Einzelbild herunterladen

Ur. 226 Sechster Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesten) Samstag, 26. September 1936

Um anderthalb Milliarden jährlich.

Der Kampf gegen Verderb und Vergeudung ist Sache des ganzen Volkes.

Berlin, 25. Sept. (DNB.) Ungeheure Werte gehen jährlich der deutschen Volkswirtschaft verlo­ren. Durch falsche Lagerung und unwirtschaftliche Behandlung ergibt sich für die deutsche Volkswirt­schaft allein an Nahrungsmitteln und Genußmitteln, Futtermitteln usw. ein jährlicher Verlust von schätzungsweise lVz Milliarden Reichsmark. Bei einem Gesamtwert der ver­kauften Nahrungsmittel usw. von 8V2 Milliarden Reichsmark ist das ein erschreckend hoher Hundert­satz. Die Verluste, die durch das fehlende Interesse an der Wiedergewinnung von Roh- und Hilfsstof­fen in der Industrie, im Gewerbe und in den öffentlichen Betrieben entstehen, sind kaum abzu- schätzen.

Einen Begriff von den wirtschaftlichen Verlusten- kann man sich am besten machen, wenn man sich veraegenwärtigt, daß diese Verluste die Ein­fuhr von Lebensmitteln übersteigt. Etwa 750 Millionen Reichsmark gehen auf dem Weg vom Erzeuger zum Verbraucher verloren, davon entfallen 195 Millionen Reichs­mark auf Kartoffeln, 215 Millionen Reichs­mark auf Gemüse und O b st, 135 Millionen RM. auf Getreide, 110 Millionen RM. auf Futtermittel und 81 Millionen RM. auf Milch, Milcherzeugnisse und Eier. Der Verlust in den Haushaltungen und Küchen wird ebenfalls auf etwa 750 Millionen RM. geschätzt.

Seit Jahren ist es deshalb das Ziel der führenden Stellen des Reiches und der Partei, alle Fehler­quellen zu erforschen, um für die Abstellung der Schadenursachen Sorge zu tragen. Um das deutsche Volk darüber aufzuklären, daß die Erzeugungs- schlacht, zu der der deutsche Bauer im Herbst 1934 aufgerufen worden ist, nur dann durchgeführt wer­den kann, wenn auch der Verteiler, der Nahrungsmittelverarbeiter und die deutsche Hausfrau im Kampf gegen Verschleuderung und Verderb von Nahrungsmitteln m i t h i l f t, haben die zuständigen Stellen und viele Organisa­tionen zu einem intensiven Werbefeldzug unter dem WahlspruchKampf dem Verderb" aufaerufen, der am Freitag mit einer großen Kundgebung im Landwehrkasino am Zoo einsetzte.

Staatssekretär Backe

begrüßte in Vertretung des erkrankten Reichsernäh­rungsministers Darrs die Erschienenen. Wenn seiner­zeit zur Erzeugungsschlacht aufgerufen wokden sei, so sei das Ziel gewesen, die bis dahin vollständige Abhängigkeit vom Ausland möglichst weitgehend xu beseitigen. Während nun der Kampf gegen die Verknappung eine Aufgabe des Staates und der dafür eingesetzten Organisationen sei, sei der Kampf gegen die Vergeudung und den Verd erb Sache der ganzen Bevöl­kerung. Abgesehen davon, daß der Konsum in einzelnen Nahrungsmitteln auf den Kopf der Bevölkerung heute erheblich höher als vor dem Kriege fei, lägen die besonderen Einsparungs­möglichkeiten auf dem Gebiet des Kampfes gegen den Verderb. Durch diesen Kampf könnten Bedarf und Bedarfsdeckungsmöglichkeiten weitgehend ins Gleichgewicht gebracht und die festgesetzten Preise durchgehalten werden. Man sei sich darüber klar, die vorerwähnten eineinhalb Milliarden Reichsmark nicht auf einen Schlag einsparen zu können. Aber es müsse jedes Jahr von neuem eingesetzt werden, um zu einem immer höheren Hundertsatz der Einspa­rung zu kommen.

Oie Heichsfrauenführerin Frau Scholz-Klink

wies darauf hin, daß die Frau ja nicht nur Mutter der Kinder und der Familie sei, sondern vor allem auch Mutter der deutschen Nation. Heute werde die Haushaltsarbeit der Hausfrau erheblich höher eingeschätzt. Gerade der Hausfrau komme im Kampf gegen den Verderb eine tragende Rolle zu. Die Schulung der Frau gehe dahin, den Küchen-

zettel an die Ernte des Jahres anzugleichen, die Aufbewahrung der Lebensmittel und eine ge­wisse Vorratswirtschast zu lehren und durch sachgemäße Zubereitung der Nahrungsmittel die entsprechende Ausnutzung der Nährstoffe zu erreichen. Hier liege es besonders an der Stadt­frau, richtig zu wirtschaften. Allein die Ersparung einer einzigen sonst verdorbenen Scheibe Brot in der Woche in den 17,5 Millionen Haushalten des Reiches ergebe eine unvorstellbar große Menge an Brot und Brotgetreide. In

den Menschen müsse wieder die Ehrfurchtvor dem Brot hineingetragen werden als einem Er- zeugnis der Erde, und damit müsse in ihn auch die Ehrfurcht vor der Erde überhaupt wieder kommen. Wenn dem Volk wieder beigebracht werde, die ur­sprünglichen Gaben der Erde als Nahrungsgrund­lage für Gesunderhaltung des Menschen zu achten, dann würde bestimmt der Kampf um die Nah- rungsfreiheit des deutschen Volkes erheblich erleich­tert werden.

K-Vad-Aauheim

Vor der Eröffnung.

-V--> W'

Reichsautobahn. Blick über einen Teil der Strecke, die morgen ihrer Bestimmung übergeben wird. (Aufnahme: Neuner,' Gießener Anzeiger.)

Der morgige Sonntag bringt unserer oberhessi- chen Heimat ein Ereignis besonderer Art: d i e eierliche Einweihung der fertig­te st ellten Reichsautobahn st recke zwi- chen Frankfurt a. M. und Bad-Nau­heim! Tausende von Volksgenossen werden sich an der Strecke einfinden oder auf den vielen Brücken stehen und sie sollen es auch, sie sollen Zeugen einer geschichtlichen Stunde sein.

Tausende von Volksgenossen schufen an der Auto­bahn, halfen mit an diesem Werk des Führers, der sich mit dem Netz der Reichsautobahnen durch Deutschland für alle Zeiten ein Denkmal setzt, wie kaum ein Staatsmann zuvor.

Immer weiter vorwärts schwingen sich die silber­grauen Bänder der Autobahn durch das Land; sie steigen langsam empor an den östlichen Höhen des Taunus, fallen sanft ab in die fruchtbaren Täler Oberhessens; die Autobahn führt in ruhigem und weitem Schwung um Höhen, die vermieden werden können und schwingt über klar gegliederte Brücken hinweg über Straßen, Eisenbahngleise, über Fluß und Bach. Sie führt unter vielen Brücken hindurch, deren fast jede in Form und Konstruktion von an­deren verschieden ist.

Breit liegt die Bahn unmittelbar vor dem Be­

schauer und wenn der Blick den Linien der giganti­schen Straße folgt, dann wird er in weite Fernen geführt, dorthin, wo das Silbergrau der Straße am Horizont an das Blau des Himmels grenzt oder wo im Tal die Bahn vom dunklen Grün des Waldes oder von dem lichteren Grün der Wiesen gesäumt wird. Die Ferne wird aber auf dieser Bahn für den Menschen im Kraftfahrzeug zur erreich­baren greifbaren Nähe werden, denn hie Zeit zur Raumüberwindung auf Entfernungen, die unser Auge zu erfassen vermag, kann durch diese Straßen des Führers in Minuten ausgedrückt werden.

Unsere oberhessische Provinz, die hauptsächlich in ihrem nordöstlichen Teil manchmal wie weltver­loren erschien, wird durch das fortschreitende Werk der Reichsautobahn einbezogen in die Sphäre eines Verkehrs, der transkontinental genannt werden darf, wenn man sich dessen entsinnt, daß diese gleiche Straße, die nun von Frankfurt her bis Bad-Nau­heim fertiggestellt wurde, in ihrer Fortsetzung nach Süden an den Weltflughafen Rhein-Main führt. Der morgige Sonntag ist in dieser Entwicklung ein Markstein und ein Tag, der uns bewußt werden lassen muß, daß durch die fleißige Arbeit vieler Hände das Werk des Führers um ein beachtliches Stück der Vollendung entgegengeführt wurde.

Proklamation des Führers über alle deutschen Sender.

Berlin. 25. Sept. (DBB.) Am 28. September 1936 um 16.30 Uhr findet über alle deutschen Sen­der eine Uebertragung der Proklama­tion des Führers bei der Eröffnung des 8. Reichsparteitages der RSDAP. in Nürnberg statt. Einführende Worte spricht der Reichsleiter der Deutschen Arbeitsfront, Pg. Dr. Ley. Der Empfang der für die gesamte wirtschaft­liche Entwicklung Deutschlands grundlegenden Pro­klamationen des Führers und der Worte Dr. Leys wird als Gemeinfchaftsempfang in al­len beuffd)eti Betrieben, in TS rfamm- lungsräumen, auf freien Plätzen ftatt- finben. Durch biefe umfassende Gestaltung des Empfangs der Sendung soll allen deutschen Volks­genossen die Möglichkeit gegeben werden, die weg­weisenden Worte des Führers zu hören.

100 Zahre evangelische Diakonie.

Das 19. Jahrhundert, das in seiner äußeren Entwicklung für Deutschland so glanzvoll verlief, zeitigte im Raume der evangelischen Kirche zwei ganz entgegengesetzte Entwicklungen, von Denen aber doch die eine aus der anderen hervor- ging. In diesem Zeitraum geschah eine Entkirch- lichung in einem bis dahin nie erlebten Umfang. Schon längst waren die Bindungen des mittelalter­lichen Menschen gesunken. Humanismus und Re­naissance mit ihrer Wiederbelebung der so unend­lich fruchtbaren und reichen, aber doch auf heidni­schen Grundlagen beruhenden Antike hatten oorge- arbeitet. Das 16. und 17. Jahrhundert mit ihren schweren Glaubens- und Konfessionskämpfen hatten trotz aller Größe, die sie erzeugten, viele Menschen sozusagenglaubensmüde" gemacht. Das 18. Jahr­hundert mit seiner Aufklärung setzte den menschli­chen Verstand als absolute Größe auf den Welten- thron. Die große französische Revolution, ganz aus dem Geiste der Aufklärung geboren, faßte in ihren Gedanken die ganze bisherige Entwicklung gewaltig zusammen und setzte das Ende aller seitherigen Bindungen auf ihr Programm, also auch der christ­lich-kirchlichen Bindungen. Es ist bekannt, wie sieghaft und erobernd ihre Ideen den europäischen Kontinent durcheilten, den Heeren Napoleons vor­ausziehend, ihnen den Weg bahnend. Den Versuch der Restauration, politisch verkörpert in derHei­ligen Allianz", dieser Entwicklung sich entgegenzu­werfen, mußte scheitern. Vielmehr brachte das 19. Jahrhundert mit seinem ungeahnten Aufschwung in Naturerkennen und Technik, kurz in allen exak­ten Wissenschaften, einen Sieg des menschlichen Geistes, daß es wie ein Rausch der eigenen Kraft über Menschen der weißen Rasse kam. Es schien keine Schranken und keine Grenzen des mensch­lichen Könnens mehr zu geben.

Bei solcher Geistesverfassung schien kein Raum mehr zu sein für den an die Offenbarungsurkunden der Bibel gebundenen christlichen Glauben. Ja, je mehr das Jahrhundert vorrückte, um so mehr schien es, als würden durch die deutsche Forschung nicht nur die Glaubenssätze der Bibel unhaltbar, als sei jegliches Glauben im christlichen Sinne für den modernen Menschen unmöglich. Da wandten sich breite Schichten des Volkes von der Kirche und dem christlichen Glauben ab. Das war am meisten der Fall bei den beiden Kreisen, die von der modernen Entwicklung am unmittelbarsten getroffen wurden: Die intellektuelle Bildungsschicht und die industrielle Arbeiterschaft. Jene fand für die mit dem Chri­stenglauben verlorene seelische Erhebung Ersatz im deutschen Idealismus, dessen Heller Glanz von Weimar her das ganze Jahrhundert überftrabfte; diese warf sich der Gedankenwelt des Marxismus in die Arme, von dem sie nicht nur soziale Hebung erwartete, sondern auch einen Religionsersatz in ihm suchte.

Was tat die Kirche angesichts dieser Entwick­lung, die über sie zur Tagesordnung überging, sie höchstens noch als Dekorationsstück für des Lebens Feierstunden duldete, d. h. eben die Kirche nicht mehr ernst nahm? Sie tat das einzige, was sie in dieser Lage und als Kirche Christi tun durtte: Sie tat Buße! Sie erkannte, daß sie an der für sie so unheilvollen Entwicklung im deutschen

Copyright 1936

8. Fortsetzung. Glauben Sie

by Aufwärts - Verlag G. m. b. H., Berlin SW 68

Nachdruck verboten!

denn ernstlich daran?" Es klingt

fast wie Spott.

Dann hätte ich dies Heft nii

nen kann."

Es ist ein bißchen viel auf einmal, was Hanna da hört. John Herbing sieht nicht aus tote em Mann, der Hefte, vielleicht auch Bucher schreibt, und sie sagt ihm das auch. ~ .

Ich bin auch kein Sstriststeller. Fräulein channa. Ich bin, recht besehen, ein Hans Dampf in allen Gassen. Ich habe über die Kunst geschrieben, die menschliche Hand und ihre Geheimnisse zu kennen und sich dienstbar zu machen. Ich habe früher ein­mal in Wien ein Buch über Zigeuner herausge- 6r"ueber Zigeuner, aber was in ,aller Well haben Sie denn darüber sagen können?

Unendlich viel. Das Elli M-M°- Großo°t°rs lag im Ungarischen, und in unmittelbarer Nahe war ein Zigeunerlager. Uebngens ein seßhafter Stamm, bei denen di- nomadisierenden viel zu Gast waren. Ich habe da viel ff-sehen und gehört manch- gute Weisheit dort erfahren, und oft muh ich an den klugen, alten B°dl° denken, der sie mir in langen Mondnächten vermittelte. Sie sollten sich an den Endiviensalat halten, er ist gesund und aus­gezeichnet zubereitet. Trinken Sie, Fraulein Hanna" ,

Und was tun Sie sonst?

Richt viel," bekennt Herbrng ossen Ich lebe von meinen Ein,allen. Vor einer Woche sah ich mit dem Rektameches einer sehr großen Parsumerie. sabrik zusammen, er sollte eine Serie guter Bild.

Motten mM

Roman von Ilse Schuster.

cht selbst geschrieben. Daß es ein Geschäft war, wußte ich vorher gar nicht. Außerdem hat es Laverenz verlegt. Cm Mann, der nur ernsthafte Dinge m Die Hand nimmt und keine Halbheiten, mit denen man auf die Dummheit und Sensationslust der Masse rech-

texte für Kopfwasser, Seife und Parfüm heraus­bringen. Es ist ihm schwer geworden, und weil er ein netter Kerl ist, half ich ihm auf die Sprünge. Er war sogar so anständig, meine Entwürfe der Direktion vorzulegen, die hat zugegriffen und mir das sehr nett bezahlt. Das langt nun wieder für eine Zeit.

Ich habe bei dieser Gelegenheit übrigens Me­lanie Morholt kennen gelernt." Herbing sagt das mit Absicht und fügt sehr schnell dazu:Auch die Schriftstellerin Holdmann. Die eine bat ich um ihre Handschrift, die Morholt nämlich, und die Hold­mann sah ich reiten, ich habe ein Bild von ihr ge­macht, und nun wird sie demnächst mit einem Bon­mot über dem Lavendelwasser der Firma Hühne- mann prangen, gute Reklame für sie, sie weiß das auch."

Und was hat die Morholt dazu gesagt?" Hanna Brandes fragte es wie nebenher und greift nach ihren Zigaretten. Herbing legt seine Hand auf das schmale silberne Etui.

Noch nicht, Fräulein Hanna, Sie müssen den Käse versuchen, ich habe Frau Hanke mein Rezept gegeben echt ungarisch bis auf den Schafkäse, auch nicht soviel Paprika, weil ich nicht wußte, ob Sie ein Freund scharfer Gewürze sind. Also Fräu­lein Morholt, wissen Sie, was sie getan hat? Mich ausgelacht, mit demselben Koloraturlachen, das sie auf der Bühne hat. Sie wäre Sängerin an der Berliner Staatsoper und kein Reklameplakat, wenn sie auch gern zugesteht, vom Lavendelwasser der Firma Hühnemann im Monat allerhand zu ver­brauchen. Eine intelligente Frau, viel Charme, viel Kultur. Beste Familie."

Herbing weiß genau, daß Rechtsanwalt Bran­des und die Morholt da und dort Gesprächsstoff find, dazu kommt er selber in allen Kreisen zuviel herum, bei der Industrie, bei der Presse und vielen Künstlern, aber er tut jetzt so, als habe er keine Ahnung. Er will nur selber sondieren und fühlt sehr deutlich die Absicht der jungen Brandes gegen die Künstlerin.

Ja, ich habe sie einmal alsZerbinetta" ge­hört. Sie kann sehr viel," sagt Hanna und will das Gespräch beendet wissen, aber Herbing tut ihr nicht den Gefallen.

Sie kann nicht nur fingen, sie ist auch ein grund- anständiger Kerl. Wenn ich Schriftstellerin wäre.

würde mich ihr Schicksal reizen. Der Roman in Reinkultur."

Wieso" Es klingt sehr interessiert, und Herbing wird ausführlich.Sie ist als blutjunges Ding mit ihren Eltern nach Südamerika ausgewanderl, der Vater war jahrelang in englischer Gefangen­schaft in Indien gewesen und vertrug dann das deutsche Klima nicht mehr. Drüben saßen sie dann fest, das Geld, das die deutsche Regierung den Siedlern versprochen hatte, blieb aus, dafür gab es eben dann kein Brot, aber Not. Von selbst gerode­tem Land kann man nicht verlangen, daß es Früchte trägt, wenn nicht gesät und gepflanzt wird, man kann auf Baumstümpfen sitzen und Trübsal blasen, aber die junge Morholt hatte dafür nicht lange die Nerven. Sie ritt mit deutschen Jungens, denen es ähnlich ging, einen halben Tag lang bis zur nächsten Stadt und wurde bei einem reichen Mexikaner Kinderfräulein. Mit dem Gehalt hielt sie sich und die Eltern hoch, bis die Mutter starb. Der hat sie noch versprechen müssen, nach Deutschland zurückzukehren und den Vater bei einer befreunde­ten Farmerfamilie unterzubringen.

Das hat sie getan. Bei ihrem Onkel, der ein Bankhaus in Schlesien hatte, sollte sie erst mal ar­beiten, aber bis sie nach Deutschland zurückkam, gab es eine Inflation, und der war gründlichst zum Opfer gefallen eben jener Onkel und feine Bank. Dann kam das, was Tausende junger Menschen eben auch mitgemacht haben. Arbeitssuche, Stem­pelgänge und"

Wie gut Sie Bescheid wissen, es ist ja eine Re­portage, die der großen Künstlerin wunderbar die Reklametrommel rührt," wird Herbing unterbro­chen. Der Spott ist scharf, die Stimme klingt hoch und hell.Haben Sie das irgendwo gelesen, Her­bing? Und wenn nicht, warum bringen Sie es nicht in die Presse?"

Weil ich mir dann bestimmt Den Zorn der Künstlerin aufs Haupt laden würde," sagt Herbing sehr ruhig, er lächelt dabei und sieht Hanna Bran­des an.Mir hat das aber eine alte Dame er­zählt, die schon manchem Talent an die Oefsentlich- feit geholfen hat, eben auch der Morholt. Die hat im Hofzimmer über ihr gewohnt und mit Dem Ka­narienvogel um die Wette gesungen. Da ist sie denn eines Tages hinaufgegangen und hat sie sich an Den Flügel geholt. Von diesem Flügel weg hat sie

München als Aennchen verpflichtet. Ich habe Ach­tung vor jeder ehrlichen Leistung, noch dazu, wenn sie sich ohne sogenannte Beziehungen durchsetzt. Ich glaube, daß Sie genau so denken.

Aber so interessant ist ja nun der Fall Morholt auch wieder nicht, daß wir uns den ganzen Abend darüber unterhalten sollten. Ich wollte Ihnen noch etwas ganz anderes erzählen. Nehmen Sie erst eine Zigarette, selbst gedreht. Orienttabak. Leicht."

Hanna Brandes' Hände zittern leicht, in ihrem schmalen Gesicht kommt und geht das Blut. Was ihr dieser fremde Mann erzählt hat, sitzt fest wie mit Widerhaken. Sie will über Melanie Morholt nichts Gutes hören, sie will sie klein und häßlich wissen?

Spielen Sie das Klub-Turnier mit?", fragt sie nervös, sie nimmt sich vor aufzustehen, falls Her» bing wieder von der Morholt anfängt.

Wenn Sie mit von der Partie find, sofort."

Ueberrascht sieht sie ihn an.

Ich? Warum denn gerade ich? Außerdem habe ich es Brunner schon versprochen."

Dann sagen Sie ihm ab, er holt nicht genug aus Ihnen heraus, er spielt neben Ihnen, nicht mit Ihnen. Kommen Sie morgen zum Training, ich bin pünktlich um sechs Uhr hier. Ich melde Sie bei Brunner ab, er kann mit Thea Brand spielen." Seine Augen gleiten von ihrem Gesicht ab, er steht auf.

Entschuldigen Sie mich bitte einen Augen­blick, Fräulein Brandes ich sehe dort Haller, ich muß ihn unbedingt sprechen."

Hanna bleibt allein Es ist dunkel geworden, der Klubdiener bringt die ersten Lampions und hängt sie in den Bäumen auf. Dort leuchten sie wie zarte, kleine Vollmonde, leise schaukelt sie Der Wind hin und her hin und her. An Den kleinen Tischen, Die im Garten zwischen Hecken und Blumenrabat­ten stehen, herrscht Gelächter und Frohsinn, vor allem Thea Blands heller Sopran ist au hören, Hanna Brandes hat keine Ahnung, daß das John Herdina gilt, der davon gar keine Notiz nimmt

Da sitze ich mit einem ganz fremden Mann und weiß gar nicht wozu," denkt sie müde.(Is tft sinnlos, hierher zu gehen, Die meisten sind mir ss gleichgültig, und im Grunde ja dieser Herding auch. Ich will heimgehen, vielleicht*

(Fortsetzung iülflQ