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Geistesleben selbst einen großen Teil der Schuld trage. Der Geist der Verweltlichung war in brei­ten Strömen in sie selbst eingedrungen. Damit hatte sie sich aber allzuweit von ihrer unveräußer­lichen biblischen Grundlage entfernt. Da nun alle geistigen Größen nur erhalten werden durch die­selben Kräfte, die bei ihrer Begründung maßgebend waren, besann sich die Kirche auf ihre urchristlichen Fundamente, die in den Offenbarungsurkunden der Bibel für alle Zeiten gegeben sind. Schlichter ge­sagt: Sie kehrte zu der Glaubenshaltung und den Glaubensbefehlen Jesu Christi zurück. S i e wurde wieder Missionskirche! Abge­sehen von der bescheidenen Arbeit der Herrenhuter Brüdergemeinde hatte die evangelische Kirche in drei Jahrhunderten die Kraft zur Heidenmission noch nicht gefunden. Jetzt besann sie sich auf einen der wichtigsten Befehle ihres erhöhten Herrn: Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker." Das 19. Jahrhundert, die Epoche des großen Ab­falls, wurde zum Missionsjahrhundert. Die Kirche tat noch mehr: angesichts des Massen­elends und des Massenabfalles erkannte sie ihre missionarische Pflicht in der Heimat selber. Sie

trat unter das Wort ihres Herrn:Da Jesus das Volk sah, jammerte ihn desselbigen, denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die kei­nen Hirten haben." Wie ein zündender Blitz fuhr es in die Männer der Kirche, daß es ihr obliege, Heil zu bringen dem heillosen Volke." Hie und da und dort zündete dieser Blitz: im deutschen Norden in Johann Heinrich Wichern zu Hamburg, in Theodor Fliedner zu Kaiserswerth a. Rh., in Wilhelm Löhe zu Neuendettelsau im bayrischen Frankenland, in dem Seelsorger der hessischen Straßenkehrer zu Paris, Friedrich von Bodelschwingh u. v. a.

Einmal zur biblischen Grundlage aller kirchlichen Arbeit zurückgekehrt, erkannten diese Männer und Frauen derInneren Mission" sehr bald den Weg, auf dem die missionarischen Aufgaben der Kirche zu lösen waren: in der Erneuerung des urchrist­lichen, biblischen Amtes derDiakonie. Die Ur­gemeinden hatten ohne das Diakonat nicht auskommen können: die Kirche Luthers hatte lange geglaubt, trotz desallgemeinen Priestertums aller Gläubigen" ihre Aufgaben nur durch einen Stand, den der Geistlichen, lösen zu können. Jetzt aber kehrte man zu der wertvolleren Erkenntnis der Urzeit zurück

es entstanden in Deutschland die ersten Diako­nissenhäuser. Wohl ging ein großes Staunen an, als man die ersten Diakonissen sah, dieevangeli- schM Nonnen"; aber dies Staunen legte sich sehr rasch, als man die Notwendigkeit dieser Frauen erkannte. In überraschend kurzer Zeit vollendete die Diakonie ihren Siegeszug durch das evangelische Deutschland. Jeder weiß, daß sie sehr bald auch in Hessen festen Fuß faßte. Sie ist nicht mehr weg­zudenken aus dem kirchlichen Leben, auch nicht aus dem gesamten Geistesleben der Nation. Ja, es bedeutet einen Sieg ursprünglich christlicher Gedan­ken, daß auch der Staat feit Jahrzehnten das Amt der Diakonie in seinen Bereich übernommen hat, natürlich seinem Wesen entsprechend in säkularen Formen und mit säkularen Aufgaben. Zu einem ge­waltigen, weithinschattenden Baume ist die evange­lische Diakonie geworden. Um nur einige wenige Zahlen zu nennen: imKaiserswerther Verband deutscher Diakonissen-Mutterhäuser" sind heute 69 Häuser mit 28 027 Schwestern und 3 753 diakoni­schen Hilfskräften zusammengeschlossen. ZurKai­serswerther Generalkonferenz" gehören außerdem noch 36 Mutterhäuser mit etwa 8000 Schwestern

im Ausland. Was die evangelische Kirche im 19. Jahrhundert an Breite verlor, das gewann sie an Tiefgang, damit aber an Wert ihrer Arbeit, indem sie zu den ihr von Gott gesetzten Quellen der christ- lichen Kraft zurückgriff.

Darum begeht morgen die gesamte evangelische Kirche Deutschlands die 100-J a h r f e i e r des Wiedererstehens der Diakonie mit Dank und Stolz. Sie ist dabei der frohen Gewiß, heit, daß sie auch unserem deutschen Volke damit einen guten Dienst leistet, daß sie um die ihr ur- tümlich gegebenen Glaubenskräfte sich müht.

, He.

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