Zahl bis Ende 1935 auf 9173 gestiegen, bis Ende 1936 kommen, einschließlich der noch fertigwerdenden Wohnungen, weitere 408 hinzu, so daß unser Gemeinwesen bis Ende 1936 insgesamt 9581 Wohnungen zählen wird. Dabei, ist noch besonders hervorzuheben, daß die Stadt durch die weiträumige Bauart und die dadurch bedingte Verlängerung der Straßenslächen erhebliche finanzielle Mehrleistungen für den Straßenausbau gegenüber der früheren ena- räumigeren Bebauung auf sich genommen hat. Diese wenigen Zahlen zeigen schon zur Genüge den starken Wandel im Gießener Stadtbild, der sich zum Vorteil unseres Gemeinwesens in den letzten Jahren vollzogen hat. Wir haben allen Grund, über diese kräftig aufstrebende Entwicklung erfreut zu [ein und auch hieran mit Genugtuung die Feststellung zu knüpfen, daß unsere Stadt in der Auswirkung des nationalsozialistisches Wiederaufbaues auf dem Gebiete der Bauwirtschaft bisher sehr gut abgeschnitten hat.
Neben der Förderung der Bautätigkeit hat sich die Stadtverwaltung aber auch jederzeit in weitgehendem Maße die Verschönerung des Stadtbildes durch die Schaffung von hübschen Grünanlagen angelegen fein lassen. So wurde — um nur einige Beispiele zu nennen — die große Grünfläche neben der Reichs- post am Bahnhofsplatz geschmackvoll angelegt, in jüngster Zeit der Ludwigsplatz geradezu wunderbar hergerichtet, am Bahnhof der Biebertalbahn der Anfang der Lahnuferanlagen mit fchönen gärtnerischen Schöpfungen in Gang gebracht, der Skagerrakplatz vor der Pestalozzischule im Eichgärtengebiet m der ersten Stufe begonnen, im Ostmarkenviertel an der Danziger Straße den Anlagen ein gebührender Platz gegeben, die gärtnerischen Arbeiten am Horst-Wessel- Wall entlang der Bahn immer mehr verbessert, darüber hinaus unser innerer Anlagenring selbst gut gepflegt, insbesondere vor dem Stadttheater em herrliches Bild der Gartenbaukunst geschaffen, schließlich auch bei der Luther-Eiche in der Nähe der Provinzialpflegeanstalt weitere Arbeit zur Verschönerung der Anlagen geleistet. Alle diese Dinae haben bei der Bevölkerung mit Recht dankbare Anerkennung ausgelöst. Wenn nun noch in nächster Zeit an verschiedenen schönen Stellen hübsche Lausund Springbrunnen geschaffen wurden — u. a. auf dem Ludwigsplatz unter dem Baume inmitten der Anlagen, vor dem Stadttheater, am Lie» bigdenkmal, am Horst-Wessel-Wall, vielleicht auch an der Bürgersteigspitze Ecke Mäusburg und Sonnen» straße — fo würde eine weitere, sicherlich allseits dankbar begrüßte Verschönerung des Stadtbildes erzielt werden. , , , ,
Die starke Ausweitung des bebauten Stadtg^ bietes rückt neue und große Aufgaben, die an sich früher schon in ihren Umrissen bestanden, jetzt immer schärfer in den Vordergrund und macht ihre Lösung dringlicher als je zuvor. Wir denken hierbei nicht an die technische Vorbereitung des Straßengeländes, die ja stets im Gleichklang mit dem Fortschritt der Bebauung, ihr allerdings immer ein Stück vorauseilend, fein muß. Es handelt sich vielmehr um das große Problem der Losung der Derkehrsaufgaben, die den Bewohnern der äußeren Stadtteile die erhoffte günstige Fahrverbindung mit dem Stadtkern selbst, mit bem Bahnhofsbezirk und mit anderen Stadtgegenden an die Hand gibt. In früheren Jahren hat die Frage der Erweiterung d e s S t ratzen- . b a h n n e tz e s unsere Bevölkerung oft beschäftigt-, ein Teilstück dieses Ausbaues ist ja auch 'm Sommer 1932 durch den Straßenbahnbau nach Wieseck in glücklicher Weise verwirklicht worden. Eine Zeit lang stand auch das Projekt einer Autobuslinie im Anschluß an die Straßenbahn und in entsprechender Gestaltung der Fahrplane beider Verkehrseinrichtungen stark im Vordergrund des Interesses. Zu jener Zeit vollzog sich in Wiesbaden ein grundlegender Wandel m den städtischen Verkehrseinrichtungen dadurch, daß man dort die Straßenbahn aufgab und an ihre Stelle den Betrieb von Autobussen setzte. In Gießen kam man unter dem Eindruck dieser Neuerung zu dem Entschluß, zunächst einmal die praktischen Erfahrungen der Stadt Wiesbaden und die weitere Entwicklung von Autobuslinien im städtischen Verkehrsbetrieb überhaupt abzuwarten. Seitdem ist dieses Kapitel der städtischen Betriebswirtschaft in unserer Stadt nicht wieder ausgeschlagen worden. Es bestand allerdings dazu auch einige Jahre lang kein Anlaß, da ja die Bautätigkeit und eine Stadterweiterung als vor- toärtstreibenbe Faktoren nicht in Betracht kamen. Diese Sachlage hat sich jetzt jedoch entschieden geändert. Man darf in der Bevölkerung gewiß
sein, daß die berufenen Dienststellen der Stadtverwaltung, insbesondere der Oberbürgermeister als verantwortlicher Leiter der Stadt, fich eingehend mit diesem ganzen Fragenkomplex beschäftigt haben und daß die Spitze unserer Stadtverwaltung auch bereits Pläne und Möglichkeiten erwogen hat, die zu einer gedeihlichen Lösung des Verkehrsproblems innerhalb der Stadt führen werden.
Neben der Verstärkung der Verkehrsmöglichkeiten innerhalb der Wohnviertel rückt nun aber auch schärfer denn je die Frage einer teilweisen Neugestaltung der Verkehrsanlagen der Reichsbahn in die vorderste Front em. Die gewaltig angewachsene Motorisierung des Verkehrs und die daraus erwachsene ganz erhebliche Steigerung von Kraftfahrzeugen in den Durchgangs- straßen unserer Stadt wird immer mehr unvereinbar mit den Hemmungen und sonstigen unliebsamen Erscheinungen, die beispielsweise in der Frankfurter Straße vor den geschlossenen Schranken des Bahnübergangs häufig zutage treten. Es ist keine Seltenheit, daß dort beiderseits der geschlossenen Schranken weithin in die Tiefe und nahezu auf die ganze Straßenbreite reichende Massenansammlungen
von Kraftwagen, Motorradfahrern, Radlern, Fuhr- werken aller Art entstehen, bei deren Entwirrung den Fußgängern auf dem Bürgersteig häufig ebenso angst und bange wird, wie sicherlich manchem Fahrer in dem Knäuel selbst. In früheren Jahren hat sich die Reichsbahnverwaltung bei den vielfachen Bemühungen um die Lösung dieses unhaltbaren Zustandes dadurch auf die Hinterbeine gestellt, daß sie sich zur Verlegung der Bahnstrecke aus dem Weichbild der Stadt zwar bereiterklärte, die Kosten jedoch von der Stadt Gießen bezahlt sehen wollte. Die Stadt selbst hatte aber auch fein Geld für dieses Projekt von mehreren Millionen Mark Kosten, und so blieb denn alles schön, oder richtiger gesagt nicht mehr schön beim alten. Ob sich feit jener Zeit eine Wandlung in den Ansichten der maßgebenden Stellen der Reichsbahn gegenüber dieser Frage vollzogen hat, wissen wir nicht. Aber die Gewißheit darf unsere Bevölkerung haben, daß diese große Aufgabe, auch hinsichtlich ihrer Finanzierung heute nicht nur von Gießen aus, sondern wohl auch an den maßgebenden Stellen unseres engeren Heimatgebietes mit ganz anderen und für das gute Gelingen günstigeren Augen angesehen wird. Ob und wann und wie die ganze Frage jedoch schließlich zur Lösung kommt, darüber vermag man heute auch keine bestimmten Erklärungen und Voraussagen abzugeben. Die Bevölkerung darf aber mit Sicherheit darauf rechnen, daß sie auch bei diesem großen Problem in dem Oberbürgermeister als verantwortlichen Leiter der Geschicke unseres
Gemeinwesens einen getreuen Sachwalter^ ihrer Interessen und einen guten Wegbereiter für die weitere gedeihliche Entwicklung unserer Stadt auf dem Gebiete des Eisenbahnwesens besitzt.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Zeit sparen!
Wir hatten einen alten Lehrer, der uns Schülern bei mancher Gelegenheit sagte: „Nützet eure Zeit! Was einmal vorüber ist, kommt niemals wieder. Jeder Schlag eures Herzens ist ein Schritt zum Grab!" Wir Jungen machten uns über diese treffenden Sätze keine großen Gedanken, sie beunruhigten uns auch nicht, dafür waren wir ja noch zu jung. Aber sie blieben in unserem Gedächtnis poften. Viel später habe ich aber noch oft an den alten Herrn gedacht.
Zeit können wir nicht kaufen. Wir können wohl über sie verfügen, wir können sie ausnutzen, oder auch vergeuden. Wie schnell geht sie vorüber! „Die Jahre fliehen pfeilgeschwind!" Und je älter man wird, desto mehr stellt man diese Wahrheit fest.
Wir sollten deshalb mit unserer Zeit sehr sparsam und sorgfältig umgehen. Macht sich nicht auch jeder Arbeiter, wenn er am Ende Der Woche seinen Lohn erhält, einen Ueberblick über die Verteilung des Geldes? Oder gibt er das Geld einfach aus, ohne zu überleben, Jür was? Gewiß gibt es hier und da auch solche Volksgenossen. Wir sagen dann, wenn ihre Familien darben müssen, der Mensch ist ein Verschwender, dem gehört kein Geld in die Finger.
Diele Menschen machen es aber mit der Zeit genau so wie der Verschwender mit seinem Geld. Sie tun so, als ob sie über unendlich viel Zeit zu verfügen hätten. Sie planen alles Mögliche, sie erzählen jedem, was sie noch leisten wollen... Und das Ende vom Liede? Nichts, gar nichts bringen fie zu Wege! Sie verstehen nicht, mit ihrer Zeit yauszuhalten, sie können nicht einteilen.
Alle Menschen, die etwas Großes geleistet haben, wußten mit der Zeit umzugehen, sonst wären sie nicht zum Ziele gelangt. Und das Merkwürdige dabei ist, daß gerade diese zeitsparenden Menschen gar nichts Abgehetztes und Aufregendes an sich haben. Mit kühler Ruhe und sicherer Ueberlegung gehen sie an ihr Werk. So prägt sich die Leistungsfähigkeit schon äußerlich bei vielen Menschen aus. Sie verstehen, ihre Zeit einzuteilen.
Wir müssen deshalb — wie unser alter Lehrer — auch den Kindern immer wieder sagen: Seid sparsam mit eurer Zeit: Ihr sollt gewiß Geld sparen und Kleider schonen, aber das allein tut es
ObecheUcheSA-Reiterweihen ihre Höhnen
Am Sonntag, dem 30. August, findet die Weihe von 12 Sturmsahnen der SA.-Reiterstandarte 147 durch den Führer der SA.Gruppe Hessen, Gruppen- sührer Bewerte, statt. Die Veranstaltung nimmt folgenden Verlaus:
7.00 Uhr: Wecken durch den Wusikzug der SA.-Reiterstandarte 49 zu Pferd.
10.00 Uhr: Paradeausstellung der Sturmabordnungen aus dem Trieb. Weiheakt. Anschließend Abmarsch der Stürme durch die Stadt Gießen durch solgende Straßen: Trieb, Kaiserallee, Ludwigsplatz, Gartenstrahe, hindenburgwall, Seltersweg, Kreuzplah, Sonnenstrahe, Kanzleiberg zum Vrandplatz, wo der Vorbeimarsch vor dem Führer der Gruppe Hessen, Gruppensührer Veckerle, in Gegenwart von Obergruppen, sührer L i h m a n n stattsindet. Anschließend Rückmarsch durch solgende Straßen: Landgras-Philipp-Plah, Landgrasenstraße, hitlerwall, Woltke- straße, Schlageterstraße, Dolsstraße, Fröbelstraße, Georg-Philipp-Gail- Straße, Kalserallee zum Trieb.
12.00 Uhr: Ausschlagen eines Feldstalles auf dem Trieb und Verpflegung der SA.-Reiter und Füttern der Pferde. Während des Feldstalles spielt der Rlusikzug der SA.-Reiterstandarte 147.
15.30 Uhr: Abbruch des Feldstalles und Abrücken der SA.-Reiterstürme in ihre Heimatorte.
Am Vorabend findet um 20 Uhr im LasL Leib ein Konzert der vereinigten Musikzüge der SA.-Reiterstandarten 49 und 147 statt. Eintritt 20 Pf.
Der Führer der Reiterstandarte 147 Gießen.
Vl.d.F.b.: Leip old, Truppsührer.
nicht. Wir müsien unsere Tage ausnutzen, sonst ver> fliegt unser Leben, und wir stehen am Ende da wie die ärmsten Bettler.
Wir kennen doch alle unsere lieben Nächsten, Die immer zu spät kommen, die sich aber in ihrem Beruf keine freie Minute gönnen. Sie bringen es eben nicht fertig, ihre Zeit richtig auszunützen. Wohl gibt es viele Berufe, die schon äußerlich zu genauem Zeiteinhalten zwingen, aber das sind immer nur einige Stunden am Tage. Wie ist es aber mit der Freizeit, mit den Stunden der Erholung?
Und wie stellt sich die Hausfrau zum Zeitsparen? Gerade bei ihr gibt es so viele schwierige und zeit- raubende Arbeiten, die die armen, geplagten Frauen kaum zur Ruhe kommen lassen. Wie gehetzt sausen sie von Zimmer zu Zimmer und werden doch nie fertig.
Da hilft nur eins: Die Zeit planvoll einteilen! Dazu genügen am frühen Morgen nur fünf Minuten Besinnung. Wir überlegen, was am Tage zu leisten ist. Wir ordnen die Arbeiten so, daß sie sich zeitlich und räumlich ergänzen. Wir müssen ausgehen. Da schreiben wir uns die Reihenfolge der Geschäfte auf einen Zettel. Diese paar Minuten helfen uns, daß unnötige Gänge und Laufereien vermieden werden.
Dabei braucht man sich keineswegs allzu fest an feinen Plan zu halten. Das ist nicht notig. Nur die Hauptsachen präge man sich ein. Dann kann eine Hausfrau, dann kann ein freier Arbeiter, ein Bauer oder ein Handwerker getrost an die Tagesarbeit gehen, und am Abend wird er, wenn alles vollbracht ist, richig und zufrieden feine Leistung überschauen. Das gibt Kraft und neuen Mut für den nächsten Tag. Er kann dann mit dem Dichter Falke sprechen:
Sinnend sitz ich, Haupt in Hand gestützt: schöner Tag, ich hab dich ausgenützt. M.
Bornoiizen.
Tageskalender für Samstag.
20 Uhr Konzert des Musikzuges der üMter» standarte 49 Frankfurt a. M. im Caf6 Leib, Wall- ' torftrafje. — NSLB., 15 Uhr Obleute-Besprechung in der Goethe-Schule. — Glaria-Palast, Seltersweg: „Weiberregiment". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Menschen im Hotel."
Tageskalender für Sonntag.
Bannsportfest des Bannes 116 der HI. — 10 Uhr Sturmfahnenweihe der SA.-Reiterstandarte 147 Gießen auf dem Trieb.
Pressestellen melden.
Das Kreispresieamt Wetterau, Gießen, Lony» straße 18, benötigt dringend die Anschriften der Pressestellen aller Behörden, Verbände und Vereine. Soweit diese dem Kreispresseamt noch nicht gemeldet find, bittet es um umgehende Benachrichtigung.
Oie Verpflegung der EA.-Ueiier bei der Sturmfahnenweihe.
Die Verpflegung der SA.-Reiter bei der morgen auf dem Trieb statkfindsnden Sturmfahnenweihe erfolgt durch die Schulspeisung Frankfurt a. M. Auf dem Trieb wird für die Veranstaltung ein Feldstall aufgeschlagen, bei dem die Verpflegung stattfindeg wird. Es ist also zu erwarten, daß sich bei dieser Veranstaltung über den eigentlichen Verlauf der Feier hinaus ein Bild frischen Reiterlebens bieten wird.
An d e Universität Gießen berufen.
Der Lehrstuhl für Agrikulturchemie an der Friedrich-Schiller-Unioersität in Jena wurde dem Direktor der Landwirtschaftlichen Versuchsstation in Harleshausen, Dr. phil. Friedrich Scheffer, vom Reichs- und preußischen Minister für Wissenschaft und Dolkserziehuna kommissarisch übertragen. Dr. Scheffer wird hier der Nachfolger von Professor Dr. Karl S ch a r r e r, der einen Ruf als Ordinarius für Pflanzen- und Tierernährung an die Uni v e r- j i t ä t Gießen erhalten und angenommen hat. Das Jenaer Ordinariat hatte vorher Professor Dr. Hans W i eß mann, der ebenfalls aus Harles- hausen nach Jena berufen wurde, aber Anfang 1935 verstarb.
Professor Dr. Scharr er, der gebürtiger Oester« wurde am 16. April 1892 in Linz a. D.
Roman von Zran! z.Vrann.
27. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
„Genug." Frau Grete stand auf. Die Lust, weiterzufrühstücken, war ihr gründlich vergangen. Ihr Magen kehrte sich um. Ihr war übel. Sie hätte heulen mögen. Was für ein Zustand! Der Vater ihres Mannes, ihr Schwiegervater, nahm dem Mädchen Geld weg aus der Hausstandskasse. Er stahl nicht, das konnte man nicht sagen: aber der Unterschied war kaum sehr groß. Sie biß die Zähne zusammen, ihre Züge verkrampften sich. Zum Glück sah niemand sie in diesen Augenblik- fen, fie sah zehn Jahre älter aus. Sie dachte: ist das Alter eine Entschuldigung? Ihr Gatte Paul hatte damals beim Fall der Dora, behauptet, es fei das Ganze nicht so schlimm, dem alten Herrn hätten sich eben die Begriffe etwas verwischt. Sie war anderer Meinung. Aber sie gedachte auch dies nal zu schweigen.
Mit raschen Schritten lief sie vor dem breiten Benjter auf und ab. Sie sah nur den Rücken des chwiegervaters. Sein Gesicht, dies gleichmäßig ungerührte, hätte sie neuerlich aufgebracht. So jedoch vermochte sie leidlich ruhig zu fragen: „Was willst du mit dem Geld?'
Der Hofrat schwieg. Er schien recht zufrieden. Grete schalt nicht einmal sonderlich, das war famos, so lief die Geschichte besser ab, als er zu hoffen gewagt hatte. Er drehte seinen Stuhl em bißchen und lächelte sie an, wortlos: seine wasserhellen Augen blinferten, als seien sie Verschworene. Dann trbnbtV sie sich ab und verließ das Zimmer.
Sie ging in Sie Küche. Wie unangenehm war dieser (Sang. Welche Rolle spielte sie vor dem Mädchen! „Antjes sagte sie, und war freundlicher, „die zehn Mark, haben sich gefunden. Der Herr Hofrat hat eine Rechnung bezahlt und vergessen, Ihnen Bescheid zu sagen." Sie nickte ihr zu, be- merkte Antjes starre Verwunderung und ging schnell wieder hinaus.
Scheinbar war die Angelegenheit erledigt; aber nur scheinbar. t _ e
Am andern Tag fehlten drei Mark. Sicherlich.
hatte wieder jemand eine Rechnung bezahlt, und es würde sich wenig später Herausstellen. Sie wartete bis zum Sonnabend. Da fehlten ihr im ganzen 7 Mk., und sie ging wiederum zu Frau Grete.
Die Kasse stimmt leider wieder nicht. Am Mittwoch fehlten mir drei Mark, heute sind es schon sieben. Dabei ist meine Rechnung genau. Es muß wieder jemand bei dem Geld gewesen fein und hat es nicht gesagt." Antje war nicht gerade ärgerlich, aber auch nicht ganz ungerührt. Es war nicht angenehm, eine Kasse zu führen, an die jeder herankonnte.
Frau Grete sagte barsch: „Rechnen Sie nur noch einmal nach, es wird schon stimmen."
Ganz gewiß nicht. „Ich wußte es schon am Mittwoch, aber ich dachte —"
„Was dachten Sie?"
„Daß der Hofrat sich vielleicht von selber melden würde."
„Glauben Sie denn, wenn Ihre Kasse nicht stimmt, können Sie jedesmal den Herrn Hofrat verdächtigen? Sie sind wohl verrückt geworden!" Frau Grete verließ die Küche; Zorn im Herzen, lodernde Wut in den Augen. Sie stieß in der Bibliothek auf den Hofrat. Sie machte die Tür hart hinter sich zu und fand sich mit ihm allein.
„Ich wollte gerade eben einmal sehen, ob die Zeitungen schon da sind, entschuldige mich, Grete."
„Du bleibst jetzt hier!" Das war ein Befehl. Der Hofrat kuschte. Frau Grete trat ganz dicht an ihn heran. Vielleicht wollte sie nicht, daß noch irgend jemand etwas von ihren Worten horte.
„Der Antje fehlt wieder Geld", sagte sie, und als er zurückwich, folgte sie ihm. „Ich denke, du hast es wieder genommen. Was denkst du dir dabei? Ich bitte dich ernsthaft, überlege einmal, was du tust!"
Er sah ihre funkelnden Augen. Er war feige. Dor diesem Blick wagte er das Geständnis nicht. „Ich schwöre dir, ich habe das Geld nicht, Grete!" „Du schwörst einen Meineid!"
Wahrhaftig, Grete, ich habe das Geld nicht. Du mußt mir glauben." Sie konnte ihm glauben, er hatte Das Geld wirklich nicht mehr. Ader Frau Grete kam nicht auf feine Rabulistik. „Wenn du mir versicherst, daß du das Geld nicht hast, bleibt die Sache auf Antje sitzen. Kannst du das verantworten?"
Er gedachte gar nichts zu verantworten. Sein alter Kopf war froh, den billigen Ausweg des Wortspiels gefunden" zu haben. „Ich schwöre dir, ich habe das Geld nicht, Grete."
Frau Billing sah ihren Schwiegervater an. Seine Lippen bebten. „Wenn du die Wahrheit sagst, muß Antje das Geld haben oder es verloren haben." Sie sah vor sich hin. Don Natur war sie eine mißtrauische Frau. Womöglich hatte diese Antje wirklich gehofft, den Hofrat noch einmal belasten zu können; diesmal ungerechterweise, vielleicht hatte sie das Geld genommen und rechnete, daß man es nicht zum Bruch kommen lassen werde. Wer kannte sich mit Menschen heute noch aus.
Sie drehte sich um und ging wieder in die Küche. „Antje" hob sie an, „es hat niemand Geld aus Ihrer Kasse genommen. Sie müssen selber herausfinden, wo es geblieben ist."
„Aber das ist doch nicht möglich. Hat der Herr Hofrat nicht vielleicht den Vorgang vergessen?"
„Ich verbiete Ihnen solche Reden, verstehen Sie! Der Hosrat ist zwar ein alter Herr, aber nicht fo vergeßlich, daß er nicht mehr wüßte, was er getan hat."
Antje schwieg. Sie legte das Heft, in dem ihre Ausgaben angeschrieben waren, auf den Küchentisch. „Sehen Sie selber, ich kann mich nicht verrechnet haben."
„Dann müssen Sie eben etwas beim Anschrei, ben vergessen haben."
„Nein, ich habe alles ausgeschrieben, was ich besorgt habe. Die Rechnungszettel liegen immer dabei'."
„Sie sind sehr vorsichtig, daß Sie sich überall haben Rechnungen geben lassen."
„Ja. Ich war gewarnt." Antje sagte das ohne böse Absicht. Es war einfach ihre Meinung. Aber Frau Gretes Zorn kochte über.
„Gewarnt waren Sie? Wovor gewarnt? Daß hier Geld verschwindet? Wollen Sie das damit sagen?"
Antje erschrack sehr; aber ihr Stolz empörte sich noch stärker; sie mußte sich Luft schaffen. „Ich bin nicht unverschämt. Ich mochte nur, daß Sie die Ausgaben überprüfen, damit sich herausstellt, daß die fehlenden sieben Mark durch meine Schuld nicht verschwunden sind."
Frau Grete nahm das Buch. Sie sah hinein. Die Zahlen tanzten vor ihren Augen. Zugegeben, Antje schrieb ungelenk. Aber so schlecht, daß Frau Gretes Behauptung gerechtfertigt gewesen wäre, unleserlich war Antjes Schrift keineswegs. „Dieses Geschmiere kann ich überhaupt nicht lesen!" Sie warf das Heft auf den Tisch zurück.
Antje atmete schwer. Aber sie preßte zurück, was da über die Lippen wollte. Leider ermutigte ihr Schweigen Frau Billing zu einem neuen An- 9",Schaffen Sie sich erst einmal eine anständige Handschrift an, verstehen Sie! Wer soll denn das entziffern!" , ,
„Ich bin als Dienstmädchen bei Ihnen m Stellung. Ich bin ja nicht als Kontoristin ausgebildet."
Frau Grete sah rot vor Augen. Diese unverschämte Antje hielt ihr scheinbar ihre eigene Herkunft vor. Kontoristin! Sie waren ja Kontoristin. Sie können natürlich besser schreiben als ich! Frau Grete Billings Atem ging ganz kurz. Entweder sie zersprang jetzt ober —
Sie wählte das Oder. „Ich habe genug von Ihren Frechheiten", stieß sie hervor, heiser vor Erregung. „Holen Sie sich nachher Ihren Lohn ab. Ich zahle Ihnen den Monat voll aus, um Sie loszuwerden. Keine Minute länger als nötig mochte ich Sie bei uns im Hause haben. Packen Sie Ihre Sachen, und dann hinaus mit Ihnen!"
Antje, versteinert, ganz ruhig, je mehr Frau Billing in ein sinnloses Wüten geriet, hatte die Gelassenheit, zu fragen: „Und die fehlenden sieben Mark?" . .
Frau Grete Billing sah sie an mit einem Blut abgrundtiefer Verachtung. „Die schenke ich Ihnen auch noch", sagte sie, und sie war tatsächlich so verrannt, daß sie wirklich glaubte, hier etwas zu verschenken zu haben. Dann rauschte sie hinaus.
Grundlos reumütig begann Antje eine fieberhafte Tätigkeit. Sie scheuerte die Küche, alles mußte blitzblank sein. Dann begann sie Den langen Korridor zu bohnern. Sie lag auf den Knien. Sie versperrte Den Weg. Frau Billing stieg noch zwei« mal über fie hinweg: aber sie sagte nichts, sah sie qar nicht an. Antje sank her Mut immer tiefer. Was sollte sie anfangen, wenn Frau Billing sie wirklich jetzt mitten im Monat entließ?"
(Fortsetzung folgt!)
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