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Spur aufzudrücken. Das Wirksame sind allein d t e Ursachen in der Zeit: denn wenn der Kör­per allen chemischen Einflüssen entzogen ist, zum Beispiel ein Mammut im Eisschnee der Lena, eine Mücke im Bernstein, Mumien im trockenen Felsen­grab, so können Jahrtausende nichts an ihnen än­dern. Die Zeit selbst kann nichts wirken, aber alles in der Zeit. Die Zeit fließt nicht an den Dingen vorbei, sondern durch sie hindurch."

Die Zeit gleicht", wie H e r b a r t sagt,nicht dem Waffer, das an den Windungen der Röhren entlang läuft, sondern dem elektrischen Strome, der

Rückblick und

Onkel Sams Silvestergedanken.

23on unserem E A.H.-Äerichierstatier.

Sinclair Lewis nennt ihn B a b b i t. Andere haben ihn so beschrieben: er fährt einen Ford, geht Sonntags zur Kirche, hält Babe Ruth (den Base­ballspieler) für den größten Mann und sich selbst für ganz besonders ouldsam. Er kommt in allen Farben vor, aber er hat nur einen Geschmack und nur eine Vorstellung von Politik. Nennen wir ihn Mister Jones. Jones ist von Natur nicht so be­schaulich wie wir, besonders nicht in der Silvester­nacht. Dazu fehlt ihm die Punschbowle, aufsteigende Dämpfe und Wohlgerüche, die Erinnerungen her­vorzaubern und zu nachdenklichen Betrachtungen anregen, lieber Whisky Soda und wilden Cocktails läßt sich schwer sinnieren. Feiern wir einmal Sil­vester mit ihm, nicht mit dem lärmenden, ausge­lassenen Jones in den überfüllten Ballsälen der Großstadt, sondern mit dem Vierschrötigen, Wasch­echten draußen auf der einsamen Farm im Mittelwesten, im kleinen, verschneiten Neuengland-Städtchen oder auf der Pflanzung im Süden, wo sich die schwarze Dienerschaft festlich ge­kleidet vor dem Herrenhaus versammelt, um das neue Jahr mit religiösen Negerliedern einzusingen. Was bewegt ihn, von was redet er?

Da ist wohl in seinem Herzen vor allem Dank­barkeit, vielleicht sogar ein wenig Ueberheblichkeit. Ein ganzes Jahr lang haben seine politischen Füh­rer, hat seine Presse mit den Fingern auf die andern gezeigt und ihm eingerevet, freue dich deines Lebens, denn überall in der Welt herrscht Chaos und Unfriede, nur wir hier sind die wahren Friedensapostel, dein Lebensstandard ist der höchste, die Jahre der Depression sind vorüber, bald wirst du ein neues Auto in der Garaae und zwei Hühner im Topf haben. Alle äußeren Anzeichen schienen ihnen recht zu geben. Dabei wäre es zuviel verlangt, wollte man nun meinen, Mister Jones würde seine Blicke auf die geordneten deutschen Verhältnisse, auf unseren Idealismus, den er nicht versteht, auf unsere Ver- wirklichung des nationalen Sozialismus lenken, der in feinem Lande kaum geboren ist. Wie wir nur Amerika als großes Ganzes sehen, so sieht er nur Europa, sieht ein vom Bürgerkrieg zerrissenes Spanien, ein von politischen Unruhen erschüttertes Frankreich, ein England, dessen Vormachtstellung im Mittelmeer bedroht ist, sieht nur ein ein­ziges großes Waffenlager, eine Kaserne und erinnert sich dann wütend, daßsie ihre Schulden immer noch nicht bezahlt haben". Damit ist für Jones das Thema Europa erledigt und er wendet sich schaudernd nach Asien. Rußland und China, besonders ersteres, halten schon gar keinen Vergleich mit seinem Lande aus; Japan betrachtet er als einen zukünftigen mög­lichen Feind um die Vorherrschaft im Stillen Ozean. Bleibt also noch Südamerika, das durch die Panamerikanische Konferenz von Buenos Aires und die Propagandareise des Präsidenten Roosevelt mehr als bisher in den Kreislauf nordamerika- mscher politischer und wirtschaftlicher Interessen einbezogen ist. So, wenigstens, denkt Jones, und nach dieser kurzen außenpolitischen Rundschau be­faßt er sich, sichtlich gehoben im Bewußtsein seines

durch die Substanzen geht, auf deren Natur es an­kommt, ob sie ihn leiten oder hemmen." Aus die­sen Behauptungen erhellt, daß die Denker uns nur Aufschluß darüber zu geben vermögen, was die Zeit nicht ist. Sie teilen die Zeit ein in eine äußere und eine innere; die äußere messen wir an dem Gang der Gestirne, die innere wird erklärt als eineununterbrochene Reihe von aufeinanderfolgen­den Handlungen oder Vorgängen". Wenn dem so ist, so kann man daraus folgern: die Zeit an sich ist gleichgültig gegen Zerstörung oder Entwicklung; Dinge und Menschen, deren äußere Zeit gleich ist,

r /M z _ A

Ausblick unserer Auslandskol

eigenen seelischen Gleichgewichts, mit den Problemen des heimischen Wigwams.

Da sind die Aussichten auf das neue Jahr schon bedeutend erfreulicher. Ein sehr wichtiger Faktor, das Vertrauen, ist wiedergekehrt. Vertrauen in die wirtschaftliche Erholung, Vertrauen in die politische Führung Roosevelts. Zwar weiß keiner, ob der Präsident seine neuen Vollmachten dazu benützen wird, einen linken Kurs einzuschlagen, oder ob er sich dem konservativen Lager zuwenden wird, das ihn, den Millionär und Aristokraten, als einen Abtrünnigen haßt. Vorerst, hat es den An­schein, als ob dieses wiedergekehrte Vertrauen beide Lager erfaßt habe. Roosevelts bitterster Feind, der Zeitungskönig Hearst, hat sich nach den Wahlen beinahe entschuldigt und jetzt sogar einen Sohn des Präsidenten zum Verleger einer seiner Zeitungen gemacht. Industrie und Hochfinanz haben ihren guten Willen bewiesen, indem sie gleich nach den Wahlen riesige Dividenden ausschütteten, in zahl­reichen Betrieben Löhne und Gehälter erhöhten und Weihnachtsgratifikationen verteilten. Steuertechnische Gründe haben natürlich auch mitgespielt, aber man wollte damit sagen: Laßt uns die alte Fehde ver­gessen, wir ziehen jetzt am gleichen Strick.

Als Antwort kam auch gleich die versöhnliche Geste Roosevelts: er entließ den radikalsten seiner Mitarbeiter und Berater, Professor T u g w e l l, den viele als den geistigen Urheber der mißratenen Versuche des neuen Kurses bezeichnen. Außerdem kündigte er an, er werde vom neuen Kongreß keine neuen Steuern fordern, er werde den Staatshaushalt ausgleichen und die aroßen Aus­gaben für Arbeitslosenunterstützung abbauen. Also offenbar Eintracht auf der ganzen Linie. Nur eine falsche Note will ins neue Jahr hinüberklingen, der Streik der Hafenarbeiter und See­leute. Er hat die amerikanische Seeschiffahrt, schon immer ein Schmerzenskind Onkel Sams, wirtschaft­lich bereits um etwa 350 Millionen Dollars ge­schädigt, vom moralischen Schaden gar nicht zu reden. Mister Jones tröstet sich jedoch in dem Ge­danken, daß der Streik unblutig verlaufen ist, daß es in der Geschichte Amerikas immer Streiks gegeben hat und wahrscheinlich immer geben wird, solange die kapitalistische Wirtschaft besteht, und daß ein guter Teil des Verlustes der Küstenschiffahrt den Eisenbahnen zugutegekommen ist.

Damit kommt Jones zu einer Fülle von Fragen, die Präsident Roosevelt völlig offen gelassen hat. Wie will er die Ausgaben für Ar- beitslosenunterstützung verringern? Die Zahl der Arbeitslosen beträgt immer noch zwischen sechs und neun Millionen. Etwa 1,4 Milliarden Dollars sind vorgesehen, aber werden sie ausrei­chen? Wie will er den Derwaltungsappa- rat vereinfachen und Teufende von Beam­ten entlassen, ohne sich an der demokratischen Futterkrippe, zu der auch der Kongreß gehört, höchst unbeliebt zu machen? Wird er versuchen, die Nira, die Kontrolle der Löhne, Arbeitszei­ten undPreise der Industrie, wiederaufzuleben, die vom Obersten Bundesgericht für verfassungs­widrig erklärt wurde Vorsichtige Aeußerungen von hoher Stelle, darunter sogar von einem seiner Söhne, deuten darauf hin, daß Roosevelt eine neue Nira in irgendeiner Form im Sinn hat. Wie will er überhaupt sein ganzes soziales Programm

können einer verschiedenen inneren Zeit dienen, das heißt: der eine lebt, denkt und handelt in kurzer Zeit weit mehr als ein anderer in einem langen Erdenweg.

So kommt man zu der Erkenntnis: Tätigkeit allein ist Maß und Merkmal der Zeit. Hier hat Goethe recht:Nur die Menschen (natürlich die Tätigen?) machen die Zeit!" Darum sollte jeder von unsein Flügel seiner Zeit werden, aber viele", sagt der Dichter,sind Blei". Das soll im neuen Jahre anders werden!

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durchführen? Roosevelt, das wird ihm in der Ge­schichte Amerikas stets hoch angerechnet werden, ist der erste Präsident, der das Land zu sozialerem Denken zu erziehen sucht. Der Anfang ist bereits gemacht. Schon jetzt zahlt jeder Arbeitgeber 1,5 v. H. und jeder Arbeitnehmer 1 v. H. seines Loh­nes in die Arbeitslosenversicherungskasse; später werden sich die Abgaben automatisch bis auf 4 v. H. erhöhen. Die sinnlose Propaganda der Republi­kaner gegen dieses Gesetz hat viel zum Wahlsieg Roosevelts beigetragen. Aber mehr i st ge­plant, so Unfallversicherung, Krankenversicherung, Altersversicherung, Beseitigung der Kinderarbeit, kurz und gut, ausreichende Fürsorge und Unter­stützung für jeden Arbeitnehmer. Wie wird sich der Präsident auch hier mit den neuen Greisen des Obersten Bundesgerichts auseinandersetzen, die so eifersüchtig die Verfassung hüten und doch unter­einander meist gänzlich verschiedener Meinung dar­über sind?

Ebenso ungelöst wie diese Fragen, bleiben die Probleme der Landwirtschaft, der überkapi­talisierten E i s e n b a h n en, der Kohlenindu-

Von unterem v. Gk -Ä

Die Beziehungen zwischen Australien und Deutschland haben sich nur wenig verändert. Wenn auch hie und da einmal freundschaftliche und ein­sichtsvolle Stimmen zu verzeichnen sind, so steht doch der überwiegende Teil der australischen Oessentlich- keit dem neuen Deutschland nach wie vor ohne jedes wirkliche Verständnis gegenüber. Im Laufe des Jah­res hat sich allerdjngs einiges ereignet, was auf einen allmählichen Umschwung der australischen öf­fentlichen Meinung hindeuten könnte. Während noch im Mai 1933 die australischen Kriegsteilnehmer in Sidney ihre Beteiligung am damaligen Empfang des deutschen KreuzersKöln" schroff ablehnten, konnte am 17. September 1936 auf Einladung der deutschen Kriegsteilnehmer das erste kame­radschaftliche Treffen deutscher und australischer Frontkämpfer im deutschen VereinConcordia" veranstaltet werden. Es ist ferner festzustellen, daß das Interesse an der deut­schen Sprache zunimmt. So wurde der Deutsch- Unterricht an den Hochschulen und höheren Schulen in Victoria und Queens-Land erweitert. Auch in den Sonntagsschulen der Evangelisch-luthe­rischen Kirche Südaustraliens hat die Anzahl der den deutschen Unterricht besuchenden Kinder erfreu­lich zugenommen. Im australischen Deutschtum selbst konnten die Einigungsbestrebungen erfolgreich weitergeführt werden. Es ist zu einer ersprießlichen Zusammenarbeit zwischen dem Bund des Deutsch­tums in Australien und Neuseeland und der Aus- landorganisation der NSDAP, gekommen. Die grö­ßere Geschlossenheit des australischen Deutschtums macht sich auch in dem Verlangen bemerkbar, im­mer festere Brücken nach Deutschland hinüberzuschla­gen.

Wenn die innere Lage des Commonwealth von Australien gewisse Zeichen der Entspannung auf­weist, so liegen die Dinge auf dem außenpolitischen

ft r i e. Alle lausen daraus hinaus: kann Roosevelt denVereinigten Staaten" eine grundlegend neue Wirtschaftsordnung geben, in deren Mitte die Bundesverwaltung als kontrollierendes, stabilisierendes Organ steht ober werden fapitalifh- sehe Sonderinteressen, verschanzt hinter dem kularismus der Staaten, weiterhin die Oberhand behalten? Die Lehre, die der Präsident aus den Erfahrungen der letzten Jahre ziehen dürfte, ist, langsamer und vorsichtiger oorzugehen. Amerika ist zu groß und zu jung, die Probleme sind zu vielgestaltig, als daß man sie geschwind unter einen Hut bringen könnte, wie er es in seiner Be­geisterungsfähigkeit versucht hat. Roosevelt ver­fügt jetzt über eine dreifache Mehrheit im Senat, über eine mehr als doppelte im Haus, so daß er mit der Zustimmung des Kongresses für neue plan- wirtschaftliche Maßnahmen rechnen kann. Auch das Oberste Bundesgericht scheint von dem Vertrauens- votum etwas beeinflußt worden zu fein, das das amerikanische Volk seinem Präsidenten in den letz­ten Wahlen gegeben hat. Die kürzliche Entscheidung über die Verfassungsmäßigkeit des Arbeitslosenver- jicherungsgesetzes in Neuyork läßt eine liberale Auslegung der Verfassung erkennen. Wo keine an­dere Möglichkeit besteht, findet die Bundesregierung auch Umgehungen, so im Falle der landwirtschaft­lichen Produktionsregelung, die seit dem Sturz der AAA zum Teil auf dem Umwege über das Ero­sionsgesetz (Gesetz zur Bodenerhaltung) herbeige, führt wird. Vielleicht wird Roosevelt sogar im Ver­trauen auf die hinter ihm stehenden Wählermassen vor den neuen Kongreß treten und einen Ver­fassungszusatz beantragen, der die Macht des Obersten Gerichtshofes in Washington beschneidet.

Aber wollen wir Jones nicht weiter quälen. Das sind Fragen, die das Jahr 1937 beantworten wird. Inzwischen hat der Whisky seine Schuldigkeit ge­tan, draußen schießen die Böller und Jones faßt den großen Grundsatz, der in jeder amerikanischen Sil­vesternacht gefaßt wird: Nicht grübeln, damit der Kopf im neuen Jahr klar bleibt. Und davon können wir nur lernen.

krichterstatier in Sidney.

Felde genau umgekehrt. Fühlte sich Australien noch bis vor kurzem in seiner insularen Isoliertheit und in der Zugehörigkeit zum britischen Empire sicher und geborgen, so ist fett der zweiten Hälfte des ab­gelaufenen Jahres eine gewisse Unsicherheit zu ver­zeichnen. Insbesondere verfolgt man hier mit großer Besorgnis den politischen und wirtschaftlichen Ex­pansionsdrang Japans nach dem Süden. Es wird in Europa vielfach übersehen, daß Austra­lien und Japan unmittelbare Nachbarn sind und nur der Aequator die jeweiligen Machtbereiche trennt. Daher auch die zunehmende Erkenntnis von der Gefahr des volkleeren Raums, des­sen Verteidigung durch die britische Flotte nicht mehr wie früher gewährleistet, durch das Fehlen eigener Verteidigungsmittel und den Mangel an Bevölke­rung äußerst beeinträchtigt ist. Die Frage nach der Wiederzulassung der Einwanderung, zunächst von Briten, dann aber überhaupt von Men­schen nordischer Rasse, wird in der australischen Oeffentlichkeit erörtert, ohne daß man bisher zu einem greifbaren Ergebnis gekommen wäre. Die politischen Besorgnisse Australiens haben allerdings bereits zu einer Stärkung des Empire-Gedankens und des Zugehörigkeitsgefühls zum englischen Mut­terlande geführt. Wie nie zuvor werden heute eng­lische Interessen in den Vordergrund gestellt, zuwei­len selbst unter Hintansetzung der eigenen australi­schen Erfordernisse. Als Beispiel sei nur auf den Zollkrieg gegen Japan verwiesen oder auf die Einschränkung der Einfuhr amerikanischer Er­zeugnisse und die Maßnahmen gegen die amerika­nische Schiffahrt. Da das Jahr 1936 aber wirtschaft­lich im Zeichen einer ansteigenden Konjunktur stand, hofft man offenbar, hieraus für die Opfer, die den Interessen des Empire gebracht wurden und wer­den, entschädigt zu werden.

Oer Kolonialfeldwebel.

Sine Neujahrsgeschichte von Georg Britting.

Der kurzbeinige, dicke Doktor mit dem auf- geschwemmten Gesicht (er sagte einmal, daß er zehn Jahre seines Lebens im Sattel zugebracht habe, bei vielen Unternehmungen, friedlichen und kriegeri­schen), der spitzbärtige Doktor, der oft in der klei­nen Weinstube seinen Schoppen trinkt, und so laut und schnarrend spricht, daß man am Nebentisch fast jedes Wort versteht, erzählte diese Geschichte:

Ein bayerischer Jnfanterieleutnant, des ewigen Einerlei seines Berufs herzlich überdrüssig, ließ sich, es war einige Zeit vor dem Weltkrieg, und daß der bald losbrechen würde, konnte der gelangweilte Mann ja nicht wissen, es haben es viele nicht ge­wußt, und sonst hätte er wohl noch gewartet, ließ sich also in den Ruhestand versetzen, vorläufig we­nigstens, um ägyptische Dienste zu nehmen. Es war da irgendein Kolonialkrieg im Gange, der Ober­befehlshaber, ein Artillerieoberst, war ein Englän­der, Araber waren die Gegner, die heimlich, aber jeder wußte es, von den Italienern gestützt wurden. Der Leutnant Huber, da unten war er natürlich gleich Oberleutnant geworden, hatte für die zwei Urlaubsjahre den Namen Schwertlein angenom­men. Die Namensänderung war ihm nahe gelegt worden, denn man wollte nicht einen Staat, mit dem man, auf dem Papier wenigstens, im Bündnis sich befand, Gelegenheit geben zu der Beschwerde, daß Offiziere des Bundesgenossen, wenn auch ver­abschiedete ... kurz und gut, der Oberleutnant hieß nun Schwertlein, verrichtete stramm seine Ob­liegenheiten, und die waren zu seinem Kummer wenig kriegerischer Art vorläufig, bestanden viel­mehr hauptsächlich darin, Farbige zu drillen, Erd­werke anzulegen, Straßen zu bauen, alles im An­gesicht des Feindes, der mit ähnlichen Arbeiten sich beschäftigte. Nur selten beschoß man sich ein wenia.

Nun gab es da bei Schwertleins Truppenteil auch einen alten englischen Unteroffizier, einen Feldwebel, einen recht gewöhnlichen Burschen, einen Kolonialsol- baten mit viel Erfahrung, zu allem zu gebrauchen, mutig, aber mit Umgangsformen, die den Verkehr mit ihm nicht leicht machten. Er war Feldwebel, aber er mit den Offizieren am selben Tisch, der Oberst hatte die Tafelspitze. Jrgendeinmal nun, der Oberst war dienstlich abweseno, geriet der Oberleutnant Schwertlein beim Mittagessen in Streit mit dem Engländer aus dem Mannschaftsstande. Der Mann der rauhen Sitten wurde ausfallend, gebrauchte Wendungen, die man auch in der Erregung ver­meiden sollte, Schwertlein wandte ihm den Rücken.

Abends berichtete er dem Oberst von dem Zwischen­fall und erklärte ihm, er sähe sich genötigt, ihyi zu melden, daß er den Feldwebel zum Zweikämpf fordern werde. Der Oberst dachte ein wenig nach, dann sagte er, und sah den Deutschen durch seine dicken Brillengläser an:Es gelten hier die Gesetze des Landes. Das wissen Sie. Wenn Sie zum Bei­spiel den Feldwebel erschießen, haben Sie dafür seiner Familie den Preis von zehn Kamelen zu entrichten." Der Oberleutnant hatte die Absätze zu­sammengenommen und aufmerksam zugehört und dabei vergeblich versucht, durch die funkelnden Gläser hindurch die Augen des alten Offiziers zu erkennen. Nach einem kurzen Schweigen sagte er dann aber, und der Oberst nahm die Antwort mit einer leichten Verbeugung entgegen und verzog den Mund nicht einmal, er denke gar nicht daran, zehn Kamele zu bezahlen, wenn er nur eins erschieße. Damit fiel die Forderung unter den Tisch. Auch tat der Feldwebel beim nächsten Mittagessen ganz unbefangen, und die beiden vertrugen sich wieder leidlich.

Das war gegen das Jahresende gewesen, und dann kam der Tag des heiligen Silvester, und nachmittags hatte Schwertlein sein Pferd ein wenig bewegt, und es war ihm sehr merkwürdig zu Mut geworden, wenn er daran dachte, wie es jetzt zu­haus aussah, im alten Deutschland, bei Frost und Eis und Schnee und kleinen blitzenden Sternen im kalten Himmelsblau, wie es sich gehört für Weih­nachten und Neujahr, und hier war gelber Sand und grauer Stein und verfilztes Dorngesträuch. Jahresschluß wurde natürlich in der Offiziersmesse gefeiert, es gab Hammelbraten wie jeden Tag, und es wurde unmäßig getrunken. Wie anders hätte man sonst feiern sollen? Und als der Oberst nach Mitternacht ging, schwoll das Gelage erst recht an, man sang und schrie und rauchte und trank, und wenn getrunken wurde, wurde gewettet, und es wettete fünf Flaschen Wisky der Feldwebel mit dem Oberleutnant: er werde jetzt gleich, es mar Mond­schein, so nahe an das feindliche Erdwerk Heran­gehen, daß er es im Lichtbild festhalten könne. Der Feldwebel trank noch seinen Becher leer, nahm seinen.schwarzen Kasten und ging wankend in die mondblasse Nacht hinaus, und die Betrunkenen standen unter der Tür, atmeten, ein wenig er­nüchtert, die kalte Luft und sahen ihm nach, bis er verschwunden war.

Das war schon gegen Morgen gewesen, knapp vor der Dämmerung, und er hatte wohl zu lange gezögert draußen, bis es schon Heller Tag war, der erste Tag des neuen Jahres, und es sollte auch sein letzter fein, weil die arabischen Posten, tüchtige

Schützen, gut aufgepaßt hatten wie immer. Seine Leiche holte man am Abend, und der Oberleutnant Schwertlein hatte sich freiwillig als Führer der Bergungstruppe gemeldet, und niemand hatte ge­zweifelt, daß er sich das nicht nehmen lassen würde, und er bekam bei der Gelegenheit einen Streifschuß am linken Arm. Am anderen Tag begrub man den Toten mit allen militärischen Ehren. Die Mauern des Erdwerks, und einen arabischen Posten, einen verschmitzt lächelnden Burnusträger, der gerade die Flinte hob, den Mann also, der ihn niedergeschos­sen hatte, fand man richtig noch auf der lichtemp­findlichen Platte. Da roars bewiesen, daß der Tote feine Wette richtig gewonnen hatte, und die fünf Flaschen zahlte ohne Zögern der Oberleutnant, und man trank sie in der Runde leer.

Der Oberst kam drei Tage nicht zum gemeinsamen Mahl, ließ sich das Essen auf das Zimmer bringen, um der Trauer um den gefallenen Landsmann auf diese Weise Ausdruck zu geben. Am dritten Tag hieß er den Oberleutnant mit ihm speisen. Das war eine besondere Auszeichnung, die der Deutsche zu schätzen wußte, und die ihm widerfuhr, weil er den Toten geborgen hatte. Der Oberst zerschnitt seinem Gast den Braten auf dem Teller, weil es der nicht selber konnte seines verbundenen Armes wegen.

Der dicke spitzbärtige Doktor am Nebentisch mit den kleinen Händen sagte noch einmal bestätigend und mit dem Ton eines Mannes, der dabei war: Es war ein mutiger Kerl, der Feldwebel, bloß eben ein Rüpel! llebrigens", setzte er hinzu,ein paar Jahre später fing die große Schießerei in Europa an, der ägyptische Oberleutnant Schwert­lein verwandelte sich wieder in einen ganz gewöhn­lichen bayrischen Leutnant Huber, und der fiel im November 1914 in Flandern durch eine englische Kugel, bevor er noch das Verordnungsblatt zu Ge­sicht bekam, das ihm erlaubt hätte, einen Stern auf (einen Achselstücken zu befestigen."

Oochschuinacdnchlen.

Geh. Rat. Dr. Carl Stumpf, em. Ordinarius für Philosophie an der Universität Berlin, ist im Alter von 89 Jahren in Berlin gestorben. Carl Stumpf, 1848 in Wiesentheid in Unterfranken geboren, hatte ursprünglich Rechtswissenschaft stu­diert, aber unter dem Einfluß von Brentano und Lotze sich bald der Philosophie zugewandt. 1873 wurde er Ordinarius in Würzburg, lehrte später in Prag, Halle, München und (seit 1894) in Ber­lin. Stumpfs Arbeitsgebiet lag etwa auf der Mitte zwischen reiner Philosovhie und experimenteller Psychologie. Don seinen Werken seien dieTonpsy­chologie" und dieGegenstandstheorie" genannt.

Mit der Neujahrspost durch Urwald und Echneewüsten.

Von der merkwürdigen Neujahrspost in fremden Ländern erzählt ein englischer Forschungsreisender, der weit in der Welt herumgekommen ist. Im in­dischen Urwald trägt der Briefbote seinen Postsack an einem Stab über der Schulter, und an dem Stock sind Glöckchen befestigt, so daß man schon von weitem das Klingeln hört.Ms ich einmal um Neu­jahr herum," berichtet der Forschungsreisende,in den Dschungeln des nördlichen Indiens an einem Nachmittag auf einem Baum saß und auf Tiger wartete, hörte ich plötzlich ein leises Rascheln im Flußbett hinter mir und sah einen Panther in ge­duckter Angriffsstellung an den Bäumen hinschlei­chen. Zu gleicher Zeit vernahm ich ein leises Klin­geln, und die Sachlage wurde mir klar. Der Post­kuli kam daher mit der Neujahrspost, ohne eine Ahnung von der Gefahr, die ihm drohte. Da ich wußte, daß es in wenigen Augenblicken um das Leben des Mannes geschehen sein mußte, so schoß ich sofort und rettete ihn. In den furchtbaren Ta­lern und Schluchten des Himalaja sind diePost- läufer" den schwersten Gefahren ausgesetzt. Tage hindurch sind sie auf ihrem Weg von Lawinen und Schneestürmen bedroht, und ein falscher Tritt beim Springen von Fels zu Fels bereitet ihnen einen eisigen Tod im reißenden Vergstrom. Einmal zu Neujahr blieb die Post an einem Orte aus, der zu den nördlichsten Vorposten Indiens gehört. Man vermutete, daß der Träger unter einer riesigen La­wine, die das Tal versperrte, begraben sei. Die Wahrheit aber kam erst fünf Monate später, mit Sommeranfang, an den Tag, als die Schneeschmelze eintrat. Der Briefträger lag begraben unter der Lawine, und seine rechte Hand hielt noch den dicken Postsack, der alle Glückwünsche und Neuigkeiten barg. In diesen wilden und wüsten Gebieten ist der Postbote auch sehr leicht räuberischen Anfällen aus­gesetzt, und es bedarf der strengsten Maßnahmen, um die Postwege zu sichern. Ein mittelasiatischer Herrscher meiner Bekanntschaft griff einmal zu einem drastischen Mittel, um den ewigen Posträu­bereien ein Ende zu machen, die auf einer bestimm­ten Route vorkamen. Er ließ den Gouverneur des Bezirks festnehmen, auf der Höhe des Pfades, wo der ganze Weg zu sehen ist, eine hohe Stange mit einem eisernen Käfig errichten und den Gouverneur darein setzen. Der Beamte sollte auf diese Weise ge­hörig aufpassen lernen, und dafür sorgen, daß die Post nicht nur zu Neujahr, sondern zu jeder Jah­reszeit richtig ankäme."