Aeubauemllim in Mzedonien
Bon unterem 3 M.-Äenchterstotier
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)
Belgrad, Mitte Juli 1936.
Bor einem kleinen Bauernhaus, das sauber inmitten eines Wiesenfleckens steht, ist ein eingezäunter Blumengarten. Hühner und Ferkel laufen herum, die Hauskatze dehnt sich träge in der Sonne und der Hund tut sich an der Schüssel gütlich. Brennholz ist an der Mauer aufgeschichtet und es lehnen ein paar Fahrräder mit Rückstrahler daran. Der Bauer kommt heran, eine hochgewachsene sehnige Gestalt mit scharfen, braungebrannten Gesichtszügen.
Das kann irgendwo im bayerischen Alpenvorland sein, wo man solche Gestalten vielfach antrifft. Es ist aber ganz wo anders. Es ist in einem Gebiet, das vor einem Menschenalter noch die Türken unter schlechter Verwaltung hatten und das damals in politischen Leidenschaften von Kämpfen aufgewühlt war, die den Namen des Landes überallhin bekannt machten. Es ist nämlich — in Mazedonien, das feit 1913 Südserbien heißt. Wir haben eben einen der Neusiedler besucht, die zu Zehntausenden angesetzt worden sind, um das Land wieder in die Höhe zu bringen, als hartes und zuverlässiges Bauerngeschlecht vor äußeren und inneren Unruhestiftern zu schützen und den Besitz völkisch zu sichern.
Der Mann, der uns eben aus einem Hof ent- gegenkam, ist aus dem kärgsten Landstrich der Herzegowina gekommen; er ist in seinem, rassischen Typus der reine Dinarier. Er gibt überlegt und bestimmt Auskunft, sein Nachbar und Nachfolger im Amt des Ortsvorstehers, ein untersetzter Mann Anfang der Vierzig, stammt aus Syrmien, dem Oft- zipfel Slawoniens zwischen Donau und Save; er ist im Typ weicher, im Sprechen beweglicher. Ausgesuchte Menschen hat der Staat hier angesiedelt, Serben und Kroaten. Wie leben sie nun hier?
Das Land hat ihnen der Staat umsonst gegeben. Er hat dazu das frühere türkische Staatseigentum verwendet oder auch den Besitz ausgewanderter und geflohener türkischer Familien, und er hat ferner den Großgrundbesitz aufgeteilt, der dem Wesen des Südslawen nicht zusagt. Der Südslawe will am liebsten freier Bauer auf eigener Scholle sein, die ihn und die Seinen ernährt. Fünf Jahrhunderte Türkenherrschaft hat vieles Land, das einst reichtragender Acker war, verwahrlosen lassen; wenn es nicht zur Weide wurde, ist es versumpft. Heute ist es wieder fruchtbar, bringt besten Weizen und Mais, Tabak und Wein. Dieses Siedlerdasein war anfangs schwer, aber doch verlockend; es zog auch manchen Bauern hierher, der freier Kolonist ohne staatliche Hilfe sein wollte.
Es gab dreieinhalb Jahrhunderte lang eine merkwürdige Einrichtung in Europa. Das war die sogenannte Militärgrenze Oesterreichs und Ungarns gegenüber dem ewig unruhigen und zu Ausbrüchen neigenden Türkischen Reich, das so oft die Christenheit bedrängte und zweimal Wien belagerte. Die deutschen Alpenländer Kärnten, Krain, Steiermark waren es, deren Stände zur Zeit Karls V. bewaffnete Siedler an der Grenze ansetzten und besoldeten. Das deutsche Oesterreich gab die Führung und das Geld, die bäuerlichen Soldaten aber waren meist Kroaten und Serben, Lehensträger für ihren Grundbesitz bei persönlicher Freiheit. Diese Einrichtung hatte sich bewährt Seltsam mutet es an, heute tief im Süden ähnliche Formen wiederzufinden. Auch heute bekommt der Siedler eine Landstelle, etwa 5 Hektar, und für jedes Familienmitglied etwas dazu; Vieh, Gerät, Haus, Saatgut wird ihm gestellt. Nun soll er fest im Boden verwurzeln, der in blutigen Kriegen gewonnen worden ist. Der Versuch ist geglückt; nur war es angesichts der allgemeinen Krise der Landwirtschaft treibenden Länder nötig, den Siedlern Barzahlungen fast ganz zu erlaßen. Es geht ihnen aber vielfach besser als in ihren ärmlichen Heimatgemeinden, denn der Boden ist fett und das Land reich an Naturgaben, die nur ausgenützt werden müssen.
Es wird sehr dafür gesorgt, daß aus diesen Neubauern ein Schutzwall werde. Mit dem Neudorf wird die Schule gebaut, die Straßen werden verbessert. Das Trinkwasser wird gewissenhaft geprüft,
der Gesundheitszustand ist deshalb gut. Das ist das Verdienst eines großen Instituts, des Hygiene- Instituts in Skoplje, das weithin berühmt ist. Es hat einen tüchtigen Stab von Aerzten und Aerztin- nen, Bakteriologen, Hygienikern, Brunnenbauern, ist in seiner Inneneinrichtung ein Musterbetrieb — viele der Aerzte haben auf deutschen Hochschulen studiert — und hat sich segensreich betätigt. Ein Land, so groß wie eine preußische Provinz, ist in einem halben Menschenalter fast ganz von Malaria und anderen Krankheiten gesäubert worden; die Landbevölkerung ist daran gewöhnt worden, den Arzt aufzusuchen und Ratschläge einzuholen. Viele Gesundheitshäuser, mit Aerzten und Schwestern be- etzt, und Gesundheitsstationen, in denen an be- timmten Tagen der Dienst wahrgenommen wird, ind über das ganze Land verstreut, musterhaft auber auch sie und oft von einem wunderbar gepflegten Rosengarten umgeben.
In Skoplje ist nicht nur dieses Institut. Es gibt dort auch eine Hochschule, eine aufstrebende philosophische Fakultät, mit einem Professor der Germanistik und einem deutschen Lektor; neben ihr ist ein Studentenheim für 40 Studierende, als Gemeinschaftshaus gedacht, mit Vortragssaal und Küche, das in Südosteuropa kaum ein Gegenstück haben wird. Eine Volksschule in der Stadt ist auch nach strengsten Begriffen vorbildlich; in ihr wie in allen öffentlichen Gebäuden, etwa der ebenso hervorragenden Stadtbücherei, sind die Korridore bedeckt mit Großphotos der schönsten Landschaften und Städtebilder Jugoslawiens.
Alles dort ist so ganz anders, als wir uns gewöhnlich „Mazedonien" vorzustellen pflegen. Wir vergessen nur, daß es seit einem Vierteljahrhundert den Anschluß an Europa gesunden hat.
Die ersten amnestierten politischen Gefangenen vertaffen die Gefängnisse in Oesterreich.
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Auf Grund des deutsch-österreichischen Abkommens wurde in Oesterreich eine große Amnestie für die politischen Häftlinge durchgeführt. Hier sieht man politische Gefangene nach ihrer Freilassung vor dem Landesgericht Wien I. Ueberall wurden sie von ihren Angehörigen fteudig begrüßt. — (Scherl-M.)
Stalins Bevölkerungspolitik.
Don unserem (Tl.)-Äerichterstatter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Moskau, Mitte Juli 1936.
Vor kurzem ging der Ausspruch eines Sowjet- aewaltigen auch durch die ausländische Presse, der besagt, daß die Bevölkerung des Mutterstaates des Kommunismus bei einer jährlichen Zunahme um 3 Millionen und einem gegenwärttgen Bestand von 170 Millionen in 30 bis 35 Jahren rund 300 Millionen stark sein werde. Der Mann, der diesen Ausspruch tat, hat offenbar dazu beigetragen, die verantwortliche Staatsleitung auf die gewaltigen Möglichkeiten aufmerksam zu machen, die in einer zielbewußten Bevölkerungspolitik in Sowjetrußland liegen, und ihr die Wege aufzuzeigen, die sich auch
vor der Zwillingsschwester der Sowjettegierung, der Komintern, für ihre weltrevoluttonären Absichten auftun. Denn es ist etwas Neues, was aus diesen Worten von den 300 Millionen Sowjetbürgern spricht. Fast zwei Jahrzehnte lang hat sich die bolschewistische Staatsführung nicht um die Be- völkerungspolittk gekümmert. Es war ein Gebiet, das völlig brach lag; ja, ein Gebiet, das man am liebsten nicht berührte und das zu betreten man auffällig mied, da eine ziel- und zweckbewußte Be- völkerungspolitik eine Aenderung der kommuniftt- fchen Einstellung zur Frau, zur Familie und zur Ehe von vornherein voraussetzte, dieses aber einen Punkt des marxistischen Programms berührte, der absolut unerschütterlich feststand. Dann aber setzte
sich auch die natürlich Fruchtbarkeit des Volkes trotz Bürgerkriegs- und Jnflationsjahren, trotz Hungers- nöten und Vernichtung Hunderttausender so sehr durch, daß der Prozeß der Bevölkerungsvermehrung um 2 bis 3 Millionen im Jahre bis 1927/28 ohne Zutun der Regierung vor sich ging, so daß die Vertreter des kommunistischen Regimes und seine Nutznießer sich ruhig den Ausschweifungen der zer- setzenden Lehre der neuen Herren über Frau und Ehe hingeben konnten.
Nun ist aber in diesen Jahren, die recht auf. fallend mit der Zeit der Einführung der neuen Landwirtschaftspolitik, das heißt der Kollektivierung des bäuerlichen Besitzes, zusammenfallen, eine Aen. derung eingetreten. Seit 1928 begann die Ziffer der Bevölkerungszunahme zu sinken — und seitdem gab es keine Veröffentlichung der Bevölke- rungsstatittk mehr. War dies schon verdächtig, so mußte noch mehr auffallen, daß die kommunisti- sche Presse aller Formate seit einiger Zeit ihr Herz für die Familie entdeckt hat. Zusammen mit der „Sowjetmutter" wird das bolschewistische Kind plötzlich verherrlicht. Schon seit geraumer Zeit vergeht kaum ein Tag, an dem nicht der lie. benden Sorgen der Regierung des bolschewistischen Staates um die „Kleinsten unseres herrlichen Noch, wuchses" gedacht wird und die bösen kommunisti. schen Väter aufgefordert werden, doch ja recht pünktlich die Alimente für die verlassenen — oder, wie es jn der wörtlichen Uebersetzung aus dem Russischen so wenig schön heißt: „weg geworfenen" — Kinderchen zu bezahlen. Der Staat roirt) in diesen Ergüssen nach wie vor als der tteusorgende Vater aller Jungen bezeichnet, was aber — etwas unerwartet für die Erzeuger dieses „staatlichen Eigentums" — keineswegs die Pflicht »der Eltern ausschloß, bis zum 16. Lebensjahre für ihre Nachfahren zu sorgen.
Das Geheimnis dieser lange vorbereiteten Aenderung der Ehe- und Beoölkerungspolitik Stalins liegt darin, daß man sich im stillen Kämmerlein im Kreml schon lange ernste Sorgen um die be- völkerungspoliti schen Auswirkungen der kommuni st ischen Auffassung von Ehe und Familie macht. Solange das Leben nach den kommunistischen Parteidogmen sich Haupt- sächlich auf die großen Siedlungszentren beschränkte, das Bauerntum aber von den zersetzenden Lehren von der Freiheit von jeder sittlichen Bindung bewahrt blieb, lag noch kein Anlaß vor, Alarm zu schlagen. Die Vorrechte, sich trieblich hemmungslos auszuleben und etwaige Folgen sofort auf dem bequemsten Wege zu beseitigen, blieben aus die Stadt und dort wiederum auf die reinen Kommuni- ten beschränkt. Mit der K o m m u n i s i e r u n g des Dorfes seit 1927/28 wurde aber auch die ogenannte bolschewistische Kultur auf das bis dahin moralisch gesunde, sittlich gefestigte und religiös- orthodoxe flache Land verpflanzt und hat dort ihre Wirkung nicht verfehlt.
Heute wissen auch die Bäuerinnen im weiten russischen Dorf, auf welchem Wege unbequeme Folgen leicht beseitigt werden können, und so weit haben die Aufhebung aller sittlichen und religiösen Bindungen im Che- und Familienleben, das schrankenlose Austoben des von höchster Seite proklamierten Trieblebens und die mit der marxistischen Weltanschauung verbundene Doktrin von der Ueberlebt- heit des Familienideals geführt, so sehr haben schliehlich^Erbkrankheiten aller Art bei Eltern und Kindern ihre Spuren hinterlassen, daß heute die Nachwuchsfragen zu den brennendsten Tagesproblemen der Sowjetpolitik gehören.
Jetzt, da der Sowjetregierung die praktischen Folgen der kommunistischen Doktrin von Liebe und Ehe schon längst über den Kopf gewachsen sind, da sie die bevölkerungspolitischen Auswirkungen der gesetzlich eingeführten Schwangerschaftsunterbrechung und ihre schweren gesundheitlichen Schädigungen sieht, da ihr aber auch die finanziellen Anforderungen für die Erziehung der Hun- derttausende und Millionen von Niemandskindern allzu belastend sind, die von ihren Erzeugern arob- mütig dem Staat überlassen wurden — jetzt versucht die Sowjetregierung die Fehler gutzumachen, die fast 20 Jahre hindurch tagtäglich wiederholt wurden. In einem Gesetzesvorschlag, der vor seiner endgültigen Annahme „den Werktättgen zur Beurteilung" übergeben wurde, wird die Abtreibung bis auf einige Ausnahmefällen v e r b o t e n und die
Bernard Ghaw persönlich.
Zum 80 Geburtstage
des englischen Dramatikers am 26. Juli.
George Bernard Shaw stammt aus einer alten irischen Familie, die ihre sehr bestimmten und betonten Traditionen hat. „Sie sprachen von den Shaws wie von den Hohenzollern oder Romanows, aber ihre Verhältnisse waren in pekuniärer Beziehung immer beschränkt." Shaws Vater war nur ein Beamter von unbedeutendem Rang, später Kaufmann und Mühlenbesitzer ohne geschäftlichen Erfolg und zuletzt, was ihm zweifellos am meisten lag, Privatier ohne Vermögen. Bei aller Untüchtigkeit besaß der liebenswürdige Mann aber eine gute Dosis echt irischen Humors, und es wird erzählt, daß er beim ersten Schwimmunterricht den Sohn auf die Segnungen dieser Kunst mit den aneifernden Worten hingewiesen habe: „Ich selber habe schon mit 14 Jahren durch Schwimmen deinem Onkel Robert das Leben gerettet", worauf er hinzu- fügte: „Nie hat mir übrigens wieder etwas so leid getan." Eine tiefere Kraft besaß die weit jüngere Mutter, die der Familie nach innen wie außen Haltung gab; ihre geistige Freiheit und Leidenschaft, ihr künstlerisches Talent, das sich in ernster und energischer Musikpflege dokumentierte, ist in den wichtigsten Kräften des Sohnes wieder lebendig geworden. Aber auch sie hat den Sohn kaum „erzogen". Sie nahm allerlei Anläufe, sprang aber bald wieder ab, so daß der Knabe einigermaßen wild aufwuchs. Man brachte ihn auf die Lateinschule, hatte aber nichts dagegen, daß er jede Beschäftigung mit Caesar und Horaz ablehnte und sich ausschließlich mit Bach und Wagner befaßte. Als die Schulzeit keine Früchte zeigte, ließ man ihn ohne Latein laufen, tat ihn in das Büro einer Landagentur und ließ ihn dort fünf Jahre lang. Ohne jedes Interesse am Geschäft errang der junge Shaw hier im Büro des Herrn Townshend dank seiner Intelligenz eine gute Stellung.
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Der junge Shaw hatte in seiner Lehrzeit alle möglichen Studien getrieben, die Größen der Weltliteratur zum Teil auf dem etwas fragwürdigen Umwege über Operntexte kennengelernt, ständig die reiche irische Nationalgalerie besucht, aber eigentlich literarisches Interesse noch nicht gezeigt. Nur ganz vereinzelt scheint er Versuche auf diesem Gebiete gemacht zu haben, denn in einer Zeitschrift von 1871 findet sich eine Briefkastennotiz an ihn: „Sie hätten Ihren Brief einschreiben lassen sollen. Solch »in* yUrVimluAiajr
man nicht auf dem gewöhnlichen Postwege schicken dürfen. Ihre Argumente waren so schwerwiegend, daß wir 20 Pfennig Strafporto begabt haben."
Das war Shaws sehr passendes Debüt in der Weltliteratur. Ein neuer Michelangelo oder ein zweiter Mozart zu werden, wäre sein Ideal gewesen; der Umgang mit dem Wort war ihm viel zu natürlich, als daß er sich hier zu einer bewußten Anstrengung getrieben fühlen konnte. • Zunächst mußte er noch einmal versuchen, durch kaufmännische Tätigkeit Geld zu verdienen, und so stand er im Laden der ersten Edison-Telepbon-Gesellschaft in London, um die Apparate zu erklären, und vergnügte sich über das ungläubige Staunen, mit denen die Engländer das neue Wunder umschlichen. Bei aller Aermlichkeit der Kleidung trug er aber ein so selbstbewußtes Wesen zur Schau, daß die Besucher regelmäßig in Verlegenheit gerieten, ob sie ihm ein Trinkgeld geben sollten. „Diese Frage wurde entweder negativ oder gar nicht entschieden; jedenfalls habe ich nie etwas bekommen", erzählte Shaw.
Als diese Tätigkeit ihr Ende gefunden hatte, gab Shaw es endgültig auf, dem reinen Broterwerb Zeit und Kraft zu widmen; er wußte jetzt, daß er „fein Gehirn bewirtschaften müsse". Für ihn bedeutete es zunächst Armut und Entbehrung, für seine Familie eine Enttäuschung. Seine fast achtzigjährige Mutter erhielt die Familie als Gesangslehrerin. „Meine Mutter arbeitete für meinen Lebensunterhalt, statt mir zu predigen, für ihren zu arbeiten. Deshalb nehmt den Hut vor ihr ab," schrieb Shaw später. Mit grimmigem Humor zählt er die drei Erfolge auf, die ihm die ersten fünf Jahre seiner Schriftstellerei brachten: er bekam einmal einen Reklameartikel für ein Medizinpräparat, einmal eine „Plauderei" über Vornamen in einem Setzerblatt und einmal ein paar Reime als Unterschrift für das Bild eines ihm befreundeten Kupferstechers bezahlt — das waren feine ganzen Einnahmen.
Die fünf sehr dicken Romane aber, die er in den fünf Jahren niederschrieb, machten ihm nur Kosten, nämlich Portokosten, wenn sie allmonatlich als schwere braune Pakete unfrankiert von dem einen Verleger zurückkamen, um neufrankiert zum nächsten zu wandern. „Gelegentlich machten die Mäuse die Bekanntschaft mit meinen fünfzigmal abgelehnten Manuskripten," schreibt er, „aber sogar sie waren nicht imstande, mit ihnen fertig zu werden." Aus der Geldnot dieser Zeit flüchtete er sich zunächst in die Zeitungswelt, und er war „den Vierzig näher als den Dreißig, als er entdeckte, daß er ickreiben könne."
Shaw hat sich selbst einmal über fein Schaffen als Dramatiker ausgesprochen: „Wenn Sie ein Stück schreiben wollen, beginnen Sie, wo Sie wollen. Sie dürfen einen Plan haben, so gefährlich das auch ist, andererseits brauchen Sie sogar keinen Satz vom Aufgehen des Vorhangs bis zu feinem Niederfallen vorher zu ahnen. Man beginnt meistens mit einer „Situation" und schreibt das Stück, indem man die Konsequenzen aus ihr zieht. Die Situation kann ein bloßer Zufall fein oder sie kann durch einen Charakter oder einen Konflikt zwischen Charakteren bedingt sein. Beispiele unter meinen eigenen Stücken sind „Haus Herzensto d", das mit einer bestimmten Atmosphäre begann und kein Wort enthält, das vorauszusehen war, ehe es geschrieben wurde. „Helden", „Der Teufels- s ch ü l e r" und „John Bulls andere Insel" wuchsen um die Situation herum."
Von „großen Szenen" hält Shaw nicht viel. Nach seiner Meinung kommt es nicht darauf an, daß man besondere Höhepunkte der Handlung ausarbeitet, sondern daß diese sich organisch entwickelt. Er betont, „daß ein wirkliches Stück ein natürliches Gewächs ist und nicht die Ausfüllung einer Form. Die Charaktere müssen fortschreitend wachsen und sich bestimmen und begrenzen; erfundene Charaktere oft durch eine Art Kindheit hindurch, während deren es unmöglich zu erraten ist, wie sie sich entwickeln werden; und manchmal tauchen sie plötzlich aus dieser Kindheit empor, bemächtigen sich des Mittelpunktes der Bühne und beherrschen das ganze Werk."
Shaw sieht diese Charaktere, mit denen er während des Dichtens lebt, nicht vor sich: „Mein Sinn für meine Charaktere gehört zu den unspezifischen Sinnen. Er hat nichts mit Gesicht, Gehör, Geschmack, Geruch ober Tastsinn zu tun." Die Arbeit des Dramatikers besteht nach Shaw darin, „aus der sinnlosen Menge der Geheimnisse, die Sie beim Filmen einer belebten Straße der Stadt festhalten, eine Reihe erdachter, aber möglicher Personen herauszustellen, und eine Folge von erdachten, aber möglichen Handlungen, die das Leben verständlich machen und eine Deutung des Lebens geben."
Ein Schachspiel aus Porzellan.
Vielleicht das kostbarste Stück der ungemein reichen Sammlung von Frankenthaler Porzellan, die man im Mannheimer Schloßmuseum bewundern kann, stellt ein Schachspiel dar, dessen Figuren aus Porzellan bestehen, desgleichen die Bretteinlagen selbst. Dank dem Entgegenkommen der Stadt Mannheim wird dieser herrliche Schatz in der
Gruppe Baden auf der Berliner Ausstellung „Deutschland" gezeigt. Gewiß werden sich Kenner und Freunde erlesenen alten Porzellans freuen, dieses glanzvolle Stück auf der Berliner Schau zu sehen und sich angeregt fühlen, auch die wertvolle Sammlung in Mannheim selbst kennenzulernen.
Zeitschriften.
— In der neuesten Nummer der Jllustrir- ten Zeitung Leipzig (I. I. Weber, Leipzig) hat Dr.-Ing. Gustav Lampmann die Entstehung des von Professor Dr.-Ing. Ernst Sagebiel errichteten Reichsluftfahrministeriums in seinen verschiedenen Phasen geschildert; zahlreiche Bilder lassen das Bauwerk in allen seinen Fronten, in seiner Innen- und Außenarchitektur vor dem Leser erstehen. — Ein weiterer großer Bau, auf den wir Deutschen stolz fein können, der Flughafen in Frankfurt, der am 8. Juli eröffnet wurde, ist in einem doppelseitigen Bildertableau gewürdiat. — Ein reich illustrierter Beitrag von Heinrich Zerkauten behandelt die Große Kunstausstellung in Dresden, die den Besuchern der Reichsgartenschau ein Bild von deutschem Kunstschaffen vermittelt.
Sochschulnachrichten.
Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Heinrich Hildebrand in Marburg, der 1934 nach Erreichung der Altersgrenze in den Ruhestand trat, wurde dieser Tage 70 Jahre alt. Lange Jahre hat Prof. Hildebrand als Direktor des Gerichtsärztlichen Instituts der Universität Marburg und als Kreisarzt gewirkt. Der Gelehrte ist einer der Pioniere der Nöntgenarbeit. Aus seiner Praxis veröffentlichte er den Stereoskopischen Röntgenatlas. Bahnbrechend wirkte feine Arbeit über die „Anleitung zur Abfassung von Gutachten in Unfallrentensachen".
Professor Dr. Heinrich Müller. Ordinarius für Baukonstruktionslehre an der Technischen Hochschule Breslau, rouräe auf eigenen Antrag von den amtlichen Verpflichtungen entbunden.
Professor Dr. Alfons Schulz, o. Professor für Altes Testament in der katholisch-theologischen Fakultät der Universität und der Technischen Hochschule in Breslau, ist wegen Erreichung der Altersgrenze von den amtlichen Verpflichtungen entbunden worden.
Der Dozent für Tiermedizin Dr. Hellmut D o e • necke wurde zum o. Professor an der Universität Breslau ernannt. Doenecke wurde im Winter» semester 1935/36 beauftragt, die Tiermedizin in der philosophischen Fakultät der Universität Breslau zu vertreten.


