Nr. 27 7 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Donnerstag, 26. November (936
„Niesender Holländer" in zwiefacher Gestalt.
Wagner, Verdi, Moniuszko in der Berliner Oper.
Berlin, im November.
Wir leben in einem Zeitalter der „Urfassungen". Bruckner, Mozart, Cornelius, Mus- s o r g s k i j werden mit fanatischen Eifer von entstellenden Zutaten und Kürzungen befreit. Aber auch eine zweifelsfrei vorliegende Originalpartitur ist reich genug an Geheimnissen, so daß jede Aufführung Deutung und Bekenntnis umschließt. Wenn, wie in Berlin, zwei Opernbühnen das Gleiche tun, 'kann es nicht dasselbe sein. Auf die innere Werkgesetzlichkeit ist jeder verpflichtet, der ein überkommenes Werk neu inszeniert. Ueber ein historisches Universalrezept verfügt jedoch niemand. Gerade in 6er szenischen Neufassung und musikalischen Ausdeutung der unberührten Substanz vollzieht sich der geistige Aneignungsprozeß jeder Epoche gegenüber den Werken unserer Meister. Ihre überzeitliche Bedeutung liegt nicht zuletzt in der Möglichkeit, ihr ureigenes Wesen mit den stets sich verändernden Ausdrucksmitteln in den Anschauungsformen der jeweiligen Gegenwart nachzuschaffen.
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In diesem Blickwinkel gewinnen die Wagneraufführungen der Staatsoper und des Deutschen Opernhauses grundsätzliche Wichtigkeit. Der Zufall wollte es, daß beide Bühnen ungefähr zu gleicher Zeit den „Fliegenden Holländer" neu herausbrachten. Auch wenn wir die gesanglichen Qualitätsunterschiede der Aufführungen ganz außer Acht lassen, gleitet der Blick in zwei verschiedene Welten. Zwei Stilprinzipien stoßen aneinander, zwei Generationen scheiden sich. Der Holländer des Deutschen Opernhauses empfängt Idee und Format von Wilhelm Rode, dem Intendanten, Regisseur und Titelhelden. Er will die „Dämonie". Er setzt symbolische, naturalistische und psychologische Mittel ein. Mit einem Pathos, das bis zum Bersten gespannt ist, stellt er eine überlebensgroße Gestalt auf die Bühne. Die seelische Zerrissenheit des Verfluchten wird mit jeder Silbe, jeder Geste demonstriert. Sentimentale Dehnungen unterstreichen jeden Ton, jede Pause. Als Regisseur überträgt er seinen Stilwillen auf die übrigen Sänger und — bei den Autoritätsverhältnissen dieses Hauses — auch auf den Dirigenten Artur R o t h e r. Ohne Zweifel findet eine ältere Generation hier „ihren" Wagner, den hochgetriebenen Naturalismus der Zauberromantik. In seltsamer Weise überschneiden sich dabei historisierende Grundsätze und theatralische Wirkungsabsicht. Um ein einziges Beispiel zu nennen: Man bringt annähernd vorschriftgemäß die problematische Schlußapotheose, vertraut aber beim ersten Zusammentreffen zwischen der erstarrenden Senta und dem Holländer so wenig der inneren Spannung der Szene, daß der abgehende Daland für die Zuschauer den weiteren Handlungsverlauf durch eine unzweideutige animierende Bewegung andeuten muß — eine ungewollte Kritik des Regisseurs an seinem eigenen Stilprinzip!
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Anders der „Holländer" der S t a a t s o p e r. Zwei junge Männer an Dirigentenpult und Regie- tifch: Johannes Schüler und Rudolf Hartmann. Gewiß entscheiden auch sie sich für die große Oper, die stellenweise symbolistisch durchsetzt wird. Aber es geschieht mit einer Härte und Klarheit der Form, die nichts Sentimentales duldet. Scharf geprägt die Plastik des Orchesters, genau umriffen die Arien. Als Holländer steht ihnen Rudolf Bockelmann zur Verfügung. Liegt schon seiner Stimmfarbe das „Dämonische" weniger als Rode, so stellt seine Verhaltenheit in allen Gefühlsäußerungen den Holländer auch bewußt in die Reihe der tragischen Männergestalten Wagners, in die unmittelbare Nachbarschaft des „Wanderers". In fchärsttem Kontrast gestaltet Marta Fuchs die Senta ekstatisch, visionär. Die Holländerballade findet eine ungeahnte Steigerung zum Dramatischen durch den Einsatz eines so energiegeladenen Sän
gerschauspielers wie Max Lorenz für den Erik. Die entschiedene Deutung des Werkes aus dem neuerwachten Instinkt für die klare Gesetzlichkeit der Oper findet ihre Ergänzung durch die nur scheinbar eigenwillige Aenderung des Schlußbildes, das an Stelle der emporschwebenden Gestalten einen Sonnenaufgang über glatter See zeigt und damit dem inneren Werksinn zum anschaulichen Durchbruch verhilft.
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Eindrücke von gleicher Bedeutsamkeit empfängt man in den Bezirken des Musikdramas auch von den Ausführungen des „Ringes des N i b e l u n- a e n", der in der Staatsoper wieder in zyklischer Form geboten wird. Nach Furtwängler und Krauß dirigieren jetzt Robert Heger und Johannes Schüler. Geblieben ist aber die Regie des Generalintendanten T i e t j e n und die soliftische Besetzung, die fast vollständig der Bayreuther entspricht. Auch hier sind überzeitliche Kunstwerte in die Anschauungsform der Gegenwart übersetzt mit einer Geistigkeit und einem Spürsinn, die stilbildende Verbindlichkeit für die heutige Wagnerdeutung besitzen. Der Spielleiter zeigt höchst eindringlich, wie man konventionelle Pathetik auflockern, orchestrale Vorgänge szenisch Überhöhen und auch unabhängig von sklavischer Befolgung originaler Regievorschriften das Wesen des Gesamtkunstwerkes aus tiefster Vertrautheit dem heutigen Menschen viel näher bringen kann. Ein vergleichender Blick auf die gleichzeitigen Ausführungen derselben Musikdramen im Deutschen Opernhaus erweist die Ueberlegenheit eines Regisseurs, der seine Aufgabe weder von der einseitigen Blickrichtung des Sangers löst, noch der Verständnisfähigkeit des oorausfetzungslofen Zuschauers durch gestische Ueberbetonungen ständig entgegenkommen muß.
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Wie man durch eine vorausschauende Personalpolitik eine künstlerische Richtung bestimmen kann, das zeigte die Staatsoper zuletzt durch die Verpflichtung und den Einsatz des jungen Werner E g k. Als der Komponist der überaus erfolgreichen Oper „Die Za über geige" als Kapellmeister nach Berlin berufen wurde, horchte man auf. Ein Mann ohne Theaterroutine an einer so wichtigen Stelle? Ist es Verlegenheit, ist es Absicht? Die erste eigene Einstudierung Egks gab eine klare Antwort. Er dirigierte Verdis selten gespielten „Don Car- l o s". Die Freiheit von aller Opernschablone, die Frische der Bewegung und Klarheit der Konturen, die Josef Gielens Regie auszeichnet, fand man in der musikalischen Deutung durch Werner E g k wieder. Werner Egt gab einen durchaus „modernen" Verdi: die Tempi von unbestechlicher Sachlichkeit bestimmt, die Arien in gläsernem Schliff, die Notenwerte hart und klar ausgeprägt, ohne geheimnisvolle Jnterpretationszu- taten, ohne Nachgiebigkeit gegenüber beliebten Dortragsmanieren auf der Bühne, ohne Rubato und flirrende Klangreize. Das war eine Verdi-Auffüh- rung, die sich nur der Partitur und ihrem Schöpfer verpflichtet wußte. Manche alten Theaterhasen mögen ein leichtes Gruseln bekommen haben — wir beglückwünschen die Staatsoper zu ihrem kühnen Griff. Mag der Kontakt des Dirigenten mit der Bühne bei allmählichem Hineinwachsen in den ungewohnten Apparat auch noch enger werden können, es war trotz allem auch gesanglich eine großartige Vorstellung: Josef von 'M a n o w a r d a als Kömg Philipp, Franz Völker als Don Carlos, Herbert Janssen als Posa, Walter Großmann als Großinquisitor und Margarete Klose als Cboli rissen das Publikum zu Ovationen hin.
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Die Bekanntschaft mit Polens beliebtester Nationaloper vermittelte die Staatsoper durch die Berliner Erstaufführung der „Halt a" von Stanislaw
Mon! usko, die 1935 in Hamburg zum ersten- mal auf einer deutschen Bühne erschienen ist. Das Werk stößt im heutigen Deutschland auf eine vertiefte Verständnisbereitschaft für typisch nationale Elemente in der Kunst. Die „Halka" ist tief im polnischen Volksgesang und Volkstanz verwurzelt. Darüber hinaus zeigt sie die Fähigkeit ihres Schöpfers, auf der Grundlage der französischen und zum Teil auch der deutschen Romantik eine Orchestersprache und ariose Lyrismen von eigenem Reiz zu gestalten. Die Berliner Aufführung unter der
Gastregie des Hamburger Generalintendanten Hein- rich K. Strohm und der ungemein klangempfindlichen Musikleitung von Leo Blech erzielte einen durchschlagenden Erfolg. Er ist nicht allein der mitreißenden Wirkung der Tänze zuzuschreiben, sondern findet eine wesentliche Stütze in einer durchgreifenden dramaturgischen und musikalischen Bearbeitung. In der Titelrolle bot Tiana Lemnitz eine gesanglich und darstellerisch überragende Leistung. Johannes Jacobi.
Raumforschung im Lahntal.
Ein wichtiger Beitrag zur gesamtdeutschen Raumforschung und Raumordnung
Die Frage der Lahnkanalisierung von Limburg bis Gießen und die von der Durchführung dieses Projektes erhoffte Belebung der Wirtschaft im Lahntal bis in die Gegend von Marburg steht seit Jahren an hervorragender Stelle in den Aufgaben der wirtschaftlichen Körperschaften des Lahnbezirks und der beteiligten politischen Behörden. Insbesondere war es der Fulda-Lahn-Kanalverein, der sich durch seinen regsamen Geschäftsführer, den in diesem Jahre verstorbenen Direktor Bansa in Limburg, immer wieder nachdrücklich für die Verwirklichung des Projektes einsetzte. Es wurden wiederholt eingehende Berechnungen über die Wasserwirtschaft, die Gestaltung der Schleusen, die beste Art der Schiffstonnage, die Wirtschaftlichkeit dieser Wasserstraße, die Elektrizitätsgewinnung usw. an- gestellt. Zahlreiche Eingaben an die verschiedensten Behörden, insbesondere an die Regierung in Berlin, gingen nebenher. Vielfach fand der Fulda-Lahn- Kanalverein Unterstützung. In den Jahren vor der Machtübernahme erreichte er aber an keiner Stelle die Bereitstellung des erforderlichen Geldes zur Verwirklichung seiner Vorschläge. Das mag u. a. wohl auch dadurch zu erklären sein, daß neben gewissen Einwänden von der Seite der Reichsbahn auch an anderen einflußreichen Stellen Bedenken bestanden, die vor allem durch Zweifel an der Wirtschaftlichkeit der neuen Wasserstraße entstanden waren. Nach dieser Richtung hin konnte allerdings bis vor etwa zwei Jahren niemals mit Gewißheiten den Zweifeln entgegengetreten werden, sondern es wurden Vermutungen und Wahrscheinlichkeitsberechnungen über die Bodenschätze des Lahntals angeführt, denen aber gewichtige gegenteilige Behauptungen widersprachen. So war es schließlich nicht verwunderlich, daß die ganze Angelegenheit nicht vorwärtskam.
Im Jahre 1933 kam von einer Seite her, von der man es nicht erwartet hatte, ein neuer Auftrieb, nämlich von der Wissenschaft. Der von Breslau an die Universität Gießen berufene Nationalökonom Prof. Dr. Bechtel griff das Projekt auf. Anlaß dazu gab auch die Notwendigkeit, für arbeitslose Akademiker eine ihrem AusbilÜungsgang entsprechende fruchtbare Beschäftigung zu organisieren, deren Ergebnis der Volksgesamtheit zugutekommen sollte. Entsprechend den von der Deutschen Forschungsgemeinschaft herausgegebenen Richtlinien schuf Professor Bechtel, der mittlerweile auch die Stelle des Direktors des Instituts für Wirtschaftswissenschaft an der Universität Gießen mitübernommen hatte, in Anlehnung an die Gießener Universität die Wissenschaftliche Akademiker-Hilfe, kurz WAH. genannt. Unter seiner Leitung nahm diese Gemeinschaft von jungen Akademikern als Wissenschaftliche Akademiker-Hilfe „Notarbeit 157 Wirtschaftsforschung Lahntal" nach einheitlichen Gesichtspunkten in strenger, wissenschaftlicher Systematik die Untersuchung aller Fragen dieser Ausgabe vor. Es traf sich glücklich, daß die Arbeitsgemeinschaft für Raumforschung an der Universität Gießen in der gleichen Zeit begründet wurde, wodurch der Rahmen gegeben war, um auf breitester Grundlage die Forschungsarbeiten der später aufgelösten WAH. fortzuführen. Aus der dreijährigen, tiefschürfenden Arbeit liegt nunmehr eine Grundlage vor, gegen die begründete Einwände nicht
mehr erhoben werden können. Dadurch hat das Projekt der Lahnkanalisierung unzweifelhaft wieder an Bedeutung und vielleicht auch an Aussichten auf Verwirklichung gewonnen.
Die WAH. und die Arbeitsgemeinschaft für Raumforschung gingen bei ihren Untersuchungen des Problems vor allem von dem Gesichtspunkt aus, daß es sich hier nicht um ein Verkehrs unter« nehmen, sondern um eine volkswirtschaftliche Verkehrs einrichtung handelt, daß ihre Auf- aabe also darin bestehe, bei der Raumforschung im Lahntal den Nachweis von volkswirtschaftlichen Möglichkeiten zu erbringen, deren Nutzbarmachung dann Sache der Wirtschastssührer und privaten Unternehmer im Zusammenwirken mit den maßgebenden Behörden sein wird. Durch das Ergebnis dieser Untersuchungen ist einwandfrei festgelegt, inwieweit die Lahn selbst als bestimmender Faktor bei der Frage der Lahnkanalisierung in Betracht kommt, bis zu welchen Grenzen die wirtschaftlichen Ausstrahlungsmöglichkeiten gehen und mit welchen Bevölkerungsverhältnissen und Lebenserfordernissen im Lahngebiet zu rechnen ist. Man kann sich ferner jetzt ein sicheres Bild machen über die produktiven Wirkungen, die sich aus der Kanalisierung der Lahn ergeben werden, zunächst durch den Bau dieser Verkehrseinrichtung im Rahmen des Arbeitsbefchaffungsprogramms, sodann aber auch durch die damit unmittelbar verbundenen Auswirkungen auf dem Gebiete der Elektrizitätsgewinnung und der Beseitigung von Hochwasserschäden durch Grundwasserregulierung und durch den raschen Ablauf der zusätzlichen Wassermengen. Einen klaren Ueberblick hat man nunmehr auch über die Einwirkungen der Lahnkanalisierung auf die Privatwirtschaft im Lahngebiet und zwar auf die Landwirtschaft und die Forstwirtschaft, auf die Industrie der Wirtschaftsgrundstoffe (Eisenerz-, Metallerz-, Braunkohlenbergbau, Kalk-, Marmor-, Basalt-, Ton- und Tonwarenindustrie, Bauxitgruben), auf die weiterverarbeitenden Industrien (Eisen-, Zement-, Holzverarbeitung-, Gummi-, Zigarren- und Mineralwasserindustrie). Sorgfältige Untersuchungen haben auch für die Beurteilung der Ansiedlung neuer Gewerbe (Textilindustrie, Schiffahrtsgewerbe) aufschlußreiches Material erbracht.
Die Einschaltung der Wissenschaft in die Arbeit zur glücklichen Lösung eines bedeutsamen Verkehrsund Wirtschaftsproblems des Lahntals hat eben nach allen Richtungen hin dazu geführt, daß man die produktiven Wirkungen dieser Verkehrseinrichtung zum Nutzen der Gesamtwirtschast, ferner hin-
Die Rosen für die Herzdame lassen wir diesmal um eine Flasche Schaumwein winden. Da werden ihre schönm Augen aber leuchten!
SCHAUMWEIN
Ser Kapitän Sir Edgar Dritten.
Anekdoten aus einem Seemannsleben.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Still wie er gelebt hat, ist er in den Tod gegangen, der alte, graue Sir Edgar Britten, zuletzt Kapitän des stolzesten Schiffes, das England besitzt. Doch fein Leben war gar nicht humorlos, wie man bisher annahm. Jemand, der ihn gut kannte, erzählt jetzt, nachdem Britten feine letzte Ruhe auf dem Meeresgrund gefunden hat, ein paar fröhliche und ernste Episoden aus feinem Leben.
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In einer alten Kassette, die man im Schrank des Kapitäns Britten auf der „Queen Mary" entdeckte, lag statt aller erwarteten Reichtümer nur ein kleiner, alter Shilling, der seit 55 Jahren nicht mehr im Kurs ist. Aber dieser Shilling war die erste Münze, die Sir Edgar Britten auf See verdiente. Er sollte damals, 6 Jahre alt, mit seiner Mutter zum Vater kommen, der in Lima in Peru im Staatsdienst tätig war. Man fuhr auf einem alten „Kahn" über den Ozean. Der kleine Edgar hatte bald einen Freund gefunden, mit dem er die Meilen abschätzte, die das Schiff pro Tag bewältigte. Wenn man sich nicht einigen konnte — prügelte man sich. Und der hatte recht, der zuletzt oben lag. Nie aber war die Prügelei lebhafter als an jenem Tag, als plötzlich der Kapitän jenes alten Dampfers, John Joste mit Namen, für den Gewinner beim nächsten Ringkampf einen Shilling als Preis aussetzte. Diesen Shilling gewann Edgar.
Zehn Jahre später plagte sich Edgar Britten in Birmingham auf der Schule herum. Abends aber führte er mit feinen Eltern einen geistigen Rmg- kampf aus, — wann er nun endlich zur See fahren dürfe. Eines Tages hielt's ihn nicht mehr. Mit wenig Geld, aber großen Hoffnungen kam er nach Liverpool. Wie er hort durch die Straßen schlich, sah er vor sich einen alten Seemann breitbeinig ausschreiten. Sein Herz schlug hoher:
tön Joste — kennt Ihr mich nicht mehr?! Der Kapitän blieb stehen, besann sich, lochte und nahm den Sechzehnjährigen zu sich aufs Schiff. So fand Edgar Britten den Weg zur See, — wie er es sich immer geträumt hatte.
Alle wichtigen Ereignisse im Leben Brittens standen in irgendeiner Beziehung zum Neujahrstag. An einem 1. Januar traf er jenen Kapitän Softe m Liverpool und kam durch ihn auf die „Jefsie Os- borne". An einem 1. Januar wurde er von der
Cunard-Company für ein Dampfschiff verpflichtet. An einem 1. Januar erschien fein Name in der Ehrenliste. Er wurde dadurch zum Ritter geschlagen. Am 1. Januar 1934 machte ihn die Cunard White Star zu ihrem ersten Commodore. An einem 1. Januar auch lernte Edgar Britten seine Frau kennen.
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Auf See hat jeder Kapitän und jeder Offizier seinen Spitznamen. Als Britten die „Berengaria" unter sich hatte, gelang es ihm jedoch mit dem besten Willen nicht, diesen Spitznamen herauszubekommen. Endlich fand er eines Abends einen alten Quartiermeister, der mit Seeleuten von der „Berengaria" in guter Beziehung stand. Ihn bestach er mit einem schönen runden goldenen Psund- stück und erfuhr's. „Sie nennen Euch Nebel-Britten, Sir — warum? — weil in den ersten drei Monaten, die Ihr auf der „Berengaria" gefahren seid, das Schiff überhaupt nur gegen Nebelbänke zu kämpfen hatte. Und so etwas hängt einem an auf See."
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Britten verstand sich auch auf alle möglichen medizinischen Wissenschaften. Eines Tages rief ein amerikanischer Lastdampfer drahtlos bei der „Berengaria" an. Ein Mann war gestürzt und hatte sich eine schwere Schädelwunde zugezogen: „Nehmt Nadel und Faden und näht die Kopfhaut zusammen. Blut wird so gestillt!" — Einige Minuten später kam ein neuer Funkruf: „Mann widersetzt sich energisch dieser Behandlung!" — „Näht trotzdem — wendet Gewalt an!" — „Dank für den Rat — Mann hat Widerstand geleistet — nähen augenblicklich Kopfhaut des Kapitäns!"
Ueber ein Erlebnis hat Britten selten und nur ungern gesprochen. Das war damals, als der Unglücksdampfer „Saxilby" in einem Sturm zugrunde ging. Britten fuhr auf der „Berengaria". Hier fing man den SOS-Ruf auf: „SOS — Berengaria — Berengaria — beeilt euch, wir sinken." „Ruf erhalten — Saxilby — haltet euch gut — kommen mit Volldampf." „Es wird zu spät sein. Wir können das Schiff nicht mehr halten." Und eine Stunde später fing der Funker der „Berengaria" ein letztes verstümmeltes Funktelegramm des sinkenden Schiffs „Saxilby" auf: „Berengaria — leb wohl — leb..." Britten hat damals den Kapitän des „Saxilby" nicht mehr lebend angetroffen. Die beiden alten Seebären werden sich nun im letzten Seemannsheim in diesen Tagen begegnet sein. Britten hat nicht viel Aufhebens gemacht von seinem Leben und noch weniger von seinem Sterben. Als man zu ihm in seine Kabine kam, war er still eingeschlafen.
Lob Der Bücher.
Von Anion Schnack.
Ich lobpreise die verschollenen und in Vergessenheit geratenen Bücher der Kindheit, Quellen und Brunnenstuben des Glückes, vom vielen Umblättern braun und brüchig an den Ecken geworden. Noch heute lebt ein Glanz und ein Schein aus jenen Märchenbüchern in der Seele. Bunten Scheiben gleich standen sie vor dem Leben, ein anderes Leben zeigend als das tatsächliche, verzaubert war alles in ihnen, Wälder und Flüsse, Heilige und Tiere, Menschen und Schlösser. Der saumselige Kinderfinger ging in ihrem Wunderreich dem blauen Glanz der Derwunschenheit nach.
Unvergeßlich bist auch du, wildes Knabenbuch, mitgeschleppt im Bücherranzen zwischen lateinischer Grammatik und dem algebraischen Lehrbuch eingepreßt. Gelesen wurdest du in Speicherverstecken, auf alten Stadtmauern und in Mitternächten, die eigentlich dem Knabenschlaf gehören sollten. Herrliches Buch, das mit bunten und knallenden Bildern geschmückt war und das Knabenherz beunruhigte, weil aus dir die Dschungel und Steppen dünsteten, die Meere brandeten, der Todesschrei gejagter Tiere brüllte und Krieg und Waffen klirrten. Heldenbücher waren es, Bücher der Taten, verschlungen und vergöttert, ausgetauscht gegen andere der gleichen Art, den Tatendrang weckend, ein großes Vorbild schenkend und deswegen gut und heilsam.
Ich muß die Bücher mit den Gedichten lobpreisen, worin Musik, zu Wort und Satz geworden, harft, orgelt, braust und singt. Versammelt sind in ihnen seit Jahrhunderten die flüsternden Stimmen der Sehnsucht, die Rufe der Trauer, Innigkeit, Beschwörungen, Demütigkeiten, Zuslüsterungen und Ermunterung. Eine reine und gültige Gedichtsammlung ist mir ein modernes Gebetbuch, in dem ich zu Beginn des Tages und zum Ausklang des Tages eines jener unsterblichen Gedichte lese, die der beständigen Erde gewidmet sind, der Liebe, der Tapferkeit, der Menschengröße, dem Glauben und der Harmonie.
Meine Bewunderung gehört auch den Büchern der Weltfahrer und Weltreisenden. Ich le-ne daraus den unbeugsamen Willen kennen, der das Widerwärtigste und Gefährlichste bezwingt, der Cis und Feuer besiegt, Hunger und Durst, Berge und Wüsten, Fieber und Entbehrungen, der nur dem einen Ziele untertan ist, dem menschlichen Wissen zu dienen, dem menschlichen Forschergeist ein neues Blatt des Ruhmes zu pflücken und der Finsternis ein neues Stück Land zu entreißen. Das glühende
und reiche Antlitz der Welt liegt in diesen Büchern, und keiner hat je eine Seite ungeschlagen, die ihn nicht bereichert und beschenkt hätte.
Schön sind die Bücher der Liebe. Sie erzählen von den Herzen der Glücklichen und von den Herzen der Unglücklichen. In ihnen schweben Engel der Süßigkeit, Wesen der Einfalt und der Unschuld, Besessene der Leidenschaft, der Verderbtheit und Traurige der Verzweiflung und der Hoffnungslosigkeit. In ihnen sind die Schmerzen ausgezeichnet, welche die Liebenden getroffen hat, wenn ihre Liebe besiegt oder verachtet wurde. In ihnen stehen aber auch die erlauchten Worte der Hochzeitlichen und Glücklichen, wenn sie von der Liede beschenkt wurden und die schwärmerische Seligkeit der Herzensverzauberung genossen.
Ich erglühe von den Büchern der tiefen geistigen Auseinandersetzungen, worin die Erkenntnisse großer Gehirne und großer Menschen stehen, denen sich Wissen mit Verstand, Seele mit Wahrheit verschwistert. Durch sie werden Millionen von Menschen bewegt, entzündet, verändert, bereichert und aufgerüttelt. Ich lobpreise die Bücher, worin der Weg, den die Menschheit seit Jahrtausenden zurückgelegt hat, beschrieben ist. Das sind die Gerichtsbücher der Völker. Sie geben Kunde von ihren Tugenden und ihrer Größe. Es sind Dokumente der Niederlagen und der Siege, der Taten und der Träume, ihres Zerfalls und ihres Auffttegs, Fanfaren des Glücks und trübe Trommeln des Unglücks.
Ich lobpreise die Bücher der guten Stilisten, die die Schönheit der deutschen Sprache mit edlen und reinen Lettern in die Unvergänglichkeit einae» graben haben. Man soll sie immer wieder lesen und daran sich erfrischen und erquicken, wenn die Seele vom Staub und Lärm des Tages verworren und ausgebrannt ist. Sie erheben — das ist das Schönste und Gültigste, was man von einem Buche erwarten kann.
Hochschulnachrichten.
Im Zusammenhang mit den Jnstandsetzungs- arbeiten auf der Festung Marienbera in Würz« bürg gewinnt eine Verlautbarung Der Würzburger Stadtverwaltung Bedeutung, wonach im Herbst 1937 auf der Festung Marienberg ein Wissenschaft« liches Institut für deutsche H o ch s ch u l g e s ch i ch t < und Studentenkunde errichtet wird. Trägerin des Instituts ist die Stadt Würzburg. Gleichzeitig soll an der Universität Würzburg ein Lehrstuhl für Hochschulgeschichte und Studentenkundö errichtet werde».


