Ausgabe 
24.12.1936
 
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öe» Verfahrens zu tragen: im übrigen trägt sie die Staatskasse.

Die Urteilsbegründung.

3n der Begründung des Urteils umriß der Vor­sitzende noch einmal die Form und das Ausmaß der Verfehlungen, die sich die Angeklagten zu Schulden kommen ließen, und betonte besonders, daß hier ein besonders schweres Ver­gehen geg^en die Volksgemeinschaft v o r l i e g e, obwohl von beiden Angeklagten nicht gesagt werden konnte, daß sie sich in schwerer Not­lage befanden. Insbesondere Neeb hätte allen Anlaß gehabt, sich bei seiner Arbeit aller Sorgfalt 3U befleißigen, da gerade auf ihn und seinen Ge­sundheitszustand weitgehend Rücksicht genommen

worden war. Die Angeklagten hätten jede Gelegen­heit benutzt, die Stadtverwaltung eryebllch zu schä­digen, sie im Komplott arglistig zu schä- bißen und die ihnen übertragenen Pflichten gröb­lich zu verletzen. Auch in der Begründung des Urteils wurde betont, daß sie in bestimmtem Sinne des Gesetzes und aus der Art ihrer Funktion heraus als Beamte anzusehen gewesen seien und dem­entsprechend bestraft werden mußten. Den Ange­klagten konnten strafmildernde Gründe nicht berücksichtigt werden. Besonders schwer zu verurteilen sei die Raffiniertheit des Vorgehens gewesen, ferner daß sich der Treubruch über den Zeitraum von über zwei Jahren erstreckte. Das Gericht habe aus allen diesen Gründen zu dem vor­liegenden Urteil kommen müssen.

Aus -er provinzialhauptsta-t.

Gedanken zur Weihnacht.

Dünkt es euch nicht heilsam, einmal das Wort vom Wohlgefallen unter das Licht der Weihnacht zu stellen, zumal es aufklang in jener Verkündi­gung über Bethlehems Flur?

. und den Menschen ein Wohlgefallen .. Richt von ungefähr ist es, daß es vom Himmel zur Erde niederklang. So wurde es zu den Schatz­worten der Christenheit, und es will Geilt und Seele immer wieder in jene höheren Bezirke hin­auslocken, daß es uns zeige, wo wir die letzten und höchsten Ziele unseres Wohlgefallens suchen sollen.

Würde, Schönheit und Glück unseres Lebens bemessen sich nach der Ebene, auf der wir die Er­scheinungen unseres Wohlgefallens finden. Der in­nere, seelische Ort ist das Entscheidende. Je höher er liegt, desto wertvoller wird alles sein, nach dem unser Herz Verlangen trägt. Es kann einer im Alltag wandern; aber die Dinge, die ihm Kraft und Erhellung schenken, liegen weit über seinem Alltag.

Diese Gedanken sollen uns nicht verleiten zu meinen, daß wir keine Freude an den Dingen der Erde haben sollen. Sie sind dazu da, daß wir Freude daran empfinden. Aber schon die Art unse­rer Wahl kann und soll für uns eine Erhöhung be­deuten. Fröhlich den Bogen geschlagen vom Irdischen zum Himmlischen und wieder zurück zum Irdischen! Die Hauptsache bleibt der Glanz auf dieser Bahn. Wo aber die Erkenntnis der Seele, wo Liebe wal­tet, da i st dieser Glanz. Ein Wohlgefallen, das nicht zu tätigem Leben führt, hat keinen Sinn.

Zu welchen Erscheinungen aber will uns die Weihnacht leiten? Rur drei seien genannt: Die Stille, das Licht und das Kind.

Wohlgefallen an der Stille! In ihr fällt uns vie­les zu, was uns nimmer auf den Straßen des Weltlärms und des Zufalls zufallen würde. Freilich gehört zum Wohlgefallen an der Stille, daß wir zunächst einmal den guten Willen auf­rufen. Es gehört dazu die Kunst, sich von dem Draußen weg begeben zu können hin zu sich selbst. Wer in das Kraftfeld der heiligen Stille treten will, muß alles Unheilige draußen lassen. Wem nicht zur Weihnacht eine echte und rechte Sternstunde wird, der weiß nichts vom Wunder der Seele.

Mancher würde weniger schnell aufgerieben wer­den, wenn er feinen Kern besser zu bewahren wüßte. Die Erfüllung dessen, das not tut, nimmt immer ihren Anfang im Unsichtbaren.

Wohlgefallen am Licht! An dem leisen, lebendi­gen, dessen Sinnbild die Kerze ist, jenem Lichte, das sich verschwistert mit dem Leuchten, dessen Sinnbild der Stern der Weihnacht ist. Manch Großer, der oft in der Grelle der Tage stand, suchte von Zeit zu Zeit die Bezirke des stillen Lichtes auf, gleich­viel, wie und wo es sich ihm offenbarte, wohl auch des Lichtes, das aus einer reichen Menschenseele in seine floß.

Wohlgefallen am Kinde! Das heißt: am Ursprung und Ursprünglichen, wie es aus Gottes Hand kommt. Kein Sinnbild der Erde ist beglückender und wunderbarer als dieses. Wer in diesem Sinn­bild Heimat hat, dem dienen alle Sinnbilder der Erde mit ihren Geheimnissen und Kräften. Er schreitet fort vom Gleichnis zum Wesen. Er handelt aus der Freiheit und Schönheit des Ursprünglichen. Seine Taten sind reife und gesunde Früchte seines Wesens.

Die Einheit mit Stille, Licht und Gotteskind wird zu einem Erlebnis, das all die anderen deines Herzens nähren und verklären kann. R. B.

Dornotizen.

Tageskalender für Donnerstag.

Johanneskirche: 17 Uhr musikalische Abendfeier. Stadtkirche: 20.30 Uhr Weihnachtsfeierstunde.

Tageskalender für den 1. Weihnachlsfeierlag.

Stadttheater: 19 bis 22.15 UhrFigaros Hoch­zeit" (Gastspiel von Anny von Stosch). Gloria- Palast, Selterswea:Burgtheater." Lichtspiel­haus, Bahnhofstraße:Unter heißem Himmel."

Tageskalender für den 2. Weihnachtsfeiertag.

Stadttheater: 15 bis 17.15 UhrPrinzessin Aller­liebst." 19 bis 22 UhrPrinzessin Nofretete" (Ausstatt.-Operette). Gloria-Palast, Seltersweg: Burgtheater." Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: Unter heißem Himmel." Turnverein von 1846: 20 Uhr Familienfeier in der Turnhalle, Steinstraße. Fünfziger-Vereinigung 1880/1930: Zusammen­kunft im HotelPrinz Carl".

Tageskalender für Sonntag.

Stadttheater: 15 bis 17.15 UhrPrinzessin Aller­liebst." 19 bis 21.45 UhrDer Zarewitsch." Gloria-Palast, Selterswea:Truxa." Lichtspiel­haus, Bahnhofstraße:Unter heißem Himmel."

Der Spielplan des Gießener Stadttheaters an den Weihnachtsfeiertagen.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Am ersten Weihnachtsfeiertag findet ein einmaliges Gastspiel der bekannten Sopranistin Anny von Stosch, von der Preußischen Staatsoper und den Bayreuther Festspielen, als Gräfin in der heiteren OperFigaros Hochzeit" von W. A. Mozart statt. Die musikalische Leitung liegt in den Händen des Kapellmeisters Paul Walter. Die Spielleitung führt der Intendant. Für die Einstudierung der Tänze und choreographische Leitung zeichnet Irmgard Zenner. Die Bühnenbilder schuf Karl Löffler. Die übrige Besetzung der Oper besteht aus den Mitwirkenden der Erstaufführung: Friedel Fornallaz,Susanna"; Hildegard Jachnow,Mar­cellino"; Ilse ßasfus,Cherubino"; Gustav Bley, Graf Almaviva"; Alfons Forstner,Bartolo"; Wilhelm Greif,Figaro"; Paulus Kuen,Basilio"; Max Schneider-Oest,Antonio"; Ernst-August Waltz, Don Curzio"; ferner der Chor und die Tanz­gruppe. Die Vorstellung beginnt um 19 Uhr und endet 22.15 Uhr. Außer Miete.

Am zweiten Feiertag nachmittag findet die Anf­ührung des MärchenspielsPrinzessin Allerliebst" oderDer wundersame Regenschirm" von Friedrich Forster statt. Die musikalische Leitung führt Kapell­meister Ernst Bräuer. Die Spielleitung hat Karl Volck. Tänze und choreographische Leitung: Irmgard Zenner. Mitwirkende: das gesamte Schauspielpersonal. Die Vorstellung beginnt um 15 Uhr und endet 17.15 Uhr. Außer Miete. Am Abend findet die Erstaufführung der neuen großen Ausstattungs-OperettePrinzessin Nofretete" von Nico Dostal statt. Die musikalische Leitung liegt in den Händen des Kapellmeisters Hans H. Ham­pel. Die Spielleitung führt Paul Wrede. Ein­studierung der Tänze und choreographische Leitung: Irmgard Zenner. Die in eigener Werkstatt her- gestellten Kostüme sind angefertigt nach Entwürfen von Sophie Buchner. Karl Löffler schuf die Bühnenbilder. Die Leitung der Chöre hat Ernst Bräuer. Mitwirkende: Maria Gerhardt, Friedel Fornallaz, Ilse Castus, Rose Stirl; Alfons Forst­ner, Gerhardt Frickhoeffer, Gert Geiger, Hans Geißler, Paulus Kuen, Karl-Ludwig Lindt; der verstärkte Chor und die Tanzgruppe. Die Vor­stellung beginnt um 19 Uhr und endet 22 Uhr. Außer Miete.

Am dritten Feiertag nachmittag geht das Mär­chenspielPrinzessin Allerliebst" oderDer wunder­same Regenschirm" von Friedrich Forster in Szene. Die Spielleitung führt Karl Volck. Die musikalische Leitung hat Ernst Bräuer. Tänze: Irmgard Zenner. Anfang der Vorstellung 15 Uhr, Ende 17.15 Uhr. Auß«: Miete. Am Abend findet die Aufführung der großen Erfolgs - OperetteDer Zarewitsch" von Franz Lehar statt. Die musikalische Leitung liegt in den Händen des Kapellmeisters Hans H. Hampel. Die Spielleitung führt Paul Wrede. Für die Einstudierung der Tänze und choreographische Leitung zeichnet Irmgard Zen - n e r. Die Bühnenbilder schuf Karl Löffler. Mit- wirkende: Friedel Fornallaz, Ilse ßasfus; Gustav Bley, Gerhardt Frickhoeffer, Wolfgang Frohherz, Hans Geißler, Korl-ßudwig ßinbt, Ottmar Meyr, Max Schneider-Oest, Ernst-August Waltz; der Chor und die Tanzgruppe. Anfang der Vorstellung 19 Uhr, Ende 21.45 Uhr. Außer Miete.

Wechsel in der Leitung des Postamts Gießen.

Der ßeiter des Postamts Gießen, Postrat Graefe, ist vom 1. Januar 1937 ob unter Be­förderung zum Oberpostrat zum Postamt Heidel­berg versetzt worden. Als Nachfolger wurde Post­rat Z o l l 's r a n k vom Postamt Sangerhausen be­stimmt.

Professor Engel 75 Jahre alt.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag, 26. Dezember, kann der langjährige Mathematiker unserer Univer- sstät, der jetzt im Ruhestand lebende Prof. Dr. Friedrich Engel seinen 75. Geburtstag feiern. Prof. Dr. Engel wirkte seit 1913 an unserer Uni­versität und konnte am 26. Oktober 1935 das sel­tene Fest des 50jährigen Dozentenjubiläums be° gehen. Die wissenschaftliche Arbeit des Jubilars fand in Deutschland und auch im Ausland hohe Würdigung. Er ist Ehrendoktor der Universität Oslo, auswärtiges Mitglied der Sächsischen Aka­demie der Wissenschaften in ßeipzig korrespondie­rendes Mitglied der Russischen Akademie der Wis- enschaften, auswärtiges Mitglied der Mathematisch- Naturwissenschaftlichen Klaffe der Norske Viden- skaps-Akademi in Oslo.

NSDAP. - Amt für Voltswohlfahrt.

kreisamlsleilung Welterau.

Das Amt für Volkswohlfahrt, Kreisamtsleitung Wetterau, Gießen, ist von Donnerstag, 24. Dezem­ber, mittags 12 Uhr, bis Sonntag, 3. Januar 1937 einschließlich, für jeden Publikumsverkehr geschlaf­en.

Heute Weihnachts-Platzkonzert des SA.-Musikzuges.

Der Musikzug der SA.-Standarte 116 spielt am heutigen Heiligen Abend ab 15.30 Uhr auf dem Kreuzplatz. Die Vortraasfolge bringt:

1.Es ist ein Ros entsprungen".

2.Die Himmel rühmen" (ß. van Beethoven). 3a.O du Fröhliche.

3b.Stille Nackt, Heilige Nacht".

4. Friedensmarsch aus Rienzi (Wagner).

Die Regelung des Kettbezugs.

Fwd. Der Milchwirtschaftsverband Hessen-Nassau teilt mit: Die Regelung der Butterversorgung wird nach der Anordnung der Hauptversammlung der deutschen Milchwirtschaft auf Grund des Oktober­bezuges durchgeführt. Hiernach dürfen Großhänd­lern, Kleinhändlern, sowie Verbrauchern nur bis Zu etwa 80 v. H. ihres Oktoberbezuges zugeteilt wer­den. Die Auflegung der Kundenlisten hat teilweise bei den Verbrauchern zu der irrtümlichen Meinung geführt, daß sie nur dort Butter erhalten können, wo sie gleichzeitig Oele und sonstige Fette kaufen würden. Dies ist keineswegs der Fall. Maßgebend für den Kauf von Butter ist die Zuteilung, die über Groß- und Kleinhandel gemäß dem Oktoberbezug vorgenommen wird. Infolgedessen raten wir den Verbrauchern dringend an, sich nur in ben Ge­schäften in die Kundenlisten für Butter eintragen Zu lassen, wo sie bisher ihre Butter bezogen haben, andernfalls sie in Gefahr kommen, geringere Men­gen Butter zugeteilt zu erhalten. Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß die Eintragung in die Kundenlisten entsprechend den bisherigen tatsäch­lichen Beziehungen zwischen Kunden und Liefer- geschaft durchzuführen sind. Es wird energisch ba= gegen eingeschritten werden, wenn die Eintragung

in der Kundenliste von Unberufenen zum' Kunden­fang ausgenutzt wird.

Gießener Vochenmarktprelse.

* Gießen, 24. Dez. Auf dem heutigen Wochen- markt kosteten: D. f. Molkereibutter, % kg 1,57 Mk., f. Molkereibutter 1,52, Markenbutter 1,55 bis 1,60, ßanbbutter 1,42 Mk., Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Eier, deutsche, Klasse A 13, Klasse B 12, ausländische, Klasse B 11%, Klasse C 10 %, Wir­sing, % kg 6 bis 10, Weißkraut 6 bis 8, Rotkraut 8 bis 10, gelbe Rüben 8 bis 12, rote Rüben 8 bis 10, Spinat 20 bis 25, Unterkohlrabi 6 bis 8, Grünkohl 12 bis 15, Rosenkohl 25 bis 30, Feldsalat 80 bis 90, Tomaten 60, Zwiebeln 8 bis 10, Meerrettich 30 bis 70, Schwarzwurzeln 25 bis 30, Kartoffeln, % kg 5 Pf., 5 kg 40 Pf., 50 kg 3 bis 3,40 Mk., Aepfel, % kg 15 bis 20 Pf., Tafeläpfel 25 bis 30, Birnen 15 bis 20, Dörrobst 15 bis 20, Nüsse 45 bis 60, Hähne 1 bis 1,10 Mk., Suppenhühner 80 bis 90 Pf., Gänse 80 Pf. bis 1,10 Mk., Enten 90 Pf. bis 1 Mk., Tauben, das Stück 50 Pf., Blumenkohl 30 bis 70, Salat 5 bis 8, Endivien 5 bis 8, Lauch 5 bis 8, Sel­lerie 10 bis 30, Rettich 5 bis 15 Pf.

** Ernennung beim Versorgungs­amt. Der Reichs- und Preußische Arbeitsminister hat den Verwaltungsinspektor ^Georg Ebener vom Versorgungsamt Gießen mit Wirkung vom 1. November 1936 zum Verwaltungsoberinspektor ernannt.

** Straßensperrungen. Wegen Ausfüh­rung von Gleisumbauarbeiten wird die Reichsstraßs am Bahnübergang bei Butzbach vom 29. bis ein­schließlich 30. Dezember für jeglichen Verkehr ge» sperrt. Die Umleitung erfolgt örtlich über die sog. Nußallee bei Butzbach. Wegen Ausführung von Reichsautobahnarbeiten wird die Landstraße R e i n« hardshain Winnerod vorn 21. Dezember ab für jeglichen Verkehr gesperrt. Die Umleitung folgt über LindenstruthGöbelnrodBeltershain.

** Umgestaltung km O b e r h e s si sch e » Museum. Das Oberhessische Museum, das einigt Zeit geschlossen war, weil der Treppenaufgang ne* hergerichtet worden ist, wird an den Weihnachts« feiertagen wieder geöffnet sein. Das Treppenhaus hat in seiner Ausgestaltung mit Museumsstücken eine grundlegende Wandlung erfahren, und zwar insofern, als man sich darauf beschränkt, erheblich weniger Dinge auszustellen und gründliche Aus­lese zu halten. Das Treppenhaus, wie es sich jetzt darbietet, gereicht dem Museum zur Zierde, und sicherlich werden viele Einwohner unserer Stadt Gelegenheit finden, während der Feiertage auch einmal unserem Heimatmuseum einen Besuch ab­zustatten. .

** Die Bekämpfung der Schnaken- plage betrifft eine Bekanntmachung des Städti­schen Hoch- und Tiefbauamtes im heutigen Anzei­genteil. Es fei besonders darauf aufmerksam ge­macht.

SporiamiKrass durch Kreude".

Am 24. Dezember fallen sämtliche Sportkurse der NSG.Kraft durch Freude" aus. Gemäß dem neuen Sportprogramm JanuarMärz 1937 be­ginnen die Sportkurse am 7. Januar wieder.

Zusammenstoß zwischen Lastauto, Motorradler und Milchfuhrwerk.

* ß i cf), 23. Dez. Auf der Landstraße zwischen Nieder-Bessingen und Ober-Bessingen ereignete sich heute vormittag ein schwerer Verkehrsun­fall, bei dem ein Lastauto, ein Motorrad und ein Milchfuhrwerk zusammen st ie- ßen. Das Lastauto der hiesigen Firma Köhler und der Milchfuhrmann Bocher von Nieder-Bes­singen mit seinem Fuhrwerk befanden sich in glei­cher Höhe in der Fahrtrichtung nach Ober-Beffin- aen, als ihnen zwischen diesem Orte und Nieder- Bessingen der Motoradfahrer Karl Trapp aus Wetterfeld in dem Augenblick begegnete, da das Lastauto den Milchwagen überholen wollte. Die Folge dieser Begegnung der drei Fahrzeuge auf gleicher Höhe war der Zusammenstoß zwischen dem Lastauto, dem Motorradler und dem Milchfuhrwerk. Dabei wurde der Motorradler Trapp schwer verletzt, während das Sattelpferd des Milchwa­gens einen Beinbruch erlitt. Der Motorradler mußte nach Laubach in das Krankenhaus gebracht werden. Der Milchführmann und die Insassen des Lastautos blieben unverletzt. Der Materialschaden ist erheblich.

Das fremde Gesicht.

' Vornan von Caren.

1. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)

Automatisch, in einer Art von stumpfer Betäu­bung, ließ er noch den zweiten Akt über sich er­geben. Bei jedem Geräusch, das sich der Logentür näherte, gab es ihm einen Riß, und er lauschte mit verhaltenem Atem, bis der Lärm draußen ver­ebbt war. Schließlich litt es ihn nicht länger im Theater. Er beschloß, nach Hause zu fahren. Das Warten daheim dünkte ihm weniger qualvoll als hier unter all diesen Menschen, vor denen man eine gefaßte Miene zur Schau tragen muhte. Da­heim war es besser. Man konnte noch etwas ar­beiten. Nach der operierten Patientin sehen. Mit irgendeinem Buck die Zeit totschlagen ... Aber er hatte sich getäuscht. Daheim fiel ihm die Stille, die Ausgestorbenheit der Wohnung nur noch mehr auf die Nerven. Nur um etwas Lebendiges um sich zu haben, machte er im Vorbeigehen den Dobermann von feiner Kette los und nahm ihn mit hinauf in fein Zimmer, unbekümmert um die schmutzigen Spuren, die das Tier auf dem blank gebohnerten Parkettboden hinterließ.

Die Schreibtischuhr zeigte drei Viertel auf elf. Bis zwölf warte ich noch, dann rufe ich bei der Polizei an, nahm Alland sich vor. Automatisch ver- tauschte er den Smoking gegen seine Hausjacke. Ein Klopsen an der Tür ließ ihn erschrocken zusammen- fahren. Es war nur das Stubenmädchen, das roif- fen wollte, ob der Herr Doktor noch etwas zu essen wünsche. Alland verneinte. Nur etwas Tee wollte er haben, starken Tee, sonst nichts.

Nachdem das Mädchen das Gewünschte gebracht hatte, nahm er ein Buch aus dem Bücherschrank und setzte sich damit an den Schreibtisch. Aber er tarn nicht weiter. Die Druckzeilen verschwommen ihm vor den Augen, und er ertappte sich dabei, pofr er statt des Textes den Uhrzeiger verfolgte, der unerbittlich vorwärts rückte. Unerbittlich ...

Auf einmal spitzte der Hund, der zusammenge- rollt neben seinem Herrn auf dem Teppich lag, die Obren und gab ein kurzes Bellen von sich. Die Haustür war gegangen, irgendjemand mußte ge­

kommen sein, irgendwer vom Hause, weil Argus nicht zu bellen anfing. Wenn es Evelyn wäre ...! Alland hielt vor Spannung sekundenlang die Luft an. Er wagte nicht aufzustehen und nachzuschauen, aus Angst vor Enttäuschung. Da sah er, wie der Hund sich erhob und leise wedelnd zur Tür lief. Und im selben Augenblick hörte er draußen auf dem Gang, noch entfernt, den raschen und leichten Schritt seiner Frau.

Sein Herz überschlug sich in einem irrsinnigen Glücksgefühl. Im ersten Impuls wollte er auf­springen und ihr entgegeneilen. Aber er hielt sich zurück. Es war schöner, sie hier zu erwarten und diese köstliche Spannung noch um ein paar Sekun- den zu verlängern. Lächelnd beugte er sich über fein Buch und nahm eine scheinbar vertiefte Haltung an. Gleich darauf hörte er Evelyn eintreten. Argus sprang mit einem winselnden Freudenlaut an ihr hoch- Die junge Frau stieß einen kleinen Schrei aus und versuchte mit beiden Händen den Hund von sich abzuwehren.

Pfui, Argus nicht! Mit deinen Schmutzpfoten! Was tust du denn überhaupt im Zimmer?^ Ihre Stimme hatte etwas Atemloses, Gestörtes, das dem Ohr des Arztes nicht entging. Langsam drehte er sich nach ihr um. Als erstes fiel ihm auf, daß sie kein Abendkleid anhatte, sondern ihr Straßenkostüm. Ihre samtbraunen Augen hinter dem kleinen Halb- schleier kamen ihm größer vor als sonst, und ihr zartes Gesicht hatte diese seltsame Blässe, die er nach großen Erregungen zuweilen an ihr bemerkt hatte. Eine besorgte Frage drängte sich ihm auf die Lippen, aber er sprach sie nicht aus. Irgend­etwas wie eine plötzliche innere Hemmung verschloß ihm den Mund. Er ließ Evelyn auf sich zukommen und streckte ihr über die Stuhllehne hin die Hand entgegen.

Sie beugte sich zu ihm hinab. Ihre kühlen Sippen berührten flüchtig die seinen. Aus ihrem Haar stieg em fremder Geruch, ein Geruch nach kaltem Zi­garettenrauch.

Guten Abend, Liebster noch nicht zu Bett?" fragte sie leichthin.Du solltest dich früher schlafen- legen bei der vielen Arbeit, die du hast."

Ich wollte doch auf dich warten. Man sieht sich tagshin ohnehin so wenig.

Er hielt ihre Hand fest, die sich durch den Wild­lederhandschuh hindurch eisig falt anfaßte.

Ist dir nicht gut, Evy?"

Ihre Lider gerieten unter seinem besorgt for­schenden Blick ins Flattern. Mit gezwungenem Aus- lachen befreite sie ihre Hand.

Aber ja durchaus. Warum denn? Ein biß­chen durchfroren bin ich, das ist alles ... Hast du noch einen Schluck Tee?"

Sie griff nach der neben ihm stehenden Taffe und trank fie auf einen Zug aus.Sie sollten end­lich das Theater heizen. Wir haben doch chon Mitte September und ..."

Sie brach mitten im Satze ab und spielte sich mit kleinen nervösen Schritten in den Hintergrund Alland folgte ihr starr mit den Augen. Ihm war, als habe er einen Schlag auf den Kopf bekommen. Das ganae Zimmer schwankte um ihn wie bei einem Erdbeben.

Oas Theater ...?" hörte er sich mit schwerer Zunge fragen.Wie war es denn?"

O, herrlich! Schade, daß du nicht mitkommen konntest ... Sie blinzelte unsicher.Was schaust du mich denn so an?"

Weil du kein Abendkleid anhast fällt mir eben auf."

3a ich ..Frau Alland errötete jäh. Mit nervösen Fingern riß sie sich die kleine Filzkappe vom Kopf und begann vor dem Kaminspieqel ihr Haar zu ordnen. Ihre sonst so anmutigen Bewegun­gen bekamen etwas sonderbar Fahriges, Unhar­monisches. Sie schluckte ein paarmal, bevor sie wei­tersprach.

Nämlich es regnete so, und ich konnte nicht den Wagen nehmen. Der Scheinwerfer funktio­nierte nicht. Da zog ich einfach mein Kostüm an, öamit ich nicht klitschnaß ins Theater komme. Es war mir zuerst ein bißchen peinlich, weil alles in Abendtoilette war. Aber dann war ich doch ganz

Frank Alland beschattete mit beiden Händen sein Gesicht.

Um halb acht hat es nicht mehr geregnet", kam es schwer hinter seinen Fingern hervor.

Evelyn streifte ihn im Spiegel mit einem un­ruhig sickernden Seitenblick.

Nein", erklärte sie hastig,aber ich ging schon frutjer weg, schon um halb sieben. Weil ich näm­lich vorher noch zu Landings mußte. Ich wollte

Gma statt deiner mit in die Oper nehmen, damit das Billett nicht verfällt."

Und ...?"

Gina konnte leider nicht weg. Ihr Kleiner hat die Masern. So mußte ich allein ..."

Der Satz brckch ihr mitten entzwei. Ihr lächeln­der Mund bekam langsam etwas maskenhaft Star- res, und eine gläserne Blässe überzog ihr Gesicht. Alland hatte plötzlich die Hände sinken lassen und blickte ihr gerade ins Gesicht. Und dieser Blick, in dem sich ein tödlicher Schmerz mit Vorwurf und Verachtung paarte, hatte etwas Vernichtendes.

Warum lügst du mich an, Evelyn?" fragte er in die quälende Stille hinein. Seine Stimme klang ganz ruhig, unheimlich ruhig.

Evelyn gab keine Antwort. Mit kindlich hochge­zogenen Schultern lehnte sie am Kamin, unbeweg­lich, und ein schmerzlich verstockter Zug trat in ihr Gesicht.

Warum belügst du mich sag?" fragte er noch einmal.Du bist ja gar nicht bei Gina Lan­ding gewesen. Ich weiß es, well ich selbst mit ihr telephoniert habe. Und auch im Theater warst du nicht. Jedes Wort, das du sprichst, ist gelogen."

Er sprang plötzlich auf und kam in drohender Haltung auf sie zu.

Um halb sieben bist du von zu Hause wegge­gangen. Jetzt ist es drei Viertel zwölf. Willst du mir sagen, wo du in dieser Zeit gewesen bist? Ich will es wissen hörst du!"

Wieder kam keine Antwort. Der verstockte Zug um Evelyns Mundwinkel trat nur noch deutlicher hervor, und zwischen ihren Brauen vertiefte sich eine kleine steile Falte.

Dieses hartnäckige Schweigen versetzte Alland plötzlich in tobsüchtige Wut.

Antworte!" schrie er Evelyn an.Wo hast du dich die fünf Stunden herumgetrieben?"

Keuchend flog fein Atem. Er packte ihre zarten Handgelenke und schüttelte sie wie von Sinnen.

Da sah sie ihn an. Hilfloses Entsetzen weitete chre Pupillen, ihre Augen füllten sich langsam mit Tranen. Mit einem wimmernden Laut ließ sie sich aus den nächsten Sessel fallen und vergrub aus- chluchzend ihr Gesicht in den Händen.

(Fortsetzung folgt!)