Ausgabe 
27.6.1936
 
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Oer Berufsnachwuchs.

Bon Prof Or. Bruno Rauecker

Auf keinem Gebiet der Sozialpolitik hat das Vv- bevalistische Prinzip sich so schädlich ausgewirkt wie in der Berufs, und Arbeitseinsatzpolitik. Zwischen der .,A r b e i t s m a r k t p o l i t i k" im alten Sinne des Wortes, die sich lediglich auf den räumlichen und sachlichen Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage beschränkte, und der Berufswahl und Berufsberatung klaffte ein durch die Verschiedenartigkeit ihrer Zielsetzung bedingter und deshalb unüberbrückbarer Gegensatz. Während die Arbeitsmarktpolitik ausschließlich den rationalen und ökonomischen Zwecken der Wirtschaft diente soweit sie nicht von den jeweils stärkeren Interessen­gruppen zu politischen Zwecken mißbraucht wurde, nahm die Berufsnachwuchspolitik, dem Hang der Zeit zu übermäßiger Psychologierung ent­sprechend, unter Zuhilfenahme aller der Hilfsmittel der angewandten Psychologie und Psychotechnik bis zur Auflösung aller energetischen Einheit auf die seelischen Besonderheiten des einzelnen Bedacht. Von einer Ausrichtung beider Maßnahmen, der Arbeitsmarktpolitik", wie der Berufspolitik auf ein höheres, sie beide gleichschaltendes Ziel, auf das Wohl und die verhältnismäßige Ordnung der Volks­gesamtheit war keine Rede. Soweit eine planmäßige Berufslenkung überhaupt in Frage kam, geschah dies unter dem Gesichtspunkt einer rationalen Steuerung des Nachwuchses, um die Ueberfüllung oder Verknappung in diesen oder je- nen Berufen zu vermeiden.

Ein auf dem Ganzheitsprinzip aufgebauter Staat wie das Dritte Reich mutzte dieser individua­listisch-mechanistischen Berufspolitik ein Ende ma- chen. Arbeitseinsatz und Berufsberatung wurden nach der Machtübernahme im wahrsten Sinne des Wortesorganisiert", das heißt in den Dienst der organischen Neugestaltung des deutschen Volkes und seiner Wirtschaft gestellt. Dazu war zweierlei nötig: Erstens die Ausrichtung des Arbeitseinsatzes nach volksbiologischen und sozialpolitischen Gesichts­punkten, und zweitens die enge Verknüpfung der Berufsnachwuchspolitik mit dem Arbeitseinsatz. Das erstere ist durch die Zentralisierung des Arbeitsein­satzes bei der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung geschehen, das zweite ist noch in der Schwebe. Durch die engere organi- satorische und technische Verbindung der Berufsbe­ratung und Lehrstellenvermittlung mit den Arbeits­ämtern ist die zentrale Steuerung der Berufsnach­wuchspolitik angebahnt, jedoch noch keineswegs ein­heitlich und planmäßig geregelt worden.

In der Tat find die Vorarbeiten für eine Berufs- Nachwuchspolitik äußerst schwierig und zeitraubend. Es bedarf zunächst einer gründlichen U m g e st a l - tung der Berufs-, Betriebs« und Be­völkerungsstatistik. Es bedarf ferner eines Ausbaues der berufskundlichen For­schung, die aus einer st a t i s ch e n , das heißt nur die gegebenen Verhältnisse berücksichtigenden Maß­nahmen zu einer dynamischen Berufskunde ausgebaut werden muß. So schwierig es in der libe- ralistischen Wirtschaftsordnung angesichts der fort­währenden Veränderungen im Wirtschaftsgefüge, in den Arbeitsverfahren, in der Berufsverschiebung war, Wirtschafts- und damit Berufsprognosen mit einiger Sicherheit aufzustellen, so sehr hat sich die Möglichkeit hierzu in einer teils unmittelbar vom Staate, teils von den berufsständischen Organen nach bestimmten nationalen und sozialistischen Grund­sätzen gesteuerten Wirtschaft verstärkt. Auch sind die am schwierigsten vorauszusehenden Einflüsse der weltwirtschaftlichen Entwicklung durch die teils gewollte, teils von außen erzwungene Autarkie der deutschen Wirtschaft bis auf weiteres ausgeschaltet worden. Einzelne Beispiele dafür, wie selbst in einer noch ungeordneten Wirtschaft Berufsprognosen mit einiger Sicherheit gestellt werden konnten, finden sich in dem von der Reichsanstalt im Jahre 1927 her­ausgegebenen Handbuch der Berufe. Bei der Dar­stellung des Tafelglasmacherberufs zum Beispiel wird darauf aufmerksam gemacht, daß die Einfüh­rung des maschinellen Tafelglasziehverfahrens in kurzer Zeit den Bedarf an gelernten Tafelglas­machern verringern würde. Tatsächlich hat die Ent­wicklung diese Vorhersage in vollem Umfange be­wahrheitet.

Die Hauptgrundlage für eine planmäßige Berufs­nachwuchspolitik bilden die unmittelbaren B e - ft a n d s a u f n a h m e n bei Gelegenheit der Be­rufszählungen. Da ihre Ergebnisse jedoch erst nach längerer Zeit veröffentlicht w.-rden kön­nen die Verarbeitung des Materials nimmt er­fahrungsgemäß 3 bis 4 Jahre in Anspruch, die Er­gebnisse der Berufszählung vom Juni 1933 werden beispielsweise erst jetzt bekanntgegeben sind sie für die Praxis der Berufsnachwuchspolitik nur be- fchränkt verwertbar. Hier bedarf es einer Ergän­zung der periodischen Zählungen durch die B e - rufsfortschreibung, die von den statistischen Aemtern ebenso gehandhabt werden könnte wie die Fortschreibung des Bevölkerungsstandes. Die Unter­lagen hierfür könnten von den Organisationen der Wirtschaft und Arbeit, die für ihre Zwecke ohnedies meist fortschreibende Berufsstatistiken führen, un­schwer beschafft werden Zu denken wäre auch an eine beschleunigte Veröffentlichung der Ergebnisse der periodischen Zählungen durch die örtlichen stati­stischen Aemter, da ja der Arbeitseinsatz und die Berufsnachwuchspolitik sich im wesentlichen nach t)en örtlichen Verhältnissen richten.

Wesentliche Dienste würde der Berufsnachwuchs­politik ferner eine erweiterte Betriebssta­tistik leisten, die mit den Statistiken der Gewerbe­aufsichtsbeamten unschwer vereinigt und zu einer Betriebs-Sozkalstatistik ausgebaut werden könnte. Aus ihr würden sich wichtige Angaben über die Dauer der Betriebszugehörigkeit der Gefolgschaft, die Urlaubsfestsetzung, die Lohnformen (Gewinnbe­teiligung, Wochenlohn) usw. entnehmen lassen, die wiederum Rückschlüsse auf die soziale Zuverlässig, feit des Betriebsführers gestatten und insoweit für die Berufsberatung von größter Bedeutung sein würden. In diesem Sinne hat der Präsident des bayeri chen statistischen Landesamtes, Professor Dr. Zahn, bereits auf der letzten Reichstagung der deutscher Statistiker in Dresden einen lohnstatistl- schen Eildienst gefordert.

Besonders wertvoll für die Berufsnachwuchspol:- tik wird weiterhin die für den 1. Oktober d. I. m Aussicht genommene Handwerks st atl st lk sein. Das Handwerk ist nicht nur immer noch rein zahlenmäßig das wichtigste Rekrutierungsgebret für den beruflichen Nachwuchs auch in der Industrie, sondern die Ausbildung in ihm fördert auch die prsportionierlichste Bildung" aller Kräfte, jenes Nicht-zu-eng" undNicht-zu-wett , wie Goethe es im Wilhelm Meister als das Ideal jener Menschen- bildung überhaupt hingestellt hat. Schließlich wird für eine planmäßige Berufsnachwuchspolltik auch das für die Mehrzahl der Berufe bereits ausge­stellte Arbeitsbuch von Bedeutung fern. Aus ihm lassen sich, wenn erst einmal eine systematische

tunnfirk 1us. ' s. .Eintra aungen

möglich sein wird, die mannigfaltigsten Schlußfolge. gW« °ul die Berufsaussichten, die sozialen D?r- haltmsse und unterschiedlichen Betätigungsmöglich- ketten m, den einzelnen Berufen ziehen.

Natürlich kann eine planmäßige Auswertung der riv» 'etneb5s und Gewerbeaufsichts- usw. Sta- tlstik durch die Berufsnachwuchspolitik erst dann er- folgen, wenn der Partikularismus des Bered), tlgungswesens und der Berussausbil- o u n g endgültig und überall beseitigt ist. Daß dies

ut-rW keineswegs allenthalben der Fall ist, er- Acht sich aus den Schwierigkeiten, die der Verein- Yeitlichung des Berufsausbildungswesens entgegen» ftepen. Trotz der weitgehenden Vereinheitlichung des Neiches haben wir auch heute noch kein einheitliches -verufsausbildungsgesetz. Auf dem Gebiete der Der- emhettlichung des Berechtigungswesens ist durch den Nationalsozialismus zwar schon sehr viel er­reicht worden man bedenke, daß vor der Macht­übernahme nur fünf Berufe: der Beruf der Aerzte, Tierarzte, Apotheker und Nahrungsmittelchemiker reichsrechtlich geregelt waren, während für alle an- oeren Berufe landesrechtliche Bestimmungen galten, daß em bayerischer Volksschullehrer nicht in Preu­ßen, em sächsischer Referendar nicht in Thüringen angestellt werden konnte, usw. von einer rest­losen Vereinheitlichung des Berechtigungswesens

kann indessen auch heute noch keine Rede sein. Auch ist der Berechtigungsfimmel aus manchen Köpfen immer noch nicht ausgerottet. Die Vorstel­lung, daß ein Frifeur oder Mechaniker mit Unter­sekundareife subtilere Hände und einen größeren Arbeitseifer besitzen müsse, als einer, der es nur bis zur Volksschulreife gebracht hat, spukt immer noch in zahlreichen Hirnen.

Sehr stark wird die Berussnachwuchspolitik auch auf die allgemeinen wirtschaftskulturellen Ziele Rücksicht nehmen müssen, die sich die Reichs­regierung gesteckt hat. Wenn erst einmal die Grund­lagen der in Angriff genommenen Reichsplanung oorliegen, wird es Aufgabe der Berufsnachwuchs. Politik sein, ihre Durchführung von der Seite der Berufslenkung und des Arbeitseinsatzes her plan­mäßig zu unterstützen. Darüber hinaus besteht für die Berufsnachwuchspolitik heute schon die Ver­pflichtung, sich der Nachwucbsfrage in der Land­wirtschaft mit ganz besonderem Nachdruck an- zunehmen, nicht nur, um den Arbeitermangel in der Landwirtschaft zu beheben, sondern vor allem, um der kulturellen und seelischen Werte willen, die der Beruf des Landwirts in sich birgt.Blut und Boden", diese beiden Grundwerte des National­sozialismus müssen auch für die Berufsnachwuchs­politik richtungweifend fein.

Die Königsjacht zur letzten Fahrt bereit.

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Die Rennjacht des verstorbenen Königs Georg von England wird, entsprechend dem letzten Willen des Königs, ohne Zeremonie ins Meer versenkt werden. Jedes Mitglied der Besatzung ist mit einem Andenken an die Königsjacht bedacht worden. Sir Philip H u n l o k e , der fast alle Rennen derBritannia" mitgemacht hat, wird das Schiff zur letzten Fahrt hinaussteuern. Londoner Schulkinder besichtigen noch einmal die Jacht des verstorbenen Königs. (Scherl-Bilderdienst-M.)

Geschichten aus aller

Welt.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

Die tanzende Ahnfrau.

(th) Neuyork.

In Winnipeg, im amerikanischen Staate Manitoba, feierte jüngst Frau Nancy Poitras ihren 103. Ge- burtstag. Die sonst von den Berichterstattern über solche Ereignisse bevorzugten schmückenden Beiworte von dergeistigen und körperlichen Frische und Rüstigkeit" des betreffenden Jubilars reichen bei dieser urfidelen alten Dame offenbar nicht aus, denn diese 103jährige führte selbst den Geburts- tagstanz mit einem derartig kräftigenSchottischen" an, daß alles staunte und ihr Tanzpartner völlig außer Atem kam. Hundert Enkel, drei Urenkel und zwei Ururenkel waren zuerst verblüfft und dann hellbegeisterte Zeuaen dieser überschäumenden Le­benslust ihrer Urahne, die sich noch recht gut der blutigen Zeiten der Jndianerkämpfe erinnern kann. Neber 1500 Stummfilmkinos in Amerika.

(th) Washington.

Das amerikanische Film Board of Trade ver­öffentlichte vor kurzem eine Statistik über die Licht­spieltheater in den Vereinigten Staaten, aus der hervorging, daß sich zur Zeit in Amerika 18 508 Lichtspieltheater mit einem Fassungsvermögen von 11308 041 Plätzen befinden. Da die Vereinigten Staaten 123 Millionen Einwohner zählen, so kommt auf etwa 11 Einwohner ein Sitzplatz. In Betrieb sind 15 378 Theater mit 10 098 920 Sitz­plätzen, eine Steigerung um 826 Theater gegenüber der gleichen Zeit des Vorjahres. 16 989 Theater sind auf Ton eingerichtet, so daß es in den Der- einigten Staaten noch insgesamt 1519 Stummfilm­kinos gibt, eine gewiß interessante Tatsache.

Der Pferdeschwanz-Dieb.

() Helsingsors.

Die Polizei und die Pferdekutscher der finnischen Hauptstadt suchen seit Wochen fieberhaft einen Langfinger mit seltsamen Diebesgelusten. Sowohl die Polizei wie auch die Kutscherinnung haben auf das Ergreifen des Diebes eine hohe Belohnung ausaefeüt Die Spezialität des Diebes ist es näm­lich, sich nachts in die Pferdeställe der Fuhrunter­nehmer usw. einzuschleichen und den Pferden die Schwänze abzuschneiden. Er sucht sich dabei als gewiegter Kenner die besten und schönsten Schwänze aus, die er dann am Tage offenbar an Polster- Werkstätten usw. verhökert.

Englandstoller Bömberg".

() London.

Der tolle Bömberg" ist bekannt als Berklä- rung eines miinsterschen Edelmannes von echt we,t- älilchem Schrot und Korn, der auf geiftesDolIe und einfallsreiche Art feinen Spaß mit den Leuten trieb. Auch England hatte einen i°>ch°n Spaß­macher, einen Grandseigneur der 30 Jahre lang die Engländer belustigte und vor kurzem färb Englische Zeitungen srischen hier u"d dort einige seiner Streiche auf und in der Tat: ®!r. ffilUiam Harare de Stiere Coles hat allerlei ge rieben, was feinen Ruf als Spaßmacher rechtfertigte. In Eam- bridge ließ er sich einstmals als Sultan von San-

fibar mit allen diesem zukommenden Ehren emp­fangen. Der Sultan weilte wirklich in London, als Cole durch Freunde der Oeffentlichkeit mitteilen ließ, daß er der Sultan Cambridge besuchen wolle. Der Universität wurde von dieser Absicht des hohen Gastes Kenntnis gegeben, es wurden alle Einzelheiten des Empfanges in fieberhafter Eile besprochen, und alles so festlich und eindrucksvoll wie möglich arrangiert. Der falsche Sultan wurde mit königlichen Ehren vorn Bahnhof abgeholt, Coles hörte sich, ohne eine Miene zu verziehen, die Rede des Bürgermeisters an, antwortete selbst in einem schrecklichen Kauderwelch und ließ das Ge­stammel, das keiner Sprache angehörte und nur der augenblicklichen Eingebung desSultans" ent» sprungen war, von einem mitgebrachten Dolmet­scher übersetzen, der ebenfalls toternst blieb. Vor der Büste der Königin Viktoria verneigte sich der Sultan und sagte etwas, was ungefähr wie Abasti el lakao di Bunge" geklungen haben mag, was der Dolmetscher wiederum mit einem ehr­fürchtigen Gruß an die Queen übersetzte. Auf der Straße lief er einst dem Kommandanten Locker- Lampson, Mitglied des Unterhauses, nach mit den Worten:Haltet den Dieb, er hat meine Uhr ge» stöhlen!" Locker-Lampson wurde auf das Polizei­revier gebracht, Cole mußte nachher aber eine Strafe bezahlen. Einer Dame der Gesellschaft, die imRitz" einen Tanzabend veranstaltete, aber Cole nicht eingeladen hatte, spielte er aus Rache einen Streich. Cole verkleidete sich als Arbeiter, erschien mit ein paar Freunden im gleichen Ge­wand vor demRitz" und begann unverzüglich die Straße aufzureißen, so daß die Polizei den Ver­kehr umleitete. Es entstand ein furchtbarer Wirr­warr unter den umfahrenden Autos der Gäste, die Mühe hatten, ihre Wagen nachher wiederzufinden. Am anderen Tage merkte die Polizei, wer ihr hier einen Streich gespielt tjatte. und die genarrten Gäste der Dame ebenfalls.

Holländischer Bauernschwank.

(an) Amsterdam.

In einem Dorf in der Nähe von Almelo (Pro­vinz Over-Mel) besuchte an einem der letzten Sonntage der Bauer v. L. den Bauern L. und er­blickte in dessen guter Stube während des Ge­sprächs einen wunderbaren Spazierstock mit silber­nem Griff, auf den er sofort lüstern wurde. Er erfuhr, daß L. diesen Stock vor kurzem von einem feiner Schwiegersöhne zum Namenstage geschenkt erhalten habe, und äußerte den Wunsch, ihn käuf­lich zu erwerben.

L. meinte jedoch, der Stock fei ihm für kein Geld der Welt verkäuflich, aber er fei bereit, ihn unter einer gewissen Bedingungen seinem Freund und Kollegen zu schenken. Nach dieser Bedingung ge­fragt, erklärte er, er werde den Stock umsonst über­geben, wenn er vorher v. L. fünf kräftige Schläge über die für solche Prozeduren von altersher bevorzugte Fortsetzung des Rückens verabfolgt habe. v. L., der wirklich in den schönen Stock vernarrt war, willigte eifrig in diese eigenartige Bedingung ein und bückte sich. Tatsächlich auch zog ihm L. bedächtig mit aller Kraft vier heftige Schläge über, einen nach dem andern, und jeder von einer Intensität, die für jeden gefunden Mann ausgereicht hätte. Der

fünfte Schlag jedoch unterblieb. Und unterblieb auch, als o. L., der die Prügel mit seltenem Herois­mus hatte über sich ergehen lassen, darauf drängte. Sein Widerpart verschloß den Stock in seinen Schrank und erklärte grinsend, auf den fünften Schlag könne v. L. noch jahrelang warten. Fünf Schläge aber seien ausgemacht und der Stock daher immer noch fein Eigentum. Der wütende v. ü., der nun schon die vier Stockschläge eingesteckt hatte, wandte sich nun wutschnaubend ans Gericht und sorgte auf diese Art dafür, daß er zum Schaden auch noch den Spott auf sich zog.

Nach acht Jahren...

(in) Paris.

Vom Zivilgericht in Antibes an der französischen Riviera ist eine tote Frau zur Zahlung von rund 3000 Mark Schadenersatz an einen toten Mann verurteilt worden. Vor acht Jahren fuhr Frau Paulette Revertegat in Antibes mit ihrem Kraft­wagen dem des Herrn Vincent Lombardi in die Flanke, dessen Wagen dabei in die Binsen ging. Frau Revertegat sowohl wie Herr Lombardi mür­ben dabei erheblich verletzt und mußten vorüber­gehend bas Krankenhaus aufsuchen. Aber schon vom Bett aus leiteten beide ihre gerichtlichen Schaben­ersatzforderungen ein, und beide Prozesse begannen. Der Anspruch der Frau mürbe aüerbings sehr bald schon enb gültig zurückgemiesen, ber Lombardis lief weiter. Lief weiter mit neuen Erhebungen, Zeugen­vernehmungen, Sachverständigenberatungen, Lokal­terminen, Gutachtenbeschaffungen usw. usw., und darüber starben 1931 Frau Revertegat und 1934 Herr Lombardi. Die in Gang gefetzte Mühle der Justiz jedoch ließ sich durch den Tod der beiden Gegner nicht mehr aufhalten, und jetzt endlich wurde das Urteil gesprochen. Es wird für alle Zeiten unwirksam bleiben, da beide Gegner so gut wie mittellos und ohne Erben gestorben sind.

Spiel des Zufalls.

(rn) Rom.

Der Zufall hat es auch am Rande gleichsam des italienisch-abessinischen Krieges nicht unterlassen kön­nen, sein Spiel zu treiben. Beweis: Das Beispiel des italienischen Unteroffiziers Enio Gianetti, der kurze Zeit vor dem siegreichen Abschluß des Krie­ges noch gefallen und in abessinischer Erde begraben worden ist. Gianetti stammte aus dem kleinen Dörfchen Jrna in der suditalienischen Provinz Basi­licata. Als er kurz vor der Abreise eines Truppen­teils nach Afrika noch einmal seine Verwandten besuchte, um von ihnen Abschied zu nehmen, mar er voller freudiger Zuversicht und behauptet, be­stimmt zu wissen, daß er Jrna Wiedersehen werde. Als er dann, nachdem er den ganzen Feldzug gut überstanden hatte, mit einer Dorhutsicherung in ein kleines Städtchen östlich von Addis Abeba ein­rückte, wurde er aus dem Hinterhalte von einem der wenigen sich noch zur Wehr setzenden abessini­schen Plänkler erschossen. Er war gleich tot und wurde noch am selben Tage in dem Städtchen von feinem Regiment in feinem Soldatengrab beigesetzt. Das Städtchen aber, das sogar auf der Landkarte zu finden ist, heißt Jrna.

Die siamesischen Zwillinge in Budapest.

(pk) Budapest.

Vor einigen Wochen trafen in Budapestdie zu­sammengewachsenen Zwillinge Conchita und Maria" ein. Ein bekannter ungarischer Artist und seine Frau sollten sie aus Spanien mitgebracht haben. Gleich am Bahnhof veranstaltete ein geschäftstüch­tiger Manager namens Jaminszky einenPresse- Empfang", auf dem die neuen siamesischen Zwillinge vorgestellt wurden. Jaminszky erklärte dabei, man habe die unglücklichen Mädchen auf einer Wunder- Menschen-Börse in Spanien für tausend Pengö ge­kauft. Im Budapester Volkspark durfte jeder die neuen siamesischen Zwillinge für 10 Heller betrach­ten. Dem Mitarbeiter einer Budapester Abendzei­tung, der an demPresse-Empfang" teilgenommen hatte, kam die Geschichte doch etwasspanisch" vor. Er beschloß also, den Dingen nachzugehen. Zunächst hatte er selber versucht, die beiden Mäd­chen von einander zu trennen, worauf beide als­bald furchtbar zu schreien anfingen. Er hätte seinen Verdacht fast aufgegeben, wenn nicht die Umgebung, in der sich die beiden Mädchen bewegten, einen so vertrauenerweckenden" Eindruck gemacht hätte. Schließlich gelang es ihm auch, die beiden Zwil­lingein getrenntem Zustande" zu überraschen, als sie gerade einen freien Tag hatten. Und da platzte die Bombe. Der Artist und seine Frau, die die Mädchen angeblich aus Spanien mitgebracht hatten, hatten zufällig Verwandte in Barcelona. Von dort ließen sie sich einen Brief schreiben, in dem die An­kunft derZwillinge" angekündigt wurde. Diesen Brief legte Jaminszky dem Ungarischen Artistenver­band vor, worauf man den großartigen Empfang auf dem Bahnhof inszenierte. Eine Station vor Budapest setzte man dieZwillinge" in den Wiener Schnellzug, um sie dann auf dem Hauptbahnhos gebührend zu empfangen.Technisch" hatte man das Problem höchst einfach gelöst: man hatte die beiden Mädchen mit Gurten zusammengebunden und ihnen einen schwarzen Mantel umgehängt. Man klebte die beiden Mädchen vor Untersuchungen mit Kollodium, Mastix und englischem Pflaster so geschickt an den Hüften zusammen, daß der Betrug zunächst nicht entdeckt wurde. Für dieseProzedur" hatte man sich einen Spezialisten vom Theater kommen lassen. Als man die Mädchen, die die gut ungarischen Namen Ella Horvath und Teri Kovacs tragen, ingetrenn­tem Zustande" überraschte, gaben sie an, daß man sie jedesmal so gut zusammengeklebt hätte, daß man sie mehr oder weniger auseinandersägen mußte. Deswegen hatten sie auch so furchtbar geschrien, als der Journalist versucht hatte, sie zu trennen.

Nur den Puls gefühlt.

(zn) Belgrad.

Beim Pförtner eines Krankenhauses in Agram erschien dieser Tage ein gut angezogener junger Mann und bat um die Erlaubnis, einen seiner Privatpatienten zu besuchen, der seit wenigen Tagen in dies Krankenhaus übergeführt worden fei. Der Pförtner, dem die Höflichkeit des jungen Arztes schmeichelte, führte ihn durch die Kranken­säle, und als der Besucher auf ein Bett wies mit dem Rufe:Da liegt er ja!" ließ der Angestellte ihn allein. Eine halbe Stunde später alarmierte der Patient das Krankenhaus. Er hatte den fremben jungen Mann, der auf fein Bett zugekommen war, für einen ihm bisher unbekannten Arzt gehalten zumal der Pförtner ihn so zuvorkommend her» eingeführt hatte und ihm dabei ohne weiteres feine wertvolle Taschenuhr geliehen, als der Fremde ihn gebeten hatte, einmal feinen Puls fühlen zu dürfen. Mitten in diesem ärztlichen Geschäft hatte sich der junge Arzt plötzlich vor den Kopf ge» schlagen und ausgerufen:Ach, das habe ich ja ganz vergessen!" und war, wie ein zerstreuter Gelehrter die fremde Taschenuhr einsteckend, zum Zimmer hinaus verschwunden.