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Wirtschaft

Oie Sparkasseneinlagen Ende Juli.

sich ein Politiker wünschen Tarnt. Als Industrieller gehört er natürlich zu den Anhängern des Schutz­zolls, und auch den Reichszollvereinsbestrebungen steht er nicht fern. Wenn sich der Rachwuchs der konservativen Partei in erster Linie aus diesem Typus zusammensetzt, dann kann man um ihre fernere Zukunft besorgt sein.

Der neue englische Außenminister, aus dem liberalen Lager kommend, der Earl of Rea- ' g, hat mit seinen 71 Jahren nicht nur eine ____.pört sensationelle Vergangenheit, sondern auch eine unerhört glänzende Laufbahn hinter sich. Er kommt frisch aus den Flitterwochen, die er mit seiner zweiten Frau seiner ehemaligen Sekretärin im sonnigen Süden verlebte, ins Foreign Office und bringt, was Menschen- und Länderkenntnis betrifft, alles mit, was ein

Prüfung mit dem großen Generalstreik kam, war er an der rechten Stelle: durch Geduld, Zähig­keit, Würde und faire Handlungsweise führte er ihn zu einem Ende, daß beim Friedensschluß weder bei den Siegern noch den Besiegten, d. h. den Arbeitern, ein Stachel der Verbitterung zurückblieb. Das hat man ihm nicht vergessen. Aus feiner religiösen Gesinnung heraus strebte er überhaupt eine Versöhnung und Zusam­menarbeit zwischen Arbeit und Ka­pital an und hatte durchaus ein Auge für die neue industrielle Entwicklung der modernen Zeit. Ein liberaler Konservativismus, oder ein konser­vativer Liberalismus ist die Grundhaltung dieses Mannes, den von Snowdens Vudgetansichten nur sein Bekenntnis zu Schutzzöllen trennt

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wand herab ertönte:3um Donnerwetter, wo bleibt denn das verdammte Flugzeug?"

Dieser Ausruf des Tonmeisters war das ein­zige, was das Mikrophon bei der Probe aus­gezeichnet hatte. Alle Versuche des vierhundert­pferdigen Flugzeugmotors, sich bemerkbar zu machen, waren hinter den schallsicheren Atelier­wänden ungehört verhallt.

eingeschaltet und daS Flugzeug begann über den Ateliers seine Kreise zu ziehen. Tags darauf lieh sich die Direktion die Probeaufnahme zur Prüfung vorführen. Gespannt lauschte man, ob das Flugzeuggeknatter aus dem Lautsprecher er­tönen würde. Aber die Leinwand blieb stumm, bis plötzlich in die atemlose Stille hinein die ver­zweifelte Stimme des Tonmeisters von der Lein-

Sir Austen Chamberlain kennen wir aus eigener Erfahrung: Genf, Locarno, London, heim­liches Flottcnablommen u. a. Erinnerungen er­wecken keine Sehnsucht danach, ihn wieder im Foreign Office zu sehen. Seine Zeit ist vorbei. Dafür spielt fein Bruder Reville, zum zwei­tenmal Gesundheitsminister Englands, eine immer stärkere Rolle im konservativen Lager. Er hat soeben erst die Reorganisation der Partei voll­endet und ist Baldwins vertrautester Mitarbeiter. Sein Großvater war, wie alle Chamberlains vor ihm, ehrbarer Schuhmachermeister in London, und selbst sein Vater, der große Joseph Cham­berlain, der Imperialist, erlernte noch dieses Handwerk. Heute zieht die Familie Chamberlain einen ansehnlichen Wohlstand aus einer Schrau- bensabrik in Birmingham. Während Sir Austen, des Vaters Liebling und fein Geschöpf, bald hervortrat und eine lange parlamentarisch-poli­tische Laufbahn mit dem Hosenbandorden und höchster königlicher Gnade belohnt sah, obwohl nach Geist und Gaben fein Schicksal war, ein schwacher Schatten des großen Vaters zu bleiben, blieb fein Bruder Reville bis in die jüngste Zeit hinein im Hintergrund. Erst im ersten Kabinett Baldwin, 1923/24, zieht er als Schatzkanzler in die Regierung ein und trägt mit Baldwin zu­sammen die heute erst recht schwerwiegende Ver­antwortung für jenes großzügige Schulden- abkontmen mit Amerika, wo man aus Prestigegründen Pfund für Pfund der erhaltenen Anleihen zurückzuzahlen sich verpflichtete, wäh­rend man seinen frastzösischen Schuldner uner­hört leichten Kaufes davonkommen ließ. Im zweiten Kabinett Baldwin und jetzt wieder ver­waltete er das Amt des Gesundheitsministers, seine wirklichen Fähigkeiten liegen aber in der Verwaltung und in den Finanzen. Seine politische Karriere hat erst begonnen. Wahrscheinlich wird er noch eine Rolle zu spielen haben, denn auch feine politischen Gegner schätzen ihn hoch ein.

Ende Juli 1931 beliefen sich die Spac- bei den deutschen

Man kann in England Minister sein und doch nicht zum Kabinett gehören. So geht es jetzt z. B. dem würdigen Sir Au st en Chamber­lain, der sich heute mit dem, an sich natürlich wichtigen, Amt des Marineministers begnügen muß, aber nicht zum eigentlichen Kabinett Zu­tritt hat. Im Kabinett versammelt der englische Premier seine eigentlichen, vertrauten oder unent­behrlichen Mitarbeiter. Sie brauchen durchaus kein wichtiges Amt zu bekleiden. V a l d w i n z. B. ist nur President of the Council geworden, ein Amt, das keine praktische Bedeutung mehr hat. Aehnlich ist es mit dem Lord Privy Seal, dem Großsiegelbewahrer, oder dem Chancellor of the Duchy of Lancaster. Der eigentliche Titel des Ministerpräsidenten selbst heißt First Lord of the Treasury, obwohl er nicht das geringste mit dem englischen Staatsschatz zu tun hat. Es geht daraus schon hervor, daß das englische Kabinett immer noch eher aus Köpfen statt Technikern, aus Führern statt Exponenten einer Gruppe oder Interessenvertretung besteht. Zu den wich­tigstenReum" im Kabinett der Rationalen Regierung gehören Baldwin, Reville Chamber­lain, Cunliffe Lister, Lord Reading und Sir' Herbert Samuel.

Das Kabinett der Köpfe.

EngLandsneueMänner. GneintereffanteSchau über dieMitarbeiier Macdonalds

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Sparkassen auf 10805,99 Mill. Mk., gegen 11073,61 Mill. Mk. Ende Juni 1931. Der Berichtsmonat weist mithin eine Abnahme um 267,62 Mill. Mk., gegenüber einer Abnahme um 152,18 Mill. Mk. im Juni auf.

Im einzelnen betrugen die Einzahl un gen insgesamt 434,54 (Juni 529,82), davon aus Auf­wertung 5,18 (6,84) und aus Zinsgutschriften 10,18 (7,82) Mill. Mk. und die Auszahlungen

702,16 (682,00) Mill. Mk.

Die Scheck-, Giro-, Kontokorrent- und Depv- fiteneinlagen stellten sich Ende Juli auf 1270,13 Mill. Mk. gegen 1355,78 Mill. Mk. Ende Juni.

Die Statistik der Spareinlagen bei den deut­schen Sparkassen im Juli ergibt einen Rück­gang von rund 268 Mill. Mk. 2,4 Prozent des Bestandes zu Beginn des Derichlsmonats. Der Rückgang geht vor allem auf verringerte Einzahlungen zurück (419 gegen 515 Mill. Mk. im Vormonat und 626 Mill. Mk. im Juli 1930), weniger auf die Steigerung der Auszahlung, die sich zwar auf dem erhöhten Riveau des Vor­monats halten (702 gegen 682 im Juni und 535 Mill. Mk. im Juli 1930), aber nicht wesent­lich gestiegen ist. Bemerkenswert ist demnach vor allem, daß trotz der Vertrauenskrise erheb­liche Einzahlungen vorgenommen wurden. Insgesamt ist der Rückgang nicht so stark wie hier und da zunächst angenommen wurde. In den beiden Monaten Juni und Juli gingen die Einlagen um insgesamt nur 420 Mill. Mk.

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Stanley B a l dw in. weder nach Alter noch Aemtern ein heuriger Hase mehr, kehrt jetzt nach Downingstreet als Helfer Macdonalds zurück, dem er im Juni 1929 als geschlagener Minister­präsident das Feld räumen mußte. Führer der Konservativen, aber nicht mehr un­bestrittener Führer. Die Jugend und die wilden Männer um die Presselords Deaverbrook und Rothermere, wahrscheinlich auch der kapriziöse Winston Churchill möchten ihn am liebsten ab­halftern. Aber bisher blieb Baldwin, wenn immer die Machtprobe in der Partei kam, Sieger. Man sagt, und es ist- wohl auch so, daß er Führer bleibe, weil es zur Zeit keinen andern gäbe. Aber das ist nicht der einzige Grund. Denn Baldwin ist beliebt, nicht nur bei den City- leuten, Industriellen und den Edelleuten, son­dern auch bei den Arbeitern, den Pastoren und kl-^nen., Leuten. Denn Baldwin scheint der perso­nifizierte englischecommon sense, der ge­sunde Mens nverstand zu sein. Aller Phrase, allen Lloyd Georgeschen Hexereien ab­hold. Ein schlichter, etwas schwerfälliger Mann, mit der kurzen Pfeife in jeder Lebenslage, alles andere als elegant. Er könnte ein gebildeter Landpastor fein, der gerne Blumen und Schweine züchtet. Das letztere tut Baldwin übrigens mit Erfolg. Ein Schüler Harrows zwar, aber kein Musterschüler und doch ein Typ und Produkt Les englischen Bildungsideals. Belesen und be­wandert in Büchern, Ländern und Landschaften und in der Bibel. Seine tiefe, einfache und unkomplizierte Frömmigkeit ist fein Kompaß tn den Wassern der Politik, in denen er eigent­lich nichts zu tun hatte, denn er kommt aus der väterlichen Eifenbranche, Baldwin Ltd.

Seine politisch-parlamentarische Lausbahn hat nichts Sensationelles an sich. Bon 1917 bis 1921 Sekretär im Schatzamt wird er ganz plötzlich 1922 nach Donar Laws Tod zum Führer der englischen Konservativen gewählt, weil er sich für den echten, alten englischer Typ des nüchternen, bra­ven, ehrlichen aber bombensicheren Führers ein* fetzte. Es galt England von den Verwirrungen und Teufelskünften der Koalitionszeit der Lloyd Georges und Churchills zu reinigen und dafür war Baldwin der rechte Mann. So bildete er 1923 die erste konservative Regie­rung und kehrte nach einem kurzen Labour- zwifchenakt 1924 zum zweitenmal als Pre­mier an die Macht zurück. Als die Stunde der

zurück. Regional zeigen sich diesmal nicht so erhebliche Unterschiede wie im Juni.

Zur Wiedereröffnung de- Börsenverkehrs.

In den Räumen der Frankfurter Handels­kammer fand gestern zwischen den Interessenten, Bankiers, Kurs- und freien Maklern eine Aus­sprache über die bevorstehende Börseneröff- nung statt. Der Vorsitzende des Dörsenvorstan- des, Oscar Oppenheimer, legte die Schwie­rigkeiten dar, die bei der bevorstehenden Wieder­eröffnung der Effektenbörse überwunden werden müssen. Er richtete einen sehr eindringlichen Ap­pell an die jetzt für alle Mitglieder der Börse geltende oberste Pflicht der Selbstdisziplin im In­teresse der Allgemeinheit und des Frankfurter Platzes, sowohl beim Handel, als auch bei dem ganzen übrigen Verhalten. Er machte ausdrück­lich darauf aufmerksam, daß ein Handel z u anderen als offiziellen, von Kurs­maklern notierten Kursen nicht er­laubt sei.

Oie Leipziger Messe.

Der Verkehr in den Leipziger Messe­häusern hält sich gegenüber Montag in ziem­lich gleicher Höhe und hat vielfach sogar zuge­nommen. Während der Besuch der B a u m e s s e mehr einen informatorischen Charakter hat, bleibt der Geschäftsgang bei der M ö b e l m e f s e, be­sonders in Kleinmöbeln, belebt. Auch der Umsatz in Dekorationsstoffen für die Innenausstattung ist auf der Textilmesse nicht unbedeutend. In der Porzellan- und Glasindustrie vollzieht sich das Geschäft ungleichmäßig. Die Umsätze in

Außenminister sich wünschen kann.

Rufus Daniel Isaacs wurde als Sohn eines kleinen jüdischen Zuckerhändlers im Castend von London geboren. Zu einer sorgfält gen Ausbildung in einer Grarnmar School und in Harrow oder Eton fehlten die Mittel. Der junge Rufus kam im Ausland in die Lehre, zuerst in Brüssel, dann in Hannover und Magdeburg. Aber die alte Kai­serstadt an der Elbe, die 1874 sicherlich weniger interessant war als heute, war nichts für einen 14jährigen Jungen, der darauf brannte, die Welt kennenzulernen. Rufus Isaacs riß seinem Lehr­herrn aus und ließ sich als Schiffsjunge auf einer Fregatte nach Indien anheuern. Rach dreijähriger, mühseliger und stürmischer Fahrt lan­dete er 1877 in der Mündung des Ganges im Märchenland Indien, dos er fünf Jahrzehnte später im Hermelin des Vizekönigs regieren sollte. Aber Rufus Isaacs kehrt nach London zurück und versucht es mit dem Advokaten. Mit unglaublicher Zähigkeit brachte er die für die Ausbildung er­forderlichen Mittel zusammen. Sein scharfer Ver­stand und feine forensische Kunst verschafften ihm schnell eine große und einträgliche Praxis. Schon nach kurzer Zeit verfügte er über ein Einkommen, wie es nur englische Rechtsanwälte von Ruf er­reichten. In das Unterhaus kam er als liberaler Abgeordneter für Reading. 1910 wurde er Gene­ralstaatsanwalt. Drei Jahre später Lord-Ober­richter von England übrigens mit 160 000 Mark eine der bestbezahlten amtlichen Stellungen U"d damit Mitglied des Oberhauses.

Wäre der Krieg nicht gekommen so hätte Rufus Isaacs fein Leben als Lord-Oberrichter abge­schlossen. Der Führer des ersten Kriegskabinetts,

im Reichstag hatte ich zu einer Vorlage sehr viel zu sagen gehabt, und deswegen wurden mir von mehreren Parlamentskollegen gründlich die Leviten gelesen. Ich wollte noch einmal das Wort nehmen, aber da war schon die Debatte abgeschlossen. Was nun? In diesem Augenblick erhob sich der Kanzler von seinem Platz, erhielt das Wort und sagte zu dem Hohen Hause:Ich werde für den Abgeordneten Gerlich sprechen!" Und verteidigte meine Ansicht so gut, wie ich es wohl kaum vermocht hätte.

Und dann kam das Jahr des Abschieds. Richt lange vor dem Ausscheiden Bismarcks aus den Diensten des jungen Kaisers hatten mich seine Gegner schon ausgebootet, ich kehrte wieder zum diplomatischen Dienst zurück, ging nach Indien, nach der Türkei, wie mir der Orient immer eine wichtige und interessante Arbeitsstätte schien. Ein­mal jedoch, im Jahre 1894, sah ich den Kanzler wieder. Ich suchte ihn in Varzin auf und bat um die Erlaubnis, einen Huldigungszug meiner Landsleute von Westpreußen zu ihm führen zu dürfen. Gr willigte nach einigem Sträuben ein. Und nun brachte ich in meinem Heimatkreis den Marsch erst einmal zu Papier. Ich organi­sierte jeden Reisetag, denn für zweitausend Men­schen muß gesorgt werden. Alles klappte denn auch wunderschön: wir trafen in Varzin ein und huldigten dem Kanzler des Deutschen Reiches. Die Wiedersehensfreude war auf beiden Seiten groß, der Kanzler ließ mich nicht los, wollte mich nicht einmal für die kurze Zeit freigeben, die für die Begrüßung der Fürstin notwendig war. Und bis zum letzten Augenblick mußte ich ihm erzählen: er interessierte sich ja für so viele Dinge. Das war das letzte Mal, daß ich den Kanzler sah. Gelegentlich wohl erhielt ich noch von ihm ein paar freundliche Zeilen, die Antwort auf Grüße, die ich ihm aus meiner Konsulartätigkeit schickte. Dis eines Tages die Rachricht von seinem Ableben kam, sie erreichte mich fern von der Heimat, und so war es mir versagt, den großen Kanzler auf seiner letzten Fahrt zu begleiten.

Aber gern und immer wieder erinnere ich mich der Tage, da ich Handlanger des Fürsten sein durfte, Der Deutschland zum mächtigen Reiche in der Welt gemacht hatte. E. W,

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die Schrecken dieser Rächt von mit einreichen. Gr gab ihn mit der RandbemerkungMit schaudern­dem Interesse gelesen" an die Kaiserin weiter, wir sanden das Dokument nach vielen, vielen Jahren.

Aber Sie wollen ja von Dismarck hören. Amerika betrieb in Diesen Jahren eine aus­gesprochene Schutzzollpolitik, die ich aufmerksam verfolgte. Heber meine Deobachtungen gab ich einen sehr gründlichen Bericht nach Berlin, und der kam dem Reichskanzler in die Hände. Er wurde auf mich aufmerksam, und eines Tages kam die Berufung nach Berlin. Bismarck ver­folgte natürlich damit sehr reale Dinge: auch bereitete er zu dieser Zeit für Deutschland eine umfassende Schutzzollgesehgebung vor, und da war ich ihm als Fachmann natürlich gerade recht. Zunächst einmal leistete ich allerlei wich­tige Vorarbeit im Handelsministerium, und als dort meine Aufgabe erfüllt war, berief mich der Kanzler in das Auswärtige Amt, wo ich sehr oft mit ihm zusammenkam und mit ihm gemeinsam an der Verwirklichung seiner Pläne arbeitete."

Wie war Bismarck eigentlich als.Vorgesetzter^, wenn das Wort hier einmal gebraucht werden darf, Herr Geheimrat?"

Wie wird man sich das vorstellen? Sicher doch wohl so, als daß da ein Tyrann, ein Despot im Auswärtigen Amt herrschte und allen seinen Mitarbeitern seinen Willen aufzwang. Das ist aber ganz und gar falsch, Bismarck forderte zwar von jedem seiner Beamten unglaublich viel, aber nicht zuviel. Er setzte voraus, daß jeder auf das genaueste und sorgsamste seine Pflicht tut, aber er lieh in allem Eifer der Arbeit doch den Menschen gelten. Er bekam es oft und immer wieder fertig, mich nach Schluß der Dienststun- den, wie sie offiziell vorgeschrieben waren, zu sich in das Kanzlerpalais zu laden, mit ihm zu speisen. Und dann unterhielten wir uns aufs beste über seine Erinnerungen, sprachen seine Pläne durch, und plötzlich waren wir wieder mitten drin in unseren dienstlichen Angelegen­heiten. So kam es, daß mir kein Auftrag je lästig wurde. Für jeden seiner Beamten trat Bis­marck sehr entschieden ein, wenn es einmal Zank und Streit mit anderen Stellen gab davor sind auch die Behörden nie verschont geblieben. Einmal da war ich konservativer Abgeordneter

Asquith, berief Isaacs tn daS Schatzamt, fca8 Lloyd George als Kanzler verwaltete. Von Isaacs, der inzwischen in den Ritterstand erhoben war, stammte der Plan, sofort bei Ausbruch des Krie­ges ein Moratorium zu erklären, aber zu­gleich vom Staate die Zahlung der Wechsel, die sich auf Hunderte von Millionen Pfund beliefen, garantieren zu lassen. Es war ein kühner Gedanke, aber er glückte. Sir Rufus wurde jetzt mit einer Baronie geehrt und seine finanziellen Fähigkeiten dazu benutzt, um als Präsident der eng­lisch-französischen Anleihe-Kom- Mission nach Amerika zu fahren und dort die notwendigen Gelder für die Kriegführung der Alliierten zu beschaffen. Seine Verdienste bei der Beschaffung der amerikanischen Anleihen und zweifellos wohl auch bei dem Eintritt der USA. in die Reihe der deutschen Kriegsgegner wurden dadurch belohnt, daß er bereits 1917 zum Earl, Ende 1917 zum Viscount of Reading erhoben wurde. Dann legt ihm fein König, ein in der englischen Geschichte unerlebter Vorgang, 1921 Hermelin und Purpur des indischen Vizekönigs um die Schultern. Mit königlichen Ehren empfan­gen, steigt er in Bombay an Land und findet ein rebellierendes, die Folgerungen aus dem Krieg ziehendes Indien vor. 1926 verläßt er es unter königlichem Salut, noch immer-gälgrtb, aber doch vorläufig ruhiger und geordneter. Run soll er die englische Außenpolitik leiten. Man weiß nichts über feine An- und Absichten. Aber soviel hat er an Ort und Stelle gesehen, daß nur ein angesehenes, kraftvolles England sein indisches Reich erhalten wird.

*

Marcus Samuelist qls Lord Dearsted der Schöpfer der großen Shellgruppe im Welt­petroleumgeschäft. Sir Herbert ist ebenfalls mit dem Petroleum verschwägert. Sein Hauptver­dienst für England liegt aber in der Gewinnung der jüdischen Sympathien im und nach dem Krieg durch die Schaffung des Mandats Palästina. Er wird als erster Hoher Kommissar in das Land seiner Ahnen gesandt und es gelingt ihm, dis dort hart aufeinanderstohenden jüdischen und ara­bischen Interessen ohne Blutvergießen ausein­anderzuhalten. Es gelingt ihm auch, die Inter­essen der britischen Petroleumgruppen im Auas zu behalten, denn in der Rähe liegen die Mossubi quellen und eine direkte Oelleitung soll zum pa­lästinensischen Hafen Haifa gehen. Später wird er einer der wichtigsten liberalen Führer neben Lloyd George, und als dessen Vertreter übernimmt er jetzt das englische Innenministerium.

De? Mim, der Vismarck kannte.

Dieser Tage beging der Wirk!. Legations­rat a. D. Hermann Gerlich, ein ehe­maliger Mitarbeiter des Fürsten Bismarck, in Berlin seinen 87. Geburtstag.

Ein Haus im westlichen Berliner Vorort Friedrnau, freundlich, hell, luftig. So vorbild­lich hat man einmal in der Vorkriegszeit gebaut, und trotzdem ist das Schlagwort von Der Miets­kaserne aufgekommen. Still und ruhig ist es in dieser Straße: es muh schön sein, hier einen ge­segneten Lebensabend zu verbringen. Aber der Mann, der mich da in seinem Studierzimmer empfängt, der 87jährige Kaiserliche Wirkl. Ge­heimrat Gerlich, denkt noch gar nicht das zeigt der erste Blick in die so energischen leb­haften Augen an den geruhigen Lebensabend. In ihm lebt noch Kämpfergeist.

Ich lebe schon wer weiß wieviel Jahre fern­ab von meiner Heimat, aber ich kann nicht die schöne Sitte des geraubten Westpreußens ver­gessen, den Gast mit einem Trunk zu grüßen!", so eröffnet der freundliche Gastgeber das Gespräch. Hnb wir stoßen noch einmal nachträglich auf den soeben begangenen Geburtstag an.Was wollen Sie von mir hören?"

B i s m a r ck", sage ich nur,Herr Geheimrat, Sie sind doch einer der ganz wenigen Menschen in Deutschland, die ihn noch persönlich kannten. Und fast der einzige, der mit ihm zusammen­gearbeitet hat. Wie kamen Sie zum Reichs­kanzler?"

Run, das hat alles ein bißchen Vorgeschichte. Rach den siebziger Jahren mußte ich al8 junger Diplomat zunächst nach Aegypten und dann nach Amerika, nach Reuyork. Da hatte ich als frisch- gebackener Ehemann gleich einmal Malheur. In dem Hotel, das uns beherbergte, brach zu nächt­licher Stunde ein Brand aus. Die Treppen waren verqualmt, von der Feuerwehr weit und breit noch nichts zu sehen. Kurz entschlossen nahm ich da meine Frau in die Arme und sprang mit ihr aus dem Fenster. Sie kam glücklich unten an, ich hatte mir allerdings einen Beinbruch zugezogen und war für geraume Zeit dienstunfähig. Liebri­gens ließ sich der alte Kaiser einen Bericht über

Sir Philip Cunliff-Lister, diesem jun­gen, 47jährigen und ehrgeizigen Politiker sagt man nach, daß er eine ziemliche Aehnlichkelt mit dem Typ Menschen habe, die wir auch in Deutsch­land als Anbeter des Erfolgs, gesellschaftliche Löwen, tüchtige Finanziers und Geschäftsleute, ehrgeizige Streber ohne innere Be­rufung mit Schaudern als Führer haben ver­sagen sehen. Begabt und energisch, aber ohne das Kabel zum Ethisch-Moralischen, höflich und ge­wandt bis zu Aalglätte, aber ohne Wärme und Verantwortungsgefühl. In Baldwins Umgebung muß er sich merkwürdig ausnehmen. Er war schon einmal Handelsminister und wurde jetzt sogar ins engere Kabinett ausgenommen. Offizier, Industrieller Jurist, Mitarbeiter der Firma Vickers, reich und angesehen in der Gesellschaft, also über alle Voraussetzungen verfügend, die

Zeitschriften.

Im Juliheft der ZeitschriftEuropäische Gespräche" (Verlag Dr. Walther Rothschild, Berlin-Grunewald), zeigt 21. Mendelssohn Bartholdy am Fall derMinderheiten im Irak", wie die Son- derpolitik der Großmächte in und neben dem Völker­bund mit ihren Jnteressenverslechtungen die Man­datsidee aushöhlt, so daß der Völkerbund sich seiner vielleicht wichtigsten Schutzpflichten oft nur formell zu entledigen vermag, ohne den Völkern und Mino­ritäten seinen Beistand leisten zu können. Professor William Rapvard (Genf) gibt ein umfassendes Bild der Gesamtmöglichkeiten des Völkerbundes, die, wenn, die Völker wollen, durch ihn Verwirklichung finden.' können.

Berlin er, Monatsh e ft e", 9. Jahrgang, Augustheft 1931. Quaderoerlag G. m. b. H., Berlin NW 6, Einzelpreis 1,50 Mark. Graf Montgelas bringt seine ausführliche kritische Würdigung der Werkes des amerikanischen Historikers Professor Bernadotte E. Schmitt über den Ursprung des Welt­krieges zum Abschluß. Graf Waldersee weist die Am schuldigungen zurück, die der amerikanische Heer­führer während des Weltkrieges General Pershing in seinen Memoiren gegen die deutsche militärische und politische Leitung erhoben hat. Eduard Ritter von Steinitz gibt eine Darstellung der öster­reichisch-ungarischen Außenpolitik um die Wende 1912/13 auf Grund der österreichischen Aktenpubli­kation.

DieI l l u st r i r t e Z e i t u n g" (I. I. Weber, Leipzig) weist in der neuesten Nummer u. a. auf den großen kulturellen Wert der deutschen Gaststätten hin zu einer Zelt da das deutsche Gastwirts- gewerbe schwer um seine Existenz ringt. Den Gast­wirt, der sich vom behäbigen Wirt in Hemdsärmeln zum großen Hotelier und Restaurateur entwickelt hat, stellt uns Harry Nitsch in einem kleinen Aufsatz vor. Das Heer der dienstoaren Geister, das er be­fehligt, muß erst durch lange Schulung lernen, dem Gaste zu dienen und feinen Wünschen entgegenzu­kommen. Ein ganzseitiges Tableau bietet Ausschnitts aus einer Berliner Kellnerschule. Ein Loblied auf den Rebentrank singt Alexander von Gleichen-Ruß- wurm in einem ArtikelSorgenbrecher Wein", und die Urgeschichte des Bieres behandelt Dr. Max Kem­merich. Die eingeftreuten Bilder Zeichnungen, Ge- mälde, Stiche zeigen Gaststätten aller Zeiten.