Ausgabe 
1.7.1931
 
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Proklamation hatte alsbald segensreiche Folgen in der ganzen Welt, und alle wichtigerenNationen außer Frankreich stimmten ihm vollinhaltlich oder prinzipiell zu. Frankreich hat nicht einmal p rinzipiell zugestimmt. Zuerst verlangten die Franzosen die doppelten deutschen Zahlungen im nächsten Jahre. Das war unannehmbar, und wir schlugen, um Frankreichs Wunsch nach Unver- leklichkeit der internationalen Verträge entgegen­zukommen, vor, daß Deutschland zwar den unauf­schiebbaren Teil zahle, das Geld aber sofort als Kreditzurückbekomme. Frankreich verlangte nun, daß der obige Kredit an Deutschland nicht der Reichsregierung, sondern gewissen deutschen I ndustrien aeliehen werde. Diese Forderung lief dem Hooverschen Vorschlag vollkommen zuwider, denn die Reichsregierung braucht den vollen Betrag um das Budget ausgleichen zu können. Dann kam die Frage des G a r a n t i e f o n d s. Frankreich verlangte, daß im Falle eines deutschen Morato­riums nicht es, sondern Deutschland diesen Fonds auszahlen soll. Wir würden es aber als entgegen dem Hoovervorschlag betrachten, wenn die gegenwärtige Hilfsaktion dazu benutzt würde, um Deutschland eine doppelte Last aufzubürden.

Die Verhandlungen mit Frankreich sind nicht ab­gebrochen. Wir sind nicht entmutigt, sondern hoffen auf eine Einigung. Unsere Bedingungen sind nicht schwer. Wir haben in der Frage des Kredites nachgegeben, und wir verlangen nur, daß er i n seinem ganzen Umfange der Reichs­regierung und für möglichst lange Zeit gegeben wird; aber fünf Jahre sind zu wenig. Auf die Frage, ob Gefahr bestehe, daß Frankreich zur Erzwingung des Houngplanes in Deutschland einrücken würde, wurde geantwortet:Dieses Schau­spiel wird die Welt nicht wieder erleben .

Ein neuer plan Hoovers.

Wenn die Pariser Verhandlungen fehlschlagcn.

London. 1. Juli. (WTB. Furrkspruch.) Der Times"-Korrefpondent in Washington meldet: Aus bester Quelle höre ich, dah folgender Kurs für den Fall eines Zusammenbruchs ber Pa­riser Verhandlungen ernstlich erwogen wird: Es wird geplant, den ursprünglichen Hvo - verplan zurückzuzieh'en und das An­gebot des Präsidenten jedem der einzel­nen Schuldnerländer gegenüber besonders zu wiederholen; mit anderen Worten, die USA. würde das Angebot machen, jedes fremde Land v-on der Rückzahlung seiner Schulden an die USA. zu befreien, das als Gegenleistung! auf die ihm von Deutschland ge­schuldeten Reparationen verzichten würde. Dieser Plan befindet sich vorläufig noch im Rohentwurf, und es liegt auf der Hand, dah er sehr ernstliche finanzielle Komplikationen ein- schließen würde. Er würde es den Franzosen überlassen, selbst darüber zu entscheiden, ob sie bereit sind, ihn zu akzeptieren, ohne dadurch andere Rationen in Mitlewenschaft zu ziehen, wie es der ursprüngliche Plan Hoovers tat. Ferner würde der neue Plan die Rückwir­kung eines Fehlschlages der Pariser Verhandlungen auf die Wirtschaft und beson­ders auf den deutschen Kredit zum mindesten abschwächen. In diesem Maße würde die Zustimmung der hiesigen Finanzkreise, die umfangreiche Beziehungen zu Deutschland ha­ben, und Inhaber der deutschen Wertpapiere sind, finden.

OerGenat billigt die poliiikLavals

Die Achtung der Verträge. - Frankreichs Opfer für den Weltfrieden. Millerand fordert deutschen Verzicht auf die Zollunion und eine Grenzrevision im Osten als Gegenleistung für das Feierjahr.

Paris, 30. Juni. (WTB.) Im Senat erklärte Senator Lemery, er sei erstaunt, dah heute die gleiche Atmosphäre festzustellen sei wie 1929, als man vom Senat verlangte, das Schul­denabkommen Mellon-Börenger zu ratifizieren. Damals habe man vergeblich von den Vereinigten Staaten Aufschub um einige Monate bis nach Annahme des Doung- Planes gefordert. Wie es scheine, wolle inan jetzt bis zum 1. Juli das Angebot Hoovers annehmen. Es hätte aber nicht viel gefehlt, daß der Senat nicht einmal Gelegenheit gehabt hätte, seine Meinung zu äußern. Die Ver­einigten Staaten nähmen Frank­reich an der Gurgel und verlangten heute, dah es nicht bezahlt werde. Die Antwort der französischen Regierung befriedige nie­mand, weder Präsident Hoover, noch die, di« sie abgefaßt hätten, noch die Kammer, noch das unersättliche Deutschland. Wenn die Vereinigten Staaten die Reparationen hätten retten wollen, dann hätten sie zum minsten den ungeschützten Teil ausnehmen müssen. Man könne franzö­sischerseits mit absoluter Deutlichkeit erklären, daß man Deutschland eine Schuld von 12 Mil­liarden nur stunden wolle, wenn Deutschland .sie nicht zum Rüsten gegen die Alli­ierten verwende. Aber es scheine, daß die Re­gierung nicht einmal auf diese Rüstungen hin­gewiesen habe.

Finanzminister Flandin erläuterte den Unterschied zwischen den finan­ziellen Auswirkungen des Vorschlages und eines gewöhnlichen Boung-Moratoriums auf die fran­zösischen Staatsfinanzen. Frankreich habe nicht im Rahmen des Poung-Planes bleiben können, weil es sich einem festen Vorschlag gegenüber befand, dessen edelmütige Geste Frankreich nicht zurück­weisen könnte. Aber trotzdem habe Frankreich es für notwendig erachtet, den Bo ung-Plan aufrechtzuerhalten und sich gegen die Rachteile zu schützen, die sich für das Land aus einem später von Deutschland vorgebrachten Mo- ratoriumsantrag ergeben könnten. Aus diesem Grunde habe Frankreich den Grundsatz der Ent­richtung der ungeschützten Annuitä­

ten durch Deutschland aufrechterhalten. Man verhandele mit Amerika und rechne damit, zu einer Lösung zu «gelangen, die die heilig­sten Interessen Frankreichs schütze.

Ministerpräsident Laval

erklärte: Wenn die französische Regierung sich vor dem Parlament hätte beliebt machen sollen, hätte es ja genügt, wenn sie den Hooverschen Vorschlag abgelehnt hätte. Frankreich konnte den Vorschlag nicht ablehnen. Aber es müsse Vorbehalte machen. Bei Len Verhandlungen, die die franzö­sische Regierung fortsetzen werde, werde sie an die gerechte Sorge und die Würde Frankreichs denken. Sie werde daran erinnern, was Frankreich 1926 während der französischen Wäh­rungskrise getan habe, um eine ähnliche Kri­sis zu überwinden wie die, an der jetzt Deutschland leide. Die französische Regierung werde an die Leiden und Lasten erinnern, die sich für Frankreich aus den Rachwirkungen des Krieges ergäben. Man dürfe durch Kritik an der französischen Diplomatie unter den gegenwärtigen ernsten Umständen nicht das Vertrauen des Landes in seine diplomatischen Vertreter untergraben. Um Ueberraschungen, wie die jetzt nach Dekannt- werdon der Zollunionspläne und des Hoover- Vorschlags zu vermeiden, sei es gut, wenn zwi­schen der Reichsregierung und zwischen der fran­zösischen Regierung eingehende unö freimütige Aussprachen erfolgen. Die Regsierung. brauche eine große Autorität, und um diese zu bestärken, erwarte er eine entsprechende große und patriotische Vertrauensabstimmung des Se­nats.

Senator Millerand

betonte, daß er der Regierung das Vertrauen aussprechen werde, um die augenblicklichen Schwie­rigkeiten nicht noch durch eine innere Krise zu verstärken. Frankreich könne seine Schulden ge­genüber Amerika nur unter der Bedingung an­erkennen, daß auch Deutschland zahle. Er habe bereits 1929 auf die Ge fahren einer vor­zeitigen Rheinlandräumung hinge­wiesen. Damals habe man beunruhigende Reden deutscherseits dadurch verteidigt, daß man sie

Musik auf dem Wasser.

Don Frank Thieß.

Jetzt sind unruhige Tage, Nordwestwind, die großen Erlen rauschen den ganzen Tag. Wenn ich sie von meinem Tisch aus in immerwährender Be­wegung sehe, ist es, als wären es riesige javanische Tänzer, deren stürmende Gebärden rätselhaft ge­bunden sind an den Ort, darauf sie stehen. Vielleicht liegt hier der Sinn ihrer Lebendigkeit, da doch auch Leben nichts anderes ist, als das, was sie in immer­währender Geste ausdrücken.

Das sind die Erlen, und das sind die stürmischen Tage. Draußen aber braust der See, doch nicht wie die Bäume sich fesselnd und zugleich befreiend, sich lösend und doch unlösbar der Erde zugeteilt, sondern treibend und begehrlich, als habe er viel zu tun, habe die Fischerboote zu schieben, Schaum zu schlagen und undeutliches Zeug in meinen Hafen zu bringen, das ich dann mit Mühe wieder beseitigen muß.

So stehe ich da und sehe den lieben lebendigen Dingen und Gesichten, den Bäumen und dem Wasser zu und finde es gut, daß sie miteinander in wech- selnden Stimmen, Formen und Rhythmen sich um- wn, während die Wolken ihnen zuschaun und keine Worte machen in der Stille ihrer Betrachtung Dies ist das Land und das Gesicht der Natur, ich kann nicht müde werden, es anzublicken.

Doch siehe da, um die Abendstunde gibt es eine Aenderung des Programms. Es wird nicht mehr getanzt und gebraust, auch die Wolken ziehen ab, die Stare setzen sich auf die Zweige, eine große Ruhe kommt und streicht über die Landschaft. Nun tritt die Sonne aus dem Gewölk, der See glättet sich treibt nicht mehr, begehrt nichts mehr, sondern glitzert in einer opalenen Farbe. Und die jungen Enten kommen aus dem Schilf geschwommen

Das ist die Stunde der Musik. Mein Garten hat weite grüne Rasenflächen, ich stelle mitten hinein das Grammophon und lege eine Bach-Platte auf. Nun strömt es wie silbernes Geäder über den schattigen Wiesenplan. Ich kann mich auf den Boots­steg setzen oder unter einen großen Weidenbaum oder auch ganz weit fort neben das Rosenbeet immer bluJ?t ^e^QPbonie des großen Orchesters mir nach. Es blüht gleichsam von allen Seiten auf mich ein, wie singende unsichtbare Wellen wogt es wach­send rundum den kleinen rotierenden Teller

Und hier steht ein Mensch und dort einer und lauscht und blickt zum leicht erglühenden Himmel empor oder in die farbige Verwirrung der vollen Beete, gleich als käme von dort und hier und überall­her das Lied. Freilich, plötzlich ist es zu Ende, jeder ruckt mit dem Kopf auf; ein paar Schritte, als habe er den Gebrauch seiner Glieder wieder erhalten, aber geschickte Hände sind dabei, die Platte zu wen­den und den Abend von neuem mit tönendem Gold­glanz zu erfüllen.

Am Ende aber will man es noch schöner haben. Man nimmt den schwarzen Koffer in die Hand, trägt ihn in ein Flachboot und fährt hinaus auf den kaum bewegten See. Und nun sehen wir mit Staunen, wie das Wasser Musik liebt. War schon im Garten die Illusion des fernen Orchesters vollkommen, so schwin­gen jetzt die Töne leichthin wie Geister über den abenolichen See. Wir haben das B-Dur-Trio von Schubert aufgelegt und damit das Wunder erreicht, daß Casals, Cortot und Thibaud in unserem Kahn sitzen und in herrlicher Einheit vor den Fischen und Schwalben musizieren. Welch ein Klang in dieser Nacht ihrer Instrumente! Uns ist's, als hätten wir sie nie so vollkommen das wunderbare Trio spielen hören, wie heute, ein wenig entfernt vom grünen Ufer, leicht bewegt von einem milden Winde, um­spielt von Schwalben und springenden Fischen.

Die Sonne ist gerade dabei, unterzugehen. Doch wie sie die Drei Schubert spielen hört, entschließt sie sich, noch eine kleine Zeit zu verweilen. Sie legt sich auf eine rote Wolke und lauscht und sinkt erst beim Adagio ganz langsam und kaum merklich auf ihr westliches Lager. Uns schien, als träumte sie hinweg. Em violetter Dunst hob sich aus dem fernen Gestade. Wildenten schwirrten hart gegen ihr Rot das sie zurückließ, damit es unsere Musik freundlich einhülle.

Die Sonne und der Abendstern. Der stieg früh auf und glitzerte, derweil es überm Walde hell wurde und der Mond sich rüstete. Ach, das stürmende finale! Nun sehen wir am Ufer weiße Gestalten sitzen, rauchen und dem zuhören, was da vom See her zu ihnen schwebt. Und langsam gleitet ein Segel­boot an uns vorüber, dicht Bord an Bord, lautlos, um die goldene Verflochtenheit von Viola, Geige und Klavier in ihrer Filigranarbeit nicht zu zerstören.

So taucht ein Sommerabend farbig und klingend in die Nacht ein. Der Abend ist längst Musik ge- worden, und was vordem tanzte und wogte ruht nun und löst sich aus m Ton uud Melodie und' fühlt.

als persönliche Ausfasung des Redners selbst hinsteAte. Heute sei es der Reichs auhen- minister, der persönlich darauf aufmerksam gemacht habe, daß fein Deutscher die augenblick­lichen Ostgrenzen anerkennen könne. Gr sei mit einem Feiechahr für die Tribute einverstanden, wenn auf der anderen Seite die Anschluh- Politik sowie die RevisionSpolitik aufgegeben würden.

Der Senat nahm am Schluss« der Debatte eine Entschließung des Senators Berard mit 197 gegen 5 Stimmen am, die lautet: Der Senat ist der Ansicht, daß die Achtung der Ver­

träge und Abmachungen die einzig feste Grundlage der internationalen Beziehungen bil­det; der Senat erinnert an die Opfer und Zugeständnisse aller Art, die Frankreich seit 13 Jahren zugunsten der Aufrechterhaltung des Weltfriedens und zugunsten der Wiederher­stellung der Eintracht und der europäischen Wirt­schaft gebracht hat. Der Senat billigt die Erklärungen der Regierung und geht zur Tagesordnung über.

Brünings Reise nach Rom.

Mussolinis Einladung. Italienische Eifersucht.

Rom, 30. Juni. Die amtliche italienische Rach­richtenagentur Agenzia Stefani teilt mit: Der deutsche Botschafter von Schubert hat der italienischen Regierung in der vergangenen Woche den Wunsch des deutschen Reichskanz­lers und des Außenministers mitgeteilt, sich nach Rom Zu begeben, um mit dem Ches der saschisli- schen Regierung zusammenzukommen. Auf diese Mitteilung hin lieh Mussolini wissen, dah der Besuch Brünings und Lurtius' angenehm sein würde und beauftragte den italienischen Gesandten in Berlin, dem Reichskanzler und dem Auhenmini- ster Deutschlands seine herzliche Einladung zu übermitteln. Der Zeitpunkt des Besuches wird noch festgelegt werden.

*

Der faschistischeTevare", der sich bekannt­lich nach der Ankündigung des deutschen Be­suches in Paris sehr kritisch über eine derartige überstürzte Anbiederung an Paris" ausgespro­chen hatte, nimmt als erstes italienisches Blatt zu dem deutschen Besuch in Rom Stellung. Seine Ausführungen sind deshalb besonders interessant. Riemanden, so schreibt das Blatt, werde öle hvchpoli tische B edeutung des angekün- digten Zusammentreffens zwischen den Reichs­ministern und Mussolini entgehen. Die deutsch- französische Zusammenkunft, die über­stürzt vereinbart und im französischen Parlament viviseziert worden sei, habe ganz den Anschein ge­habt, als sollte sie für einen Augenblick dem deutsch-französischen Gegensatz maskieren. Der Reichskanzler Brüning sei, wie der bessere Teil der deutschen Presse sofort festgestellt habe, zu schnell gelaufen. Die Illusionen seien dann

durch die Kammeraussprache in Paris schnell ge­raubt worden. Die Rundfunkrede Brü­nings habe nicht ungeschehen gemacht werden können, aber die Sprache der französischen Kam­mer und der französischen Presse müsse die Tem­peratur in Deutschland wieder normal gemacht haben. ~

DerTevere" befaßt sich dann mit dem 'Z'e i t- punkt des deutschen Besuches in Rom. Die Wahrheit, so schreibt er, sei, dah Europa durch­aus nicht die Eile einer deutsch-französischen Zu­sammenkunft einsehe, während es seinerzeit die Eile des Besuches in Chequers wohl verstanden: habe. Auch die beschleunigte Durchfüh­rung eines italienisch-deutschenZu- sammentreffens würde Europa wohl ver­stehen. Deutschland müsse sich daran erinnern, daß die beiden.Garanten der Lage am Rhein England und Italien seien und daß nur England und Italien im Rahmen des gegenwärtigen amerikanischen Vorschlages den deutschen Fragen den europäischen Rang sichern könnten, der ihnen unentbehrlich erscheine.

Dieser Kommentar entspricht im wesentlichen dem, was man in unterrichteten Kreisen über den deutschen Ministerbesuch in Rom hört. Zu er­gänzen ist, daß außer dem Abrüstungsprv- blem natürlich auch die Tributfrage und sicherlich auch die zollpolitischen Ding« behandelt werden sollen. DieTribuna" nennt# z. B. ausdrücklich die deutsch-österreichi­sche Zollunion. An zuständiger Stelle ver­weist Man im übrigen darauf, daß der deutsche Besuch keine Blockbildung zur Folge habe, eine Feststellung, die wahrscheinlich den Zweck hat, unangebrachter Rervosität in anderen Ländern vorzubeugen.

Die Vorgänge an der Llniversiiäi Berlin.

Ein Aufruf des Rektors wendet sich gegen die politischen Tumulte. Oie llniversität heute wieder geöffnet.

Berlin, 30. Juni. (WTB.) Der Rektor der Berliner Universität erläßt an die Studenten fol­genden Aufruf:

Kommilitonen! Die Vorfälle des 27. und 29. Juni mit ihren feigen Lieberfällen auf wehrlose Kommilitonen, verbunden mit tätlicherVergewaltigungmeinerDe- amten, rohen Sachbeschädigungen und schwer­ster Störung der arbeitswilligen Studenten zwin­gen Rektor und Senat dazu, etwaigen Wiederho­lungen solcher Ausschreitungen mit dem Eins atz aller staatlichen Machtmittel unnach­sichtlich entgegenzutreten. Unsere alma mater ist eine Stätte geistiger Höchstleistung und darf nichtzumTummelplatzpolitischer Leidenschaften erniedrigt werden.

Ich weih mich mit der erdrückenden Mehrheit der Berliner Studenten in dieser akademischen Ge­sinnung einig. Daher richt« ich an Sie alle den vertrauensvollen Appell mitzuhelfen, dah der letzte und vielen für den Abschluß ihrer Stu­dien so entscheidende Monat des Sommersemesters nunmehr völlig ungestört den hohen Aufgaben ge­widmet werden kann, deren Erfüllung Volk und Vaterland in harter Zeit von uns erwarten.

Wegen der tätlichen Angriffe und Sachbeschä­

digungen haben Rektor und Senat strengeUn- tersuchung eingelRtet.

Der Rektor: D. Adolf Deihmann.

Wie dieRachtausgabe" meldet, hat der Senat der Friedrich-Wilhelm-Universität am Dienstag- nachmjttag beschlossen, die Universität von Mittwoch ab wieder den Studieren­den zugänglich zu machen. Das Ge­bäude der Universität wird am Mittwochmorgen wieder geöffnet sein. Ferner war der Senat der Auffassung, daß mit allen Mitteln dafür Sorg« getragen werden müsse, die Arbeitswilli­gen gegenüber den radaulustigen Elementen zu schützen. Es wird eine ein­gehende Untersuchung über die Unruhen eingelei­tet und, soweit es möglich ist, sollen die Unruhe­stifter disziplinarisch bestraft werden.

Auch die Münchener Llniversität geschloffen.

München, 30. Juni. (TU.) Bei der Vor­lesung des Universitätsprofessors Dr. R a w i a - sky am Dienstag kam es wieder zu größerem Lärmszenen in der Universität. Die na-

wie dies erst das ganze Leben ist: Zuerst Gebraus und Trieb, dann abendliches Lied und tönende Ruhe, die auf wunderlichen Akkorden langsam in Traum und Schlaf hinübergleitet.

Oer Kampf mit dem Tode.

Wie der menschliche Wille imstande ist, dem Tode durch den elektrischen Strom zu entgehen, zeigt die hochdramatische Schilderung, die In­genieur Unger^wn seinemKampf mit dem Tod" in der Frankfurter Wochenschrift über die Fortschritte in der Wissenschaft,Die Umschau", gibt. Als er an einem Samstagabend sein Bad nehmen wollte, benutzte er die günstige Gelegen­heit des warmen Wassers, um sich vorher zu ra­sieren und hatte dabei die elektrische Zuglampe heruntergezogen. Das Badezimmer hatte er von innen abgeschlossen und stand, nachdem er geba­det, aufrecht in der Wanne. Als er herauSstei- gen wollte, schob er die elektrische Lampe hoch, die ihm vor dem Gesicht hing, dabei ging das Licht aus und der Strom von 220 Volt ging durch seinen Körper. Dieser Lichtstrom ist be­kanntlich ziemlich harmlos, führt aber bei starker Feuchttgkeit zu sofortiger Herzlähmung, und dar­aus sind die schweren Unglücksfälle zu erklären, die im Wasser durch die Elekttizität hervorgeru­fen werden. Unger spürte sofort, wie seine Kräfte schwanden, und sank mit dem Rücken gegen die Wand. Er behielt aber noch soviel Klarheit der Gedanken, daß er sich sagte:Du stehst im Was­ser, baS kann dein Tod sein. Der Strom hält meine Hand fest. Die Lampe wegwerfen!" Rach diesem Gedanken wurde er bewußtlos, und es mö­gen drei bis vier Sekunden vergangen sein, wäh­rend deren ihm seine furchtbare Lage blitzschnell bewußt wurde. Seine Frau, die im Wohnzim­mer sah, hörte seinen Aufschrei und den Fall, sie sah, dah kein Licht brannte, und vernahm, wie die Lampe im Badezimmer gegen die Wand flog, worauf das Licht sofort wieder aufflammte. Die Entfernung ihres Sitzplatzes bis zur Tür des Badezimmers beträgt 11,5 Meter. Danach läßt sich mit Sicherheit berechnen, dah der Strom min­destens 6 Sekunden lang durch den Körper des Verunglückten ging, bevor es ihm gelang, sich zu befreien. Sein Kampf mit dem Tod muh also noch während der Bewußtlosigkeit mindestens zwei Sekunden gedauert haben. Ehe die Frau

Hilfe bringen konnte, vergingen etwa 5 bis 8 Mi­nuten. Sein Erwachen aus der Bewußtlosigkeit schildert der Verfasser folgendermaßen:Das erste, was ich bemerkte, war ein leises Ohrklin­gen also keine himmlische Musik oder der­gleichen. Dieses leise Ohrklingen hatte in dem Augenblick tatsächlich Beseligendes, das wohl In der gleichzeitigen, wenn auch noch nicht im Ge­danken erfaßten Erkenntnis lag, diesmal dem Tode noch entronnen zu sein. Ich erwachte, wi« sonst, aus normalem Schlaf, in der Badetvann«, ohne alle Schmerzen, hörte meine Frau an der Tür klopfen und rufen, stand auf und schloß die Türe auf. Im ersten Augenblick sah ich noch die Kette mit dem Derschluhstopsen zur Bade­wanne, die ich mit dem oberen Ring an einem Zeh meines rechten Fuhes hängen hatte, für eine Schlange an; dann war ich wieder bei vollem Be­wußtsein und konnte nun feststellen, dah ich doch nicht ohne kleine Andenken davongekommen war. Am Zeigefinger und Daumen, mit denen ich di« Lampe berührt hatte, waren starke Verbrennun­gen, an der Stirn hatte ich mir mit der Lampe eine blutende Wunde geschlagen, am rechten Ober­schenkel war eine breite Rißwunde und meine linke Seite war in der Herzgegendwie zer­schlagen". Das kam teils von der Wirkung des elektrischen Stromes, teils davon, dah ich mit dieser Stelle auf den Rand der Badewanne ge­fallen war. Mein Herz arbeitete zunächst noch sehr langsam und kam erst nach etwa einer hal­ben Stunde auf seine gewohnte Schlagzahl. Man wird mir glauben, dah es für einen gesundem Menschen von 40 Jahren nicht eben schön ist, wenn er plötzlich erkennt, dah der Tod ihn an der Hand hat. Trotzdem ist der Schrecken des plötzlichen Todes doch verhältnismäßig gering weil die Zeit fehlt, ihn auf sich einwirken zu lassen. Besonders interesfant ist die Tatsache, dah die aktive heftige Form meines Kampfes mit dem Tode, die mir einige Verwundungen einbrachte, in meiner Bewußtlosigkeit stattaesunden hat und außerdem genau meinem mit dem letzten klarem Gedanken vor der Bewußtlosigkeit gefaßten Wil­len entsprochen hat. Man sieht daraus, dah der Wille den Körper noch beherrscht, wenn die Ge­danken bereits ausgeschaltet sind. Hätte mein Wille zum Widerstand versagt, so wäre ich zu­sammengebrochen und heute tot. Mein Wille hat den Kampf entschieden und mich gerettet."