Ausgabe 
1.8.1931
 
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Nr. 178 Erstes Blatt

181. Jahrgang

Samstag, 1. August 1951

Eriche»«' täglid), crafca öonwtog» und Feiertag»

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VUtzener FamUienblLtter Heimat im Bild Die Scholle.

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General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Fnedr. Wilh. Lange. Berantmortlid) für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max FiUer, sämtlich in (Bieben.

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Dor neuen Ausgaben.

Die Reichsregierung hat zu Anfang der Woche die ersten ausländischen Staatsmänner bei sich zu (Bafte gehabt. 6 t i m | o n, der amerikanische Staats­sekretär des Auswärtigen, verbrachte den Sonntag in Berlin Daran schloß sich unmittelbar der Besuch des englischen Premiers Macdonald und seines Außenministers Henderson an. Daß für die uns unmittelbar auf den Nägeln brennenden Probleme der Finanznot und Kredithilfe bei diesen Berliner Besprechungen nicht viel herausspringen konnte, war so kurz nach der Londoner Konferenz, auf der ja diese Fragen mit den Franzosen erschöpfend dis­kutiert worden waren, von vornherein zu erwarten. Und doch können diese Besuche eine nicht geringe psychologische Bedeutung gehabt haben, wenn, wie wir hoffen, den fremden Staatsmännern Gelegen­heit gegeben wurde, die deutsche Not aus unmittel­barer Nähe in Augenschein zu nehmen. Wir sind ja wohl jetzt endlich von der verhängnisvollen, aber leider Jahre hindurch kurzsichtig verfolgten Methode tariert, unseren ausländischen Gästen stets eine glän- zende Fassade zu präsentieren, das sich dahinter ver­bergende Elend aber schamhaft zu verhüllen. Sie hat bei Ausstellungen, Kongressen, (Empfängen den Ausländern eine Wohlhabenheit oorgetäuscht, die in Wahrheit gar nicht vorhanden war, und zusammen mit dem wenig erhebenden Auftreten gewisser deut­scher NeHsnden im Auslande dort eine Mentalität verschuldet, die auf Grund dieser falschen Zeugnisse in einem gänzlich irrigen Optimismus der wirtschaft­lichen Kraft Deutschlands Leistungen zugemutet, die jahrelang die Grenzen des Tragbaren weit über­schritten und eben nur durch horrende Auslands- Verschuldung aufgebracht werden konnten, die uns jetzt zum Verhängnis geworden ist. Die nüchterne, sachlich klare Art des Reichskanzlers bürgt dafür, daß diesmal den angelsächsischen Staatsmännern reiner Wein eingeschenkt wurde, wenn auch die Zeit dafür vielleicht zu kurz war, ihnen mehr als ober- flächliche Einblicke in das überall knarrende und ächzende (Betriebe der komplizierten deutschen Wirt- schaftsmaschine zu verschaffen.

Die Absicht, die sowohl Stimson wie auch Mac­donald und Henderson zu ihrer Reise nach Deutsch­land bestimmt haben mag, war wohl in der Haupt­sache, durch ihr persönliches Erscheinen in Berlin einmal den nervös gewordenen ausländischen Kre­ditgebern für die Wiederkehr des Bertrauens in Deutschlands Wirtschaftskraft Brücken zu bauen, zum andern dem deutschen Volke selber durch die Bekundung der internationalen Solidarität Muk zu machen, nicht vorzeitig die Flinte ins Korn zu wer­fen. Für den sich in Fieberträumen hin und her werfenden Patienten ist es indessen nur ein schwa­cher Trost, wenn ärztliche Kapazitäten sich mit Er­munterungssprüchen und gutgemeinten Ratschlägen um sein Bett versammeln, aber die Medizin zu Hause gelassen haben, von der er sich schnelle Heilung seines Leidens versprach. Gewiß ein an sich gesunder und robuster Körper wird aus sich heraus genügend Abwehrkräfte mobilmachen, um eine akute Krankheit zu überwinden und dem Arzt bleibt nur die Auf­gabe, diese Abwehrkräfte in ausreichendem Maße in Marsch zu setzen. Ob der deutsche Wirtschatlskörper nach der jahrelangen Unterernährung und dem letz­ten starken Blutverlust noch dazu von sich aus in der Lage ist, werden die nächsten Monate lehren, der Versuch muß jedenfalls gemacht werden. Denn nur dann, wenn wir die nächsten Monate aus eigener .Kraft, wenn auch auf schmälerer Basis durchhalten, können wir den Anschluß an die nächste Phase internationaler Verhandlungen erreichen, bei denen es sich nicht mehr allein darum handeln kann, durch Gewährung neuer kurzfristiger Kredite dem Patienten eine Spritze zu geben, deren stimulie­rende Wirkung in kurzer Zeit wieder verraucht ist, sondern die vielmehr an das Moratorium des Hoo- verplans anknüpfen und das Zentralproblem der Re­parationen in den Mittelpunkt rücken müssen. Bis da­hin müssen wir uns wohl oder übel damit abfinden, daß statt der erwarteten fofortigen Hilfe des Aus- lands in Form einer langfristigen Anleihe, unsere ausländischen Gläubiger sich lediglich dazu bereit­gefunden haben, ihre noch in Deutschland befind­lichen Kredite weitere sechs Monate uns zu belassen. Das ist natürlich nicht mehr, als jeder Gläubiger einem Schuldner gewährt, den er nicht durch Ab- drosselung seiner Bewegungsfähigkeit zum Konkurs treiben will, wobei ihm dann zumeist nichts ande- res übrig bleibt, als fein Kapital in den Schornstein zu schreiben.

Während wir auf dieser zwar stark geschmäler­ten, aber durch die Stillhalteaktion hoffentlich vor neuen Ueberraschungen ausreichend gesicher­ten finanziellen Basis unser Haus aus eigener Kraft wieder in Ordnung bringen, werden die für einen späteren Zeitpunkt in Aussicht genommenen Verhaukllungen über neue Kredite für Deutschland, die als Fortsetzung der Londoner Konseren,; gedacht sind, bereits durch Besprechungen internationaler Dank- und Wirtschaftssachverständiger vorbereitet. Dabei sind zwei verschiedene Gremien zu unterschei­den. Einmal tritt in Basel, am Sitz der Bank für internationale Zahlungen (BIZ ), am Montag ein Komitee von Vertrauensleuten der Notenbanken Uifammen, dessen Aufgabe cs fein wird, unter Be­rücksichtigung der Lage auf dem internationalen Geldmarkt die Möglichkeiten und Voraussetzungen für neue Kredite an Deutschland mit dem letzten Ziel einer großen langfristigen Anleihe zu prüfen. In öiefem Komitee ist Deutschland durch den Hamburger Bankier Melchior vertreten, der schon während der ersten 9)oungplanoerhandlungen in Paris neben schacht unt» Vogler eine Rolle spielte. Sein Gegen- spikler ist der ehemalige Gouverneur der Bank von Frankreich, Moreau, der ebenfalls schon damals 2. Paris ein gewichtiges Wort mitzufprcchen hatte. j=»r Walter Layton, Englands Vertreter in Defem Ausschuß, ist als Herausgeber der-bekannten

Erhöhung des Reichsbankdiökonis auf 15 Prozent.

Llebergangsmaßnahme zur Erleichterung des normalen Zahlungsverkehrs. Zunahme der Devisenbestände der Beichsbank.

Berlin, 31. Juli. (1DIB.) Amtlich. Bei der Beichsbank fand heule eine gemeinsame Sitzung des (Deneralrales der Beichsbank und des Beichsbankdirekloriums unter Vorsitz des Beichsbankpräsidenten Dr. Luther statt. Die Mitglieder des Generalrats benutzten die Gelegen­heit, dem Präsidenten und dem gesamten Direktorium ihr volles vertrauen in die Führung Oer Bank- und Währungspolitik aus­zusprechen und ihre Anerkennung der Geschäftsfüh­rung und der schweren, von Verantwortungsgefühl getragenen Tätigkeit der Beichsbank zum Ausdruck zu bringen. Der Generalrat nahm von dem B e - fchIuh des Beichsbankdirekloriums Kenntnis, den Beichsbankdiskont von 10 auf 15 o. h., den Lombardfah von 15 auf 20 v. h. mit Wirkung ab Samstag zu er­höhen. Die Bücksicht auf die nachteiligen Aus­wirkungen solch hoher Zinssätze auf die ohnehin schwierige Lage der deutschen Wirtschaft, insbesondere auf die Landwirt sch all, haben die Beichsbank veranlaßt, solange als möglich an den zur Zeit geltenden Sähen festzuhalten, wenn die Beichsbank sich gleichwohl heute im Hinblick auf di? aus Anlaß der bevor stehenden Wie­deraufnahme des vollen Zahlungs­verkehrs zu erwartenden Ansprüche zur Vor­nahme der Erhöhung, und zwar gleich in dem er­wähnten starken Ausmaße entschlossen hat, so tut sie dies im vertrauen darauf, daß der ll eber­gang zum normalen Zahlungs - und Ueberweifungsoerkehr dadurch er­leichtert und sie um fo schneller instand gesetzt wird, zu erträglichen Zinssätzen zurück- zu kehr en. Mit Bücksicht aus die Eilbedürftigkeit der Beschlußfassung konnten nur die in Berlin anwesenden und erreichbaren Mitglieder des Zentralausschusfes zur Beratung hinzugezogen werden.

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Die wir erfahren, entwickelte sich in der Zentral- ausschußsihung über die Erhöhung des Diskontsatzes eine lebhafte Diskussion. Besonders die Vertreter der Landwirtschaft und einige Banken bezeich­neten die heraufsehugg auf 15 o. h. als zu ho ch. Schließlich wurde jedoch zustimmend von der Dis­kontmaßnahme Kenntnis genommen, dieaIsVor­bereitung für b i e Ingangsetzung des normalen Zahlung-oerkehrs am Mitt­woch der kommenden Woche anzusehen ist.

Die Beichsbank ist sich bewußt, daß der Wirtschaft neue schwere Lasten zugemutet werden, und sie hofft, sobald wie möglich ihre Diskontrate wie­der ermäßigen zu können, wenn der Zahlungs­verkehr sich wieder eingespielt hat, und die Kredit­ansprüche an die Beichsbank nachgelassen haben. Selbstverständlich werden die bisherigen Kreditein­schränkungen seitens der Beichsbank jetzt weitgehend

aufgehoben werden, wie wir noch erfahren, ist der Jlolf numl/iuf der Beichsbank Inzwischen auf 4.4 Milliarden BM. gestiegen. Man er­wartet für den Ultimo eine Steigerung auf 4,6 Mil­liarden. Die Girogelder haben um 200 Mil­lionen Belchsmark zugenommen, und die Dev i sen­de stände zeigen seit dem 24. Juli eine Z u - nähme von 80 Millionen Belchsmark.

Wiederaufrlchfung her Darmstädter und Hationalbanf. Beteiligung der Industrie. Ausdehnung der Ncichsbürgschast.

Berlin, 31. Juli. (WTB) Amtlich. Die Darmstädter und Bationalbanf wird bei Wiederauf­nahme des allgemeinen Zahlungsverkehrs ihre Schalter öffnen und alle Zahlungen unbeschränkt (ei ft en. Durch eine verstän- bigung mit der Industrie ist erreicht wor­den, daß diese die von der Bank und ihr nahe­stehenden Kreisen aufgenommenen Aktien, die un­entgeltlich zur Verfügung gestellt werden, im Nenn­wert von 35 Millionen Belchsmark zum Kurse von

125 v. h. übernimmt. Dadurch werden der Bank neue Mittel im Betrage von rund 43 Milllonet, Belchsmark zugeführt. Die 11 u s- fallbürgfchaft des BeIches für die allen und neuen Gläubigerforderungen besteht fort und wird auf alle Wechselverbindlichkeiten und Bürg- schaftsoerpsllchtungen der Bank ausgedehnt werden.

Die LuffteUung des Status der Bank hat ergeben, daß die notwendig gewordenen Abschreibungen durch die offenen und stillen Beferoen voll abgedeckt sind. Für später ist eine Verbreiterung der Kapitalbasis der Bank vorgesehen. Die Aus­führung dieser Absicht wird geschehen, sobald die Ver­hältnisse in der Wirtschaft eine klare Beurteilung zu- lassen. Durch die Besprechungen mit der Beichs- regierung und der Beichsbank ist die Gewißheit ge­schaffen, daß die Bank allen Anforderungen, die durch die volle Aufnahme des Zahlungsverkehrs an sie herantreten können, zu entsprechen vermag.

Das der Danatbanf gewährte Sonbermoralorium, das am 31. Juli ablaufen würde, ist durch eine neue Notverordnung bis zum 4. August, dem letzten Tage der allgemeinen Bankfeiertage, ve.läugert worden.

Wiederaufnahme des unbeschrankten Zahlungsverkehrs. Stufenweiser Abbau der Beschränkungen bis zum Mittwoch. Sonder- regelung für Sparkonten.

Berlin, 31. Juli. (WTB.) Amtlich. Entspre- chend der Ankündigung der Beichsregierung wird In der kommenden Woche die Aufnahme des normalen Zahlungsverkehrs er­folgen. Ls wird am Montag der unbe­schränkte Ueberweifungsoerkehr inner­halb der zum Ueberweifungsverband gehörigen In­stitute, am Dienstag der unbefchränkte Ueber- weisungsverkehr unter Ausschluß der Ueberweifun- gen auf Postscheck, und Beichsbankgirokonten im übrigen ganz allgemein aufgenommen werden, vom Mittwoch ab werden auch die Ueberwei- fungen auf Postscheck- und Beichsbankgirokonten und die Barauszahlungen aus Kontokor­rent. und Giroguthaben unbeschränkt zu­lässig sein, während Abhebungen von Spar­konten bei Banken, Sparkassen und Genossen­schaften zunächst noch gewissen Beschrän- fangen unterworfen werden. Die Verordnung, die die Einzelheit regelt, wird im Laufe des Sams­tag erlassen werden.

Ein wirischastspotiiisches Programm.

Das Reichskabinctt geht an die nächste Ausgabe heran.

Berlin, 31. Juli. (END.) Die amtliche Mit­teilung über die Wiederherstellung des freien Zahlungsverkehrs in der nächsten Woche ist der Niederschlag des Hauptsächlichsten, was in der heutigen Abendsihung des ReichSkabi - netts beraten worden ift. Nachdem diese fi­nanztechnischen Beschlüsse gefaßt worden waren, ift das Kabinett in Form einer MinistLrbesprc- chnng noch zusammen geblieben? um sich mit wirtschaftspolitischen Maßnah­men zu befassen, die in nächster Zeit ergriffen werden sollen. 3n Kreisen des Reichskabinetts ist man sich darüber klar, daß ein klares Wirt­schaftsprogramm dringend erforder- l i ch ist. sobald wir über das rein Banktechnische wieder hinausgekommen sind. Es liegt aber auf der Hand, daß alle Entschlüsse gerade auf diesem Gebiet mit besonderer Sorgfalt vor­bereitet und durchgeführt werden

finanzwirtfchaftlichen ZeitschriftCEconomifr seit langem Verfechter einer Lösung des Kriegsschulden- und Reparationsproblems, die die wirtschaftlichen Möglichkeiten und die weltwirtschaftliche Verbunden­heit der Volker nicht außer acht läßt. Die andere Gruppe von Sachoerständiaen, von denen der schwe­dische Bankier Wallenberg und der amerika­nische Berater der Bank von England, S p r a g u e, bereits ihre Tätigkeit aufgenommen haben, ift vom Reichskanzler nach Berlin gebeten worden, um auf Grund einer genauen Prüfung der deutschen Wirt­schaftslage ein Gutachten zu erstatten, das der Reichskanzler bei der Fortführung der Kreditver­handlungen zu verwenden gedenkt, das er aber wohl besonders bei der Wiederausrollung des Reparations- Problems ins Treffen führen wird. Zumindest bei dem erstgenannten Ausschuß der BIZ. ist die Aus- sicht gering, daß auf rein banktechnischem Wege ohne Beruhruna politischer Punkte ein greifbares Ergebnis zustande kommt. Darüber dürfen wir uns heute schon keiner Täuschung bingeben.

Die fortgesetzten schweren Angriffe französi­scher Finanzkreise aus das englische Pfund haben, mögen auch andere Motive mitspielen, in der Hauptsache doch hochpolitische Hintergründe. Daß die Reparationsfrage in allernächster Zeit wie­der auf die Tagesordnung kommen wird, darüber ist man sich seit dem Hoovcrmoratorium im klaren. Dazu droht noch d e Abrüstungskonferenz, auf der die Franzosen von Amerika scharf bedrängt zu werden fürchten. So suchen sie von langer Hand England mütäe zu machen, wozu um so mehr Aussicht besteht, als im britischen Kabinett selber über die Stellung zu Frankreich keine ein- herrliche Meinung besteht. Während der Schah­kanzler Snowden bereit ift. sich gegen die französischen Angriffe zu wehren und keine Der- quickung politischer Forderungen mit finanziellen Dingen zulassen möchte, neigt dcr Außenminister Henderson zum Rachgeben, weil er als de­signierter Präsident der Abrüstungskonferenz von einem neuen Desastre in Genf für sein Prestige fürchtet. 3n jedem Falle wäre es aber eine ge­fährliche Illusion. Arm in Arm mit England könnten wir Frankreich in die Schranken fordern. Der englische Besuch in Berlin hat diesem Ge­

danken neue Rahrung gegeben. Doch Macdonald hat stets unterstrichen, daß England nur die Rolle eines Mittlers übernehmen wolle, und selbst das sieht man in Paris nicht grade gerne. Mehr aber kann England heule fo wenig wie früher, seitdem es in Versailles mit der Knebe­lung Deutschlands die Trümpfe aus der Hand gab. die es gegen ein unbequemes Frankreich hatte ausspielen können. Wenn Macdonald vor der Berliner Presse dieBalance ot power". das Gleichgewicht der Mächte, als ein antiguierteS Mittel der Dortriegsdiplomatie abtat, so wird man den britischen Premier doch fragen müssen, ob er in der unbestrittenen finanziellen und politischen Hegemonie Frankreichs eine bessere Grundlage für das Zusammenleben der euro­päischen Böller sieht. Grade England hat ja diele einseitige Verlagerung der Kräfte auf dem europäischen Kontinent oft genug empfindlich zu spüren bekommen und es wird wiederum ohn­mächtig zurückwe chen. wenn Frankreich wirklich alle Minen fpr.ngen läßt. Selbst Amerika spürt ja heute die Folgen feiner Politik ängst­licher Zurückhaltung, die die Rachfolger Willons gegenüber europäischen Dingen befolgt haben, mit dcr sic aber Frankreich so groß werden lie­hen. daß es sich erlauben kann, auch Reuhork unter Druck zu setzen.

Um die Auseinandersetzung mit Frankreich kommen wir also nicht herum. Aber das in Paris begonnene Gespräch wird mit Nutzen erst dann fortgesetzt, wenn wir unsere finanzielle Position aus eigener Kraft wieder gefestigt Haden. Dazu gehört, daß wir nun endlich aus dcr schon viel zu lange dauernden Episode des Von-der-Hand-in-den- Mund-lebens wieder zu stabilen Verhältnissen kommen. Die FrageHat der Reichsbankpräsi- dent sich richtig verhallen?" ift in dielen Tagen viel erörtert worden und hat die verschiedensten AnNvorten gefunden. Aber darüber herrscht eine Meinung, daß es mit der bisher befolgten Me­thode nicht weiter geht, wenn nicht alle Zweige der Wirtschaft unwiederbringlichen Schaden er­leiden Tollen. Bankfeiertage sind zwar schnell verordnet, aber der einmal gedrosselte Zahlungs­verkehr ist nicht fo schnell wieder in Gang zu

bringen. Und ein Teilmoratorium, das man den Banken mit der Einrichtung der Bankfeiertage gewährte, löst psychologisch begreislich Wir­kungen aus. die das ganze Wirtschastsleben in Einordnung bringen und auch die Staatskassen nicht unberührt lassen. Man kann also nicht schnell genug mit einer Methode Schluß machen, die nur über Tage hinweghelfen sollte, mit der nun aber schon zwei Wochen operiert wird. Nachdem nun die Stillhalteverhandlungen mit den Auslandgläubigem zum Abschluß gekommen sind und der schwierige THonatdultimo vorüber ist, entfällt für die Reichsbank auch der letzte stich­haltige Grund, sich einer Oessnung der Bank­halter noch länger zu widersetzen. Das hat offenbar auch die Reichsbankleitung erkannt und als Vorbereitung für das Wiederingangsehen des unbeschränkten Zahlungsverkehrs eine weitere sehr beträchtliche Diskonterhöhung vorgenom­men. Daß damit der Wirtschaft in schwerer Depressionszeit neue Lasten auferlegt werden, die die Oren^e des Erträglichen fast überschreiten, darüber ist man wohl einer Meinung. Anders ist es jedoch, ob eine Wiederingangsetzung des unbeschränkten Zahlungsverkehr mit dem dabei zweifellos zu erwartenden erhöhten Anspruch an den Rotenumlauf ohne die jetzt vorgenommene scharfe Diskonterhöhung möglich war. Daß diese in jedem Falle nur eine Llebergangs­maßnahme darstellen kann, die als Brems« gegen unberechtigte Inanspruchnahme des Reichs- bankkredits dient, hat auch die Reichsbank­leitung in ihrem Kommunique klar zum Ausdruck gebracht. So wird man die Maßnahme der Reichsbank, die nur in engster Verbindung mit ben für die unbeschränkte Wiederaufnahme des Zahlungsverkehrs erfolgten Regieruiigsverord- nungen zu denken ist, begrüßen müssen als einen schon viel zu lange hinausgezöaerten Abschluß einer wenig zielsicheren Politik, die der ge- famten deutschen Wirtschaft schon in diesen beiden Wochen schweren Schaden zugefügt hat. Rur eine feste Hand und ein klares Pro­gramm bei Reichsbankleitung und Kabinett können eine Krisis überwinden, die zu einem guten Teil eine Krisis des Vertrauens ist.