Ausgabe 
29.5.1936
 
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Das deutsch-ungarische Kulturabkommen unterzeichnet.

Berlin, 28. Mai. (DNB.) Don den Bevoll­mächtigten des Deutschen Reiches und des König­reichs Ungarn wurde ein Abkommen über die gei­stige und kulturelle Zusammenarbeit unterzeichnet.

In der Präambel des Abkommens heißt es: Der Führer und Kanzler des Deutschen Reiches und Seine Durchlaucht der Herr Reichsverweser des Königsreichs Ungarn, beseelt von dem aufrich­tigen Wunsch, die auf alter Tradition erwachsenen wechselseitigen kulturellen Verbindungen auf allen Gebieten au vertiefen, sowie den gegenseitigen Austausch der kulturellen und geistigen Güter bei­der Nationen und damit das gegenseitige Verstehen beider Völker nach Kräften zu fördern, haben be­schlossen, ein Abkommen über die geistige und kul­turelle Zusammenarbeit der beiden Staaten abzu­schließen.

Im Artikel 1 des Abkommens erklären beide Regierungen, ihre besondere Aufmerksamkeit der Pflege und Erhaltung der kulturellen und wissen­schaftlichen Einrichtungen, die der Förderung der Kulturbeziehungen dienen, zuzuwenden. Die unga­rische Regierung wird fernerhin das coli eg i um hungaricum unterhalten und neben den vier deutschen philologischen Lehrstühlen an den Universitäten in Budapest, Szeged, Debre­cen und Pecs an der Budapester Univer- sität einen Lehrstuhl für deutsche Lite­ratur errichten. Die Reichsregierung wird ihrer­seits den Lehr st uhl für ungarische Sprache und Literatur sowie das Unga­rische Institut an der Berliner Uni­versität erhalten. Der neue Lehrstuhl für deut­sche Kulturgeschichte an der Budapester Universität wird mit einem reichsdeutschen Gelehr- ten besetzt werden. Die deutsche Regierung wird an der Budapester Universität ein deutsches Lektorat für technische und Wirtschaftswissen­schaften errichten, während von der ungarischen Re­gierung ein Lektorat an der Universität Leipzig vorgesehen ist. Die Lehrstühle werden durch Staatsangehörige des anderen Staates be­seht werden.

Im Artikel 3 des Abkommens wird der Austausch von Professoren geregelt. Danach sollen in jedem Studienhalbjahr mindestens zwei Prozessoren von einer Hochschule des anderen Landes zu Gastvorlesungen eingeladen werden. Außerdem ist ein kurzfristiger Austausch von Hoch- schulcrssisienten vorgesehen. Laut Art. 4 werden die Regierungen der beiden Staaten zur Unterstützung wissenschaftlicher Forschungsarbeiten von Fall zu Fall Arbeitsplätze für Gelehrte des anderen Staates an ihren Hochschulen und Forschungsinsti­tuten zur Verfügung stellen. Die für den Austausch bewilligten Stipendien werden pro Semester auf die Zahl von sechs bestimmt. Jedes Stipendium

besteht neben dem Erlaß der Studiengebühr in der Gewährung freier Wohnung und freier Verpfle­gung oder in der Zahlung eines angemessenen Bar­betrages. Nach Art. 6 werden die Hochschulen beider Länder sich für einen regen Austausch von Studentengruppen zu Ferienkursen einsetzen. Auch ein Praktikantenaustausch für Hoch­schüler, die eine praktische Tätigkeit während ihres Studiums oder unmittelbar nachher, zur Ergänzung ihrer Berufsausbildung ableisten, ist vorgesen. Beide Regierungen werden die für die Jugend des an­deren Staates wechselseitig zu veranstaltenden Studienreisen und - lager unterstützen. Sie werden ferner um die Durchführung von Gemein­schaftslagern, an denen die Jugend beider Staaten teilnimmt, bemüht sein.

In Artikel 13 des Abkommens heißt es, daß die ungarische Regierung Sorgfalt auf den Unter­richt der deutschen Sprache in den ungarischen Mittelschulen (Gymnasium)

und höheren Handelsschulen verwenden wird. Die Reichsreaierung erhält die reichsdeutsche Schule und die deutsche Sprachschule für Handelskurse in Bu­dapest aufrecht. Die beiden Regierungen werden sich gegenseitig über diejenigen wissenschaftlichen und literarischen Werke verständigen, deren Uebersetzung in die andere Sprache oder deren Verbreitung im anderen Lande sie für besonders erwünscht halten. Der Buchbestand in den Bibliotheken beider Staaten soll aus dem Kulturleben des anderen Staa­tes ergänzt und vermehrt werden. Die Tätigkeit all derjenigen Künstler beider Länder soll gefördert werden, deren Werke nach ihrem Gegenstand und kulturellen Wert durch ihre Darstellung im Theater, Film und Rundfunk besonders geeignet erscheinen. Die wissenschaftlichen und künstlerischen Ausstel­lungen sollen ausgetauscht werden, ebenso wie die Rundfunksender wechselseitige Uebertragungen aus den Programmen der Sender des anderen Staates vermitteln werden.

Der ungarische Kultusminister zum Berliner Ehrendoktor promoviert.

Berlin, 28. Mai. (DNB.) Die engen kultu­rellen und wissenschaftlichen Beziehungen zwischen Ungarn und Deutschland fanden einen besonderen Ausdruck durch die feierliche Promovierung des ungarischen Kultusministers Dr. H o m a n zum Ehrendoktor der philosophischen Fakultät der Berliner Universität. In der festlich geschmückten alten Aula, deren Front die ungarische National­flagge führte, hatten sich der Lehrkörper der Uni­versität, Vertreter der Studentenschaft und zahl­reiche Ehrengäste versammelt. Der Dekan der philo­sophischen Fakultät, Prof. Dr B r e l o e r, wür­digte die wissenschaftliche Bedeutung von Dr. Ho- man, der eine völlige Umwandlung der Geschichts­schreibung des ungarischen Volkes erreicht habe. Dr. Homan habe die völkische Mission der wissenschaft­lichen Forschung in Ungarn verwirklicht. Daß er dabei ein warmer Freund Deutschlands geblieben sei, steigere nur die Zuneigung, die die deutschen Gelehrten für ihn empfinden, und schlage die Brücke zur Berliner Universität. Mit feierlichem Handschlag verpflichtete alsdann Prof. Breloer den jüngsten Ehrendoktor der Berliner Universität.

Minister Homan führte dann u. a. aus: Das Ge­heimnis des gesunden Wachstums der ungarischen Kultur besteht darin, daß das Ungartum an der stammechten, mit seiner nationalen Existenz tief verwurzelten Tradition immer festgehalten, die hohen Werte der eigensten Volksseele immer treu

bewahrt hat, daß man aber immer aufgeschlossen war für alle großen Ideen des Westens und Süd­westens und die ungarische Seele alles Uebernom- mene kraft ihrer Zähigkeit des Lernens und An­eignens in ganz besonderer Weise sich angleichen, übersetzen und zu eigen au macken wußte. In der Reihe dieser bewußt entlehnten ooer unbewußt emp­fangenen Kulturwerte nehmen die aus dem deutschen Boden nach Ungarn ver­pflanzten Werte eine besonders vornehme Stellung ein Der Kulturverkehr zwischen der deut­schen und der ungarischen Nation, zwischen dem Deut­schen Reich und Ungarn besteht seit den Gründungs­tagen des ungarischen Königtums ununterbrochen bis auf unsere Tage. Die moderne ungarische Wissenschaft ist sich dessen bewußt, wieviel sie deutschem Ar­beitsfleiß, Gründlichkeit, Methode, Anregung zu verdanken hat. Der dauerhafte Bestand und. der all- seitige Ausbau des wechselseitigen, fruchtbaren Kul­turverkehrs zwischen beiden Nationen scheinen mir durch den jetzt feierlich erneuten Kulturvertrag für lange Zeit fest begründet und gesichert zu sein. Daß die Universität Berlin mich mit Rücksicht auf die führende Stellung, die ich in der ungarischen Kul­turgestaltung einnehme, zu ihrem Dr. h. c. pro­movierte, ist ein symbolischer Akt dieser wechsel­seitigen geistigen Beziehung und Berührung. Die Ausführungen des Ministers wurden mit lebhaftem Beifall ausgenommen.

Oer Streik in den pariser Vororten.

Oie kommunistische Morgengabe für das Kabinett der Volksfront.

Paris, 29. Mai. (DNB. Funkspruch.) Nur noch drei Tage bis zum Zusammentritt der neuen Kam­mer und einige 24 Stunden mehr liegen vor dem Zusammentritt der neuen Regierungsmannschaft der Volksfront. Wie sich das neue Kabinett zusammen­setzt, ist nach wie vor ein Geheimnis. Es ist trotz­dem anzunehmen, daß der Sozialistenführer Lson Bl«m seine Ministerliste im großen und ganzen fertig hat. Die neuen Namen wird man jedoch wahrscheinlich nicht vor dem Tag des Empfanges der neuen Regierung durch den Präsidenten der Republik kennen. Löon Blum mußte sich dem Streik in den großen Pariser Metall-, Automobil- und Flugzeugwerken zuwenden. Er hatte Besprechungen mit den Sekretären des sozialistischen Gewerkschafts­verbandes CGP., Johaux und Racamont, später mit einer Abordnung des k o m m u n i st i - schen Parteivorstandes und Vertretern der verschiedenen Arbeitersyndikate. Den Ab­schluß bildete eine lange Aussprache mit Minister­präsident S a r r a u t, Arbeitsminister F r o s s a r d und dem sozialistischen Abgeordneten (und zukünf­tigen Finanzminister) Vincent-Auriol.

Die Frühblätter sehen in den Streik, von dem auch Fabriken für die Herstellung von Kriegsma­terial betroffen sind, eine politische Aktion natürlich mit Ausnahme der Volksfrontzeitun­gen, die dem Aufstand eine betont lohnkämpserische Bedeutung beiaumessen sich bemühen. Die Rechts­zeitungOrdre" schreibt:So hat es auch in Spa­nien begonnen." Die Besetzung der Fabriken durch die Arbeiter beweise, daß die Kammerwahl revo­

lutionäre Kräfte geweckt habe, deren man nicht leicht Herr werden würde. In den Wandel­gängen der Kammer erklärte der Abgeordnete Bret (rechte Mitte):Die Zeit der Legalität ist vorbei. Das alles wird auf der Straße geregelt werden." Nach Ansicht des linksradikalen Abgeordneten Candancehat die kommu­nistische Partei nunmehr begonnen, die sozia­listische Partei anzupressen". Der Abgeordnete der republikanischen Vereinigung Coisin betonte, daß die Kommunisten trotz ihrer Leugnungsver­suche diesen Streik organisiert hätten; die Volks­front habe Wind gesät, jetzt beginne sie Sturm zu ernten.

Velegschasten gegen Verhandlungen.

P a r i s, 29. Mai. (DNB. Funkspruch.) Der Streik der Metallarbeiter in den Pariser Vororten, der durch den Anschluß der Renauld-Werke mit 34 000 Arbeitern und einer ganzen Reihe weiterer Ma­schinenfabriken und Werken der französischen Rü­stungsindustrie einen ungeheuren Auftrieb erhalten hatte, scheint mit einem Siege des marxisti- schen Gewerkschaftsverbandes, dessen stiller Streikpar'ole sämtliche Pariser Vorortsbetriebe gefolgt waren, seinem Ende entgegen zu gehen. Auf Grund der von der Regierung Sarraut mit Vertretern der Arbeitgeber- und Arbeitnehmeroer­bände geführten Besprechungen haben sich die A r -'

beitgeberverbände bereiterklärt, in Ver­handlungen einzutreten, falls bis dahin die Arbeit in den Betrieben wieder ausgenom­men werde. Von den Werksleitungen wurde den Streikenden weiter versprochen, keine Straf­maßnahmen zu ergreifen. Obwohl dieser Vor­schlag bereits am Donnerstagmorgen gegen 9 Uhr vorlag, sind doch die etwa 50 000 in Streik befind­lichen Metallarbeiter in der Nacht zum Frei­tag an ihren Arbeitsplätzen geblieben. Wieder wurden sie von ihren Familien und von Gewerkschaftsgenossen mit Lebensmitteln, Wein und Zigaretten versorgt. Kommunistische Abgeordnete, in Begleitung marxistischer Gewerkschaftssekretäre, machten noch am späten Abend ihreJnspek- tionsgänge" durch die streikenden Betriebe. Ueberall wurden sie durch das Absingen der Inter­nationale und mit geballter Faust dem Sowjet­gruß empfangen.

Englands Rüstung zur Gee.

Kritik im Unterhaus an der englischen Flottenpolitik.

London, 28. Mai. (DNB.) Im Unterhaus wurde eia Nachtragshaushalt für die Marine in Höhe von 10,3 Millionen Pfund Sterling (140 Mil­lionen Mark) mit 182 gegen 85 Stimmen angenom­men, Lord S t a n l e y, der parlamentarische Staats­sekretär der Admiralität, erklärte, daß Großbritan­nien die Ausgaben für die Flotte so vergrößern müsse, sei darauf zurückzuführen, daß die Versuche, ein Uebereinkommen über die Rüstungsbegrenzung zu erzielen, keinen Erfolg gehabt hätten. Großbri­tannien sei gezwungen, fünf Kreuzer abzuwracken. Die Regierung sei der Ansicht, daß die Schiffsbauten von Mächten, die dem Londoner Vertrag nicht an­

gehören, bisher die britische Sicherheit nicht bedroh­ten, so daß die Gleitklausel nicht angewandt werden könne. Der konservative Abgeordnete Admiral Tay- l o r vertrat demgegenüber die Meinung, daß die Kreuzerbauten der fremden Mächte England ver­pflichteten, die Gleitklausel anzuwenden.

Churchill protestierte heftig. Wenn fünf noch durchaus brauchbare Kreuzer abgewrackt würden, dann fördere dies nicht die Bereitschaft, neue Mittel zu bewilligen. Es werde behauptet, daß das Ab­wracken der Kreuzer aus Vertragsgründen zu ge­schehen habe. Das sei aber nicht richtig. Es sei absurd zu behaupten, daß die Admiralität gegen­über der Entwicklung der Flottenbauten in anderen Ländern gleichgültig bleiben könne. Welche Sicher­heit habe man, daß Japan fünf bis sieben Kreu­zer abwracken würde, wie es vertraglich vorgesehen sei? Bevor die englischen Kreuzer abgewrackt wür­den solle man erst sicherstellen, was am anderen Ende der Welt geschehe.

Admiral K e y e s beklagte sich über die starke italienische Propaganda in den Mit­te l m e e r st a a t e n. Die britische Nation werde als verweichlicht und der Selbstverteidigung unfähig hingestellt, es werde behauptet, daß die italienische Flotte England aus dem Mittelmeer vertreiben könne. Keyes bemerkte, daß die englische Flotte in früheren Zeiten schon oft herausgefordert und zeit­weilig sogar aus dem Mittelmeer vertrieben wor­den sei. Sie sei aber letzten Endes immer wieder siegreich gewesen. Der Zivillord der Admiralität, L i n d s a y , erklärte, es sei die Absicht der bri­tischen Regierung, eine uneingeschränkte Leistungsfähigkeit der Flotte hinsichtlich der Mannschaft, des Materials und der Reserven oorzustellen. Mehrere Abgeordnete wiesen auf Ge­rüchte hin, daß die englische Flotte im Mittelmeer in der .Zeit der englisch-italienischen Spannung unzulängliche Munitionsreserven ge­habt habe, die nur für eine halbe Stunde ausge- rcicht hätten. Lindsay erklärte, er halte es für un- angebracht, derartige Behauptungen als wahr hin­zustellen.

Unterredung Grandis mit Eden.

Die Voraussetzungen

einer englisch-italienischen Aussprache.

L o n d o n, 29. Mai. (DNB.) Der italienische Bot­schafter G r a n d i hatte mit dem britischen Außen- Minister Eden eine längere Unterredung. Die Besprechung hat in Londoner politischen Kreisen beträchtliches Aufsehen erregt, da es sich um die erste Unterredung zwischen Grandi und Eden han­delt, seitdem die Italiener in Addis Abeba einge­rückt sind. Times schreibt, der Besuch werde als eine Bemühung ausgelegt, den Weg für eine Entspannung zu ebnen. Der italienische Botschafter habe mit Eden einige Probleme erör­tert, die sich aus den gegenwärtigen Beziehungen Italiens zu den anderen Völkerbundsmächten er­geben. Man glaube, daß' er auch dem Wunsch Mussolinis nach einer besseren Verständigung mit England Ausdruck gegeben und die Versicherung wiederholt habe, daß Italien keine Absichten gegen die britischen Interessen habe.

Daily Mail" schreibt, Grandi habe auf An­weisung Mussolinis dem englischen Außenminister mitgeteilt, daß Italien die Freundschaft und Zu­sammenarbeit mit England wieder herzustellen wünsche. Gleichzeitig habe er erklärt, daß d i e Fortsetzung der S ü h n e m a ß n a h m e n dieser Absicht ein Hindernis in den Weg lege. Wenn die Sühnemaßnahmen weiter aufrechterhalten würden, müsse Italien die Frage seiner Mitgliedschaft beim Völkerbund und seiner Mitarbeit für eine europäische Regelung in Er­wägung ziehen. Man glaube, daß Grandi die un­verzügliche Eröffnung von Verhand­lungen zur Beilegung des Abessinienkonfliktes vorgeschlagen habe. Eden habe gesagt, daß Eng­land zwar die Herstellung guter Beziehungen mit Italien wünsche, daß aber die Aufhebung der Sühnemaßnahmen eine Angelegenheit des gesam­ten Völkerbundes sei.Daily Herald" will wissen, daß Grandi mitgeteilt habe, Italien würde zur Er­öffnung von Verhandlungen über einen Pakt be­reit sein, der den Status quo im Mittel­meer garantieren würde. Er habe jedoch die Bedingungen gestellt, daß die Annektierung Abessiniens als unwiederruflich ange­nommen und die Sühnemaßnahmen sofort aufgehoben werden müßten. Die auf den 16. Juni anberaumte Ratssitzung werde vielleicht aufgeschoben, um Besprechungen mit Italien zu ermöglichen.

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Der diplomatische Mitarbeiter desDaily Telegraph" gibt die Eindrücke wieder, die er n a ch seiner Unterredung mit Mussolini