Nr. 199 Dritter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Mittwoch. 26. August 1936
Aus der Provinzialhauptstadt.
Oer Wind weht über die Stoppeln.
Ein unfreundlicher Sommer geht seinem Ende entgegen. Er brachte uns Regen, Wind, Sturm und wieder Regen. Aber in den letzten Tagen konnte sich noch einmal die Kraft der Sonne durchsetzen. In den Hausgärten stehen die Rosen in der zweiten Blüte, daneben leuchten die Herbstblumen — Astern und Dahlien — in allen Farben. Leise und fast unbemerkt fallen einzelne Blätter von den Bäumen. Sie haben ihre Arbeit vollendet, sie gehen zur Ruhe. Aber ihr Platz bleibt nicht leer. Schon sehen wir die kleinen Knospen, die sich im nächsten Jahre entfalten werden. Roch schlummert das neue Grün in der schützenden Hülle.
Unter dem scharfen Schnitt der Sensen sank das Getreide. Fleißige Hände banden die Garben. Es war eine mühevolle Arbeit in diesem Jahre, aber sie wurde freudig getan. In langen, geraden Reihen standen die Fruchthaufen, und der Regen strömte herab, als ob er alles vernichten wollte. Dann kam endlich die Sonne und trocknete die Garben. Dann fuhren die großen Wagen den Segen — unser täglich Brot — in die Scheunen.
Die Aecker leeren sich. Der Wind weht über die Stoppeln.
Die leuchtenden Feldblumen fielen mit den Getreidehalmen. Rur auf den Wiesen blühen sie noch. Aber auch ihre Zeit ist gekommen. Der zweite Grasschnitt wird die Herrlichkeit vernichten.
Die Nächte werden kühler, und am frühen Morgen lagern schon dichte Nebel über den Tälern. Der Sommer nimmt Abschied.
Still und bescheiden geht er. Manche Menschen merken es kaum. Aber die leeren Aecker draußen mahnen uns, und sehr lange wird es nicht yiehr dauern, dann verlieren auch die Bäume ihr Laub und werden kahl dastehen.
Noch ist die Sonne Herrscherin in der Natur. Sie siegt über die Nebel, die am Morgen und Abend die Täler füllen. Am Tage liegt die Landschaft in unendlicher Klarheit vor uns. Die Wiesen sind noch dunkelgrün und mit Blumen geschmückt. Voll Andacht steht der Wald. Im Sterben legt er sein schönstes Gewand an. In allen Farben werden die Blätter leuchten.
Die Zugvögel werden sich bald versammeln, um ihre große Reise anzutreten. Dann wird es stiller in Feld und Flur, die ersten Marienfäden werden durch die Luft ziehen, und die Buben lassen die Drachen steigen. Dann ist der Herbst da. Aber auch er hat seine Schönheiten. Die goldenen Früchte an den Bäumen lachen uns an. Der Herbst bringt die Reife und die Vollendung.
Bäume — die Wahrzeichen des Lebens.
Wie bei allen ursprünglichen Völkern war auch bei unseren germanischen Vorfahren die gesamte Natur um sie herum belebt, die Gestirne, das Wasser, das Feuer und der Wind Träger göttlichen Willens, und auch der Pflanzenwelt, besonders den Bäumen, fiel als Sitz und Symbol hoher Mächte eine bedeutsame Rolle zu. Wie die Esche im Glauben der nordischen Völker eine wichtige Stellung einnahm, die durch ihre Verbindung mit dem Menschenschicksal bestimmt war — unter der Weltesche saßen die Nornen, den Lcbensfaden des Menschen spinnend, messend und schließlich durchschneidend —, so war die Eiche Sinnbild von Kraft und Stärke und Zeichen trotzigen Widerstandes. Das Weidenkätzchen als erster Frühlingsbote ist bei uns heute genau so zum Symbol des Osterfestes geworden, wie es den Germanen Sinnbild des siegreich beendeten Kampfes zwischen Licht und Finsternis gewesen ist; wie uns, so verschönte auch ihnen das zarte Grün der jungen Birke den ersten Mai.
Groß ist auch die Zahl der Bäume, Sträucher und Kräuter, denen wundertätige Kräfte beigemessen wurden, und sehr häufig mag dabei die tatsächliche Heilkraft und ihre Kenntnis eine ausschlaggebende Rolle gespielt haben. Nicht nur zu den Elementen des Glaubens und der Gottesver- ehrurrg, sondern auch zu den Erscheinungen des menschlichen Lebens selbst hat oie Menschheit zu allen Zeiten Bäume und Sträucher in enge Beziehung gesetzt, vor allem etwa zu Geburt und Tod. Wie oft ist es doch so, daß der Vater, dem die Geburt seines Erstgeborenen mitgeteilt wird.
als Zeichen dieses Tages ein kleines Bäumchen einpflanzt, das dann den Sohn sein Leben lang begleiten soll. Bäume sind es auch, die dem Friedhof wesentlich mehr als Grabsteine und Ersenkreuze den eigentlichen Stimmungsgehalt der Trauer, aber auch des stillen Friedens und der Ruhe geben. Bäume waren es aber auch im mittelalterlichen Deutschland, die Thingstätten und Gerichtsplätze bezeichneten, und der Lindenbaum ist ja auch heute noch in allen Dörfern stets Mittelpunkt des bäuerlichen Gemeinschaftslebens.
Dornotizen.
Tageskalender für Mittwoch.
Fachschaft „Körperliche Erziehung", Pflichtarbeits- aemeinschaft für Mädchen-Turnen, 16 Uhr Univer- sitätssportplatz, 1. Kommandosprache, 2. Korbball, 3. Winterkampfspiele für Mädchen. — Gloria- Palast, Seltersweq: „Inkognito". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Gräfin von Monte Cristo". — Eisenbahner-Heimstätten-Derein Gießen: 20 Uhr ordentl. Generalversammlung im Saale des Bahnhofhotels Hopfeld. — Bekenntnisgemeinde, 20.15 Uhr, Vortrag von Pfarrer Lic. Herrfurth, Roden
bach, im Johannes-Saal über „Die laufe*. — Sonderausstellung der Kölner Ford-Werke von 9.30 bis 19 Uhr Oswaldsgarten.
Dortrag der Bekenntnisgemeinde.
Die Bekenntnisgemeinde veranstaltet heute, 20.15 Uhr, im Johannessaal einen Vortragsabend. Lic. Herrfurth spricht über das Thema „Die Taufe". Auf die heutige Anzeige sei hingewiesen.
Bevorzugte Abfertigung von Schwerbeschädigten bei den Justizbehörden.
Die Justizpressestelle Frankfurt a. M. teilt mit: Der Herr Reichsjustizminister hat unter Zusammenfassung der in Frage kommenden Bestimmungen für die Justizbehörden folgendes angeordnet:
1. Schwerkriegsbeschädigte, schwerbeschädigte Kämpfer der nationalen Erhebung, sowie Schwerunfallverletzte, denen längeres Stehen oder Warten in geschlossenen Räumen unzuträglich ist, erhalten hierüber auf besonderen Antrag von der zuständigen Behörde (Fürsorgestelle, Genossenschaftsoorstand usw.) einen Ausweis.
2. Personen der oben bezeichneten Art, die sich im Besitze solcher Ausweise befinden, sind, falls sie persönlich und in eigenen Angelegenheiten oder
zur Erledigung dienstlicher Aufträge ihrer Unternehmer bei Justizbehörden erscheinen, bevorzugt abzufertigen, soweit dadurch nicht begründete Rechte anderer beeinträchtigt werden.
Für sie sind in den Amtsräumen nach Möglichkeit Sitzgelegenheiten bereitzustellen.
AuskunstspflichtvordemEinigungsamt einer Industrie- und Handelskammer.
Von der Industrie- und Handelskammer wird uns geschrieben:
Wird von einer Behörde gegen einen Beschuldigten ein Verfahren eröffnet, so ist der Beschuldigte verpflichtet, wahrheitsgemäß über alles, was zu seiner Verteidigung gereichen kann, Auskunft zu erteilen. Verschweigt er irgendwelche belangreiche Umstände und ergeht ein Fehlspruch, so kann er nachher nicht mit der Behauptung, daß er durch den Fehlspruch geschädigt sei, Schadenersatz fordern. Der Beamte einer Behörde oder die Behörde kann nur wegen fahrlässiger Amtspflichtverletzung in Anspruch genommen werden, die Fahrlässigkeit entfällt aber, wenn der Beschuldigte den Beamten wis
sentlich im Unklaren gelassen hat, so daß dieser glaubte, weitere Erhebung nicht anstellen zu können oder zu brauchen.
Die Klägerin, die wegen Amtspflichtverletzung der Behörde Schadenersatz verlangt, war der„Preis- schleuderei" beschuldigt worden. Bei der Untersuchung vor dem Einigungsamt verschwieg sie, daß sie für die fragliche Ware keine Fracht- und Anfuhrspesen hatte und die Ware deshalb billiger verkaufen konnte. Das Einigungsamt nahm „Preisschleuderei" an. Der Spruch erwies sich später als Fehlspruch, da man den Wegfall der Spesen nicht berücksichtigt hatte. Die Schadenersatzklage der Klägerin wurde abgewiesen, da sie es unterlassen hatte, das Einigungsamt aufzuklären. (V 6/36. — 26. 6. 36.)
143 Tote, 4318 Verletzte.
Der Reichs- und Preußische Derkehrsminisler gibt bekannt, daß in der vergangenen Woche im Reiche 14 3 Tote und 4318 verletzte als Opfer des Straßenverkehrs zu beklagen sind.
*
** Straßensperrungen. Wegen Vornahme von Straßen- und Kanalbauarbeiten wird der W a r t w e g zwischen Uhlandstraße und dem Feld-
Oberhessische SA.-RM weihen ihre Fahnen
Am Sonntag, dem 30. August, findet die Weihe von 12 Sturmsahnen der SA.-Reiterstandarte 147 durch den Führer der SA.-Gruppe Hessen, Gruppenführer V e ck e r l e, statt. Die Veranstaltung nimmt folgenden Verlauf:
7.00 Uhr: Wecken durch den Wusikzug der SA.-Reiterstandarte 49 zu Pferd.
10.00 Uhr: Paradeaufstellung der Sturmabordnungen auf dem Trieb. Weiheakl. Anschließend Abmarsch der Stürme durch die Stadt Gießen durch folgende Straßen: Trieb, Kaiserallee, Ludwigsplah, Gartenstraße, hmdenburgwall, Seltersweg, Kreuzplah, Sonnenstraße, Kanzleiberg zum Vrandplah, wo der Vorbeimarsch vor Obergruppenführer Lihmann stattfindet. Anschließend Rückmarsch durch folgende Straßen: Landgraf- Philipp-Plah, Landgrasenstraße, hitlerwall, Woltkestraße, Schlageter- straße, Wolfstraße, Fröbelstraße, Georg-Philipp-Gail-Straße, Kaiserallee zum Trieb.
12.00 Uhr: Aufschlagen eines Feldstalles aus dem Trieb und Verpflegung der SA-Reiter und Füttern der Pferde. Während des Feldstalles spielt der Musikzug der SA.-Reiterstandarte 147.
15.30 Uhr: Abbruch des Feldstalles und Abrücken der SA.-Reiterstürme in ihre Heimatorte.
Am Vorabend findet um 20 Uhr im Cafe Leib ein Konzert der vereinigten Musikzüge der SA-Reiterstandarten 49 und 147 statt. Eintritt 20 Rpf.
Der Führer der Reiterstandarte 147 Gießen.
2N.d.F.b.: Leipold, Truppsührer.
Unbekannte Fracht.
Roman von Zranl $.Broun.
24 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
„Man kann einen Menschen nur mit Vertrauen gewinnen." Frau Grete wiegte den Kopf. „Was glaubst du, wie es mich immer gewurmt hat, wenn du früher, als ich noch deine Angestellte war, alle paar Tage die Kasse revidieren kamst. Wenn ich dich nicht schon damals lieb gehabt hätte, wäre ich dir davongelaufen. Man darf Vorsicht nicht bis zum Mißtrauen übertreiben, Paul."
„Mißtrauen ist eine Krankheit", krähte der Hofrat aus seiner Sofaecke. „Mißtrauen kommt aus der Erfahrung und dem Wissen: wir sind uns alle sehr ähnlich, was er denkt, denke auch ich, was ich fertigbringe, ist auch er imstande zu tun." Er lachte höhnisch vor sich hin. Seine Rede hatte niemand direkt gegolten.
Paul Billing schwieg. Dann sagte er mißgelaunt, da er sich überstimmt sah: „Also, mach' was du willst. Was kriegt sie für einen Lohn? „
„Dreißig Mark; mit Kochen und Wäsche.
„Viel Geld!" rief der Vater Leopold. Er war plötzlich, da er Zahlen hörte, durchaus be, der Sache. „Wenn ich dreißig Mark im Monat übrig hätte..." Er beendete den Satz nickt.
Paul Billing sah sich um. Der Alte saß hinter ihm. „Du benötigst hier doch kein Geld, Vater , sagte er. „Wein, Tabak, alles ist im Hause. Wozu brauchst du mehr Geld als die hundert Schilling deiner Rente." ...«»• L
..Das sind heute keine fünfzig Mark
„Mit denen du gar nichts anzufangen weißt. Frau Grete lachte ihren Schwiegervater an. Es war kein echtes Lachen. „Und doch ist das Geld drei Tage nach dem Eintreffen alle. Ich glaube, du bist ein heimlicher Wüstling, Dpa." Sie benutzte Hell- muths Anrede. „Wo läßt du dein Geld?
..Was geht es euch an!" rief der Greis übelnehmerisch.
Paul Billing winkte seiner Frau mit den Augen zu. Laß dies Thema, hieß das. Der Alte malmte stumm mit beweglichen Kinnbacken; vielleicht schalt er allein für sich und unhörbar weiter. Die Falten
in den Augenwinkeln gaben seinem Blick etwas Listiges. Er war glatt rasiert wie ein alter Schauspieler. Außer ein paar Schläfenhaaren, die weiß waren, hatte er auch auf dem Kopf keine Haare. Er trug ein schwarzgerahmtes Einglas am Band. Es hing ihm auf die Brust. Im Auge bemerkte man es selten bei ihm. Wahrscheinlich sah er ohne Glas immer noch besser.
Frau Grete wandte den Blick von ihm ab. Würde ihr Paul auch einmal so aussehen? Sie wünschte es sich nicht. Des Hofrats Kopf erinnerte sie so unangenehm an einen nackten Krähen- ober Raub- oogelschädel. Diese gebogene Habichtsnase fand sie greulich. Sie selber war blauäugig und stupsnasig. Hellmuth war zum Glück nach ihr geschlagen.
Mit dem Hofrat hatte Antje zur Hauptsache zu tun. Er war den ganzen Tag im Hause. Vormittags lief er durch die Zimmer, störte sie im Grunde, obgleich er freundliche Gespräche mit ihr führte über Nichtigkeiten und sich bei ihr beliebt zu machen suchte. Sie empfand das sehr wohl, versuchte aber auszubiegen.
„Achten Sie auf die Tür, Herr Hofrat, wenn ich jetzt eine Viertelstunde einholen gehe?" sagte Antje. „Vielleicht kommt Post."
„Erwarten Sie einen Liebesbrief, Fräulein Antje?" Er lachte kichernd. „Soll er dieser Tage schreiben?"
„Wen meinen Sie, Herr Hofrat?" Antje mochte den alten Mann immer weniger. Sie wappnete sich merklich mit Kühlheit, aber das merkte er nicht, oder wollte es nicht bemerken.
„Nun, der nette Herr, der Sie begleitete, der Ihnen den Korb herauftrug." Er schien ihren Einzug demnach beobachtet zu haben.
Aber, Herr Hofrat, das war mein Bruder." Sie wußte nicht, weshalb sie log; vielleicht war damit das Thema beendet.
Leopold Billing grinste. „Er sah Ihnen aber gar nicht ähnlich."
Sie nahm das Geld aus dem Küchenschrank. In dem kleinen, abgetragenen Lederbehälter befanden sich vier 5-Mark-Stücke. Eines nahm sie mit. Das Portemonnaie mit den restlichen fünfzehn Mark legte sie wieder in die Schublade. Dann ging sie.
Der Hofrat blieb in der Küche stehen, wo er wahrhaftig nichts zu suchen hatte. Er sah das Buch an, in das Antje ihre Ausgaben einschreiben sollte.
Es zeigte bis jetzt noch weiße, unbeschriebene Blätter. Er verzog das Gesicht und legte es wieder weg. Seine Laune war nicht gut. Er schien zwar vergnügt und begann sofort wieder eines dieser Gespräche mit doppeltem Boden, als Antje zurückkam — „der Schlachter hat zwei hübsche Gesellen im Laden, haben Sie die beiden bemerkt, Fräulein Antje?" — Er redete offenbar gern, aber Antje spürte, daß seine Heiterkeit nicht echt, nur gemacht war. Vielleicht fehlte ihm der Ernst und er wußte nicht zu schweigen.
Das Mittagessen fiel zur Zufriedenheit aller Billings aus. Hellmuth verriet krähend und altklug nachher in der Küche, was er bei Tisch aufgeschnappt hatte. „Sie find ein guter Griff, Antje!" Der Hofrat klopfte ihr großväterlich die Schulter, was sie, neben Frau Grete stehend, nicht einmal zurückwei- fen konnte.
„Wenn es nichts ausmacht, könnte ich vielleicht nach dem Abendessen eine kleine Weile weggehen?"
„Gewiß, Antje, wenn die Küche in Ordnung ist, können Sie weg; aber nicht zu spät kommen, ein junges Mädchen muß ausschlafen!
Antje lächelte. „Danke." Frau Grete lächelte zurück.
Um 9 Uhr war Fred Lorenzen an der Moltke- brücke, wie es verabredet gewesen war. „Wenn ich nicht kommen kann, darfst du nicht böse auf mich fein, Fred!" — „Gewiß nicht, ich weiß, es liegt bann nicht an dir, Antje."
Aber sie kam pünktlich und hängte sich bei ihm ein. Sie gingen über die Brücke und setzten sich in den Krollgarten.
„Ist das nicht zu teuer, Fred? Du bist immer so leichtsinnig, wenn wir ausgehen."
Er schüttelte den Kopf. „Das ist nicht Leichtsinn."
Sie erkannte alle feine Gedanken, ehe er sie aussprach. Er schien ihr durchsichtig. „Du hast Aerger gehabt?" forschte sie.
„Ja. Ist habe da ein paar Schulden. Du weißt, ich lasse sie nie groß anwachsen. Aber diesem Schneidermeister mehr als die Hälfte zu zahlen, war mir nicht möglich. Jetzt schickt der Mann mir einen Zahlungsbefehl. Ich habe zunächst erhoben. Dann habe ich den Mann ausgesucht. Er war ganz vernünftig, aber er verlangt, als Zechen meines guten Willens, wie er fapt, ich soll ihm heute ober morgen eine Zahlung leisten. Unb wenn
Zeitfolge zum Tag her Hitler-Jugend am 30. August in Gießen.
14.30 Uhr: Bann- unb Jungbannfporfoeranffalfung auf dem Universitätssporlplah.
18.00 Uhr: Marsch bet Hitler-Jugend unb bes Jungvolkes durch die Straßen der Stabt
18.45 Uhr: Vorbeimarsch bes Bannes unb Jungbannes 116 vor dem Gebietsführer an ber Universität in der Ludwigstrahe.
19.15 Uhr: Feierstunde auf dem Brandptah.
Es sprechen: Gebietsführer Brandt, kreisteiter Dr. Hildebrandt.
weg vor dem Bergwerksgelände vorn 25. August ab auf die Dauer von vier Wochen polizeilich für jeden Fährverkehr gesperrt. — Die Wilhelm st raße zwischen Ebelstraße und Aulweg ist von heute ab wegen Straßenbauarbeiten auf die Dauer von drei Wochen für jeglichen Fährverkehr polizeilich gesperrt worden. Die aufgestellten Sperr- unb Umleitungsschilber finb zu beachten.
** Morgen keine Sprech st unben bes Kreisleiters. Wie parteiamtlich bekanntgegeben wirb, fallen bie Sprechftunben bes Kreisleiters in Gießen am morgigen Donnerstag, 27. August, aus.
** Aufgehobene Straßensperre. Die Sperre auf ber Lanbstraße Bübingen—Orleshausen wirb von heute ab roieber aufgehoben.
** Gin Siebzigjähriger. Der Zugführer i. R. Kaspar Göbel, Ebelstraße 12 wohnhaft, feierte am vorigen Sonntag im Kreise seiner Kin- ber unb Enkel seinen 70. Geburtstag. Don bem Reichsbahn-Fahrbeamten-Verein unb bem Pionier- Verein, benen er als Mitglieb angehört, würbe ber noch sehr rüstige alte Herr geehrt. Er ist langjähriger Bezieher bes Gießener Anzeigers.
** Für eine gute Arbeit über Luftschutz ausgezeichnet. Dem Unterprimaner ber Höheren Privatschule Gießen Joseph Kirchesch würbe eine künstlerische Ehrenurkunbe ber Hessischen Lanbesregierung überreicht, ba er bie Aufgabe „Luftschutz — eine beutsche Schicksalsfrage" gut gelöst hat.
** Autobusfahrt nach der Wasserkuppe. Auf vielseitigen Wunsch veranstaltet ber Skiklub Gießen am fommenben Sonntag, 30. Aug., eine Autobusfahrt zu bem großen Internationalen Segelflugwettbewerb auf ber Wasferkuppe in ber Rhön. Hierburch wirb allen Teilnehmern, die nicht unbebingt Mitglied sein müssen, Gelegenheit geboten, die Rhön, bie bie meisten nur im winterlichen Kleib kennen, auch im Sommer einmal zu besuchen. Hinzu kommt noch, baß bie beseitige Segelflugveranstaltung eine ausgezeichnete Besetzung aufweist unb ber fommenbe Sonntag als Schlußtag einen Höhepunkt barstellen wird. Da nur eine beschränkte Anzahl Plätze zur Verfügung stehen, ist rechtzeitige Anmelbung in ben Gießener Sporthäusern ratsam. (Siehe heutige Anzeige.)
Große Strafkammer Gießen.
Die 62jährige Lina M ö b u s aus Borsborf würbe wegen Unterschlagung im Amt unb Urfun« benfälschung zu einer Zuchthausstrafe von einem Jahr unb 50 RM. Gelbstrafe, hilfsweise 5 Tage Zuchthaus, verurteilt. Die Angeklagte hat als Beamtin unb als verpflichtete ftänbige Vertreterin ihres Ehemannes, ber Postftelleninhaber ist, in ben Jahre 1935 unb 1936 Gelber, bie mittels Zahlkarten eingezahlt worben finb, fortgesetzt unterschlagen unb verbraucht. Später eingezahlte Be-
Das soll Ihre Zahnbürste schaffen?
Sie soll Jeden winzigen und entlegenen Winkel Ihrer Zähne erreichen? Das wird sie nicht allein schaffen. Da muß schon Nivea-Zahnpasta helfens Die sorgt dafür, daß jedes Eckchen gründlich und dabei doch schonend gereinigt wird und daß Ihre Zähne weiß und gesund erhalten werden^
es nur zwanzig Mark finb, äußerte er. Damit war ich mieber vor ber Tür seines Labens."
„Unb diese 20 Mark hast du nicht beisammen?" Er lachte. „Nein, nur bie brei Mark, bie biefer Spaß hier kosten mag."
„Ich hätte bem Schneiber biese brei Mark gegeben."
„Falsch. Du kennst ben Mann nicht, Antje. Ich hätte bamit alles oerborben. Meine Zusage, ihm zwanzig Mark zu zahlen, beruhigte ihn. Drei Mark in bie Hanb hätten ihn mieber unsicher gemacht." Er lachte abermals, sie wußte nicht recht, worüber. Ihr war gar nicht so heiter zumute. „Ich kann dir bas Gelb geben", sagte sie sofort, „wenn mir Frau Billing zehn Mark Vorschuß gibt. Zehn Mark besitze ich selber noch."
„Wirklich, Antje? Das ist famos. Ich bekomme bestimmt noch in biefer Woche Gelb. Man hat bet ber BVG. Interesse für einen Entwurf, bie Reklame für bie Fahrten mit ben Wochenenbauto- buffen, bie ich gemacht habe. Es wirb sicherlich klappen. Dann kriegst bu bas Gelb mit Zinsen zurück."
„Mit Zinsen?"
„Du hast recht. In kurzer Zeit ist sowieso mein Gelb bein Gelb unb umgekehrt."
Sie spürte eine Beklemmung. Sie wußte genau, wie seine Pläne waren. Aber sie war sich nicht klar über ihre eigene Stellung zu bem allen. Er wollte bie Heirat. Das war schön von ihm unb sehr lieb. Sie war ihm bankbar. Aber zugleich war etwas wie Angst in ihr. Die Ehe, bas war für ihr Empsin- ben etwas Endgültiges. War sie soweit? Siebte sie Freb Lorenzen so sehr, baß sie für ben Rest ihres eben erst begonnenen Lebens mit ihm Zusammenleben wollte? Sie wußte, er wartete auf ihre Antwort. Auch biese Rebe eben war roieber eine Art Anfrage gewesen. Ihr Schweigen hieß ja. Ader es sollte nicht ja bebeuten.
Sie horchte auf bie Musik. Ihr Herz war schwer, sie meinte es in ber Brust zu spüren wie ein Gewicht. Die Tanzenben auf ber runden Stein fläche in ber Mitte bes Gartenlokals huschten vorüber, brehten sich wie Marionetten. Warum bachte sie bas? Sie merkte, wie Qrcbs Hanb unter bem Tisch herankam, noch hätte sie ausweichen können. Aber sie kam ihm sogar entgegen. Er nahm ihre Finger unb brückte sie wortlos, aber scheinbar beglückt.
(Fortsetzung folgt!)


