können sie nur sehen, wenn sie von Sonnen angeschienen sind. Der Weltenraum ist voll von ihnen, ebenso voll, wie von leuchtenden Sternen, und doch 1
Jungvolk! Vorwärts auch 1937!
Oberhessen
erkalteten langsam: so entstanden Himmelskugeln, die wie unsere Erde, selbst nicht leuchten, wir
,,J)rost, Mutter Erde, auf die nächsten tausend Jahre!"
Ein Klug ins Weltall beim Silvesterpunsch. — Wann hatMutter Erde Gebursta g?
Don unterem Sonderberichterstatter
„Hüttenberg" vom 23 HC. in dem Dereins- lokal seine diesjährige Weihnachtsfeier. 23er« einsführer Klingelhöfer gab einen Rückblick über das abgelaufene Jahr. Alle Wanderungen hätten voll und ganz befriedigt. Mit einem Sieg- Heil auf den Führer eröffnete er die Feier. Unter dem brennenden Weihnachtsbaum, beim ©innen von Weihnachts- und Wanderliedern, erschien Der Nikolaus, der allen seine Gaben, von lustigen Versen begleitet, überreichte. Der Schriftführer gab darauf die Punkte der einzelnen Wanderer bekannt. Folgende Mitglieder wurden ausgezeichnet: Oberreallehrer Blaß für die 50. Wanderung, Frau Gumbel und Lehrer Conrad (Lang-Göns) für die 25. Besonders lobend erwähnt wurde Frau Blaß, die schon 102 Wanderungen „erledigt" hat, außerdem Herr Kraut (Gießen). Herr Blaß dankte in launigen Worten für die Auszeichnungen. Besondere Freude lösten auch die Grüße aus Amerika von der alten Wandergnosün Käthi Klug aus. Ein gemeinsamer Kaffee beschloß die schön verlaufene Feier.
CD (Brüning en, 31. Dez. Für den zweiten Weihnachtsfeiertag hatte der Gesangverein „Eintracht" zu einer Weihnachtsfeier eingeladen. Der geräumige Bendersche Saal war bis auf den letzten Platz besetzt. Der Vereinsführer Wilhelm Buß hieß die Teilnehmer willkommen. Der Abend brachte zwei Theateraufführungen; Gesangsvorträge des Vereinschores, sowie musikalische Vorträge füllten die Pausen aus. Eine reich ausgestartete Tombola bereitete manche freudige Ueberraschung.
(?sd Eberstadt, 30. Dez. Der hiesige Landwirt Wilhelm S a m e s stürzte in seiner Scheune so
stoßen niemals Sterne zusammen, so u n v o r st e l l - bar weit sind die Entfernungen zwischen ihnen.
Man berechnet die Entfernung eines Sternes von der Erde nach Lichtjahren, von denen eines nicht weniger als 12 Billionen Kilometer mißt. Das bedeutet, daß ein Lichtstrahl, den ein Stern aussendet, 12 Billionen Kilometer zurück- legen muß, um nur ein Lichtjahr zu durchmessen! Dr. K. zeigte uns nun aber einen Stern im Fadenkreuz des Objektivs, der viele tausen.d Lichtjahre weit von uns entfernt ist.
Noch schärfer aber, als das mit schärfstem Fernrohr bewaffnete menschliche Auge, ist die photographische Platte. Ohne sie wären wir heute in der Kenntnis der Sternenwelt noch nicht annähernd so vorgeschritten. Mit dem Okular des Fernrohrs wird ein Photoapparat verbunden, dessen Platte man eine Nacht lang dem Licht eines Sternnebels aussetzt, der vielleicht 5 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt ist. Eine sinnreiche Verbindung von Vorrichtungen macht es möglich, das Fernrohr genau nach Sternenuhrzeit in der Bahn des Sternennebels mitwandern zu lassen, so daß am Morgen, wenn man die Platte entwickelt, ein haarscharfes Bild des Nebels auf der Platte ist, wie man es in dieser Deutlichkeit niemals mit Augen erblickt hätte. —
Wer seine Familienangehörigen, wie unsere alte Mutter Erde nach vielen Millionen zählt, der kann kein Hehl aus seiner Art machen. Wir sind ihr weit auf die Spur gekommen, unserer Erde, aoer ihr Alter hat sie noch keinem genau verraten. Wir müssen uns da auf die Schätzungen verlassen wie bei jeder schönen Frau und rufen ihr also auf gut Glück am Silvesterabend zu:
„Prost, Mutter Erde, auf die nächsten tausend Jahre!" Dr. Bure sch.
So n n e n im Weltall ist, denn alle leuchtenden Pünktchen am Firmament, außer den Planeten und dem Mond sind eigentlich Sonnen, selbstleuchtende Himmelskugeln. Unsere Sonne nun ist ein gewaltiger Ball glühenden Gases, vor undenklichen Zeiten war sie ein Nebel, der langsam in Rotation geriet, sich bald rasend um sich selbst drehte, in Die« fern Feuertanz immer dichter, immer heißer wurde, bis sie als gleißender Ball im Weltenraum hing, dessen Temperatur an der Oberfläche heute etwa 6000 und im Innern 40 Millionen Grad mißt. Dieser Prozeß erstreckte sich über Millionen Jahre, er würde uns nicht bekannt sein, wiederholte er sich nicht immer wieder. Wir kennen und beobachten heute im Weltall ständig von neuem solche Sterne n n e b e l, Vorfahren von Sonnen, in verschiedensten Zuständen der Dichte und Kugelform, von denen wir auf die Entstehung unserer Sonne schließen können. Irgend einmal vor Sternenzeiten, haben sich durch Zentrifugalkraft Teilchen aus der Sonnenmasse abgespalten, sie wurden in den Weltenraum geschleudert und begannen hier ein Eigenleben. Auch sie rotierten um ihre Achse, wurden rund und
Landkreis Gissten
X Wieseck, 31. Dez. Unsere Mitbürgerin Frau Katharine Margaretha V ö l z e l VI. Wwe., geb. Roth, Alicestrahe 4, kann heute in körperlicher Frische und geistiger Rüstigkeit ihren 8 0. G e b u r t s- t a g begehen.
± Großen-Buseck, 30. Dez. Dieser Tage beging Fräulein Adele B 0 rnoz (wohnhaft im Schloß) in geistiger und körperlicher Rüstigkeit ihren 7 5. Geburtstag. Bereits feit dem Jahre 1891 steht sie im Dienste der Familie von Nordeck zur Rabenau; in den 45 Jahren, die sie im hiesigen Schlosse tätig war, erst als Kindererzieherin, später als Stütze und Hausdame, hat sie vorbildliche Treue und Pflichterfüllung bewiesen. Während des Krieges half sie fleißig bei der Pflege der Verwundeten, die im hiesigen Schloßlazarett untergebracht waren. Auch im Dorfe erfreut sich Fräulein Bornoz durch ihr freundliches Wesen großer Beliebtheit.
* Allendorf a. d. Lda., 30. Dez. Die 70jäh- rige Margarete Will von hier, die am 30. November durch einen Sturz einen Oberschenkelbruch erlitten hatte, erlag gestern den Folgen der schweren Verletzung.
+ Odenhausen a. d. Lda., 31. Dez. Die Bevölkerung unseres Ortes, die bereits vor einiger Zeit mit den Richtlinien des Luftschutzes vertraut gemacht worden war, bewies bei der jüngst abgehaltenen Verdunkelungsübung, daß die Bedeutung des Luftschutzes hier in vollem Umfange erkannt worden ist.
! Großen-Linden, 30. Dez. Am gestrigen Dienstagabend veranstaltete der Z w e i g v e r e i n
Am Anfang war die Tat und der Wille zur Leistung und zum Kampf.
Der jahrgangsweise Aufbau bildet jetzt die Grundlage zur neuen Arbeit. Schon ein Jahr marschiert der Jahrgang 1926 in unseren Reihen. Ein neuer Jahrgang wird jetzt zu uns stoßen. Auch er wird in diesem Jahr in unserer Gemeinschaft eingegliedert werden und wir werden unsere Einheit noch fester schmieden. Das Gesetz des Führers stellt uns neue Aufgaben.
Wir werden unsere Pflicht tun.
Vorwärts, vorwärts!
Heil Hitler! Euer Jungbannführer.
Jungoolkjungen des Jungbannes 116!
Das Jahr des Deutschen Jungvolks liegt hinter uns. Die Aufgabe, die uns der Führer stellte, ist erfüllt. Wir machten es wahr: Jeder rechte Junge, ein Jungvolkjunge.
Wir waren alle im Sommer auf Fahrt und im Lager. Wir kämpften und spielten auf den Sportplätzen. Unsere Kameradschaft wuchs und wir wurden härter. Ein Führerorden entstand. In dem Leistungskampf der Fähnlein des Gebietes setzten wir uns alle ein. Wir standen an dritter und neunter Stelle! Dieser Erfolg verpflichtet uns, im neuen Jahr noch mehr zu leisten!
Berlin, Ende Dezember.
Wenn wir in der Silvesternacht in gehobener Stimmung den ersten Glockenschlag des neuen Jahres begrüßen, dann pflegen wir nicht umständlich darüber nachzudenken, wen wir eigentlich mit unserem Prost Neujahr beglückwünschen wollen. Wir stoßen an, schicken unsere Wünsche in die raketenknisternde Nacht hiyaus und vergessen auch nicht, mit einer leicht abergläubischen Hoffnung unser Glas den Sternen entgegenzuheben. Wir feiern mit dem neuen Jahr auch so etwas wie den Geburtstag unserer alten Erde, die ja auch irgend einmal im Laufe eines Jahreskreislaufes ein Jahr älter geworden ist.
Die Geburt des Sternes, den wir Erde nennen, liegt allerdings weiter zurück, als die Vorftellungs- kraft des menschlichen Geistes zu ermessen vermag. Aber jahrtausende langes Denken und Suchen hat den Menschen schließlich befähigt, immer weiter in der Erforschung des Weltalls vorzudringen. In uns allen ist die Sehnsucht nach der Lösung der unzähligen Schöpsungsrätsel. Wie sich diese Sehnsucht im Laufe der Menschheitsaeschichte in Tat verwandelt, dafür ist eine mooerne Sternwarte eines der sinnfälligsten Beispiele. Noch sind kaum vier Jahrhunderte verstrichen, da war der menschliche Geist nicht über die nach heutigen Vorstellungen primitivsten Anfangsgründe astronomischer Erkenntnisse hinaus. Man tappte wortwörtlich im Dunkeln, denn kein Fernrohr vermochte das Blickfeld des menschlichen Auges zu vergrößern, unser kleines Sonnensystem mit Planeten, Fixsternen und Monden galt als „Weltall". Erft mit der Erfindung des Fernrohrs erweiterte sich der Horizont der Hirn- melssorscher, man bekam Einblick in die Unendlichkeit des Weltraumes mit feiner Unzahl von Sonnensystemen, mit seinen Sternenströmen, seinen Wirbeln und Nebeln, und je moderner und vielgestaltiger die Apparate der Astronomen wurden, je sinnvoller sich die Erfindungen optischer, physikalischer und elektrischer Art zu dem heutigen Riesenauge moderner Sternwarten ergänzten, desto tiefer vermochte man einzudringen in die Geheimnisse von Geburt und Tod ganzer Welten, desto deutlicher wurde auch das Bild von der Entstehung der Himmelskugel, die wir Erde nennen und die im Weltall nur als winziges Splitterchen herumfährt.
Es lohnt sich, einmal eine Silvesternacht im Kuppelraum einer Sternwarte zuzubringen, vorausgesetzt, daß man beispielsweise den freundlichen Astronomen Dr. K. wieder trifft, der uns eine Beobachtungsnacht opferte, um uns mit den Wundern einer Sternengeburt bekannt zu machen und uns ein wenig in die Karten der „geheimen" Wissenschaft von den Sternen gucken zu 'lasten. P e l z s ch u h e und Pelzmantel sind zu einem solchen Ausflug ins Weltall allerdings ebenso nötig, wie zu einem Stratosphärenflug, denn als sich mit leisem Knarren der Kuppelspalt öffnet, um dem gewaltigen Rohr den Blick in den Sternhimmel sreizu- aeben, schlägt arktische Kälte wie mit Peitschen auf uns herab. In dieser Kälte sitzen die wissenschaftlichen Beobachter ganze Nächte lang, Denn eine Heizung des Kuppelraumes würde jede Beobachtung unmöglich machen, weil nicht nur das Objektiv des Fernrohrs beschlagen, sondern auch durch die Unruhe der ausströmenden Warmluft im Beobachtungsfeld jedes Schauen stören würden.
Ehrfürchtig betrachten wir das schlanke, hellgraue Rohr mit dem 65-Zentimeter-Objektiv, an dessen Okularende äußerst feingearbeitete Instrumente an- gesetzt sind, die genaueste Messungen der Lichtstärke des Sternlichtes, ja sogar eine Berechnung der Temperaturen der Sterne ermöglichen. Während unser freundlicher Mentor uns das Fernrohr auf einen jener seltsamen Doppelsterne emstellt, deren Größe, Gewicht, Temperatur und Zusammensetzung man heute mit Hilfe physikalischer und chemischer Reaktionen genau feststellen kann, obwohl sie viele hundert, ja oft tausende von Lichtjahren von uns entfernt find, erzählt er uns einige wissenschaftliche Tatsachen über die Geburt der Erde. Sie ist ein echtes Kind der Sonne, d. h. unserer Sonne, die auch wieder nur eine von Millionen
Der Führer während einer Feiertagswanderung in den Bergen von Berchtesgaden.
(Preffe-Jlluftration-Hoffmann-M.)
unglücklich von einer Leiter, daß er beide Unterarme brach. Nach erster ärztlicher Hilfeleistung mußte der Verunglückte in die Chirurgische Klinik nach Gießen gebracht werden.
Y Watzenborn-Steinberg, 31. Dez. Auch in unserem Orte wurde nunmehr eine Verdunkelungsübung abgehalten. Reichsluftschutzbund und SA. stellten sich in den Dienst der Sache. Aus den Kontrollgängen durch das Dorf konnte festgestellt werden, daß die Bevölkerung für eine ordnungsgemäße Verdunkelung Sorge getragen hatte, ein Zeichen dafür, daß auch hier Die Bedeutung des Luftschutzes erkannt ist und gewürdigt wird. — Bei der jüngsten Treibjagd wurden 85 Hasen und ein Fasan zur Strecke gebracht.
<£ Reiskirchen, 31. Dez. In unserem Orte fand am Dienstag die erste Verdunkelungsübung statt. Der Verlauf der Uebung ließ erkennen, daß der Gedanke des Luftschutzes allenthalben in seiner Bedeutung gewürdigt worden ist. Mit geringen Ausnahmen waren alle Häuser vorschriftsmäßig verdunkelt. Hornfignale kündeten den Beginn und das Ende der Uebung an.
<£ Ettingshausen, 29. Dez. Gestern abend sand in der Schule eine schlichte Abschieds- feier für den nach Steinbach verziehenden Lehrer Simon statt. Nach einem Abschiedslied der Schüler sprach der nunmehrige Schulleiter und wies auf all die Arbeit hin, die Lehrer Simon innerhalb und außerhalb seines Berufes 3ur Zufriedenheit aller geleistet hat und dankte ihm für all feine Mühe, die er sich in feinem Dienste als Jugenderzieher stets gemacht hat. Dann stattete ihm der Bürgermeister den Dank der Gemeinde ab und überreichte ihm als äußeres Zeichen dieses Dankes ein schönes Bild. Mit einem gemeinsamen Abschiedslied schloß die Feier. Anschließend fand noch ein kameradschaftliches Beisammensein der Amtswalter statt, bei dem Ortsgruppenleiter Weber dem Pg. Simon Dank und Anerkennung für seine Tätigkeit als Amtsleiter aussprach und ihm das Buch von Dr. Goebbels „Kampf um Berlin" überreichte.
Kreis Bübingen.
* Nieder-Mockftadt, 30. Dez. Die 75 Jahre alte Witwe Katharine Lenz von hier erlitt heute einen schweren Unfall. Sie glitt beim Füttern im Stall aus, stürzte und zog sich einen schweren Oberschenkel-Gelenkbruch zu, der ihre
Das fremde Gesicht.
Vornan von Garen.
5. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
„Fällt mir nicht ein!" krähte er erbost. „Ich lasse mich nicht einsperren! Ich bin hier in keiner Irrenanstalt, sondern in 'ner Privatklinik! Und überhaupt — wenn Sie mir den Alkohol verbieten, bann . . Ohne Alkohol geh' ich Ihnen drauf. Dann krieg' ich Entziehungserscheinungen und klapp' Ihnen erst recht zusammen. Das sollten Sie als Arzt schon wissen."
Herr Bertrand geriet allmählich aus feinem etwas fremdartig klingenden Deutsch in einen unverkennbaren Berliner Akzent, der Allands musikalischem Ohr nicht entging. Ein unklarer Argwohn stieg in ihm auf.
„Wo haben Sie denn so schön berlinern gelernt, Monsieur Bertrand?" fragte er unvermittelt. „Auch in Lyon?"
Herrn Bertrands Augen bekamen unter dem spöttisch lächelnden Blick des Arztes etwas von dem tückischen Blinzeln einer Katze. Nach einem trockenen Gehüstel antwortete er:
„Ich hatte als Kind eine deutsche Gouvernante, die Berlinerin war."
„Ach so! Und die hat Ihnen gleich die Lokalfärbung beigebracht. Sehr amüsant ..."
Dr. Alland drehte nachdenklich eine kleine Papierkugel zwischen Daumen und Zeigefinger. Sein Gesicht wurde wieder ernst.
„Die Folgen einer Alkoholentziehung erscheinen mir für Ihre Heilung weitaus ungefährlicher als Ihre Kognaktrinkerei, Herr Bertrand. Und da Sie nicht von selbst zur Vernunft zu bringen sind, so kann ich mir leider nicht anders helfen, als daß ich Ihnen eine Zeitlang Kasernenarrest erteile. Also merken Sie sich" — sein Ton bekam wieder eine befehlende Schärfe —, „Sie gehen mir in den nächsten acht bis zehn Tagen nicht vors Tor. Keinen Schritt! Wenn Sie es dennoch tun, trotz meines Verbotes, dann ..."
„Was bann?" fragte Bertrand mit einem eigentümlich lauernden Lächeln. Sein dreister Ton ging
Alland auf die Nerven. Eine Blutwelle schoß ihm ins Gesicht.
„Dann werf' ich Sie aus meiner Klinik, Herr Bertrand", entgegnete er eisig. „Sie können sich dann woanders weiterbehandeln lassen. Vielleicht finden Sie einen Arzt, der sich von Ihnen auf der Nase herurntanzen läßt. Ich nicht!"
Er drehte dem Patienten mit einer brüsken Wendung den Rücken und machte sich an seinem Schreibtisch zu schaffen. Bertrand blieb einen Augenblick betroffen stehen und zerrte nervös an seinem Schnurrbärtchen. Dann stieß er ein heiseres Gelächter aus.
„Hinauswerfen? Sie — mich?" feixte er höhnisch. „Na, das werden wir ja sehen!"
Etwas unheimlich Geducktes war in seinem Ton, eine versteckte Drohung, die dem Arzt nicht entging. Der andere bewegte sich langsam der Tür zu. Die Klinke in der Hand, wandte er sich noch einmal zurück. Seine trüben Augen funkelten in höhnischem Triumph.
„Das werden Sie bleiben lassen, Doktorchen! Sie könnten es mal bereuen ..."
Alland hörte die Tür ins Schloß fallen. Er atmete schwer. Eine dunkle Angst kroch auf ihn zu, etwas gestaltlos Drohendes, das da irgendwo im Hinterhalt auf ihn lauerte ...
Bereuen ...! Bereuen hatte er gesagt, dieser Mensch. Wieso, wieso bereuen ...? Was zum Teufel sollte das heißen ...?!
Frank Alland machte eine heftige Kehrtwendung. Auf halten! Zurückrufen den Kerl! Ihn beim Kragen nehmen und so lange schütteln, bis seine tückischen Anschläge von selber aus ihm herausfielen!
Bis er ...
Mit zwei Sätzen stürzte Alland zur Tür und riß sie auf. Aber in dieser impulsiven Geste hatte sein Zorn sich bereits erschöpft. Zögernd horchte er auf die unsicheren Schritte, die in der Tiefe des Korridors verhallten.
„Bettunkenes Geschwätz!" brummte er verächtlich. Und ein Gefühl von Erleichterung weitete feine Brust.
*
Die Flurtür war gegangen. Gleich darauf trat jemand so hastig ins Zimmer, daß der einströmende Luftzug einen Haufen loser Papierschnitzel
vom Tisch fegte. Der alte Lenk bedeckte mit beiden Armen schützend seine Briefmarkensammlung.
„Ina! Es zieht! Meine Marken ...", knurrte er ' weinerlich und warf der Eintretenden über die Schulter weg einen unfreundlichen Blick zu. „Kannst du denn nicht ..."
Er stockte plötzlich. Seine entzündeten Augen blinzelten die Tochter unsicher an. „Was ist denn los, Ina? Fehlt dir was? Du bist ja ganz grün im Gesicht."
Er bekam keine Antwort. Ina Lenk hatte sich, in Hut und Mantel, wie sie gekommen war, auf den nächsten Stuhl fallen lassen und starrte geistesabwesend vor sich hin. Ihr Atem ging hörbar, und ihre mageren Finger umkrampften zitternd die kleine schäbige Handtasche. Unter der dunklen Filzkappe hing ihr das aschblonde Haar in wirren Strähnen ins Gesicht, und die weit geöffneten grauen Augen hatten einen nervös flirrenden, beinahe irren Blick. Mühsam bewegten sich ihre blassen Lippen.
„Ich — habe — Richard gesehen", quälte sie tonlos hervor.
„Wen ...?"
„Richard Stubensand."
Der Alte runzelte nachdenklich die Stirn. Ein verächtlicher Zug grub sich in seine Mundwinkel.
„Ach so! Diesen Kerl, der dich damals so fein hat sitzenlassen! Dachte, das wär' erledigt."
Er bückte sich ächzend, um die heruntergewehten Briefmarken vom Boden aufzuklauben. Das Mädchen überhörte die gehässige Bemerkung. Ein brennendes Mitteilungsbedürfnis löste ihr mit einmal die Zunge.
„Das heißt, Vater", fuhr sie mit erhobener Stimme fort, während ihr ein hektisches Rot in die Wangen schoß, „ich bin nicht einmal ganz sicher, ob er es wirklich war. Ich habe ja kein Wort mit ihm gesprochen. Dazu ist es überhaupt nicht gekommen. Und dennoch, — ich konnte Gift darauf nehmen, das mein Gefühl mich nicht getäuscht hat?"
„Was heißt das — dein Gefühl?" Lenk streifte die Tochter mit einem mitleidig zweifelnden Blick. „Entweder du hast ihn erkannt, oder ..."
„Aber nein! Das ist es ja gerade, worüber man den Verstand verlieren konnte!" Ina schleuderte ihre Handtasche auf den Tisch und lief wie ein in die Enge getriebenes Tier in der Stube auf und
ab. „Stell dir das bloß vor: Du gehst ahnungslos deines Weges, denkst an nichts. Da siehst du plötzlich, keine fünf Schritte von dir entfernt, einen Menschen stehen, der einem, den du gern gehabt hast, von rückwärts zum Verwechseln ähnlich sieht. Dieselbe Gestalt, der Gang, die Bewegungen — alles! Sogar der Haaransatz im Nacken und die Art, wie er immer die linke Schulter ein bißchen hängen ließ. Unverkennbar!"
Der alte Lenk zuckte mürrisch die Achseln. „Man kann sich auch irren — besonders am Abend!"
„Es war noch ganz hell, kaum sechs vorbei. Die Laternen waren noch nicht einmal angezündet. Er stand an der Haltestelle Rathausbrücke und wartete auf die Trambahn. Vielleicht wär' es mir gar nicht sofort aufgefallen, wenn ich ihn nicht pfeifen gehört hätte. Es war derselbe Operettenschlager, den Richard immer gepfiffen hat, und genau so durch die Zähne, weißt du, und ein bißchen falsch, immer um einen Viertelton daneben. Horst du zu, Vater?"
„Natürlich ... Und was war dann?"
„Dann ..." Ina holte mühsam Atem und strich sich mit" schlafwandlerischer Gchärde eine hereinfallende Haarsträhne hinters Ohr. „Ja — dann geschah das Merkwürdigste. Das beinah Gespenstische . Im ersten Schreck rufe ich ihn an. .Rix!' entfährt es mir unwillkürlich. Hätte ich noch Richard gerufen — Richard heißen viele. Aber Rix! So hab' nur ich ihn genannt. Und trotzdem — der Mensch zuckt zusammen, als hätte man ihm ein Messer in den Rücken gerannt. Es reißt ihn förmlich herum und ... Ich will schon auf ihn zustürzen — da schaut mich ein fremdes Gesicht an — ein vollkommen fremdes Gesicht."
„Also doch ein Irrtum!"
„Ja — und nein. Ich weiß nicht Es ist zum Derrücktwerden! Die untere Gesichtspartie war zwar von dem ausgestellten Mantelkragen verdeckt. Aber Rix hatte doch keine so scharf vorspringende Nase, und die Augenstellung war auch ganz anders. Ich kenne doch Richards Augen. Wenn er es nicht war, warum erschrickt er dann so bei meinem Anruf? Und starrt mich an wie ein Gespenst — warum? Und warum muß er dann plötzlich in den nächstbesten freien Taxi springen, nachdem er doch zuvor ganz ruhig auf die Elektrische gewartet hat?"
„Es wird ihm eben zu lang gedauert haben, bis eine kam. Das ist doch kein ..(Forts, folgt.)


