Einzelbild herunterladen

Ht. 505 änteiles Blatt

Siebener Anzeiger (Seneral-Anzetger für Kderheffen) Bomerstag, 5I.vezember 1050

Disziplin als deutsche Haltung.

Äon Werner Beumelburq

In dem vergangenen Jahr, in dem Deutschland vor den Augen der ganzen Welt das große Wunder einer bis ins letzte durchdachten und durchorganisier­ten Ordnung zeigte, begegnete der Einheimische oft der kopfschüttelnden Frage des ausländischen Gastes, wie es denn möglich war, so viele Hunderttausende von Menschen nach einem einzigenGesetz, gewissermaßen mit der Uhr in der Hand, zu bewe­gen. Geneigt, die deutsche Disziplin mit Mißtrauen zu betrachten, sie seinerseits als etwas Unheimliches und Gefahrdrohendes zu bemerken, andererseits sie ein wenig als Dummheit, Herdendrang und allzu freiwillige Unterordnung unter irgendeinen Willen zu belächeln, verwunderte sich der Beobachter doch wieder, wenn er sah, wie diese Ordnung als etwas Selbstverständliches von uns ge­handhabt wird, und wie sich die Heiterkeit, die Le­bensfreude und das Bedürfnis nach Eigenwilligkeit durchaus mit einander vertragen.

Seltsames Volk, diese Deutschen. Der Gelehrte in seiner Stube, der Chemiker im Laboratorium, der Arzt am Operationstisch, der Spezialist an seiner Maschine, jeder scheint sich gegen den andern abzu- schließen. Es gibt kaum ein anderes Volk, das seiner Natur nach so zum Individualismus drängt wie die­ses. Die deutsche Geschichte ist ein einziges, schmerz- volles Verzeichnis, wievil Unglück Eigenbrödelei, Eigenwilligkeit, Engsichtigkeit, Standesabgeschlossen- heit und Mangel an Einsicht in die Bedürfnisse der Nation über ein Volk bringen können. Ein dutzend- mal wurde dieses Volk durch seine innere Zwietracht, durch seinen Hang zur Unordnung, durch seine Ab­lehnung jeglicher Art von Organisation gestraft und fast um fein Reich betrogen. Wenn aber das Schick­sal zur letzten Probe aufrief, geschah jedesmal das Wunder, das aus dem Chaos des Individualis­mus die Kraft der Ordnung gebar: einer Ordnung, die jedem Sturm standhielt, und die fast einer Idee glich, die wie ein heiliges Feuer eine ganze Nation ergreift.

Ist also diese deutsche Disziplin, die dem Auslän­der manchmal so gefährlich erscheint, ein Ding um ihrer selbst willen, oder ist sie der Ausdruck bitterer Erfahrungen, die wir mit ihrem Gegenteil gemacht haben? Ist sie befohlen oder erzwungen, oder ist sie aus dem Charakter des Volkes selbst herausgewach­sen? Ist sie eine Bedrohung, bereit, sich von irgend­einem Willen mißbrauchen zu lassen? Ein Werkzeug der Macht, dunkel in ihrer letzten Bestimmung, oder ist sie die freiwillig erwäblte Form des Lebens, ge­boren aus der Erkenntnis, daß auch die Freiheit, die Ehre und der Friede ihrer Organisierung be­dürfen? Ist sie eine Alterserscheinung, oder wird sie getragen von einem jugendlichen, kämpferischen Wil­len, der entschlossen ist, das deutsche Schicksal zu formen?

Es ist nötig, diese Erscheinung, die dem auslän­dischen Betrachter so sehr auffällt, aus der Eigenart unseres deutschen Wesens heraus zu erklären, denn wer die Form nicht begreift, die wir uns erwählt haben, der wird auch den Inhalt nicht verstehen, nach dem wir stre­ben. Daß wir ein außergewöhnliches Talent besitzen, Vorgänge des öffentlichen Lebens zu organisieren, Ma'sen einheitlich zu bewegen, mit der Ühr in der Hand so gewaltige Ereignisse wie die Olympischen Spiele ruhig und der Ordnung bewußt ablaufen zu lassen, ist noch keine Erklärung für diese Erschei­nung. Denn Organisation und Disziplin sind nicht ein und dasselbe. Die beste Or­ganisation würde versagen, wenn sie nicht mit der Disziplin als einem festen Bestandteil des menschli­chen Wesens rechnen könnte. Die größte Disziplin, würde zum Stumpfsinn, wenn sie sich nicht ihres Zweckes bewußt wäre, und wenn sie sich nicht gründete in der Summe der Einzelwillen zur Ge­samtleistung, also daß wieder die durch die Disziplin

ZahreMluß in den Wäldern.

Ton Sofie von Uhde.

Die Wälder sind erstarrt. So weit ihre nebel­durchzogene Einsamkeit reicht, herrscht Stille; die Stille nach dem Gewesenen. Keine milde Schnee­decke verbirgt Auflösung und Verfall. Die alten, wilden Grauwackefelsen des Hunsrücks klingen nackt im Frost zwischen den gewaltigen, schwarzen Stämmen, die großen, welken Farnkräuter sind braun und springen wie Glas. Und wenn man die hohen Disteln mit den geknickten Köpfen und den zerknitterten Blättern in den kahlen, kleinen Wald­lichtungen stehen sieht, so denkt man nicht mehr daran, daß vor wenig Monaten die dicken, be­pelzten Hummeln um ihre bunten Blüten summten und der süße Sommerwind sie sanft und rauschend bewegte.

Zuweilen bricht aus dem gefrorenen Sumpf, aus dem har'ten Riedgras ein Wildschwein hervor, schwarz und drohend, als sei es der Geist dieser alten Wälder selbst, der da finster und dröhnend durch sein unwirtliches Reich flüchtet; zuweilen streicht eine Krähe kreischend von den unbewegten Wipfeln ab. Wüßte ich es nicht, ihr Wälder meines Herzens, wie lieblich der Kuckuck durch eure grünen Gründe ruft, ich würde glauben, ihr wäret feit Ewigkeiten tot und hin!

Seltsam, durch diese erstarrten Wälder zu wan­dern, heute, wo das Jahr zu Ende geht und hin­überrinnt in die Zeit, deren Grenzen ebenso dunkel sind wie die Bestimmungen alles Erschaffenen. Man schaut zurück und denkt, daß es ein Jahr war, wie eben so Menschenjahre sind, Zeiten, da der Becher gefüllt war und Zeiten, da er leer am Boden rollte, Tage des Lächelns und Tage der Tränen, Stunden der Erkenntnisse und Stunden der Torheiten. Und über allem und trotz allem Weg­weiser und Licht und Ruf in der Nacht: die un­ermüdliche Hoffnung!

Nun also wird der Kreislauf von neuem be­ginnen. Wieder ein Jahr wieder ein Jahr nicht immer hat man gleichen Mut. Da streift mich der harte, kalte Ast einer Buche und wie ich ihn gedankenlos durch die Finger gleiten lasse, fühle ich Knospen in meiner Hand. Knospen?! Ja, win­zige, harte, festgeschlossene, trotzige Knospen, die auf den Frühling warten, mag kommen was da wolle! Und ein erdhafter Duft, rasch wieder ver­weht, streift mich, da ich mein Gesicht dem Zweige nähere: ein träumender Hauch, eine zuversichtliche Hoffnung, Dust vom kommenden Leben, zärtlicher

erreichte Leistung der Gemeinschaft jedem einzelnen bewußt wird, als sein Eigenstes, als fein Besitz, das Ergebnis seiner Leistung. Die deutsche Disziplin, die wir meinen und die gerade in diesen Jahren so sinnfällig in Erscheinung tritt und darum unfern auswärtigen Kritikern so stark in die Augen fällt, ist nichts anderes als die organisierte Wech- f e l w i r k u n g z w i f ch e n E i n z e l w e f e n und Gemeinschaft, zwischen Einzelleistung und Ge- meinschaftsleistunH. Sie ist erreichbar und erklärlich nur durch die Fähigkeit des Deutschen, an seinem Teile seine Pflicht als Mitglied eines Ganzen zu empfinden, sich bei der geringsten wie bei der maßgeblichsten Tätigkeit immer bewußt zu sein, daß das Ganze erst seinen Sinn dadurch er­hält, daß es vom einzelnen getragen und für den einzelnen bestimmt ist.

Die Erkenntnis, daß die Disziplin eine Form ist, die wir freiwillig erwählt haben, um die uns vom Schicksal gestellten Aufgaben zu meistern, das auf Erfahrung gegründete Bewußtsein, daß wir ohne sie jedesmal ins Unglück gerieten und m i t i h r das Unglück wendeten, bewahrt uns davor, sie zu überschätzen. Wir freuen uns ihrer als einer Ordnung, die wie ein Schirmdach unser Leben und seine Erscheinungsformen überwölbt. Wir wis­sen aber, daß sie in der Gesamtheit unseres Wesens die Rolle einer Dienerin hat. Solange der Deutsche ihr gehorcht, solange dient er dem Frieden im Innern und im Aeußern. Sobald er sich von ihr lossagt, begibt er sich in die Zone jener Gefahren, die alle Nationen bedrohen und die einem bösen Nachbarn allzu leicht Anlaß und Vorwand geben könnten, Ziele zu verfolgen, die dem Frieden nicht dienen. Die Disziplin, die wir wahren, gilt uns

selbst. Sie gilt nicht weniger der Ordnung der Staaten untereinander. Sie gründet sich auf Freiwilligkeit und Einsicht, sie ist ine Aus­drucksform jener Ideen, denen wir uns neu zuge­wandt haben, und die nichts anderes find als die natürlicheEntwickelung unseres deut­schen Wesens und unserer deutschen Eigenart. Sie dient dazu, unsere guten Eigen­schaften zu fördern und unsere schlechten zu bekämp­fen. Sie macht es möglich, den Gedanken des einzel­nen, die Tatkraft des Genies, die Erfahrung der Besten umzusetzen in die Leistung eines ganzen Volkes. Sie schafft das Werkzeug der Verant­wortung, die den Führer mit dem Geführten, den Einzelnen mit dem Gesamten verbindet, und die alle Deutschen, mögen sie ihr Werk an dieser oder an jener Stelle verrichten, aufruft zu der großen Verbundenheit, in welcher jeder dem andern ver­antwortlich erscheint.

Es gibt kein Instrument, das in seinem Umfang gewaltiger, in feiner Form geschloffener und ein­drucksvoller, in feiner Zweckbestimmung eindeutiger ist als diese neue deutsche Ordnung. Sie hat nichts von Fruchtbarkeit für den, der sie zu begreifen sich bemüht, und wenn irgendwo das Wort gilt: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, so mußte auch der kritischste Beobachter unseres neuen Deutschland gerade in diesem vergangenen Jahr von dem Wert dieser Eigenschaft sich überzeugen. Niemals hat ein großes Volk in größerer Ordnung und Disziplin ein größeres Werk des Friedens vollbracht, als es das Werk war, das in diesem letztverflossenen Jahr der Olympischen Spiele die Augen der Welt auf uns gelenkt hat.

Cm gutes Menschenjahr.

Äon Josef Magnus Wehner.

Kein Zweifel: der Neujahrstag gehört nicht zu den innerlichen, traulichen Festen der Deutschen. Unser großer deutscher Tag heißt Winterson­nenwende. Von ihm aus, als dem Tage des steigenden Lichtes, leben wir in die heilige Stille der Weihnacht hinein, die nun den dunkel­blauen, geheimnisvollen Himmel der zwölf Nächte ausspannt sechs Tage weit noch in das neue Jahr hinüber. Wie ein fremdes Segel, mit knat­terndem Wind gefüllt, der Bord mit übermütigen Gästen besetzt, prallt für unser deutsches Gefühl der Neujahrstag in die dunkle Flut unserer zwölf Nächte, fein Lärm ersetzt nur schwach die Schauer der wilden Jagd, er ist ein vorlauter Tag.

Vielleicht ist dem Menschen die Zeit des sich gleichbleibenden Lichtes unerträglich, jene tiefe Ruhe, in der die silbernen Fäden des Wachstums im Innern der Erde zum ersten Male im Haufe des jungen Gottes beben, in der, vielleicht, auch die Geschicke des Menschen gesponnen werden. Darum trumpft er so auf, der Mensch, und läßt seine Glück­wünsche in die vier Winde schneien, weil er, viel­leicht, den Gang des Geschickes übertönen möchte. Der Neujahrstag ist der Triumph des geselligen Menschen, der nicht gerne allein seinem Schicksal begegnen möchte, zumal um Mitternacht.

Nietzsche führt in seinen Aphorismen einmal den Ausspruch eines Franzosen an:Wer mit vierzig Jahren kein Misanthrop ist, der hat die Menschen nie geliebt". Wird hier das Verhältnis der Men­schen zueinander geistreich in das Licht der Tragi­komödie gerückt, als welche jede große Liebe ein­mal endet, wenn sie nicht rechtzeitig aufhört, so be­rührt der Satz des Franzosen doch nur die äußere, gefühlsmäßige Seite der Menschenliebe. Wir Deutsche lächeln unwillkürlich über seine irisierende Skepsis. Und wir glauben, ein tüchtigeres gerade­res, froheres Verhältnis zum Menschen zu haben, ein tätiges vor allem, und Hindenburgs Wort, mitten aus der Bedrängnis des letzten Kriegsjahres heraus gesprochen (März 1918):D i e Tat ist des Deutschen stolzestes Wor t",

ist für uns Deutsche auch der Prüfstein unserer Menschenliebe. Darum bauen wir, an Stelle der lockeren und nur zur Fröhlichkeit und Unaufdring­lichkeit verpflichteten Geselligkeit der im übrigen recht individualistischen Franzosen unseren Bau der Gemeinschaft. Unsere Werke sind Gemein­schaftswerke, über denen der eherne Himmel des Schicksals steht und die unterströmt sind von einem tiefen kultischen Gefühl, das weiter keiner Benen­nung bedarf. Aus solcher Verbundenheit heraus mei­nen'wir es ehrlich, wenn wir den Mitmenschen als Bruder empfinden, dem es die Treue zu halten gilt. Treue ist uns die geistige Kraft, welche die Welt zusammenhält, und wir wissen, daß ein Volk in tausend Funken zerstieben müßte, in dem die Treu­losigkeit überhandnimmt.

Treue ist das Gebot der Gemeinschaft, das ernsteste und heiligste Wort, das einem Volke über­haupt vermacht werden kann. Treue ist das Leben nach dem Gesetz, nach dem wir angetreten sind; oft ist es nicht in Worte oder Vorschriften zu fas­sen, sondern es blüht mahnend aus der Tiefe ur­alten Blutes herauf und hält sie zusammen, die reinen Blutes sind und reinen Willens, die nicht sich selber meinen, sondern das Volk und seine Idee.

Und ein gutes Menschenjahr ..." Mit diesem Wunsch schließt Gottfried Keller das Gedicht, das auch die Verse enthält:In den Her­zen muß es keimen, wenn es besser werden soll!" Und es soll besser werden! Zuerst in den kleinen Dingen unseres täglichen Lebens, die zwar nur Atome der großen Dinge sind, die in diesem Jahre geschehen sollen, die aber ihre Weihe eben von den großen Taten her empfangen, in denen sich der Wille der Nation sein Sinnbild schafft. Die stille Brauchbarkeit ohne sie würde auch der Genius, der nach dem Stoffe greift, um ihn zu gestalten, nur lustige Gebilde hervorbringen, die vor dem Auge der Geschichte in nichts verwehen. Die stille Brauchbarkeit, das ist eben der dauernde Zustand der Treue dem Schicksal gegenüber und die Bestätigung unseres Wachstums für immer.

Duft von schwellendem Saft, den kein Frost und keine Todesstille täuscht Duft des Werdens!

Was für eine holde Bezauberung geht auf ein­mal aus von diesen erstarrten Wäldern? Nicht mehr die Stille nach dem Gewesenen, nein, die Stille vor dem Werdenden! Schon war Sonnen­wende, schon wandern die Tage wieder dem Lichte zu. Und in den tausend Wurzeln, die durch den gefrorenen Boden greifen, regt sich die erste, frohe Zukunftsahnung von Laub und Tau und Tagen des Blühens.

Gesegnet seist du, harte, kleine Knospe mit deiner stillen Hoffnung, freundliches Symbol für uns alle, denen heute ein Jahr zerrinnt! Wie sie auf einmal klingen, diese Wälder, die eben noch auf ewig stumm schienen! Wie sie auf einmal brausen vom Atem des Schöpfers! Willkommen, neues Jahr und neue Kraft!

Aeujahrsmusik.

Äon Gottfried Kölwel.

So begann das Jahr meiner Kindheit, so steht es in der Erinnerung vor mir. Die Sonne schien am Hellen Neujahrsmorgen, über den Schnee hin­weg, an den langen Eiszapfen der Dachrinne vor­bei, durch die Fenster der warmen Stube herein, wo im braunen Kachelofen große Buchenscheite ober Baumstöcke knisterten und den Raum mit behag­licher Wärme erfüllten. Alles war sonntäglich auf­geräumt, kein Hut, kein Stock, kein werktäglicher Schuh, nichts wagte die Ordnung zu stören; gleich­mäßig tickte die Uhr, der Spiegel, ja, jedes Glas im Bilderrahmen blitzte, und selbst die Stühle um den Tisch, die Bücher im Mauergesims und die Bil­der und kleinen Ziergegenstände auf der Kommode wagten nicht aus der feiertäglichen Ordnung zu fallen. Vorne am Fenster, an einem hohen Steh­pult stand mein Vater, in der Zeitung lesend, wäh­rend es durch die Türe zur Küche manchmal herein- duftete und draußen im Kaufmannsladen, wo die ländliche Bevölkerung der Umgegend ein und aus- ging, die Glocke unentwegt läutete. Aus vier und fünf Stunden weit entfernten Orten und Dörfern brachten die Leute, um den Feiertag zu nutzen, ihre Leinwand herbei, um sie in den Werfttätten meines Vaters zu färben ober sie mit ben herrlichen Trach­tenmustern bedrucken zu lassen. Hatten sie so ihre Tragtücher und Kirmen geleert, so füllten sie diese für den Heimgang meist mit Stoffen, Tüchern, Wäsche, eben mit all den Dingen, die in den Stel­lagen an den Wänden aufgeschichtet ober auf den

langen gelben Ladenpudeln aufgelegt waren. Mut­ter und Schwestern hatten so vollauf im Laden zu tun, dann wieder in der Küche bei den Mädchen nachzuschauen, so daß ich fast stets mit meinem Vater allein in der Wohnstube war. Ich sah bald die vielen Glückwunschkarten der Verwandten und Freunde durch, die der Postbote in der Frühe ge­bracht hatte, bald lief ich durch den Hausgang ins Freie und stellte mich wartend vor das Haüstor. Ja, ich wartete, ich wartete wirklich mit aller Ge­spanntheit des Kindes, während mein Vater drin­nen in der Stube eben wartete, weil es so Sitte war und weil er daheim sein mußte, wenn sie kamen.

Wer da kam, jedesmal am Neujahrsmorgen, ehe es zum Essen Zeit wurde? Ich hörte sie schon auf der Gasse daherstapfen, um die Ecke des Nach­barhauses herum hörte ich sie gehen, dann lief ich voller Freude in die Stube zurück, um dem Vater die Ankunft der Musikanten zu verkünden. Ja, Musikanten kamen, die ganze Kapelle des Ortes, jeder mit seinem Instrument: voran meist der alte Bertl, in seinem werktäglichen Leben ein Zimmer­mann, aber in den Feierstunden mit feiner Trom­pete unzertrennlich verbunden. Wenn ihm sein vom Bier und Pfeifentabak auch etwas verwitterter Schnurrbart fransig über die Lippen hing, sein Ge­sicht glänzte doch fast ebenso vor Freude wie die Mündung seiner Trompete im Glanz der Neujahrs- sonne. Ihm zur Seite, meist in einer grünen Weste, mit Hirschhornknäpfen an der Joppe, schritt der Klarinettist; es war dies ein Schuster, der aber nicht bloß das Leder richtig auf das Loch im Stie­fel zu fetzen, sondern auch mit seinen wundervollen Reden jederzeit den Nagel auf den Kops zu treffen wußte. Hinter diesen beiden kamen dann die an­deren, jeder ein Original, und, ja nicht zu ver­gessen, hinter allen drei, der alte Feuerl, im Alltag ein Maurer, mit dem Bombardon. Der Feuerle war sehr groß, überragte die übrigen fast um einen Kopf und lenkte also.schon durch sein Ausmaß mei­nen Blick auf ihn. Das Bombardon hatte es mir natürlich auch angetan, denn davon ging der meiste Glanz aus, weil es das meiste Blech hatte; und so seh ich ben Feuer! noch heute, wie er ben Mund an bas Instrument setzte, und wie im Spiel die Backen auf und ab gingen.

Mein Gott, war das eine schöne Zeit! Wie die Musikanten alle so in der warmen Stube standen vor meinem Vater als dem Bürgermeister des Ortes, und nun, auf den Wink des alten 23ertL der Marsch begann. Ein Marsch, kräftig und laut, so laut, daß es nur so krachte im Zimmer und. man fast Angst hätte haben können, es könnten die Fen-

Oie 3ei<.

Äon Hans (Sturm.

Nur die Menschen machen die Zeit", schrieb der zweiundsiebzigjährige Goethe an den jungen Phi­lologen Karl Ernst Schubarth und mag dabei viel­leicht an vorgeschichtliche Tage gedacht haben, in denen sichsein Sinnen so gern verlor". Und es wird so gewesen sein: als der Mensch der Urzeit der namen­losen Dauer müde ward, erfand er die Zeit Die über ihm wuchtende Unendlichkeit des Raumes be­drückte ihn nicht, weil er nicht um sie wußte, das uferlose Gestern und Morgen beunruhigte ihn. So spürte er dem Lauf der Sonne, dem Auf- und Niedergang des Mondes nach, folgte den Bahnen der Gestirne und nahm von ihnen Maß und Merk­mal. Hell und dunkel wurden Tag und Nacht, Hitze und Kälte nannte er Sommer und Winter, Brache, Wachsen, Blühen und Reife füllten und begrenzten das Jahr. Das Endlose hatte er endlich gemacht, den ewigen Kreislauf des Geschehens in seine For­meln gejroängt; in ihnen lebte er seine Tage dahin, zufrieden, weil er Arbeit und Feier bemessen, Ver­gangnes wachhalten und Zukünftiges voraus beden­ken konnte. Das Unendliche hatte er unter das Joch des Irdischen gezwungen. Das Woher und das Wo­hin waren ihm Rätsel und blieben es, Mythos und Märchen mußten sie ihm deuten. Er lebte sein Leben im Schoße der von ihm geschaffenen Zeit und ver­ehrte die Sonne als ihre Mutter:

Aus, des Ostens Eisentoren Steigst du, Riesin, neugeboren Flammend auf im Margenlicht. Nord sturm braust durch deine Schwingen, Heilruf hallt und Glocken klingen O, entschleire dein Gesicht!

Schon durchschreitest du, Verhüllte, Ebenen, die die Nacht erst füllte, Weltall wird zum Furchenpfad, Den des Zodiaks Pflug gezogen, Und du streust in weitem Bogen Unserer Zukunft Sternensaat.

(Agnes Miegel.)

Bald genügte es dem Menschen nicht mehr, sich im Zodiakus auszukennnen, aus den Geheimnissen des Tierkreises erwuchs ihm ein neues: wie konnte man die Zeit im endlosen Raum fassen, über­blicken? Ging man zurück zum Beginn, brandete das uferlose Nichts, die Sicht in das Kommende blieb vorhangen. Sollte man das selbstbegrenzte Tun wieder auflösen in unendliches Geschehen? Konnte man wieder hinaustreten aus dem Kreis der Zeit, in den die Urväter sich geflüchtet hatten? Ge­wiß war es schön, alles festlegen zu können, man reihte Monde und Jahre aneinander, ordnete darin Wichtiges nach seinen Zwecken und erhielt so Ge­schichte. Das mochte den meisten genügen, der tiefer Schauende wollte mehr.

Man vertiefte die Zeit, aber nicht nach dem Ab­lauf des Naturgeschehens, sondern nach dem Gangdes eigenen Denkens. Auch der Geist steht unter dem Gesetz von Ursache und Wir­kung, Grund und Folge jagen, überstürzen ein­ander, er aber bringt Ordnung hinein, er versucht es wenigstens. Einer der alten Denker antwortete auf die Frage, was Zeit ist, mit den Worten: Wenn du mich nicht fragst, was Zeit ist, so weiß ich es; wenn ich es dir auf deine Frage erklären wollte, so weiß ich es nicht ... Ich weiß nur soviel: gäbe es keine vergangenen Dinge, gäbe es keine Vergangenheit, gäbe es keine gegenwärtigen Dinge, gäbe es keine Gegenwart, und wenn es keine zu­künftigen Dinge gäbe, kennten wir keine Zukunft". Diesem Geiste war also der Begriff Zeit unklar. Wir sind in dieser Frage kaum weiter gekommen, wir können eher sagen, was sie nicht ist, als was sie ist. Sie ist keine Veränderung, kein Zerfall, keine Kraft.Wäre die Zeit eine Kraft", behauptet Scho­penhauer,dann konnte sie für sich etwas in den Dingen wirken, das vermag sie nicht; sie fließt nur über die Dinge hin, ohne ihnen im mindesten eine

sterscheiben zersplittern. Aber schon war das, wie nur etwas fein kann in der ungetrübten Freude der Jugend. Was fragte man darnach, wenn es einem in den Ohren fauste! So ein freudiger Krach gehörte nun einmal zum Leben und nun schon gar am Neujahrstag, wo es galt, freudig zu beginnen. D«mn dazu waren sie ja gekommen, alle Musikan­ten, um das neue Jahr anzublafen. Sie taten das mächtig und gründlich, und es machte ihnen gar nichts aus, wenn das Bombardon oder die Trom­pete in schönstem Akkord einmal daneben ging, ober wenn die Klarinette sich übertrillerte. Nein, das machte gar nichts, daß es etwas falsch ging, das gehörte dazu, wie sie selber, wie ihre Instrumente, und wenn sie es trotz ihres Eifers selber zu deut­lich merkten, dann lachten sie bloß, und der alte Bertl sagte einmal zu meinem Vater, nachdem er das übliche Geschenk für die ganze Kapelle erhal­ten hatte:Ein bißchen muß es immer daneben gehen. Im neuen Jahr, ja, im ganzen Leben geht es auch immer etwas daneben."

Der gute Alte! Was für eine einfache und schöne Weisheit er mir so mit auf den Weg meines Le­bens gab. Jedesmal am Neujahrstag denke ich an ihn und an all jene Musikanten meiner Heimat zurück, die soviel Freude in die Stube brachten, und ich lasse mir noch heute, obgleich sie schon alle gestor­ben sind, im Geiste immer wieder jenen freudigen Marsch vorblasen, bei dem man eben lacht, weil es etwas daneben geht.

Zeitschriften.

Die ZeitschriftDer B e r g ft e i g e r" (I. Bruckmann AG., Verlag, München) hat ihre De­zemberfolge in verstärktem Umfang dem ersten Vorsitzenden des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins, Dr. R. von Klebelsberg, zu feinem 50. Geburtstag gewidmet. Aus dem reichen Inhalt sind vor allem die Würdigungen der unermüdlichen Tätigkeit Klebelsbergs zu erwähnen. Wir finden außer verschiedenen Beiträgen über die Gegend um Brixen eine Schilderung der zweiten Begehung der Königsspitze-Nvrdwand von Aschenbrenner, die Erst­ersteigung der Guglia di Brenta von O. Ampferer, eine Weihnachtsgeschichte von Fritz Müller-Parten­kirchen sowie historische und skitouristische Arbeiten. Das Heft ist mit Holzschnitten, Photographien und einem Porträt von R. v. Klebelsberg reich be­bildert. Es wird den vielen Freund n und Schern R. v. Klebelsbergs derzeit P ofessor an der Universität Innsbruck von besonderem Interesse sein.