Nr. ,73Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Montag, 27. Juli 1936
Meine IetztenVerhandlungeninpetersburgl9i4.
Don Graf K pourtaleS (t), bis zum Kriegsausbruch deutscher Lotschaffer am Zarenhofe.
Copyright by Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte in Berlin.
Die Tagesaufzeichnungen des Grafen Po urtal es, des langjährigen Botschafters des Deutschen Reiches am Hofe des letzten Zaren, sind das einzige deutsche Zeugnis aus Diplomatenmund über den Verlauf der Tage des Weltkriegsaus- Bruchs in der damaligen russischen Hauptstadt. Die Aufzeichnungen wurden unter dem frischen Eindruck der Erlebnisse schon auf der Fahrt von Petersburg nach Stockholm in Form von Tagebuchnotizen entworfen und dann in Berlin ausführlich niedergeschrieben. Sie waren ursprünglich nicht für eine Veröffentlichung bestimmt.
Die Schriftleitung.
I.
Mein letzter Besuch beim Zaren.
„Am 31. Juli früh schickte ich mich gerade an, auf das Ministerium des Aeußeren zu gehen, als der Militärattache Major von Eggeling bei mir eintrat und mir meldete, daß soeben an den Straßenecken die Mobilmachungs-Ordre für die gesamte russische Armee angeschlagen werde.
Hatte das Telegramm aus Wien wieder einige Hoffnung bei mir aufkommen lassen, so war ich mir jetzi vollkommen klar darüber, daß nunmehr der Krieg unabwendbar geworden war. Da ich inzwischen erfahren hatte, daß S a s a n o w sich in Peter- hof beim Zaren befand, fuhr ich sofort zu seinem Gehilfen R e r a t o w und teilte ihm den Inhalt der in der Nacht eingegangenen Telegramme mit. Ich fügte hinzu, daß die durch das Wiener Telegramm eröffneten Aussichten auf eine Verständigung leider durch die gegen uns gerichtete Mobilmachung endgültig zunichte gemacht seien. Ich könne nicht begreifen, wie die russische Regierung, nachdem uns erst vor zwei Tagen feierlich versichert worden sei, daß militärische Maßnahmen gegen uns nicht getroffen werden sollten, sich gerade in dem Augenblick zu dem ver- hängvisvollen Schritt der allgemeinen Mobilmachung entschließen konnte, wo ihr bekannt war, daß unser Kaiser und die deutsche Regierung mit dem größten Eifer und, wie das letzte Wiener Telegramm zeige, mit Erfolg bemüht waren, zwischen Petersburg und Wien zu vermitteln. Die allgemeine Mobilmachung der russischen Armee könne bei uns nur dahin aufgefaßt werden, daß Rußland durchaus den Krieg wolle, sie werde daher in Deutschland „einen Orkan entfesseln". Herr Ne - r a t o w war durch meine Ausführungen sichtlich betroffen. Er erwiderte nichts, sondern beschränkte sich darauf, mir zu sagen, er werde dem Minister von meinen Eröffnungen Kenntnis geben.
Auf die Botschaft zurückgekehrt, ließ ich den in Peterhof befindlichen Herrn Sasonow an das Telephon bitten und schilderte ihm kurz die Wirkung, welche die russische Mobilmachung zweifellos bei uns ausüben werde. Da mir der Minister auf meine telephonische Mitteilung nur mit einigen nichtssagenden Bemerkungen geantwortet hatte, faßte ich den Entschluß, mich direkt beim Zaren anzumelden, um ihm den Ernst der Lage selbst vor Augen zu führen. Nach kurzer Zeit erhielt ich auf meine Anfrage vom Flügeladjutanten vom Dienst die telephonische Mitteilung, daß ich mit dem nächsten Zug erwartet würde.
In Peterhof angekommen, wurde ich im kleinen Palais Alexandria vom Z a - ren in seinem kleinen Arbeitszimmer empfangen.
Seme Majestät kam mir sehr freundlich entgegen und fragte mich, was ich brächte. Ob ich einen Auftrag aus Berlin hätte. Ich verneinte diese Frage und erklärte, ich hätte in dieser ernsten Stunde von meinem Vorrecht als Botschafter Gebrauch machen zu dürfen geglaubt und mich aus eigenem Antrieb direkt bei Seiner Majestät angemeldet. Mein Wunsch sei, dem Kaiser offen den Eindruck zu schildern, welchen nach meiner Ueberzeugung die allgemeine russische Mobilmachung in Deutschland Hervorrufen müsse.
Ich schilderte diesen Eindruck ungefähr mit denselben Worten, wie ich es dem Ministergehilfen Ne- ratow gegenüber getan hatte, und betonte besonders, daß die Mobilmachung eine Bedrohung undHerausforderungDeutsch- lanbs bedeute und zugleich — da sie in dem Augenblick erfolge, wo unser Kaiser eifrig bemüht sei, zwischen Rußland und Oesterreich zu vermitteln — als eine Beleidigung Seiner Majestät angesehen werden müsse.
Der Zar ließ mich ruhig aussprechen, ohne durch irgendeine Miene zu verraten, was in seinem Innern vorging. Er erwiderte auf meine Ausführungen zunächst nur: „Vous croyez vraiment?" („S i e glauben wirkli ch?") Ich hatte den Eindruck daß der hohe Herr entweder in ungewöhnlichem Maße die Gabe der Selbstbeherrschung besitzen müsse, oder aber trotz meiner sehr ernsten Ausführungen den vollen Ernst der Lage noch nicht erfaßt habe.
Als ich bemerkte, daß das einzige, was nach meiner Ueberzeugung jetzt vielleicht noch den Krieg verhindern könne, die Zurückziehung der Mobilmachungsordre sei, erwiderte der Kaiser, ich müsse, da ich selbst Offizier gewesen sei, einsehen, daß ein Aufhalten der erlassenen Befehle „aus technischen Gründen nicht mehr möglich" sei.
Der Kaiser zeigte mir darauf ein Telegramm an unseren Kaiser, das er im Begriff sei abzuschicken, sowie einen angefangenen Brief an Seine Majestät, in welchem er seinen Standpunkt darlegte. Ich erlaubte mir zu bemerken, daß es nach meiner Ueberzeugung für solche schriftlichen Auseinandersetzungen, wie die Dinge jetzt lägen, zu spät sei. Der Zar ging dann zu einer allgemeinen Besprechung der Lage über und wies, unverkennbar von Sasonow inspiriert, auf die Notwendigkeit hin, daß wir auf Oesterreich-Ungarn einen starken Druck ausübten. Der Monarch machte dabei eine bezeichnende Handbewegung. Dieser Druck sei für die Ruhe Europas dringend notwendig. Ich erwiderte, der mäßigende Einfluß, den^wir auf Oesterreich-Ungarn ausübten, habe sich während des Balkankrieges wiederholt gezeigt und sei auch von Rußland anerkannt worden. Eine gewaltsame Pression auf Oesterreich-Ungarn auszuüben, könne man uns aber nicht zumuten.
Der Kaiser schwieg zu meinen Ausführungen, die anscheinend kein Verständnis bei ihm fanden.
Ich machte darauf noch einen Versuch, den Kaiser darauf aufmerksam zu machen, welche Gefahren dieser Krieg für das monarchische Prinzip bedeute. Seine Majestät gab das zu und bemerkte schließlich, er hoffe, daß sich doch noch alles zum Guten wenden werde. Als ich darauf bemerkte, ich hielte diese Wendung nicht für möglich, wenn die russische Mobilmachung nicht angehalten werde, zeigte der Kaiser nach oben mit den Worten: ,Dann kann nur noch Einer helfen!'
Seine Majestät entließ mich darauf mit einigen sehr gnädigen Worten, indem er mir noch ausdrücklich dankte, daß ich gekommen fei, um mich ihm gegenüber offen auszusprechen . . "
AatwnenMgeistigenWMamp
Von Hans Hartmann.
Eine Fülle von Nachrichten, die es mit der Olympiade 1936 zu tun haben, sucht nun täglich den Weg zum deutschen Leser und Hörer. Die Spannung wächst von Stunde zu Stunde das besondere Interesse eines jeden kristallisiert sich heraus, und jeder muß anfangen, ein wenig mit der Fülle des Materials hauszuhalten; denn alles kann keiner verfolgen und vieles wird er geschehen lassen müssen, ohne daß er Notiz davon nimmt.
Manchmal mag auch die Aufnahmebereitschaft für die rein sportlichen Dinge ermüden (um dann freilich nur um so heftiger wieder aufzuleben.) In solchen Augenblicken sei der Sinn auf einige mit idem Olympia unmittelbar zusammenhängende Er- .eignisse hingelenkt, die ohne Zweifel von besonde- trer kulturgeschichtlicher Bedeutung sind. Wir rnei- men damit den Kunstwettbewerb, das „geistige Olympia". f ™
Der Wiedererwecker der Olympischen Spiele, Baron de Coubertin, hat von Anfang an den »vundervollen altgriechischen Gedanken der Einheit unb Harmonie von Körper und Geist gepflegt, cs ßollten mit den rein sportlichen Wettkämpfen auch künstlerische verbunden werden. Das sollte zugleich eine Weiterentwicklung des altgriechischen Olympia bedeuten. Eine mechanische Wiederbelebung dessen, «was vor 2000 Jahren geschah, läge ja auch nicht im Sinne eines rechtoerstandenen Kulturbegriffes. Zwar hatten auch die altgriechischen Olympischen Spiele eine gewisse Beziehung zur Kunst. Die Sieger konnten sich Denkmäler setzen lassen. In der Späteren Zeit, als die Spiele als Ganzes schon dem Verfall entgegengingen — im 3ahre 393 unserer Zeitrechnung wurden sie ganz aufgehoben — tau®» tten auch Redner, Dichter, Bildhauer m Olympia aus, um ihre Künste zu zeigen und den Spielen eine künstlerische Umrahmung zu geben.
Aber zu einem Wettbewerb der Nationen kam 25 nicht. Das ist das entscheidend Neue, ®as Olympischen Spiele des 20. Jahrhunderts gebracht haben. Die Alten konnten es schon darum nicht, weil die Idee der Nation ganz fehlte- Ur- prünglich waren die Olympischen Sp'ele eme rem griechische Angelegenheit. Sie waren den „Ba Daren", den Orientalen unverständlich, ^^se waren auf eine mehr weichliche Lebenshaltung gerichte and die strenge spartanische Art berührte sie fremd. Der Gedanke, daß der Mensch seinen Lebenssinn Darin finde, sich auszubilden, und 3®ar beibe5 au5s Unbilden, Körper und Geist, war den Griechen eigentümlich, ja sie bedeutete die eigentlich gne- ^^pät^freillch^ änderte sich das. Das Römerreich nahm von Griechenland Besitz und prägte allen zriechischen Kulturerscheinungen, also auch den
Olympischen Spielen, seinen Stempel auf. Das Römerreich aber war nicht auf der Idee selbständiger, nach eigener Art und eigenem Geschick geformter Nationen errichtet. Es beruhte vielmehr auf der Völkermasse — man nennt sie manchmal unschön, aber treffend „Völkerbrei" — einer Masse, die weiter keine Eigenart hatte, als daß alle von Rom aus regiert, organisiert und „befriedet" wurden; das war die berühmte Pax Romana, der römische Friede, der oft, aber durchaus nicht immer Kirchhofsfriede war. Denn er bedeutete ein genial erdachtes System,,den einzelnen und den landschaftlich gegliederten Völkerschaften eine gewisse Freiheit zu lassen, wenn sie nur den römischen Kaiser anerkannten.
Hier also war der Gedanke eines nationalen Wettbewerbs unmöglich. Er beruht ja darauf, daß es ein nationales Erbgut gibt, das sich in den mannigfaltigen Farben der Kultur entfaltet: in Baukunst und bildender Kunst, in Musik und Dichtkunst, in Wissenschaft und staatlicher Formung. Die Voraussetzungen dafür schufen erst die letzten Jahrhunderte, die einen unaufhaltsamen Gang, Stufe für Stufe, zum nationalen Erwachen der Völker bedeuten. Das 19. Jahrhundert hat diese Entwicklung zu einem gewissen Höhepunkt, wenigstens zu einer gewissen Klarheit gebracht, freilich noch nicht zum Abschluß; vielmehr glauben wir Deutschen, oaß erst mit den national erwachten und gefestigten und wirklich eigenständigen Staaten eine nationale Kultur, die diesen Namen verdient, möglich ist. Immerhin trat schon im Laufe der letzten Jahrzehnte die Erkenntnis in den Vordergrund, daß es national bestimmte Kulturen gebe. Der große Deutsche Herder ist hierin führend gewesen. Man sah: es gab eine eigenartige französische Malerei. M i 1= I e t, Cezanne, van Gogh waren Männer anderen Typs als Leibl oder Lenbach oder B ö ck l i n. Die japanische Malerei, viel beachtet und immer wieder in Ausstellungen in Europa gezeigt, war wiederum etwas durchaus anderes. Natürlich blieben die Leute nicht aus, die grundsätzlich nur für das Ausländische, das Exotische — das heißt: das möglichst Fremdartige — aufgeschlossen waren. Daher verfiel das Bewußtsein für die Werte der eigenen Kultur und Vergangenheit in weiten Kreisen, und heute muß es mit vieler Mühe wieder erweckt werden.
In gleicher Weise trat die Eigenart etwa der slawischen Dichtung ins Bewußtsein der Zeit. Puschkin, D o st o j e w s k i, T o l st o i waren eine Welt für sich. Und nicht anders ging es auf dem Gebiete der Musik. Die italienische Kunst etwa eines Verdi hob sich deutlich gegen die eines Brahms oder Wagner ab. Nordische Musiker wie Grieg oder Atterberg oder Sibelius bedeuteten wiederum eine Welt für sich, ebenso wie die russische Musik eines Borodin, Rimski- Ko r s a k o w oder Strawinski.
iederbesehung der Dardanellen.
In diesen Tagen besetzten die Türken wieder die Halbinsel Gallipoli und die Dardanellenufer. Die Truppen wurden in der entmilitarisierten Zone mit großer Freude und Begeisterung empfangen.
Man sieht sie hier beim Einzug in ein Fort der Dardanellen. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
WO
Die Arbeit des „Reichsiustituts für Geschichte des neuen Deutschlands".
Eine Unterredung mit Professor Dr. Walter Frank.
Das „Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands" bringt soeben die „I n - struktion Friedrichs des Großen für feine Generale von 1747" heraus. Das Werk ist „dem Schöpfer der neuen deutschen Wehrmacht Adolf Hitler" gewidmet. Gleichzeitig veröffentlicht das Institut die Heidelberger Reden vom Reichswissenschaftsminister Rust und Prof. K r i e ck. Der Leiter des Instituts, Prof. Dr. Walter Frank, empfing aus diesem Anlaß den Hauptschriftleiter der „Kulturbeiträge" zu einer Unterredung. Die Frage nach dem Sinn der Widmung beantwortete Dr. Frank zunächst mit dem Hinweis darauf, daß die Herausgabe der bisher unbekannten Instruktion von 1747 einem längst bitter empfundenen Bedürfnis der Wissenschaft entsprang. Der Mitarbeiter des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands", Geheimrat Prof. Rich. Fester, der sich als Kenner der Geschichte Friedrichs des Großen bereits früher einen Namen gemacht hat, hat auch diese neue Aufgabe mustergültig gelöst, lieber das rein wissenschaftliche Bedürfnis hinaus aber wollte das Institut durch die Widmung zum 15 0. Todestage Frie drichs des Großen ein Bekenntnis zum Führergedanken und zu unserem Führer Adolf Hitler ablegen. Prof. Frank wies darauf hin, daß in der Person Adolf Hitlers und feinem Schicksal die lebendige Verbindung preußisch-soldatischer Zucht und süddeutschen Künstlertums für das neue Deutschland hergestellt worden ist und daß der symbolische Akt in der Potsdamer Garnisonkirche vom März 1933 ein Bekenntnis zu hem war, was an dem großen Friedrich ewig jung und ewig lebendig bleibt: zurKraftdesgenialenFührer-
tums. Diesem Führertum wollte das Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands huldigen.
Prof. Dr. Frank legte weiter dar, daß die neue Wissenschaft sich der G e i st e s h a l t u n g des Soldatentums innerlich verwandt fühlt. So, wie der „Soldat" auch die geistigen Güter der Nation mit feiner Waffe schützt, so wird der „Geistige" dem kämpferischen Lebenswillen seines Volkes, den der „Soldat" verkörpert, seine geistige Rechtfertigung mitfchaffen helfen. Dieses Verhältnis hat, woran Prof. Frank ergänzend erinnerte, kürzlich auch feinen äußeren Ausdruck darin gefunden, daß der Reichskriegsminister und Oberbefehlshaber der Wehrmacht besondere Vertreter der drei Wehrmachtsteile in den Sachverständigenbeirat des Reichsinstituts entsandt hat.
Die Frage nach der Bedeutung der Veröffentlichung der Reden, die Reichsminister R u st und Professor K r i e ck gelegentlich der Jubelfeier der Heidelberger Universität gehalten haben, beantwortete Professor Frank zunächst mit dem Hinweis darauf, daß hier der verantwortliche Leiter der deutschen Wissenschaftspolitik und einer der führenden Denker der neuen deutschen Wissenschaftslehre erstmalig vor einem internationalen Forum sprachen. Was R u st und K r i e ck grundsätzlich formulierten, das muß im nächsten Jahrzehnt durch Einzelheiten auf allen Gebieten in seiner Fruchtbarkeit und inneren Wahrheit erwiesen werden.
Dem Reichsinstitut fällt dabei eine besondere Aufgabe zu. Bei feiner Gründung hat der Reichswissenfchaftsminister in einem Erlaß erklärt: „Ich bin aufs tiefste überzeugt, daß gerade der Geschichtsschreibung heute eine besondere nationale
So trafen zwei Ströme zusammen, die um 1900 die Idee eines kulturellen Wettbewerbes der Nationen möglich erschienen ließen: einmal der durch die Olympischen Spiele geschaffene Rahmen, das „internationale Forum", auf dem sich die Nationen treffen können, wo sie sich „begegnen" im wahrhaften Sinne des Wortes: das heißt, wo sie sich in die Augen schauen,, jede erfüllt von dem Bewußtsein ihrer eigenen Art, jede in dem Gefühl, aufgerufen zu sein zur höchsten Leistung, jede bereit, ihr Letztes einzusetzen, um vor der Welt mit den Werken ihrer geistigen Kultur in Ehren zu bestehen.
Zweitens aber sind es nun wirklich geformte Nationen, die zum Wettkampf antreten, nicht mehr der antike „Völkerbrei". Wenn unsere Preisrichter jetzt zwischen deutschen, amerikanischen, französischen, italienischen und anderen Kunstwerken zu entscheiden haben, so wissen sie, daß ein jedes dieser Kunstwerke auf dem Boden eines Volkstums erwachsen ist, das einen Eigenwert in sich selbst darstellt.
Diese Erkenntnis macht nun freilich das Amt des internationalen Preisgerichts für die besten Bau- und Bildwerke, die besten Musikwerke und die besten Dichtungen ganz besonders schwer und verantwortungsvoll. Denn diese Männer aus Deutschland, Oesterreich, Schweden, Italien, Polen, Finnland, Holland und der Schweiz wissen genau: einen allgemeinen objektiven Maßstab gibt es nicht, nach dem man feststellen könnte, daß ein polnisches Gedicht schöner sei als ein holländisches, eine italienische Hymne schöner als eine dänische. Was möglich ist, was erstrebt werden muß und was diesem olympischen Kunstwettbewerb, die große kulturgeschichtliche Bedeutung verleiht, ist dagegen dies: man wird erkennen, wie sehr es den einzelnen Künstlern gelungen ist, auf Grund ihrer nationalen Eigenart die einmalige und unwiederholbar ist, Dinge auszusprechen, die alle Völker heute bewegen.
Das Thema für den Kunstwettbewerb ist gegeben: Das Werk muß der olympischen Idee dienen. Diese ist nun freilich sehr weit gefaßt. Die Werke der bildenden Kunst müssen einen sportlichen Voraang darstellen. Dabei kann aber der Nachdruck ebenso sehr auf dem Einzelkämpfer feine gestrafften Haltung, seinem Willen zum Siege, seiner Methode im Kampfe ruhen wie auf einer Massenszene. Die Dichtungen werden die olympische Idee als solche verherrlichen, und dabei kann ebenso sehr das sportliche Einzelereignis wie die Darstellung der Welt des Sportes wie auch die Idee der Einheit von Seele und Leib im Mittelpunkt stehen. Bei der Musik endlich ist der Rahmen wohl am weitesten gefaßt. Neben Einzugsmärschen oder musikalischen Ausdeutungen des Kampfes und Kampfwillens steht die Möglichkeit, den heldischen Gedanken an sich in Tönen zu erfassen. So ist das Feld für den geistigen Wettkampf weit abgesteckt. Und
die Nationen werden sicher eine Fülle von Werken zeigen. Die musikalischen und dichterischen Werke sind von den Preisrichtern bereits bestimmt, an den musikalischen wird bereits geübt, um sie der Weltöffentlichkeit im Laufe der Olympischen Spiele zu Gehör zu bringen. Aber bekannt sind sie zunächst nur einem kleinen Kreis Eingeweihter. Das Element der Ueberraschung darf und soll nicht fehlen. Es wird die Stunde 'kommen, wo die Nationen in ihren besten Schöpfungen sich dem Urteil der ganzen Welt stellen. Hoffen wir, daß überall die rechte Aufgeschlossenheit herrsche und daß das Urteil so gerecht wie möglich ausfalle.
Es ist von Interesse, einen kurzen Rückblick auf die früheren Kulturwettbewerbe bei den Olympischen Spielen zu werfen. Nach schwächeren Versuchen 1912 in Stockholm und 1924 in Paris dürfen erst die Kunstwettbewerbe von Amsterdam 1928 und Los Angeles 1932 ernstere Aufmerksamkeit beanspruchen. In Amsterdam hat Deutschland gut abgeschnitten. Die Werke der Städtebaukunst brachten den ersten und dritten Preis zwei Deutschen, den zweiten einem Franzosen. Bei den Werken der Baukunst dagegen gingen die Preise nach Holland, Dänemark und Frankreich. In der Dichtstunst fielen unter sieben verteilten (von neun ausgesetzten) Preisen zwei nach Deutschland. Bemerkenswert ist, daß unter neun ausgesetzten Musikpreisen nur einer verteilt wurde, ein Zeichen, daß man keineswegs gewillt ist, die Preise zu verschleudern, sondern daß man den strengsten Maßstab anlegt. Aus diesem Grunde hat auch der deutsche Musikausschuß nur vier von über 100 eingereichten Werken zum internationalen Wettbewerb angemeldet und zum Beispiel in der Gruppe II (Instrumental- und Kammermusik) feines der eingereichten Werke für würdig befunden.
In der Gruppe der bildenden Kunst wurden in Amsterdam alle 15 ausgesetzten Preise verteilt und Deutschland konnte fünf davon für sich buchen. In Los Angeles erhielt Deutschland von 25 verteilten Preisen nur drei. Den Löwenanteil der Preise erhielten die Amerikaner.
Durch eine strenge Auswahl ist Vorsorge getroffen, daß Deutschland nur mit wertvollen Kunstwerken in Erscheinung tritt. Darum dürfen wir als Deutsche. Hoffen wir, daß mehrere unserer Volksgenossen als Sieger hervorgehen. Sie werden damit dem deutschen Namen genau so dienen wie die, die als Sportler ihren Sieg an die deutschen Fahnen heften. Sie werden darüber hinaus aber ein Werk für die Verständigung der Völker tun; denn während — man kann sagen: leider — der Eindruck der sportlichen Siege nicht plastisch wiederholt werden kann, werden die Werke der drei Kunstarten dauern, sie werden noch oft die Nationen erfreuen, und sie werden zu einem Spiegel ihrer nationalen Eigenart, also zu wirklichen Kulturwerten, werden können.


