Ausgabe 
27.4.1936
 
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vorüber an den alten knorrigen Weidenbäumen, deren goldgelbe Blutenkätzchen hell in der Sonne leuchten und mit ihrem süßen Duft die Bienen anlocken. Steh nur still unter einem solchen Wer- denbaum und lausche dem Summen der fleißigen Honigsammler.

Schön sind die Straßen und Wege, die von blü­henden Obstbäumen eingerahmt werden. Don der Bergeshöhe gesehen, gleichen sie weißen Perlen­bändern, die durch die grüne Flur gelegt wurden. Und wenn wir mit der Eisenbahn durch die deut­schen Lande fahren, dann grüßen uns links und rechts blühende Sträucher und Bäume. In den Gärten leuchten Narzissen und Tulpen, Stiefmütter­chen und Primeln. Aprikosen und Pfirsiche, Pflau­men, Zwischen und Kirschen stehen in bunter Ab­wechslung an den Hängen. Apfel- und Birnblüten brechen auch schon vereinzelt auf. Ihre weißen und roten Blütenblätter glitzern wie Tausende von Sternen. Man kann sich kaum ein schöneres Bild denken: Das saftige junge Grün der Wiesen, durch­wirkt mit unzähligen bunten Blümchen, daneben die schneeige Blütenpracht der Obstbäume und darüber das tiefe Blau des Frühlingshimmels.

Jedes Jahr erleben wir die Baumblüte, und doch wirkt sie immer wieder so stark auf unser Gemüt. Wir staunen bei jedem Frühling über die Fülle und den Reichtum, mit denen die Natur ihre Bäume schmückt. Immer wieder kommen die Bie­nen angesummt, um mit ihrem Rüssel den süßen Honig zu holen, um aber auch dem Menschen zu helfen, daß er nicht nur den Blütenrausch bewun­dert, sondern auch Früchte erntet.

In blendender Frische steht so ein blütengeschmück­ter Baum vor uns, ein Bild des Frühlings, und wir lauschen entzückt, wenn vom Gipfel herab eine Amsel ihre Melodie schmettert.

Das sind Tage, in denen auch der sorgenvollste Mensch aufhorcht und leichten Herzens um sich schaut.

Wacht auf! Die Welt ist neu geboren, hier ist ein Wunder, nehmt es an!

Dornotizen.

Tageskalender für TNonlag.

Gloria-Palast, Seltersweg:Artisten". Licht­spielhaus, Bahnhofstraße:Mazurka". Oberhes­sischer Kunstverein (Turmhaus am Brandplatz): 17 bis 18 Uhr Ausstellung von Werken von Fritz Hei- dingsfeld-Danzig und P. A. Böckstiegel-Dresden.

Kreistagssitzung >n ließen.

Das Kreisamt Gießen gibt bekannt, daß am mor­gigen Dienstag, 9 Uhr, im Sitzungssaal des Regie­rungsgebäudes die diesjährige ordentliche Sitzung des Kreistages des Kreises Gießen stattfindet. Der Kreistag wird sich zunächst mit der Rechnung der Kreiskasse und mit dem Verwaltungsbericht des Kreisausschusses für das Jahr 1934 beschäftigen. So­dann wird der Voranschlag für 1936 mit der Be­schlußfassung über die Ausschlagsätze für die Kreis­umlagen und die Kreissondergebäudesteuer folgen Ferner steht die Schaffung einer etatsmäßigen Jn- spektorenstelle bei dem Kreisfürsorgeamt (Jnhaber- stelle) auf der Tagesordnung.

Erneute Werbung für Kinderpflegestellen.

NSG. Die Gauamtsleitung der NSV. hat im Anschluß an die Werbewoche für das Erholungs­werk des deutschen Volkes eine Nachwerbung für Kinderpflegestellen angesetzt, und zwar bis 30. April 1936.

Die Kreisamtsleitungen haben bereits für diese Nachwerbung ihre Anweisungen erhalten und wer­den nichts unversucht lassen, den bisherigen Erfolg noch zu steigern.

Die Gauamtsleitung der NSV. bittet alle For­mationen und Gliederungen, die sich in der Werbe­woche zur Verfügung gestellt haben, sich mit allen Kräften für die Nachwerbung mit einzusetzen, und sie werden gebeten, mit den zuständigen Kreis­amtsleitungen wegen des Einsatzes ihrer Organi­sation in Verbindung zu treten.

Weiterhin werden alle Volksgenossen, die sich noch nicht zur Aufnahme eines Kindes bereit­erklärt haben, aufgefordert, Freistellen für erho­lungsbedürftige Kinder zur Verfügung zu stellen.

Steuerfreiheit

für Sonderzuwendungen am 1. Mai.

DNB. Viele Betriebsführer werden ihren Ge­folgschaftsmitgliedern zum Nationalen Feiertag des deutschen Volkes am 1. Mai 1936, ebenso wie in

den Vorjahren, wieder Zuwendungen machen. So­weit diese Sonderzuwendungen in Sachleistungen, z. B. Beköstigung, bestehen, ergibt sich die Ein­kommens- und Lohnsteuerfreiheit schon aus frühe­ren Anordnungen des Reichsministers der Finan­zen. Wegen der besonderen Bedeutung des 1. Mai tjat der Reichsfinanzminister außerdem entschieden, daß auch Geldzuwendungen zu diesem Tag ein­kommensteuer- (lohnsteuer-) frei bleiben dürfen, wenn sie 3 Mark nicht übersteigen. Ueberschreiten die Geldzuwendungen diesen Betrag, so sind sie in voller Höhe einkommensteuer- (lohnsteuer-) pflichtig.

AGLB., Kreis Gießen.

Mdchenerziehung, technische Fächer.

Samstag, 2. Mai, 15 Uhr, in der Mädchenberufs­schule in Gießen: 1.Das Fettprogramm der Reichs­regierung und die Fettversorgung im Haushalt" (Großer, Gießen). 2.Das Zeichnen in der Be­rufsschule", Fortsetzung (Schad, Gießen).

Alle technischen Lehrerinnen des Kreises Gießen werden gebeten, die für das HilfswerkMutter und Kind" gearbeiteten Gegenstände (s.NS.-Er- zieher" vom 19. März und 16. April) bis zum 3. M a i an G. Zöller, Gießen, Mädchenberufs­schule, abzugeben.

yj. . Die deutsche Arbeitsfront

v 7 n.3.=6emeinf(haftstraft durch freute"

Zu der Omnibusfahrt am Sonntag, 3. Mai, können noch einige Anmeldungen auf der Kreis­dienststelle Gießen, Schanzenstraße 18, entgegen­genommen werden. Die Omnibusfahrt geht ab Großen-Linden an den Edersee, Schloß Wal­deck. Die Fahrt kostet mit Mittagessen 4,70 RM. Die Abfahrtszeit wird noch bekanntgegeben. An­meldungen müssen bis Mittwoch, 29. April, ab­gegeben fein.

*

Am Sonntag, 10. Mai, fährt die NSG.Kraft durch Freude" einen Sonderzug nach Heidel­berg. Der Fahrpreis beträgt je Teilnehmer ein­schließlich einer Schloßbesichtigung 4,20 RM. An­meldungen auf dem vorgeschriebenen Formular werden bis einschl. 4. Mai entgegengenommen.

Sportamt »Krast durch Freude".

heule folgender Kursus:

Fröhliche Gymnastik und Spiele, Frauen. Von 19.45 bis 21 Uhr, Großen-Buseck, Neue Schule.

Neuanmeldungen

für die Kurse Reiten, Fechten, Tennis, Schach, Kinder-Gymnastik, Rollschuhlaufen werden noch auf der Geschäftsstelle, Schanzenstraße 18, ange­nommen.

Werkstattwandern.

Nachdem das Gesellenwandern mit großem Er­folg durch die ReichsbetriebsgemeinschaftHand­werk" der Deutschen Arbeitsfront durchgeführt wovden ist, wird nunmehr auch das Werkstatt­wandern wieder aufleben.

In erster Linie ist daran gedacht, dem Kraftfahr­zeughandwerk möglichst viel ausgebildete Gesellen zur Verfügung zu stellen, die auf Grund ihrer Er­fahrungen in den verschiedenen Werkstätten alle Erfordernisse in der modernen Kraftfahrzeug-Repa­ratur besitzen. Sie sollen durch alle Instandsetzungs­werkstätten, durch die Montage-Stellen kleiner und großer Werke laufen, um dann wieder als aus­gebildete und ausgezeichnete Fachleute ins Hand­werk zurückkehren. Eine Anzahl großer Betriebe der Autofabrikation, die Auto-Union, Opel, Hano­mag und Ford haben zugesichert, daß sie die Ge­sellen sorgfältig weiterbilden werden.

Fahrplanberichtigung.

In den Fahrzeiten einiger Sonderzüge zur 3. Reichsnährstandsausstellung sind verschiedene Aenderungen eingetreten. Es ist notwendig gewor­den, den Reichsbahnsonderzug Nr. 196 ab Nidda mit seiner Abgangsstation nach Ranstadt zu­rückzuverlegen. Der Fahrplan ab Nidda bleibt der gleiche. Dieser Zug hält auch auf der Rückfahrt in Reichelsheim. Die Fahrzeiten für Ranstadt werden noch bekanntgegeben.

** Arbeitsjubiläum. Der Reisende Georg Sommer stand am 24. April 25 Jahre treu im Dienste der Firma Ed. K l i n k e l 8- Söhne, Kunst­mühle in Gießen. Der Betriebsführer benutzte die

Gelegenheit, um die Gefolgschaft zu einem Betriebs­appell zusammenzurufen, und gab auf diese Weise dem Jubiläum eine schlichte, aber feierliche Form. Betriebsführer und zwei Gefolgschaftsmitglieder schilderten in eindringlichen Worten, wie Georg Sommer sich für die Firma eingesetzt hat, besonders in den schweren Jahren nach dem Kriege und wäh­rend der Inflation. Als Anerkennung überreichten der Betriebsführer, sowie die Gefolgschaft Ehrenge­schenke, und Georg Sommer wurde zum Proku­risten der Firma ernannt.

** Keine Postzustellung a m Natio­nalen Feiertag des deutschen Volkes am 1. Mai. Am Nationalen Feiertag des deutschen Volkes, 1. Mai, findet, abgesehen von der Eilzu­stellung auf Verlangen des Absenders,

keine Postzustellung statt. Eine außergewöhnliche Abholung von Postsendungen und Zeitungen ist an diesem Tage nicht mehr zugölassen.

** Die Militärversorgungsgebühr, n i ff e für M a i werden beim Postamt 1 (Bahn» Hofstraße) am 28. April, die Sozialrenten am 30. April gezahlt.

** Deutz-Diesel-Schlepper-Karawane in Gießen. Am Samstag konnte man auf dem Parkplatz Plockstraße eine Schlepper-(Traktoren). Karawane sehen. Die Humboldt-Deutz-Motoren-AG. zeigte einige ihrer Zugmaschinen. Von fachmänni­scher Seite wurden den Interessenten alle gewünsch­ten Aufschlüsse zuteil. Die Zugmaschinen fanden das Interesse vieler Volksgenossen.

Lichtbildervortcag im Gießener Soldatenbund.

Universitätsprofeffor Dr. Geffous über Samoa.

Der Soldatenbund Gießen begann am Samstag­abend im Cafä Leib die für die angeschlossenen Kameradschaften vorgesehene Vortragsreihe mit einem Erlebnisbericht aus Samoa.

Kameradschastsführer Müller

gab eingangs feiner Freude darüber Ausdruck, in Kamerad Professor Dr. S e s s o u s nicht nur den richtigen Mann, sondern auch einen vorzüglichen Redner für diese erste Vortragsveranstaktuna ge­wonnen zu haben. Er erinnerte daran, daß Die Frage der Wiedergewinnung der Kolonien lebens­wichtig für unser Volk sei.

Kameradschaftsführer Müller betonte u. a. weiter, die Mitglieder des Soldatenbundes hätten sich zusammengefunden, weil sie sich nicht trennen lassen wollten in Klassen und Schichten, sondern weil sie bleiben wollten, was sie waren: Kameraden der Front und Kameraden im besten Sinne des Wortes. Sie wollten nicht im Stiche lassen, wofür sie gekämpft, gesiegt und was sie verteidigt hätten. Der Soldatenbund könne mit Stolz sagen, daß er sich nach dem Kriege gebildet habe, weil er den Glauben an Deutschland nicht aufgeben wollte. Darum brauche er sich auch seiner Vergangenheit nicht zu schämen. Wenn er in gläubigem Vertrauen dem Führer folge und zu seinen Handlungen ein Ehrliches Ja sage, so solle keiner das Recht haben, daran zu zweifeln. In Dankbarkeit und ehrlicher Gefolgschaftstreue brachte der Redner ein dreifaches Sieg-Heil auf den Führer und das neue Deutsch­land aus, in das die Versammelten freudig ein- ftimmten.

Universitäts-Professor Dr. Geffous

sprach dann aus der Fülle seiner reichen Erfah­rungen überGlück und Ende der deutschen Ko­lonie Samoa". Seine interessanten Plaudereien, welche die große Bedeutung dieser polynesischen In­

seln vor Augen stellten, wurden durch zahlreiche Lichtbilder ergänzt, die die Schönheit und den Reichtum dieses Südsee-Paradieses ahnen ließen. Die Ausführungen waren dazu angetan, die Gedan» ken an die geraubten Kolonien zu fördern.

Das kleinste Schutzgebiet, das man uns unter der abscheulichen Lüge, daß wir Deutschen nicht zu kolonisieren verstünden, geraubt hat, ist Samoa, dessen größte Inseln Sawaii und Upolu fruchtbare Gebiete waren, die sich nach kurzer Pflege nicht nur selbst erhalten konnten, sondern einen Ertrag abwarfen. Professor S e s s o u s , der vor dem Kriege als Gouoemementsbeamter nach Samoa ging, vermochte in trefflichen Schilderungen ein Bild von der Farbenpracht dieser bezaubernden Landschaft zu geben. Der Einblick in die tropische Landwirtschaft ließ den ungeheuren Reichtum dieses mit Kokospalmen, Kautschukbäumen, Kakaopflanzen und Ananaskulturen gesegneten Landstriches ahnen. Die Bilder von dem Leben der Europäer vollendeten den Eindruck dieser Märcheninsel. Eine Reise mit dem neuernannten Gouverneur Dr. Schultze- Everth vermittelte dem Zuschauer eine geschlos­sene und systematische Anschauung von dem Leben und Sitten und Gebräuchen der Samoaner. Den Abschluß des Vortrages bildeten die Berichte über das Ende der deutschen Kolonie Samoa, die unter Verletzung des Völkerrechtes und unter Herabsetzung des Ansehens der Weißen von neuseeländischen Sol­daten besetzt wurde. Was die Deutschen geschaffen hatten, das wurde damit vernichtet, und heute ist Samoa wieder Zuschußkolonie. Der gegen Deutsch­land erhobene Vorwurf, wir hätten nicht zu kolo­nisieren verstanden, hat in Samoa den Gegenbeweis erhalten.

Den mit reichem Beifall aufgenommenen Aus­führungen schloß Kameradschaftsführer Müller Morte des Dankes und der Aufforderung an, die Gedanken an die deutschen Kolonien Allgemeingut des ganzen Volkes werden zu lassen.

Nationalsozialistische Deutsche Kriegsopferversorgung

Was ist sie? Was gibt sie? Was fordert sie?

Die Nationalsozialistische Deutsche Kriegsopfer­versorgung ist ein Bund, in dem sich die Frontsol­daten und Kriegsteilnehmer, gleichviel ob sie kriegs- beschädigt waren und Renten haben oder nicht, sowie die Hinterbliebenen (Witwen, Waisen und Eltern) derselben Fusammengeschlossen haben zur Wahrung und Förderung ihrer Ehre und ihrer Rechte, sowie zur Pflege der Kameradschaft und der ruhmreichen Ueberlieferung.

Frontsoldaten sind die Inhaber des Frontkämpfer- Kriegsehrenkreuzes, Kriegsteilnehmer die Inhaber des Kriegsteilnehmerehrenkreuzes (d. h. Krieger­witwen und Kriegereltern, sowie diejenigen Kame­raden, die während des Krieges im Etappendienst, oder in der Kriegswirtschaft der Heimat verwendet wurden).

Die NSKOV. wurde in der Kampfzeit der NSDAP, auf Befehl des Führers gegründet und ist in einem besonderen Amt, dem Hauptamt für Kriegsopfer bei der Reichsleitung der NSDAP., verankert, mit dessen Führung Pg. und Kamerad Hanns Oberlindober beauftragt ist.

Die Nationalsozialistische Deutsche Kriegsopferver­sorgung will:

1. Alle Frontsoldaten und Kriegsteilnehmer sowie deren Hinterbliebene als aktive Mitglieder unter der Fahne des Dritten Reiches zu einem großen Soldatenbund zusammenschließen. Die Mitgliedschaft in der NSKOV. schließt in kei­ner Weise die Angehörigkeit aus zu anderen Kameradschaftsbünden, wie ReichstreUbund, Kyffhäufer, sowie Regiments- und Truppen­gattungskameradschaften usw., d. h. die Mit­glieder der NSKOV. können unbeschadet ihrer Rechte und Pflichten der NSKOV. gegenüber auch Mitglieder der obengenannten Kamerad­schaftsbünde sein.

2. Alle ihre Mitglieder in Versorgungs- und Hin­terbliebenensachen betreuen, wozu sie neben dem Reichstreubund gesetzlich bevollmächtigt ist.

3. Allen ihren Angehörigen aus Bundesmitteln zu einem Eigenheim verhelfen und damit Den Kindern die Heimat erhalten, für welche Die Väter kämpften und starben.

4. Allen arbeitsunfähigen oder arbeitsbeschränk­ten KameraDen und KameraDenfrauen einen auskömmlichen Lebensunterhalt garantieren,

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Vornan von Marlise Köllinq.

Urheberrechtsschutz: Verlag Oskar Meister, Werdau.

1. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Wie kam es nur, daß sie heute so stark an früher denken mußte, an Die schöne alte Stadt da oben im freien Lande umgeben von Wiesen und Weiden, von Bäumen und Seen? Wie kam es, daß ihr plötzlich so eng und unfrei zumute wurde auf die­sem menschenerfüllten, lärmenden Platz mit seinen künstlichen Lichtern, seiner schwatzenden Menge, den klingelnden Elektrischen, den fauchenden Auto­bussen, dem sinnlosen Durcheinander der hinauf- und herabflirrenden Reklamelichter an den Häuserfron­ten? Wie kam es nur?

Vielleicht, weil es heute nach langen Regentagen wie ein Frühlingsahnen in Der Luft lag. Weil ein weicher Wind wehte und durrch die eilig ziehen­den hellen Märzwolken immer wieder die ersten Abendsterne ihr trostvolles und seit Kindertagen das Herz rührende Blinken herniederschickten ...

Sie sah zu den Bäumen auf dem großen Platze hinaus wie fröhlich steckten die ihre ersten grünen Spitzchen heraus, fröhlich und noch ein wenig un­sicher. So, als wollten sie fragen: Darf man sich schon sehen lassen? Ostern fällt ja diesmal einiger­maßen zeitig! Wir möchten uns von Herzen gern mit unferm grünen Frühlingskleidchen schmücken, aber frieren möchten wir auch nicht.

Wagt es nur", sagte Benediktine in den Abend­wind und sog gierig seinen frischen Atem ein,es ist bald Frühling. Ich spüre es an der Luft." Man hätte ja kein Kleinstadtkind fein müssen, um das nicht im Gefühl zu haben.

Wieviel Tage noch war es bis Ostern? Sie rech­nete nach noch vierzehn Tage. Dann ging es für ein paar Tage hinaus in die freie Welt, fort von den Häusern, Straßen, Menschen hinaus in Den Frühling.

Sie konnte es kaum mehr erwarten. Die letzten Sonntage waren alle verregnet gewesen, auch hatte Mutter immor gleich ein Gesicht gezogen, wenn sie

wenigstens für ein paar Stunden hinaus wollte. Ach ja, Mutter war doch eben ihr Lebtag ein Groß- stadtmensch geblieben. Ein Regentropfen, ein Wind­stoß und keine Macht der Welt bekam sie aus dem Zimmer. t

Benedikte reckte sich. Ihr war, als müßte sie ein­mal wieder diese lähmende Atmosphäre von sich abschütteln, um zu fühlen, daß man wirklich und wahrhaftig lebte.

Sie war in ihren Gedanken langsam der Halte­stelle der Bahn zugeschlendert. Da ließ eine Stimme sie aufsehen:

Verzeihung, mein Fräulein"

Ein lächelndes Männergesicht, ein funkelndes Augenpaar, ein abgezogener Hut Benediktes Ge­sicht wurde eisig. Unerhört, das war doch wieder dieser Mensch, der feit einer Woche immer wieder vor ihrem Kassenschalter auftauchte, immer wieder versuchte, einen Blick von ihr aufzufangen, und der sich nicht scheute, ihr immer wieder hier aufzulauern.

Benedikte schaute an dem Herrn vorüber in die Richtung, von der aus ihre Bahn kommen mußte. Aber natürlich, die war wieder gerade vorüber. Nun konnte sie eine geschlagene Viertelstunde warten.

Mein Fräulein," hörte sie wieder neben sich seien Sie doch nicht so hartherzig."

Benedikte trat schnell ein paar Schritte zurück. Würde dieser unverschämte Mensch denn nicht end­lich gehen?

Aber er wußte wohl sehr genau, sie scheute sich, hier irgendein Aufsehen zu machen. Das benutzte er geschickt. Er drängte sich in der Schar der War­tenden dicht an sie heran, flüsterte ihr ein paar Worte zu.

Das Blut schoß Benedikte in Die Stirn. Schon hatte sie trotz ihrer Scheu vor jeder Auseinander­setzung ein heftiges Wort auf den Lippen, ganz gleich, ob sie Damit das Aufsehen Der Menschen hier erregen würde. Da kam aus Der Reihe Der Wartenden hinter 'der Anschlagsäule ein junger Mann auf sie zu. Mit seinen hellen Augen übersah er die Sachlage in einem Augenblick. Einige wenige große Schritte brachten ihn neben den Unverschäm­ten und Benedikte.

Guten Tag, mein gnädiges Fräulein", sagte er ruhig mit einer tiefen, warmen Stimme,welche Ueberraschung, Sie zu sehen, darf ich Ihnen viel-^ leicht bis Ihre Bahn kommt, Gesellschaft leisten?"

Ein guter, wohlmeinender Blick traf dabei Bene­dikte, ein zweiter, sehr drohender Den Mann neben ihr. Der hatte im Augenblick begriffen. Mit einem undeutlichen Murmeln verschwanD er blitzschnell und überquerte Die Straße, noch ehe Benedikte irgend etwas zu sagen vermochte. Auch sie hatte Die Absicht Des fremDen jungen Mannes sofort begrif­fen. Dankbar sah sie ihn an.

Flucht auf Der ganzen Linie," lächelte er,ich glaube, mein Fräulein, ich bin nun überflüssig, ich brauche Sie nicht mehr zu behelligen."

'Aber Danken Darf ich Ihnen Doch", warf Bene­dikte schnell ein und streckte dem blonden, jungen Mann die Hand entgegen. Da stutzte sie. Das war doch aber natürlich, das war ja der junge Mann von vorhin, derselbe, der ihr den zuviel heraus­gegebenen Zwanzigmarkschein zurückgereicht hatte! Ja, das war das feste Gesicht mit der luftgebräun­ten Haut, den hellen Augen, dem herben Mund.

Ein ungestümes Freudegefühl rann durch Bene­diktes Herz:

Ich muß Ihnen doppelt danken. Sie haben mir heute schon zweimal geholfen, Herr"

Jens Petersen", sagte der junge Mann mit einer kleinen Verbeugung und wurde grundlos rot,ich habe nur meine Pflicht getan, mein Fräulein, und nun"

Er stand unschlüssig vor Benedikte.

Bleiben Sie doch noch, lag es dieser auf Den Lippen. Sie hatte plötzlich Das unabweisbare Emp­finden, sie Dürfte diesen Menschen nicht daoongehen, nicht untertauchen lassen in der großen Millionen­stadt. Ihr war, als hätten sie und dieser junge Mensch mit Den Hellen Augen und dem herben Munde sich noch etwas zu sagen.

Aber sie vermochte die Bitte nicht hervorzu­bringen. Was würde er von ihr denken müssen? Und ehe sie noch mit diesem inneren Zwiespalt fertig geworden war, kam klingelnd ihre Bahn heran.

Nun durfte sie sich nicht noch länger versäumen, Denn für heute abend war ja großer Besuch ange­sagt. Ihr Onkel Friedrich sollte kommen, und Mutter legte großen Wert Darauf, Daß Benedikte bei allen Verwandtenbesuchen im Hause war, so langweilig, ja ermüdend Diese auch mitunter sein mochten.

Meine Bahn, vielen, vielen Dank!" konnte Benedikte nur noch hastig sagen.

Sie fühlte die warme Männerhand noch einmal fest in der ihren, hörte eine ernste, etwas traurige Stimme:Leben Sie wohl--"

Nun mußte sie aufpassen, um ungefährdet über den Fahrdamm zu kommen. Wie sie in ihrer Bahn saß, konnte sie gerade noch einmal die hohe Gestalt des unbekannten Helfers und die Umrisse seines festen Gesichtes sehen. Dann schob sich ein Autobus dazwischen. Alles war vorüber.

Jens Petersen stand noch immer an Der Halte­stelle, er sah die Bahn um Die Ecke biegen und nun in Den Abend verschwinden.

Du bist Doch ein unglaublicher Dummkopf, Jens, sagte er zu sich selbst, da kommt dir der Zufall so gütig zu Hilfe, du hast Gelegenheit, Dies Mädchen anzusprechen, ihr Deine Hilfe anbieten zu Dürfen. UnD nun läßt du sie losfahren, weißt nicht, wer sie ist, wie sie heißt, wo sie wohnt und wirst doch die Empsindung nicht los, deiner Seele Seligkeit hängt davon ab, dieses Mädchen wiederzusehen.

Warum hast du sie nicht gebeten. Dir ihren Namen zu sagen? Weil du ein Esel bist, Jens, und ein schüchterner Trottel, weil Du Furcht gehabt hast, sie könnte das ebenso als Zudringlichkeit auffassen wie die Frechheit dieses andern vorhin.

Aber du hast doch ganz deutlich gefühlt, daß sie sich gerne von dir helfen ließ, sie yat dich richtig eingeschätzt. Und doch hast du nicht Den Mut gehabt? Du wirst dir eben im Leben immer das Glück an der Nase vorbeigehen lassen...

Jens Petersen leufzte auf.

Da hatte er sich wieder einmal eine richtige und derbe Standpauke gehalten, wie er das oft, abep leider meist zu spät, zu tun pflegte. Auch heute war es zu spät.

Doch vielleicht war es aar nicht so ein Unglück. Wer sagte ihm denn, ob dies Mädchen nicht schon längst einen Verlobten hatte, ob sie nicht längst gebunden war? Wer so aussah, Der lies sicherlich nicht mehr einsam Durchs Leben.

Er war ein Narr, ein Träumer. Höchste Zeit, Daß er roieDer in sein Dorf zu feiner Arbeit, zu seinen Schulkindern kam. Dorthin gehörte man und nicht in die große Stadt, wo alles Lockung und Verwirrung war.

(Fortsetzung folgt!)