nr. 304 Drittes Blatt'
Mittwoch, 30. Dezember 1936
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Obrrheffen)
Berlin begrüßt das neue Lahr.
Buhe vor dem Sturm. - Des Lahres
Kein Ankömmling in Berlin kann sich rühmen, so begrüßt zu werden wie ein neues Jahr! Kaum sind die Weihnachtsfesttage vorüber, da macht sich Berlin daran, die notwendigen Vorbereitungen für Silvester zu treffen. Tage vorher sind die Zeitungen angefüllt mit einladenden Anzeigen, den Jahreswechsel außerhalb des Hauses zu verbringen. Wer sich indessen auf diese Anzeigen verläßt, der kennt keine Berliner Silvesterfeier. Denn die Anzeigen sollen nur noch die letzten Gäste heranholen. Wer am Abend des 31. Dezember einen guten Platz in den Gaststätten erwischen will, der muß sich schon rechtzeitig vor Weihnach- t e n einen Tisch sichern. Das gilt für die großen Hotels ebenso wie für die Weinstuben, die Bier- wirtschaften und Kaffeehäuser. Und selbstverständlich auch für die Theater, die an diesem Abend bereits um 6 oder 7 Uhr ihre Vorstellungen beginnen. Wer das Glück hat, zu einer Siloesterfeier in der Familie eingeladen zu sein, der braucht sich allerdings derlei Sorgen um gute Plätze nicht zu machen. Aber er mag sich trotzdem „empfangsbereit" machen, denn auch im Familienkreise versteht man es, das neue Jahr zu begrüßen und zu — begießen.
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Ein gut Teil Berliner Silvesterlaune tobt sich bereits am Nachmittag des letzten Jahrestages aus. Da pocht die jüngere Jugend auf ihr Recht. Nichts ist schöner, als vor den Schaufenstern der Läden zu stehen und den Karneval der Mützen und Masken, der Scherzartikel und Feuerwerkskörper zu bewundern! Da werden Väter und Mutter, werden Onkel und Tanten, die großen Brüder und Schwestern bestürmt, Groschen und Sechser herauszurücken, um springende Frösche, Raketen, Rot- und Grünfeuer zu erstehen. Spätestens um 6 Uhr nachmittags geht dann die Knallerei und Schießerei los. Niemand möchte in der Haut des alten Jahres stecken, das schon tot ist, obwohl seine Stunde noch nicht geschlagen hat.
letzte Stunde drinnen und draußen.
Schwer ist es zu beurteilen, wie groß eigentlich der „Hundertsatz" der Berliner ist, der das neue Jahr mit lautem, fröhlichem Lärm begrüßt. Denn nicht ganz Berlin taucht am Silvesterabend im Trubel der Gaststätten und der Straßen unter. Auch in Berlin gibt es viele, viele Besinnliche, die in ruhiger Betrachtung und feierlicher Stille des Jahres letzte Stunde begehen. Viele find es, die entweder daheim bleiben und im stillen Kreise das neue Jahr erwarten, oder die in dieser Stunde sich durch die Klänge eines ernsten Konzerts, einer weihevollen Musik erheben lassen. So sind denn auch keineswegs alle Veranstaltungen der Theater und Musikstätten an diesem Abend der heiteren und ausgelassenen Muse gewidmet. In den Klang der Glocken mischen sich die Töne der Beethovenschen Neunten, mit denen das alte Jahr ausschwingt.
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Mittlerweile ist das Berlin der Gaststätten und Familienfeiern in Stimmung gekommen. Diese Stimmung setzt leise ein, wenn es elf Uhr geschlagen hat. Dann kommt eine fast unerklärliche Unruhe über die Berliner, die beinahe etwas Ueber- sinnliches (Metaphysisches) an sich hat. Es ist doch auch seltsam, daß nun ein Jahr, in dem man frohe und ernste, traurige und erfolgreiche Stunden verlebte und erlebte, oahinschwindet. Wohin eigentlich? Und ebenso seltsam ist es, daß etwas Neues, Unbekanntes heraufsteigt. Dieser Zwiespalt der Gefühle löst sich dann um halb zwölf in Bewegtheit und Lautheit auf. Um dreiviertel auf zwölf steigern sich Bewegtheit und Lautheit zur milden Ausgelassenheit, um dann Schlag zwölf Uhr in einen Taumel der Freude, der Begeisierung, der Verbrüderung, der des Losgelöstseins von allen Banden frommer Scheu einzumünden. Die Feder versagt, diese letzten Minuten vor zwölf und die ersten Minuten nach zwölf zu beschreiben. Berlin steht in diesen Augenblicken auf dem Kopf! Es lärmt, es ruft, es final, es lacht, es umarmt sich, es küßt sich. Es ist besessen vom Silvesterrausch! Und jetzt erst
versteht man, wozu und warum Berlin all die tausenderlei Vorbereitungen zur Begrüßung des neuen Jahres getroffen hat. Alles geht drunter und drüber! Es sind nicht allein die Geister des Weins und des Bockbiers, die sich jetzt austoben. Eine wilde Lust, kaum noch gebändigt, bricht auf. Berlin, das nüchterne, brave, arbeitsame, gesittete Berlin ist gepackt von einer Jubelstimmung, die schier ohne Grenzen ist. Fast scheint es so, als ob ein Urerbe der wilden Wotansnächte und Hexentänze sich endlich, endlich wieder Geltung verschaffen will. Während drinnen in den Gaststätten und in den Wohnungen noch ein letzter Rest Haltung die Gemüter fesselt, rast sich draußen auf der Straße der Neujahrstaumel aus. Wehe dem Zylinder, der sich blicken ließe! Erbarmungslos würde er eingeschlagen! An allen Ecken und Enden sprüht es, knallt es, schießt es! Rotleuchtende Flammen züngeln auf. Raketen zischen und prasseln. Alle Fenster sind aufgerissen. Man schreit und prostet sich zu. Und an der historischen Kranzlerecke (Friedrichstraße Ecke Unter den Linden) stauen sich toll gewordene Neujahrsmassen und kommen weder rückwärts noch vorwärts.
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Eine halbe, eine dreiviertel Stunde später: Berlin hat sich wiedergefunden. Die Kellner haben sich noch im alten Jahr ihre Rechnungen bezahlen lassen. Sie wissen genau: der Berliner wird jetzt bald müde. Und so ist es auch. Lärm und Knallerei ebben ab und verstummen bald. Man sagt wieder „Sie" zueinander. Man sieht sich nach der Garderobe um. Die ersten Auto-Taxen fahren in die Vorstädte. Die Straßenbahnen füllen sich mit Heimkehrenden. Gewiß: die Siloesterfeiern währen die ganze Nacht hindurch. Die Polizeistunde ist aufgehoben. Man wechselt die Lokale. Man hat hier und da noch seine bunte Mütze oder seine Pappnase auf. Aber man macht damit keinen Eindruck mehr. Auch die Familienfeiern neigen sich ihrem Ende zu. Nur die Jugend läßt nicht vom Feiern und Tanzen ab. Oder sie ist dabei, Blei zu gießen. Unter Lachen und Prusten werden alle Krausheiten der Bleiklumpen gedeutet. Man sagt die Zukunft voraus. Es ist der erste Blick in das heiß und stürmisch begrüßte neue Jahr ... Was wird es den Berlinern bringen? Hannes Deyben.
Die ersten Abend st und en des Sil- vestertages sind dann, wenn die Kinder sich müde „geneujahrt" haben, und der Sandmann zu ihnen kam, wieder ruhiger. Geht man so um 8 Uhr abend, in die Innenstadt, um langsam mit dem Silvesterbummel zu beginnen, ist man erstaunt, wie wenig Betrieb auf den Straßen und in den Gaststätten ist. Trotz aller guten Vorsätze des Berliners, das neue Jahr gebührend zu begrüßen, läßt er doch nicht von einer gewissen Sparsamkeit ab. Er beschränkt sich mit seinem Vergnügen auf die allerletzten Stunden des Jahres. Es zeigt sich in dieser Ruhe vor dem Sturm zweierlei: Der Berliner kann nicht stundenlang und erst recht nicht — wie der Süddeutsche und der Rheinländer — tagelang herumtrubeln und herumjubeln. Das ist der eine Grund, daß der Silvesterspuk in Berlin erst spät am Abend einsetzt. Der andere Grund ist der, daß Berlin nun einmal eine Arbeitsstadt ist. Der Berliner arbeitet auch am letzten Tage des Jahres, bis es höchste Zeit ist, sich an seinen Silvestertisch zu setzen. Man spürt diese Ruhe vor dem Sturm auch in der 8-Bcchn, in der U-Bahn, in der Straßenbahn, wenn sich Berlin auf den Weg zu seinen Silvesterfeiern in die Innenstadt aufmacht. Man sollte meinen, daß sich doch auf dieser Fahrt zur Fröhlichkeit schon etwas „Prost Neujahr-Stimmung bemerkbar macht. Nichts von alledem! Masken, Mützen, Scherzartikel bleiben schamhaft in Handkoffern und Manteltaschen, und selbst die Mienen verraten nichts von dem, was sich um die zwölfte Stunde ereignen wird.
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Aus her provinzialhauptstadi.
Oie Verlobungsseite.
„Hast du gelesen?" fragt meine Frau, und hat neben ihrem Stück Weihnachtsstollen die Festtagszeitung liegen, „das Klärchen hat sich verlobt." Voller Spannung — denn da steht eine ganze Seite voller Klärchens und Adolfs und Mariechens und Wilhelms — vergißt sie für Augenblicke, in die Stolle zu beißen, und beißt sich an den Namen fest, die sich da „als Verlobte empfehlen" oder „ihre Verlobung (statt Karten) bekanntgeben".
Aber ich muß sagen, ich bin nicht weniger gespannt, wenn ich auch tue, als ob dem nicht so wäre, und erst bei der zweiten Tasse Kaffee, so wie nebenbei, nach der Zeitung greife. Wahrhaftig, fast eine ganze Seite voll! Und in den Rauch meiner Festtagszigarre, aus der ein ganzes Glück dreier arbeitsfreier Tage, eines liebfraulichen Umhegtseins und der Erwartung eines saftigen Gänseschlegels vor mir aufsteigt, sehe ich sie vor mir aufmarschieren: die Klärchens, Annas, Elisabeths.
Es ist, wie ich sie da vor mir sehe, keine darunter, die etwa häßlich oder von bösem Charakter wäre. Ich sehe nur frische Backen, entzückende Trippelfüß- chen, lachende Augen und Überhaupt ein Wesen bei allen diesen lieben Dingern, das auf Zärtlichkeit und Freude und viel, viel Liebe eingestellt ist. Ich sehe sie mit ihrem Hans, Willi, Ernst usw. an den Fest
tagen durch die Straßen gehen. Arm in Arm, und sie lächeln sich an und fühlen unter dem Handschuh nach dem schmalen Goldreif und möchten am liebsten ein Liedchen fingen, oder doch wenigstens eines summen, so „lalala, und das Leben ist schön". Und ich möchte ihnen allen gratulieren und ein Leben voll Glück und Geborgenheit wünschen.
Ich sehe dem Rauch meiner Zigarre nach und bin wie ein kleiner lieber Gott, der die weißen Wolken am blauen Himmel über die Schicksale der Menschen dahinziehen läßt. Und es blitzt viel, viel Sonne zwischen den Wolken hindurch. So viel, daß sie alle davon warm werden können, die da auf der Verlobungsseite stehen. Glück zu, ihr Emmas und Mathildens, ihr Heinrichs und Karls! Mein Glück sitzt dort drüben bei der vierten Tasse Kaffee. „Du machst ja einen Nebel?" sagt es, „daß man seine Tasse nicht mehr sieht. Uebrigens könntest du mir jetzt einen Eimer Briketts heraufholen." D.
Dornotizen.
Tageskalender für Mittwoch
Stadttheater: 15 bis 17.15 Uhr „Prinzessin Allerliebst". 19.30 bis 22 Uhr „Seiner Gnaden Testament". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Truxa". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Nacht mit dem Kaiser".
Kunstführung im Spiegel des Jahres.
Von Zohannes Jacobi.
Plan und Tat, Anspruch und Leistung, Aufwand und Erfolg in ihren Maßverhältnissen zu überprüfen, ist für denkende, zielgerichtete Menschen die Bestimmung der besinnlichen Stunden, die sich am Jahresende in das Räderwerk des Geschehens schieben. Nicht immer ist der Zeitraum eines Jahres auch ein Sinnabschnitt im Ablauf einer Entwicklung. Besonders im geistigen Leben der Natton sind die Wachstumsringe weiter voneinander entfernt, als die Markierungen des mechanisch zählenden Kalenders. Die Leistung reift langsam heran, bis sie nach vielen Verwandlungen auf Wegen und Irrwegen sich zum Sinnbild des KÜltur- aeistes kristallisiert. Mag also die sinndeutende Ordnung der verwirrenden Ereignisse erst dem späteren Betrachter möglich sein, der aus größerem Abstande sichten kann, so bietet uns doch die sorgsame Zusammenstellung eines Mosaiks aus den mannigfaltigen Geschehnissen des Jahres ein Bild, in dessen Buntheit sich Leitlinien abzeichnen, die für unser künftiges Handeln als Richtschnur dienen müssen.
Als wir das vorige Jahr beschlossen, zeigte der Rückblick auf das Verhältnis von Staat und Kunst eine Lebendigkeit der politischen Führung, die vor allem auf Anregung und Wegbereitung gerichtet war. Organisatorische Maßnahmen standen im Vordergrund, das Bewußtsein von der vorläufigen Begrenzung des staatlichen Einflusses trat ausgeprägt in Erscheinung. Das Jahr 1936 hat daran manches verändert. Das Haus, das der Staat den kunstschaffenden Menschen errichtete, steht fest gefügt. Jeder, der im kulturellen Leben des Volkes zu wirken berufen und befähigt ist, wurde dem Adernnetz angeschlossen, durch das der künstlerische Blutstrom zu fließen bestimmt ist. Der Staat konnte den nächsten Schritt hin, er ging zu entschiedener Wertung, zu bewußter Ausrichtung des Kulturgutes selbst über. Die alte Anschauung, daß Kunst und Politik zwei getrennte Le- bensEreife darstellen, erhielt in Deutschland einen vernichtenden Schlag. Eine „unpolitische" Kunst gibt es nicht mehr, sie wurde als ein Homunculus in der Retorte, als Abstraktion im luftleeren Raum enthüllt. Wenn der Staat sich als „großzügiger und weitherziger Mäzen aller künstlerischen Bestrebungen" bekennt, so hat er den Begriff des Mäzenatentums feines liberalen Inhalts entkleidet. Er gibt [eine Mittel und feine Unterstützung nicht einem im veralteten Sinne „freien" Künstler, sondern bindet ihn in doppelter Bedeutung an einen „A u f- t r a g". Die Erteilung der äußeren Aufgabe durch
den Mäzen steht im engsten Zusammenhang mit der inneren Haltung des Schaffenden. Aus der Zurückführung des Begriffes „Politik" auf feine Grundbedeutung erwächst die Forderung nach einer staatsbezogenen Kunst. Die Volksgemeinschaft, verkörpert im hierarchischen Stufenbau von Bewegung und Staat, erhebt den Anspruch, vitaler Kraftspender, ethisches Gestaltungsprinzip und höchstes Wertmaß auch im Raume der Kun st zu sein.
Wir brauchen nicht mühsam nach Belegen für diesen neuen Kurs der Kunstpolitik im vergangenen Jahre zu suchen. In frischer Erinnerung ist der tiefe Einschnitt auf dem Gebiete der Kunstkritik, durch den der Staat und die Bewegung, die ihn trägt, das Recht zur Wertsetzung im Bezirk des künstlerischen Schaffens für sich allein in Anspruch nahmen. In welcher Weise diese Kulturführung ausgeübt werden soll, dafür bot das abgelaufene Jahr schon mehrere Beispiele. Wir denken an die Behandlung eines Literatur st reit s, der zunächst in den dramaturgischen Büros der Schauspielhäuser ausgetragen wurde und in der Presse lebhaften Widerhall fand: Es war die Frage der Shake- speare-Ueberfetzungen. Da durch die Heftigkeit und Unversöhnlichkeit der Auseinandersetzung das deutsche Theater selbst Schaden zu nehmen drohte, entschied der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda auf Grund der gutachtlichen Aeußerungen berufener Fachleute in autoritativer Weise und beendete damit eine Diskussion, in der dem Staate das letzte Wort zu sagen Vorbehalten war. Aehnliche Bedeutung kam der negativen Stellungnahme oberster Parteistellen, der Reichspropagandaleitung, der Reichsjugendführung und der Werkscharenführung, zu, die für Parteiveranstaltungen das Auftreten von Sprech ch ö r e n verbot. Damit wurde eine noch im experimentellen Stadium befindliche Kunstform von ungesunden Wucherungen befreit und auf die Stätten akademischer Versuche verwiesen. (An der Berliner Universität z. B. besteht nach wie vor eine Professur für Choreatik mit einem soeben in fein vierzehntes Lebensjahr eingetrenen Sprechchor, der, wie in diesem Jahre, sich auch im kommenden mit gleichartigen Vereinigungen des Auslandes in Hersfeld treffen wird, um in internationaler Freundschaftsarbeit die Probleme weiter zu klären.)
Das vergangene Jahr bot aber auch Beispiele positiver Wertsetzung durch betonte Herausstellung von künstlerischen Werken, die der staatlichen Kulturführung durch Form oder Haltung vorbildlich erschienen. Sehen wir von den vielen Einzelfällen ab, in denen Filme durch Prädikate der staatlichen Prüfstellen ausgezeichnet wurden oder eine Schöpfung aus anderen Kunstgattungen bei repräsentativen Feiern besonders hervor- treten durfte, dann bleiben als wichtigste Hinweise
die Reichstheaterfe st woche in München und die Grabbe-Woche in Detmold. Waren es dort drei lebende Dichter (Hanns I o h st, Friedrich Bethge, Eberhard Wolfgang Möller), die als typische Vertreter nationalsozialistischer Dramatik in den Scheinwerferkegel der breitesten Oeffentlich- Eeit gestellt wurden, so setzte in Detmold der Reichsdramaturg im Bezirk des überlieferten Schrifttums einen starken Wertakzent auf Gestalt und Werk Dietrich Christian, G r a b b e s. Die festlichen Aufführungen der wichtigsten Schauspiele Grabbes durch mehrere niedersächsische Theater in seiner Geburtsstadt sollten dem verkannten Dichter im Bewußtsein des deutschen Volkes einen würdigeren Platz erobern.
Ehrte das Reich durch die Grabbe-Woche ein in seiner künstlerischen Form fragmentarisch gebliebenes Lebenswerk vor allem durch die Hervorhebung der darin wirkenden ethischen Triebkräfte, zeigte die verantwortliche Führung durch die Werkwahl der Reichstheaterwoche hauptsächlich eine allgemeine Linie im neuen dramatischen Schrifttum, die sich durch unterschiedliche Einzelleistungen als Gemeinsames hindurchzieht, so stellten (Staat und Partei durch die Verleihung des Nationalen Buchpreises an Gerhard Schumann und des Kunstpreises der NSDAP, an Heinrich Anacker zwei junge Lyriker vor die Nation, deren genau bezeichnete „Preisarbeiten" Idee und Form zu einer gültigen Einheit verbinden und damit im wahrsten Sinne repräsentativ für die nationalsozialistische Kunst erscheinen,
Am reinsten trat die staatliche Kulturführung in ihrer doppelten Eigenschaft als Wertsetzung und Ausscheidung cftif dem Gebiete der bildenden Kunst zutage. Auf Veranlassung des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung wurde eine Neuordnung der deutschen Museen begonnen, in deren Verlauf die malerischen und plastischen Zeugnisse einer in die Irre gegangenen Epoche aus den Ausstellungsräumen in die Magazine verbannt und durch Schöpfungen solcher Künstler ersetzt werden, deren Werke dem sittlichen und künstlerischen Zielbild der Gegenwart entsprechen. Wenn man die Grundsätze dieser Aktion an der Art ihrer Durchführung in den Berliner Museen abzulesen versucht, dann ergibt sich, daß die Entscheidung nicht in erster Linie von den vorhandenen oder nicht vorhandenen manuellen Fertigkeiten des Künstlers abhängt, sondern von dem Range, den seine Gestalten im Prozeß der künstlerischen Selbstdarstellung des artbewußten deutschen Volkes ein- nehmen. Wer diesen Vorgang wirklich verstehen will, darf sich nicht wundern, wenn aus den Museen u.o. manche Bilder oder Skulpturen und aus dem Handel deren Reproduktionen und Würdigungen verschwinden, denen von den Leitern dieser Reinigungs- aktion keineswegs jeder Kunstwerk abgesprochen
Sladttheater Gießen.
Aus dem Sladttheaterbüro wird uns beschrieben: Heute nachmittag findet die letzte Ausführung des Märchenspiels „Prinzessin Allerliebst" ober „Der wundersame Regenschirm" von Friedrich Forster statt. Die Spielleitung führt Karl V o l ck. Musikalische Leitung: Ernst Bräuer. Tänze: Irmgard Zenner. Die Vorstellung beginnt um 15 Uhr und endet 17.15 Uhr. Außer Miete. — Arn Abend geht die Komödie „Seiner Gnaden Testament" von Hjalmar Bergman in Szene. Die Spielleitung führt Hans Geißler. Die Vorstellung findet als 14. Vorstellung der Mittwoch-Miete statt. Anfang 19.30 Uhr, Ende 22 Uhr.
„Sechs singende Männer im Sladtthealer Gießen.*
Eigentlich sind es nur fünf singende Männer, indes der sechste die Begleitung am Klavier dazu macht. Aber der Unterschied ist nicht wichtig. An Beliebtheit hat das „Meister-Sextett", früher genannt „Cvmedian Harmonists" seine amerikanischen Konkurrenten weit übertroffen. Es verdient an gemerkt zu werden, daß sie auch im Ausland geschätzt werden und daß sie auf ihre Weise Propaganda für deutsche Lieder machen. — Den meisten Volksgenossen war es bisher nur vergönnt, das „Meister- Sextett" im Rundfunk, Tonfilm und auf der Schallplatte zu hören. Am 1. Januar stellen sie sich nun dem Gießener Publikum persönlich im Stadttheater vor.
Oie vierte Reichsstraßensammlung für das WHW.
Wie die Kreisführung Wetterau der Deutschen Arbeitsfront noch einmal betont, übernimmt die Deutsche Arbeitsfront nicht die Reichsstraßensammlung am kommenden Samstag und Sonntag, die von der SA., der SS. und dem NSKK. durchgeführt werden wird. Die Deutsche Arbeitsfront wird erst die Schlußfammlung im März für das WHW. übernehmen.
Oie Gemeinschastsfeiern der Behörden.
Der Reichsminister der Finanzen hat im Einvernehmen mit dem Reichs- und preußischen Minister des Innern und dem preußischen Finanzminister folgende Grundsätze aufgestellt:
1. Gemeinschaftsfeiern sind auch bei den öffentlichen Betrieben und bei öffentlichen Verwaltungsstellen größeren Umfangs geeignet, die Verbundenheit der beamteten und nichtbeamteten Betriebsund Verwaltungsangehörigen zu vertiefen. Auf die Vorbereitung und Durchführung solcher Gemeinschaftsfeiern ist daher alle Sorgfalt zu verwenden. Die Gemeinschaftsfeiern sind nach Möglichkeit in der dienstfreien Zeit oder an einem dienstfreien Tage durchzuführen. Ist dies aus besonderen Gründen nicht möglich, so ist die ausfallende Arbeitszeit vor- oder nachzuleisten.
2. Die Stellung der Beamten und nichtbeamteten Gefolgschaftsmitglieder der öffentlichen Betriebe und Verwaltungen als Diener der Volksgefamtheit läßt es nicht vertretbar erscheinen, öffentliche Mittel zur Befriedigung persönlicher Bedürfnisse in Anspruch zu nehmen. Alle Ausgaben für persönlichen Verzehr müssen daher von den Betriebs- und Verwal-
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*^)Eständig, das ^Festgetränk A der deutschen Familie^ (Heute kür Jedermann erschwinglich).
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wird — er muß sich vielmehr fragen: Aus welchem Geiste wurden diese Werke geschaffen? Dann wird er nicht nur die einzelne Entscheidung begreifen, sondern auch eine grundsätzliche Ausrichtung verstehen, deren Linie durch die beiden während der Olympischen Spiele in Berlin gezeigten Ausstellungen „Große Deutsche in Blidnissen ihrer Zeit" und „Der Sport der Hellenen" vorgezeichnet ist.
Der mit diesen Beispielen beschriebene Grundzug im kunstpolitischen Mosaik des abgelaufenen Jahres wird selbstverständlich durch manche bemerkenswerte Nebenlinie und viele bunten Steinchen ergänzt. Wie man durch sinnvolle organisatorische Maßnahmen das Kunstschaffen planmäßig zu einer Leistungssteigerung führen kann, ohne eine bestimmte Wertung in Einzelfällen vorzunehmen, das lehrten u. a. zwei Kammerentscheidungen. Durch Vereinbarungen des Präsidenten der Reichsmusikkammer mit dem Reichsinnenminister und dem Präsidenten des Deutschen Gemeindetages wurden die Städtischen Musikbeauftragten auf eine solide Rechtsbasis gestellt und damit allen Städten mit mehr als 5000 Einwohnern die bestmögliche Pflege ihres Konzertlebens garantiert.
Das deutsche Filmwesen bekam die segensreichen Auswirkungen einer Anordnung des Präsidenten der Reichsfilmkammer bereits zu spüren, wonach die Filmherstellung anstelle des saisonmäßigen Stoßbetriebes auf das ganze Jahr zu verteilen und im Interesse der Verwirklichung nur ausgereifter Pläne den Hauptbeteiligten jedes Films ein fertiges Drehbuch einige Zeit vor Beginn der Aufnahmen auszuhändigen ist.
Solche und ähnliche Anordnungen, die dem Außenstehenden selbstverständlich erscheinen, in der Praxis aber unerhörte Fortschritte darstellten, wirkten sich schon aus in der verbesserten Durchschnittsqualität des deutschen Films. Sie kam im Laufe des ganzen Jahres dem ständigen Besucher der Lichtspieltheater zum Bewußtsein, sie fand eine Bestätigung in der Anerkennung deutscher Spitzenleistungen durch das Ausland — erhielt doch Deutschland auf der Internationalen Filmkunst-Ausstellung in Venedig drei Preise, darunter den höchsten, und fünf Medaillen.
Vervollständigen wir diese Bilanz internationaler Würdigung des deutschen Kunstschaffens durch die einzigartigen Erfolge des Reiches in den Kunstwettbewerben der diesjährigen Olympischen Spiele, die deutschen Künstlern fünf goldene, fünf silberne und zwei Bronzemedaillen eintrugen und außerdem die Namen zweier Deutschen für alle Zeiten mit der Olympischen Festhymne verbanden — dann darf aus diesem Blickwinkel wohl bestätigt werden, daß die autoritative Kulturführung des Dritte» Reiches weder ein Absinken der Leistung noch eine künstlerische Autarkie zur Folge hatte, sondern sich durch ihre Erfolge im Urteil der Welt bewährte.


