Ausgabe 
1.7.1931
 
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Nr. 151 Erster Blatt

181 Jahrgang

Mittwoch. 1. Juli 1931

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Landnöten.

Die Franzosen haben sich mit ihrem Widerstand gegen den Vorschlag Hoovers ineineSackgasse verrannt, so daß sie nicht den rechten Ausweg mehr finden. Für sie handelt es sich eben in erster Linie um eine politische Frage und für den Ministerpräsi. de nie n Laval um ein Stück Prestige. Die Art, wie er den ganzen Streitfall behandelt, ist angesichts der allgemeinen Wirtfchastsnot eigentlich mehr als zy­nisch. Er sieht nicht die Katastrophe, die kommen müD, wenn er weiterhin halsstarrig bleibt. Er sieht nur die Möglichkeit, sichhinter feiner Kammer zu verschanzen" und spricht das auch öffentlich aus, in der Hoffnung vielleicht, daß Hoover dann nachgeben wird. Hoover kann aber nur bis zu einer gewissen Grenze nachgeben. Für ihn ist das Moratorium selbstverständlich nicht Selbstzweck, sondern e i n Stück in einem sehr txiel größeren Plan. Er geht davon aus. daß die Repara­tionen das Unglück der Welt sind und will den Nachweis führen, daß eine Besserung eintritt, sobald mit den Reparationen gestoppt wird. Daß eine Heilung innerhalb eines Fohres möglich sein sollte, ist natürlich ausgeschlossen. Die logische Folge De» Hoover-Planes ist daher, daß in einem Fahr ein neues Moratorium kommt und 1933 ein drittes, so daß dann die Welt drei Jahre Zeit hätte zur Erholung. Um nach dieser Zeit, wenn sich inzwischen herausgestellt hat, daß die Belebung kräftige Fortschritte macht, an eine Regelung der Kriegsentschädigung auf kaufmännischer Basis her- anzugehen.

Die Franzosen sehen diese Gesahr sehr gut und wollen ihr entgegenarbeiten, indem sie ein­mal die beschleunigte Rücker st attung der uns in Form von Krediten wieder zur Der- fügung gestellten ungeschützten Zahlungen ver­langen und indem sie außerdem von uns die Verpflichtung fordern, daß wir aus Grund dieses Feierjahres in absehbarer Zeit keine Revi­sion des Voungplanes verlangen werden. Das sind beides U.nmöglichkeiten. Sollen wir nach einem Jahr ungefähr ^00 Millionen mehr aufbringen, dann bleibt von der ganzen Stun­dung nicht allzu viel mehr übrig. Sollen wir außerdem bei der Gelegenheit den Voungplan als etwas älnvtrletzllches anerkennen, dann hat die ganz« Aktion für uns keinen Sinn. Di« Fran­zosen wissen ganz genau, daß die deutsche Re­gierung gezwungen wäre, ein Lranssermoratorium für Mitte 3uli zu erklären, wenn nicht im letzten Augenblick Hoover einsprang. Sie wissen, daß wir mit unserer Kraft am Ende sind und so oder so eine Lösung suchen müssen. Eine Lösung aber, die daS französische Risiko eines Mora- wriumS auf unsere Schultern abwälzt, kann für uns gar nicht in Frage kommen. Dann lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Wir verkennen die Gefahr nicht, die in einem Scheitern der französisch-amerikanischen Verhand­lungen liegt. Wir wissen, welche schweren Er> schütterungen unserer Wirtschaft daraus folgen müssen. Aber wir können nicht noch einmal unsere ganze Zukunft für ein Linsengericht ver­kaufen. Wenn es nicht anders geht, werden wir diese Kraftprobe durchhalten müssen, auf alle Folgen hin. Aber vorläufig dürfen wir immer noch hoffen, daß die Franzosen den Dogen nicht überspannen und im letzten Augenblick doch Angst vor den Auswirkungen ihrer Halsstarrigkeit haben werden.

Nach der englischen und französischen Regierung hat nun auch Italien den Reichskanzler und den Reichsaußenminister zu einem Besuch eingeladen. Es ist begreiflich, daß Rom den Wunsch hat, sich von den inNraational^n Besprechungen nicht ausschalten zu lassen und daher Wert darauf legt, die deutschen Staatsmänner zu einer Erörterung der politischen Lage bei sich zu sehen. Daß die deutsche Regierung die Einladung angenommen hat, war ein selbstver­ständliches Gebot der Höflichkeit. Auch in Berlin wünscht man, gute und freundschaftliche Beziehungen zu Italien zu unterhallen. Die deutschen Staats­männer werden also von dem besten Wunsche be­seelt nach Ftalien gehen. In Rom aber wird man sich darüber klar fein müssen, daß die Besprechungen nur dann von wirklichem Erfolg getränt fein wer­den. wenn man mehr als bisher Verständnis für die schwere Lage Deutschlands zeigt. Wir haben von italienischer Seite des öfteren unverbindliche freund­liche Worte gehört, jedoch standen leider die Taten der italienischen Regierung keineswegs damit immer in Einklang. Sollte hier ein Wandel sich anbahnen, so würde das gewiß in Berlin aufrichtig begrüßt werden. Daß die deutsch-französischen Verständi- gungsversuche durch die römischen Besprechungen nicht beeinträchtigt werden, ist selbstverständlich.

Die persönliche Fühlungnahme der Staatsmänner, in deren Zeichen jetzt die Außenpolitik steht, ist eine begrüßenswerte außenpolitische Initiative, auch wenn sofort greifbare Ergebnisse nicht zu verzeichnen sind. Gewiß kamen die Außenminister auch bisher schon in Gens in unmittelbare Berührung, aber die mit Arbeitsstoff reichlich oersebenen Tagungen ließen kaum Zeit zu ruhiger, freundschaftlicher Aussprache. Die so schnell modern gewordenen politischen Dochenendbesuche beseitigen' daher einen Mangel und Prüften zur Verständigung beitragen. Auch die Zusammenkunft führender Parlamentarier kann auf diesem Gebiete von Nutzen fein, sofern sie in dem gebotenen Rahmen bleibt. Entschieden abzu­lehnen ist es aber, wenn sie die Form privater Außenpolitik annimmt, die womöglich noch in Gegen­satz zu der Arbeit der eigenen Regierung steht. Mit einigem Erstaunen hat man vernommen, daß wäh­rend der Verhandlungen der französischen Kammer über den Hoooerplan Herr Breitscheid in Paris eine rege politische Tätigkeit entwickelt und sogar an den Fraktionssitzungen der französischen

Roch immer feine Entscheidung in Paris

Mellon hält in Washington Rückfrage. - Präsident Hoover will feinen plan nötigenfalls ohne Frankreich durchführen.

pari», 1. Juli. (IDIB. Funkspruch.) Die fran- zösisch-amerikanischen Besprechungen sollten heule vormittag wieder ausgenommen werden. Nach demEcho de Paris sind sie jedoch a u f 15 Ahr verschoben worden, weil Schatzsekretär Mellon um diese Frist gebeten habe, damit er noch einmal mit Washington nach der gestrigen Senatsdebatte sich ins Benehmen sehen kann.

Jm Staatsdepartement in Washington wurde heute erklärt, der Streit mit Frankreich drehe sich nur um folgende Punkte:

1. Amerika wolle, daß die deutsche Regierung den ungeschützten Teil alsbald in voller höhe zu Budgetzwecken zurückerhalte.

2. Daß bi? Rückzahlung dieses Kredi­tes in 2 5 3 ahren erfolge. Man deutele zu diesem punkte an, daß man eventuell aus eine kürzere Feit, etwa 10 ober 15 3atjre herunter­gehen werbe, nicht aber auf fünf 3ahre.

3. Die Frage bes Garantlefonbs gehe nicht Amerika an. Diese Angelegenheit müsse Frankreich mit ben übrigen Youngplan-Gläubihern regeln. Zu- fammenfaffenb wirb erklärt, man fei nicht entmutigt, sondern erhoffe eine baldige (Einigung, da ein Fehlschlag katastrophal rtäre.

Hoover besprach die Lage heute in einer länge­ren Kabinettssihung, nachdem er vorher erneut mit Mellon telephoniert hatte. 3n parlamentarischen Kreisen umgehende Gerüchte, für die eine Bestäti­gung jedoch nicht zu erlangen ist, besagen, daß Hoover nicht nachgeben, aber auch Deutsch­land nicht Im Stich lassen werde, sondern schon jetzt mit feinen amtlichen und parlamentarischen Mit­arbeitern berate, wie man Deutschland nötigen­falls ohne Frankreichs Mitwirkung Helsen könne. Als haltlos werden die Meldungen bezeichnet, wonach man hier eine direkte Ver­ständigung zwischen pari» und Berlin wünsche. Man steht hier auf dem Standpunkt, daß Hoover die Rettungsaktion mit dem ganzen Gewicht seiner Stellung eingeleitet habe und sie auch durch­führen werde. Die republikanischeWashington post und die demokratischeBaltimore Sun" ver­treten den Standpunkt, bah man Frankreich Zeit geben müsse, unb eine (Einigung sich schließlich boch erzielen lassen werbe.

Deutschland

und das pariser Duett.

Warum dieNcichsregicrung sich heraushiclt

Verl in, 1. Juli. (ERD. Eigene Meldung.) Die .Germania", das Dlatt des Reichskanzlers, erörtert aus Anlaß der französischen Senats- dcbatte die Entwicklung der Verhandlungen über den Haoverplan. Das Dlatt beezichnet die plötz­liche Einberufung des Senats als ein weiteres Mittel, die Haltung Frankreichs zu versteifen und begrüßt deshalb um so herzlicher den Schritt der italienischen Regierung, die soeben das Inkrafttreten des Hovverschen Vorschlages für Italiens Verpflichtungen und Forderungen notifiziert habe. Die Dosis, auf der Amerika Frankreichs Svnderwünschen entgegen- kommcn will, so schreibt das Dlatt weiter, näm­lich das automatische Zurückfließen derungeschütztendeutschen Annuität als zinslose langfristige Anleihen nach Deutschland, würde, finanzpolitisch ge­sehen, den Zielen der Hooveroktion im wesent­lichen entsprechen, tocim diese Transaktion auch unnötige und unvorhergesehene Komplikationen heraufbeschwort. Was Frankreich darüber hinaus fordern zu Em- nen glaubt, wird von den Amerikanern mit Recht als eine ^Interhöhlung des Hovverschen

Planes betrachtet und bekämpft. ES ist bemerkens­wert, daß in Paris selbst Leute wie Sauerwein Deutschland sein Fernbleiben auS diesem Zweikampf direkt zum Dorwurf machen. Man weiß in Paris sehr wohl, daß man mit einem deutschen Verhandlungspartner eher als mit einem amerikanischen Unterhändler fertig wird und hätte gar zu gerne Deutschlands Ka­pitulation als Argument gegen Hoo­vers Vorschlag ins Feld geführt. Die Pa­riser Entscheidung wird darüber entscheiden müf- fen, ob das Mißbehagen und der Mißmut über Frankreichs Unverständnis und Unnachgiebigkeit im Gedächtnis der anderen Rationen ewig 'haften bleiben soll. Richt als Dittflehender hat Drüning ferne Hand Frankreich entgegengestreckt, sondern als aufrichtiger Rachbar und Freund, der um loyale Zusarnnrenarbeit und weitherziges Der-

Rom. 30. 3unL (I1L) Die Amtliche Italienische Telegraphen-Agentur berichtet:

während man erwartet, baß bie gegenwärtig laufenben Der Handlungen fobalb als möglich ein enbgültiges Abkommen zwischen ben Interessierten Regierungen ergeben, hat bie italienische Regierung folgerichtig ihrer vollen unb herzlichen Zustimmung zum Vorschlag bes Prü­ft be n t e n Hoover entsprechen!» im vor­aus bafür gesorgt, mH bet Durchfüh­rung des amerikanischen planes zu beginnen. Zu biefera Zweck Hot bet Außenminister noch Verein­barung mit bem Finanzminister bie Regierun­gen ber Schulbner st aalen Italiens ba- von oerftänbigt, bah die italienische Regierung bie Summen, bie man ihr in Anwenbung bes Houng- planes unb bes Haager Abkommens zum 1.3ull fchulbet, nicht einzuforbern beabsichtigt. Gleichzeitig hat bie italienische Regierung bie Re­gierungen ber Gläubiger st aaaten da­von verständigt, bah bie Regierung in (Erwartung

Lonbon, 1.3uli. sWTB. Funksprnch.) Die Sorge, mit ber bie politischen unb wirtschaftlichen kreise (Englanbs ber heute in pari» erwarteten (Ent­färbung entgegensetzen, kommt in ber Morgenpresfe zum Ausbruck.Daily her alb schreibt, präfi- benl Hoover habe Grohbritannien, Italien unb an- beren Staaten ben Vorschlag gemacht, dah sie auch, fall» Frankreich bie Mitarbeit verweigere, ben plan in Wirksamkeit setzen, wahrscheinlich würben in biefem Fall bie USA. bereit sein, Deutschlanb eine Anleihe für bie Bezahlung ber von F rankreich ge - f orberten Annuitäten zu gewähren. Frankreich mühte natürlich unter biefen Umftänben feine kriegsfchulben an Amerika wei­te r j a tj l e n, unb es fei möglich, bah biefe franzö­sischen Gelber von ber amerikanischen Regierung für bie Deutschlanb zu gewährenbe Anleihe benutzt würben. Auch berDaily Telegraph schreibt, sollte Frankreich es unterlassen, Amerika auf halbem Wege entgegenzukommen, so bürste präfibent Hoover eine äufjerfte Anstrengung

ständnis der deutschen Lage wirbt. Deutsch­land will keine Verträge zerreißen, sondern revidieren im Interesse der wirt­schaftlichen Zukunft Europas und des amerifa» nifchen Volkes, dessen Präsident diese hochherzige Initiative unternommen hat.

Die Übrige Morgenpresse bringt in ihren Ueber-chriften und in kurzen Kommentaren ihre Zustimmung zu der Haltung Italiens in der Frage des Hoovervorsch.ages zum Ausdruck. Der Dörsenkurier nennt den Schritt Italiens eine mutige Tat, der besonders beachtenswert In einem Augenblick sei, in dem Frankreich noch immer neue ÄonfLifte und Enttäuschungen her- aufbefchwöre. Die D A Z. spricht von einer . hochersreulichen und spontanen Gest« Italiens. Das Dlatt glaubt, dah schließlich doch eine Eini­gung mit Frankreich so gut wie sicher sei.

einer Entscheidung die von 3fallen zürn gleichen Termin geschuldeten Summen zurück­halten wird.

In Washington verlautet, daß das Angebot Ita­liens so zu verstehen ist, daß es durch das In-' krafttreten des Hoooerplanes be­dingt wird. Tritt der Plan nicht in Kraft, so ist der Status q u o automatisch wieder hergeste11t und Italien wird von seinen Schuld­nern die ihm zustehenben Summen beanspruchen. Wenn ber Hooverplan beispielsweise ohne Mit­wirkung Frankreichs in Kraft träte, bann würde bas italienische Angebot zwischen seinen bei­den Gläubigern, Großbritannien und Amerika einer­seits unb Italien unb seinen Schuldnern anderseits aufrechterhalten bleiben. Der Korrespon­dent desDaily Telegraph in Rom nennt den ita­lienischen Beschluß eine äußerste Anstren­gung, um den Hooverplan zu retten, und sagt, Italien hat einen großen Schritt getan, um zur wirtschaftlichen Erholung Europas und der ganzen Welt mitzuhelfen.

unternehmen, nm den plan zur Rettung Deutsch­lands und Mitteleuropas vom finanziellen und wirt­schaftlichen Chaos ohne französische Mik- arbeit durchzuführen. Zu diesem Zwecke werde Washington vielleicht um die Mitarbeit von London, Rom und anderen ersuchen. Der Präsident könnte sogar seinen Aufruf mit dem Argument begründen, daß Staaten, die ihm nicht entsprechen, in Zukunft das Wohlwollen und die Mitarbeit Amerika« ver­lieren und überdies eine schwere Verantwortung für ben Zusammenbruch Deutschlanb» unb Mittel­europa» auf sich laben würben.

Washington hofft noch immer.

Der Umweg über einen Kredit.

Washington, 30.Juni. (WTB.) Von hoher amerikanischer Regierungsseite wurde mitgeteilt: Unserer Ansicht nach bedeutet der Aufschub aller Zahlungen auf ein Jahr keinen Angriff auf die internationalen Verträge. Jeden­falls werden sie dadurch nicht ungültig. Hoovers

Men setzt den Hoover-Plan schon in firaff.

Rom kündigt seinen Schuldnern bereits Zahlungsaufschub ab 1. Juli an. Eine Rettungsaktion für das Jeierjahr.

Auch ohne Frankreichs Mitwirkung?

Eine amerikanische Anleihe soll Deutschland in den Stand sehen, die von Frankreich geforderten Annuitäten zu zahlen.

Sozialisten teilgenommen hat. Nicht minder verwun­derlich ist es, daß der Parteiführer Wels mit dem englischen Außenminister Henderson in London eine Privatkonferenz abgehalten hat. Es ist nicht anzunchmen, daß diese Schritte auf Grund amtlicher Anregung erfolgt sind. Handelt es sich aber und das darf man als sicher unterstellen um private Unternehmungen, so muß darauf hingewiesen wer­ben, daß schon einmal Herr Breitscheid in Genf Außenpolitik auf eigene Faust gemacht und damit keineswegs der deutschen Sache gedient hat. Vestigia terrent!

Bei ber Stein-Feier in ber Paulskirche in Frank­furt hat der Reichsinnenminister Dr. Wirth erneut angekündigt, daß die Reichsregierung an dem Ge­danken der Reichsreform festhält und sich mit der Absicht trägt, in nächster Zeit dem Reichstag bereits einen formulierten Gesetzentwurf zugehen zu lassen. Wie dieser Gesetzentwurf aussehen wird, steht wohl im einzelnen noch nicht fest. Man wird aber annehmen dürfen, daß er sich in der Hauptsache zu dem Prinzip der differenzierten Endkösung bekennen wird, das praktisch ein Aufgehen Preußens i m R e i ch vorsieht, in Süddeutschland dagegen kaum etwas ändern würde und auch Sachsen in seiner gegenwärtigen Stellung beläßt. Damit wird erreicht.

daß die Doppelregierungen in Bersin aufhören. Tat­sächlich wird ja hier eine Fülle überflüssiger Bureau- arbeiten in reinem Ressortehrgeiz zwischen Reich und Preußen doppelt gemacht, oft genug wird auch gegen­einander regiert, so daß hier Hemmungen nicht nur politischer, sondern auch verwaltungstechnischer Natur entstehen. Schlagwortartig zugespitzt könnte man sagen, daß die Wilhelmstraße, an deren östlicher Seite das preußische Ministerpräsidium liegt, während an der westlichen Seite neben der Wohnung bes Reichs­präsidenten auch eine ganze Anzahl von Reichsmini- ftcrien beheimatet sind, mehr als einmal zu einem Grenzfluß geworden ist, über den eine Verständigung nur unter Ueberroinounq großer Widerstände ge­sunden werden konnte. Es würde für den Anfang wenigstens schon einen ungeheuren Fortschritt be­deuten, wenn dieser Dualismus verschwände. Das Reich würde darüber hinaus, wenigstens in den ehe­maligen preußischen Provinzen auch den Verwob tungsapparat in die Hand bekommen unb so nicht mehr, wie das gegenwärtig ber Fall ist, Gesetze im luftleeren Raum schaffen.

Fragt sich nur, ob in Preußen, wo ja heute die Sozialdemokraten die schärfsten Partikularisten ge- worden sind, Neigung dazu besteht, auf die Eigen­staatlichkeit zu verzichten und die preußische Mission durch das Aufgehen im Reich als erfüllt anzusehen.

Der Reichskanzler darf die Hindernisse, die sich ihm hier in den Weg stellen werden, nicht unterschätzen. Aus der anderen Seite ist aber bie Konstruktion de» Deutschen Reiches in ihrer gegenwärtigen Form un­haltbar; im großen wie im kleinen. Wir dürfen nur an das Beispiel von Mecklenburg-Strelitz erinnern, das den schweren Apparat einer eiaenen Verwaltung mit sich herumschleppt und unter seinen Schulden zusammenzubrechen droht, das trotzdem aber einen sehr günstigen Eingemeindungsoorschlag Preußens ablehnte, weil das Gefühl für die ge­schichtliche Entwicklung noch stärker war als das Gefühl für die Notwendigkeit des Tages. Wir ver­stehen es durchaus, wenn ein Land nicht spurlos von der deutschen Landkarte verschwinden möchte, um als Regierungsbezirk weiterzuleben. Aber die Not wird uns alle dazu zwingen, enger zusammenzurücken. Den Luxus einer so kostspieligen Verwaltungs­rüstung, wie wir sie im Frieden getragen haben, können wir uns heute nicht mehr leisten. Seitdem aber sind an diese Rüstung noch zahllose Bleigewichte angehängt worden, durch die sie noch schwerer ge­worden ist. Und wenn nicht eine fürsorgliche Hand für ein reibungsloses Hinübergleiten in neue Ver­hältnisse sorgt, dann wird die Not eines Tages dazu zwingen, dann freilich ohne auf begreifliche Empfindlichkeiten Rücksicht zu nehmen.