Ausgabe 
24.12.1936
 
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Nr. 50| Zweites Blatt Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen) Donnerstag, 24.Dezember 1956

Die Bewegung -es 20. Jahrhunderts. Don unserem römischen E-Korrespondenten.

Es ist eine umstrittene Frage, ob es alte und junge Völker gibt, wenn man darunter er­wachende oder aufsteigende und absinkende oder sterbende versteht. Bei einer solchen Betrachtungs­weise verliert man sich leicht ins Geologische, rechnet unbewußt und unklar mit Lagerschichten und Zeit­altern, als gehöre auch der Mensch zu Mineralien und Fossilien. Der Naturphilosoph wird hier über­haupt keinals ob" gelten lassen, sondern einfach entschieden bejahen. Wir wollen aber nicht die Gattung Homo biologisch ins Auge fassen, sondern das, was man gemeinhin unter Volk versteht.

Dann nähern wir uns der geschichtlichen An­schauung und damit Oswald Spengler, der heute mit einiger Augenfälligkeit behaupten könnte, er habe also mit seiner Prophezeiung von der Wiederkehr eines cäsarischen Zeit­alters Recht behalten: Mussolini! Hitler! Atatürk! Gäbe es nun in diesen drei Völkern nicht noch denkende Kräfte, wären wir zeitlich schon so weit abgerückt, daß wir die Tatsachen nicht mehr nach eigenem Erleben, sondern nach rückschauenden Ueber- lieferungen zusammenstellen müßten, oder wären wir lediglich auf die Meinung der anderen ange­wiesen, der Gegner, so würde dieser vermeintliche Cäsarismus tatsächlich bald gedruckte Geschichte werden (wie etwa, um ein Beispiel zu nehmen, die germanische Geschichte der Römerzeit einseitig durch den Feind überliefert und doch bis in unsere Tage hinein von den Deutschen selbst als richtig hin­genommen worden ist). Man würde als Beweis anführen, daß jene Männer Alleinherrscher, Diktatoren, Cäsaren, wie man will noch weit mehr Macht hatten als die römischen Kaiser, und die erstaunte Frage unserer Enkel, wieso sich das aufgeklärte Völker gefallen ließen, mit einem Achsel­zucken abtun.

Wir Lebenden wissen, daß und inwiefern es anders ist. Wir haben das Glück, das Entstehen, die Bildung der gewaltigsten Geschichte seit der Völkerwanderung und der Reformation Tag für Tag beobachten, zu können, wir erleben den Ti­tanenkampf zweier Weltanschauungen, wir stehen mitten im Geschehen. Da sieht alles anders aus als auf der Schulbank. Wir merken, wo die Speng- lerfche vergleichende Geschichtsphilosophie ihre Risse und Brüche hat, wir sehen, daß selbst das Dogma von den aktiven und passiven Völkern nicht stimmt. Die Türkei war uns immer derkranke Mann", China der Inbegriff einer erstarrten, tatenlosen Na­tion, die Schweizer schienen uns derart befriedet, daß sogar der Ausdruck Verschweizerung für das gesättigte, in Selbstzufriedenheit erlahmte, keine Be­wegung mebr wünschende Volkstum aufkommen konnte, und Spanien ist das Musterbeispiel für ein altes, absterbendes und langsam verfaulendes Volk gewesen. Mit einem Schlag aber stand es im vordersten Graben und der Alkazar von Toledo hat die ganze Verlogenheit der Operettencarmen er­wiesen.

Ist England wirklich verkalkt, Frankreich rück­ständig, Indien in sinnlosem Fakirschlaf versunken? Nein, der Schein trügt, es gibt vielleicht ruhende Völker, wie es latente Dolkskräfte gibt, aber kein Vulkan darf als erloschen betrachtet werden, so­lange er nur untätig ist. Was hat man nicht über das Vorkriegsitalien gesvöttelt und plötzlich greift es zum Liktorenbündel Hoheitszeichen; wie tief darnieder lag Deutschland und im Verlauf weniger Jahre konnte es ein schlichter Volksführer kraft eines unerschütterlichen Glaubens an das unsterbliche Volkstum wieder unter die Großmächte einreihen!

Gewalten, die ungeachtet aller vorausgegangenen Revolutionen noch niemand vor zwanzig Jahren ahnen konnte, erschüttern gegenwärtig Europa, alles ist in Bewegung geraten, nichts steht mehr

fest. Es flutet in den Köpfen der Menschen und zuckt in ihren Beinen. Schwache gleiten ab und dahin wie Treibholz, wozu Widerstand, denken sie, es kommt ja doch alles, wie es kommt. Andere wer­fen sich den entfesselten Elemente entgegen, suchen einzudämmen, Richtung zu geben. Viele glauben sich zum Führer berufen, wenige sind auserwählt. Gottlob, daß es noch Führer gibt! Wunderbar aber, eine göttliche Fügung, daß es so wenige sind. Viele wären ein liebel.

Dank ihrer Zügelführung haben fast alle von der großen Flut ergriffenen Völker schon eine klare Blickrichtung gewonnen: es zeichnen sich für jeden, der sehen will, scharf genug zwei Sturmrich­tungen ab, die niederreißende und die aufbauende, die bolschewistisch ins Maßlose greifende und die planmäßig auf die Volksrettung beschränkte, wobei uns die Trachtenunterschiede zwischen Faschismus und Nationalsozialismus nicht stören sollen. Nur Unvernunft kann einen Unterschied machen zwischen gemäßigtem und radikalem Nationalsozialismus; der Faschismus, der sich bei der Beseitigung der Par­teien weit mehr Zeit ließ, zeigt ebenso deutlich wie

der Bolschewismus, daß sich für die heutigen Glau­bensbewegungen jeder Kompromißgeist verbietet. Entweder oder. Dafür oder dagegen. Kleine kosmetische Verschönerungen, wie sie der eine oder der andere für tunlich oderunbedingt nötig" hält, kann sich ein Völkersturm nicht gestatten.

In dem Augenblick, wo diese Erkenntnis Allge­meingut wird, müssen auch die letzten Hemmungen und Vorbehalte, wie sie zwischen Deutschland und Italien noch vor zwei Jahren zielhindernd auf­traten, fallen, die geistesverwandten Strömungen vereinigen sich ohne Rücksicht auf die Grenzpfäyle, der Durchbruch der neuen Kräfte scheidet Wasser von Land, Bolschewismus und Nationalismus. Es ist der Atem der Reformation, der heute durch die Völker weht und jeden einzelnen zu einem Gewis­sensexamen zwingt aber wohlverstanden nicht für sein persönliches Seelenheil, sondern in Ansehung des Volksganzen. Man muß über feinen Haus­altar Hinausfühler können, das ist das Neue an unserer Zeit. Es muß so weit kommen, daß auch der Außenseiter sich sagt: Ich persönlich würde mich ja unter einem liberalen Regime wohler fühlen,

meine Geschäftsinteressen lägen eigentlich auf einer anderen Ebene, aber das Volk geht vor, höher steht die Nation, ich folge freudig dem Führer!

Und dieser Geist greift um sich, das ist das Ge­heimnis des Erfolges der neuen Weltanschauung. Er hat im Saargebiet gesiegt, er setzte sich an den neuerungsabholden deutschen Stammtisch, er hat den profitlichen italienischen Händler überwältigt und dringt sogar durch die Schlüssellöcher des spa­nischen Alkoven, in den zerflatternden Harem des Orients. Nicht von sinnlosen, zufälligen Naturge­walten wird Europa geschüttelt, es befindet sich vielmehr in einer Erneuerungskrisis, die jeder gesunde Organismus überwinden wird. Deutschland und Italien haben die gefährliche Wende schon hinter sich, fühlen beglückt die neue Kraft in ihren Adern. Spanien wird sich ebenfalls durch- ringen und auch in den sogenannten demokratischen Westmächten, England und Frankreich, die konser­vativ sein wollen, pocht der wahre Geist von Europa schon an die Pforten. Verhaften läßt er sich nicht, nicht einmal abweisen, man wird ihn also wohl oder übel hereinlassen müssen.

Weihnachten in alter Wett.

Was unsere ständigen Berichterstatter davon erzählen.

(Nachdruck verboten, auch mit Quellenangabe.)

WeihliachMlsion in Oesterreich

Dr. G. A., Wien.

Weihnacht ist der Tag der Besinnung auf das, was man liebt; ob es uns mit lebendigem Atem umgibt oder ob es gewesen und dennoch unver­gessen jetzt in der kalten Wintererde friert. Und als sichtbarer Ausdruck wehmütig-süßen Erinnerns bren­nen an manchem Grab die Heiligabend-Kerzen im Tannengrün.

Ich weiß ein Grab von zwei Menschen, die arm gelebt und arm gestorben, uns alle so reich gemacht haben. Das Grab, das ich meine, liegt in dem Land, das sich zwischen Böhmerwald und der Donau erstreckt. Ward der Boden von dem Blut, das er getrunken hat, so schwer und fruchtbar? Ist es nicht, als ballten sich die Dezembernebel, die wie ein milchiger Brei über die Hügel kriechen, zu phan­tastischen Gestalten? Die Adlerfeder am schwarzen Barett, die Hand am kurzen Stoßdegen, steht nicht so Oesterreichs Florian Geyer auf, der christliche Gcneralobrist Stefan Fahdinger und sind dort nicht seine kaiserlichen Widerparte, der Pappenheim und der finstere Herbersdorf, den Becher schüttelnd zum großen Würfelspiel unter der Haushamer-Linde zu Frankenburg?

Ja, solche große Gestalten geistern um den klei­nen Ort, zu dem wir heute in Gedanken wandern wollen. Da ganz in seiner Nähe war es, wo sie an­einandergerieten, die deutschen Bauern, groß im Glauben an Gott und ihr Volk und die kaiserlichen Soldaten aus Kroatien, Welschland und Böhmen. Hier war es, daß ihrer Tausende in einem Taumel von Mut und Besessenheit ihr Leben einer Idee opferten, daß selbst der strenge Pappenheim seinen Degen in Ehrfurcht senkte und seinem kaiserlichen Herrn die Zeilen schrieb:Es war ein wunderbares Fechten, fein Bauer warf die Waffe meg". Ja, das ist ein Land, wo die Ideen erst sterben, wenn die Ceibtr und Hirne der Menschen, die sie bargen, auf die Walstatt sinken. Das ist ein starkes Land, im Glauben stark und stark im Mut, ihn zu ver­fechten.

Die Schatten der Heiligen Nacht sind völlig her­abgesunken. Wir wollen dem Küster folgen, der seine Schritte jetzt aus der kleinen Dorfgasse zum Friedhof lenkt, über den sich wie die knöchernen Finger des Sensenmanns dürr die Aeste der Ulmen strecken, lieber die gezinkte Brüstung seiner Mauern

streicht ein leiser Wind wie durch Aeolsharfen. Er singt ein Lied von der Geschlechter ewigen Ruhe, er final davon ein Lied, wie erst hundert starke, harte Ahnen leiden, kämpfen und hinsinken müssen, ehe einer unter ihnen aufsteigt und sich übermächtig lösend aus dem Verhaft von Sippe, Landschaft und Stamm zum Titan wird seines ganzen Volkes, der Welt.

Der Küster drückt die Klinke der eisernen Fried­hofstüre auf, die hartgefrorenen Schollen knirschen unter den Tritten. Mit dem Wachslicht entzündet er an einem Grab die Lichter eines Weihnachts­baumes, den fürsorgliche Hände dort aufgestellt haben. Der Kerzenschein übergoldet den Namens­zug: Alois und Klara Hitler.

Die Glocken von Leonding aber läuten die Weih­nacht ein.

Julfest im Aorden.

B.- Kopenhagen.

Das Eigentümliche an der Art, in der die Schwe­den ihrJulfest" feiern, liegt vor allem darin, daß die schwedischen Weihnachten sozusagen im Sommer beginnen. Wird schon eine kleine Familienfeier in Schweden mit einem Höchstaufwand an Mitteln be­gangen, so müssen natürlich für Weihnachten beson­dere Vorbereitungen getroffen werden. Monate vor­her werden alle Einzelheiten besprochen und be­stimmt, und dabei ist die Zusammensetzung der um­fangreichen Tafel ebenso wichtig wie die Auswahl der Geschenke und die Herrichtung des Tannen­baums, für den nur die schönsten Exemplare des schwedischen Baumreichtums gut genug sind.

Je weiter man in Skandinavien nach Norden kommt, desto stärker offenbart sich die Verknüpfung des Weihnachtsfestes mit den alten heidnischen Be­griffen. In vielen Gegenden Schwedens heißt Weih­nachten noch heuteMittwinterfest" im Gegensatz zum Mittsommerfest, und diese beiden Abschnitte des Jahres sind immer noch für den Schweden die Hauptfeiertage. Als Auftakt für die Weihnachtszeit wird im ganzen Land der 13. Dezember, der Lucia- Tag gefeiert, an dem eine junge Schwedin als Lucia gefrönt und geschmückt, Stadt und Dorf in Besitz nimmt. Es ist tatsächlich so, daß in vielen schwedischen Familien das ganze Jahr hindurch für Weihnachten gespart wird. Diese Konzentration auf dasMittwinterfest" bringt es ganz natürlich mit sich, daß schon die Tage vorher mit festlicher Atmo­sphäre gefüllt sind, und daß in den Weihnachts­

tagen selbst alles Tun und Denfen aufJul" abge­stellt ist.

Während in den Städten die Feiertage manchmal mit etwas karnevalsmäßiger Lustigkeit begangen werden, ist das Weihnachtsfest auf dem Lande, auf dem riesenhaft ausgebreiteten schwedischen Lande von einer tiefen Innerlichkeit erfüllt, die durch die Einsamkeit der verschneiten Landschaft unterstrichen wird. In tiefer Nacht brechen die Bauern auf, um mit ihren Schlitten in die oft weitabgelegenen Kir­chen zu fahren, deren Weihnachtsgottesdienste um Die/ Uhr früh beginnen. Ihre Fahrt führt sie durch eine Gasse brennender Kerzen, denn jedes Haus stellt in der Heiligen Nacht Lichte in die Fenster, damit die Kirchgänger den Weg besser finden kön­nen.

Stockholm, die Hauptstadt ist an den Weihnachts­feiertagen wie ausgestorben. Das Fest ist eine Fa­milienfeier, und wie auch in Norwegen, bringt man am liebsten die Festtage im engsten Kreise der Fa­milie zu.

Von dieser Sitte weicht vollkommen der Kopen­hagener ab, für den der1 erste Feiertag die große Gelegenheit ist, Freunde und Nachbarn und Ver­wandte aufzusuchen und ausgedehntenKaffee­klatsch" zu halten. Frau Hansen verfällt in Ent­zücken über den Pelz, den Frau Nielsen vom Gat­ten bekommen hat, während die Kinderchen gemein­sam erproben, ob die neuen Spielsachen auchhart im Nehmen sind". Im übrigen verstehen es die Dä­nen, ihre Häuser und Plätze in der reizendsten Weise für Weihnachten herzurichten. Mit dem spie­lerischen Trieb, der den Kopenhagener auszeichnet, schmückt er feine Stadt Phantasie- und geschmack­voll aus, über die Hauptstraßen ziehen sich Girlan­den aus silbrigen Glocken und blitzenden Sternen, und es gibt fast keinen Laden, der nicht feine Wa­ren mit einem weihnachtlichen Schimmer verklärt hat.

Natürlich spielen in allen nordischen Ländern Essen und Trinken an den Weihnachtstagen eine besondere Rolle. Gans- und Schweinebraten zieren die Tafel, und die meist beschäftigten Leute in Ko­penhagen sind in dieser Zeit die Bäcker, weil sie sich nicht nur um Kuchen und Torten bemühen, sondern auch den Weihnachtsbraten Herstellen müssen. Merkwürdigerweise hat sich in Kopenhagen die

Gute Möbel bei Koos

Giessen Schulstn 6

Das Naumenluischerchen.

Eine Weihnachisgeschichie oon Helene Christaller

Das Herz des Menschen fühlt ein Recht in sich zur Freude. Nie wird einem das bewußter als zur Weihnachtszeit, wenn aus ferner Kinderzeit her der Tannenbaum glänzt und man sich an die über­strömende Freude erinnert, die das Herz über­wältigte. Nie wieder kann der alte Mensch sich so freuen, wie es das Kind getan t)at, und doch sehnt man sich nach diesem Augenblick, wo die Seele wie getragen war von goldenen Lichtwogen.

Gern kehrt man dann wenigstens in der Erinne­rung zurück, und da leuchtet mir ein fernes Weih­nachten in hellem Glanz. Ich war wohl achtjährig, jedenfalls ging ich schon zur Schule. Wir feierten stets das Fest in der Familie, unverheiratete Tan­ten, die man damals alte Jungfern nannte, fanden an diesem Abend Heimatrecht und warme Freund­lichkeit, verdorrte Junggesellen wärmten sich die Herzen an fremdem Kinderglück.

Und nun muß ich eine etwas beschämende Beichte vorausschicken. Ich war als Kind ein Daumen- lutscherchen. Sobald ich abends müde wurde wupp war das Däumchen im Mund, das davon ganz dünn und blaß war. Alles Necken, Verspotten und Ermahnen half nicht. Selbst die Drohung, die Daumen abzuschneiden, wie man es dem Konrad aus demStruwwelpeter" getan, blieb fruchtlos. Mit dem Instinkt eines Naturtriebs und gegen meinen Willen fing ich an zu lutschen, wenn Mü­digkeit oder Langweile mich überkam.

Es war sechs Wochen vor Weihnachten, ich hatte im Großelternhaus den selbstgeschriebenen Wunsch­zettel abgegeben, wo zu oberft stand:Ein Glieder- püpchen mit blonden Loggen." Damals nämlich waren die Gliederpuppen letzte Neuheit; ich kannte nur die Puppen mit Stoffleib.

Ja", sagte die älteste der Tanten,ein Glieder­püppchen ist etwas sehr Schönes-; aber das gehr nicht zu einer Mama, die noch lutscht."

Traurig senkte ich die Augen, ich fühlte mich wie eine Frau, der der Arzt Kinderlosigkeit voraus­sagt.

Mein Kummer rührte der Tante Herz.Es könnte ja aber sein", sagte sie bedächtig,daß du dir das Lutschen abgewöhnst? Für so ein großes Mädchen ist es doch eine Schande." Sie hob mir dabei das Kinn hoch und sah mir liebevoll überredend in die Augen.

Da fuhr etwas Stählernes in mein Herz. Mein Wille erhob sich zum erstenmal zu vollem Bewußt­sein. der Geist siegte über den Trieb.Don hcure ab lutsche ich nicht mehr", sagte ich fest.

Und ich hielt das Versprechen. Der erste Abend im Bett war der schwerste. Ich wickelte den Strumpf um die Hand und legte mich fest mit dem Rücken drauf.

Du brauchst dir's ja nicht auf einmal abzuge­wöhnen", lockte der Trieb.Heute ein bißchen und morgen ein bißchen, dann hört es von selbst auf."

Nein", sagte der Geist,ich habe es versprochen."

Der Schlaf wollte nicht kommen. Ich wußte, den Daumen in den Mund, und ich schlief in fünf Minuten. Aber ich blieb fest. Im Geist lächelte mich mein blondes Gliederpuppenkind an und schließ­lich schlief ich doch ein.

Nach acht Tagen dachte ich gar nicht mehr daran zu lutschen, die Kindergewohnheit war vollständig versackt, und ich konnte nicht mehr begreifen, daß ich es je getan und nicht lassen gekonnt hatte. Ich hatte aber mit diesem eigenen Entschluß den ersten schweren Schritt auf dem Wege zur Selbsterziehung getan, und es hat sich mir kein anderer so tief ein­geprägt wie dieser, denn mit ihm hatte ich be­gonnen, ein Mensch und ein Charakter zu werden.

Nun war also der . Weihnachtsabend da; ich schwebte zwischen Hoffen und Bangen. Wohl hatte ich mein Versprechen gehalten, aber ich fyatte kein bindendes Wort vom Christkind, daß nun zur Be­lohnung auch wirklich mein heißer Wunsch Erfül­lung finde. Die Tante hatte sich in zurückhaltendes Schweigen gehüllt, als ich einmal antippte, und das kam mir ziemlich hoffnungslos vor, denn ich kam in meiner Kinderharmlosigkeit nicht darauf, daß sie sich absichtlich verstellte.

Wir saßen im Wohnzimmer, ich hatte ein weißes Schürzchen an und mein kleines Brüderchen sonn­tägliche Stiefel mit hohen Lackschäften. Die Tanten unterhielten sich vom Makronenbacken und daß man die Mandeln ein wenig mit Grieß strecken könne, man merke es gar nicht. Einer von den Hausfreun­den, der ein lyrischer Dichter war, aber von seinen Renten lebte, hatte das Fenster geöffnet, so daß man das feierliche Geläut der Stadtkirche hören konnte und das Blasen vom Turm. In das Geläut hinein scholl ein Silberglöckchen, die Türe zum Weih­nachtszimmer sprang auf, Lichtströme fluteten uns entgegen.

Meine Augen suchten nach der Puppe. Nichts zu sehen. Ein buntes Sonntaqskleidchen lag auf dem Tisch, ein weißer Pelzmuff, ein Bilderbuch. Wäh­rend des Gesanges durchforschte ich von ferne alles. Auch ein brauner Holzkasten, wie ein Köfferchen anzusehen, stand zwischen bunten Stiften und einem Pack Schulheften.

Das Lied war zu Ende. Langsam trat ich an meinen Tisch und suchte tapfer die Enttäuschung zu verbergen. Da sah ich auf dem braunen Holz-

I kästen einen Zettel liegen, da drauf stand geschrie- I ben:Meine Mama lutscht nicht mehr." Ich wagte nicht zu verstehen und drehte mit zitternden Händen den Schlüssel. Die ganze Familie stand plötzlich um mich her. Der Deckel fiel zurück und da lag es, das heiß ersehnte Puppenkind und war noch tausendmal schöner als meine Phantasie es sich ausgedacht hatte. Und bei ihm lagen Kleidchen und Mäntelchen, Wäsche und Schürzen, eine ganze Puppenausstat­tung.

Ich brachte kein Wort hervor. Das spitze kleine Vogelgesicht der Tante lächelte, und sie hatte feuchte Augen, als sie meine stumme Seligkeit sah.

So, so", sagte der Großvater, ein hagerer stren­ger Mann, und las den Zettel.Wer hat es dir denn abgewöhnt?"

Ich selber", sagte ich leise.

Und das blonde Helenchen", meinte die Tante und deutete auf die Puppe.

Ja, unsere Kinder erziehen uns", sagte der Großvater und strich mir mit karger Gebärde über die Haare, für mich ein ungeheurer Beweis seines Wohlwollens.So wird man ein Charakter."

Wie es dann weiter am Abend ging, weiß ich nicht mehr. Vermutlich mußte sich das arme Pup- penhelenchen zwanzigmal an- und ausziehen lassen, vermutlich aßen wir so viel von dem festlichen Essen, bis wir nicht mehr konnten und mußten mit Widerspruch zu Bett gebracht werden. Mein Erin­nern setzt erst wieder ein, als es dunkle Nacht um mich war. Der Vater schnarchte ein bißchen, Brü­derchen lag im Nachbarbett auf dem Bauch und umklammerte mit dicken Händen eine Messingtrom­pete. Das Oelschwimmerchen des Nachtlichts, auf dem ein knisterndes Flämmchen tanzte, erhellte spärlich den großen Raum.

Da dachte ich an mein Püppchen, und mein Herz brannte von Liebe und Freude. Ich konnte nicht mehr schlafen, Sehnsucht zog mich zu meinem Kind. Leise kletterte ich aus dem Gitterbett und tastete mich durch das Nebenzimmer in die Weihnachts­stube. Hier war es nicht ganz dunkel, eine Straßen­laterne warf ihr Licht durchs Fenster. Es roch nach Tannenbaum und süßem Backwerk. Dann sah ich das Püppchen, es saß mitten unter seinen Kleidern und blickte mich mit offenen Augen an.

Kannst du auch vor Freude nicht schlafen, Helen­chen?" flüsterte ich und drückte das kalte Körper­chen an die warme Brust. Barfuß und im Hemdchen stand ich unter all der Weihnachtsherrlichkeit und fühlte das Glück des Mutterseins in unaussprech­licher Seligkeit, die fast weh tat.

Liebes, Kleines", stammelte ich und schmiegte I mein Gesicht an die Puppe. Ihre Locken kitzelten |

mich. Ich lachte leise, dann schlich ich mich mit der Puppe im Arm ins Bett zurück.

So war ich in wenigen Wochen ein Charakter (worunter ich mir aber gar nichts vorstellen konnte) und eine Mutter geworden. Und deshalb leuchtet der Glanz dieses Weihnachtsabends bis in mein kommendes Alter herüber und die Weihnachtsfreude dieses fernen Tages ist der Maßstab für alles Weihnachtsglück geblieben. Ach ein Maßstab, der spätere Freude oft zu kurz fand. Denn hinter Kinderseligkeit und ihrem Weihnachtsbaum glänzte noch ein geheimnisvolles, strahlend helles Leuchten, das aus schmalen Spalten brach und von dem Licht hinter den Dingen verriet. Wie aber ist der Mensch vom Licht der Erde gesättigt, der von dem verborgenen Licht dahinter weiß.

Oie Christrose in Sage und Dichtung.

Die Christrose, die mit ihrem botanischen Namen weniger poetisch Nieswurz und auf lateinisch Helleborus niger heißt, ist unsere frühest blühende Blume. Auf ihrem natürlichen Standort, in lichten, sonnigen Alpentälern und -wäldern, beginnt sie im allgemeinen im Februar zu blühen, doch erscheinen einzelne Blüten auch schon im Dezember und Januar. Manche Gartensorten blühen sogar noch etwas früher, und man kann bei dieser Blume buchstäblich den Anblick von frischen Blüten mitten im Schnee haben. Diese seltene Eigenschaft hat der Blume den Namen Christrose eingetragen und hat sie von Dichtung und Sage umgeben lassen. So berichtet die Sage von der Gründung der Stadt Hildesheim an einer Stelle, wo Rosen im Schnee erblühten, zahlreiche Legenden erzählen von Rosen, die in der Christnacht aufblühen, so zum Beispiel die Rose von Marienstein im Elsaß.

Der kräuterkundige Brunfels, einer der deutschen Väter der Botanik", sagt im Jahre 1530:Die Pflanze wird Christwurz genannt, darumb, das sein Blum, die gantz gryen ist, uff die Christnacht sich uffthut und blüet. Welches ich auch selbst wahrge­nommen und gesehn, mag für ein gejpötte haben, wer da will." Im Volksglauben gilt die Christrose auch als ein Heilmittel gegen allerlei Seuchen, wenn sie in der heiligen Nacht gepflückt wird. Dieweißen gilgen" eines Volksliedes aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts find wahrscheinlich unsere Christ­rosen und nicht weiße Lilien. Auch das Weihnachts­liedEs ist ein Ros entsprungen", das von dem Blümlein mitten im kalten Winter spricht, läßt uns an diese rührend zarte, grünlich-weiße oder rosa­rote Blüte denken, deren Anblick auf frostharter ober schneebedeckter Erde uns ergreift.