Hr.76 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhefsen)
Montag, 30. März M6
Oer letzte Tag der Oeutschlandfahrt
„Hindenburg" und „Graf Zeppelin" über dem Mein-Main-Gebiei
Volksgemeinschaft aus Reisen
endet, auf der es 7000 Kilometer zurückgelegt hat. Am Dienstag tritt das Luftschiff „Hindenburg" seine erste Südamerikafahrt nach Rio de Janeiro an.
winow, der sich in Begleitung des sowjetrussischen Botschafters Potemkin befand, eine Unterredung statt.
f u r t a. M. Frankfurts Bevölkerung erwartete schon seit dem Morgen mit Spannung die Luftschiffe. Als kurz nach 14 Uhr „Hindenburg" erschien, stauten sich die Menschen auf den Straßen und Plätzen. In einem Zwiegespräch zwischen dem Sprecher des „Hindenburg" und Gauleiter Reichsstatthalter Sprenger hieß der Gauleiter das stolze Schiff in Hessen-Nassau, besonders aber in Frankfurt, seinem zukünftigen Heimathafen, herzlich willkommen und gab seiner Freude über den Besuch Ausdruck. Auch Oberbürgermeister Staatsrat Dr. Krebs, der Vorsitzende der Rhein-Mainischen Flughafen AG., richtete herzliche Begrüßungsworte an die Besatzung des Schiffes, das nach seinem Rundflug Kurs über den neuen Weltflughafen nach Karlsruhe nahm. Wenige Minuten später erschien „Graf Zeppelin" über der Stadt.
Um 17.30 Uhr ist das Luftschiff „Hindenburg" von seiner großen Deutschlandfahrt kommend in Löwenthal glatt gelandet. „Graf Zeppe- l i n" ist um 18.40 Uhr auf dem Werftgelande in Friedrichshafen glatt gelandet. Das Luftschiff hat damit feine viertägige Deutschlandfahrt be-
Durch Beschluß des estnischen Innenministers ist in Reval der „Deutsche Christliche Verein junger Männer" geschlossen und sein Vermögen beschlagnahmt worden. In der Begründung wird angegeben, daß der Verein dauernd für die Schuljugend „militärische Uebungen" veranstaltet habe.
Der amerikanische Gewerkschaftsverband gab am Freitag eine Schätzung der Erwerbslosenziffer im Monat Februar heraus. Danach beläuft sich die Erwerbslosenzahl auf 12,5 Millionen, was gegenüber dem Monat Januar nur eine Abnahme von 95 000 Erwerbslosen ausmacht. Der Gewerkschaftsoerband erklärt, es seien vorläufig keine Anzeichen dafür vorhanden, daß die Privatwirtschaft Erwerbslose in größerem Umfange wieder einstelle.
Kleine politische Nachrichten
Am Freitagnachmittag wurden am Quai d'Orsay zwischen dem französischen Außenminister F l a n - d i n und Volkskommissar Litwinow die Ratifizierungsurkunden über den französisch-sowjetrussischen Pakt ausgetauscht. Der Pakt ist somit endgültig in Kraft getre- t e n. Im Anschluß an den Austausch der Ratifizierungsurkunden fand zwischen Flandin und Lit-
24 Stunden Lissabon -Jodler auf hoher See. —„Vati" befiehlt duzen. Vorposten in fremdem Land.
Von unserem an der KdF.-Fahrt teilnehmenden Sonderberichterstatter.
Der letzte Tag der D e u t s ch l a n d f a h r t der Luftschiffe „Hindenburg" und „Graf Zep- pelin" führte u. a. über Hamm, Düsseldorf, Aachen, Köln, Koblenz, dann über das Saarland, durch die Pfalz an den Rhein zurück, an Mainz vorbei nach Frankfurt. Der Wahlakt am Sonntag wurde über dem Rheinland vorgenommen. Zum erstenmal in der Geschichte der Luftfahrt wurde zwischen Himmel und Erde gewählt. Eine Zellenwand wurde aufgerichtet und mit einem großen Leinentuch verhängt. Neben der Wahlzelle hatte der Wahlvorstand sein Büro aufgeschlagen. „Stimmbezirk Luftschiff LZ 129 Hindenburg" kündete eine Tafel. Selbstverständlich hatte sich jeder vor Fahrtantritt einen Stimmschein besorgen müssen. Die Auszählung nahm nur kurze Zeit in Anspruch: 104 Wahlberechtigte, 104 Stimmen, 104 für den Führer. Niemand hat etwas anderes erwartet,
Auf seiner Rückfahrt überflog „Graf Zeppelin" die Stadt Mainz und wurde von der Bevölkerung mit großem Jubel begrüßt. Das Luftschiff nahm seinen Kurs über Wiesbaden nach Frank-
9er Gruß der Zeppeline öder dem Tannenberg-9enkmal.
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Die beiden Luftschiffe „Hindenburg" und „Graf Zeppelin" überflogen während ihrer großen Deutschlandfahrt das Tannenberg-Nationaldenkmal in Ostpreußen, in dessen Gruft der Sarg des Generalfeldmarschalls von Hindenburg ruht. Während das Deutschlandlied von dem Lautsprecher des „Hindenburg" erklang, senkten sich die Bugspitzen der stolzen Luftschiffe zum Gruß an den großen Feldherrn. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
Der erste Teil der schönen Fahrt ist zu Ende. Drei Schiffe der deutschen „Flotte des Friedens" mit über 3000 deutschen Arbeitern lagen im Hafen der reizvollen portugiesischen Hauptstadt, während die „Oceana" erst später nachkam. Eine ungemein freudig erregte Stimmung herrschte an Bord, als durch den Regenschleier der Hafen von Lissabon sichtbar wurde. Und als wir anlegten, waren von Schiff zu Land und umgekehrt Brucken zwischen Menschen geschlagen, die sich bisher nicht kannten, aber von dem festen Band des Volkstums umschlungen sind. Jubelnd schwenkten unten die Mitglieder der zahlreichen deutschen Kolonie Lissabons die kleinen Hakenkreuzfahnen, und von beiden Seiten ertönten Sprechchöre zur Begrüßung, bei der sich vor allem die Schüler der hiesigen deutschen Schule hervortaten.
Dann kamen die ersten Lissaboner Deutschen an Bord, an der Spitze der deutsche Gesandte, und dann durften die Urlauber nach fast fünftägiger Seefahrt zum erstenmal wieder an Land. Fremde Menschen liefen aufeinander zu und drückten sich die Hände, und die Freundschaft zwischen unseren Deutschen hier auf Vorposten in fremdem Land und den Urlaubern waren geschlossen. Da rufen von Land zwei deutsche Frauen zur „St. Louis" hinauf: „W o i st Saarpfalz?" Jubelnd schlägt den beiden saardeutschen Frauen der Chor der Saardeutschen an Bord entgegen, und überall finden sich im fremden Lissabon Die Landsleute.
Ist es ein Wunder, wenn nach der ersten Begrüßung immer wieder die Frage von der einen Seite aufklingt: „Wie geht es in Deutschland? Habt ihr es schon gehört, das aus London?" Und die andere Seite nickt etwas ernster: „Wir haben alles gehört, aber wenn ihr jetzt Deutschland sehen könntet — aber ihr seht ja Deutschland! Seht doch uns an, ob uns die Völkerbundsdinge besorgt machen! Wir halten schon durch, genau wie ihr hier draußen schon so lange durchgehalten habt."
Die deutschen Gaue verlassen geordnet ihre Schiffe, und auf allen Gesichtern schlägt durch die Freude am Fremden, das hier sich dem Blick aufdrängt, das klare Bewußtsein, daß wir hier A b - gesandte sind. Daß wir nicht nur hier sind, um zu sehen, sondern daß es an uns allen liegt, welchen wirklichen Eindruck das so gastfreie portugiesische Volk vom neuen Deutschland bekommt. Meist unter Führung von Ausländsdeutschen geht es dann durch
die schöne, uns so fremdartige Stadt, und neben dem Erklären und Beantworten so vieler Fragen wird erzählt von der Herfahrt. Wird erzählt, wie schön die Fahrt war und daß erst in der zweiten Hälfte der Biscaya die spiegelglatte See von einiger Dünung abgelöst wurde, wie vorher die Oberbayern während der Fahrt durch den Kanal einen englischen Frachter mit echt älplerischen Jodlern begrüßten, wie wir unterwegs der „G n e i s e n a u" begegneten und wie unser stolzer Kreuzer „K ö l n" uns ein Stück das Geleit gab mit Musik und Salutschüssen. Alles wird durcheinander erzählt, von einer zeitlichen Reihenfolge ist in der Freude des Erzählens keine Rede mehr. Wo sich in der Stadt die verschiedenen deutschen Gruppen treffen, gibt’s ein Halloh, und lächelnd schauen die Portugiesen dem Jubel zu. Alles ist eine große Brüderschaft, wie es schon auf dem Schiff war, und alles spricht sich mit Du an, wie es unser „Vati", der Reiseleiter auf dem Flaggschiff der Urlauber« flotte befahl.
Am Abend aber ist es am schönsten. Nachdem am Nachmittag die offizielle Begrüßung stattgefunden hatte, gab's an Bord unserer drei Schiffe den Gegenbesuch unserer portugiesischen Freunde und Gastgeber, und mit besonderer Freude waren zahlreiche hiesige Ausländsdeutsche zu uns gekommen, die immer wieder freudig versicherten, wie schön es für sie fei, nach oft sehr langer Zeit wieder einmal deutschen Boden zu betreten und mit so vielen Volksgenossen beisammen sein zu können. Unsere „Volksgemeinschaft auf Reisen", die über 3000 Urlauber und ihre deutschen und portugiesischen Gäste saßen bei künstlerischen Darbietungen, Musik und Tanz noch lange, sehr lange beisammen, denn es ist ja begreiflich, daß allen das Auseinandergehen recht schwer wurde. Denn am nächsten Nachmittag ging's weiter südwestlich in Richtung Madeira.
Wenn man unsere deutschen Urlauber etwas tiefer anschaut, dann sieht man bei allen deutlich einen über alle Freude hinaus ernsten Ausdruck. Sie haben sich von den Deutschen in Lissabon erzählen lassen, wie es hier ist, welch harter Kampf hier täglich und stündlich auszufechten ist, wie immer wieder den Deutschen von der gegnerischen Propaganda Steine vor die Füße geworfen werden, wie immer wieder von jedem einzelnen hier in unermüdlicher Kleinarbeit die ausgesäten
Robert Wilhelm Bunsen.
Zum 125. Geburtstage des Chemikers am 31. März
Vor hundertfünfundzwanzig Jahren wurde Rob. Wilhelm Bunsen, neben seinem Freunde Robert Gustav Kirchhoff der bedeutendste Chemiker des neunzehnten Jahrhunderts, in Göttingen als Sohn eines Universitätsbibliothekars geboren. Außergewöhnlich begabt und von einer ungeheuren Wissensgier besessen, konnte er als kaum Achtzehnjähriger die Universität seiner Vaterstadt beziehen. Im Jahre 1832 begann er mit „Fabrikstudien"; heute würde man sagen, er arbeitete praktisch, und zwar in Frankreich, in der Schweiz und in Oesterreich. Aus Grund seiner hervorragenden Kenntnisse und Erfahrungen wurde er 1835 Dozent für Chemie in Göttingen, ging 1838 nach Marburg und erhielt dort, dreißigjährig, den Titel eines ordentlichen Professors der Chemie.
In diese Zeit fallen seine ersten großen wissenschaftlichen Forschungen, die „Arbeiten über das Alkarsin" oder „Untersuchungen über die Kakodylreihe", die ihn in die erste Reihe der Fachkenner der analytischen Chemie stellten. Unermüdlich saß er über neuen Fragen und Problemen, war morgens in aller Frühe schon bei Versuchen und verließ erst spät das Laboratorium. Bei einer chemischen Untersuchung — es war im Herbst 1836 — entstand eine Explosion, wobei ein Glassplitter fein rechtes Auge traf und dessen Sehkraft zerstörte. Eine durch Einatmung der giftigen Dämpfe, die bei der Explosion den Raum füllten, hervorgerufene Vergiftung warf ihn für lange Zeit auf das Krankenlager und brachte ihn dem Tode nahe. Er genas aber und starb erst im August 1889.
Bunsen gehört zu den großen, selbstlosen Forschern, die Wegbereiter für so viele Erfindungen und Errungenschaften unseres Jahrhunderts gewesen sind. Es ist unmöglich, die vielen Erfindungen und Entdeckungen Bunsens als Chemiker und Physiker auch nur aufzuführen. Seine volkstüm- lichste Erfindung ist der 1854 konstruierte Bun- sen-Brenner, der eine ungeahnte Wandlung in der Beleuchtungswirtschaft hervorrief; natürlich konnten damals vorerst nur die größeren Städte die neue Gasbeleuchtung einführen. Wenn der Siegeszug der Elektrizität später auch die Gasbeleuchtung in den Hintergrund gedrängt hat, so mindert dies keineswegs die Verdienste Bunsens. Zudem verdanken wir ihm noch viele andere Großtaten, ohne die unsere Wissenschaft und Technik nicht ihren ungeheuren Aufschwung hätte nehmen können. Er baute die erste W a s s e r l u f t p u m p e, erfand das Mikrospektroskop, das für die
praktische Kriminalwissenschaft zur Aufdeckung von Blutspuren von größter Bedeutung geworden ist, und bescherte uns als feine letzte Erfindung das Eiskalorimeter, zur Bestimmung der spezifischen Wärme und der Atomgewichte. Seine größte wissenschaftliche Leistung ist die mit Robert Gust. Kirchhofs zusammen gemachte Entdeckung der Spektralanalyse im Jahre 1859. Diese Ermittlung von Grundstoffen durch Lichtstrahlen hat nicht nur das Vorhandensein kleinster Elemente erwiesen, sondern auch unser Wissen um die Natur der Fixsterne, Kometen und Nebelflecke ungemein erweitert. In dem mit Kirchhoff verfaßten Werk „Chemische Analyse durch Spektralbeobachtung" (1861) hat Bunsen über die epochale Ent- deckung berichtet.
Robert Wilhelm Bunsen wurde von seinen zahlreichen Schülern verehrt, — wegen seines Wissens und wegen feiner Art, bald liebenswürdig zu fein, bald sackleinengrob werden zu können. Wenn lästige Besucher ihn allzu lange in seinem Laboratorium störten und nicht merken wollten, daß er lieber allein gelassen sein wollte, entzündete er in einer Ecke des Raumes Knallgas, bei dessen Detonation die Besucher fluchtartig das Weite suchten.
Der große Forscher litt, wie er selbst bekannte, an Ehescheu, die nicht krankhaft war, sondern entstanden aus seiner „unmäßigen Gier nach Arbeit und neuer Erkenntnis", mit der er seinem Lande dienen zu müssen glaubte. Wenn ihm Freunde zuredeten, endlich zu heiraten, schüttelte er sich und lachte: „Nur nicht! Stellt euch vor: ich komme abends nach Hause, und auf jeder Treppenstufe hockt ein ungewaschenes Kind!" Die Treppe zu seiner Dienstwohnung hatte neunundzwanzig Stufen.
Hans Walther.
Aus der Kulturgeschichte des Waldes.
Von Franz Hohen
Der Wald als Ausdruck einer mächtigen Vegetationsform und organischen Gestaltungskraft reicht in unermeßbare Zeiträume der Vorgeschichte zurück und war auch noch zu Beginn unserer Zettrech- nung in dem mitteleuropäischen Gebiet, das dem heutigen Deutschland entspricht, in einer Ausdehnung und einem Formenreichtum vorhanden, die außerhalb unserer Vorstellungswelt liegen. Schon die ältesten Quellen berichten von dem „herzynischen Wald", der an Oberrhein und Bodensee beginnend, zu beiden Seiten der Donau in unübersehbaren Wellen bis zu den Karpathen lief, während ein anderer, nicht minder gewaltiger Arm sich durch Deutschland in seiner ganzen Ausdehnung bis zur Ostsee zog. Die römischen Geschichtsschreiber erzäh
len, daß ein Wanderer sechzig starke Tagemärsche in diesem zusammenhängenden, geschlossenen Waldgebiet zuruckleaen konnte, ohne das Ende zu erreichen; sie beschreiben die Wunder und Schrecken dieser germanischen Wälder und schildern Deutschland als ein Land, das fast ganz mit düsterem Urwald und gärenden Morästen bedeckt sei, belebt von Rudeln von Auerochsen und Riesenhirschen, sodaß das Leben seiner Bewohner als Ringen mit übermächtigen Naturgewalten erscheine.
Gleichwohl hat kein anderes Volk je in einem so innigen Verhältnis zum Walde gestanden wie die germanische Völkerfamilie. Heilige Haine umhegten ihre Kultstätten, auf den Gipfeln fichtendunkler Berge, des Fürstenbergs im Thüringer Wald, des Brockens und des dusteren hohen Kandels im Schwarzwald brachten sie zwischen verwitterten Granitblöcken ihre Opfer dar. Der Wald rief sie zur Jagd, in den Wald flüchteten sie vor übermächtigen Feinden, eine tiefe Liede wurzelte in ihnen zum heiligen Walde. Diese Liebe hat allen Wandel der Zeiten überdauert. Darum verknüpfte der Deutsche Wälder und Bäume gern mit Namen und Taten volkstümlicher Helden und der Erinnerung an große Geschehnisse; der Teutoburger Wald ist noch heute das Wahrzeichen der Befreiung Deutschlands, und zahlreiche hundertjährige Dorflinden und Eichen erzählen von geschichtlich bedeutsamen Daten.
Freilich ist die Urwüchsigkeit und reiche Mannigfaltigkeit der deutschen Urwälder geschwunden. Heute umfassen unsere Laub- und Nadelholzforsten etwa 85 Baumarten in 33 Gattungen. Als Charakterbäume, die unserer jetzigen Waldlandschaft das Gepräge geben, treten hervor: die Eiche für kleine Gebiete in Westfalen, an Main und Niederrhein; die vielhundertjährigen Eichenbestände des „schönsten deutschen Waldes"', wie Friedrich Hölderlin ihn nennt, des Spessarts, von denen nicht selten ein einziger Stamm einen Wert von 3000 Mark hat, sind weitbekannt; in Europa sind ihnen allein die Eichenriesen des ungarischen Bakonyer- waldes vergleichbar. Die Buche für das nordwestliche und nördliche Deutschland bis nach Pommern und den dänischen Inseln. Die Fichte für das mitteldeutsche Bergland, vornehmlich Harz, Eifel und Thüringer Wald; die Kiefer für die nordostdeutsche Ebene, die Mark Brandenburg und Ostpreußen; die Silber- oder Weißtanne für 'Süddeutschland, wäh- rend sich bunte Laubholzmischungen mit Esche, Moorbirke und Ahorn in den wasserreichen Niederungen Frankens finden. Der Laubwald steigt in den geschützten Hochtälern der Bayerischen und Tiroler Alpen bis zu 1500 Metern hinauf, der Nadelwald in Gestalt der Bergföhre ober Latsche noch 200 Meter höher; die Arve oder Zirbe aber, der eigentliche Charakterbaum des Hochgebirges, erreicht 2500 Meter.
Es ist natürlich, daß die ungeheuren Dichten der germanischen Urwälder der Erschließung des Landes im Wege standen, sie fielen daher im Lauf der Jahrhunderte der Axt zum Opfer. Wo immer planmäßiger Ackerbau einsetzte, begann die Rodung; die zahlreichen auf „rode" oder „roda", süddeutsch „reut" ober „reuthe" ausgehenben Ortsnamen haben hier ihren Ursprung. Mit ber wachsenben Volkszahl greift bie Walbvernichtung um sich, zumal bie Zunahme ber Bevölkerung einen fteigenben Verbrauch ber Erzeugnisse bes Walbes mit sich bringt. Es kommt baher zu einem jahrhunbertelangen Vertilgungskampf gegen ben Walb, bis biefer nur noch zu Jagb- unb Nutzungszwecken erhalten unb burch bie öffentlichen Gewalten, burch Staat unb Ge- meinbe, geschützt wirb — aus bem Naturwalb ist ein Wirtschaftswalb geworben.
An Walbbesitz steht Deutschlanb in Europa nach Schweben, bem „Lcmb ber ewigen Wälber", unb Rußlanb an britter Stelle. Die forstwirtschaftliche Nutzungsfläche umfaßt runb ben vierten Teil ber Gesamtfläche bes Reichs, etwa 13 Millionen Hektar. Von ben beutschen ßänbern unb Lanbschaften sind bie Gebiete bes vormaligen Fürstentums Schwarz- burg-Rubolstabt unb Hessen-Nassau am reichsten, Schleswig-Holstein, bas durch seine flache Boden- geftattung den Stürmen und den Einwirkungen bes Salzgehalts ber Norbsee ausgesetzt ist, am spärlich- ften bewalbet. Von ben Holzarten übersteigt ber Na- delwalb mit 9 Millionen beberfter Fläche ben Laudwalb um mehr als bas Doppelte. Dies Ver- hältnis, bas auf bie ausschließlich ben Nützlichkeits- ftanbpunft berücksichtigenbe „rationelle" Forstwirt- schäft zurückzuführen ist, verschiebt sich bebauerlicher- weise ftänbig zuungunsten bes Laubwaldes.
Groß ist der Einfluß des Waldes auf Klima unb Boben, auf Fruchtbarkeit unb Bewohnbarkeit ganzer Lanbstriche, auf Quellenreichtum unb Wasser- ftanb von Flüssen unb Strömen; hat boch ber Raub- bau früherer Jahrhunberte in einzelnen außerbeut- fdjen ßänbern bazu gezwungen^ weite entwaldete Gebiete aus klimatischen unb wirtschaftlichen Grün- ben erneut in großem Umfang aufzuforften.
Die Bebeutung bes Walbes' für das Bild ber beutschen ßanbschaft liegt barin ausgebrückt, baß sie ohne bie Schattenrisse weiter schöner Wälber nicht vorstellbar ist — ber warme ernste Ton bes Nabelholzes unb bas lichte, leuchtenbe Grün bes ßaubroalbes zwischen moqenben Kornbreiten, wie- fengrünen Tälern unb rotblühenben Heibeflächen geben unserer ßanbschaft bas vertraute Gepräge. Wie alle große Natur wirkt auch ber Walb ver- ebelnb; bilbenbe Kunst, Dichtung unb Tonkunst — bie Harmonien bes „Walbwebens" in „Sieg rieb" wirken, als hätte Wagner sie bem Walb unmittelbar abgelanscht — haben seinen Zauber nachvibih ben versucht unb in unvergänglichen Schöpfungen verherrlicht.


