Ausgabe 
24.12.1936
 
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Sitte herausgebildet, dieWeihnachtsgans" zum Bäcker zu geben, der sie liebevoll betreut und zart brät. Am Spätnachmittag ziehen dann die Haus­frauen in langen Reihen vor die Bäckereien, um Las Festmahl abzuholen.

Im hohen Norden Schwedens liefert das Renn­tier einen leckeren Braten. Lange vor Weihnachten treiben die Lappen ihre Herden auf den Märkten zusammen, die schlachtreifen Tiere werden ausge­wählt, verkauft und gleich an Ort und Stelle ge­schlachtet.

Ueberall aber, von Stockholm bis Haparanda, wie von Kopenhagen bis Hammerfest würzt dasselbe Getränk die Festspeisen und die Festtage: der kalte Schnaps.

Wir hören Königswusierhausen!

Noe. Paris.

Wenn der Postbote in den ersten Dezembertagen das erste Päckchen aus Deutschland mit einer Back­probe brauner Kuchen gebracht hat, beginnt sich jene leichte Unruhe zu regen, die in der Heimat köstliche Vorfreude ist, die aber in Paris nach etwas Fehlendem Ausschau halten läßt.

Millionen von Watt übergleißen allabendlich die Lichtstadt. Die Fassaden der weltberühmten Waren­häuser bieten Wunderwerke an lichtqemalten Mär­chenbildern. Ungezählte Mütter stehen mit ihren Kindern Schlange, sich vor den Schaufenstern an lebenden Puppenspielen zu freuen, während der Hausvater zwischen zwei Aperitifs überlegt, in welchem Restaurant in diesem Jahr Reveillon, der 24. Dezember, gefeiert werden soll. Denn nicht wahr,

in der bar basque war im Vorjahr der Puter nicht ganz reif genug, auch hätten die Austern eine Vier­telstunde länger auf Eis liegen müssen. Diesmal muß für die Kinder wohl auch solch Tannenbaum beschafft werden, wie es seit einigen Jahren Mode zu werden beginnt. Aus dem Elsaß ist diese Neue­rung gekommen, von der die Deutschen und die Engländer so viel Wesens machen. Sie nennen ja auch den 24. Dezember feierlich den Heiligen Abend. Bleiben wir lieber bei unserem heiteren Reveillon im Restaurant, mit Champagner und schönen Frauen.

Die Flurnachbarn hingegen gehen zur Mitter­nachtmesse. Einhundert Franken kosten in Notre Dame die guten Plätze. Frankreichs beste Sänger und Chöre machen die Messe zu einer geschätzten musikalischen Feierstunde. In den Gängen drängt sich das gläubige Volk, und vor den Pforten der Kathedrale strecken Dutzende verhärmter Bettter ihre Hand.

Die Deutschen haben ihre Weihnacht aus der Heimat mitgebracht. Sie streifen, auch wenn sie Junggesellen sind, durch die Spielzeugabteilungen der Warenhäuser. Sie packen im Deutschen Haus Festpakete für bedürfttge Volksgenossen. Die evan­gelische und katholische Kirche bringen mit Weih­nachtsbazaren freudige Vorstimmung. Einige Tage vor dem Fest trifft man viele Bekannte auf dem Blumenmarkt an der Seine, wo für teures Geld kleine Tannenbäume gekauft werden. Und am Hei­ligen Abend stehen alle unsere Rundfunkapparate aufKönigswusierhausen", und wir lauschen auf Stille Nacht, heilige Nacht".

Deutsche Weihnacht in den Staaten.

KGS. Washington.

Weihnachten wird auch in Amerika von Jahr zu Jahr dem deutschen Festgebrauch ähnlicher. Das ist um so bedeutsamer, als ja die amerikanische Na­tion sich aus vielen verschiedenen Rassen und Na­tionalitäten zusammensetzt. In der Hauptsache je­doch, das heißt gefühlsmäßig, hat die nordische Rasse sich als die wirkungsvollste und als ausschlag­gebend erwiesen. In seinem Denken und Fühlen, besonders zur Weihnachtszeit, steht das amerika­nische Volk der nordischen Rasse viel näher als anderen Völkern. Die Sitte der Weihnachtsfeiern ist jetzt in ganz Amerika verbreitet, während zu Be­ginn der Kolonisierung in Virginia (1607) und in Neuengland (1620) die englischen Einwanderer, insbesondere die sogenanntenPilgerväter", die Puritaner, die sich in Massachusetts und im übri­genNeu-England" ansiedelten, ein Weihnachts- sest überhaupt nicht gefeiert haben. Es dauerte bis 1856, also bis nach der ersten großen Welle deut­scher Einwanderung, daß Weihnachten ein gesetz­lich anerkannter Feiertag wurde, den man dann in den verschiedenen Staaten der Union recht verschie­den feierte. Zum Beispiel inNew Amsterdam" (jetzt Neuyork), das zuerst von den Holländern be­siedelt wurde, herrschten die Weihnachtssitten der Niederlande. Im Mittelwesten und im Staate Penn­sylvania, wo die Deutschen unter Pastorius ihre noch heute berühmten Siedlungen begründeten, feierte man deutsche Weihnachten. In den weiter westlich gelegenen Staaten Minnesota, Nord- und Süd-Dakota usw. erhielten sich die skandinavischen Gebräuche, da dort die Einwanderer meist aus Skandinavien stammten. In den Südstaaten wurde ebenfalls Weihnachten gefeiert (in New Orleans nach französischer Sitte, da Louisiana früher den Franzosen gehörte), und zwar als eine ganze Woche voller Fröhlichkeit und Gesang.

Im Westen war nach Berichten aus jener Zeit in den frühen Tagen der skandinavischen Koloni­sierung der Stockfisch derFestbraten" zur Wech- nachtszeit, nicht der Puter, der sonst überall in Amerika zu Weihnachten wie zum Erntedankfest auf die Tafel kommt. Und statt des Sankt Niko­laus oder, wie man hier sagt, desSanta Claus" hatte man dort kleine Wichtelmänner, die schöne Gaben brachten. Außerdem hatte man dasYule Log'', den großen Holzscheit im Kamin; und solange der brannte, durften die Dienstboten an der Feier teilnehmen. Man behauptet, daß besonders geriebene Dienstboten den Holzscheit vorher anfeuchteten, da­

mit er recht lange brennen oder glimmen bleibe. Morgens zwischen 4 und 5 Uhr ging es in die Kirche, wo im Anschluß an den Gottesdienst für die hungrigen und müden Kirchgänger Kaffee und Pfannkuchen serviert wurden. An der kalifornischen Küste des Stillen Ozeans, in dem Städtchen Pasa- dena bei Los Angeles und Hollywood, gibt es eine mehr als sechs Kilometer lange Alle von lebenden Tannenbäumen, die zur Weihnachtszeit erleuchtet werden. Es ist ein bezaubernder Anblick, wenn man am Heiligen Abend durch diesen leuchtenden Weih­nachtswald fährt. Tannenbäume sind in Amerika zuerst durch die deutschen Einwanderer eingeführt und zu Weihnachtsbäumen verwendet worden. Man berichtet, daß ein Deutscher in Chikago den ersten Großhandel mit Weihnachtsbäumen betrieb. In Chikago und Umgebung wohnen bekanntlich viele Hunderttausende Amerikaner deutschen Blutes. Die deutsche Sitte des Weihnachtsbaumes in der Woh­nung hat sich erst in den letzten Jahrzehnten all­mählich im Lande verbreitet. Wegen der Feuers­gefahr hat man bis auf den heutigen Tag noch vielfach die Sitte, den Weihnachtsbaum vor dem Haufe aufzustellen und vom 24. bis 31. Dezember mit elektrischen Birnen zu schmücken. Wenn man jetzt in der Weihnachtswoche durch die Straßen fährt, so sieht man überall elektrisch erleuchtete Bäume vor den Häusern oder erleuchtete Girlanden aus Tannenzweigen über den Türen sowie Kerzen in den Fenstern. Die Sitte der erleuchteten Bäunze soll hier wie in Europa aus der Zeit stammen, wo man sich vor den bölen Geistern des Winters fürch­tete und sie durch Lichter von dem Betreten des Hauses abschrecken wollte.

Mehrere Tage vor dem Heiligen Abend singt man bereits die alten Weihnachtslieder der Deut­schen, die alle ins Englische übersetzt worden sind. Am Heiligen Abend gegen 6 Uhr, wenn es ganz dunkel geworden ist, geht Präsident Roosevelt mit Kindern und Kindeskindern vor das Weiße Haus und drückt auf einen Knopf, durch den ein riesenhafter Weihnachtsbaum auf dem freien Platz vor dem Palais des Präsidenten erleuchtet wird. HunderttMsende drängen sich im Kreis, gemeinsam werden die Weihnachtslieber gesungen. Abends vorm Schlafengehen hängt man sodann einen möglichst großen Strumpf an den Kamin in der Hoffnung, daß der Weihnachtsmann ihn nachts recht freigebig fülle. Im Weißen Haus tun das alle Familien­mitglieder, und Präsident Roosevelt sorgt da­für, daß sie nicht leer bleiben. Am Nachmittag des

ersten Feiertags sind alle Angestellten des Weißen Hauses bei Roosevelt zu Gast und erhalten ihre Geschenke. Roosevelt liebt und versteht noch heute jedes deutsche Wort und erinnert sich gern an die Weihnachten, die er als Junge in Nauheim er­lebt hat.

Das schwäbische Menspiel.

C. S. Budapest.

Eigentlich müßte man sagen: Deutsche Weihnach­ten in Ungarn. Denn so wie auch sonst das heutige Ungarn in seinem kulturellen Leben überall starke deutsche Einflüsse aufweist, so ist auch die Art, in der der Ungar das Weihnachtsfest begeht, durchaus deutsch. Wie bei uns in der deutschen Heimat, so ist der Christbaum mit seinem Lichterschmuck vom Weihnachtsfest überhaupt nicht zu trennen. Desglei­chen gehört auch für den Ungarn, wenigstens für den Städter, am Heiligen Abend ein Karpfen auf den Tisch, der aber nicht nach Berliner Art zube­reitet wird, sondern der äußerst schmackhaft gebacken wird.

Ganz anders draußen in den Dörfern der unga­rischen Tiefebene. Dort ist Mittelpunkt des Weih­nachtsfestes das Hirtenspiel. In den deutschen Sied­lungen, in den vielen hundert deutschen Gemeinden Ungarns ist es das Christkindl-Spiel, das Alt und Jung in festlicher Stimmung vereint. Hier drau­ßen, besonders in den schwäbischen Dörfern ist eben das Weihnachtssest nicht nur ein Fest der Familie, sondern darüber hinaus auch ein Fest der ganzen Dorfgemeinschaft. Ein Fest, an dem auch der Ma- gyare, der unter diesen deutschen Bauern wohnt und lebt, mit Anteil nimmt. Zum Christkindl-Spiel, das heute auch in vielen nichtschwäbischen Dörfern heimisch geworden ist, versammelt sich die ganze Dorfgemeinschaft. In weißen Kleidern, mit zier­lichen Häubchen und bunten Bändern geschmückt wandern je nach den örtlichen Bräuchen sechs oder acht oder noch mehr junge Mädchen, nur sel­ten auch Knaben, von Haus zu Haus, um am

Christabend das Christkindl-Spiel, das aus Wech. selrede und Gesang besteht, aufzuführen. Ist das Spiel zu Ende, so verteilen die das Christkindl be­gleitenden Engel die Geschenke, die die Eltern der betreffenden Familie ihren Kindern zugedacht haben. Ehe die Spielerschar das Haus betritt, in dem die Kinder erwartungsvoll ihrer harren, werden ihnen von der Mutter heimlich die Geschenke zugesteckt, die dann ausgeteilt werden. Da rollen dann Aepfel und Nüsse durch die Stube, da jubeln Jungen und Mädels über ihre vielen großen und kleinen erfüll­ten Wünsche. Und dann zieht die Spielerschar wei­ter, begleitet und gefolgt von der ganzen Dorfein­wohnerschaft, denn ein jeder nimmt immer wieder gern mit teil an der Freude in jedem einzelnen Haus. Um Mitternacht aber, zu Beginn der Christ­mette führt die Schar noch einmal ihr Christkindl- Spiel auf, diesmal vor der ganzen andächtig lau­schenden Gemeinde. In größeren Dörfern übrigens sind oft mehrere Spielscharen unterwegs, die von Familie zu Familie wandern. Da klingt es dann aus den verschiedenen Häusern:

Drum lobet und praiset ain jeder Christ, Mail Christus der Herr gebuaren ist, Oh, Josef main, so kumm herain, Wiag miar das zarte Jesulain!

So ist Mittelpunkt und Inhalt der deutschen Weihnachten in Ungarn die religiöse Feier, die alt und jung auf das eigentliche Wesen dieses größten christlichen Festes hinweist. Natürlich fehlt es dabei auch nicht an dem, schließlich aus keinem deutschen Hause, und läge es auch im ganzen Erdteil weg­zudenkenden äußeren Beiwerk. An den Näschereien, die nach der Gewohnheit und dem Brauch der ein­zelnen Familie nach der Herkunft und der Heimat ihrer Vorfahren oft große Verschiedenheiten in den einzelnen Dörfern aufweisen. Undenkbar aber ist ein Haus ohne Christbaum. Seine Lichter erglän­zen, wenn die Englein des Christkindlspiels durch das Dorf ziehen und sie strahlen in der Kirche bei der Christmette. Symbol der Verbundenheit aller Deutschen in der ganzen Welt.

MderSch1eswig Holstein

Don Friedrich Karl Birnbaum, Kapiiänleuinani.

v.

Limentause zwischen Zußtag und Emkehr.

Bußtag. Von der Einkehr spricht unser Pfar­rer beim Gottesdienst auf der Schanz in soldatisch ernsten Worten und von dem bevorstehenden Toten- gedenktag, der für uns unmittelbar auf ein Fest der Freude und der Lebensbejahung folgen soll denn am Samstag, 21. 11., passiert unser Schiff, zum ersten Male auch in seinem 30jährigen Leben, den A e q u a t o r, und Neptun wird, wie er uns durch Unterwassertelegrafie schon Tage zuvor hat mitteilen lassen, höchstselbst Schiff und Besatzung vom Schmutz der nördlichen Halbkugel reinigen und denen, die sein südliches Reich noch nicht betreten haben, seine heilige Linientaufe zukommen lassen.

Hart stehen Freude und Leid, Glück und herber Schmerz im Leben beieinander niemand von uns allen ahnt, daß um dieselben Tage in der Hei­mat acht Kameraden vom U-Boot 18 in treuer Pflichterfüllung ihr junges Leben mit dem Tode besiegeln mußten. Wir hätten ihnen keinen Gefallen mehr getan, wenn wir, nachdem die erschütternde Nachricht uns durch die Antenne erreichte, um ihret­willen still und ohne gesunden Frohsinn die Linie passiert hätten. Eine schlichte Trauerfeier vereinigt am Tage nach dem Fest, am Totensonntag, die Be­satzung auf der Schanz, und mit dem uralten Lied der KameradentreueIch hat' einen Kameraden" steigt das Gelöbnis aus unserem Herzen, ihrer stets würdig zu sein in frohen und ernsten Stunden.

19. November. Fieberhaft wird gearbeitet, um die Vorbereitungen für den Empfang feiner feuchten Majestät zu Ende zu bringen. Als am Vorabend des großen Ereignisses der Admiral Tri­ton mit Gefolge und Trabanten den Fluten ent­steigt, um die Ankunft seiner Majestät für den kom­

menden Tag offiziell zu bestätigen, sind Schiff und Besatzung bis ins Kleinste bereit.

21. November. Der große Tag bricht strah­lend an! Im ersten Morgenlicht erscheint, als fest­licher Auftakt, unser großer BruderGraf Zeppe­lin" wieder am Horizont, steht kurz darauf mit ge­waltigem Gebrumm nur 100 Meter über uns und gibt uns den freundlichen Signalspruch:Guten Rutsch über die Linie. In Pernambuco erwartet man Sie schon sehnsüchtigst!" und entschwindet, unter heftigem Tücherschwenken und Winken bei­derseits, in Richtung auf die einsamen Sankt-Pauls- Klippen, die auch wir ansteuern. Ein unvergeßliches Bild, wie das silberne Schiff der Lüfte über dem zackigen Felsengebilde steht, das sich einsam und verlassen aus dem unendlichen Blau des Ozeans erhebt.

Pünktlich um 9 Uhr entsteigt der Gewaltige trie­fenden Bartes, am Arm die geliebte Gattin Thetis, mit zahlreichem phantastischem Gefolge den blauen Fluten und betritt über das Steuerbordfallreep das Schiff, begleitet vom ohrenbetäubenden Lärm seiner Hofkapelle. Das Fest beginnt, nachdem feine Maje­stät die Front der Divisionen abgeschritten, Lob und Tadel reichlich verteilend wehe den Getadelten! mit der großen Rede und der Ordensverleihung an die Glücklichen, die sein Reich schon einmal als ehrliche Seeleute befahren und die heilige Taufe bereits empfangen haben. Während die holde The­tis mir das Sinnbild meiner Waffe, die Mine und Granate, gekreuzt vom heiligen Dreizack, am roten Bande um den ehrfürchtig gebeugten Hals legt, denke ich, wie meine Kameraden von derHam- bura" zurück an unsere Taufe vor zehn Jahren zwischen Borneo und Zelebes!

Die Tribüne ist besetzt, Kommandant und die schon getauften Offiziere haben sich in bunter Reihe un­ter das Gefolge des Herrschers gemischt. Man ruft mit lauter Stimme den ersten Täufling: Unfern wohlbeleibten Stabsarzt! Mit launigen Worten be-

Ein Wechnachisbäumchen fingerhoch.

Don Wilhelm Schmidtbonn.

Nie werde ich vergessen ein kleines Erlebnis, das ich an einem Weihnachtsabend in Berlin hatte, vor vielen Jahren, es gab noch nicht einmal Autos. Ich befand mich allein auf meinem Zimmer, lachte über die Sentimentalität, hie an diesem Abend die Menschen ergriff und zusammentrieb. Meine Stu­dienkameraden waren nach Hause gereist, ich war in Berlin geblieben. Aber fast heimlich vor mir selbst sah ich dann doch nach den Lichterbäumen hinter einzelnen Fenstern der anderen Straßen­seite. Und endlich mußte ich mit Zaubergewalt auf die Straße hinaus, um wenigstens unter Menschen zu fein. Da würde es ja noch viele geben, die einsam wie ich herumgingen und einander mit ver­steckten Augen die Sehnsucht vorn Gesicht ablasen.

Es hatte mehrere Grad Kälte, keinen Schnee, aber ein schneidender Wind bewegte die hängenden Firmenschilder. Sehr wenige Menschen gingen da, es war 9 Uhr abends, und es gab fast mehr Ver­käufer und Verkäuferinnen: von kleinen Zehn- pfennig-Weihnachtsgefchenken, die an den Häuser­reihen ausgestellt waren, als vorbeipafsierende Fuß­gänger. Noch um diese Stunde hatten sie die Hoff­nung nicht aufgegeben, etwas zu verkaufen. Sie stampften mit den Füßen, bliesen in die Hände, es waren Greise darunter, abgehärmte Frauen. Sie traten manchmal in einen Hausflur, um vor dem Eiswind Schutz zu finden, aber nicht lange, nur eine halbe Minute, damit ihnen nur ja kein Geschäft entwische.

Fast alle redeten mich an, sie riefen mir schon von weitem zu, sie riefen noch hinter mir her. Ich war verwundert, sie nicht einmal verbittert zu finden, sondern diese Menschen waren so bemütig gewor­den von ihrem armen Leben, daß sie sogar, hier auf der Straße, um 9 Uhr abends, im Frost, mit allergeringster Aussicht auf Verdienst, von einer Art innerer Weihnachtsfreude erfüllt waren und das war das Ergreifendste.

Line sehr dicke Frau stand da, das heißt, sie hatte wohl nur so viele Röcke übergezogen wegen der Kälte, denn ihr Gesicht, das oben aus einem blauen Wollkragen heraussah (ich weiß die Farbe noch), war klein und mager. Sie hatte Unkosten gewagt, um den Geschäftsgang zu beschleunigen, und ein künstliches Weihnachtsbäumchen, fingerhoch, aus grüngestrichenem Blech, vor sich hingestellt, das sechs winzige, brennende Kerzen trug. Damals waren die Straßen im Verhältnis zu heute dunkel, darum

wirkte das brennende Bäumchen schon von weitem wie ein kleines Wunder.

Ich stand davor, um es anzusehen, in einem un­vermutet hochkommenden Kindheitsgefühl. Ich lächelte spöttisch, um mein wahres Gefühl zu ver­bergen. Natürlich wollte ich nur einen Augenblick stehen bleiben, aber die Frau redete mir so leben­dig zu einem Ankauf zu, nicht etwa heftig, flehend, klagend, anklagend, sondern vielmehr in einer so witzigen Gesprächigkeit, daß ich länger halt machte und , mich auf eine kleine Unterhaltung einließ, dabei allen Ernstes, magisch hingezogen, einen An­kauf erwog nicht daß der Preis von zwei Gro­schen mir Bedenken gemacht hätte, sondern nur die Lächerlichkeit des Kaufes. Doch ich sah mich schon (und das Herz wurde mir seltsam warm) in mei­nem Zimmer sitzen, das brennende Bäumchen auf dem Tisch vor mir.

Da bewegte sich der Rock der Frau wie von einem unvermuteten Windstoß, und zu meinem Entsetzen kroch unter dem Rock ein Kind h-mvor. Es war warm angezogen mit Schal und Wollmütze, war aber doch der Kälte wegen unter den natürlichen Wärmespender, den Rock der Mutter, geflüchtet. Es kam nur mit Gesicht, Schultern und Aermchen her­vor, sah mit einem schnellen Lachen zu mir auf, verschlagen und verträumt zugleich, betrachtete wie ich selbst einen Augenblick das Wunder des bren­nenden Bäumchens, griff bann, die Gesprächigkeit der Mutter benutzend, schnell nach einem solchen Bäumchen von ben drei Dutzend, bie etwa dastan- den, zog es geschwind unter den Rock und ver­schwand selbst wieder darunter.

Der Atem stand mir still, angesichts dieses Elends, das nur um so mehr anpackte, als es ohne Klage war. Ich überlegte schon, alle Bäumchen mit ein­mal zu kaufen, und wieder war es weniger der geringe Betrag, der dafür auszuwmden gewesen wäre, als die Furcht vor Selbstspott, derartig lächerliche Dinge zu tun.

Ich kaufte also der Frau nur ein einziges Bäum­chen ab und zahlte es ihr gut. Sie gab es mir sorgfältig wie einen wertvollen Gegenstand in bie Hand, nachdem sie noch einmal mit den verfrorenen Fingern die Festigkeit der winzigen Kerzen versucht hatte. Sie bedauerte dabei, daß sie kein Papier habe zum Einhüllen, aber es sei sogar besser mit dem unverhüllten Bäumchen zu gehen, damit die Ker­zen nicht abbrächen. Wir wünschten uns beide fröh­liche Weihnachten, als hätten wir zuhause wer weiß was für einen Geschenktisch zu erwarten, und ich ging.

Aber nach drei Schritten kehrte ich zurück, um noch eine Schachtel Streichhölzer zu kaufen.

Im selben Augenblick fängt die Frau unter dem

Rock zu brennen an. Jrn nächsten Augenblick klet­terte die Flamme an einer Stelle schon zu ihren Knien hoch.

Ich stehe angewurzelt, habe das schnelle Gefühl, die Frau mache sich selbst zu einem brennenden Weihnachtsbaum, mir zur Freude ober zu Ge­schäftszwecken bei dem ungewöhnlich schlagferti­gen Witz, den sie bisher gezeigt hatte, war das in der fiebrig spukhaften Stimmung dieses einsamen Abends eine fast nicht einmal verwunderliche An­nahme.

Aber schon hob bie Frau mit einem Tierschrei ihre Röcke hoch, zog das Kind hervor, schleuderte es mit einer lächerlich blitzschnellen Geschwindigkeit fort, daß es mehrere Meter über die Straße glitt wie auf einer Eisbahn, und schlug dann erst die Flammen unter sich aus. In Zeit einer Sekunde geschah bas alles.

Das Kind, im Gleiten, hatte noch ein brennenbes Bäumchen in ber Hand behalten, sah erschreckt, ver­wundert und auch wieder ein wenig lachend zur Mutter hoch, aus der es beinahe einen lebendigen Weihnachtsbaum gemacht hätte. Und während ich die Frau umdrehte und ihr von allen Seiten ben verbrannten und hie und da noch glühenden Saum abriß, mußten wir beide Erwachsenen auch schon mit dem Kinde lachen und nach seinem Bäumchen Hinsehen.

Ein Kind, frierend, hatte sich in feiner kleinen, warmen, dunklen Welt unter dem Rock der Mutter sein eigenes kleines Weihnachtsfest aerichtet, das nur einen Augenblick dauern konnte. Aber vielleicht hatte es in diesem Augenblick mehr Wunderglanz erlebt als taufend glücklichere Kinder der Stadt.

Die Weihnachtskrippe aus Rothenburg.

In allen christlichen Ländern wird Weihnachten gefeiert, aber in jedem anders. Kein anderes Fest ist so stark durch die besondere Ueberlieferung der einzelnen Völker geprägt worden wie gerade das Weihnachtsfest. Wir glauben, daß kein Volk das Weihnachtsgeschehen so tief und innig gestaltet hat wie wir Deutschen mit brennendem Lichterbaum und mit der Weihnachtskrippe, deren älteste Dar­stellungen ins Mittelalter zurückreichen. Wie eine deutsche Weihnachtskrippe auch amerikanischen Kin­dern zum ersten Male das Ereignis der Christ- geburt wahrhaft lebendig gemacht hat. erzählt Reclams Universum" nach den Erlebnissen ber Amerikanerin Frau Helen Perry Curtis. Diese hatte lange nach etwas gesucht, um ihren Töchtern ben Sinn bes Weihnachtsfestes nahezubringen. Auf einer Guropareife entbeckten sie unb ihr Mann in Rothenburg ob ber Tauber zufällig eine Weih­

nachtskrippe einer jungen norbdeutfchen Bildhaue- rin, die in Rothenburg wohnte. Don dieser Krippe war das Ehepaar so ergriffen, daß sie sie sofort kauften.

Wir baten", so schreibt die amerikanische Mutter, die Figuren so abzusenden, daß sie einen Monat vor dem Feste bei uns einträfen. Nie werde ich die Aufregung vergessen, mit der ich' die Sendung öffnete, ich fürchtete, daß die Krippe, losgelöst von^ ber Rothenburger Umgebung, ihren größten Reiz verloren haben könnte. Aber merkwürdig, da ftanb sie nun immer noch ganz so munberbar unb lieb­lich in unserer mobernen, ach so prosaischen Wohnung.

Vor einem Stück alten Brokates bürsten bie Kinder nun mit uns die Krippe aufbauen. Vom ersten Augenblick an war bie Krippe ganz ihr Eigentum, unb jebes Jahr ist es ein Fest, und mit Jubelrufen wird jede Figur begrüßt, menns um die Weihnachtszeit erneut an die Aufstellung ber Krippe geht. Die Freude ist immer die alte, obgleich nun an bie sechs Jahre vergangen finb, daß diese Krippe ihren Einzug bei uns hielt. Jedes Jahr wird ein anderer Schauplatz gewählt, zum Hinter­grund etwas anderes erfunden und Beiwerk dazu angefertigt. Anfangs hatten wir die Heiligen Drei Könige nicht mit ausgewählt und erst voriges Jahr uns entschlossen, diese noch anzuscha fen, und welch ein Wunder! Nach ihrer langen Rei e von Deutsch­land über ben Ozean waren sie grabe am Heiligen Adenb bei uns angelangt, mitten in einem Weih­nachtsliebe.

Das erste Weihnachten mit dieser Krippe wurde so ganz anders als jedes, das wir bisher gefeiert hatten. Schon tagelang wollten bie Kinber innrer unb immer roieber bie Weihnachtsgeschichte erzählt haben, streichelten babei andächtig die kleinen Figuren, ja sprachen mit ihnen vertraut. Ich weiß noch, wie ich eines Morgens ein Flüstern aus dem Wohnzimmer vernahm, und als ich durch die Tür­spalte sah, erblickte ich meine siebenjährige Tochter, bie in einem großen Lehnstuhl vor ber Krippe kauerte unb mit dem kleinen Jesuskinde sprach, als wäre es ihr vertrautester Freund. In der Advents- zeit zünbeten bie Kinder jeden Abend eine kleine Kerze neben ber Krippe an, bazu sangen sie bann ein Weihnachtslieb, unb bas war ihre Äbendandacht.

Es würben auch bie Nachbarskinder eingelaben, sie fangen zusammen Weihnachtslieber; und immer dämpften bie Kinber ihre Stimmen, sie waren in einer liebevollen Anbacht, ohne eine Ermahnung! von unserer Seite, keine Spur von Sentimentalität war babei, es war einfach ber tiefe öinbrurf dieser sichtbaren Darstellung der alten Weihnachtsmär, die die Kinder bannte..c. K.