Hr.24 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberyesstn)
Mittwoch. 29. Januar (936
Aus der Provinzialhauptstadt.
Inventur.
Tags zuvor wird der Ehegatte unterrichtet. Er wittert schon etwas, denn umsonst zeigt sich seine bessere Hälfte nicht von der reizendsten Seite. Natürlich, als Ehemann hat man so seine Erfahrungen. Und was man alles für Erfahrungen machen muß.
„Nicht wahr, Liebling, du bist nicht böse, wenn morgen mittag das Essen nicht gleich auf dem Tische steht?"
Aha, der Feldzug ist eröffnet. Zunächst nur mit dem kleinen Geschütz. Gewissermaßen ein Vorgeplänkel wegen des Essens. Du lieber Himmel, ist es so schlimm, wenn das Essen mal ein bißchen später serviert wird? Der erfahrene Gatte weiß, daß es nicht so schlimm ist. Was weiß der erfahrene Gat<e nicht alles? Er weiß zum Beispiel auch mit Bestimmtheit, daß das größere Geschütz im Hintergrund lauert. Und dieses Geschütz zielt mit unübertrefflicher Sicherheit auf seinen Geldbeutel.
„Nur ein paar Kleinigkeiten habe ich zu kaufen. Aber weißt du, es ist doch vielleicht besser, wenn du mir etwas mehr Geld mitgibst."
Selbstverständlich gibt der solchermaßen attackierte Gatte „etwas mehr Geld". Er tut es zwar seufzend, aber er tut es. Was bleibt ihm auch übrig? Wie alle Jahre mit Pünktlichkeit der Fasching mit Backbier und Kappenfesten erscheint, so kommt auch alle Jahre unwiderruflich die Inventur.
Inventur bleibt Inventur! Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Und wer zuerst im Laden steht, kann zuerst in dem hochgeschichteten Haufen von Waren suchen und wählen.
Und siehe da: aus den „paar Kleinigkeiten", die es ursprünglich werden sollten, wächst ein ganzer Berg von Einkäufen. Warum soll man etwas liegen lassen, wenn es nun mal „so überaus billig" ist? Die Nächste nimmt es todsicher.'Na also! Und wenn auch der Gatte zu Hause ein kritisches Gesicht aufsetzt und meint, dieses oder jenes wäre wirklich nicht erforderlich gewesen — was hat es für einen Sinn, mit Männern darüber zu streiten?
Männer sind nun mal Männer... Weshalb es empfehlenswert ist, daß sich die Ehemänner mit Geduld wappnen. Eheliche Szenen wegen des Inventur-Verkaufes find peinlich und außerdem zwecklos.
Zwecklos, weil sich keine Frau den Glanz des Zauberwortes Inventur trüben läßt. Seit Tagen steht es in flammenden Buchstaben vor ihrem Bewußtsein. Seit Tagen spricht, seit Nächten träumt sie davon. Von diesem Zauberwort: Inventur!
H. W. Sch.
Bornotizen.
Tageskalender für Mittwoch.
NSG. „Kraft durch Freude": 20.30 bis 21.45 Uhr allgemeine Körperschule im Haus der Deutschen Arbeitsfront, Schanzenstraße 18. — Stadttheater: 19.30 bis 22.30 Uhr „Die Fledermaus". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Unsterbliche Melodien". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Eine Seefahrt die ist lustig..." — Oberhessische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde: 18 Uhr im Physiologischen Institut, Vortrag von Dozent Dr. W. Kuhl über „,Die Untersuchung der tierischen Entwicklung mit Hilfe des Zeitrafferfilms".
Stadttheater Gießen.
Heute, von 19.30 bis 22.30 Uhr die klassische Operette „Die Fledermaus" von Johann Strauß. Musikalische Leitung: Paul Walter. Spielleitung Paul W r e d e. Tänze: Thery Schultheis. 15. Mittwoch-Abonnement.
RBWK 1936.
56 000 Jungen und Mädel kämpfen in 340 Orten um den Sieg. Wenige Tage trennen uns noch von dem gewaltigen Reichsberufswettkampf 1936, der der 3. Leistungskampf der deutschen Jugend ist. Seine Ausmaße und Auswirkungen steigern sich von Jahr zu Jahr.
Am Sonntag, 2. Fechruar, treten im Deutschen Reich über 1 000 000 Wettkämpfer und Wettkämpfe-
Geldspenden für das WHW.
Gesamtsumme der bisher eingegangenen Spenden: 37 772,19 Mark. Weitere Geldspenden gingen ein:
11. Januar: Elisabeth Scheller, Foligno, 5,— Mk., Oberingenieur Johs. Mewes 5,— Mk.
14. Januar: Goethebund und Kaufmännischer Verein 10,— Mk., Gustav Geisse, Gießen, 30,— Mk.
15. Januar: Geflügelzuchtverein Wieseck 5,— Mk., Geselligkeitsverein Liedertafel 5,— Mk.
17. Januar: Ludw. Schunk 25,— Mk., Gg. H. Schirmer 30,—, Ziegenzuchtverein Gießen 10,—, Klein-Wirteverein Gießen 10,— Mk.
18. Januar: Turnverein 1860 Lich 10,— Mk., Altersvereinigung ?? 10,—, Turnverein Frisch-auf Leihgestern 10,— Mk.
21. Januar: Kirchengesangverein Allendorf (Lahn) 10,— Mk., Gesangverein Eintracht Reinhardshain 5,—, Bezirksgruppe Gießen-Wetzlar der Heilpraktiker 32,50, Modehaus Schneberger 50,— Mk.
22. Januar: Bernard u. Sohn, Gießen, 300,— Mark, Firma Reinig 20,— Mk.
23. Januar: Landwirtschaftlicher Konsumverein Hausen 10,— Mk.
24. Januar: Kundgebung Kyffhäuserbund 100,— Mark, Ingenieur O. (Buttmann 5,— Mk.
25. Januar: Wehrmachtskonzert des WHW. 1314,50 Mk.
27. Januar: Gärtneroereinigung Gießen 20,— Mark, Dr. Pauly, Gießen, 100,— Mk.
15. Januar: Ministerialdirektor Urstadt 13,— Mk.
Lohnspenden von Arbeitnehmern.
11. Januar: Angestellten Stadtkasse Lich 78,80 Mark, Buderus Lollar 348,03, Angestellten Rinn & Cloos 51,70 Mk.
14. Januar: DAF. Gießen 34,65 Mk., Gemeindebeamten Wieseck 11,—, Keiner & Co. 33,50, Schuh
haus Darrs 18,10, Faber, Schepp u. Weimer 5,70, Albin Klein 12,90 Mk.
15. Januar: Schlörb, Walkmühle, 12,— Mk., Wilhelm Zimmer 18,40, Fliegerhorstkommandantur Kassel 31,05, Mannesmann-Röhren, Büro Gießen, 6,60, Glaskontor Gießen 10,40, Tonwerke Lich 17,—, Karl Freitag 39,39, Arbeiter Rinn u. Cloos 51,75 Mk.
16. Januar: Arbeiter Universitäts - Versuchsgut 6,10 Mk., Joh. Jak. Kuch 5,25, Schaffftaedt 32,64, Karl Lapp 5,48 Mk.
17. Januar: Finanzamt 58,05 Mk., Didierwerke Mainzlar 101,58, Arbeiter Tierzuchtinstitut 5,50, Dresdener Bank 57,30, Harries & Co. 6,51 Mk.
18. Januar: Singer Nähmaschinen, Gießen, 6,40 Mark, DD.-Bank Gießen 37,40 Mk.
20. Januar: Gail, Rodheim und Krofdorf, 35,50 Mark, Panzerabwehrabteilung 41 89,30, August Schäfer, Hungen, 28,55, Neils u. Kraft, Gießen, 26,11 Mk.
22. Januar: Hch. Deibel, Lollar, 5,— Mk., Grube Wilhelm, Hungen, 12,10, Will 8- Co., Gießen, 7,45, Gemeindebeamten Hungen 13,50, Eduard Klinkel u. Sohn, Gießen, 12,50, Nuhn, Lollar, 26,40, Spielvereinigung 1900 6,40 Mk.
24. Januar: I. B. Noll 108,25 Mk., Dampfsägewerk Abendstern 12,60 Mk.
25. Januar: Landkrankenkasse Gießen 8,50 Mk., Hotel Hopfeld 5,05 Mk.
27. Januar: Arbeitsamt Gießen 75,35 Mk., Andreas Euler, Gießen, 15,90, Höhere Privatschule Gießen 13,75, DAF. Großen-Linden 59,45 Mk.
Bis 30. Dezember 1935 von den Ortsgruppen des Kreises Gießen eingegangene Geldspenden: 6273,04 Mk.
Gesamtsumme: 47 855,07 Mk.
Goldene Hochzeit in Fellingshausen.
*Fellingshausen, 29. Jan. Am morgigen Donnerstag, 30. Januar, können Phil. Schleen- b e ck e r und Frau Marie, geb. Schneider, im Kreise von 5 lebenden Kindern und 19 Enkeln das Fest der Goldenen Hochzeit feiern. Einen Sohn verlor das Ehepaar in den Kämpfen vor Verdun, eine Tochter verstarb. Das Jubelpaar erstellt sich der besten Gesundheit und ist geistig außerordentlich rege Beide Gatten stehen im Alter von 73 Jahren. Seit fünfzig Jahren sind die Jubilars treue Bezieher des Gießener Anzeigers.
(Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)
rinnen an, davon allein in Hessen-Nassau 56 000 Teilnehmer, die unter Führung von 8000 Wettkampfleitern in 340 Wettkampforten ihre Leistungen beweisen werden.
Besonderes Interesse wird auch dieses Mal in der Öffentlichkeit der Schaufensterwettbewerb erwecken, der in der Zeit vom 9. bis 16. Februar durchgeführt wird. Zwei Meter große gelbe Plakatstreifen mit der Aufschrift „Wir beteiligen uns am Schaufensterwettbewerb" kennzeichnen die Schaufenster, in denen die jungen Angehörigen der Wettkampfgruppe „Handel" ihr Können der Oeffentlichkeit zeigen werden.
Im ganzen Gau werden die Vorarbeiten für den Beginn fieberhaft vorwärtsgettieben, so daß am Sonntag alles vorbereitet ist, wenn die Jungarbeiter und Jungarbeiterinnen Hessen-Nassaus in über 300 Kundgebungen und Appellen zusammentreten, um feierlich den Leistungswillen der deutschen Jugend zu bekunden.
„Hammer und Schwert."
Die Deutsche Arbeitsfront im Reichsfender Frankfurt.
Am Donnerstag, 30. Januar, sendet der Reichssender Frankfurt a. M. vormittags in der Zeit von 8.30 bis 9.15 Uhr eine Feierstunde „Hammer und
Schwert". Diese Feierstunde findet im Reichsbahnausbesserungswerk Frankfurt am Main, Idsteiner Straße, statt. Ausgestaltet wird sie durch die Werkschar der Adlerwerke, die Lehrlingsabteilung des Reichsbahnausbesserungswerkes, die Reichsbahn-Schutz-Kapelle und Werkscharmänner aus verschiedenen Betrieben. An dieser Feierstunde nehmen die Gefolgschaften des RAW. Frankfurt und Nied teil. Der Reichssender Frankfurt sendet diese Feierstunde unter dem Motto: „Hammer und Schwert" als eine Sendung der Deutschen Arbeitsfront zum Tag des Reiches.
NSLB.
Abteilung „höhere Schule".
Fachschaft „Neuere Sprachen".
Die nächste Sitzung der Arbeitsgemeinschaft findet am Freitag, 31. Januar, um 16 Uhr in der Oberrealschule statt.
Vetr. Urtaubszug 4/36 vom 7.2. bis 16.2.1936 nach Allgäu-Pfronten.
Vie deutsche Arbeitsfront n.9.=6emeinf(haft „tirstt durch kreude
Der obige Urlaubszug ist ab sofort gesperrt. Neue Anmeldungen können nicht mehr angenommen werden.
Betr. Urlaubszug 5a/36
vom 22.2. bis 27.2.1936 zur Automobttausstellung nach Berlin.
Um jedem Volksgenossen Gelegenheit zu geben, die große Internationale Automobilausstellung in Berlin zu besuchen, fährt die NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" in der Zeit vom 22.2. bis 27. 2.1936 einen Urlaubszug nach Berlin. Der Preis für diese Fahrt beträgt einschl. Fahrt und Verpflegung, Uebernachtung und Eintritt zur Ausstellung 27,50 Mark. Anmeldeschluß 10. Februar.'
Wissenschaft im Dienst am deutschen Volk.
Der nächste Vortrag dieser Reihe findet am Montag, 3. Februar, um 20 Uhr, im Hörsaal des Kunstwissenschaftlichen Instituts, Ludwigstraße 34, statt. Es spricht Professor Dr. Dietz über: Deutsches und Römisches Recht. Eintritt frei.
Gportamt „Kraft durch Freude".
Achtung! heute Verlegung eines Kurses.
Der Kursus Allgemeine Körperschule (Frauen und Männer) wird heute einmalig in das Haus der Deutschen Arbeitsfront, Schanzen st raße 18, von 20.30 bis 21.45 Uhr, verlegt.
Morgen müssen folgende Kurse verlegt werden!
Die Kurse „Fröhliche Gymnastik und Spiele (nur für Frauen) müssen morgen, Donnerstag, einmalig in das Haus der Deutschen Arbeitsfront, Schanzen ft raße 18, von 20 bis 21 und von 21 bis 22 Uhr, verlegt werden.
Aufruf der letzten Betriebsgruppen zur Ausstellung der Arbeitsbücher.
Der Stand der Durchführungsarbeiten bei der Ausstellung der Arbeitsbücher ermöglicht es, nunmehr auch die letzten Betriebsgruppen zur Ausstellung der Arbeitsbücher aufzurufen. Dies ist durch eine dritte Bekanntmachung des Präsidenten der Reichsanftalt mit Wirkung vorn 1. Febr. 1936 geschehen. Zu dieser dritten Gruppe gehören folgende Betriebsgruppen:
1. Holz- und Schnitzstoffgewerbe,
2. Nahrungs- und Genußmittelgewerbe,
3. Verkehrswesen,
4. Oeffentlicher Dienst und private Dienstteistun« gen (ohne die häuslichen Dienste).
lieber die Zugehörigkeit der Betriebe zu den Betriebsgruppen erteilen die Arbeitsämter in Zweifelsfällen bereitwilligst Auskunft.
Gießener Konzertverein.
III. Symphonie-Honzert.
Die künstlerische Entwicklung Lore Fischers (Stuttgart) hat das vollauf bestätigt, was schon vor einigen Jahren an dieser Stelle von ihr erhofft wurde. Was damals als Anfang zu werten war, ist jetzt ausgereift zu sehr beachtlichem Hochstand. Die Stimme entfaltet sich freier und gelöster; in ausstrahlendem Klangvolumen ist sie erheblich größer geworden und die Meisterung der dynamischen Abstufungen strebt einem hohen Grad der Vollkommenheit zu. So hört man jetzt einen dunklen, glutvoll aufleuchtenden Alt, der sich im hohen dramatischen Akzent ebenso mit durchschlagender Kraft bewährt, wie er in letzter Nachgiebigkeit der inneren Regung überzeugenden Ausdruck zu verleihen vermag. Denn die künstlerische Reife strebt jetzt mit tiefer Eindringung einer seelischen Erfassung zu, die sich als den größten Aufgaben gewachsen erweist. Dieses Urteil hat um so mehr Berechtigung, als Lore Fischer wegen der Folgen einer starken Erkältung in Leipzig absagen mußte und sich auch hier nur auf Regers „An die Hoffnung" (Text: Friedrich Hölderlin) beschränken mußte. Die tiefsinnige Erfassung der Hölderlinschen Lyrik durch Max Reger wurde durch Lore Fischer mit feinstem Nachgehen und starkem Empfinden wach. Im Wechsel der überaus abgetönten Vor- und Zwi- schenspiele ließ der Gesangspart das Unmittelbare, Ergreifende der menschlichen Stimme erleben.
Die O-ckur-Symphonie von Brahms entwickelte Universitätsdirektor Prof. Dr. Temes- v a r y aus tiefem Erleben heraus und setzte seine volle Persönlichkeit ein, um den inneren Kern dieses anscheinend so eingängigen und doch so tief hintergründigen Werkes zu erfassen. Den Ein- aanassatz entwickelte er aus ruhigem Fließen her- aus mit sorgfältiger Gliederung und klarer Dar- leauna der Einzelentwicklung und ließ ihn sich so in seiner natürlichen Struktur auswirken. Die im ganzen Werk verteilten großen Steigerungen schöpfte er mit Bedacht aus, ebenso spurte er jenen Momenten nach des Absinkens und Sichver- flüchtigens; vielleicht hätte stellenweise das Pianls- simo, namentlich der Streicher, noch zarter angesetzt werden können. Der dritte Satz war em Schwelgen in Musszierlust, Klangfreude und beseeltem Klangsinn. Die tiefste Wirkung aber hinterließ das Adagio, das der Dirigent in seiner inneren Schwere und schroffen Herbheit unmittelbar nahebrachte bei klarer Durchbildung der thematisch bedeutsamen Führung dee einzelnen Stimm«. Das
Finale erhob er in machtvoller Steigerung zu festlichem Glanz und krönendem Glanzgipfel der Coda. Das Orchester war mit vollem Einsatz hohen Könnens zur Stelle, unter den Bläsern gebührt vor allem den Hornisten wie auch dem Fagott und den Posaunen volle Anerkennung.
Haydns Ockur-Syrnphonie war in allen ihren Teilen auf das Feinste klanglich abgewogen; mit besonderer Liebe für die zahlreichen Einzelzüge, die Haydn stets aufs neue so anziehend erscheinen lassen. Zumal das Adagio war von einer Innigkeit, Natürlichkeit und Herzlichkeit beseelt, die alle die Reize dieses Satzes ins hellste Licht stellten. Das Finale verklang innerlich beschwingt und von feinsinnigem Humor durchsprüht.
Der Beifall des Hauses war nach allen drei Gaben überaus herzlich und stark. Dr. H.
Winterliche Waldpastette.
Von Peter Bauer.
R a u h r e i f.
Der Mond hängt in der Frühe noch wie eine Sichel am Himmel, wie eine Sichel in der Faust eines Linkshänders und schimmert wie aus Goldblech. Erst als hoch überm Wald die Sonne den grauweißen Himmel aufbricht und ihren Feuerglanz nach allen Seiten wirft, verschwindet die Sichel, und ein zarter Widerschein des sanft erglühten Firmaments verklärt die weiße Welt.
Der Wald ist in einer wundersamen Weise dicht geworden und bis in seine fadendünnen Zweigspitzen hinauf von einer greifbaren Plastik in den Formen, wie sie feiner keine andere Jahreszeit kennt. Nie wird dieses krause, köstlich launenhafte Gewirr einer Schlehdornhecke, das haarweiche Zweiggehänge einer Birke ober das kunstvolle Filigran einer Fichtenkrone mit ihren schuppigen Zapfen unter den Aesten, die wie faustgroße Uhrgewichte hängen, so nahe gerückt wie in der Rauhreifverzauberung frostiger Wintertage. Sie zeigt die verlassenen Fangnetze der Spinnen wie in einer Vergrößerung der seidenzarten Struktur des Gewebes, so daß sie aussehen wie von einer kunstfertigen weiblichen Hand gestickt.
Es ist stiller als sonst. Jedes braune Eichblatt trägt seine weißen Flitterstäubchen, jede vertrocknete Kapsel ihr Krönchen, jede Helmspitze ihr Sternchen mit einer rührenden Unbeweglichkeit und starren Verzückung. Selbst der Wind scheint sich in dem magischen Gewirr der Ruten verstrickt zu haben und von dem leuchtenden Zauber gelähmt worden zu fein. Ex wagt leinen Atemzug.
Sogar die Vögel kauern reglos in den Astwinkeln und flattern von knirschenden Schritten erschreckt höchstens sprungweit davon. Wie aufgeplufterte Sperlinge sehen die Amseln aus. Sie können sich nicht klein genug machen in ihrem schwarzen Kleid, auf das jede Astfpitze wie mit gerecktem Finger zu zeigen scheint.
Holzfäller.
Sie beginnen nicht allzu früh ihr Tagewerk. Das Schnarchen ihrer Sägen und der Hall ihrer Axthiebe schallt fremd aus der Waldestiefe. Manchmal wird eine rauhe Männerstimme laut. Und dann erfüllt plötzlich ein Splittern, Knistern und Krachen, ein Poltern und Rauschen die schweigende Baumwelt, als sei ein donnerloser Blitz niedergezuckt und habe mit seiner Feuerfaust einen im Wege stehenden Riesen hingeschmettert.
Einer der gefällten Stämme trägt noch die Seil- schlinge, an der ihn die Männer nieöerriffen, nachdem sie in weitem Kreise seine Wurzeln bloßgelegt und darüber den Baum mit unzähligen Axtschlägen zugespitzt hatten. Es ist eine herrlich schlank gewachsene Eiche mit weit verschnörkeltem Astwerk. Einige armdicke Zweige hängen, vom Fall gebrochen, nur noch schwach am Stamm. Aber auch die übrigen sind abgestorben. Die dicke Borke des Stammes täuschte allzu lange über den herztiefen heimtückischen Verfall des Baumes hinweg. Erft die Axthiebe, die bald ins Morsche und Mulmige trafen, zeigten seinen hoffnungslosen Zustand.
Einige kreisrunde Löcher im Stamm verraten Nisthöhlen von Spechten, Meisen oder Wildtauben. Eines dieser Eingangslöcher, das auffallend länglich nach oben gerundet, nach unten mehr abgestumpft ist und an ein romanisches Fenster erinnert, stammt mit untrüglicher Sicherheit von einem Schwarzspecht, der diese Art des Ausmeißelns und Zurechtzimmerns seiner Höhlentore liebt. Wieviel Vogelglück hat wohl der Gefällte noch im letzten Sommer, trotz seiner Krankheit, beherbergt. Wieviel frohes Gezwitscher hat ihn noch bis in den Herbst hinein erfreut und seinen Lebensabschnitt verschönt.
Eine klaffende Lücke hat die gefällte Eiche in ihrer Nachbarschaft aufgeriffen, eine Leere gähnt, da sie auch eine Reihe kleinerer Sträucher und Gewächse mit sich in den Tod schmetterte. Und noch immer sind Aexte und Sägen am Werk: Der Tod geht um im Winterwald.
Einsames Lied.
Am Futterhäuschen, das rund wie ein Karussell etwa meterhoch von der Erde auf einem Pfosten steht und ein spitzes, mit Tannenzweigen abgedecktes Dach hat, herrscht reges Leben. Man erkennt rasch die Stammgäste, die sich sicher fühlen und nur aujtz
Futter bedacht sind. Neulinge flattern immer nervös ab und zu und kehren auch mitunter nur auf einen Sprung ein und verschwinden völlig.
Außer Buchfinken, die zwischen ihrem emsigen Nicken und Picken sich immer wieder einmal mit ihrem hellen Ruf als „Fink" glauben vorstellen zu müssen, tun sich Goldammern und Kohlmeisen an den Sämereien gütlich. An Behendigkeit und Wendigkeit können es die goldgelben Sperlingsvögel mit den zierlichen Meisen nicht aufnehmen. Zuweilen stellt sich auch ein Grünfink ein, der seiner Farbe nach mit der Goldammer verwechselt werden könnte, aber viel behäbiger als diese ist. Wenn ein kleiner Stieglitzschwarm, die gern den Waldrand nach Distelstauden abstreifen, das Häuschen entdecken, schwenkt er wohl auch schon einmal ein und schickt einen Kundschafter aus, ob es da etwas für sie zu schnabulieren gäbe.
Selten zeigt sich das Rotkehlchen, das als eigenbrötlerischer Einsiedler im Walde herumstreunt. Mit hängenden Flügeln huscht es von Strauch zu Strauch näher und betrachtet mit seinen glänzenden Augen den gedeckten Tisch, als ob es sich nicht recht in die Gesellschaft traute.
Wenn zwischen dem weitspurigen Gitterwerk des kahlen Geästs der rötliche Abendhimmel durchschimmert, zwirnt das Rotkehlchen sein kleines Lied. Es ist trotz seiner Schlichtheit so feierlich, als ob es die scheidende Sonne grüße und sich freue, daß es selber so schön sei mit seinem roten Brustlatz. Oder als ob es für die bescheidene Mahlzeit danke und dem Futterhäuschen ein Ständchen bringe.
Fliegende Aerzte.
Auf dem australischen Kontinent gibt es weite Gebiete, die so dünn besiedelt sind, daß im Umkreis von mehr als 80 Kilometer weder Arzt noch Krankenhaus zu finden sind. Wenn nun ein Siedler oder einer seiner Angehörigen schwer erkrankt, so muß auf drahtlosem Wege ein Arzt herbeigerufen werden, der jedoch meist nur dann rechtzeitig am Krankenlager erscheint, wenn er sich eines Flugzeuges bedient. Die australische Jnlandmission hat diese Art der ärztlichen Betreuung der Bewohner abgelegener Siedlungen nun durch eine umfangreiche Organisation sichergestellt. Die Siedler sollen mit Sendeapparaten versehen werden, durch die sie sich in Krankheitsfällen unmittelbar mit einem „fliegenden Doktor" in Verbindung setzen können. Der Arzt wird alsdann sofort starten und nach wenigen Stunden schon in der Siedlung landen, die er sonst nur in einer Reise von vielen Wochen erreichen könnte.


