Ausgabe 
31.1.1936
 
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Kr. 26 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Zreitag. 31. Zanuar 1936

Ganze 12 Kilometer in der Stunde!

Carl Benz und sein erstes Auto-Patent.

Wenn in Kürze die diesjährige Autoausstellung ihre Pforten öffnet, und die Fachleute und Schau­lustigen alles ansehen, was in einem Jahr von der deutschen Autoindustrie geleistet worden ist, dann wird es den wenigsten dabei zum Bewußtsein kom­men, daß erst vor 50 Jahren das erste grund­legende Patent auf das Automobil genom­men wurde. Der Name des Patentinhabers ist uns allen geläufig und er wird auch in der Geschichte des Verkehrs niemals vergessen werden: Carl Benz. Wir freuen uns, daß es zwei deutsche Männer, Benz und Daimler, gewesen sind, die aus eigener Kraft und unabhängig von einander, durch ihren Geist und ihre Arbeit dem Kraftfahr­zeug die Bahn geebnet haben.

Lange schon, bevor das Auto geboren wurde, hatte die Eisenbahn ihren Siegeszug durch die Welt angetreten. Der eiserne Weg beherrschte den damaligen Verkehr, und wenn ihm ein Nachteil anhaftete, dann der der Gebundenheit. Man konnte nicht beliebig dorthin fahren, wohin es einen trieb; man war an die Schiene gebunden. Zu den rastlosen Geistern, die sich mit dieser Frage be­schäftigten, gehörte auch der junge Carl Benz, der 1844 als Sohn eines Lokomotivführers geboren wurde. Verständlich, daß er schon in irgendeiner Weise durch den Beruf seines Vatersvorbelastet" war. DerW agen ohne P ferde" reizte ihn schon als Kind ungemein. Seine große technische Begabung erwies sich bereits in der Schule. Phy­sik und Chemie waren seine Lieblingsfächer, und

nete Bremsvorrichtung, wobei mittelst Hebels, zweier ungleich großer Zahnräder und einer Kurbel­scheibe, welche in die Gabel eingreift, durch eine Bewegung nach der einen Seite Die Bremse gelöst und dann das Fahrzeug in Gang gesetzt, durch eine Bewegung aber nach entgegengesetzter Sette das Fahrzeug vom Motor ausgelöst und dann ge­bremst werden kann."

Zunächst land Carl Benz in seinem Vaterlande wenig Anerkennung. Stimmen wie:Eine Spielerei, die nichts ist und nichts werden wird!", gab es genug. Aber der Ruhm des Benz-Wagens war auch in das Ausland gedrungen. Der Franzose Roger machte eine Probefahrt in demVelo", einem Wagen mit bereits vier Rädern, und war so begeistert, daß er ihn sofort kaufte und damit nach Paris fuhr, wo er berechtigtes Aufsehen und Zustimmung fand. Es fanden sich auch Käufer in Frankreich, wohlgemerkt und die Aufträge in Mannheim häuften sich. 1888 entschloß sich Benz, mit seinemVelo" selbst zu derFuhrwerks- a u s st e l l u n g" in Paris zu fahren. Der Erfolg blieb nicht aus, und so begann damals die deutsche Autoausfuhr nach Frankreich, die bis zum Kriege eine sehr beachtliche Größe angenommen hatte.

Die verbesserten Benz-Modelle, von denen der Comfortable" mit Pneumatiks ausge­rüstet war. (Kostenpunkt 2700 RM.) ermöglichte die Aufnahme der Großproduktion. Da inzwischen auch der A u t o s p o r t sich durchzusetzen begann.

trat Carl Benz auch hierfür ein, und seit jenen Tagen häuften sich Erfolge und Lorbeeren auf den Benz-Erzeugnissen. Rapide ging es vorwärts, und als Benz einen Wagen mit einer Leistung von 2 0 0 P S herstellte, feierte dieser Wagen die höch­sten Triumphe. In London auf der Brooklands- bahn wurde mit 205 Stundenkilometer ein Welt­rekord aufgestellt. 1910 wurde auf der heute noch benutzten Rekordstrecke von Daytona (USA.) dieser Rekord auf 211 Stundenkilometer geschraubt. Schließlich erzielte auf der gleichen Strecke der Amerikaner Burman auf demBlitzbenz" eine Weltrekordgeschwindigkeit von 228 Kilometer in der Stunde, eine Höchstleistung, die für unüberbietbar gehalten wurde und erst im Jahre 1920 abgelöst werden konnte.

Carl Benz, der den Sieg seines Werkes in bester Schaffenskraft erlebt hatte, zog sich nach Umwand­lung seiner Fabrik in eine Aktiengesellschaft nach Ladenburg bei Mannheim zurück, wo es ihm noch lange Jahre beschieden war, den Aufstieg seines Werkes und seiner Schöpfung mitanzusehen. 1925 noch nahm er an einem Automobil-Korso desA l l- gemeinen Schnauferl-Clubs" in Mün­chen teil. Er lenkte dabei jenes Fahrzeug, das er 40 Jahre vorher gebaut hatte, den Dreirad­wagen mit dem kleinen Dreiviertel-P8-Motor, der heute noch im Deutschen Museum steht.

Am 4. April 1929 starb Benz im Alter von 85 Jahren, hochgeehrt von der ganzen Welt. Noch im­mer ist die Entwicklung des Kraftfahrzeugs im Fluß, täglich werden neue Verbesserungen und Er­findungen gemacht. Die Grundlage bleibt aber je­nes Patent, das vor 50 Jahren Carl Benz für fein erstes Auto ausgestellt wurde.

Aus aller Welt.

so ist es nicht verwunderlich, daß man ihn den Alchimisten" nannte. Bereits mit 17 Jahren ver­ließ er die Schule, um Maschinenbau zu studieren. Das Geld langte nicht zur Vollendung des Stu­diums, aber Benz war Genie genug, um sich auch so durchzusetzen. Hatte er als Knabe mit Basteln sein Geld verdient, so scheute er sich nicht, jetzt als Arbeiter weiter seinen Weg zu gehen. Bis es ihm gelang, 1871 mit seinen Ersparnissen in Mann­heim eine mechanische Werkstatt zu gründen, die sich bald besten Zuspruchs erfreute. Der Gedanke anseinen" Wagen ließ ihm indessen bei aller Arbeit keine Ruhe. Er erkannte im Gas­motor die Möglichkeit zum Bau eines Kraftfahr­zeuges. wie es ihm vorfchwebte. Bereits 1872 lief fein erster Gasmotor. Die Konstruktion bewährte sich und wurde verbessert. Das Geschäft blühte, und aus der kleinen Werkstatt, in der erst sechs Ange­stellte gearbeitet hatten, wurde die Mannheimer Gasmotoren-Fabrik A G., die 40 Arbeitskräfte beschäftigte. Und so reifte im Schutze der wirt­schaftlichen Sicherung das Automobil von Carl Benz heran. 1885 führ der erste Benz-Wa­gen durch die Straßen Mannheims, von vielen bestaunt, von vielen gefürchtet, von den meisten verspottet.

Und doch hatte Carl Benz hier schon seinen Sieg errungen. Wenn man die alte Konstruktion betrachtet, so findet man in ihr fast alle Grund­züge des modernen Autobaues wieder, wenn auch dieser erste Benz-Wagen nur drei R,ä der besaß. Ein leichter Stahlrohrrahmen ver­mied totes Gewicht, ein nur 75 Kiloaramm wie­gender Viertaktmotor verlieh dem Wagen eine Geschwindigkeit von immerhin 12 Kilometer in der Stunde, auch elektrische Zündung war schon vorhanden, ebenso ein Differenttal und ein Wechselgetriebe. So hatte der ortsfeste Zweitakt- Motor, den Benz in seiner Fabrik baute und verkaufte, die Mittel zur Schaffung des Autos gegeben

Am 29. Januar 1886 wurde, wie schon kurz be­richtet, Carl Benz sein Patent erteilt. In der Pa­tentschrift heißt es:Es handelt sich um ein durch Gasmaschine betriebenes Fahrzeug, bei welchem fol­gende Einrichtungen gleichzeitig in Anwendung kommen: 1. Bei einem Gaserzeuger zum Motor die Vorrichtung zum Erkennen des Funktionierens und des Oelstandes im Gasbehälter; 2. die gezeich-

Zeugenvernehmung *m Seefeld-prozetz

Im Seefeld-Prozeß begann am Donners­tag die Zeugenvernehmung. Die ersten zwölf Zeugen wurden über das Vorleben und die Famttie des Angeklagten vernommen. Der Ange­klagte Seefeld hat immer behauptet, daß feine Ver­wandten mehr oder roeniger heruntergekommene Manschen gewesen seien. So ist es eine gewisse Ueberrafchung, daß die ersten beiden Zeugen, ein 71jähriger Mann aus Potsdam und eine 66jährige Frau aus Spandau, die in ihren ersten Ehen mit Geschwistern des Angeklagten verheiratet waren, bekunden, daß die Eltern und Geschwister des An­geklagten alle fleißige, ordentliche und nüchterne Menschen gewesen seien. Wie der Oberstaatsanwalt einwandte, geht aus den Akten hervor, daß See­felds Vater einmal wegen einer akuten Alkohol­vergiftung in ein Krankenhaus eingeliefert worden ist. Diese Feststellung wiederspricht aber nicht den Bekundungen der Zeugen, daß Seefelds Vater im allgemeinen kein Trinker war. Weiter geht, wie der Oberstaatsanwalt angab, aus den Akten hervor, daß sich Seefelds Mutter als geschiedene Frau von über 40 Jahren obdachlos mit Männern Herum­getrieben habe, wovon die Zeugen jedoch nichts wußten.

Im weiteren Verlauf wurde der Verwaltungs­sekretär einer Hamburger Jrrenheilanstalt, wo Seefeld von 1917 bis 1923 gewesen war, vernom­men. Aus den Angaben dieses Zeugen geht her­vor, daß Seefeld, als er eingeliefert wurde, Lahm­heit vortäuschte, ohne daß es klar wurde, ob er simulierte oder hysterisch sei. Seefeld wurde als ein sehr beharrlicher Sonderling und als ein un­durchdringlicher Charakter angesehen.

Dann werden Zeugen aus der Schweriner Um­gegend gehört, bei denen Seefeld auf feinen Wan­derfahrten gelegentlich Unterkunft fand. Bald nach dem Verschwinden der beiden später in Buchholz ermordeten Knaben Neumann und Zimmer­mann war Seefeld auch wieder in Goldenstädt und hat erzählt, daß er am 24. Februar in Schwe­

rin gewesen fei. Das war der Tag nach dem Ver­schwinden des Schülers Zimmermann.

Für die weitere Verhandlung wurde die Oef - fentlichkeit ausgeschlossen. Die nächsten Zeugen wurden zu den Si t tli ch k ei ts v er­brechen vernommen, die Seefeld in zahlreichen Fällen an Knaben und halbwüchsigen Burschen be­gangen hat.

Schweres Eisenbahnunglück in Pennsylvania.

In der Nähe des Städtchens Sunbury (Penn­sylvania) entgleise ein Schnellzug bei lieber« fahren der Brücke über den Susquehanna-Fluß. Die Lokomotive, der Gepäckwagen und ein Schlaf­wagen stürzten in das eifige Wasser. Drei weitere Wagen stürzten von der steilen Bö­schung ab und blieben am Bahndamm liegen. Die Schwellen fingen Feuer, und bald war die ganze Eifenbahnbrücke in Brand gesetzt. Die Rettungs­arbeiten werden durch die starke Kälte es wur­den 27 Grad Celsius unter Null gemes­sen sehr erschwert. Etwa eine Stunde nach dem Unglück waren acht Todesopfer geborgen. Die Zahl der Verletzten beträgt nach den bisherigen Feststellungen 30. Man befürchtet, daß sich in den in den Fluß gestürzten Wagen noch weitere Tote befinden.

Kabelbrand zerstört Fernfprechleitungen.

Ein verhängnisvoller Kraftwagenunfall ereignete sich in Treptow bei Berlin. In der Nähe der Markgrafenbrücke fuhr ein Personenkraft­wagen gegen einen Gaskandelaber und riß ihn um. Die Insassen des Wagens blieben unverletzt. Recht verhängnisvoll wurden jedoch die Folgen. Das aus- strömende Gas entzündete sich am Rohrstumpf. Eine Stichflamme schlug in den daneben gelege­nen Postkabelschacht und setzte hier die Jsolier- maffen in Brand Noch ehe die Feuerwehr ein­greifen konnte, war schon ein Teil der Fernsprech- anschlüsse Oberspree zerstört. Nach einer knappen Stunde konnten die Flammen durch Wasser und Schaumlöscher zum Ersticken gebracht werden. Durch den Kabelbrand sind nicht nur die Verbindungen mit den Teilnehmern des Amtes Oberspree unter­

brochen worden, sondern auch teilweise die der Aemter Poseidon, Grünau, Köpenick, Friedrichs- Hagen und Adlershof. Auch der Schnellverkehr nach Erkner wurde in Mitleidenschaft gezogen.

75. Geburtstag August v Pa seoals.

Professor August von Parseval, Major a.D., der Konstrukteur der bekannten Parseval-Luftschiffe, begeht am 5. Februar feinen 7 5. Geburtstag. Er konstruierte bereits im Jahre 1891 mitBartfch von Sigsfeld den Drachenballon und 1906 das Prall-Luftschiff, das unter dem NamenParseval" sehr bekannt wurde und nicht unwesentlich zur Ent­wicklung der Luftschiffahrt beigetragen hat. (Scherl-Bilderdienft-M.)

Oer neue Präsident des hessischen Oberlandesgerichts.

Darmstadt, 30. Jan. (LPD.) Der Führer und Reichskanzler hat, wie die Juftizpreffe- ftelle Darmstadt mitteilt, mit Wirkung vom 1. Fe­bruar d. I. den Präsidenten des Landgerichts Lim­burg Dr. S c r i b a zum Präsidenten des hessischen Oberlandesgerichts Darm­stadt ernannt. Die feierliche Einführung des neuen Oberlandesgerichtspräsidenten durch den Herrn Reichsjusttzminister wird am 10. Februar 1936 erfolgen.

Dr. Scriba, der aus Frankfurt a. M.-Höchft stammt, war vor feiner Berufung nach Limburg Landgerichtsrat und bann Landgerichtsdirektor in Frankfurt und Leiter der Justizpreffeftelle.

Zum Kreisdirektor ernannt.

* Alsfeld, 31. Jan. Durch Urkunde des Füh­rers und Reichskanzlers vom 17. Januar 1936 wurde der Regierungsrat Dr. Hugo Lotz zum Kreisdirektor im Hessischen Landesdienst er­nannt

Landesverband Mein-Main im ROP., Bezirk Oberheffen.

Die zweite Vollversammlung des Bezirks Ober­hessen des Landesverbandes Rhein-Main im Reichsverband der Deutschen Presse, der die Kreise Gießen, Alsfeld, Friedberg, Lauterbach, Schotten und Wetzlar umfaßt, findet am Montag, 3. Februar, in Gießen pünktlich um 18 Uhr im Hotel Hopfeld" statt. Im Mittelpunkt der Versammlung wird ein Vortrag des Landesverbandsleiters, Hauptschriftleiter Pg. Gustav S t a e b e, Frank- furt a. M., stehen. In Anbettacht der Wichtigkeit dieser Tagung ist die restlose Teilnahme sämtlicher Mitglieder aller Fachschaften dringend erforderlich. In erster Linie ergeht hiermit an die freien Schrift­leiter des Bezirks ein nachdrücklicher Aufruf zur Teilnahme an der Versammlung.

Einer zuviel an Bord "

Lichtspielhaus.

Viele Besucher werden den Roman gelesen haben, der in einer großen illustrierten Zeitung unter dem gleichen Namen erschienen ist. Sein Autor Fred Andreas hat sich schon früher als ein begabter, phantasievoller und scharfsinniger Erzähler erwie­sen, der mehr kann, als bloß einen ordentlichen Unterhaltungsroman schreiben. Er ist auch zu­sammen mit Pbilipp Lothar Mayr i n q und Kurt Heuser Verfasser des Drehbuchs, das sich in der Fabel, im Handlungsausbau und, was am mrer- essantesten ist, auch in der Technik ziemlich eng an die Vorlage anlehnt. Sehr spannende Sache mit stark kriminellem Einschlag: in einer stürmischen Nacht verschwindet während der Ueberfahrt der Kapitän eines deutschen Frachtdampfers; offenbar ist er von einer Sturzwelle über Bord gespült wor­den und ertrunfen So nimmt auch das Seemanns­gericht an, das den Fall nach der Heimkehr des Dampfers untersucht. Da tauchen ganz unvermutet Verdachtsmomente auf; es gewinnt den Anschein, als ob es sich nicht um einen Berufsunfall son­dern um ein Verbrechen gehandelt habe, um einen Mord nämlich, und zwar aus Eifersucht, und da­mit haben wir in diesem Film nicht nur einen Kriminalfall, sondern zugleich eine Liebesgeschichte. Es ist hier nicht von Interesse, zu beschreiben, wie der an sich einfache und durchsichtige Fall sich zu- fehpnbs öprn)i(f'3ft, imm^r mehr Persrni-m und o"ch immer mehr Indizien ins Spiel bringt, und wie die ganze Geschichte am Ende ausgeht und aufge­klärt wird. Das soll sich jeder im Kino selbst an« sehen Grundsätzlich interessanter scheint uns der Umstand, daß es sich wieder zum wievielten gjiale um die Verfilmung eines Romans han­delt, was natürlich sofort zu Vergleichen heraus­fordert. Dabei liegt der Fall hier verhältnismäßig oünftiq insofern, als der Romanautor selbst an der Abfassung des Drehbuches beteiligt war und also doch wohl einen maßgeblichen Einttuß auf dessen Gestaltung hat ausüben können. Da er em ge­scheiter und begabter Mann ist, wird er emgesehen hoben, welche prinzipiellen Schwierigkeiten dem Unternehmen entgegenstanden. lEs ist an dieser Stelle bei zahllosen ähnlichen Gelegenheiten davon die Rede gewesen, und wir glauben, daß man im­mer wieder darauf zu sprechen kommen muß, wett es sich dabei um lebenswichtige Fragen der künst­lerischen Filmgestaltung überhaupt handelt.) Bei diesem Ufa-Film war es richtig, Die Technik des Romans, die den Fall nach rückwärts auttollt, im wesentlichen.beizubehalten: der Film hatte dadurch

die Möglichkeit, in feinem Element zu bleiben der­gestalt, daß er nicht nur schnell und beliebig die Schauplätze wechseln, sondern auch einzelne Hand- lungsteile aus der Vergangenheit heraufholen und in den gegenwärtigen Ablauf einschieben konnte. Das ist nicht nur spannend im landläufigen Sinne, sondern auch einigermaßen filmgerecht, obwohl der Erzähler mit dem gleichen Kunstgriff arbeiten kann, was übrigens im Roman bei Andreas auch geschieht. Der Haken liegt wo anders: in der Kon­zentration der Fabel, die bei der Verfilmung eines Romans aus naheliegenden Gründen immer not­wendig werden wird ; dadurch entstehen aber Lücken sowohl in der Fabel selbst als auch in der Charak­terisierung der Personen. Man hat den Eindruck, als ob der Film die Kenntnis des Romans beim Besucher stillschweigend voraussehte. Es haben in­dessen nicht alle Besucher den Roman gelesen, und die ihn nicht gelesen haben, werden immerhin zu­letzt noch einige Fragen stellen, die ihnen vielleicht teilweise im Programmheft beantwortet werden. Aber auch das dürfte nicht sein; Fragen müssen im Film selbst beantwortet werden, und zuletzt darf überhaupt keine Frage mehr gestellt werden, wenn der Film m Ordnung ist. Die Rolle des Fräuleins Sparkuhl zum Beispiel wird u. E. im Film nicht so deutlich, wie sie erscheinen müßte; und höchst unwahrscheinlich ist unter den geschilderten Begleit­umständen die Rettung Moltmanns, die zuletzt mühelos jumv traditionellen Ufa«happy-end über­leitet. Daß trotzdem ein fesselnder und bis zuletzt spannender Film zustandekam, sagten wir schon; merkwürdig bleibt jedoch die zum Nachdenken an­regende Tatsache, daß der Roman in feinen Ge­statten und in feiner Handlung viel klarer und plastischer wirkt als der Bildstreifen. Eigentlich müßte das doch auf den ersten Blick gerade umapfohrt sein (Serharb Lamvrecbt inszeniert­gute, scharfe Photographie, geschickte Ueberblenbun« gen und Schnitte; er hat von der in der Vorlage angebotenen analytischen Technik nach besten Kräf­ten Gebrauch gemacht; um zu beurteilen, wie weit er für die oben ermähnten Einwendunapn in Be­tracht kommt, müßte man das Drehbuch gesehen haben. Die Besetzung ist im Ganzen recht glücklich, am besten in ein paar szenenweise stark belichteten Chargen; wir nennen Rudolf Platte in der Rolle des Schauspielers Wresky und Grete Weiser als Barbamp Lou Schmidt. Von den Hauptfiguren wirkt Lida B a a r o v aapart" im Sinne des Ro­mans; das Gretchen-Orakel paßt allerdings weniger zu ihr, zumal man noch immer den frem­den Akzent heraushört. Schoenhals als Molt­mann sicher und einleuchtend; sehr gut Deltgen als Rohlfs in feinem finsteren, blinden, jäh auf­

wallenden Temperament. Auch Birgel als Unter­suchungsrichter, G o l l i n g als Kommissar, Engel, H u s s e l s und Dannemann (von der Dampfer­besatzung) geben sich, jeder an seinem Platz, über­zeugend.

Im Beiprogramm: die Ufa-Wochenschau und malerische Städtebilder von einer Reise zwischen Main und Donau.r

Der Kön«g badet.

Don Peter Steinbach

Man schrieb das Jahr 1765. Friedrich der Große hatte soeben in Landeck Quartier bezogen, um feine Gicht los zu werden. Die Nachricht von der Ankunft des Königs verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Landeck fühlte sich durch die Visite aufs höchste ge­ehrt. Lediglich der Kandidat Kirle, der am selben Tage zur Kur eingetroffen war, merkte von alle­dem nichts. Der hatte vor lauter Gelehrsamkeit und Gliederreißen keinen Sinn für öffentliche Ange­legenheiten. So hielt er sich auch den Wirt, dem die vornehme Neuigkeit auf der Zunge brannte, vom Leibe, legte sich vielmehr müde von den Be­schwerden der Reise zu Bett und schlief ein.

Am frühen Morgen, gestärkt vom Schlummer und aufs angenehmste überrascht von den Schön­heiten der umliegenden Landschaft, begab sich der Kandidat wvhlaelaunt zum Badehaus. Dort stieß er auf Demoiselle Langenikel, der es oblag, die Heilungsuchenden im Gebrauch der Bäder zu un­terrichten. Der Kandidat warf dem abretten Kind einen kecken Blick zu und war auch schon, als fei er hier zu Hause, in der nächstliegenden Zelle ver- schw"ndpn.

Was fällt Ihm ein?", schrie die Jungfer hinter ihm her.Er ist in des Königs Badestube!"

Der Kandidat war nicht auf den Mund gefallen und erwiderte dem Zuruf, den er guten Glaubens für einen Scherz hielt:Sieht Sie nicht, daß ich der König bin?"

Der König .. natürlich' Wer sonst kam wie der Wind angeweht, war da. war dort, bei ahnungs­losen Schulzen, die den Staat um die Steuer be­trogen, oder bei Schulmeistern, die ihre Buben dummes Zeug lehrten? Wer sonst war überall, wo man ihn nicht erwartete, nirgends gebührend emp­fangen und immer zu spät erkannt wer anders als' der Königs Natürlich! Das sah ihm schon ähnlich, dem onädiasten L^ndesherrn, ganz allein1 am hellichten Morgen aufzutauchen und eine ehr-1 bare Jungfer zu erschrecken.

Der König", stammelte Demoiselle Langenikel, hatte sich aber gefaßt und begann, stolz auf die Ehre, dem hohen Herrn dienen zu dürfen, ein eif­riges Hantieren.

Auf einmal vernahm sie hinter ihrem Rücken ein Aechzen und sah, als sie sich umwandte, einen Un­bekannten heranhumpeln, was nicht ohne Lärm ge­schah, denn der Ankömmling bearbeitete die Stein­fliesen rücksichtslos mit dem Krückstock.

Still!" drohte die Jungfer.Der König habet!"

Der König? Geruhen bie Jungfer mir mitzutei­len, um welche Majestät es sich handelt? Um ben König von Frankreich, Polen, Sachsen ober gar um ben Kaiser van China?"

,^till? Man wirb Ihn noch aufhängen, wenn Er so weiter lästert!"

Jawohl! Man wirb ihn aufhängen!" schrie der Kandibat hinter seinen Wänden hervor unb fuhr­werkte aufs höchste belustigt in ber Wanne herum, so baß unbänbiges Gelächter unb stürzenbe Wasser- fasfaöen ein absonderliches Konzert gaben.

Oh", sagte bie Jungfer,... wie gnäbig ist unser Lanbesherr ... unb fügte hinzu:zu Euerem Glück."

Mag Sie ihn benn, ben Fritz?"

Frag Er nicht so bumm!" Da schwieg ber wirk­liche König unb wartete gebulbig, bis ber anbere brm fertig war.

Als ber Kanbibctt Kirle enblich bie Babestube ver­ließ. sah er sich seinem Herrscher gegenüber. Er wußte besser Bescheid mit königlichen Porträts als bie Jungfer Langenikel, unb weißer als bie weißeste Wanb fiel er sogleich in bie tiefste Ohnmacht aller Zeiten.

Demoiselle Langenikel, selber am Ranbe bes Le­bens, fing ben Besinnungslosen auf, unb ber König, umgeben von feinem inzwischen herbeigeeilten Ge­folge, betrachtete amüsiert bie schwankende Pyra- mibe.

Dann roanbte er sich zu ber Jungfer:Sie hält eine Majestät in Ihren Armen. Se. Majestät ben Schelmenkönig. Mache Sie einen Mann aus mei­nem mißratenen Kollegen unb schenke Sie mir wo- möglich ein paar tüchtige Solbctten!"

Nach biefer Episobe begann ber König mit der Er­füllung seiner Kurpflichten, und schon nach kurzer Zeit konnte er in einem Briefe an General de la Motte-Fouque die Heilkraft der schlesischen Quellen rühmen...

lieber ben Kanbibctten Kirle ist abschließenb zu berichten, baß bie Jungfer einen Ehebunb mit ihm schloß, ber sich gewaschen hatte. Gehorsam bem aller­höchsten Befehle nahm sie ihren Kanbibaten so gründ­lich vor, daß er sich im Gegensatz zu feinem König nur ungern der Landecker Kur erinnerte.