Nr. 277 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Donnerstag, 26. November (936
Drei Jahre „Kraft durch Freude".
Drei Einrichtungen des neuen Deutschland vor allem sind es, die das größte Interesse aller Ausländer, welche zu uns kommen, Hervorrufen: Das Winterhilfswerk, der Reichsarbeits- d i e n st und die N S. - G e m e i n s ch a f t „Kraft durch Freude". Fragt man sich, weshalb gerade diese Neuschöpfungen so starke Beachtung finden, so ist die Antwort unschwer gegeben: Weil sich in ihnen die sozialistische Grundhaltung des neuen Staates offenbart, der das Wort „Klassenkampf" aus der deutschen Sprache verdammt und an seine Stelle die Gemeinschaft aller schaffenden Deutschen gestellt hat.
Vor drei Jahren, im November 1933, wurde eine dieser drei Organisationen aus der Taufe gehoben: Die NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude". Drei Vierteljahre erst hatte der Nationalsozialismus die Macht in Händen, Ungeheures war in dieser kurzen Zeit geleistet worden, und schon konnte man an die Lösung einer neuen Aufgabe Herangehen: dem deutschen Arbeiter durch diese neue Einrichtung sein Vaterland zu erschließen, ihn teilhaben zu 'lassen an den Schönheiten dieser Erde, ihm durch die Tat zum Bewußtsein zu bringen, daß der Nationalsozialismus für ihn das verwirklichen würde, was der Marxismus einst versprochen, aber nie erfüllt hatte: „Ihr werdet einst auf eigenen Schiffen die Meere befahren!"
Es war eine eindrucksvolle Kundgebung der Deutschen Arbeitsfront, auf der Dr. Ley vor drei Jahren die Gründung der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" verkündete und die Grundgedanken klarlegte, die für die zukünftige Arbeit maßgebend sein würden. Ohne auf die Rede des Reichsorganisationsleiters hier ausführlich eingehen zu wollen, seien doch einige Worte seiner Schlußsätze hier angeführt, weil sie zeigen, in welchem Maße das, was vor drei Jahren ausgesprochen wurde, seiner Verwirklichung nähergebracht worden ist. Dr. Ley erklärte: „Als letztes großes Ziel, so hoffen wir, wird daraus die neue Gemeinschaft, die neue Gesellschaft des nationalsozialistischen Staates geboren werden. Lernen wir uns erst wieder einmal kennen, drücken wir uns die Hand und nehmen wir gemeinsam teil an der gemeinsamen Freude, an den Gütern unseres Volkes, dann wird aller Dünkel für alle Ewigkeit gebannt sein. Und deshalb soll dieses große gewaltige Werk im Hinblick auf das herrliche Ziel auch schon im Namen unser Wollen zum Ausdruck bringen: Nicht Freizeit, nicht Feierabend, nicht „Nach der Arbeit" — unser Werk heißt: „Nationalsozialistische Gemeinschaft „Kraft durch Freude!"
Drei Jahre sind inzwischen ins Land gegangen, drei Jahre, in denen diese Organisation, auf die manche zuerst etwas skeptisch herabgeblickt hatten, zur Genüge zeigen konnte, was sie zu leisten vermochte. Heute kennt jedes Kind „Kraft durch Freude", und Millionen deutscher Volksgenossen haben durch das, was ihnen geboten wurde, eine innere Bereicherung erfahren. Denn wir dürfen ja niemals vergessen, daß nicht die großen Reisen als solche, um nur eines zu nennen, ausschlaggebend sind, sondern die Tatsache, daß die von „Kraft durch Freude" Betreuten der inneren Lebensgüter der Nation, des kulturellen Lebens teilhaftig geworden sind, welches sie bislang nicht gekannt hatten. Wenn man früher zu einem Arbeiter das Wort „Kultur" sprach, so erklärte er einem ohne weiteres, daß dies „nichts für unsereinen" sei, denn viel zu sehr hatte sich bei dem deutschen Arbeiter, dank der Zersetzungsarbeit des Marxismus, die Ansicht durchgesetzt, daß alles, was mit Kultur zusammenhinge', außerhalb seiner Interessensphäre stände und lediglich das Vorrecht einer bestimmten Klasse sei, die mit ihm nichts zu tun haben wolle.
Heute weiß der deutsche Arbeiter, daß es im neuen Deutschland keine Kultur mehr gibt, die das Vorrecht bestimmter Beoölkerungskreise ist, heute ist die Kultur eigen st e Sache des ganzen deutschen Volkes und Grundlage unseres gesamten Lebens überhaupt. Dazu gehört nach nationalsozialistischen Begriffen ebenso, daß ein Fabrikarbeiter an einem anständigen, menschenwürdigen Platz seine Arbeit leistet, wie daß er seinen Feierabend sinnvoll und wertvoll verbringt. Und in dieser Richtung ist eben durch „Kraft durch Freude" mit ihren einzelnen Aemtern jene grundlegende Aenderung erreicht worden, die wir heute auf Schritt und Tritt beobachten können. Diese Gedanken galt es voranzustellen, wenn man das Gesamtwert dieser wahrhaft sozialistischen Organisation würdigen will.
„Seid Ihr denn überhaupt Arbeiter, Schmiede, Schlosser, die Ihr zu sein vorgebt?" Als diese Frage von Lissaboner Arbeitern anläßlich der ersten KdF.-Madeira-Fahrt an deutsche Reiseteilnehmer gerichtet wurde, da waren unsere deutschen Volksgenossen im ersten Augenblick überrascht und konnten den Grund dieser Frage nicht begreifen. Doch als sie dann in die Werkstätten ihrer Lissaboner Arbeitskameraden gingen und dort zeigten, daß sie wirklich ihren Beruf verstanden, da ging ein großes Staunen über die Gesichter der Portugiesen, die es niemals für möglich gehalten hatten, daß eine Nation Arbeiter als Vertreter ihres Volkes in fremde Länder schickt. Zweifellos haben die Hochseefahrten und selbstverständlich auch die Reisen innerhalb Deutschlands bei allen Teilnehmern den größten Anklang gefunden, und wenn wir zuerst so manche ausländische Pressestimme hören konnten, die da behaupteten, daß an diesen Remisen nur begüterte Kreise teilnehmen, so mag das gar nicht immer Böswilligkeit gewesen sein, sondern eben der Glaube, daß solche Reisen ja gar nicht durchgeführt werden könnten. Es ist im Laufe der Jahre auch vielen Ausländern, Schriftstellern und Künstlern, Gelegenheit geboten worden, an den Seereisen unerkannt teilzunehmen. Wir haben dabei feststellen können, daß die Ausländer durch dieses Erlebnis tief beeindruckt worden find, und wenn der bekannte Schweizer Dichter Jakob Schaffner darüber das Buch „Volk zu Schiff" geschrieben hat, das jeder Deutsche gelesen haben sollte, so zeigt uns allen dieses Urteil, daß wir auf dem rechten Wege sind. Wir können jedenfalls jetzt in aller Schlichtheit, aber mit um so größerer Eindringlichkeit erklären, daß in den letzten Jahren Hunderttausende von Deutschen, und davon der größte Teil zum ersten Mal, die Schönheiten ihres Landes und weite Teile fremder Länder geschaut haben. Daß dadurch, um nur auf den Bayerischen Wald hinzuweisen, manche Teile Deutschlands überhaupt erst richtig dem Fremdenverkehr erschlossen worden sind, sei nur nebenbei erwähnt.
Auch mit ihren anderen Aemtern hat die NS.- Gemeinschaft „Kraft durch Freude" überall stärksten Anklang gefunden, weil diese einer inneren Notwendigkeit entsprachen. Wenn man sich vor Augen hält, daß noch vor einigen Jahren der Sport in weiten Kreisen des Volkes, vor allem der Handarbeiter, kaum Beachtung fand, so muß es wirklich als ein schöner Erfolg angesehen werden, wenn das Sportamt jetzt bereits Zehntausende von Kursen mit Millionen von Teilnehmern umfaßt, die erkannt haben, daß vernunftgemäßer Sport, so wie er hier getrieben wird, unerläßlich ist für das Gedeihen des Menschen. Und welche Erfolge das Amt „Schönheit der Arbeit" hat, davon können wir uns täglich überzeugen, wenn wir durch Fabriken, Werkstätten und Büros gehen. Was bisher mit allen Paragraphen und Gesetzen nicht möglich gewesen ist, hat auf diesem Wege der Freiwilligkeit sich in tausenden von Betrieben durchgesetzt. Neue Badeanstalten, Frühstücksstuben, Erholungsräume, Waschgelegenheiten, Grünanlagen, Sportplätze usw. sind errichtet, Fassaden verschönert, Feierabend-
Häuser gebaut worden. Sauberkeit, Erholung und Zweckmäßigkeit sind die Richtschnur, sichere und schöne Arbeitsplätze das Ziel.
Wenn heute der deutsche Arbeiter wieder an dem Kulturleben des Volkes Anteil nimmt, so ist das vor allem ein Verdienst von „Kraft durch Freude". Der Besuch von Theatervorstellungen, Museen usw. sind Meilensteine auf diesem Weg. Sonderzüge fahren nach Berlin und anderen großen Städten, um dem schaffenden Deutschen die Ausstellungen zu zeigen, die von dem Fleiß unseres Volkes künden. Und wenn die „W oche des deutschen Buch e s" jetzt immer stärkeren Anklang findet, so vor
allem deshalb, weil es gelungen ist, wieder den deutschen Arbeiter für das Buch zu gewinnen. 51 Nationen waren kürzlich auf dem „Weltkongreß für Freizeit und Erholung" in Hamburg zufammengekommen, sie alle standen im Banne dessen, was Deutschland als wahrhaft sozialistischer Staat für den schaffenden Menschen geleistet hat. Und wenn wir in vielen Ländern Bestrebungen verfolgen können, die darauf abzielen, ähnliche Maßnahmen zu ergreifen, wie es „Kraft durch Freude" getan hat, bann mag uns diese Tatsache die beste Bestätigung dafür sein, daß der von uns ungeschlagene Weg der richtige ist.
„Krast durch Freude" im Gau Hessen-Aassau.
Drei Jahre segensreicher Arbeit auf allen Gebieten.
NSG. Als der Reichsleiter der DAF., Dr. Ley, vor drei Jahren die NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" ins Leben rief, war erst gerade das große Werk begonnen, allen deutschen Menschen Arbeit zu verschaffen. Trotz der ungeheuren Arbeit, die auf allen Gebieten zu leisten war, fand der Anspruch des deutschen Arbeiters auf Berücksichtigung feiner berechtigten Wünsche nach einer würdigen L e - b e n s f o r m Erfüllung und Gestalt. Voll Stolz kann heute die nationalsozialistische Bewegung auf die Erfolge der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" blicken. Für unser Gaugebiet können wir feststellen, baß die Leistungen von Jahr zu Jahr außerordentlich verbessert worden sind.
Die bewährte Verteilung der einzelnen Arbeitsgebiete ist auch im letzten Jahr beibehalten worden. In den Betrieben sorgt das Amt „Schönheit der Arbeit" für die würdige Gestaltung der Arbeitsplätze und der Aufenthaltsräume für die Gefolgschaft. Im Jahre 1934 konnten bereits in 2 00 Betrieben Verbesserungen durchgeführt werden. Die hierfür aufgewandten und in zusätzliche Arbeitsbeschaffung umgewandelten Beträge beliefen sich auf rund 1,6 Millionen Reichsmark. 1935 stiegen die Zahlen auf 300 Betriebe und 2.8 Mill. Reichsmark. Im letzten Jahre wurden 500 Betriebe zu Verbesserungen veranlaßt. Daß hierbei nur der Aufwand van 3,1 Millionen RM. notwendig war, zeigt, daß die erheblichsten Mängel bereits in den vorausgegangenen Jahren beseitigt waren und daß man nun an die breitere Erfassung gehen konnte. Insgesamt wurden also in drei Jahren in 1000 Betrieben 7,5 Millionen RM. aufgewandt, um schönere Arbeitsplätze und Aufenthaltsräume zu schaffen.
In den Betrieben ist ein neuer Geist eingezogen. Die Idee des deutschen Sozialismus hat Betriebsführer und Gefolgsmann erobert. Sie bilden heute eine geschlossene Betriebsgemeinschaft als dienendes Glied des geeinten Volkes. Echte, lebensfrohe Betriebsgemeinschaft kann sich nur entwickeln, wenn die Grundlagen dieser Gemeinschaft fest und unerschütterlich sind, wenn die Idee des deutschen Sozialismus unveräußerliches Lebensgut jedes einzelnen Arbeiters geworden ist. Das kann aber nur erreicht werden durch eine ständige und intensive E r^-i ehung zur Gemeinschaft. Damit ist bht' 21 u f g a b e der Werkscharen Umrissen. SWrsind der Stoßtrupp des Sozialismus im Betrieb, Vorbilder nationalsozialistischer Auffassung, Beispiel der Kameradschaft, Träger der Betriebsgemeinschaft. Obwohl die Werkscharen noch nicht lange bestehen, kann die Arbeit bereits b e - merkenswerte Erfolge aufweisen. Im Gau Hessen-Nassau bestehen in fast allen größeren Betrieben bereits Werkscharen. Insgesamt zählt der Gau 4500 Werkscharmänner, van denen 3500 eingekleidet sind. 1936 haben die Werkscharen unseres Gaues auf dem Gebiet der Gestaltung von Be- triebsfeierftunben Hervorragendes geleistet.
Sport muß Lebensgewohnheit werden. Dieser Satz ist die Richtschnur der Arbeit des Sport
amtes der NS. - Gemeinschaft ,Kraft durch Freud e". Als die NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" gegründet wurde und die Freizeitgestattung in Angriff nahm, widmete sie sich folgerichtig auch der sportlichen Ertüchtigung des schaffenden Menschen. Sie traf hier auf ein Bedürfnis der werktätigen Deutschen; das beweisen die fteigenben Zahlen der Kurse und der Teilnehmer. Es geht hier nicht um Rekorde und Höchstleistungen, maßgebend ist allein die allgemein-sportliche Durchbildung. Ein gesunder Wettstreit untereinander fördert dieses Streben. Der Tag der Betriebswettkämpfe in diesem Jahre ist hierfür ein Beispiel. Blickt man in das Sportprogramm der NSG. „Kraft durch Freude", so ist man überrascht von der Vielseitig- feit der sportlichen Ausbildungsmöglichkeiten. Neben allgemeinen Kursen wie Körperschule, fröhliche Gymnastik, Schwimmen usw. gibt es zahlreiche Sonderkurse. Tennis, Fechten, Reiten, Boxen, Rettungsschwimmen, Kleinkaliberschießen, Eislauf, Ski- und viele andere Kurse geben jedem Gelegenheit, sich sportlich durchzubilden. Besonders stark besucht sind die Kurse für die Erringung des Reichssportabzeichens, deren Teilnehmerzahl von Monat zu Monat steigt.
Im ganzen gesehen ergibt sich eine starke Zunahme der Kurs- und Teilnehmerziffern. 1934 besuchten bereits 2956 Teilnehmer 55 Kurse. 1935 stiegen die Zahlen auf 612 Kurse und 9321 Teilnehmer. Fast eine Verdoppelung dieser Zahlen brachte der Januar 1936 mit 1037 Kursen und 16 768 Teilnehmern. Heute steht die Entwicklung des „KdF."-Spor- tes im Gau Hessen-Nassau bei 1409 Kursen mit 23 262 Teilnehmern, und diese Zahlen sind noch i m stetenWachsen. Insgesamt wurden seit Bestehen des Sportamtes in Hessen-Nassau fast 20 000 Sportkurse abgehalten, lieber 300 000 Werktätige gingen in dieser Zeit durch die „KdF."-Sportkurse, und zwar 1934 17 558 Teilnehmer, 1935 114 278 Teilnehmer und 1936 bis Oktober 191 518 Teilnehmer.
Dieses starke Anwachsen der sportlichen Arbeit hat einen Ausbau der Organisation im Laufe der drei Jahre notwendig gemacht. Neben dem Gausportamt sind inzwischen noch Kreissport- ä m t e r in Frankfurt, Offenbach, Mainz, Darmstadt, Gießen und Wiesbaden errichtet worden. Diese Organisation wird weiter ausgebaut, bis das Ziel erreicht ist, alle schaffenden Volksgenossen im Sport zu erfassen und damit gesund und stark zu machen.
gegen spröde Häut
Goeche-Buni).
Dichterabend: Edwin Erich Dwinger.
Edwin Erich D wingers zweiter Besuch in Gießen — er las schon einmal vor einigen Jahren im Goethe-Bund — übte eine solche Anziehungskraft aus, daß die Neue Aula gestern abend den Zustrom der Hörer kaum zu fassen vermochte. Wer Dwinaers Vergangenheit, seine Persönlichkeit und seine Bücher kennt, mußte eine Vorlesung erwarten, die ihrem Wesen nach von den sonst üblichen Dichterabenden abstach; sie war auch in der Tat, ganz besonders in ihrem ersten Teil, von einer gerade für uns und gerade in diesen Tagen brennenden Aktualität, von einer gespannten, politischen Zeitnähe und Gegenwärtigkeit, der sich wohl niemand in dem dichtbesetzten, großen Raum hat entziehen können.
Dwinger las zunächst einen großen Abschnitt aus seinem letzten, vor kurzem an dieser Stelle besprochenen Buche „Und Gott schweigt?"; er stellte die Sätze des Geleitwortes voraus, in denen es heißt, daß, was hier berichtet wird, keineswegs ein Phantasiegebilde sei, sondern der wahrheitsgetreue Bericht eines nach Sowjetrußland emigrierten, jungen deutschen Kommunisten. Dieser Bericht dürfe zu den Waffen in dem zu erwartenden entscheidenden Kampfe unseres Jahrhunderts gerechnet werden Der oorgetragene Abschnitt schildert die Reise des jungen Deutschen ins Innere des Landes im Jahre 1933, zur Zeit der ersten großen Hungersnot, wobei 2,7 Millionen Bauern auf eine fürchterliche Weise ums Leben kamen. Die Vorbemerkung ist wohl schon um deswillen nützlich, weil in der Tat, was hier erzählt wird, wie die Ausgeburt einer kranken und völlig verwilderten Phantasie anmuten könnte. Es ist aber nicht Phantasie, sondern die nackte, erregende, erschütternde und an- klagende Wirklichkeit. Die Reise des jungen Deutschen, ist wiederum eine Fahrt ins Land des Todes und des Grauens — wie damals „zwischen Weih und Rot"- was er dabei erlebt und mit eigenen Augen und Ohren in sich aufnehmen muß, chreit Zum Himmel. Angesichts des furchtbaren Elends, das er in nächster, körperlicher Nähe gewahr wird, muß der junge Mensch „sein Herz zu einem Steine machen". Das Buch, von der ruhigen, artifulicrten und raumfüllenden Stimme Dwinaers gelesen, reiht mit einer erschütternden Sachlichkeit ein Bild des Grauens an das andere. Die aufgetriebenen Gestalten der Verhungernden, die sich unterwegs an den Wagen des Reisenden klammern, bereiten ihn vor auf das, was ihn im Dorfe Gottswort, einer deutschen Siedlung schleswig-holsteinischer Bauern aus der Zeit der großen Katharina, er
wartet: der herzzerreißende Anblick halbverhungerter Kinder, allein gelassen von den Eltern, die „Essen suchen" gegangen sind. Der Deutsche sättigt die Kinder; die heimkehrenden Eltern berichten ihm von dem Leben, das sie führen, und das kein Leben mehr ist. Don den Tschekisten („es sind ja keine Menschen wie wir"), die erbarmungslos die letzten armseligen Reste an Korn und Futter von den Bauern erpressen; von dem Schreckenszuge der „Deportierten", von den auf Raub ausziehenden Horden der Halbwüchsigen, von den pingen Mädchen, welche /.schlechte Kommunistinnen" sind, von dem lieben Wörtchen Brot („bei seinem Klang schon muß ich meinen"), von der verhungerten Kuh, die eine ganze Familie durch den Winter bringt, vom verdorbenen Pferdefleisch, das die Mutter vergraben muß, damit die Kinder es nicht finden, vom Säugling, der zugrunde geht, weil die Mutter keine Milch mehr für ihn hat, von den „teuflischen Torgsin-Geschäften" und den erschossenen Aehren- lesern, von den Kindern, die vor Hunger und Entkräftung mit gedunsenen Bäuchen in Schlaf sinken oder sich in Krämpfen wälzen... So reiht sich in diesem Bericht Bild an Bild, eins furchtbarer als das andere, zu einem düsteren und hoffnungslosen Gemälde des Grauens, der Verzweiflung, einer unvorstellbaren Unmenschlichkeit — zu einer großen, aufwühlenden und aufrüttelnden Klage und Anklage gegen die bolschewistische Schreckensherrschaft.
Nach kurzer Pause las D w i n ge r aus dem Buche „Die letzten Reiter" das Kapitel vom Sturm auf Riga im Mai 1919, von der Befreiung der großen Stadt aus den Händen der Bolschewisten. Ein schon historisches Kapitel, dennoch wiederum erregend gegenwärtig, denn dieser Kampf glich völlig, wie der Dichter bemerkte, dem Kampfe um Madrid, der sich jetzt eben abspielt. Mit einem zermürbenden Gefecht auf der Dünabrücke setzt der Sturm der deutschen Freikorpsleute ein, und die Schilderung der einzelnen Phasen der Erstürmung zeichnet sich wiederum durch die sachliche Klarheit, Genauigkeit und Schärfe der Beobachtung und der Darstellung aus, die schon der oorausgegangenen ihre unbestechliche Eindringlichkeit und Wirklichkeit gab. Unter den Namen der Führer beim Sturm taucht neben den Mansfeld, Manteuffel und Medern auch einmal der des Leutnants Schlageter auf, der mit feinem Geschütz entlastend und stärkend in bas Gefecht eingreift. Mit den vorgehenden, feuernden, atemlos stürmenden Freiwilligen erlebt man in Dwingers unmittelbar an die Brennpunkte führender Schilderung jeden Moment dieses aufreibenden und erbitterten Kampfes um die in den Händen der Roten befindlichen Stadt mit — Angriff, Tod, Straßenkampf, Feuerpause, banges Warten auf Nachschub der kleinen Stoßtrupps; bann bk Schilderung der mit schreienden Ge
fangenen angefüllten Zitadelle, der Klosterkirche, der „ungeheuren Menschenorgel", des Zuges der im letzten Augenblick Befreiten, die mit dem Gesang „Großer Gott, wir loben dich" wie aus Gräbern und Grüften zum Vorschein kommen. Im Jubel um die siegreichen Befreier, um das befreite Land — „KurlaiÄ wieder deutsch" — klingt die Schilderung aus. —
Die große Hörerschaft folgte der Vorlesung mit gespannter Aufmerksamkeit, in tiefer Bewegung und dankte dem Dichter mit herzlichem Beifall für die außerordentlichen Eindrücke, die der Abend vermittelte. hth.
„Das Mädchen Irene."
Gloria-Palast.
Wenn eine früh verwitwete, reife und schöne Frau noch einmal das Glück einer großen Liebe findet, das in einer zweiten Ehe besiegelt werden soll, dann kann sich wie von ungefähr ein Konflikt im allerengsten Kreise ergeben, wenn diese Frau Mutter zweier Töchter ist, von denen die älteste eben an der Grenze steht, welche das Kinderland vom Reich der Erwachsenen scheidet. Das ist das Thema des Films, der von Eva L e i b m a n n und Reinhold S ch ünzel nach einem Theaterstück gleichen Namens für den Film bearbeitet wurde, — ein Thema, dessen Gestaltung ohne Zweifel der Mühe wert ist und zu einer eindringenden Gestaltung durch Spielleiter und Darsteller verlockt. Es gibt* da viele Möglichkeiten, und der Film zeigt stellenweise in vorbildlicher Weise, wie sie zu ersaßen und auszuwerten sind. Der Konflikt entsteht aus einem jener oft erörterten Generationsprobleme, hier noch verschärft durch die Einbeziehung der Gestalt des verstorbenen Vaters, den die Mutter ihren Töchtern immer als ein vollendetes Idealbild geschildert hat, der aber in Wirklichkeit diesem Bilde nicht entsprach. In den meisten Fällen solcher Art wird unter normalen Verhältnissen, unter körperlich und seelisch gesunden Menschen der Konflikt sich am Ende auf eine gute und glückliche Art schlichten und lösen; jedenfalls braucht er, ohne gewaltsame Komplizierung, nicht zu einem Trauerspiel und einem unwiderruflichen Ende mit Schrecken zu führen. Der Film steuert geradenwegs daraus zu und im letzten, allerletzten Augenblick eben nach daran vorbei: das ist eine gefährliche Zuspitzung, nur eben erklärbar aus der hysterisch gesteigerten, im Grunde ja sinnlosen Eifersucht der ältesten Tochter, des Mädchens Irene, das leidenschaftlich an der Mutter hängt und sie an den Mann, der ihr Vater werden soll, zu verlieren meint. Manche werden mit uns den Konflikt in solcher Form um gewisser Wirkungen
willen unnötig auf die Spitze getrieben finden; aber wir wollen uns die klaren und starken Eindrücke nicht trüben lassen, die der Film in reichem Maße bietet. Man spürt, daß mit großer Liebe, mit menschlichem Einsatz und künstlerischem Feingefühl daran gearbeitet worden ist. Der Spielleiter Rein» hold Schänzel ist, wie er oft bewiesen hat, ein ungemein begabter Regisseur. Das merkt man auch hier sehr bald (obwohl er in der stellenweise krassen Ueberblendung seiner ausgezeichneten Aufnahmen manchmal zu weit geht); man merkt es vor allem in den blühend natürlichen, frischen, heiteren und auch rührenden Kinderszenen; an der Herzlichkeit, mit der er das Verhältnis von Mutter und Töchtern ganz unmittelbar und ungezwungen miterleben läßt; auch an der Leichtigkeit und Sicherheit, mit der er feine Szenen ansetzt, ausspielt, verklingen und etwa durch die Einbeziehung einer Musik oder eines Landschaftsbildes in der Wirkung zu vertiefen versteht. (Nur die Szene in der Oper, ein zur Zeit sehr geschätztes Symbolmativ, wirkt für unser Empfinden schon etwas überbetont) Das Mädchen Irene spielt eine ganz junge und sehr talentierte Nachwuchsschauspielerin: Sabine Peters; sie gibt sich mit ganzem, vollem Gefühl an die Aufgabe hin, die freilich in der krankhaften Ueberfteigeruna einer an sich natürlichen Empfindung bis an die Grenze der Gestaltungsfähigkeit eines so jugendlichen Menschen heranreicht. Neben ihr die viel unproblematischere „Baba", von Geraldine Katt entzückend gespielt, mit ganz unverstellter Frechheit, Herzlichkeit und Heiterkeit. Die Szenen der beiden Mädchen gehören zu den schöntten und erfrischendsten Eindrücken dieses Films. Lil Wagoner spielt fein und fast allenthalben sehr gelöst die geliebte und mütterliche Frau auf der Höhe ihres Lebens. Karl S ch ö n b ö ck ist der Mann und der künftige Stiefvater: sehr gute Erscheinung, ruhig, überlegen, sicher und abgewogen in jedem Wort und jeder Bewegung, stellenweise doch etwas zu sicher, zu überlegen und innerlich fast ein wenig unbeteiligt scheinend, was er natürlich nicht fein kann. Die berühmte Hedwig Bleib treu, Mutter und Großmutter in diefem kleinen Kreise, wirkt bei aller äußeren Gelassenheit viel wärmer, sebstverständlich teilnehmend und auch eingreifend in die Verwirrung des Gefühls, die sich vor ihren Augen vollzieht, ktn kleineren Auf- gaben recht mgemeffen: Elsa Wagner, Hans Richter, Roma Bahn. — An der Kamera: Robert Bab erste; sehr gute Aufnahmen. Musik von Alois M e l i ch a r. — (Ufa.)
Auf der Bühne zeigen die zwei Harrisons als Parterre-Akrobaten an Ringen und am Trapez tüchtige, saubere Arbeit, die ohne die „komischen" Verzierungen noch gewinnen würde. hth.


