Aus der provlnzialhaupistadi.
Gießen, den 1.3uli 1931.
Oie (Siebener Studentenschaft gegen die Kriegsschuldlüge.
Die Gießener Studentenschaft na Ijm — wie man uns berichtet — in einer Kundgebung in der Neuen Aula am vorigen Sonntag Stellung gegen die Kriegsschuldlüge. Außer sämtlichen Korporationen waren Se. Magnifizenz der Rektor Pvvf. Dr. Eger und ein großer Teil der Professoren schäft anwesend. Cand. jur. Ludwig Jung eröffnete die Kundgebung. Prof. Dr. Rvlo s f brachte einen streng wissenschaftlichen Bericht, aus dem hervorging, daß von einer Schuld Deutschlands am Kriege nicht die Rede sein kann. Das Deutschlandlied beschloß die Feier.
Zum erstenmal trat die Studentenschaft an die Oeffentlichkeit mit einem P r o te st z ug , der sich durch die Anlagen zum Oswaldsgarten bewegte. Dort gab stud. theol. Oskar Wendnagel in kurzen, prägnanten Worten dem Recht der deutschen Jugend auf Freiheit und Leben Ausdruck. Ein Dasein in Knechtschaft und Fron sei kein Dasein, und ein Leben in Ketten und Fesseln des Versailler Vertrags sei kein Leben! Rach dieser eindrucksvollen Ansprache erklang das Lied „Burschen heraus".
Dann brachte der Vorsitzende der Gießener Studentenschaft, Jung, die Entschließung der Studentenschaft zur Verlesung:
„Wissenschaftliche- Forscher in allen Ländern sind zu der Lleberzeugung gelangt, daß die Versailler Kriegsschuldthese heutigen Tages nicht mehr zu halten ist, da sie auf lückenhaftem, entstelltem, falschem und teilweise gefälschtem Material beruht.
Die Beseitigung dieser Versailler Krieasschuld- lüge dient der Verständigung der Völker und dem wahren Frieden. Solange sie bestehen bleibt, werden die fremden Völker, namentlich soweit sie durch den Krieg gelitten haben, in dem falschen Glauben erhalten, daß die Zerstörung, die der Krieg mit sich gebracht hat, nur durch die Deutschen verursacht worden ist, während die Geschichte sie lehren müßte, daß die Zerstörungen eine Folge des Krieges waren, für den sie in erster Linie die Verantwortung tragen.
Eine Beseitigung der Versailler Kriegsschuldlüge, an deren enger Verbundenheit mit dem Versailler Vertrag kein Zweifel besteht, ist notwendig. um moralisch eine Revision des Frie- densvcrtrages vorzubereilen. Gegenüber dem Waffenstillstandsabkommen bildet der Versailler Fr edensvertrag einen Dechtsbruch, drn der Feindbund mit der falschen These von der Verantwortlichkeit am Krieg zu begründen versucht hat.
Don der deutschen Regierung muh erwartet werden, daß sie das Recht des deutschen Volkes, die Versailler Kriegsschuldlüge zu beseitigen, mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln der Wissenschaft und Politik zu erreichen versucht."
Bornotizen.
— Tageskalender für Dienstag: Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Drei Tage Miltelarrest"'.
— Ein Konzert im Flughafen durch Telefunken-Großanlage findet morgen, Donnerstag, 20.15 Ufjr, statt. Näheres in der heutigen Anzeige.
— Der D e u ts ch n a t i o n al e Hand- lungsgehilfen-Verband veranstaltet am morgigen Donnerstag, 20.30 Uhr, in seinem Dereinsheim einen Vortragsabend über das Thema „Notverordnung und Arbeitslosenversicherung". Näheres in der heutigen Anzeige.
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"Die Platzeinteilung au f dem W.o chenma rkt ab 1. Juli betrifft eine Be- kareytmachung der Stadtverwaltung im heutigen Ai^eigenteil. Die Hausfrauen, deren Zeit ja
Mtgliederversammtung
Arn Montag fand im Sitzungssaals des Stadthauses an der Bergstraße die diesjährige Mitgliederversammlung des Dolkshalle-Vereins statt. Der Geschäftsbericht, der als erster Punkt der Tagesordnung verzeichnet stand, gab den Mitgliedern einen Ueberblick über das Wirken des Vereins und über das Maß der Inanspruchnahme der Dolkshalle zu den verschiedenen Veranstaltungen. So wurde die Dolkshalle und das dazugehörige Gelände im verflossenen Geschäftsjahr für
neun größere Veranstaltungen
(Johann Strauß-Konzert, Fest der Studentenhilfe, Universitäts-Stiftungsfest, Militär-Großkvnzert. Dersassungsfeier, Feuerwehrfest, Wahlversammlung der SPD., Gastspiel des Zirkus Sarasani, Landes-Geflügelausstellung) zur Verfügung gestellt.
Außerdem wurde die Halle während des ganzen Jahres zu Radsahrübungen, zum Tennis spielen, Rollschuhlaufen, Faustballspiel, Lauftraining usw. benutzt. Das mehrtägige Gastspiel des großen Zirkusunternehmens Darrasani hat der Stadt Gießen einen außerordentlich starken Fremdenbesuch gebracht. Reben einem Platzgeld für den Dolkshalle-Verein in Höhe von 1000 Mark konnte die Stadtverwaltung an Vergnügungssteuern den Betrag von 5600 Mark aus dem viertägigen Gastspiel vereinnahmen. Die Straßenbahn hatte eine Mehreinnahme an diesen Tagen von über 7600 Mark zu verzeichnen. Auch die Geschäftswelt hatte einige gute Derkaufstage.
An der Halle wurden im Geschäftsjahre besondere Aus- und Umbauten nicht vorgenommen. Die Fragen der Beheizung und Abteilbarkeit sowie des äußeren Verputzes werden auch weiterhin Im Auge behalten. Dem Mangel an einer Garderobeanlage ist abgeholsen worden. Mit Ausnahme der Beschaffung ber Eisengestänge, der erforderlichen Hölzer und der Garderobehaken wurden die Arbeiten durch den Verein selbst ausgeführt und die Theken und Abtrennungswände aus vorhandenen, überflüssig gewordenen Jnventarstücken hergestellt.
2m laufenden Geschäftsjahr fanden bis jetzt in der Dolkshalle fünf größere DeranstaLtun»- gen statt (Kundgebung der Nationalsozialistischen Partei, Johann Strauß-Konzert, Fest der Stu- dentenhilse, Konzert des Konzertvereins, Jahres-
meist sehr knapp bemessen ist, mögen diese Bekanntmachung beachten, damit sie sich unnötig« Wege ersparen.
" S ch u l p e r s o n a l i e. In den Ruhestand verseht wurde auf sein Nachsuchen mit Wirkung vom 1. Juli ab der Lehrer Andreas Sitz ler in Wetterfeld, Kreis Schotten.
(Sin Betrüger treibt seit einigen Tagen hier unö in benachbarten Städten sein Unwefeir. Er sucht sich, offenbar an Hand des AdreM- buches, die Adressen von Beamten (bisher hat er vornehmlich Studienräte für seine Zwecke als geeignet angesehen) heraus, begibt sich dann meist in der stillen Geschäftszeit im irgendein Geschäft, wo er sich als Studienrat ausgibt und dabei stets einen anderen Namen nennt, die aber sämtlich in der Stadl vorhanden find. Stets hat dieser „Herr Studienrat" sein Portemonnaie vergessen und bittet deshalb den jeweiligen Geschäftsinhaber um ein kleines Darlehen, das er am Nachmittag zurückbringen wolle. In verschiedenen Fällen hat der Schwindler mit diesem Trick Glück gehabt, die Geschädigten haben natürlich das Nachsehen. Dor dem Betrüger, nach dem noch gefahndet wird, sei gewarnt.
** Der schwere Derkehrsunfall bei L i ch am Sonntagabend, über den wir am Montag berichteten, stellt sich nach dem jetzt vorliegenden Ergebnis der polizeilichen Ermittelungen als die Folge einer unglaublichen Motorradraserei dar, an der neben dem tödlich verunglückten K a u h aus Burkhardsfelden noch ein Motor-
des Volkskalle-Vereins.
fest der Gießener Schulen) stattgefunden; ferner sind vorgesehen: das Llniversitäts-Stiftungsfest, das Konzert des Heimatvereins der Hessen von Wilhelmshaven mit der Flottenkapelle, die Der- fassungsfeler, der Gauwettkampf im Kunstturnen und der Kongreß der Bereinigung für Krüppelfürsorge.
Vie vielseitige Verwendung der Volkshalle beweist am besten, wie notwendig ein derartiges Gebäude für unsere Stadt ist.
Daß heute nur wenige große, länger dauernd« Veranstaltungen abgehalten werden, hat seinen Grund in der überaus schlechten Wirtschaftslage. Vereine, Gesellschaften, Landwirtschaftskammer usw. scheuen das Risiko, das durch das Ausziehen größerer Veranstaltungen und Ausstellungen ein- gegangen werden muh. Das Vorhandensein der Dolkshalle gibt jedoch in Gießen die Möglichkeit zu billigster Durchführung von Veranstaltungen, was bei der Aufstellung kostspieliger Zelte ausgeschlossen ist. Da alle Veranstaltungen, die in der Volkshalle stattfinden, eine mehr oder minder große Zahl von Fremden nach Gießen bringen, und gerade in der Jetztzeit überall die größten Anstrengungen zur Hebung des Fremdenverkehrs gemacht werden, liegt es im Hinblick auf die dadurch geschaffenen Einnahmequellen im Interesse der Stadt, der Geschäftswelt, der Vereine und Einwohner selbst, bei Beschlüssen über Tagungsorte mit allen Kräften dafür einzutreten, "daß Gießen gewählt wird.
Im weiteren Verlauf der Versammlung wurde die Rechnung für das Rechnungsjahr 1930 abgelegt. Die Rechnung schließt bei einem Rechnungsrest von 5801,22 Mark in Einnahme und Ausgabe mit einem Betrag von 28 374,72 Mark ab. Als Rechnungsprüfer für die Rechnung 1931 wurden die Herren S ch w i e d e r und Beckmann wiedergewählt; im Anschluß daran gelangten die Anteilscheine zur Auslosung. Folgende Nummern wurden gezogen: 3, 30, 59, 60, 66, 81, 139, 159, 193, 228, 240, 330, 343, 346, 382, 410, 416, 453, 454, 468, 486, 517, 518, 542, 575, 583, 603, 615, 616, 666, 676, 692, 1510, 1563, 1566, 1647, 1690, 1700, 1720, 1748, 1808, 1830, 1839, 1843, 1844, 1867, 1868, 1939, 1952 und 1994.
radier F. aus Münster beteiligt war. Die beiden Motorradler überholten sich zwischen Eberstadt und Lich in hoher Geschwinoigkeit gegenseittg mehrmals, wobei in einem Tempo von etwa 80 Stundenkilometer gefahren wurde, älnmittel- bar vor Lich befanden sich vor den beiden rasenden Mo oeradlern die Radfahrerin Marie Fuchs und der Radfahrer Emil Schultheis aus Göbelnrod, im gleichen Augenblick kam von Lich her ein Auto heran. Zwischen dem Kraftwagen und den Radlern koirnte der Motorradfahrer F. aus Münster gerade noch hindurchfahren. K a u h jedoch, der mit seiner Maschine etwas weiter zurück war, bremste sein Kraftrad scharf und kam dadurch mit der Maschine ins Schleudern und zum Sturz, als er gerade auf der Höhe der beiden Radfahrer war, die von ihm mit umgerissen wurden. Der Führer des Autos war in diesem Augenblick gerade an der Gruppe vorbeigekommen und hat anscheinend von dem ganzen Vorfall nichts bemerkt. Offenbar hat Kauh, der bekanntlich am Montagfrüh seinen schweren Verletzungen erlag, die beiden Radfahrer nicht umrennen wollen, ist aber dann selbst mit seiner Braut, wie auch mit den Radlern das Opfer des durch die Wettfahrerei entstandenen Anglücksfalles geworden. Wie wir heute früh auf Anfrage in der Chirurgischen Klinik hören, ist das Befinden der drei Schwerverletzten, Anna Gundel von Lich, Marie Fuchs und Emil Schultheis von । Göbelnrod befriedigend, Lebensgefahr besteht für I sie erfreulicherweise zur Zeit nicht mehr.
Hamburger Polizisten in ihren neuen weißen Drillich, uniformen, die die Beamten für ihren schweren Dienst in den großen Hitzetagen erhielten. Auch die Tschakos erhalten weiße Ueberzüge.
Oberheffen.
Landkreis Gießen.
I Lollar, 30.Juni. Anläßlich des 2.Deuffchen Liedertages brachte der hiesige Turn- und Gesangverein unter Leitung von Berufsschullehrer Eberle bei der Kirche eine Anzahl Volkslieder zum Vortrag. Zum ersten Male wirkte hierbei auch der Frauenchor des Vereins mit. Der Vorsitzende, Reichsbahnsekretär Har- b u s ch, wies in kurzen Worten auf den Zweck der Veranstaltung hin. Die Darbietungen fanden bei den Zuhörern dankbaren Beifall.
Kreis Büdingen.
A H i b b a, 30. Juni. Die zu Beginn ber dieS- jährigen Bauperiod« geringen Aussichten für G r- rich tung von Neubauten in unserer Stadt haben sich in den letzten Wochen erfteulicherweise günstig gestaltet. Die beiden Deamtenwohnhäuser für die hierher versetzten Feldbereinigungsbeamten kommen bestimmt in die Beundestrahe auf einen Bauplatz, den die Stadt von dem Verein Krankenpflege eingetauscht hat. Die Häuser werden von den Bauunternehmern Drott und L u p p hier gebaut und bleiben ihr Eigentum. Das Baugelände gibt die Stadt unentgeltlich. Ferner hat Oberlandmeffer E i ch einen Bauplatz in der Ludwigstrahe vom Staate zum Preis von 4 Mk. für den Quadratmeter erworben und die Arbeiten zur Errichtung eines Wohnhauses bereits ausgeschrieben. Weiter hat die Stadtverwaltung den Maurern für Arbeitsgelegenheit gesorgt, indem sie am rechten Niddaufer von der neuen Brücke bis zum Johanniterturm eine Stützmauer von 6 Meter Höhe errichten läßt.
i. Dobenhausen I, 30. Juni. Heute vormittag ereignete sich auf der abschüssigen Straße am Ortsausgang nach Nidda ein äl ng l ü ck s f a 1 l. Der Arbeitslose Heinrich Dechert von hier stürzte so unglücklich von feinem Fahrrad, daß er schwere Verletzungen erlitt. Sanitäts- rat Dr. Hahn (Ortenberg) leistete die erste ärztliche Hiffe und stellte neben tiefen Kopfwunden auch einen Schlüsselbeinbruch fest. Das Fahrrad wurde völlig zertrümmert.
IrandungdesLebens
Vornan von Käte Lindner.
(Copyright 1931 by Verlag Alfred Bechthold in Braunschweig.)
26 Fortsetzung Nachdruck verboten
Von der Bühne aus konnte man den Tisch, an dem er mit dem Inder Platz genommen, nicht sehen. Do konnte er ruhig sie beobachten, als sie wiederkam. Diesmal in einem Kostüm aus weißem Sammet, ganz zeitlos, mit weißem Schwanenpelz besetzt. Es hüllte ihre schlanke Gestalt bis zu den Füßen ein, wunderschön war Tatiana in diesem königlichen Gewände. Wohl mochte es aus den Tagen ihres Glanzes gerettet worden sein... aber wie kam sie hierher, in diese obskure Umgebung? Leid stand in den großen, schwarzen Sternen geschrieben, die das bleiche Gesicht belebten, ein Schmerzenszug lag um den Mund. Sie lebte... und doch hatte Sascha Semjonow im Ton der innersten Ueberzeugung gesagt: „Tatiana Iwanow ist tot..."
Endlich war die Vorstellung zu Ende. Schon kurz vorher hatte Sevigne sich hastig von seinem Begleiter verabschiedet: „Wir sehen uns wohl morgen früh beim Frühstück wieder im Hotel, Monsieur Magore... ich möchte das Ende hier nicht mehr abwarten."
Jetzt stand er draußen am hinteren Ausgang des Lokals, der in eine menschenleere Gasse mündete, hatte seinen Rockkragen hochgeschlagen und wartete fieberhaft. Wenn sie nun nicht kam? Wenn er hier vergeblich stehen und warten sollte? Wie würde sie die Nachricht aufnehmen, daß Alexander Semjonow gar nicht so weit entfernt von ihr lebte unter den gleichen Lebensumständen wie sie...?
Arme verlorene Kinder, die das Schicksal hin» ausgetrieben hatte aus Glanz und Herrlichkeit auf die breiten Landstraßen des Lebens... Gin ttefes Mitleid erfüllte S6vign6s Brust. Irgendwie mußte ihnen zu helfen sein, er hatte so viele Beziehungen in Paris, einflußreiche Persönlichkeiten, die man interessieren konnte für diese armen beiden.
Plötzlich durchzuckte ein Gedanke sein fieberhaft arbeitendes Hirn. Wie, wenn diese Frau aus Lebensnot und Angst heraus sich gebunden hätte an einen dieser Gesellen, die jetzt Kollegen waren von ihr? Wenn sie durch eine Ehe hierher und zum Theater gekommen wäre? Möglich wäre alles. Und er sah das schwermütige Gesicht des Freundes deutlich vor seinen Augen stehen... „meine Seele ist tot, liegt in Rußland begraben, zerbrochen ist alles in mir..."
3eht klappte hinter dem Marquis eine Tür. (Sr trat hinter einen Mauervorsprung, um nicht
gesehen zu werden. Die Chansonsängerin trat heraus in Begleitung des Komikers, sie gingen eilend untergehakt davon und verschwanden in der Gasse.
Dann kamen kurz hintereinander die anderen Mitglieder der Truppe und gingen davon. Von Tattana keine Spur.
Schon wollte Sevigne das Innere des Lokals wieder aufsuchen, als ec eine alte Frau gewahrte, die mit einem Mantel auf dem Arm sich neben dem Ausgang aufgestellt hatte und augenscheinlich auch wartete auf jemanden. Die stand gebückt vom Alter, und ihr Anzug war sehr ärmlich. Aber helle, scharfe Augen hatten jetzt wohl die dunkle Gestalt hinter dem Mauervorsprung wahrgenommen. Sie trat gleichfalls in den Schatten zurück und beobachtete ihn scharf.
Ta klappte abermals die Tür, und Tatiana Semjonow schlüpfte heraus. Hell bestrahlte das Licht des Eingangs ihr schönes Gesicht, die entblößten Schultern, sie trug noch das schwarze Seidenkleid, das sie bei ihrer letzten Rezitatton getragen.
„Bist du da, Lisanka", sagte eine klare Stimme. „Komm, gib her den Mantel, lange hast, du wohl warten müssen heute. Aber ich wollte die andern erst fortlassen, sie hatten eine Einladung erhalten von einem der Gäste, bestürmten mich, ich sollte durchaus mitgehen. Und du weißt doch, Lisanka, wie zuwider mir ist, nach Beendigung der Vorstellung noch mit ihnen auszugehen. Mögen sie es ruhig meinem Hochmut zugute rechnen... mögen sie. Cs erschwert mir meine Stellung, ich weiß, aber..."
Jetzt trat die dunkle Gestalt heraus aus ihrem Versteck und kam auf sie zu.
„Geben Sie acht, Herrin, wir wollen doch weitergehen", flüsterte die Sttmme der Alten. Sie vermutete einen ber Verehrer Estrella Mosjou- kins, aus bem Tingel-Tangel, bie oft hier am hinteren Ausgang standen und mit mehr oder weniger Treistigkeit ihr Heil versuchten. „Kommen Sie, Herrin."
Da trat Sövignö an Tatjanas Seite, lüftete den Hut und sagte:
„Darf ich ber Gräfin Tattana Iwanowna bie Hand küssen? Ein alter Bekannter aus früheren Tagen..."
Ein Schrei hallte in die stille Gaffe hinein. Zwei halten ihn ausgestoßen.
Ein forschender Blick... And Tatiana ergriff mit beiden Händen die Rechte Sevignös.
„Marquis S6vign6... Sie schickt Gott auf meinen Weg ... Lisanka, es ist ein alter Bekannter aus den goldenen Tagen von Petersburg und Moskau ... es ist ein Freund meines Gatten... Marquis, welche Aeberraschungl"
Er bot ihr den Arm. Vor El Azar hob er sie in ein Auto, half auch ber Alten einsteigen unb I fragte: „Wohin darf ich Sie fahren. Gnädigste? 1 wohne im Hotel Continental, vielleicht dort
hin? Wir werden dort eine ungestörte Unterhaltung führen können, es ist vielleicht das beste."
Sie nickte.
„Wir müssen Lisanka mitnehmen, sie läßt sich, wenn es ihr irgend möglich ist, nicht abhalten, den weiten Weg von unserem Domizil bis nach dem Theater zu Fuß zu machen, nur um mich abzuholen. Nach unserer Wohnung hier können wir Sie nicht gut einlaben, Marquis, Sie würden einen Schrecken bekommen vor so viel Primittvität und Aermlichkeit. Also wollen wir nach Ihrem Hotel fahren."
Er sah sie an. Sprechen konnte er nicht vor Innerer Erregung. Sie aber nahm seine Hand und drückte sie mit ber Freude eines Kindes.
„Welcher Zufall führte Sie hierher, War- Siis... ? Ach, lassen Sie uns diese goldene tunbe nützen, lassen Sie uns plaubem von vergangenen seligen Tagen, wo Saschenka unb ich so Aücklich waren. Sie waren ja oft unser Gast in Petersburg... o sprechen Sie mir von Sascha, Sie, der ihn gekonnt unb geliebt hat. Ein grausames Geschick riß uns voneinanber. Nur manchmal im Traum kommt er des Nachts zu mir unb nimmt mich wieber in seine Arme, und alles ist gut. Nach Sibirien ist sein Weg gegangen... ber meine hat mich hierher geführt in Armut und Ekel hinein. Warum ward uns dies Leben geschenkt von Gott, Marquis, warum...? Nur baß wir baran verzweifeln, nur daß wir irre werden an allem, was uns einmal heilig war, was uns Führung schien. O, ich...“
Ihre kleinen Hände kämpften sich um bie seinen, ein trockenes Schluchzen schüttelte ihren Körper.
„Wenn ber Schlaf mich in seine Arme nimmt, wenn ein mitleibiger Traum mir bas geliebte Antlitz wieber vorzaubert, bleich, entstellt so oft... Sibirien, Minen unb Jammerhöhlen martern bie Menschen langsam bem Tode entgegen .... bann weine ich, wenn ich bes Morgens auf- wache, unb ein neuer Tag beginnt mit seinen Leiden. Dann bete ich, daß mein Saschenka ein rasches Ende gefunden haben möge, daß dieses Leben voller Qual ihn nicht mehr bedrückt. Nirwana..
Da beugte sich Dövlgns nieder zu ihr, bie das Gesicht in beiden Händen geborgen hatte:
„Gr lebt... und er ist nicht in (Sibirien... unb Sie werden ihn Wiedersehen, Tatiana Iwanowna ... bald, bald. Ich sah ihn, ich sprach ihn vor gar nicht langer Zeit... und er betrauert Sie als eine Tote, Gräfin."
Ein bleiches Gesicht verzerrte sich. Sin Schrei rang sich aus ihrer Brust:
„Er lebt... Saschenka lebt... unb nicht in Sibirien, sagen Sie...? Hörst bu, Lisanka... nicht in Sibirien, nicht in ber Hölle. Er lebt..
3hr Kopf fiel nach hinten. Sie war ohnmächttg geworden.
Lisanka zog eine Flasche Riechsalz aus ihrer Tasche unb hielt sie ihr vor bas Gesicht.
„Sie hat oft Ohnmachtsanfälle, bie Herrin", sagte sie zu Sevigns gewanbt, — ber sich besorgt um Tatiana bemühte. „Schon als Kind litt sie baran, wenn sie starke Erregungen hatte, llnb so ist es gekommen, daß ich bem Grafen Semjonow bie Nachricht ins Gefängnis schmuggelte, baß die Herrin tot sei... Die Madonna verzeihe mir meine Sünde. Ich habe es nicht belfer verstanden. Ihm nachher noch eine Nachricht zukommen zu lassen, war nicht möglich. Da hatten ihn die Hunde schon fortgebracht, er'toar auf bem Wege nach Sibirien."
Tatiana hatte bie Augen wieber ausgeschlagene Langsam kam sie wieder zur Besinnung.
„Wo... wo ist Sascha...?" sagte sie und ergriff S6vignös Hände, „sagen Sie mir, wo ist er?"
SevignS erzählte nun von feiner Begegnung mit Semjonow, nannte den Namen, den er jetzt trug, seine Beschäftigung.
Tatiana preßte bie Lippen aufeinanber, um ihre heraufsteigenben Tränen nieberzukämpfen.
„Wir hatten nichts gelernt, Marquis", sagte sie jetzt unb sah ihn traurig an. „Wir waren weiter nichts als glänzende, schUfernde Paradiesvögel, als das Schicksal kam unb uns hinwegfegte ... Aber er ist in meiner Nähe, ich werde ihn Wiedersehen, halb... bald."
Hub als käme ihr bas erst' jetzt zum vollen Bewußtsein, fiel sie Lisanka um ben Hals und schluchzte:
„Sascha lebt... Anka, hast bu es gehört? Und trauert um mich unb denkt, ich bin gestorben. Ein Wunder... horst du, Anka, ein Wunder ist geschehen! Die Gottesmutter horte deine Gebete."
Die Alte nahm Tatiana in den Arm unb wiegte sie, als wärt sie ein Kind.
„Lisanka darf gutmachen, was sie äfebfes getan hat, als sie schrieb: „Tot ist bie Herrin, die weihe Blume ist verblüht, unb über ihr Grab weht ber Winb." Dienen will ich euch bis zum letzten Atemzug, wenn erst wieder vereinigt fein werden, bie das Schicksal so hart getrennt hat.“
Das Auto hielt mit einem Ruck vor dem hell- erleuchteten Vestibüle bes Continental-Hotels. Lisanka zog sich in den Garderoberaum zurück, Sevignä aber führte feine Begleiterin nach einem ber Reineren Nebenräume, wo sie ungestört sitzen konnten. Er ließ ein gewähltes Abendessen servieren, nachdein er einen bequemen Nischenplatz für Tatiana ausgesucht hatte.
„Unb nun erzählen Sie mir wohl, wie dieses . Mißverständnis, das Lisanka Ihrem Gemahl ins Gefängnis berichtete, seine Aufklärung fand", sagte Sövigne, als sie beim Mokka saßen. „Ich bin so gespannt darauf, zu hören, wie Sie aus Rußland entkamen, wie Sie hierher zum Brettel gekommen sind. Ditte, erzählen Sie." (Fortjetzung folgt.)


