Ausgabe 
3.3.1931
 
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Oie Hintergründe des Flottenpakts

Jinanzsorgen in London und Rom. Paris sichert sich Verbündete für die Abrüstungskonferenz.

daß Frankreich eine lleberlegeuheit von ungefähr 150 000 Tonnen gegenüber Italien zugeftandrn wird. Sie schwierigste Frage ist. einen Wortlaut zu fmben, der Aussicht hat. für den ameri­kanischen Senat annehmbarzu fein, denn die neue ttanzösisch-britisch-ttalienische Der- cirrbarung deckt sich in einigen Beziehungen nicht ganz mit dem Londoner Flottenvertrag, insbe­sondere was die äl-Doote betrifft. Frankreich fnti> nämlich 70000 L.onnen LI-Doote zuge­billigt worden, d. h. mehr als England den Vereinigten Staaten und Japan, die je 52 700 Tonnen haben dürfen, zugestanden hat. 3m üb­rigen werden die vorige Woche veröffentlichten Fahlen mehr oder weniger bestätigt. Frankreich und Italien werden die gleiche -Zahl von 10000 -Tonnen -Kreuzern haben, näm­lich je sieben, aber die Schlachtkreuzer von 23 030 Tonnen, die Frankreich zu bauen plant, werden von den italienischen Reubauten nicht übertragen werden. Henderson imb2I let an­bei erklärten bei ihrer QInfunft in London u. <t: Wir sind lehr zufrieden mit den Ergebnissen unserer Besuche in Paris und Rom. Das Ab- kommen vermeidet das, was drohte, nämlich ein Wiederaufleben der Konkurrenz bei den Flotten- rüstungen zwilchen den beiden hauptsächlich in Frage kommenden Ländern. Hätte dieser Wett­lauf begonnen, so würde er die Atmosphäre, in der die Abrüstungskonferenz abgehalten wird, verdorben haben. Die unmittelbare Wirkung des Abkommens wird die fein, daß unsere drei Länder an der Abrüstungskonferenz in engster Fühlung teilnehmen und keinen gegen irgend ein anderes Land gerichteten Pakt ablchliehen werden. Wan hat darauf hin- getoiefen, daß das Ergebnis eine Vereinigung der drei Länder gegen ein viertes Land sein köime. Ich wünsche jedoch zu betonen, daß kein Wittelmeer- oder anderer Pakt im Lause der ganzen Unterhaltungen erwähnt worden ist.

London. 1.März. (TU.) Der diplomatische Korrespondent des ^Obkervcr" beschäftigt sich ein­gehend mit den Hintergründen des Flottenkomoro- mifies. Er hebt hervor, daß in Rom und in London die Sorge über den Ausgleich des Staatshaushalts eine große Rolle ge­spielt habe. Für die Verhandlungen in Paris hat­ten Erwägungen über die Abrüstungskonfe­renz im Vordergrund gestanden. England habe den Standpunkt vertreten, daß die Abrüstungskonferenz des Jahres 1932 ein Fehlschlag »ein werde, wenn es nicht gelinge, eine Einigung zwischen Italien und Frankreich und deren Beitritt zu dem Londoner Flottenoertrag herb ei )u fuhren. Die franko fifd)e Re­gierung habe sich anscheinend zu Zugeständnissen gegenüber England bereitgefunden, weil sie die moralische Unterstützung Großbritan­niens auf der Abrüstungskonferenz brauche. Man könne daher sagen, daß die Ab­rüstungskonferenz der politische Mittelpunkt fei, um den sich die gegenwärtigen Flottenverhandlungen ge­dreht hätten. Hiermit solle noch nicht gesagt 'ein, daß jetzt ein geheimer politischer Pakt zwischen Frankreich und England abgeschlossen worden sei oder das England politische Zugeständnisse gemacht habe, wohl aber könne man es als Tatsache be­trachten, daß weder in_ London noch in Paris we­sentliche Grundsätze während der gegenwärtigen Verhandlungen geopfert worden feien. Hieraus könne man entnehmen, daß Frankreich seine alle These von der Sicherheit in vol­lem Umfang a u fr ech t e r h a l t e n habe. Oie Engländer sind zufrieden. Tie neuen Flottenzahlen. Kerne Lpitze gegen ein anderes Land.

London, 2. März. <WTD.) In französischen Kreisen wird erklärt, daß der vorige Woche in Paris gebilligte Plan in Rom keine tief­gehenden Aenderungen erfahren hat und

Die ZmienpolM vor dem Reichstag.

Stärkung der Siaatsautorität. Gegen die Verwilderung der politischen Sitten. - Verfassung und Wahlreform. - Schuh der Religion.

Abg. D. M u m m (Ehr.-Soz.) verlangte, daß im Innenministerium der Staatsgedanke Idxmbig bleibe. Erste Aufgabe des Staates sei es, seinen Gliedern Schutz gegen Gewalttätigkeit und Ungerechtigkeit zu geben. S>erun­bekannte Schutzman n", der im Straßenauf- ruhr sein Leben lasse, sei der gleichen Ehre wert wie der unbefannte Soldat: lineare aber sei es, im Aufruhr zu fallen. Ordnung und Gesetz gegen alle Gewalttätigkeit zu verteidigen, sei das Amt des Ministers, seine Aufgabe aber auch der Schutz der Seele und die Wahrung der Zucht. Christliche Eltern mühten ihre Kinder christ­licherziehen laifen ttürfen. Gegen ein Heber» greifen der bolschewistischen Unkultur mühten cttle zusammenstehen, die christlich und deutsch emp» finden.

Abg. Dr. Külz (Stp.) fordert, dah die Staats- autorität sich gegenüber der zunehmenden Radi­kalisierung der Politik durchsetzt, ebenso die Auto­rität des Parlaments gegen Sabotageversuche. Die jetzige Reform der Geschäftsordnung kann mir ein Anfang sein. Es handelt sich nicht um Mund- totmachung einer Opposition, sondern um Er­neuerung der politischen Anständig­keit. Zu einer Reichsreform gehört auch eine Wahlreform, bei der die Einzelpersönlich­keit wieder zur Geltung kommt und bei der durch kleinere Wahlkreise eine persönliche Ver­trauens beziehung zwischen Abgeordneten und Wählern wieder möglich wird. Unser Schulwesen bedarf einer Entwicklung in die Tiefe und nicht, wie bisher, in die Breite.

AOeümig eines Men Answer nngsschwindeis.

Raffinierter 2Riefen6efrug mit gefälschten Altbesihnachweisungen.

Das Dresdener Kriminalamt berichtet u. a.: fRad) dem Inkrafttreten des deutschen Anleiheablösungs- gesetzes ist die Stadtverwaltung Dresden durch Einreichung gefälschter Altbesitznach- wei jungen bei der Aufwertung nicht unerheblich geschädigt worden. Die Spur wies nach Amsterdam. Nach Holland entsandte Kriminal­beamte stellten fest, daß die Einreicher der Stücke zu einem Konsortium gehörten, das unter der Füh­rung eines in Amsterdam ansässigen Effektenmak­lers stand. Dieser hatte durch Vermittlung in Berlin wohnender Personen große Po st en deutscher Stadt- und P r o o i n z i a l a n l e i h e n außer von Dresden und Leipzig auch von Berlin, Hamburg, Düffeldorf, Münster und andere auf­kaufen und durch Mittelspersonen nachHolland bringen lasten. Dort wurden die Stucke a l s Altbesitz, der bekanntlich höher aufgewertet wurde, frisiert. Es wurden Nummern-Verzeichniste und Erklärungen angefertigt, wonach die Papiere angeblich feit dem in Frage kommenden Stichtag im Besitze der Einreicher gewesen waren. Die Derzeichniste wurden notariell beglaubigt. Als (Eigentümer der Stücke fungierten die Helfershelfer des Maklers, meist ältere Leute, die für ihre Gefäl­ligkeit eine kleine Entschädigung erhielten. Unter irgenwelchen Vorwänden wurden die Papiere dann den verschiedenen deutschen Stadtverwaltungen nachträglich zur Aufwertung einge­reicht. Hierbei wurden abermals falsche Erklä­rungen mitunter sogar eidesstattlich abgegeben. U. a.

hatte der Makler sich ärztliche A11 e ft f o r m u » l a r e drucken lasten, die von seinen Helfershelfern entsprechend ausgefüllt wurden, wonach der Ein­reicher s ch w e r k r a n k gewesen sei und des­halb seine Interesten nicht rechtzeitig habe wahr­nehmen können. Die Formulare Mirden mit ge­fälschten Unterschriften den StadfM:waltungcn vorgelegt. In einem Falle hatten die Betrüger einem Provinzialoerband einen Posten von 3 500 000 Papiermark-Anleihe unter dem Vorwand eingereicht, der Eigentümer sei in Indien gewesen und habe die Anmeldung der Papiere nicht rechtzeitig bewirken können. Fiel die Entscheidung der Stadt­verwaltung ungünstig aus, so gingen die Betrüger fogar soweit, Beschwerde bei den zuständigen Spruchstellen einzureichen. Soweit bis jetzt festge­stellt werden konnte, hat der Hauptbeteiligte i n etwa 100 Fällen deutsche Stadt- und Provinzial-Derwaltungen betrogen und schätzungsweise einen Reingewinn von über Vs Million Mark erzielt. Er hat kürzlich ohne Erfolg einen Selbstmordversuch unternommen. Nach den umfänglichen (Erörterungen des Kriminal­amtes kommt er für weitere ähnliche Betrügereien gegenüber anderen ausländischen Staa­ten China, Mexiko, Serbien, Rumänien in Frage. Der Schaden der Stadtoerwallung Dresden beträgt nach den vorläufigen Feststellungen etwa 38 000 Mark, worauf inzwischen namhafte Bettäge zurückerstattet worden sind. In Leipzig dürfte der Schaden ungefähr 120 000 Mark betragen.

Berlin, 2. März. Auf der Tagesordnung des Reichstags steht die zweite Beratung des Haushatts des Reichsinnenmimsteriums.

Abg. Dr. Schreiber (Z.): Wir leben nicht nur in einer Wirtschaftskrise, sondern ineinerKrise der Staatsgei innung unb des Staats- gefühls. Unser Volk kann weder an einer bolsche­wistischen Revolution, noch einer nationalsozialisti­schen Iniurrektion gesunden. (Beifall.) Wir brauchen eine Einheitsfront der Verantwor­tungsbewußten für lange Zeit. Der mora­lische und im Zusammenhang damit auch der wirt­schaftliche Kredit des deutschen Volkes wird in_ der ganzen Welt geschädigt, wenn bei uns gewalttätige (Elemente die Straße beherrschen. Demgegenüber muß die Regierung die Sicherung von Ruhe und Ordnung energischer durchfuhren als bisher. Die Strafbestimmungen gegen Was - fcnmißbrauch müsien nicht nur in den Ge­setzen stehen, sondern sie müllen auch unnach- sichtlich angewendet werden. (Beifall.) Eine schnAlere und ftrengere Ahndung der gegen die Staatsautorität gerichteten gewalttätigen Angriffe muß verlangt werden. Wer die Frecheit mißbraucht, darf sich nicht wundern, wenn er die Freiheit ver­liert. Die letzten Vorgänge im Parlament haben be­wiesen, welcher Mißbrauch mit der Bezeichnung Nationale Opposition" getrieben worden ist. Man ist nicht national, wenn man fluchtartig das Feld verläßt, statt positiv am Neuaufbau mit- zuarbetten. Wer in der Innenpolitik bei'ertiert, kann auch in der Außenpolitik nicht als Aktivist angespro­chen werden. Die Trennungslinie liegt aber heute zwischen den aufbauenden und den zerstörenden Kräften, zwischen denen die positiv und denen, die negatio politisch wirken. Wer diesen Saal fluchtartig verläßt, der kann mit dem Schlagwort Marxis- mus nicht die Tatsache verschleiern, dah er in den

Auf der Wolkenburg.

Von H. Wolfgang Seidel

Ich weih nicht, ob es bereits eine Abhandlung überbie fruchtbaren Mißverständnisse der Kind- hett" gibt; sie könnte ganz lehrreich sein unb bie schöpferische Macht der Phantasie anmutig beleuch­ten. Immer ist das Unbegriffene die Mutter des Traumes, un die besten jjreuben unseres Lebens sind nidjts anderes als Verwirklichungen dessen, was Jahre lang in den wolkenhaften Umrissen der Sehnsucht an unserem Horizont aufglänzte.

Als ich noch ein Knabe war, sah ich meinen Vater einst ein schwarzgebundenes Buch ziemlich gelang; weilt durchblättern. Dann aber kehrte er plötzlich zum Inhaltsverzeichnis zurück, lachte laut auf und sprach bie Worte:2ea, auch ohne Flügel, auf der Wolkenburg gerettet!"

Dieser geheimnisvolle Satz beschäftigte mich lange, und ich dachte darüber nach, auf welche Weise es Lea fertig gebracht habe, ohne den Besitz von Flü­geln die Äolkenburg zu erreichen? Wer war Lea? Aus welchen Bedrängnissen wurde sie gerettet? Unb: wo lag die Wolkenburg? Ich muß gestehen, baß ich schmerzlich enttäuscht war, als ich später er­fuhr, daß dreier anregende Satz einfach das In­haltsverzeichnis eines Nooellenbandes der Frau von Dallwitz darstellte; mein Vater hatte nur die vier Titel hintereinander vorgelesen und sich an dem scheinbaren Sinn ergötzt, der auf diese Weise her­an skam.

Immerhin: die Vorstellung der Wolkenburg war seitdem eine Art Geheimbesitz geworden, eine trost- volle Einbildung, deren man sich bediente, sobald das Leben unbehaglich wurde. Ich vermute, daß dies kein durchaus persönliches Erlebnis ist, sondern daß die meisten Menschen, ohne viel davon ju re­den, einen ähnlichen Zufluchtsort besitzen, der chr Bedürfnis nach Geborgenheit befriedigt und den sie sich am liebsten vorstellen, wenn sie vor dem Einschlafen den großen Beruhigungszauber spielen lasten. Wir kennen die Behauptung, daß der Mensch ein svri."''^jWesen fei; ist er es aber durchaus? Er scheint, einen nicht weniger ausge­prägten Wme . auf sich selbst zurückzuziehen, u-n? der der Unerreichbarkeit, des Unge-

zahrdetserns, oer Si(^rung

gegen jeden unb alle

schwersten und bittersten Jahren des deutschen Vol­kes sich abseits gestellt hat, während große Ar­beitermasten den Mut aufgebracht haben, die Politik der Verantwortung mitzumochen.

Abg. von Kardorff «DVP.): Wir be­dauern, daß durch das Erfordernis der Zweidrtt- telmehrheit fast jeder Fortschritt in der Weimarer Verfassung verbaut ist. Wir halten eine Ver- fasfungsreform für dringend notwendig. Wir wollen, dah der Reichspräsident gleichzeitig preußischer Staatsprä­sident wird, daß das Wahlalter her­aufgesetzt wird. Das jetzige frühe Wahl- alter hat dazu geführt, daß die Iugerck» heute umschmeichelt wird, statt erzogen zu werden. Wir brauchen auch eine Zweite Kam­mer, die durchaus keine reaktionäre Einrichtung zu sein braucht. Wir brauchen Wetter eine Ver­stärkung der Wacht des Reichspräsidenten in der Richtung, dah bie R eg i e r u n g s m a ch t sta­biler wird. Wir betrachten es als die Auf­gabe der Regierung, die Ctaatsautorität zu schützen vor den Angriffen jener radikalen Kreise, die aus den Bürgerkrieg hinstreben. Wir werden die Regierung in der Abwehr dieser De- strebungen unterstützen.

Abg. Petz old (W.-P.) bedauert die Kür­zungen im Haushalt des Innenministeriums, von denen besonders die Arbeiten wissenschaftlicher Art betroffen würden. Die äleberorgani- sation im Schulwesen ist zu beseitigen; ein neuntes Schuljahr erscheint uns nicht erwünscht. Eine Wahlreform ist unannehmbar, wenn sie nicht auch die Erhöhung des Wahlalters bringt. Auf die Technische Rothilfe kann angesichts der Kämpfe in der Arbeiterschaft immer noch nicht verzichtet werden. Der Redner verlangt Erhöhung der Wittel für das Kunsthandwerk.

ist durchtränkt mit Lustgefühlen.Tief die Welt verworren schallt..." warum ertönt uns diese Zelle immer von neuem? Warum schätzen wir die Vogelperspeitive? Vielleicht weil doch das einzelne Ich seine reinsten unb beglückendsten Stunden er­lebt, die Stunden der wahren Schau und des ganz beseelten Erfassens, wenn wir nicht im Maskenzuge einherschreiten, sondern den bunten Wirrwarr an uns vorüber schwanken lassen, unbeteiligt und den­noch hingegeben.

Dah es aber hier auf (Erben, eingefprengt in die wirklichste Wirklichkeit, Wolkenburgen gibt, sollte ich kürsiich auf einer Reise erfahren. Es war das Er­lebnis einer dreifachen Wandlung wie denn immer in den Stunden, da uns ein ganz reiner Zustand geschenkt wird, bas Gesetz der Stufen gilt ober bas Gesetz der Frucht, die ihre Schale abwirft unb zu­letzt noch ein silberweißes Häutchen, die letzte Hülle des Unsagbaren.

Einen Ruheort suchend, war ich auf Locarno ver­fallen, wohnte aber dort nicht wie die bekannten Fremden von Distinktion in einem jener Prunk- Hotels, die den See gleich Wachsblumen zwischen Blättern aus gestanztem Blech umkränzen, sondern lieh mich die Kehre des Berges hinauffahren, um dort an der Lehne eines steil abfallenden Hanges bequeme Unterkunft in einem ländlichen Hause zu finden. Dieses Haus war seltsam genug: man be­trat von der Straße aus einen Vorraum, flieg eine Kellertreppe scheinbar in das Innere der Erde hinunter und befand sich dann in einem anmutigen Saal, dessen Fenster und Glastüren auf einen tro­pischen Garten hinausblickten. Stieg man dagegen auswärts, so boten sich die Fremdenzimmer bar. In einem von diesen wohnte ich geraume Zett; erzäh­len aber will ich von seinem Balkon, der alsbald für mich der Schauplatz entzückender Täuschungen wurde.

Wer je in seiner Jugend die Wonnen kostete, die der Schulattas bereiten kann, dieses einzige Buch, das neben dem deutschen Lesebuch in jenen prähisto­rischen Zeiten wahrhaft geliebt wird, der wird bie geographische Betörung verstehen, beren Opfer ich zunächst wurde. Ich erlebte die Welt, aber ich er­lebte sie von oben, gleichsam ihr selbst entnommen unb dadurch ihrer Herr geworden. Hier war Ge- fialt, klar geformte Siedlung von Menschen, Ge­stalt des Sees und der Berge, Wasserlauf unb um-

Die cheiicheMe Saucrntoafi fordert Mische Marbeii der Aechlsoppesiiion.

Mainz, 2. März. (WSN.) In Mainz fand die stark besuchte 11. ordentliche Generalversammlung der rheinhessischen Bauernschaft unter dem Vorsitz des Gutsbesitzers Ernst Massel- Marienborn statt. Der Vorsitzende erklärte, daß in der Landwirtschaft ein Tiefstand zu verzeichnen sei, wie man ihn nie für möglich gehalten habe. Er krttisierte den Auszug der National s ozia- liften und der Deutschnationalen aus dem Reichstage. Die Bauern konnten diese Hal­tung nicht verstehen.

Der Präsident des Reichslandbundes Graf K a l ck r e u t h erklärte, mit allen Mitteln müsse ge­kämpft werden, um die Scholle zu erhalten und die Landwirtschaft wieder hoch zu bringen. Bisher habe es die Reichsregierung immer noch verstanden, die deutsche Landwirtschaft der Weltkrisis zu entziehen. Der Redner kritisierte die Hohe der Vcrwaltungskosten und bie Sozialpolitik. Das Pro­gramm der Regierung habe für die Landwirtschaft eine Enttäuschung gebracht. Die National­sozialisten unb Deutschnationalen hätten sich nicht der Verantwortung entziehen wollen. Iedenfall sei es ifjre Absicht geraden, das marxistische Ka - b i n e 11 so rasch wie möglich zu Fall zu brin­gen. Dies sei die Auffassung des Landbundes. Vor acht Tagen sei er selbst noch der Meinung gewesen, unter allen Umständen mit der Regierung zu ar­beiten, seit drei Tagen habe sichseineMeinung geändert.

An seine Rede schloß sich eine längere Aus­

sprache, worauf folgender Antrag einstimmig angenommen wurde: Der Vorstand des Reichs­landbundes wird ersucht, zur Abwehr schwer­ster Gefahren für das Landvolk auf die den Deutschnationalen und Nationalso­zialisten angehörenden Reichs- unb Landtagsabgeordneten einzuwirken, daß sie an den Beratungen der Agrarvorlagen im Reichstag teilnehmen.

Aus oder Welt.

Ein Auto fährt in eine Gruppe Schulkinder.

Ein von einer 22jährigen Dame ge­steuerter Personenkraftwagen fuhr in A a ch e n in der Mittagsstunde auf d en Bürgersteig und in eine Gruppe Schulkinder hinein, die gerade an einem Metzgerladen vorüber ging. Hierbei wurden vier Kinder zum Teil schwer verletzt. Der Schaufensterladen wurde zer­trümmert.

Velsehung des kehlen Grohherzogs von Oldenburg.

Friedrich August, der letzte regierenbe Groß- Herzog von Orldenburg, wurde am Montag im Mausoleum des Gerlruden-Kirchhoss beigesetzt. An den Trauerfeierlichkeiten nahmen u. a. teil von Verwandten des grohherzoglichen Hauses der Prinzgemahl der Äiederlande, Herzog Adolf von Mecklenburg, Prinz Adalbert von Preußen u. a., ein Vertreter des Reichs­

grenzter Wald, ja sogar Ländermarken in wettern Ausmaß und zugleich die Einheit des Landes, die aller Scheidelinien spottete, und endlich die in der Regel so schwer sichtbar werdende Destabildung eines reißenden Flusses mit allen Eigentümlichkeiten angeschwemmten Gerölls und die tief in den See hin­eingetriebene Landzunge, die sich vorsichtig besamte und Kulturland ward. Auf den Straßen erschien der Mensch in der symbolischen Gestalt der Wan­dernden, rauchende Schornsteine verkündeten die Mühsal des Tages, und das Glockenspiel einer steinernen Kirche entsandte jenen settsamen Wechsel­klang, der im Auf und 21b steigender Engel unb stürzender Dämonen den ewigen Kamps der Seele zwischen Licht unb Finsternis anbeutet. Alles bas aber war, wie mir schien, abgelöst von dem, der es beschaute, es war das ferne Spiel des Lebendigen, gedämpfte Freude und Schmerzgewalt, die wie Rauch verging, noch nicht verebbt und stumm ge­worden im Hasen des Friedhofs, den ich mit win­zigen Steinplatten unb flachen Hügeln gleichfalls erblickte, aber doch auch nicht viel wirtlicher als das Menschengewimmel eines alten Buches. (Eine noch wogende Welt warf kraftlose Schaumbläschen zu mir empor, unb ich dachte daran, daß alles dies dauernd im Begriff sei, Geschichte zu werden, Ver­gangenheit, über bie sich niemand mehr erregt, erstarrtes Gebilde wie der ewig gleiche Trutzturm der alten Kaiser, das auf einem schon zu Italien gehörenden Kap in den flimmernden Sonnenbunst hineinragte.

Inbessen genügten wenige Tage, um eine völlige Verwandlung hervorzurufen. Sie geschah burch ben Nebel, der im Tal ber Langobarden früher fast unbekannt war. Aus irgenbeinem Grunde hatte sich bie mit Wasserdampf gesättigte Luft abgekühlt und begann, die überflüssige Feuchte auszuscheiben, welcher Vorgang zugleich durch Windstille unter­stützt wurde. Auf das Gttter meines Balkons ge­lehnt sah ich das Sterben der Berge, deren kristal­lene Schneegipfel noch gestern unter dem Himmels­blau ruhten wie Sinnbttber der letzten Reinheit, der See ward unsichtbar, die Grölluier der Maggia sanken ins Nichts, bie steinerne Stabt, von geheim­nisvoller Krankheit ergriffen, schien sich aufzulösen, wurde zum Phantom unb war plötzlich erloschen. Eigentümlicherweise hiett der Nebel, nachdem er bereits die Hälfte des tropischen Gartens verschlun­

gen hatte, plötzlich inne: dessen fremdartige Ge­wächse glichen jetzt einer bedrohlichen Bejatzung, die Banane blies lautlose Fanfaren aus ihrem ge­rollten Drommetenblatt, der alte Kirschlorbeer ließ trotzig über lederartigen Blättern die Springbrun­nen seiner Dlütenständer aufsteigen, und die Ka­melie, porzellanhaster als je, glühte in purpurner Todesraserei. Aber das Seltsamste war doch, daß die verschwundene Stadt lebte, nicht mehr dem Auge, wohl aber dem horchenden Ohr, sie war jetzt wie ein S)a\i ber Vergangenheit, sie war Dineta!

Nur ein Hall, aber doch ber Hall des Vergäng­lichen ich erlebte nur die Einsamkeit, an deren Grenzen das Heer der Dinge zum Einbruch gerüstet ist. Durch bie unsichtige Luft mühte sich das All­tägliche: ber Laut ber Geschäfte, des ruhelosen Be­triebes, mühten sich grelle Worte erzürnter ober ungebulbiger Menschen, klang jetzt wimmernb eine Totenglocke, die den Staub zum Staube rief. Rings freilich türmten sich schon bie Pfeiler ber Wolken­burg, es war, als losten sich langsam bie geheim­nisvollen Seile, bie bas Traumeilanb noch mit ber (Erbe verketteten, unb das Rauschen des Lorbeers sehr sanft, saft wie ein Atemholen nur in schwa­chem Wind glich dem Versuch des Ausschwebens, glich einer Entrückung.

Unb bann kam bie Nacht unb mit ihr bie letzte Wandlung. (Eine unsagbare Stille breitete sich über das Lebendige, unb als ich ben Balkon betrat, war das Wunder der Wolkenburg vollendet. Dineta war verstummt; wohl sah ich, was bei Tage nicht zu erblicken war: die vielen hundert Lichter der Stadt in der Tiefe, aber sie hoben fein Haus und keinen Baum in die Helle. Sie waren offenbar Sterne, und ich befand mich über den Sternen im unge­heueren Raum. (Es war so dunkel, daß ich meine Hände nicht erblicken konnte settsames Gefühl der Leiblosigkeit!

In solchen Augenblicken ahnen wir das Unver­gängliche in uns, das Ich in feinem unzerstörbaren Bewußtsein, das sich surchllos hineinwirft in die Unendlichkeit, getragen von gewaltigen Armen. Unser Herz schlägt in gleichem Takt mit einem un­ergründlichen Herzen, das zu groß ist, um es zu begreifen, aber nicht zu groß, uns nahe zu fein. Und mir wissen, daß wir, endlich dem Beständigen zugewandt, so vieles nicht mehr ernst nehmen wen den, was uns einst beschwerte.