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Nr. 22 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Montag, 27.ZanuaN9Z6

Amerikas Schicksalsjahr

Von unserem K G. S.-Äenchterstatier.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Der Silvester-Lärm in Amerika hat sich als lautes politisches Kampfgetöse fortgesetzt. Anfang kommen­den Novembers wird hier gewählt, und eine kläffende Meute will Roosevelt aus dem Weißen Haus aufscheuchen und zurück in die von ihm geliebten Wälder jagen. Roosevelt aber möchte gern noch weitere vier Jahre in Washing­ton bleiben. Und deswegen setzt er sich zur Wehr. So fing denn das neue Jahr gleich sehr geräusch­voll an. Am 3. Januar hielt er die übliche jährliche Ansprache an den am gleichen Tage zur diesjährigen Sitzung zusammengetretenen Bundeskongretz (das aus Senat und Abgeordnetenhaus bestehende Bun­desparlament). Am 6. Januar sandte er dem Kon­greß seine Budget-Botschaft, und zur gleichen Stunde erklärte der Oberste Gerichtshof (das Amerikanische Reichsgericht) Roosevelts landwirtschaftliche Gesetz­gebung für verfassungswidrig. Am 8. Januar be­gann die Tagung der Führer der Demokratischen Partei, und am gleichen Abend hielt ihnen Roose­velt eine große innenpolitische Rede, in der er den Gegnern scharfen Kampf ansagte. Also: es ging Schlag auf Schlag, und man muß sich die Erwide­rungen der Gegner dazu denken, um zu ermessen, wie schwer der Kampf hier tobt.

Es sind Kämpfe, mit denen wir daheim im Reich glücklicherweise aufgeräumt haben: Streitigkeiten übelster Art mit persönlichen Verunglimpfungen und egoistischen Motiven. Diese Charakterisierung ist da­bei nur eine milde Widergabe dessen, was anstän­dige Amerikaner und viele Zeitungen hier in viel schärferen Worten über ihr eigenen Zustände äußern. Mark Twain, der große amerikanische Hu­morist, hat einmal gesagt, als jemand über das schlechte Wetter klagte:Jedermann beschwert sich über das Wetter, aber niemand tut etwas dagegen." Ebenso ist es mit den politischen Zu- stärchen in Amerika. Man sieht ein, daß die meisten Abgeordneten nur für sich oder ihre lokalen Inter­essen sorgen, daß mal die eine, mal die andere Partei an die Futterkrippe drängt, daß die Wähler hilflos vor eine lange Stimmliste gestellt wrden und trotz aller angeblichen Aufklärung durch die Presse nie wissen, wer wirklich am besten für das Ge­meinwohl eintreten wird; aber man hält fest am System der beiden großen Parteien, die sich wirklich nur dadurch unterscheiden, daß die einen zur Zeit drinnen sind und drin bleiben wollen und daß die anderen zur Zeit draußen sind und herein wollen. Ebenso ist er mit dem Obersten Bundesgericht. Nur wenige verstehen die Entscheidungen; eine ganze Anzahl fühlt dunkel, daß das starre Kleben an den Buchstaben einer im Jahre 1787 beschlossenen Bun­desverfassung den Fortschritt und die nationale Wohlfahrt aufhalte, aber fast jedermann schaudert vor dem Gedanken, die Verfassung zu ändern. Das geheiligte Dokument sichert angeblich dieFrei­heit". Und deswegen darf Roosevelt, dem man wohl kaum unehrliche und selbstsüchtige Motive unter­stellen kann, die Landwirtschaft des Landes nicht organisieren! Man verwechselt die sogenannten Grundrechte" (Schutz des Einzelnen vor dem Gericht, Schutz vor Enteignung ohne Entschädigung usw.) mit den Bestrebungen, die willkürlich entstan­denen und wirtschaftlich durchaus unselbständigen 48 Einzelstaaten zu einer wohlgeordneten Plan­wirtschaft zusammenzufassen.

Roosevelt hat seinem Amtsantritt im März 1933 versucht, diese Planwirtschaft auf nationaler Grund­lage einzuführen. Er hat die Industrie und die Land­wirtschaft organisiert, hat das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern geregelt und groß­zügige Sozialversicherung durchgesetzt. Seine Ziele waren im einzelnen: Schutz der Arbeitgeber vor unlauterem Wettbewerb; Schutz der Arbeiter vor

Ausbeutung; Verminderung der Arbeitslosigkeit durch Einführung von Höchstarbsitszeit; Abschaffung der Kinderarbeit und der Sklavenbetriebe in den Textil- und anderen Branchen; Hebung der land­wirtschaftlichen Preise durch Einschränkung der be­bauten Flächen und Geldentschädigung an die Bau­ern zusammen mit Erhebung von Sondersteuern seitens der die Farmerzeugnisse verarbeitenden In­dustrien; Vermeidung von größeren und oft bluti­gen Streiks; Schutz des Verbrauchers durch Hebung der Kaufkraft und Stabilisierung der Preise; Steige­rung der Ausfuhr durch Wertoerminderung des Dol­lars; Entvölkerung der großen Städte mit ihren Elendsvierteln durch ein System von Kleinsiedlun­gen; Sanierung des Bodens durch dringend benö­tigte Aufforstung (Amerika ist wenn man Jo sagen will in den meisten Gegendenein Vmk ohne Baum").

Ein großzügiges Programm, das Roosevelt wie­derholt in folgende Worte zusammengefaßt hat: ein besseres und glücklicheres Leven für den Durch­schnitts-Amerikaner! In vielen Punkten können wir Deutsche sein Programm vollinhaltlich unterschrei­ben: Roosevelt versucht das, was bei uns unter der Regierung des Führers seit 1933 »geschaffen worden ist. Nur geht das eben hier nicht, wenig­stens jetzt noch nicht, jedenfalls nicht unter einem System von Parlamenten und achtundoierzig sich souverän fühlenden Einzelstaaten, deren Souverä­nität ein zum Teil aus Gegnern moderner Ideen bestehender Oberster Gerichtshof wohlwollend be­schützt, wenn auch darunter das Land von Krise zu Krise wankt. Der Gerichtshof hat Roosevelt das System der Organisierung der I n d u st r i e im vorigen Jahr zerschlagen, uno vor wenigen Tagen hat er den wichtigsten Pfeiler desNeuen Kurses": das gesamte landwirtschaftliche Pro­gramm umgestürzt. Aehnliche Todesurteile drohen der sozialen Gesetzgebung, kurz jeder Phase nationaler Planwirtschaft. Roosevelts Budget, sein großes Programm gesunder Reformen sind über

den Haufen geworfen, und mit diesem Trümmer­haufen soll er nun den Wahlkampf bestreiten.

So geht Amerika in die letzte Parlamentstagung vor den großen Wahlen: Ein Budget, das fast sie­ben Milliarden an Ausgaben beanspruchen und die Staatsschuld auf etwa 32 Milliarden Dollar brin­gen wird; völlige Ungewißheit auf dem Gebiet der Landwirtschaft; das Problem der Arbeitslosen; Ein­mütigkeit nur auf dem Gebiet der Neutralität, die so geregelt werden soll, daß Amerika aus fremden Kriegen herausbleibt und nicht wieder, wie die Ver­nehmungen von I. P. Morgan jetzt so deutlich zeigen, sich zum Lieferanten und Finanzier alliier­ter Staaten herabwürdigt.

Wie Roosevelt alle diese Schwierigkeiten meistern wird, bleibt abzuwarten. Gegen ihn arbeiten d i e Republikaner, die wie die Bourbonen nichts gelernt und nichts vergessen haben; die zum indi­vidualistischen System zurückkehren wollen; die Angst haben vor den Steuern, welche aus den so­zialen Maßnahmen Roosevelts drohen; die mit viel Geld und vielen Zeitungen weitgehende Propaganda gegen den ihnen verhaßten Roosevelt führen. Aber bisher haben sie noch keinen Gegenkandi­daten, für den über die Hälfte der Wähler stim­men würden. Hoover hat als Führer des Volkes abgewirtschaftet, und B o r a h paßt derAlten Garde" nicht wegen seiner Einstellung gegen Mo­nopole; die Jüngeren aber mögen ihn nicht wegen seiner starr konservativen Ideen. Die andern Re­publikaner haben bisher keine das ganze Land umfassende Gefolgschaft; und vor allem haben die Republikaner kein positives Programm, das sie der Planwirtschaft Roosevelts gegenüber­stellen könnten. Kandidaten dritter Parteien haben keinerlei Aussichten in diesem auf zwei Parteien eingeschworenen Lande, und selbst derRadio-Prie­ster" Coughlin begnügt sich mit der Bekämpfung einzelner Abgeordneter. Wie wird sich derunab­hängige" Wähler entscheiden? Das ist zurzeit die große Frage in Amerika.

Berlin im Zeichen der Grünen

Woche.

Unpolitischer Brief aus der Reichshauptstadt.

pflanzt als ganze Länder, daß die Berliner An­baufläche für Kohlrabi mit 382 Hektar größer ist als die von Braunschweig, Mecklenburg, Thüringen, Baden, Württemberg und Sachsen zu­sammen. Auf 366 Hektar wird in Berlin Wirsing­kohl gebaut. In der großen Provinz Ostpreußen wird nicht so viel Salat gebaut wie in der Reichs­hauptstadt, nämlich 133 Hektar, und was Spinat anbetrifst, so kann gegen die 238 Hektar nicht ein­mal Bayern an. Wir bitten, bei diesen Zah­len zu beachten, daß die Ernten der Schreber­gärten nicht mitgerechnet sind.

Vielleicht werden unsere Freunde von der Land­wirtschaft doch staunen, wenn sie hören, daß es in Groß-Berlin rund 8 7 0 0 0 Haushaltungen mit Viehhaltungen gibt, die in der Haupt­sache natürlich Kleinvieh, wie z. B. 886 000 Hüh­ner, 181000 Kaninchen, aber auch 23 000 Kühe, 22 000 Pferde und 27 800 Schweine. Daß es dabei nur noch 53 Pferdedroschken gibt, liegt an der Motorisierung des Verkehrs. Wo aber, fragen wir unsere Landwirte, gibt es eine Brut­anstalt wie die in Neukölln, in der gleichzeitig 6 5 0 0 0 Eier gebrütet werden können? Diese Massenbrüterei wendet die Eier dreimal täglich auf mechanischem Wege und hat gut zu tun. In der Hauptsache handelt es sich um sogenannte Lohnbrüterei. Man gibt die gekennzeichneten Eier ab und holt sich nach drei Wochen die Küken. Die Hauptkunden sind die Kleingärtner.

So ließe sich noch manches über Berlin sagen, was die Landwirte und Forstleute und Gärtner aufhorchen lassen würde. Es läßt sich auch gar nicht absehen, zu welchen landwirtschaftlichen Folgen die Auflockerung" Berlins, wenn sie in dem begonnenen Tempo weitergeht, führen wird. Auch in einem wichtigen Punkte, wo uns die Landbe­wohner, bei weitem über waren, auf dem Gebiete der Bevölkerungspolitik, wird es in Berlin besser. Die Standesämter haben mit den Anmeldungen von neuen Berlinern tüchtig zu tun. In manchen Straßen sieht man schon mehr Kinderwagen als Autos. Es können gar nicht so viel Klein­wohnungen gebaut werden, als die jungen Ehe­paare benötigen. So hoffen wir, daß sich unser Be­such vom Lande in der Reichshauptstadt wie zu Hause fühlen wird und die besten Eindrücke ge-

Berlin im Zeichen der Grünen Woche! Wie­der geben die gebräunten Männer und Frauen von der deutschen Land- und Forstwirt­schaft der Reichshauptstadt auf kurze Zeit ein be­sonderes Gepräge. Landwirtschaftliche Fragen inter­essieren auch jeden Berliner, und so wird man un­ter den Besuchern der Ausstellungshallen am Kaiserdamm auch sehr vieleBleichgesich­ter" bemerken, die mit nicht minder großem Inter­esse sich über die großen Aufgaben der Landwirt­schaft und die Maßnahmen, sie zu meistern, unter­richten wollen.

In kleineren oder größeren Trupps sehen wir die Landwirte mit ihren Familien auf den Stra­ßen. Man will auf die andere Seite, man hat Hem­mungen, doch schon naht der Retter mit weißem Helm und weißen Handschuhen. Natürlich darf bei einem Bersiner Besuch ein Bummel Unter den Linden nicht fehlen. Wie sieht das hier aus! Doch auch hier finden sich Berliner, die für die nötigen Erklärungen sorgen und beruhigt ver­nimmt die Landwirtschaft, daß die Silberlinden aus Holstein schon angekommen seien und im Frühjahr eingepflanzt würden. Dafür macht der L u st g a r - t e n in seiner neuen Form um so mehr Eindruck. Wie viel Neues gibt es doch in Berlin zu sehen!

So ist die eine Grüne Woche von früh bis spät mit Aufgaben und Pflichten reichlich ausgefüllt und wer am Reit - und Fahrturnier teilnehmen will der Preis der Nationen am 1. Februar ist schon ausverkauft muß allein schon für die Schau der rund tausend Pferde 10 Tage rechnen. Die G e- flügel- und Rassehundeschau interessiert

auch viele Städter. In der I a g d a u s st e l l u n g sind 7000 Geweihe untergebracht. Die Gast- und Vergnügungsstätten sind gerüstet und wissen, was von ihnen erwartet wird.Stadt und Land Hand in Hand" ist in diesen Tagen eine häufig zu beobachtende Erscheinung.

*

Es darf nicht vergessen werden, daß Berlin schließlich den größten landwirtschaftlichen Betrieb aufzuweisen hat, der mustergültig geführt wird und auch mancherlei abwirft. Die 150 000 Klein­gärtner Berlins wollen auch beachtet werden und dann gibt es in Dahlem, einem schönen, west­lichen Vorort, Dinge zu sehen, die an Märchen glauben lassen. In den stattlichen Bauten der Kaiser - Wilhelm - Gesellschaft" wird unablässig daran gearbeitet, neue ertragreichere Pflanzen, die auch auf magerem Boden gute Ern­ten geben, zu züchten. Man verlangt von ihnen noch außerdem Unempfindlichkeit gegen Seuchen und Frost. Tropische Pflanzen gewöhnt man all­mählich an unser Klima, ebenso werden an die Tierzucht immer höhere Anforderungen gestellt und erfüllt.

Man zeigt den Landleuten u. a. auch die viele Kilometer langen Berieselungsanlagen im Tiergarten, die notwendig geworden waren, weil durch die Senkung des Grundwassers zahlreiche Bäume zu vertrocknen drohten. Das Grundwasser mußte aber gesenkt werden, damit die neuen Unter­grundbahnbauten, die bis 20 Meter und noch tiefer hinabführen, durchgeführt werden können.

Wer weiß z. B., daß Berlin mehr Gemüse

wonnen hat, wenn er wieder zur heimatlichen Scholle zurückkehrt.

Amtsgericht Gießen.

Der H. F. aus Allendorf (Lumda) erhielt durch Strafbefehl eine Geldstrafe von 10 0 Mark, hilfsweise 20 Tage Gefängnis, da er den Bürger­meister, einen Beigeordneten und zwei Gemeinde­ratsmitglieder beleidigt hatte. Gegen den Strafbe­fehl verfolgte der Angeklagte Einspruch. In der gestrigen Hauptverhandlung wurde die Strafe auf 12 0 Mark erhöht.

Wegen Bettelns wurde der R. N. aus Breslau mit 6 Wochen Haft belegt, unter Anrechnung von 2 Wochen Untersuchungshaft.

Sodann befaßte sich das Gericht mit dem ein­schlägig vorbestraften Fr. W. wegen Uebertretung der Reichsstraßenverkehrsordnung in zwei Fällen und verurteilte ihn zu insgesamt 70 Mark Geld­strafe, eventuell 14 Tagen Gefängnis. Der An­geklagte fuhr zunächst im März v. I., von Stein­bach kommend, die Licher Straße entlang. Hinter Steinbach wurden Straßenausbesserungsarbeiten verrichtet, und die Fahrbahn war nur zur Hälfte dem Verkehr freigegeben. Trotzdem sich bereits ein in entgegengesetzter Richtung kommendes Fuhrwerk an der beschränkten Durchfahrt befand, fuhr der Angeklagte in scharfem Tempo an der Baustelle vorüber, so daß die Arbeiter gefährdet waren. Im Juni v. I. verursachte der Angeklagte durch unvor­schriftsmäßiges Fahren einen Derkehrsunfall an der Kreuzung Horst-Wessel-Wall Bahnhofstraße.

Der Sietenritt nach Jägerndorf. 3um 150. Todestage des Husarengenerals am 27. Januar.

Die Bedeutung hervorragender Soldaten ist nicht nur von ihren militärischen Leistungen bestimmt. Ost spielt bei der Bewertung das Urteil des Dolks- mundes ebenfalls eine recht gewichtige Rolle. Die Ueberlieferung, die sich in Dichtung und Erzäh­lung mit Hans Joachim von Zieten befaßt, zeigt, daß er ähnlich wie D e r f f l i n g e r und Blücher zu den im besten Sinne volkstümlichen Gestalten des preußischen Heeres zählt. Mit keinem der Generale des großen Königs mochten sie militärisch bedeutender gewesen sein als Zieten hat sich der Volksmund so befaßt, wie mit dem kleinen und äußerlich unscheinbaren Husarengeneral. Und wenn auch viele der über ihn in Umlauf ge­setzten Anekdoten einer genauen Prüfung nicht standhalten, so zeigen sie doch, welcher Liebe und Verehrung sich der schlichte und bescheidene Mann, der er immer geblieben ist, erfreuen durfte.

Die breite Oeffentlichkeit kennt ihn als verwege­nen und erfolgreichen Reiterführer und Liebling des großen Königs. Daß er eine harte Schule durchlaufen und viele Enttäuschungen erleben mußte, ehe es ihm gelang, sich durchzusetzen, ist weniger bekannt. Als löjähriger Junker trat er bei einem Infanterieregiment in dem seinem elter­lichen Gut Wustrau benachbarten Neuruppin ein. Seine kleine Gestalt und seine schwache, zum Kom­mandieren schlecht geeignete Stimme erschwerten aber unter Friedrich Wilhelm!., dem Freund der ,langen Kerls", sein Fortkommen. Als er nach zehn­jähriger Dienstzeit immer noch nicht Offizier gewor­den und bei Beförderungen mehrmals übergangen worden war, wurde er beim. König vorstellig. Aber dieser verfügte kurzerhand, man solle Zieten die Demission" geben. Zwei Jahre mußte er zu Hause warten, bis es ihm endlich gelang, bei einem in Insterburg stehenden Dragoner-Regiment als Leut­nant eingestellt zu werden. Aber auch hier verfolgte ihn sein Mißgeschick. Ein Streit mit seinem Ritt- meister führte zu einer Duellforderung, die für beide Kontrahenten Festungshaft und für Zieten zudem noch Dienstentlassung nach sich zog. Als 1730 in Preußen die erste selbständige Husarenformation aufgestellt wurde gelang es Zieten, dessen kleine Gestalt für diese neue Truppe sehr geeignet war, dank der Hürsprache zweier Generale bei ihr als Leutnant angenommen zu werden, und jetzt war er in seinem Element. Im polnischen Erbfolgekrieg befehligte er am Oberrhein bei einem den Oester­reichern zur Verfügung gestellten preußischen Hufs- korps eine Husarenabteilung, die dem österreichi­schen Oberst Baranyay unterstellt war, um bei

den kriegserprobten östereichischen und ungarischen Husaren Erfahrungen zu sammeln. Der Krieg ver­lief zwar ohne nennenswerte Ereignisse, er bot aber den preußischen Husaren Gelegenheit, sich im Erkundungs- und Sicherungsdienst auszubilden. Zieten bewährte sich hierbei ausgezeichnet, und sein König beförderte ihn auf Grund günstiger Berichte im Hinblick auf diein vorjähriger Campagne am Oberrhein rühmlichst bezeigten Vigilantz und Tap­ferkeit" zum Major. Schon wenige Jahre später es war im ersten Schlesischen Krieg konnte Zie­ten seinem Lehrmeister Baranyay zeigen, was er bei ihm gelernt hatte. Im Gefecht bei Rothschloß nahm er den Oesterreichern einen Lebensmittel­transport sowie eine Kriegskasse mit 7000 Talern ab, brachte ihnen erhebliche Verluste bei, und hätte um ein Haar Baranyay zum Gefangenen ge­macht. Für diese Tat bekam der kühne Husar den Orden pour le märite, wurde zum Oberst beför­dert und erhielt ein neu aufgestelltes Husaren­regiment, das seinen Namen führte.

Eine der glänzendsten Waffentaten Zietens war sein vollkühner Ritt nach Jägerndorf, der ihn mitten durch die feindlichen Truppen führte, und dessen Gelingen man kaum für möglich gehalten hatte. König Friedrich II. hatte 1745 seine Armee in der Gegend von Neisse zusammengezogen und den Markgrafen Karl von Schwedt zum Schutze Ober­schlesiens mit 10 000 Mann nach Jägerndorf vor­geschoben. Die Oesterreicher störten dauernd die Ver­bindung, und schließlich war es Friedrich nicht mehr möglich, sich mit dem Markgrafen zu verständigen und ihn an sich heranzuziehen, der wachsame Feind fing alle Befehle ab. Schließlich bekam Oberst von Zieten den Auftrag,alles daran zu wagen, was es auch kosten möge, mit feinem Regiment bis Jägern­dorf durchzukommen, um dem Markgrafen den Be­fehl zu überbringen, daß er sogleich aufbrechen, die Magazine von Troppau und Jägerndorf, was davon | nicht fortzuschaffen wäre, zu ruinieren, sich mit den Feinden in nichts Ernstliches einlassen und mit for- ' eierten Märschen nach Frankenstein marschieren sollte, um zum König zu stoßen". Dieser Befehl wurde dem ganzen Regiment bekanntgegeben, da­mit er, sofern auch nur ein einziger Husar durch­komme, an den Markgrafen gelange. Wie man aus 1 einem von Ranke und D r oyfen angeführten Bericht eines gefangenen österreichischen Haupt­manns entnehmen kann, scheint Zieten eine Kriegs­list angewandt zu haben. Er ließ seine Husaren, die den Oesterreichern durch ihre roten Attilas bekannt waren, für das Unternehmen die Winterpelze aus blauem Tuch anziehen, wodurch sie dem auf feind­licher Seite stehenden ungarischen Husarenregiment Spleny glichen. Auf dem Marsch kam das Regi­ment dazu, als die Oesterreicher das von preußischen Truppen besetzte Städtchen Neustadt angriffen. Um nicht erkannt zu werden, führte Zieten, ohne m den

Kampf einzugreifen, seine Reiter in Deckung und schloß sich, nachdem der Angriff abgeschlagen war, der feindlichen Marschkolonne an. Unerkannt zogen die preußischen Husaren an einem ihnen begegnenden österreichischen Dragonerregiment und an vielen feindlichen Posten und Wachen vorbei. Ein dem Regiment entgegenreitender österreichischer Offizier wurde gefangen und mitgenommen. Als die Spitze nach dem österreichischen Lager abbog, wurde die Lage kritisch. Zieten marschierte zunächst ruhig weiter und fing schließlich an zu traben. Da wurde man aufmerksam und schlug Alarm. Aber die Preußen hatten bereits einen guten Vorsprung. Feldwachen, auf die man stieß, wurden einfach über­rannt. Jetzt ging es ums Ganze! Etwa eine Stunde vor Jägerndorf sperrte eine größere feindliche Ab­teilung einen Paß, es kam zu einem heftigen Ge­fecht. Im Verein mit Truppen des Markgrafen, die auf das Gewehrfeuer hin herbeigeeilt waren, gelang es, die Oesterreicher zurückzufchlagen.

Die Vereinigung mit dem Korps des Mark­grafen Karl war gelungen und der Befehl des Königs ausgeführt. Jetzt kam der schwierigere Teil der Aufgabe, der Rückmarsch angesichts des weit überlegenen Feindes. Zielen war mit seinen Hu­saren bei der Nachhut und es gelang ihm, zusam­men mit Dragonern und Kürassieren in die feind­liche Infanterie einzubrechen und sie bis zur Ar­tilleriestellung zurückzuwerfen. Mit nicht unerheb­lichen Verlusten gelang es, den Rückmarsch, dem man den ehrenvollen Namen einesRückzugs nach vorwärts" gab, durchzuführen und die Vereinigung mit der bei Frankenstein stehenden Hauptarmee Friedrichs zu vollziehen. Der König war über den Erfolg hoch erfreut und geizte nicht mit Lob und Auszeichnungen. Alle Stabsoffiziere des Regiments Zieten bekamen den Pour le mdrite, und Zieten selbst einen anerkennenden Brief, worin der Kö­nig feiner Zufriedenheit mit derklugen Conduite sowohl als von der Bravour, so er auf dem Marsch nach Jägerndorf ertzeiget habe" Ausdruck verlieh.

Trotz feiner großen Erfolge, vor allem später im Siebenjährigen Krieg, blieb Zieten ein einfacher, biederer und bescheidener Mann. Wie sein König und die Prinzen des königlichen Hauses keine Ge­legenheit vorübergehen ließen, um dem alten Hau­degen Anerkennung und Ehre zu erweisen, so zeigte, wenn er sich auf den Straßen Berlins bewegte, auch die Bevölkerung, wie sehr sie ihn ins Herz geschlossen hatte.

Bis in sein hohes Alter blieben ihm seine gei­stigen und körperlichen Kräfte erhalten, und noch als 85jähriger nahm er an einer Paroleausgabe im Berliner Schloß teil, freudig begrüßt von feinem könglichen Herrn. Als feine Kräfte nachließen, fah er als echter Soldat dem Tod gefaßt ins Auge. Ich bin bereit, ich bin fertig, wenn Gott will". Ruhig und friedlich ist der alte Husar in den Mor­

genstunden des 27. Januar 1786 zur großen Armee eingegangen. Dr. Wilhelm Rehmann.

Wintersport bei Ausländsdeutschen.

Auch jenseits der Reichsgrenzen sind es deutsche Volksgenossen, die auf den Winterbesuch der Bin- deutschen warten. Hunderttausende von Volksgenos­sen müssen in den auslandsdeutschen Reisegebieten vom Verkehrsgewerbe leben. Sie im Winter auf­zusuchen, ist etwas anderes als beliebigGeld ins Ausland tragen". Die Anhänglichkeit der Aus­landdeutschen an das Reich fordert von uns Bin­nendeutschen praktische Solidarität. An fast allen Grenzen des Reiches liegen auslandsdeutsche Win­tersportgebiete.

Alvatergebirge und Teßtal sind von Oberschlesien aus günstig zu erreichen. Auch in den Beskiden lie­gen auf der polnischen und tschechoslowakischen Seite deutsche Wintersportplätze. Jenseits der Westgrenze der Grafschaft Glatz erstreckt sich das deutschbesiedelte Mlergebirge in 800 bis 1000 Meter Höhe. Mit seinen runden Kuppen ist das Mlergebirge für Ski und Rodel gleich gut geeignet. Gute deutsche Pen­sionen und Hotels finden sich an vielen Orten.

Riesen- und Jsergebirge sind von jeher auch auf der böhmischen Seite von Reichsdeutschen gern be­sucht. Die überwiegende Mehrzahl aller Bauden ist auch heute noch deutsch und wird es bleiben, wenn die Reichsdeutschen wiederkommen. Riesen- und Jsergebirge sind beiderseits der Staatsgrenze ein­heitlich deutsches Erholungsgebiet.

Daß auch das böhmische Erzgebirge beiderseits der Grenze von Volksgenossen bewohnt ist, wissen oft nur die Grenzbewohner. Auch der Böhmerwald ist jenseits der Grenzpfähle so deutsch wie die baye­rische Ostmark. Für den Wintersport kommen hier fast alle deutschen Ortschaften in Frage, in denen man sich wohlfühlen kann und außerordentlich billig lebt.

Weiter im Osten liegt eine interessante deutsche Winterlandschaft am Südabhang der Hohen Tatra, die Ober- und Unterzips.

Wem Zeit und Geldbeutel eine längere Winter- reife gestatten, der findet in Siebenbürgen an den Abhängen der Transsylvanischen Alpen eine einzig­artige deutsche Wintersporterholung. Südtirols Ruf als W'ute "sportgebiet bedarf keiner besonderen Er­wähn mg. Wohl aber ist zu sagen, daß man auch heute unbekümmert die Südtiroler deutschen Häuser aufsuchen kann und daß von Einschränkungen we­gen der Sanktionen nichts zu spüren ist. Der Reichsdeutsche, der nach Südtirol fährt, soll darauf achten, daß er fein Geld in deutschen Häusern aus­gibt. Der VDA. hat in seiner Bundeszeitschrift Der Volksdeutsche" ausführlich beschrieben, wie man am günstigsten in die hier genannten Gebiete reift tzr ist jederzeit zu Auskünften bereit.