M. 280 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Montag, 30. November (936
Fernlastzüge rotten durch Deutschland...
Berufsgeheimnisse der modernen „Ritter der Landstraße".
Ein Äericht von Adolf Tleß.
Unaufhörlich donnern Fernlastzüge überwiß Deutschlands Straßen, führen wertvolles Wirtschafts- gut von einem Ort zum andern. Das ist heute kein ungewohnter Anblick mehr, da sich aus kleinsten Anfängen der Pionierzeit vor dreizehn oder vierzehn Jahren ein eigener Berufsstand herausgebildet hat, der seinen Zusammenschluß im Reichskraft- wagen-Betriebsoerband fand. Der Fernlastzug gehört zum Bild der Straße unserer Tage, gleich ob sie den Süden Deutschlands, den Osten, Westen oder Norden durchschneidet. Man trifft ihn auf der Reichsautobahn sowohl als auf der Landstraße, sieht ihn auf den Lagerplätzen aller Städte. Man muß wissen, daß heute rund 13 000 Fernlastzüge durch Deutschland rollen, um zu begreifen, welche Bedeutung ihnen im Wirtschaftsleben zukommt.
Aber wer sind die Männer, die hinter dem stampfenden Motor dieser ratternden Ungetüme sitzen? Es sind wetterharte Gestalten, denen man an den Sammelpunkten der Fernlastzüge, den Laderaumverteilungsstellen begegnet, Männer, in deren Gesicht Wind und Wetter, unzählige am Steuerrad durchwachte Nächte und härteste körperliche Arbeit ihre Spuren hinterließen. Kreuz und quer auf Deutschlands Straßen sind sie gefahren, kennen jede Straße mit allen ihren Kilometersteinen und Umwegen. Was sie nicht kennen, scheint des Kennens nicht wert zu sein. Und man muß sie erzählen hören von einsamen Nachtfahrten, Zwischenfällen auf der Landstraße und allen Erlebnissen, die der harte Beruf mit sich brachte. Es gibt kaum einen Beruf, in dem sich Romantik und härteste Wirklichkeit so eng berühren. Und doch haben sich die Zeiten geändert. Der „Vagabund der Landstraße" von vor zehn oder zwölf Jahren, der seinen Lastzug nach eigenem Gutdünken durch Deutschland führte, der eine Pause einlegte, wann es ihm gefiel, — er hat dem Fernfahrer von Beruf weichen müssen.
Es ist wenig, was wir vom Leben dieser ewigen Wanderer auf rollenden Rädern wissen, und es reizte, einer jener Sammelplätze, eine Laderaumverteilungsstelle aufzusuchen, an der sich die Fah-
ist körperliche Kraft erforderlich", heißt es, „aber die schwere Arbeit wird Gewohnheit. Viel anstrengender ist das fortwährende angespannte Beobachten der Fahrstraße für die Augen. Es ist eben wenig zu sagen über körperliche Voraussetzungen, wer sich dem Beruf verschreibt, wird auch versuchen, unter allen Umständen durchzuhalten."
„Jeder hat seine eigenen Erfahrungen, der eine hält diese Einteilung der Fahrzeit für die beste, der andere jene. Wir haben uns früher alle sechs Stunden am Steuer abgelöst, kamen aber bald davon ab und beschränkten die Fahrzeit für jeden auf vier Stunden. Und heute haben wir als das Beste erkannt, alle zwei Stunden zu wechseln. Was wir in den zwei Stunden tun, in denen wir nicht das Steuerrad halten? Schlafen, wenn es Nacht ist, und Entspannung suchen, wenn wir bei Tage fahren." Aber mit dem Schlafen hat es seine eigene Bewandtnis, wie wir hören. Es will erst gehen, wenn eine Nacht durchwacht ist, dann kuschelt sich der freie Fahrer wohlig in die Schlafkabine, die hinter dem Führerstand angebracht ist. Und wer glaubt, daß bei dem knatternden Motorengeräusch an schlafen nicht zu denken ist, der wird eines anderen belehrt. Es ist dem Ohr gewohnte Musik, „Aufwachen tue ich nur, wenn der Wagen anhält".
„Nehmen wir eine Fahrt von Mannheim nach Berlin. Wo machen Sie ihre Pausen, wo trinken Sie Kaffee, wann essen Sie zur Nacht? Was nehmen Sie auf die Fahrt mit?"
„Mitgenommen wird an Nahrungsmitteln — nichts, vergessen aber wird nicht ein ausreichender Bestand an Rauchwaren. Die Fahrt selbst: Wenn wir um sieben Uhr abfahren, dann gibt es um neun Uhr die erste Kaffepause. Mittagessen in einem Gasthaus, in dem wir ständig einkehren. Um vier Uhr wieder Kaffee, spätestens um acht Uhr wird zur Nacht gegessen und um zwölf Uhr noch einmal Kaffee getrunken. Dann beginnt die Fahrt durch die Nacht, und um sieben Uhr morgens gibt es wieder den ersten Kaffee."
Das ist der Ablauf eines Vierundzwanzigstunden
tages. Mag sein, daß es andere Einteilungen gibt, jeder Fernfahrer wird aber darauf sehen, seine Lebensweise so vernünftig wie möglich einzurichten.
Es ist ein eigenartiger Beruf, das wird uns immer wieder bestätigt. Er formt seine Menschen auf seine Weise. Das zeigt sich auch im Verhältnis der Kollegen untereinander. Man muß bedenken, daß zwei oder mehr Menschen tage-, ja wochenlang nur aufeinander angewiesen sind. Man hockt auf dem Führersitz nebeneinander, ißt gemeinsam und übernachtet in einem Zimmer. „Da kommt dann eines Tages der Augenblick, in dem man sich nicht mehr sehen mag, in dem es zum Krach kommt und in dem die beste Arbeitskameradschaft in die Brüche geht. Man muß schon sehr viel Selbsterziehung besitzen, um diesen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Und man hat sie auch meist, ist einsichtig und nimmt auf den andern Rücksicht, wo es nur geht."
Es ist ein hartes Leben, das die Fernfahrer führen, aber es hat auch seine schönen Seiten. Man ist nicht unempfindlich für landschaftliche Reize, und wo es geht, da wählt man die Fahrt in die Lieblingsgegend. So zieht unser Mannheimer, der außer Breslau jede größere Stadt kennt, eine Tour ins Rheinland jeder anderen vor. Sie bietet ihm landschaftlich am meisten und er weiß begeistert von manchem schönen Fleckchen an den Ufern des vaterländischen Stromes zu berichten.
Zwischenfälle unterwegs? Gewiß gibt es die, und auch Unglücksfälle. Aber sie sind nicht zahlreich, und man spricht nicht gern davon. Man denkt auch nicht an Ueberfälle, und was sich der Laie sonst vorstellen mag. Man tut gewissenhaft seine Pflicht, ist ein guter Kamerad und sucht die Hellen Seiten des Lebens.
Vier Wochen ist der Fernlastzug bereits unterwegs. Zur Zeit eine kurze Pause, einen oder vielleicht zwei Tage, dann geht es weiter mit neuer Ladung. Wohin? Noch wissen es die Fahrer nicht. Möglich, daß sie bald ihr Mannheim wiedersehen, möglich aber auch, daß sie erst nach zwei oder gar drei Monaten dort wieder anlangen. Aber die Verbindung mit der Heimat bleibt. Wohin man auch kommt, fast überall wartet ein Gruß von Frau und Kind. Mancher Brief machte eine kaum weniger ausgedehnte Reise als sein Empfänger. Ein unstetes, hartes Dasein, aber ein Beruf, der seinen Mann ernährt.
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rer aus allen Teilen Deutschlands treffen, um Güter abzuliefern und neue zu laden. Unaufhörlich rattern Lastzüge auf den Hof. „Genehmigter Güterfernverkehr Hanau", „ ... Wuppertal-Elberfeld", „... München", — was einem gerade an deutschen Städtenamen einfällt, hier kann man es lesen. Da sieht man, wie sich der Stettiner mit dem Mann aus Saarbrücken begrüßt, wie der Hamburger dem Münchener freudestrahlend auf die Schulter klatscht. Die Unterhaltung wird in allen Dialekten geführt, die innerhalb Deutschlands Grenzen gesprochen werden. Man fängt einige Brocken auf, hört von Be- rufsforgen und Erlebnissen, technischen Dingen und was es mehr gibt, das den Fernfahrer beschäftigt.
Und dann sitzen wir beim dampfenden Kaffee mit dem Mann, der gemeinsam mit feinem Freund und Kollegen seinen in Mannheim beheimateten Lastzug durch Deutschland führt, der erst vor wenigen Stunden seinen Wagen nach langer Fahrt verließ. Wie er zum Beruf kam, wollen wir wissen, und wir erhalten bereitwillig Auskunft: „Es sind rund zwei Jahre her, daß wir den großen Entschluß faßten, ich, der ich 17 Jahre lang Kaufmann war, und mein Freund, der bisher als Betriebsingenieur tätig gewesen war." Und dann werden wir aufgeklärt über die drei Arten von Fernfahren, die Linienzüge, die für einen bestimmten Spediteur fahren, die Urverlader, die ihre festen Abmachungen mit großen Werken haben, und eben die Trampfahrer, die kreuz und quer durch Deutschland fahren, von einer Laderaumverteilungsstelle zur anderen, mit jeder Ladung, die sich findet und die rentabel erscheint.
Die Frage liegt nahe, wie der Mensch körperlich beschaffen fein muß, der sich diesem schweren Beruf widmen will; denn es ist gewiß keine vergnügliche Angelegenheit, einen 15-Tonner zu kutschieren. „Ge-
Gemeinschastskundgebung Reichsbetriebsgemeinschafl Druck.
Die aus Anlaß der Reichsarbe'itstagung der Reichsbetriebsgemeinschaft Druck nach Leipzig gekommenen Betriebsführer von Industrie und Handwerk des Graphischen und Papier verarbeitenden Gewerbes veranstalteten am Samstagnachmittag eine Gemeinschaftskundgebung, die durch eine Ansprache des Reichsorganifationsleiters Dr. Ley besondere Bedeutung erhielt. Nach Begrüßungsworten des Leiters der Wirtschaftsgruppe Druck und Papierverarbeitung, Dr. S e e l i g e r, sprach zunächst Ministerialdirektor Dr. Pohl, der die Grüße und Wünsche des Reichswirtschaftsmini- sters Dr. Schacht übermittelte und auf die Bedeutung des Leipziger Abkommens zwischen Deutscher Arbeitsfront und gewerblicher Wirtschaft einging.
Sodann nahm, stürmisch begrüßt, Reichsorgani- sationsleiter Dr. Ley das Wort. Der Betrieb fei eine natürliche Lebenszelle und genau so gottgegeben, wie die Fimilie. Auf der natürlichen Ebene ihres Arbeitsplatzes gehörten die Menschen zusammen. Das wertvollste Kapital seien nicht die Maschinen und Werkstätten, sondern die Menschen, die mit diesen und in diesen arbeiten. Es sei daher eine gute, ja die beste Kapitalsanlage, schöne und zweckmäßige Fabriken und Werkstätten zu schaffen. Das Leipziger Abkommen diene dazu, die Kluft zwischen den beiden Begriffen Sozialismus und Wirtschaftlichkeit endgültig aus der Welt zu schaffen. Gewiß, es müsse eine Wirtschaftsführung geben,
aber sie dürfe nicht die Unternehmer aus der Arbeitsfront herauslösen wollen; deshalb habe jeder Unternehmer die Pflicht, in der Arbeitsfront mit» zumarfchieren. Das Handwerk müsse unbedingt erhalten werden; dies könne aber nicht auf alle Ewigkeit durch Schutzorganisationen geschehen, sondern nur durch Leistung. Innerhalb der Schicksals- und Leistungsgemeinschaft Deutschland komme es darauf an, jeden einzelnen zum Höchsten zu befähigen, damit die Gesamtleistung Deutschlands in der Welt eine Spitzenleistung ist.
Der Reichssporlsührer ehrt die Himalaja-Expedition.
Der Reichssportführer ließ dem Leiter der Himalaja-Expedition, Bauer, anläßlich der in Berlin stattfindenden Arbeitstagung des Führerrates des DRL. eine besondere Ehrung zuteil werden. Im Hause des Deutschen Sports entbot der Reichssportführer dem Führer der deutschen Bergsteiger seinen Gruß und ehrte den unbeugsamen Willen und die stete Einsatz- und Opferbereitschaft der deutschen Expedition. Der Leiter der Himalaja- Expedition schilderte den beschwerlichen Marsch, der in aller Stille im Monat August angetreten wurde, als die Jugend der Welt sich zum friedlichen Wettstreit im Olympischen Stadion zu Berlin versammelt hatte. Man wollte für den im nächsten Jahre geplanten Angriff auf den letzten noch unerstiegenen Berggipfel des Himalajas vorbereiten. Es wurde ein gewaltiger Kampf mit tagelangem War- ten in schwindelnder Höhe gelegenen Lagern in
Schnee und Eis. Ein Teil der erkrankten Träger mußte zurückgefchickt werden. Verschiedene Angriffe auf die 7000 Meter Höhe wurden von dem unbezwungenen Riesen abgeschlagen. Schließlich gelang aber doch die Erstbesteigung des Siuiolchu und des S i m o u. Im nächsten Jahre werden die deutschen Bergsteiger wieder den Gipfel angreifen, und wir wollen mit ihnen hoffen, daß ihnen zur Ehre Deutschlands die große Aufgabe gelingen möge. Die schon im Jahre 1934 durchgeführten deutschen Himalaja-Expeditionen haben vier Opfer gefordert, und der Ehre und dem Gedenken dieser Toten galten die abschließenden Worte des Reichssportführers.
Grohfeuer im Kopenhagener Hafen.
Ein Großfeuer wütete im Kopenhagener Südhafen. Der Brand, der in einer Segel- und R u - derbootswerft ausbrach, fand in den zahlreichen über den Winter dort aufgelegten Segelbooten reichliche Nahrung und griff mit rafenbeer Schnelligkeit um sich. Später sprang das Feuer auf auf das Klubhaus des Studentenruderklubs über, das vollkommen in Asche gelegt wurde. Dem Feuer fielen neben den umliegenden Gebäuden etwa 70 Segel - und Ruderboote zum Opfer. Unter den vernichteten Segelbooten befindet sich u. a. das Boot „Rita V" des dänischen Königs, mit dem dieser sich an verschiedenen internationalen Segelwettfahrten beteiligt hat. Besonders schwer wurde der dänische Studentenruderklub betroffen, da sich in dem niedergebrannten Klubhaus auch einige Boote befanden, die erst in diesem Jahre für d i e Olympischen Spiele in Berlin angeschafft worden waren. Der Schaden beläuft sich auf über 600 000 Kronen.
Kleine politische Nachrichten.
Der neuernannte deutsche Geschäftsträger bei der spanischen Nationalregierung, General F a u p e l, ist mit Attache Stille und einem weiteren Begleiter in einem Sonderflugzeug in Salamanca eingetroffen. Der Geschäftsträger hat feinen Antrittsbesuch beim spanischen Staatschef, General Franco, gemacht.
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Der ungarische Reichsverweser von Horthy mit Gemahlin sowie Ministerpräsident D a r a n y i und Außenminister von Kanya trafen in Wicn ein. Zum Empfang hatten sich Bundespräsident Miklas, Bundeskanzler Dr. Schuschnigg sowie die Spitzen der militärischen und zivilen Behörden eingefunden. Auf der ganzen Strecke zeigten alle Bahnhöfe die österreichische und ungarische Flagge. Auf den Hauptstraßen in Wien bildeten Truppen Spalier. Der Reichsverweser legte am Heldendenkmal und am Marinedenkmal Kränze nieder. Anschließend begab sich der Reichsverweser in die Habsburger Gruft der Kapuzinerkirche, um dem Sarkophag feines ehemaligen obersten Kriegsherrn, Kai 's er Franz Joseph, einen Besuch abzustatten.
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Bei sehr starker Wahlbeteiligung fand am Sonntag die Wahl der Genfer Kantonsregic- rung statt. Die sieben bürgerlichen Kandidaten wurden dabei mit einer Mehrheit von rund 15 000 Stimmen gewählt. Die Marxisten erlitten eine völlige Niederlage. Sie sind nunmehr im Genfer Staatsrat überhaupt nicht mehr vertreten. 1933 wurden 55 Bürgerliche und 45 Marxisten ins Parlament gewählt, drei Wochen später vier Marxisten und drei Bürgerliche in die Regierung. In diesem Jahr errangen die Bürgerlichen bei der Parlamentswahl vor drei Wochen 60 Sitze, während die Marxisten nur 40 Sitze erhielten.
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In Equador hat die Aufstandsbewegung eines Artillerieregiments in Quito, die sofort niedergeschlagen werden konnte, 29 Tote gefordert. Diele Beteiligte wurden verhaftet, darunter auch der Bruder des ehemaligen Präsidenten Valesco Jbarra sowie zahlreiche Ausländer.
Gießener Giadttheaier.
Weihnachtsmärchen.
„Prinzessin Allerliebst."
Gestern, am Sonntagnachmittag, war eine Menge kleinen Volkes im Stadttheater versammelt, um das Weihnachtsmärchen zu sehen und zu hören: „Prinzessin Allerliebst" oder „Der wundersame Regenschirm", ein Märchenspiel für Kinder in fünf Bildern nach Walther Barths Dichtung von Friedrich F o r st e r. Es war einmal vor langer Zeit, so fängt es an wie alle Kindermärchen, da ging die Prinzessin Allerliebst, König Ohlemanns Tochter, mit ihrer Hofdame spazieren und begegnete auf der blühenden Bergwiese vor der Stadt dem Hirtenbuben Heino. Der will die Prinzessin gleich heiraten, weil sie ihm gut gefällt, und er gefällt ihr auch, aber Heino ist arm, und auf die Prinzessin warten in Ohlemanns Schloß fünf prächtige Freier, richtige Prinzen. Allerliebst läuft davon, aber dann kommt die Holzmutter daher, das ist eine gute und freundliche Fee, und weil Heino ihr aus feinem Hut zu trinken gibt, schenkt sie ihm zum Dank ihren großen grünen Regenschirm. Man sieht es ihm nicht an, aber es ist ein Wunderschirm: wenn man ihn aufspannt, fängt es gleich unermeßlich an zu regnen und hört nicht eher auf, bis er wie- der zugeklappt wird. Jetzt ist Heino reich und kann sich mit seinem Schirm auf den Weg ms Schloß machen, die Prinzessin zu freien.
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Im Schloß sitzt der König Ohlemann mit feiner Frau und mit Allerliebst und mit feinem ganzen prächtigen und wunderlichen Hofstaat. Auf einmal kommen die fünf Freier herein, der Prinz vom Pfefferland Prinz Kern vom Land der Apfelsinen, Prinz Mostrich, Prinz Peter vom Sauergurkenland und der dicke Prinz Hefekloß. Das sind absonderliche Kerle; Allerliebst hat an jedem von ihnen was auszusetzen und mag keinen von den Fünfen zum Mann, so daß der alte König ganz böse wird.
Heino ist mittlerweile auf feinem weiten Weg zum Königsschloß in einen dicken, schwarzen Wald gekommen, das ist ein richtiger Zauberwald. Da wohnen zwei böse Waldgeister, der Wurzelkomg Knurr, und Rotrock, der giftige Fliegenpilz. Die führen den armen Heino in die Irre, daß er nicht mehr aus dem Wald herausfindet, schläfern ihn ein mit Zaubertrank und Zaubertanz und nehmen ihm den wundersamen Regenschirm ab, ui^d Rotrock, der dicke, giftige, abscheuliche, macht sich selber mit
dem Schirm auf den Weg ins Schloß, um sich Prinzessin Allerliebst zur Frau zu holen.
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Dem armen Heino hilft die gute Holzmutter weiter, also macht er sich auf im strömenden Regen und eilt über Stock und Stein dem dicken Rotrock nach. Schon hat er ihn fast eingeholt — da kommt eine Brücke über den Waldbach, Rotrock läuft drü- berweg und läßt sie mit böser Zauberei hinter sich zusammenbrechen, um Heino den Weg zu sperren. Aber schon kommt ihm die gute Holzmutter zu Hilfe, macht die Brücke wieder heil und gibt dem Heino einen kräftigen Zauberspruch mit auf den Weg, der ihm helfen soll, wenn er in großer Not ist.
Im Schloß beim König Ohlemann aber herrscht mittlerweile Heulen und Zähneklappern, allgemeines Weinen und Niesen, denn es regnet schon drei Monate ununterbrochen, der Hoslaubstoch sitzt ganz unten in seinem Glas, und dabei steht Weihnachten vor der Tür. Alle meinen schon, sie werden in der großen Wasserflut elend umkommen, nur Allerliebst wartet voll Vertrauen auf ihren Heino. Da klopft es am Tor, aber wer kommt herein: Rotrock, der Fliegenpilz, dick und frech, macht nicht mal im Thronsaal den Schirm zu und begehrt die Prinzessin zur Frau. Natürlich mag sie ihn nicht, den ekligen Kerl, der ihnen voller Wut mit einer schrecklichen Überschwemmung droht. Welch ein Glück, daß in aller Not Heino ankommt. Gleich nimmt er dem Rotrock den Wunderschirm ab und sagt seinen Zauberspruch, daß der schlimme Pilz im Boden versinkt. Und sobald Heino den Schirm zuklappt, hört auch der Regen auf, die Sonne scheint, und der Frosch klettert auf die Leiter. Die gute Holzmutter aber hat dem Schirm noch eine Wundergabe verliehen: wenn Heino und Allerliebst Mann und Frau geworden sind, erscheint auf einmal, gerade recht zum Weihnachtsabend, ein großer, prächtiger Christbaum, gleich fängt es auch an zu schneien, und alle, große und kleine Leute, fingen „Stille Nacht, heilige Nacht ..." Damit ist das Weihnachtsmärchen von Prinzessin Allerliebst und dem wundersamen Regenschirm zu Ende, und das kleine Volk geht beglückt nach Hause.
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Der gute Märchenonkel Volck hat, wie alle Jahre um diese Zeit, das Weihnachtsmärchen mit Liebe und Sorgfalt einstudiert, Kapellmeister Bräuer macht eine lustige Musik dazu, die den Kindern bekannt und vertraut vorkommt, und der Meister Löffler hat ein rechtes Märchenland
aufgebaut, mit blühender Wiese, buntem Königsschloß .und schwarzem Zauberwald. Irmgard Z e n n e r hat niedliche Tänze eingeübt für kleine Hofnarren, Pagen und Mohrenkinder, für Elfen, Wichtelmänner, Leuchtkäfer und allerlei Tiere des Waldes, auch für Wasserstiefel und Regenschirme. Sophie Buchner hat allen Märchenfiguren feine Kostüme zurechtgemacht; auch die Beleuchtung (R. Konen) und allerhand andere Zauberstücke des Theaters (K. Löffler) sind in diesem Märchenspiel zur Freude und zum Staunen der Kinder von großer Wichtigkeit.
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Alle Schauspieler bis zu den winzigen Hofnarren und Wichtelmännchen hin waren voll Eifer dabei, den kleinen und großen Zuschauern ein paar frohe Stunden voll Märchenzauber und Weihnachtsstim- mung zu bereiten; wir können sie nicht alle mit Namen nennen, denn es waren zu viele. Aber die Hauptpersonen müssen wir dankbar aufzählen: Charlotte Krause war die kleine Prinzessin und wirklich allerliebst anzusehen, Fritz Walter war Heino, der Hirtenbub, der luftig und mutig alle Gefahren und Abenteuer besteht und zum Lohn zuletzt auf den Königsthron kommt. Inge Birk- mann war eine freundliche und gütige Holzmutter, die jedermann gern haben mußte, weil sie Heino hilft und alles zum Besten kehrt. Onkel Geiger war der gute König Ohlemann, ein rechter Märchenkönig, dem die Krone schief saß, und der gewaltig polterte und nieste in seinem Schloß. Ein schlimmer Waldgeist war Herr Schorn, der Rotrock, der den kleinsten Kindern nicht geheuer vorkam. Aber Ottmar Meyer, der munter hüpfende Laubfrosch, machte allen großen Spaß, und auch Hansi Prinz, Frau Königin, Rose Stirl, die Hofdame Brillenguckerle, Karl-Ludwig Lindt, der Wurzelkönig, und Gerhard Frickhoeffer als Hofmarschall Federhut seien nicht vergessen.
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Es war ein rechter Adventssonntagnachmittag im Theater. Die Kinder, sie hörten es gerne und klatschten dankbar Beifall.
Dr. Hans T h y r i o t.
Kochschulnacknchten.
Der Herr Reichs- und preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hat Prof. Dr. Sprockhofs den ihm erteilten Auftrag der Vertretung der deutschen Vorgeschichte in der Philosophischen Fakultät der Universität Frankfurt bis auf weiteres verlängert.
»Bei strengerKätteein Schnäpschen..."
Wie man sich als Theaterbesucher im 18. Jahrhundert zu benehmen hatte, besagt eine Verordnung, die 1749 in Paris erlassen wurde. Nach einer ernsthaften Ermahnung, sich ganz ruhig zu verhalten, wurde weiter das Zischen und Pfeifen ver- boten. Die Zuschauer sollten auch „die Akteurs nicht unterbrechen und von ihren Oertern nicht weggehen".
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Ein wenig gutes Zeugnis stellt ein Theaterzettel vom 5. April 1818 den männlichen Bewohnern der Stadt Weißenfels aus. Da wird kurz und bündig angedroht: „Herren, welche Sitze einnehmen, solange noch eine einzige Dame stehen muß, werden künftig vom Zutritt namentlich ausgeschlossen".
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Und kaum besser kommen die Herren der Schöpfung auf einem Theaterzettel aus den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts weg, der aus Cleve stammt. Da heißt es: „Vielfache Beschwerden veranlassen die Direktion auf Veranlassung des Landrats den Herren, die das Theater besuchen, das lange Ansehen der verehrlichen Frauen und Mädchen Cleves strengstens zu untersagen". — Die Damen sollten nicht in Verlegenheit gebracht werden, damit sie nicht dem Theater fern» blieben, „was für die ergebenste Direktion von Schaden wäre".
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Don einem rechten Original unter den Theaterdirektoren weiß der Burgschauspieler Hermann Schöne zu erzählen. Es war der Direktor des Chemnitzer Theaters Heinrich Ob ft fe Id er, der in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts feines Amtes waltete. Er hatte ein Theater- aesetzbuch verfaßt, das durch manche seltsame Bestimmung überraschte. Darin hieß es an einer Stelle: „Es ist verboten, im Theater geistige Getränke zu sich zu nehmen, jedoch ist bei strenger Kälte ein kleines Schnäpschen wohl gestattet".
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Recht eindeutig heißt es in einem Absatz der Theaterordnung des Wiener Burgtheaters vom 1. Februar 1800: „Die Bezahlung des Eintrittsgeldes gibt niemand das Recht, unanständige Handlungen in den Hoftheatern zu begehen, wie das Pfeifen, Zischen, Stoßen mit den Füßen als Zeichen des Mißfallens, welche oft nur die Wirkung einer Laune oder Kabale sind. Derselbige wird sofort arretiert". A. N.


