marquis Sövignö. ist schon feit längerer Zeit der Hotelangestellte Kyrill Petrowitsch, jetzt Eintänzer dieses Hotels, eine Rümmer im großen Betrieb, der froh fein muß, sein armseliges Leben auf diese Weise fristen zu können. Begreifen Sie nun, mein Freund, daß ich Ihnen vorhin mit allen Zeichen des Entsetzens die Hand auf den Mund legen mußte? Rame wäre Last in diesem Falle ... Ich würde nur ein Objekt der weiblichen Reugier sein, dem entgeht man doch gern, bester Freund. Und überhaupt ... viel leichter bekommt Kyrill Petrowitsch eine untergeordnete Stellung, als ein Graf Semjonow ... Das sehen Sie wohl ein, Marquis?"

Das bewegliche Gesicht des kleinen Franzosen an seiner Seite war noch um einen Schein bleicher geworden als sonst. Hefttg drückte er die Hand des Russen und flüsterte:Richt mög­lich, nicht möglich."

Da sagte Petrowitsch mit müder Stimme: Was wollen Sie, bester Freund? Soll ich eine Ausnahme machen...? Allen meinen Standes- genossen von drüben geht es nicht besser als mir. Wer hätte etwas retten können aus dem Zusam­menbruch? Das Leben, weiter nichts..." Seine Hand ballte sich auf dem Tisch zur Faust.Dieses armselige bißchen Leben, warum macht man kein Ende damit? Oft habe ich mir diese Frage schon gestellt und immer noch warte ich damit. Eine Mission habe ich noch zu erfüllen hier auf Erden, Marquis, eine Mission. Die hält mich zurück, das Letzte zu tun.

Tattana Iwanowna?" fragte der Marquis, und leiser noch wurde sein Flüstern.

Da fuhr Petrowitsch wie von einem Peitschen­schlag getroffen zusammen und leidvoller noch wurde fein Gesicht.Tattana Iwanowna ist tot.. Gestorben unter den Händen ihrer Henker. Richt schützen foirnte ich sie, meine arme, kleine Tatiana, monatelang lag ich in den Gefängnissen von Mos­kau und Petersburg. Ihre alte Amme Lisanka schmuggelte mir nach ihrem Tode, unter eigener Lebensgefahr einige Zettel, eingebacken in Brot, ins Gefängnis. So wurde mir Tatiana Iwanow­nas Tod zur grausigen Gewißheit." Petrowitsch nahm eine Brieftasche aus seiner Tasche und suchte darin. Dann reichte er dem Freunde ein paar schmutzige Zettel hinüber, die mit großen ungelenken Buchstaben bedeckt waren.Hier."

Mühsam entzifferte der Marquis die halb verwischte Schrift.

(Fortsetzung folgt.)