Ausgabe 
30.3.1936
 
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mein auf. Diele Menschen säumten die Straßen, als die vielen Wagen die Stadt durchfuhren.

Unö so wie die Abendfeier vor dem Abstim­mungstage in wundervoller Geschlossenheit des deutschen Volkes Adolf Hitlers den Tag beendete, so begann in der gleichen starken und unerschütter­lichen Willensrichtung der Tag der Wahl, der Tag des Bekenntnisses und des Ge­löbnisses für den Führer der deut­schen Nation auch in unserer Stadt. Ein SA.- Sturm mit dem Musikzug und dem Spielmanns­zug leitete den unvergleichlichen Tag um 7.30 Uhr mit dem Großen Wecken ein. Und schon bald dar­auf machten sich viele wahlberechtigte Männer und Frauen auf zu ihren Wahllokalen.

Von welcher gewaltigen Begeisterung auch in Gießen die Wahlberechtigten erfüllt waren, geht beispielsweise daraus hervor, daß in zahl­reichen Wahllokalen schon lange vor Beginn der Abstimmung, etwa von 8.30 Uhr ab, ganze Reihen von Wannern und Frauen sich ausge­stellt hatten, um sofort nach Eröffnung der Wahlhandlung die Möglichkeit zur Stimm­abgabe zu haben.

Die Wahlvorsteher waren nicht wenig überrascht, als sie bei ihrem Kommen einen derart großen Andrang von Abstimmungsberechtigten vorfanden. Und es gab denn auch sofort nach Eröffnung der Wahlhandlung in allen Wahllokalen stramm zu tun. Zu den anstehenden, teilweise in mehreren Gliedern nebeneinander aufgebauten Menschen­reihen kamen immer wieder neue Stimmberechtigte hinzu, und auch da, wo ein ausgesprochenes Schlangestehen" für einige Zeit einmal nicht zu bemerken war, hielt der Zustrom ununterbrochen stark an, so daß es für die Männer und Frauen des Wahlbüros nirgends auch nur einige Minuten des Verschnaufens gab. Das war in allen Wahl­lokalen ein so lebhaftes und ununterbrochenes Kom­men und Gehen, wie wir es in Gießen bisher noch bei keiner Wahl beobachtet haben. Und dieser Hoch­betrieb dauerte nicht etwa nur ein oder zwei Stun­den I^ng, sondern er war den ganzen Vormittag überau im Gange, vor und während und nament­lich auch nach der Kirchenzeit. Selbst um die Mit­tagsstunde gab es in den meisten Abstimmungs­lokalenkeine Ruh und Rast", der Betrieb hielt alle Kräfte in Atem, so daß vielfach auch die sonst übliche Ablösung entweder bis zum Mittag gar nicht oder nur ganz vereinzelt und nur für kurze Z'it vorgenommen werden konnte.

Aeußerte sich auf diese Weise in allen Wahlbe­zirken eine Einsatzbereitschaft, die würdig war der großen Tat des Führers, so setzten sich dennoch die in der vordersten Front stehenden Kämpfer des Führers, die Politischen Leiter, SA., SS., HI. und BDM. sowohl im Verlaufe des Vormittags, wie auch am Nachmittag mit aller Tatbereitschast für die Heran'ührung aller stimmberechtigten Männer und Frauen an die Wahlurne ein. Wie am frühen Morgen die SA. marschiert war, so marschierte im weiteren Verlaufe des Tages auch die HI., waren die Politischen Leiter in den Wahldienststellen b"r Partei emsig tätig, sorgte ein Lautsprecher am Bahnhofsplatz immer wieder für den Appell an die Stimmberechtigten zur Erfüllung ihrer Pflicht, stan­den an den Stadtausaängen SA.-Männer, um Spa­ziergänger, die ihre Wahlpflicht noch nicht erfüllt hatten, zur Leistung dieses höchsten Dienstes für Führer und Vaterland zu ermahnen, waren SA.- und SS.-Mönner, vor allem auch die Männer des NSKK. mit Kraftwagen unterwegs, um wegun­fähige Männer und Frauen zu den Wahllokalen und zurück zu bringen, standen auch die Männer der Sanitätskolonne'vom Roten Kreuz vom frühen Vormittag ab bis zum späten Nachmittag im Dienste der Transporthilfeleistung für kranke und alte Leute, um ihnen den Weg zur Wahlurne zu ermöglichen und nach besten Kräften zu erleichtern, sie in treuer Obhut auch wieder nach Hause zu brin­gen, betätigten sich viele Helfer als Ordner bei dem großen Menschenandrang vor den Wahllokalen und standen vom frühen Nachmittag an viele SA.- Männer im Dienst, um die säumigen Volksgenossen, die bis dahin noch nicht im Wahllokal erschienen waren, auf die Erfüllung ihrer Pflicht hinzuweisen.

Erst in den späten Nachmittagsstunden, als der Schluß der Abstimmungszeit schon in naher Sicht

war, ließ der Betrieb in den Wahllokalen natur­gemäß erheblich nach, denn um diese Zeit hatten eben die Stimmberechtigten bis auf wenige Nach­zügler ihre Pflicht der Abstimmung bereits erfüllt. Höchste Anerkennung verdient es, daß auch viele alte Männer und Frauen es als ihre unabweis­bare Pflicht ansahen, an diesem bedeutungsvollen Tage der deutschen Geschichte für den Führer Zeugnis mit dem Stimmzettel abzu­legen. So konnte man den ganzen Tag über viele Männer und Frauen in hochbetagtem Alter be­merken, die trotz erheblicher körperlicher Anstrengun- gen es sich nicht nehmen ließen, den Weg zur Wahl­urne zu gehen, wegunfähige Männer und Frauen wurden bis vor die Wahllokale gefahren und dort von ihren fürsorglichen Begleitern zur Urne geleitet. Unter den abstimmenden hochbetagten Männern und Frauen befanden sich auch der älteste E i n - wohn er unserer Stadt, der 95 Jahre alte Sozialrentner Friedrich Muhl, Licher Straße 7, und die 93 Jahre alte Professorswitwe Frau Streng, Alicenstrahe 22 wohnhaft; beide zeigen wir in unseren Bildern auf dem Wege zum Wahl­lokal. Ebenso wie diese rührenden Beispiele von treuer Pflichterfüllung für den Führer und damit für Deutschland brachte der Verlauf des gestrigen Tages noch viele weitere gleicher und ähnlicher Art, die die vollste Anerkennung verdienen.

Im Verlaufe der frühen Mittagszeit wurde hier bekannt, daß in zahlreichen Orten des Kreises Gie­ßen schon vor 12 Uhr alle Stimmberechtigten ihre Stimme abgegeben hatten, ein leuchtendes Beispiel der mustergültigen Tatbereitschaft jener Wahl­berechtigten, das hier mit aller Anerkennung ver­merkt sei.

Der Feststellung der Wahlergebnisse wurde natür­lich allenthalben mit großem Interesse entgegen­gesehen. Etwa gegen 19.30 Uhr konnten wir das Ergebnis der Stadt Gießen auf Grund der amtlichen Schlußzählung wie folgt bekanntgeben:

Abgegeben wurden in Gießen 24 659 Stimmen. Davon waren für die Liste und damit für den Führer 24 325 Stimmen, gegen die Liste und ungültig 334 Stimmen.

Das ist ein Ergebnis in unserer Stadt, auf das alle deutschen Männer und Frauen mit Recht stolz sein können und das alle Volksgenossen und Volks­genossinnen in der Gefolgschaft des Führers mit großer Freude erfüllt. Es ist für unsere Stadt Gie­ßen ein Ruhmesblatt für allezeit, sich durch diese Abstimmung in so überwältigender und erhabener Weise zum Führer und Reichskanzler Adolf Hit - l e r und damit zu Deutschland bekannt zu haben.

Unmittelbar vor der Bekanntgabe des Gießener Ergebnisses waren wir in der Lage, aus dem Kreise Gießen eine Reihe von Ergebnissen aus den wich­tigsten Orten veröffentlichen zu können. Die Aus­hänge in den Schaufenstern unseres Geschäftshauses fanden sofort die starke Beachtung zahlreicher Män­ner und Frauen. Im weiteren Verlaufe des Abends konnten wir den lokalen Berichten im Aushang weitere Meldungen aus den verschiedensten Gegen­den des Reiches folgen lassen, die sämtlich mit star­kem Interesse ausgenommen wurden. Erst gegen die Mitternachtsstunde, als der Straßenverkehr er­heblich nachgelassen hatte und außerdem auch noch Regen einsetzte, wurde die Zahl der Schau-Inter­essenten vor den Aushängen immer geringer.

Ein großer lag war auch für unsere Stadt zu Ende gegangen, ein lag, der nicht nur für die gegenwärtig am Ruder stehende und für die kommende Generation eine unauslöschliche freudige Erinnerung für alle Zeiten sein wird, sondern von dem auch noch die künftigen Ge­schlechter in unserer Stadt, wie im ganzen Reiche und in der Welt sprechen werden. Wir heutigen können stolz darauf sein, diesen Tag miterlebt und erneut zum Bekenntnis und un­verbrüchlichen Treuegelöbnis für den Führer der deutschen Ration Adolf Hitler benutzt zu haben. Unsere Stadt Gießen ist froh und stolz, als würdiger Mitkämpfer in Reih und Glied unter Adolf Hitlers Führung zu mar­schieren.

firei« Gießen.

Gemeinden

Für die Liste und damit für d. Führer

Gegen die Liste und ungültig

Abgegebene Stimmen

Albach.........

269

269

Ullendorf a. b. Lahn . . .

571

4

575

Ullendorf a. d. Lda.. . . .

880

880

Allertshausen......

238

238

Alten-Buseck.......

895

1

896

Annerod........

465

465

Bellersheim.......

422

422

Beltershain.......

240

240

Bersrod.........

316

316

Bettenhausen......

244

244

Beuern.........

718

718

Virklar.........

343

343

Burkhardsfelden.....

482

482

Climbach........

151

151

Daubringen.......

704

704

Dorf-Gill........

278

278

Eberstadt.......*.

394

394

Ettingshausen......

419

419

Garbenteich.......

720

6

726

Geilshausen.....- .

351

351

Gießen.........

24325

334

24659

Göbelnrod........

212

212

Großen-Buseck......

1466

6

1472

Großen-Linden.....

1677

1

1678

Grünberg........

1644

5

1649

Grüningen.......

486

486

Harbach.........

282

282

Hattenrod........

336

336

Hausen.........

421

421

Heuchelheim.......

2058

3

2061

Holzheim........

795

795

Hungen.........

1174

2

1176

Inheiden........

340

340

Kesselbach........

298

298

Klein-Linden.......

1447

1

1448

Langd .........

285

285

Lang-Göns.......

1336

3

1339

Langsdorf........

647

647

Lauter.........

337

1

338

Leihgestern.......

1238

4

1242

Sich..........

1960

6

1966

Lindenstruth.......

233

233

Lollar..........

1732

1

1733

Londorf........

666

666

Lumda.........

276

276

Mainzlar........

491

491

Münster.........

226

226

Muschenheim......

421

421

Nieder-Bessingen.....

226

226

Nonnenroth.......

214

214

Obbornhofen.......

441

441

Ober-Bessingen.....

250

250

Ober-Hörgern......

222

222

Odenhausen.......

209

209

Oppenrod........

238

238

Queckborn........

460

460

Rabertshausen......

133

133

Reinhardshain......

206

206

Reiskirchen.......

714

714

Rodheim........

253

253

Rödgen.........

539

2

541

Röthges......

166

166

Rüddingshcmsen.....

503

503

Ruttershausen......

364

364

Saasen.........

396

396

Stangenrod.......

219

219

Staufenberg.......

680

680

Steinbach........

805

1

805

Steinheim........

336

336

Stockhausen.......

97

97

Trais-Horloff......

282

282

Treis a. d. Lda......

834

834

Trohe.........

174

1

175

Utphe .........

337

2

339

Villingen........

745

745

Watzenborn-Steinberg . .

1666

17

1683

Weickartshain......

273

273

Weitershain.......

361

361

Wieseck.........

2707

3

2710

Amtliches Wahlergebnis für den WchNreiS 33 Seffen-Samstadt.

Stimmberechtigte: 952 317, Stimmscheine: 30 056, zusammen: 982 373. Abgegebene Stimmen: 971 104, für die Liste und damit für den Führer: 955 217, gegen die Liste und ungültig 15 887.

Gesamt-Wahlergebnis der hessischen Provinzen:

(Privatzahlnng des Landespressedlenftes des DRV.) Oberhessen:

Abegegebene Stimmen: 230 064; für die Liste und damit für den Führer: 228 985, gegen die Liste und ungültig: 1079 Stimmen.

Starkenburg:

Abgegebene Stimmen: 448 969; für die Liste und damit für den Führer: 439 052, gegen die Liste und ungültig: 9 917 Stimmen.

Rheinhessen:

Abgegebene Stimmen: 296 435; für die Liste und damit für den Führer: 291 618, gegen die Liste und ungültig: 4 817 Stimmen.

Abgegeb. Stimmen

Für die Liste und damit für den Führer

Gegen die Liste und ungültig

Oberheffen:

Kreis

Alsfeld

26 226

26149

77

Büdingen

29 481

29 440

41

Friedberg

63 716

63 253

463

Gießen

46 804

46 734

70

Lauterbach

20 410

20 352

58

Schotten

18 768

18 732

36

Starkenburg:

Kreis

Bensheim

51 956

51242

714

Darmstadt

41096

40 552

544

Dieburg

44 578

44 456

122

Erbach

33 000

32 908

92

Groß-Gerau

45 072

44 611

461

Heppenheim

36 626

36 019

607

Offenbach

72 536

70 183

2353

Rheinhessen:

Kreis

Alzey

35 155

34 959

196

Bingen

33151

32 724

427

Mainz

23 032

22 583

449

Oppenheim

32 437

32 245

192

Worms

34 700

34 575

125

Die großen

hessischen Städte:

Darmstadt

66 387

64 791

Gießen

24 659

24 325

Mainz

102 845

99 974

Offenbach

57 718

54 290

Worms

35 115

34 558

1596

334

2871

3428

557

Aus dem Wahlbezirk Hessen -Nassau.

Kreis

Abgegeb. Stimmen

Für die Liste und damit für den Führer

Gegen die Liste und ungültig

Biedenkopf

25 466

25 360

106

Main-Taunus

48 929

48 419

510

Limburg

40 060

39 421

639 .

Dillkreis

39 717

39 625

92

Ufingen

15 235

15 201

34

Wetzlar

58 577

58 316

261 '

Wiesbaden

121 557

120 003

1554

Frankfurt a. M.

407 229

396 612

10 617

Kassel-Stadt

128 676

128 042

634

Kassel-Land

44 543

44 531

12

Fulda-Stadt

18 938

18 922

16

Fulda-Land

45 064

45 052

12 ,

Gelnhausen

35 954

35 896

58

Hanau-Stadt

29 181

29 100

81

Hanau-Land

39 046

38 701

345

Marburg-Stadt

18 328

18 278

50

Marburg-Land

41 323

41 304

19

Der Halberstädter Domschah

Son Ernst v. Tiiebelschüh

Im Frühjahr soll der Schatz des Domes zu Halberstadt in neu dafür hergerichteten Museums­raumen der Öffentlichkeit wieder zugänglich ge­macht werden. Die Nachricht klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Denn beinah hatte man sich dar­an gewöhnt, von dem Halberstädter Domschatz, der seit dem Kriege hinter Schloß und Riegel ein ge­heimnisvolles Dasein führte, als von einem ver­schwundenen Märchenschatz zu sprechen. Nun wird eine der größten und reichsten kirchlichen Schatz­kammern Deutschlands dem Besuch wieder offen» stehen. Der Superlativ ist hier schon einmal an­gebracht, denn eine Domsammlung, die u. a. 67 kirchliche Gerätschaften aus Edelmetall, 48 Reli­quienbehälter, 178 liturgische Gewänder und 49 Altarbehänge und Teppiche umfaßt, darf wohl den Anspruch darauf erheben, zu den ersten ihrer Gattung gerechnet zu werden.

Die Schatzkammern unserer mittelalterlichen Dom- kirchen stehen etwa zwischen den fürstlichen Rati- tätcntabinetten und den heutigen Museen. Mit jenen teilen sie die Bezogenheit auf das Seltene, Fremdländische und materiell Kostbare, mit diesen das Interesse für den künstlerischen Wert. Mit beiden verbindet sie der Begriff desSammelns", wenn auch hinzugefügt werden muß, daß in den Domschätzen nicht Kunst in unserem Sinne gesam­melt wurde, sondern in jedem einzelnen Falle der Bedeutungswert und die kultische Verwendbarkeit die ausschlaggebenden Gesichtspunkte bei der Er­werbung waren. Meist handelt es sich auch nicht um Ankäufe, vielmehr um Stiftungen von Geistlichen, Fürsten oder Pilgern, um verdienstliche Werke also, mit denen man eine Schuld zu sühnen oder das geängstigte Gewissen zu beruhigen bestrebt war. Und alle diese Kostbarkeiten, die wir heute fast aus­schließlich nach ästhetischen Maßstäben zu beurteilen pflegen, waren nicht dazu bestimmt, mit Nummern versehen in Schränken und Vitrinen ausgestellt zu werden, sondern sie dienten als Gebrauchsgegen­stände bei den liturgischen Feiern, wie in der katho- lischen Kirche noch heute. Das bezieht sich auf alles, was mit dem Altar- und Reliquiendienst zusam­menhängt, aber auch auf den priesterlichen Ornat, der mit feinen ebelftein- und perlenbestickten Ge­wändern einen besonders kostbaren und pflege- bedürftigen Teil der bischöflichen Schatzkammer bil- bete. Oft finb diese das Ergebnis jahrhundertelanger Sammeltätigkeit, so daß man sie mit gutem Grunde

als dielebendigen Chroniken" der Kirchen bezeich­nen konnte.

Bei der Fülle des Halberstädter Domes an Schau- und Gebrauchsstücken wäre es ein aussichtsloses Beginnen, eine Beschreibung im einzelnen versuchen ober auch nur ein besonders reich bestelltes Teil­gebiet, wie das der priesterlichen Bekleidung, aus­führlich behandeln zu wollen. Ueberall, von den glockenförmigen Meßgewändern (casulae), den Dal* matiten, Tuniken, Pluvialen, Gürteln, Bischofs­mützen bis zu den Handschuhen, Fußbekleidungen und Schweißtüchern glänzt und gleißt es von kost­barer orientalischer Seide, erhaben aufgenähter Perlen- und Sammetstickerei, von Silberflittem, Goldbrokaten und Juwelen erlesenster Art. Sind die Farben auch z. T. verblaßt, das Gold und Sil­ber unansehnlich geworden, so kann man sich doch noch immer eine Vorstellung von der festlichen Pracht bilden, die einst der in solche Herrlichkeiten gehüllte Klerus in Verbindung mit dem farbigen Schmuck der Teppiche und Altarbehänge an den großen kirchlichen Feiertagen hervorzuzaubern wußte.

Denn nächst den liturgischen Gewändern machen die reichbestickten Antependien (Altarbekleidungen) und die gewebten romanischen und gotischen Wand­teppiche, die z. T. noch heute den oberen Teil des Chorgestühls schmücken, den Hauptwert der Samm­lung aus. Zwei von ihnen, der Behang mit der Schilderung des Engelbesuchs bei Abraham und der Apostelteppich", der den thronenden Christus im Kreise der Jünger barstellt, finb wohl in ein­heimischen Werkstätten zu Beginn bes 12. Jahrhun­derts entstanden und gehören in ihrem relativ guten Erhaltungszustand zu den wertvollsten Do­kumenten der frühmittelalterlichenFadenmalerci". Ihnen gesellen sich das Fragment eines um ein Jahrhundert jüngeren Figurenteppichs mit Karl dem Großen, der von zwei antiken Philosophen zur Mildtätigkeit ermahnt wird, und der spätgotische Marienteppich mit Szenen aus dem Leben der heiligen Jungfrau. Es dürfte wenig deutsche Dom» schätze geben, die auf dem Gebiet der mittelalter­lichen Teppichfabrikation mit dem Halberstädter wetteifern können.

Mit ausgezeichneten Stücken aus fast allen Stil- Perioden ist auch das Altargerät vertreten, doch stehen auch hier die Belege aus romanischer und gotischer Zeit an kunstgeschichtlicher Bedeutung in vorderster Linie. Die Sammlung umfaßt alles, was der Mehdienst vorschrieb: gemalte Altaraufsätze und Kreuze, Monstranzen und Rauchfässer, Kelche und Glaser, Hostienbüchsen, Kußtafeln, Oelfläschchen,

Wärmekugeln, Tragealtärchen und vor allem Reli­quienbehälter, die in allen denkbaren Formen ver­treten sind, ausgenommen die großen Reliquien­schreine aus vergoldetem Silber und Schmelzmalerei, die der Stolz der rheinischen Kirchen sind. Zu diesen Geräten, Meisterwerken der Goldschmiede­kunst, kommen noch die heiligen Bücher mit ihren Einbanddeckeln aus Elfenbein und Filigranschmuck, darunter auch einigeDiptychen" byzantischer Her­kunft, mit deren Erwerbung es eine eigene Be­wandtnis hat.

Ein großer Teil des Schatzes, und gerade der älteste und wertvollste, stammt nämlich aus der Kriegsbeute, die Bischof Konrad von Halberstadt aus dem 1204 eroberten Konstantinopel mitgebracht und seiner Domkirche geschenkt hat. Was bei dieser beispiellosen Plünderung der Stadt Konstantins des Großen durch die fränkischen Kreuzfahrer nach dem Abendlande verschleppt worden ist, gehört unstreitig zu den größten Kostbarkeiten des byzantinischen Kunsthandwerks, und auch der Halberstädter Dom darf sich rühmen, einiges aus dieser Beute zu be­sitzen. Ein Diptychon z. B. mit figürlichen Dar­stellungen, aus Elfenbein gefertigt und wohl noch dem 3. Jahrhundert angehörig. Ferner den angeb­lichen, in Silber gefaßten Schädel des jüngeren Ja­kobus, das sog.Demetriusgrab", eine byzantinische Reliquienbüchse mit Spuren von Blut und Salbe. Das Hauptstück aber ist eine silbervergoldete Weih- brotschale mit einer griechisch beschrifteten Kreuzi­gung in Hochrelief und acht Brustmedaillons griechi­scher Heiliger gleichfalls von Bischof Konrad mitgebracht". Schließlich zwei Kirchenfahnen aus grüner Seide mit Inschriften, die besagen, daß Kai­ser Alexios von Byzanz die Fahnen, die also offen­sichtlich Weihgeschenke waren, als Sühne für be­gangene Sünden gestiftet hat.

Bei anderen Gegenständen sind die Umstände der Erwerbung weniger eindeutig und teilweise auch von Legende und Sage verhüllt, etwa bei dem Elfenbeindeckel eines Evangeliars, das den Evange­listen Johannes darstellt und angeblich eine Schen­kung Ludwigs des Frommen an den Bischof Heimo ist, ober bei einer Schachfigur aus Bergkristall, die Karl dem Großen gehört haben soll. Ob diese Zu­schreibungen zutreffen oder nicht, jedenfalls zeigen sie, daß die Phantasie nicht müßig war, auch in die Schätze der christlichen Kirche jenen mystischen Zauber hineinzudichten, der schon den Hort der germanischen Vorzeit zum Trager dunkler Geheim­nisse machte.

Vögel als Wächter.

Daß der Vogel dem Hund in manchen Fällen an Wachsamkeit nicht nachsteht, ist eine ebenso merk­würdige wie wenig bekannte Tatsache. So sind bei­spielsweise die Perlhühner die grimmigsten Feinde der Ratten und verjagen sie von jedem Feld, in das die gefräßigen Nagetiere eingedrungen finb. Uederhaupt ist das Perlhuhn ein außergewöhnlich wachsames Tier und erhebt sofort seine heiser kreischende Stimme, wenn sich ein Fremder naht. Auch andere Vögel sind ausgezeichnete Wächter. In Venezuela wird der Trompeterkranich, ein lang­beiniger kräftiger Vogel, von den Eingeborenen sogar als Schafhirt verwendet. Den ganzen Tag über steht er in würdiger und aufmerksamer Hal­tung mitten unter den weidenden Schafen, und abends sorgt er dafür, daß sie vollzählig in den Stall zurückkehren. In Mittelamerika wird eine andere Kranichart in vielen Gärten gehalten, denn sie ersetzt tatsächlich einen wachsamen Haushund. Betritt ein Fremder das Grundstück, so läuft der Vogel eilig hinter ihm her, er belästigt ihn zwar nicht, aber er läßt ihn auch nicht aus den Augen und stößt zugleich einen lauten anhaltenden Ruf aus, und nichts kann ihn dazu bewegen, zu schwei­gen, bis fein Herr ober ein anberes Mitglied der Familie erschienen ist. Eine dritte Kranichart, der in Brasilien heimische Cairama, hält den Garten, in dem ihm Gastfreundschaft gewährt wird, von allen Schlangenarten frei. Dieser Vogel ist außer­ordentlich kriegerisch und nimmt selbst den Kampf mit einer großen Klapperschlange auf. Während er den einen Flügel als eine Art Schild vor den Körper hält, packt er die Schlange mit seinen sporenbewaffneten Füßen und hält sie fest um­klammert, so daß sie sich nicht befreien kann. Da er sehr geräuschlos ist und über eine große Schnelligkeit verfügt, erweist sich dieser Kranich den Schlangen fast immer überlegen. In manchen Gegenden wird der Turmfalke aehalten, um die Gärten gegen die Gefräßigkeit der Vögel zu schützen, die sich gern über die Obstbäume hermachen. Der amerikanische Königsvogel ist ein solcher Wacht­posten. Allerdings steht er nicht im Dienst der Menschen, sondern in dem der anderen Vögel. So­bald sich ein Raubvogel naht, läßt dieser kleine Wächter einen durchdringenden Schrei ertönen, und sofort sucht jeder Vogel in weitem Umkreis Schutz und Deckung. Einen ähnlichen Posten nimmt iS unserer heimischen Vogelwelt die Amsel ein. Der eifrigste Aufpasser im Vogelreich ist aber wohl der Reiher, den besonders die Geslügeljäger fürchten.