Ausgabe 
2.7.1931
 
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Hl 152 Erstes Matt

181. Jahrgang

Donnerstag, 2. Juli 1931

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Dte 3Uuftnerte Viehenrr ^amilienbltiia 5 et mal rm Bild Die Scholle monats-BejegsDrets: 2.20 Betchsmarb and 30 5ieid)spfenwtg für Träge» lohn, auch bei Nichte» scheinen einzelner Nummern infolge höher« Gewalt.

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhefsen

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Dr. Friede. Wilh. Lange. DeranttvoNlich für Dolttik Dr. Fr. Mlh. Gange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumfchein und für den Anzeigenteil Max Filter, fämtlich in (Bieben.

Vor der entscheidenden Konferenz in Paris.

Eine neue Rote Amerikas. Heute abend erneute Besprechung zwischen Melton und den Franzosen.

Roch fühlbare Meinungsverschiedenheiten.

Heute abend neue Litzung.

Paris, 1. Juli. (f)aoas.) Die französisch-amerika­nischen Verhandlungen über den Vorschlag des Präsidenten Hoover wurden heute nachmittag 15.15 Uhr im Innenministerium fortgesetzt. An der Sitzung nahmen teil Schahsekretar Mellon, der amerikanische Botschafter L d g e. Ministerpräsident Laval, Autzenminister B r i a n d. Finanzminisler Flandin und Unterstaatssekretär Jrangols- Poncet. 3m verlause der Sitzung kam der Budgetminister p i e t r i hinzu. Die Sitzung dauerte bis 17 Uhr. Line neue Sitzung ist für mor­gen 21.30 Uhr anberaumt worden.

lleber den verlaus der Sitzung veröffentlicht die havasagentur folgende Mitteilung: Schahsekretär Mellon und Botschafter Ldge haben den Wort­laut eines Dokumentes bekanntgegeben, das dazu bestimmt Ist, die Stellungnahme der amerika­nischen Regierung bei den in (Hang befindlichen Verhandlungen zu klären. Diese Denkschrift lätzt gleichzeitig den willen der amerikanischen Regie­rung, die Verhandlungen fortzusehen, aber auch d i e noch ziemlich fühlbaren Meinungs­verschiedenheiten zwischen den beiden Re­gierungen erkennen. Das Dokument wird in Washing­ton veröffentlicht und von den in Frage kommenden französischen Ministern studiert und im verlaufe eines für morgen anberaumten Minlsterrates ge­prüft werden. Das Dokument umfaht sieben Schreibmaschinenseiten, in denen die amerikanische Regierung alle technischen Seiten des Problems ins Auge saht.

Washingtons neue Note.

Hoovers letztes Wort. Tie Lage verlangt auch von Frankreich Lpscr

Washington, 2.Juli. (£11.) Das Im Auf­trage des Präsidenten Hoover von Castle imb Morrow ausgearbeitete Memorandum bewegt sich, abgesehen von einer vorsichtigeren Formulie­rung im allgemeinen auf der Linie der gestrigen offiziösen Regierungserklärung. Die Rote bringt klar zum Ausdruck, dah Frankreich durch die Ablehnung des amerikanischen Vorschlages im Lause des nächsten Jahres rund 100 Mil­lionen Dollar mehr ein büßen würde, als wenn es dem Hooverplan zustinrmte. Zweifel­los würde Deutschland, wenn der Hooverplan abgelehnt werden sollte, ein Moratorium für die geschützten Zahlungen erklären.

Selbst unter der Voraussetzung, dah Deutschland forlfafjren würde, die ungeschützten Zahlungen zu leisten, würde Frankreich Zwar annähernd 100 Millionen Dollar erhalten, anderseits aber gezwungen fein, 100 Millionen Dollar als Ga- rantiefonds an die B3Z. und weitere 100 Mil­lionen Dollar an die Vereinigten Staaten und England abzuführen. Das bedeute alfo einen

Verlust von 100 Millionen Dollar.

3n dem Memorandum wird erneut betont, baß die Gefahr einer Krise in Deutsch­land noch immer drohe. Schon der Hooverplan allein habe das Vertrauen wiederkehren lassen. Das habe sich in der Steigerung aller Waren-

und Effektenpreise auf allen Weltmärkten wider- gespiegelt. Die Bedingungen, die Frankreich an die Annahme des Vorschlages knüpfte, ständen nicht im Einklang mit dem Geist deS Vorschlages desPräsidenten. Sie seien vielmehr geeignet, die beabsichtigte Hilfsaktion für Deutschland zu verhindern.

Das Memorandum wendet sich dann einzelnen umstrittenen Punkten zu. Amerika fei der Ansicht, dah sämtliche gestundeten Zahlungen über einen Zeitraum von 25 Jahren fundiert werden sollten, und ^toar zu einem Zinsfuß, der dem von den Gläubtgerregierungen auf die eigene öffentliche Schuld gezahlten Durch- schnittssatz entspreche. Wesentlich sei natürlich, dah Zahlungen auf Grund aller bestehenden Ab­machungen nach Ablauf eines Jahres wieder ausgenommen würden. Aus diese Weise wäre die Fortdauer der genannten Abmachungen kei­neswegs gefährdet.

Die Regierung der vereinigten Staaten fei damit einverstanden, dah Deutschland den un- geschühten Teil der Annuität an die B3Z. ab- sühre, vorausgesetzt, dah der Betrag der Reichs­regierung aus dem Anleihewege unverzüglich zurückerstattet werde. Der französische Wunsch aber, dah diese Anleihe nicht der deutschen Re­gierung, sondern den deutschen Industrie- und Finanzkonzernen zur Verfügung gestellt werde, sei unvereinbar mit dem Hilfsplan des Präsi­denten. Auch die Anregung der französischen Regierung, dah ein Betrag von 25 Millionen Dollar aus den ungeschützten Zahlungen den durch Ausfall der Reparationsleistungen beson­ders geschädigten mitteleuropäischen Ländern in Form einer Anleihe zuzuweisen sei, stelle eine Verletzung des hoooerschen Vorschlages dar.

Die Washingtoner Regierung halte zwar daran fest, dah der gestundete Betrag über 25 Jahre

verteilt werde, doch sei eine Einigung übet diesen Punkt nicht unmöglich, wenn andere Streit­sragen aus der Welt geschasst würden Besonder-, wenn während der beiden nächsten Jahre keine Rückzahlungen geleistet zu werden brauchten

Die Befürchtungen Frankreich-, dah es ge­zwungen werden könnte, d ^n Garantie- fonds in die BJZ. einzuzahlen, seien grundlos, weil alle Regierungen den, amerikani­schen Vorschlag zugestimmt hätten Wenn Frank­reich wirklich Angst habe, dann sollten die übrv- gen Regierungen ausdrücklich Frankreich von bei Besorgnis befreien.

Die französische Forderung aber, dah die von Deutschland während des Moratoriumsjahres an die V3Z. abgeführten und auf dem Anleihe­wege wieder zurückerworbenen Beträge dem Garantiefonds in der weife gutgefchrieben wer- den sollten, als ob Frankreich selbst die Garantie­zahlung geleistet hätte, stehe nicht nur mit de» Geiste, sondern mit dem wesen des hooverschen Angebots in völligem Widerspruch. Auherdem verletze diese Sonderforderung die Vorschriften des Houngplanes, was die französische Regie­rung doch besonders ängstlich zu vermeiden wünsche.

Die Regierung der Vereinigten Staaten tonne über eine Abänderung des VoungplaneS selbst­verständlich nicht verhandeln, da sie ihn nicht unterzeichnet habe. Abschließend appelliert dis Washingtoner Regierung nochmals an Frank­reich und gibt der Hoffnung Ausdruck, dah die Pariser Regierung einen Weg finden möge, die vorhandenen Memungsverschiedenheiten auszu­gleichen und den Plan Hoovers in Wirvamkeit zu sehen, da kein Ausweg au8 den gegen­wärtigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten möglich sei. ohne dah alle Staaten vorübergehende Opfer auf sich nähmen.

Optimismus in Pans.

Oer erste Eindruck der Note. - Man hofft wieder auf eine Verständigung.

Paris, 2. Juli (WTB. Funkspruch.) Don gut unterrichteter französischer Seite verlautet, dah nach der Heberreichung des amerikanischen Aide Mfcnoire in maßgebenden französischen Krei­sen wieder größerer Optimismus herrsche, da die amerikanische Rote sehr viel entgegenkommender gehalten fei, als man in Paris am Mittwochnachmittag angenommen hatte. Die amerikanische Denkschrift wird von fast allen Blättern eingehend wiedergegeben. Der all­gemeine Eindruck, den die Morgenpresfe wieder­spiegelt, ist der, daß durch die Veröffentlichung der Denkschrift der Diskussion jetzt eine bessere Grundlage gegeben worden sei.Petit Pa­ri s i e n" meint, man dürfe nicht glauben, dah nach den durch daS Dokument beleuchteten Mei- nungsverfchiedenheiten die französisch-amerikani­schen Verhandlungen notwendigerweise in eine Sackgasse führen mühten. Die Debatte gehe wei­ter. Das Blatt hält es für sehr möglich, daß evtl, die Signatarmächte des Voung- plans einschließlich Deutschland zur Aeuherung aufgesordert werden. Wenn die gegenwärtige Debatte nicht durch eine Der- ständtgung in letzter Stunde abgeschlossen werden würde, so könnte, wie das amerikanische Me­

morandum dies übrigens versteckt anrege, eine Kons er enz einberufen werden mit der Auf­gabe, gewisse Bestimmungen deS VoungplanS über das Moratorium zu klären.

DerMat in" ist ebenfalls der Ansicht, dah eigentlich nurnocheineinzigesschwereS Hindernis für die Regierung bestehe, nämlich die Frage des Garantiefonds. DaS amerikanische Dokument beweise, wie energisch Frankreich seine Position verteidige und wie die Amerikaner Wert darauf legten, Frankreichs Stel­lungnahme zu verstehen.

,L ' Oeuvre" schreibt: Wenn auch vielleicht gesagt wird, es sei kein Fortschritt in den ameri- kamsch-franzosischen Verhandlungen fefUuftelten, so muh dennoch hervorgehoben werden, daß trotz der Washingtoner Methode und des ent­mutigenden deutschen Widerstande- wegen der schweren Folgen eines ScheitemS der Verhandlungen eine Verständigung glaubhaft erscheint. Das radikale Organ ,2 a R 6 publique" sieht schon allein in der Tatsache, dah die Verhandlungen fortgesetzt wer­den, einen Erfolg.

Auch die beiden Cottzblätter,L'Ami dul Peuple" urü>Figaro" zeigen sich opti^

Ostland und Ofibund.

Don Pfarrer Pelz, Kastel* fvorm. Derb. Direktor im Weichselgau).

Als vor nunmehr drei Jahren der Deutsche O st b u n d zum ersten Male im Westen, in DuiS- burg-Köln, zu seiner außerordenllichen ReichS- tagung zusammentrat, da horchte der gesamte Westen auf, und wir alle verspürten etwas da­von, daß in der Tat Ost und West im Leben der deutschen Ration eine SchickfalSgemein- schäft bilden. WaS feindliche Schreckensherr­schaft bedeutet, daS haben uns die ja nun glück­lich überwundenen Desatzungsjahre gelehrt. So­weit man heute in Deutschland von Freiheit reden darf, ist der Westen wieder frei. Das Ostland aber seufzt nach wie vor unter dem Druck und der Willkür deS unS. feindlich ge- sinntenPolentumS. Gegen jedes Recht fiel ihm im Dersailler Vertrage der gesamte deutsche Osten zwischen Memel und den Sudeten uralter deutscher Kulturbesitz unverdient in die Hände, und seine fortgesetzte Gier nach weiterem deut­schen Land bedroht unausgesetzt den Frieden Deutschlands und damit auch Europas. Durch den geraubten und gefährdeten Osten ist direkt oder indirekt jeder Deutsche in Mitleidenschaft gezo­gen. So groß die deutsche Rot allüberall auch ist, am größten ist sie doch in den Kreisen der­jenigen Volksgenossen, die einst ihre Heimat und Existenz in den uns entrissenen Ostgebieten hatten. Und wenn unser Dvlk ohne Raum im Westen freute nicht mehr ein noch auS weih, so haben wir im verlorenen Osten den Raum vhneVvlk, in dem unsere erwerbslosen Massen Arbeit und Brot finden könnten, lleber eine Mil­lion deutscher Menschen, die heute als Vertrie­bene, über das ganze Reich verteilt, meist ein nur kümmerliches Dasein fristen und das allge­meine Erwerbslosenelend nur noch vergrößern, hatten vor dem Kriege im Osten eine auskömmliche LebenSexistenz, und gut vier- bis fünfmal foviele könnten gegenwärtig dort ihren Unterhalt finden, wenn im Osten deutsch noch wäre, was deutsch einst war. Die ganze, unser Volk bedrückende Erwerbslosenfrage wäre mit einem Schlage gelöst, wenn die uns nach Recht und Gerechtigkeit zu- stehende Revision der widernatür­lichen östlichen Grenzziehung er­folgen und die Ostmark un« zurückgegeben würde. Diese Revision der Ostgrenze mit dem Ziel der Rückgabe der uns geraubten Ostgebiete ist aber nicht allein eine ostmärkische, sie ist doch vor allen Dingen auch eine im nationalen Jnteresse un­seres ganzen Volkes liegende deutsche Ange­legenheit.

Sie eben ist denn auch das ArbeitSziel deS Deutschen Ostbundes, dessen Wahl­spruch seit seiner Gründung im Jahre 1919 lau­tet:WaS wir verloren haben, darf nicht verloren fein." Fremde und eigene Schuld ließen uns im Versailler Vertrage, wie schon wiederholl in der deutschen Geschichte, abermals das Ostland ver­lieren. Auch der Ostbund und die in ihm zusam­mengeschlossenen Ostmärker aller Ostprovinzen und sonstigen Deutschen konnten den Verlust beS Ost- lands nicht verhindern. Ohne Ueberhebung aber darf wohl gesagt werden, dah ohne die direkte und indirekte Arbeit des OstbundeS und feiner führenden Männer dem Reich im Jahre 1920 noch weit mehr verloren gegangen wäre, als wir heute im Osten zu beklagen haben. Dabei soll das Wirken der provinziell aufgezogenen Heimat­vereine für Sinn und Liebe zur engeren Heimat durchaus nicht gering eingeschäht werden. Eine zusammenfassende Arbeit für den gesamten ver­lorenen und heute gefährdeten Osten aber wäre doch ohne einen für alle Ostmärker und alle Ost­landbelange vffenstehenden Ostbund eine fak­tische Unmöglichkeit. Der Umfang seiner Gesamt- tätigtet läßt sich hier nur andeutungsweise wie­dergeben und kurz skizzieren. Seiner hingeben­den Fürsorgearbeit war es in den Jahren der MassenauSweisungen aus Polen doch mit in erster Linie zu verdanken, wenn Hunderttausend^ wie­der eine Rieverlassung und eine Existenz fanden und eingereiht wurden in den Wirtschaftskreis des deutschen Staatsverbandes. Und wenn wei­ter Hunderttausende nicht fluchtartig Heimat und Scholle im Osten verliehen, sondern z. T. noch heute unter unerhörtem feindlichem Terror ihr Land und ihren Besitz dem Deutschtum erhal­ten, so ist das wieder zum guten Teil anit dem Einfluß des Ostbundes zuzuschreiben. Er auch ist es, der in den vergangenen 10 Jahren immer wieder in der Oeffentlichkeit auf die verschie­denste Weise für den Schutz der uns noch ver­bliebenen deutschen Ostgebiete eintrat und so nicht unwesentlich mit zur Schaffung der jetzt wirken­den deutschen Ostyilfe beigetragen hat. Bekannt sind auch seine kulturpolitischen Kämpfe im Jn­teresse deS Deutschtums diesseits und jenseits der Ostgrenze, die besonders auf die Erhaltung der deutschen Schule dringen. Durch seine über das ganze Reich verbreiteten Landesverbände und Ortsgruppen wirkt der Deutsche Ostbund in Wort und Schrift aufklärend unter der Bevölkerung. Praktische Siedlungsarbeit leistet der Ostbund durch Schaffung eigener Ostsiedlungen, und theore­tisch informiert er über die gesamten Oftland- belange durch Ausstellungen und Kongresse, durch Kundgebungen und Tagungen verschiedenster Art. Man kann ihn zusammenfassend auch wohl

Pfarrer Pelz, Kassel, wird am Sams­tag, 4. Juli, in dem vorn Ostbund (gelegentlich seiner Landesverbandstagung in Gießen) mit der Ortsgruppe Gießen des VDA. gemeinsam ver­anstalteten Deutschen Abend über den deutschen Osten sprechen. D. Red.

den »Verein für das Deutschtum im Ostland nennen und fein überparteiliches Wirken im Jn­teresse Deutschlands und des gesamten deutschen Volkes ein im besten Sinne vaterländisch- nationales. Viel zu wenig noch wird sein segensreiches Wirken gewürdigt und anerfaimt, und noch viel zu wenig wird er bisher von allen Kreisen des deutschen Volkes unterstützt.

Der Deutsche Ostbund muß aber nicht nur ein Bund aller Ostmärker, sondern weit darüber hinaus ein Bund aller Deutschen werden; wenn einst erreicht werden full das Ziel feines Strebens und seiner Arbeit, die Wiederge­winnung dessen, was dem deutschen Volke im Osten verloren ging und ohne dessen Besitz sein Leben als Großmacht im Rate der Völker auf die Dauer undenkbar ist. DeutschlandsZu- kunf t liegt im Ostenl

Erneute Verurteilung der deutschen Pfadfinder in Posen.

Posen. 29. Juni (WTB) Dor dem Apella- tionsgericht fand die Hauptverhandlung in dem Prozeß gegen Durchard, Mielke und Preuh der sogenannte Pfadsinderprozeh. der seit April zweimal vertagt worden war, statt. Den Angeklagten wird Grenzüberschreitung ohne Pah, versuchte Geheimbündeler und Spionage vorgewvrfen. Dieses Vergehen sieht die Anklage in dem Besuch d eutscher Pfadfinder in Deutschland, wobei diese an Kurien in der Hochschule für Leibesübungen rcilgenommen haben, ferner in brieflichen Ver­

handlungen mit der deutschen Jugendbewegung und in einer geplanten Wanderfcchrt durch die Weichselniederungen und die alten deutschen Sied­lungen, die jedoch nicht stattgefunden hat. Jn der ersten Jnstanz wurden die Angeklagten z u mehrmonatigen Gefängnisstrafen verurteilt. Das Urteil des Appellativ ns- gerichts verwirft die Berufung und hält das Urteil der ersten Jnstanz aufrecht, wonach der Abgeordnete Graebe zu sechs Monaten Ge­fängnis, Studienrat Heidelck zu sechs Monaten Gefängnis und dir übrigen Angeklagten zu Ge­fängnisstrafen von einem bis zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt werden. Die Qlngeflagten werden nach § 129 des Strafgesetzbuchs verur­teilt wegen Anmahung von Amts­befugnissen und Verhinderung von Gesetzen mit ungesetzlichen Mitteln. Don der Anklage der Spionage, des Hochverrats und der Vorberettung zum Hochverrat werden die Angeklagten sämllich freigesprochen. Ferner werden die Angeklagwn Hecdelck und Schmidt, die in erster Jnstanz noch zu je sechs Monaten Festung verurteilt worden waren, von der Berufungsinstanz freigesprochen. Das Ge­richt gehe von der Ueberzeugung aus, dah keiner der Angeklagten aus niederen Motiven gehan­delt habe, soitdern dah alle Angeklagten die Arbeit aus einem hohen Jdealismus getan hätten. Dieser Jdealismus der 2lngetilg­ten sei als mildernder Umstand zu bewerten. Die Amnestie vom Jahre 1928 könne für die Angeklagten nicht in Frage kommen. Das Ge­richt mache darauf aufmerksam, dah Revision und Kassation-Lage beim höchsten Gericht inner­halb drei Tagen eingereicht werden könne. Rechts­

anwalt Grzegorzewski meldete sofort Revision an, was vom Dorschenden protokolliert wurde.

Spanien

gibt sich eine Verfassung.

Ter Entwurf der Berfafsungskommission.

Madrid, 1. Juli. (WTB.) Die mit der Aus­arbeitung der spanischen Verfassung betraute Kommission hat, wie HavaS berichtet, ihre Ar­beiten so gut wie zum Abschluß gebracht. Der Derfassungsentwurf sieht den unitari­schen Charakter einer spanischen Republik vor. Jegliche Adelslilel werden abgeschafft. Die Freiheit der Religionsausübung, der Presse und der Gewerkschaften sowie die Verpflichtung, dem Vaterland zu dienen, werden hervorgehoben. DaS Recht aus Eigentum wird anerkannt. Der DolkSschulunterricht ist obligatorisch. Der Senat soll 260 Mitglieder umfassen und alle vier Jahre erneuert werden, die Kammer 466 Abgeordnete. Den Frauen wird das Wahlrecht xueriaruit. Die Wahlfähigkeit tritt für Spanier beiderlei Geschlechts mit dem vollendeten 23. Le­bensjahr ein. Der Veriassungsentwurf schlägt vor, dah das Mandat des PräsidentenderRe- publik, der von Kammer und Senat gemeinsam gewählt wird, auf sechs Jahre erteilt wird. Zu Präsidenten der Republik können alle Spanier gewählt werden, die mindestens 40 Jahre alt und im Besitz sämtlicher bürgerlichen unb politischen Rechte sind. Richt gewählt werden können Mit­glieder des Klerus sowie der früheren Königs- familie.